1,99 €
In "Die Rückkehr des Sherlock Holmes" präsentiert Arthur Conan Doyle erneut den legendären Detektiv Sherlock Holmes, der nach seinem vermeintlichen Tod in den Reichen des Reichenbachfalls aus dem Schatten zurückkehrt. Diese Sammlung von zwölf Geschichten versetzt den Leser in die nebligen Straßen Londons, wo Holmes, begleitet von seinem treuen Freund Dr. Watson, rätselhafte Verbrechen löst. Doyle nutzt einen prägnanten und spannungsgeladenen Schreibstil, der die Leser fesselt und gleichzeitig tief in die Charaktere und ihre Konflikte eintaucht. Der literarische Kontext dieser Erzählungen spiegelt die Viktorianische Gesellschaft wider und thematisiert die sich wandelnden moralischen Werte und die Kriminalitätsbekämpfung in der modernen Welt des späten 19. Jahrhunderts. Arthur Conan Doyle, ein begeisterter Anhänger der Wissenschaft und des Krimis, hat sein Wissen als Arzt und seine Leidenschaft für das Detektivgenre in die Schaffung dieser Geschichten einfließen lassen. Nach der kritischen Rezeption von "Der Hund von Baskerville" und dem Wunsch, die Popularität des berühmtesten Ermittlers der Literatur weiter zu steigern, wagte Doyle den mutigen Schritt, Holmes wieder auferstehen zu lassen. Durch diese Rückkehr stellt der Autor erneut seine Fähigkeit unter Beweis, Spannung und Intelligenz in seinen Erzählungen zu vereinen. "Die Rückkehr des Sherlock Holmes" ist ein unverzichtbarer Leseerlebnis für Liebhaber von Kriminalromanen und klassische Literatur. Es beleuchtet die Genialität und die menschliche Komplexität eines der bekanntesten Charaktere der Literaturgeschichte. Leser werden in eine Welt voller Intrigen und unerwarteter Wendungen entführt, die sowohl beeindruckende Einblicke in die Ermittlungsarbeit als auch tiefgründige Menschlichkeit zur Schau stellt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Werksammlung versammelt zehn Erzählungen aus Arthur Conan Doyles Zyklus Die Rückkehr des Sherlock Holmes: Im leeren Hause, Der Baumeister von Norwood, Die tanzenden Männchen, Die einsame Radfahrerin, Die Entführung aus der Klosterschule, Der schwarze Peter, Die sechs Napoleonbüsten, Der goldene Klemmer, Der Mord in Abbey Grange und Der zweite Blutflecken. Ziel der Zusammenstellung ist es, zentrale Fälle dieser späten Phase der Holmes-Abenteuer in einem Band verfügbar zu machen. Die Texte zeigen den Detektiv in ausgereifter Meisterschaft und führen zugleich die Qualitäten vor, mit denen Conan Doyle das Genre der Kriminalerzählung weltweit geprägt hat.
Die hier vereinten Geschichten erschienen ursprünglich in periodischer Folge im Strand Magazine in den Jahren 1903 bis 1904 und wurden anschließend in Buchform gebündelt. Der Titel verweist auf eine literarische Rückkehr: Nach einer Pause setzt Conan Doyle den Lebensweg seines Detektivs fort und öffnet ein neues Kapitel seiner Karriere. Die Sammlung markiert somit einen Neubeginn innerhalb des Kanons, der die bekannte Welt von Baker Street erneut belebt und zugleich um zeitgenössische Beobachtungen der frühen zwanzigsten Jahrhunderts erweitert, ohne den Kern der Figuren zu verändern.
Bei den Texten handelt es sich um Kriminalerzählungen der Kurzprosa, nicht um Romane, Dramen oder Essays. Sie folgen dem klassischen Muster der Detektivgeschichte: Ein rätselhaftes Ereignis oder Verbrechen, die methodische Untersuchung und eine schrittweise Erhellung der Zusammenhänge. Als Erzähler fungiert zumeist Dr. John H. Watson, dessen zurückhaltende, genaue Stimme dem Leser Orientierung gibt und zugleich die Aura des Geheimnisses wahrt. Diese Form erlaubt Komposition in konzentrierter Länge: Jede Episode ist in sich geschlossen und entfaltet dennoch ein größeres Bild von Holmes’ Methoden, Londoner Milieus und den sozialen Spannungen der Epoche.
Verbindend ist ein thematischer Bogen, der Rationalität, Beobachtung und kritisches Denken ins Zentrum rückt. Der scheinbar Unerklärliche wird nicht abgetan, sondern geprüft, gewichtet und in eine vernünftige Ordnung gebracht. Täuschung, Maskerade und Aberglaube werden als menschliche Werkzeuge sichtbar, deren Wirkung nur durch genaue Betrachtung gebrochen wird. Ebenso präsent sind Motive sozialer Abhängigkeit, wirtschaftlicher Umbrüche und urbaner Anonymität. Conan Doyle zeigt, wie moderne Kommunikation, Mobilität und Öffentlichkeit Ermittlungen erleichtern und zugleich neue Formen der Verschleierung erzeugen.
Stilistisch zeichnen sich die Erzählungen durch klare, elegante Prosa, ökonomisches Erzählen und sorgfältig ausgewählte Details aus. Das Tempo ist straff, ohne hastig zu wirken; jede Beobachtung erfüllt eine Funktion. Conan Doyle setzt auf anschauliche Schauplätze, knappe Charakterisierung und die kontrollierte Freigabe von Informationen. Die dramaturgische Architektur ist präzise: ein kräftiger Einstieg, ein Mittelteil der Erkundung, schließlich eine Auflösung, die rückblickend die Spuren sinnvoll ordnet. Dabei wahrt der Text die „Fairness“ des Rätsels, ohne das Staunen zu schmälern, und hält die Spannung aus der Reibung zwischen Wissen und Nichtwissen.
Im Mittelpunkt steht die Partnerschaft von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Holmes verkörpert die Methodik der Deduktion, die Kunst der Beobachtung und eine nüchtern-pragmatische Ethik. Watson vermittelt, bewertet und humanisiert diese Brillanz, indem er Zweifel, Mitgefühl und Alltagsmaßstab einbringt. Gemeinsam entstehen nicht nur Ermittlungserfolge, sondern auch ein vertrautes Erzählklima: die Wärme der Baker Street, der Rhythmus gemeinsamer Routinen und die unterschwellige Komik des Gegenschnitts zwischen Holmes’ analytischer Kühle und Watsons bodenständiger Vernunft. Diese doppelte Perspektive stabilisiert das Genre und bindet die Lesenden emotional.
Auch das Verhältnis zu den Institutionen ist charakteristisch. Scotland Yard erscheint als notwendige, jedoch begrenzte Instanz, deren Vertreter gelegentlich unterstützen, gelegentlich irren. Holmes agiert dazwischen: unabhängig, aber nicht antistaatlich; respektvoll gegenüber Regeln, doch den Fakten verpflichtet. Die Fälle führen in bürgerliche Salons, Werkstätten, Hafenkneipen, Vororte und aufs Land. So entsteht ein Atlas der Gesellschaft, in dem Rang, Beruf, Herkunft und Geschlecht nicht nur Hintergründe bilden, sondern Ermittlungsparameter, die Motive, Mittel und Gelegenheiten formen.
Die Vielfalt der Stoffe spiegelt sich in den hier enthaltenen Titeln. Im leeren Hause markiert die Wiederaufnahme der Ermittlungen unter akuter Gefahr. Der Baumeister von Norwood verknüpft ein verschwindendes Leben mit einem Verdacht von schlagender Plausibilität. Die tanzenden Männchen führen ein Codesystem ein, dessen Rätsel den Fall strukturiert. Die einsame Radfahrerin entfaltet Spannung aus Bewegung und Verfolgung. Die Entführung aus der Klosterschule konzentriert sich auf das Geschehen um einen privilegierten Zögling. Der schwarze Peter, Die sechs Napoleonbüsten, Der goldene Klemmer, Der Mord in Abbey Grange und Der zweite Blutflecken variieren Besitz, Identität, Gewalt und Spurenkunde.
Zeit und Raum der Erzählungen bilden mehr als Kulissen. Das London der Jahrhundertwende, mit Telegraphie, Eisenbahn und einer pulsierenden Presse, ermöglicht Informationsflüsse, die Ermittlungen beschleunigen – und Täuschungen verfeinern. Vorstadtstraßen, Landhäuser und Nebengassen liefern kontrastierende Atmosphären, in denen Verhalten lesbar wird: Geräusche, Gerüche, Lichtverhältnisse und Gewohnheiten fungieren als Indikatoren. Conan Doyle beobachtet mit medizinischer Nüchternheit und dichterischer Aufmerksamkeit zugleich, wodurch Alltagsrequisiten – ein Papierfetzen, ein Fußabdruck, ein Brillenrahmen – zu Trägern von Bedeutung aufsteigen.
Die Methodik, die diese Welt durchdringt, verbindet Induktion und Deduktion mit praktischer Expertise. Vergleich, Klassifikation, Experimente und die Prüfung konkurrierender Hypothesen strukturieren das Vorgehen. Holmes nutzt Wissenssammlungen, Karten, Zeitungsarchive und die Logik der Wahrscheinlichkeiten; gelegentlich setzt er Verkleidung und kontrollierte Provokation ein, um verborgene Reaktionen sichtbar zu machen. Die Erzählungen demonstrieren so, wie Denken als Handwerk betrieben werden kann: Schritt für Schritt, mit Sorgfalt für das Detail und der Bereitschaft, Vorurteile zu verwerfen, wenn der Befund ein anderes Bild verlangt.
Neben dem Rätsel steht stets eine ethische Dimension. Die Geschichten erkunden Verantwortung, Schuld, Notwehr, Ehre und Scham, ohne sie in einfache Formeln zu pressen. Gesetz und Gerechtigkeit erscheinen als überlappende, nicht deckungsgleiche Ordnungen, innerhalb derer Entscheidungen getroffen werden müssen. Holmes’ Haltung ist betont sachlich, doch nicht herzlos; Watsons Blick betont die Konsequenzen für Betroffene. So entsteht ein moralischer Horizont, der die intellektuelle Neugier ergänzt und die anhaltende Faszination der Fälle vertieft.
Die nachhaltige Bedeutung dieser Sammlung liegt in der Festigung eines literarischen Archetyps. Die Rückkehr des Sherlock Holmes erneuert die Figur und die Verfahren, die das Detektivgenre bis heute prägen: die Vorrangstellung der Beweise, die Lesbarkeit der Welt, die kalkulierte Überraschung. Zahlreiche spätere Kriminalromane, Hörspiele, Filme und Serien greifen diese Muster auf oder kontrastieren sich an ihnen. Wer diese Erzählungen liest, begegnet nicht nur unterhaltsamen Rätseln, sondern einem Modell analytischen Erzählens, das die Moderne mitgeformt hat – präzise, einfallsreich und von unverminderter Wirksamkeit in der Gegenwart.
Arthur Conan Doyle (1859–1930) war ein schottischer Arzt und Schriftsteller, der mit Sherlock Holmes den bekanntesten Detektiv der Moderne schuf. Als produktiver Erzähler verband er wissenschaftliche Denkweisen mit unterhaltsamer Spannung und prägte damit die Poetik des Kriminalgenres. Seine Holmes-Geschichten etablierten eine Erzähltechnik, in der Beobachtung, Logik und forensische Indizien in dramatischen Fallstudien zusammenfinden. Die hier versammelten Erzählungen gehören zur Rückkehrphase des Detektivs und zeigen Doyle auf dem Höhepunkt seiner handwerklichen Sicherheit. Zugleich spiegeln sie die gesellschaftlichen Umbrüche des späten Viktorianismus und der Edwardianischen Zeit, in denen Technik, Urbanität und Medienöffentlichkeit neue Formen von Verbrechen und Aufmerksamkeit erzeugten.
Die Sammlung entstammt The Return of Sherlock Holmes, mit der Doyle nach einer mehrjährigen Pause die Figur zurück ins Rampenlicht des Strand Magazine führte. Sie umfasst Im leeren Hause, Der Baumeister von Norwood, Die tanzenden Männchen, Die einsame Radfahrerin, Die Entführung aus der Klosterschule, Der schwarze Peter, Die sechs Napoleonbüsten, Der goldene Klemmer, Der Mord in Abbey Grange und Der zweite Blutflecken. In diesen zehn Erzählungen entfaltet Doyle ein Panorama detektivischer Verfahren – von Kryptografie über Spurensicherung bis zu psychologischer Profilierung – und festigt die literarische Partnerschaft von Holmes und Watson als Maßstab für das Genre.
Doyle erhielt eine streng geprägte Schulbildung und studierte danach Medizin in Edinburgh. Die klinische Praxis, insbesondere die Schulung in Anamnese, Beobachtung und Deduktion, formte sein späteres Erzählen. Einflussreich war sein Kontakt zu einem Chirurgen, dessen scharfsinnige Diagnostik als Vorbild für Holmes’ Methode gilt. Als junger Arzt arbeitete Doyle zeitweise als Schiffsarzt und erlebte die Kontraste zwischen geordneten Institutionen und rauen Lebenswelten. Diese Erfahrungen schärften sein Gespür für Milieus, Sprachen und Gesten. Sie erklären, warum seine Geschichten nicht nur Rätsel liefern, sondern soziale Texturen – vom Londoner Suburb bis zur Küstenkneipe – präzise inszenieren.
Zu Doyles literarischen Einflüssen zählen die analytischen Erzählungen Edgar Allan Poes und die französische Tradition des Polizeirätsels, die er mit medizinischer Empirie und britischer Alltagsbeobachtung verband. Aus dieser Synthese entstand ein Verfahren, das in den Erzählungen der Sammlung besonders sichtbar wird: Kryptogramme in Die tanzenden Männchen, kleinste materielle Indizien in Der goldene Klemmer, Fährtenlesen auf Landwegen in Die Entführung aus der Klosterschule. Zudem formte das seriell publizierte Format seine Dramaturgie: pointierte Exposition, kontrollierte Informationsgabe, ein Finale, das Logik sichtbar macht und zugleich die Figurenbeziehung zwischen Holmes und Watson vertieft.
Nach frühem Erfolg mit Holmes entschied sich Doyle, die Figur zeitweise ruhen zu lassen. Die Rückkehr gelang mit Im leeren Hause, das die Wiederaufnahme der Ermittlungstätigkeit in London erzählt und zugleich die Öffentlichkeit als eigene Macht ins Spiel bringt. Die Erzählung klärt Holmes’ Abwesenheit, justiert die Freundschaft zu Watson neu und setzt ein programmatisches Signal: Die Methode soll fortan variabler, doch unverkennbar bleiben. Stilistisch zeichnet sie eine Balance aus präziser Beobachtung, kontrolliertem Tempo und psychologischen Momenten, die das Rätsel über die reine Mechanik der Auflösung hinaus menschlich plausibel machen.
Der Baumeister von Norwood und Die einsame Radfahrerin verhandeln bürgerliche Sphären, in denen Reputation, Besitz und Sicherheit fragil sind. Doyle nutzt hier suburbanes Terrain und die neue Mobilität des Fahrrads, um moderne Ungewissheiten zu spiegeln: scheinbar solide Figuren geraten unter Verdacht, Frauen bewegen sich autonomer, sind aber neuen Risiken ausgesetzt. Holmes’ Methode passt sich diesem Wandel an, indem sie soziale Masken durchdringt und falsche Kausalitäten entlarvt. Die Erzählweise bleibt wasserscheu gegenüber Spektakel: Pointe und Moral erwachsen aus sauberer Indizienordnung, die Watsons nüchterne, retrospektive Stimme anschaulich vermittelt.
In Die tanzenden Männchen weitet Doyle das Repertoire um Kryptografie, ohne die Menschlichkeit hinter Zeichen zu verlieren. Das Rätsel der Strichmännchen steht für Kommunikation unter Druck und zeigt, wie Sprache selbst zum Tatort wird. Demgegenüber fokussieren Die sechs Napoleonbüsten die Materialität der Spur: wiederholte Zerstörung, banale Objekte, verborgenes Motiv. Beide Texte verbinden die Lust am Tüfteln mit sozialem Realismus; sie meiden Zufallslösungen und setzen auf eine Kette nachvollziehbarer Schlüsse. So etabliert Doyle Standards der fairen Detektion, die das Publikum mitdenken lassen und die Glaubwürdigkeit des Endbefunds stützen.
Die Entführung aus der Klosterschule und Der schwarze Peter führen unterschiedliche Milieus zusammen: aristokratische Internatswelt hier, raue Seefahrts- und Hafenrealität dort. In beiden Fällen demonstriert Doyle die physische Seite des Ermittlens – Spuren im Gelände, Geräuschmotive, Muster von Bewegung – und koppelt sie an Kenntnis sozialer Codes. Der Kontrast macht sein London- und England-Bild weit: Verbrechen entspringt nicht nur Großstadtfinsternissen, sondern auch Privilegien, Gier und Verdrängung. Holmes bleibt dabei Vermittler zwischen Klassen und Landschaften, während Watson die Beobachtungen in eine klare, disziplinierte Prosa überführt.
Der goldene Klemmer und Der Mord in Abbey Grange spielen in Interieurs, in denen kleine Objekte und Gesten entscheidend werden. Doyle zeigt, wie eine Brille, eine Tischordnung oder ein Kratzer das Gefüge einer Erzählung kippen können. Gleichzeitig verhandelt er das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit: Die Lösung steht nicht stets mit maximaler Straflogik im Einklang, sondern manchmal mit einer ethischen Abwägung, die Holmes’ menschliche Seite betont. So gewinnt die Figur Tiefe, ohne die methodische Strenge preiszugeben; die Geschichten steuern auf Enden zu, die Ordnung herstellen, aber moralische Restspannungen bewusst nicht völlig tilgen.
Der zweite Blutflecken rückt Holmes in die Sphäre der Staatsräson und zeigt, wie detektivische Vernunft Politik stabilisieren kann, ohne sich politischem Pathos zu unterwerfen. Stilistisch markiert die Geschichte den Reifegrad der Serie: ökonomische Szenenführung, reduzierte Exposition, klare Motivketten. Die Rückkehr-Folgen insgesamt stärkten Doyles Stellung im Serienmarkt und bestätigten das Strand-Publikum in seiner Erwartung präziser, fairer Rätsel. Sie bilden ein Kompendium dessen, was die Figur dauerhaft trägt: partnerschaftliche Erzählperspektive, methodischer Pluralismus und eine urbane Sensibilität, die das Verbrechen als Teil moderner Öffentlichkeit begreift.
Doyle trat öffentlich als Verfechter rationaler Aufklärung und zugleich als Suchender in spirituellen Fragen auf. Persönliche Verluste vertieften sein Interesse am Spiritismus, den er ernsthaft verteidigte, ohne deshalb seine literarische Hingabe an prüfbare Indizien aufzugeben. Zugleich engagierte er sich in Fällen mutmaßlicher Justizirrtümer und nutzte seine Prominenz, um Fehlurteile anzuprangern. Diese Doppelrolle – Skeptiker in der Methode, Humanist im Ziel – spiegelt sich in der Sammlung: Sie zeigt Holmes als Figur, die Beweise über Vorurteil stellt, aber die Konsequenzen einer Lösung für Betroffene mitdenkt. Doyles öffentliche Stimme und sein erzählerischer Ethos beförderten so eine Kultur der verantwortlichen Prüfung.
In den späten Jahren publizierte Doyle weitere Holmes-Erzählungen und wandte sich parallel verstärkt dem Spiritismus und Vortragsreisen zu. Er starb 1930, doch sein Werk blieb produktiv wirksam: Die Rückkehr-Geschichten konsolidierten die ikonische Partnerschaft von Holmes und Watson und prägten Formate von der Kurzgeschichte bis zur seriellen Fernsehstruktur. Ihr Einfluss reicht von kriminalistischer Didaktik bis zur Populärkultur, in der Symptome, Zeichen und Räume lesbar werden. Gerade die hier versammelten Erzählungen zeigen, wie präzise Sprache, methodische Vielfalt und soziale Beobachtung ein nachhaltiges Modell der Detektion bilden – ein Modell, das Doyles literarisches Erbe bis heute trägt.
Die Sammlung Die Rückkehr des Sherlock Holmes erschien zunächst 1903 bis 1904 in britischen Zeitschriften und wurde 1905 als Buch veröffentlicht. Sie markiert die literarische Wiederkehr eines bereits kanonisierten Detektivs in der Übergangszeit von der späten viktorianischen zur frühen edwardianischen Epoche. Die Geschichten spielen überwiegend im London der 1890er Jahre und berühren damit eine Phase rasanter Urbanisierung, technischer Innovation und sozialer Spannung. Arthur Conan Doyle, ausgebildeter Arzt, schrieb in einer Kultur, die naturwissenschaftliche Erklärungsmuster hoch bewertete und zugleich von imperialen Ambitionen, Klassenhierarchien und wachsendem Massenpublikum geprägt war. Diese Gemengelage bildet den Resonanzraum der in der Sammlung versammelten Fälle.
Conan Doyle war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine öffentliche Figur von Gewicht. Er diente während des Zweiten Burenkriegs zeitweise als Militärarzt und veröffentlichte 1902 eine Apologie britischer Kriegsführung, was zu seiner Erhebung in den Ritterstand beitrug. Die Rückkehr des Detektivs folgt auf diese Phase politischer Publizität und auf Doyles zuvor erklärten Wunsch, sich von Holmes zu lösen. Dass er die Figur doch wieder aufgriff, spiegelt die Marktmacht serieller Unterhaltung und die anhaltende Nachfrage der Leserschaft. Die Sammlung entstand somit in einem Spannungsfeld aus Autoragenda, Verlegerinteressen und einem bereits globalisierten Literaturmarkt.
London war um 1900 die größte Stadt der Welt. Das Wachstum der Vororte, der Ausbau von Bahnlinien und die Verdichtung innerstädtischer Viertel erzeugten neue soziale Kontaktzonen und Konflikte. Viertel wie Norwood illustrieren die Dynamik eines expandierenden Immobilienmarktes, der Spekulationen begünstigte und zugleich neue bürgerliche Milieus schuf. Die Stadt bot Verbrechern Anonymität, aber auch Ermittlern neue Spuren: Adressenregister, Kartenwerke und Verkehrsroutinen. Diese urbane Topografie, mit klaren sozialen Grenzen und durchlässigen Alltagswegen, ist ein stilles Fundament vieler Erzählungen der Sammlung.
Parallel zum Städtewachstum professionalisierte sich die britische Polizeiarbeit. Die Metropolitan Police existierte seit 1829, die Criminal Investigation Department (CID) seit 1878. Um 1901 wurde in London eine zentrale Fingerabdruckabteilung eingerichtet, was die Identifikationstechnik modernisierte. Diese Entwicklungen schufen ein Umfeld, in dem ein privater, wissenschaftlich argumentierender Berater plausibel erschien. Die wiederkehrende, teils spannungsreiche Kooperation zwischen einem unabhängigen Detektiv und der amtlichen Polizei spiegelt den Übergang von traditioneller Tatortintuition zu methodisch dokumentierter Ermittlungsarbeit.
Kommunikationstechnisch befand sich Großbritannien auf einem hohen Stand. Telegraphennetze verbanden das Land, Eilboten und die Post des General Post Office transportierten Nachrichten mit bemerkenswerter Geschwindigkeit. Das Telefon war seit den 1880er Jahren im Einsatz, blieb jedoch sozial ungleich verteilt. Zeitungen verbreiteten Meldungen fast in Echtzeit. Diese Infrastruktur erlaubt in der Sammlung Situationen, in denen Nachrichten, Depeschen und Annoncen Handlungen beschleunigen, Alibis überprüfen oder Täuschungen ermöglichen. Das Zusammenspiel von privater Mitteilung, öffentlicher Bekanntmachung und polizeilicher Nachrichtentechnik bildet einen wiederkehrenden Kontext der Fälle.
Die Mobilität um 1900 stützte sich auf ein dichtes Eisenbahnnetz, städtische Untergrundlinien und Pferde-Droschken, ergänzt durch frühe Automobile, die erst allmählich ins Straßenbild traten. Besonders prägend war der Fahrradboom der 1890er Jahre, der neue Reichweiten und Freiheitsgrade eröffnete. Für Frauen wurde Radfahren zu einem Symbol praktisch gelebter Autonomie und löste Debatten über Kleidung, Sicherheit und Sittlichkeit aus. Geschichten der Sammlung, in denen weibliche Bewegungsfreiheit, Überwachung oder Kontrolle verhandelt werden, spiegeln diese soziale Auseinandersetzung, ohne die technischen Details in den Vordergrund zu rücken.
Zeitgenössische Faszination für naturwissenschaftliche Beweisführung prägt den Ton der Erzählungen. Chemische Reagenzien, Glasfaser-, Asche- und Bodenanalysen sowie frühe ballistische Überlegungen galten als moderne Hilfsmittel. Fotografie und Vergrößerungsoptik verbreiteten sich, und kriminalistische Systematisierungen wie Bertillonage und, zunehmend, Daktyloskopie kursierten im Fach- und Feuilleton. Die Sammlung knüpft an diese Popularisierung von Expertise an: Das Vertrauen in Spuren, Muster und Regelmäßigkeiten geht mit einer Skepsis gegenüber bloßer Zeugenaussage einher und stellt den rationalen Blick über Spekulation und Anekdote.
Die Veröffentlichungspraxis prägte die Rezeption. Die Erzählungen erschienen zunächst im Strand Magazine, einem Massenblatt mit hohen Auflagen und Familienpublikum. Illustrationen von Sidney Paget hatten bereits in den 1890er Jahren das Bild des Helden geformt und wurden in der Rückkehrphase erneut wirksam. Die Serialisierung erzeugte Erwartungsschleifen, Leserbriefe und mediale Begleitdiskurse. Nach der zuvor erzählten Abwesenheit der Figur war der Wiederkehr-Effekt literarisch und verlegerisch kalkuliert: Er band Abonnenten, erneuerte das Markenprofil und verankerte die Detektivformel im kollektiven Gedächtnis.
Die Sammlung verhandelt bürgerliche Sicherheiten, besonders Eigentum, Kreditwürdigkeit und Bauspekulation. In einem expandierenden Markt mit unvollkommenen Kontrollen konnten Bauunternehmer, Makler und Anleger gleichermaßen profitieren oder scheitern. Rechtlich war das Hypothekenwesen etabliert, jedoch mit Risiken behaftet. Konflikte um Besitz, Treuhand und Versicherung speisten eine öffentliche Debatte über Vertrauen und Reputation. Erzählungen, die auf Bau- oder Immobilienkonflikte verweisen, greifen diese reale Gemengelage auf und verorten Kriminalität in rechtlichen Grauzonen eines dynamischen, aber verletzlichen Wirtschaftslebens.
Elitäre Bildungsinstitutionen spielten in Großbritannien eine zentrale Rolle für soziale Netzwerke und Karrieren. Public Schools und Colleges formten Führungsnachwuchs für Verwaltung, Militär und Diplomatie. Skandale in diesem Milieu bedrohten nicht nur Einzelne, sondern ganze Netzwerke von Patronage und Einfluss. Entführungsängste, Disziplin und die Pflege von Traditionen bildeten einen sensiblen Bereich, in dem Diskretion höchstes Gut war. Die Sammlung nutzt solche Hintergründe, um die Kollision von Leumund, Pflichtgefühl und individueller Verantwortung auszuloten, ohne das schulische Umfeld zu romantisieren.
Das britische Weltreich verband London mit Häfen, Werften und Fischereien. Die Walfang- und Handelsschifffahrt brachte Vermögen, aber auch Härten und Grenzüberschreitungen hervor. Matrosen und Kapitäne, deren Berufsalltag von langen Abwesenheiten und riskanten Unternehmungen geprägt war, tauchen in der Zeit häufig in Presseberichten auf. In der Sammlung dient das maritime Milieu als sozialer Resonanzraum für Fragen von Loyalität, Gewalt und Beuteanteilen in einer globalisierten Ökonomie. Die Meere sind nicht nur Schauplatz, sondern auch Hintergrund, der Handelsströme, Rohstoffmärkte und persönliche Biografien miteinander verkoppelt.
London um 1900 war eine kosmopolitische Metropole. Zuwanderung aus Irland, dem europäischen Kontinent und Teilen Osteuropas veränderte Nachbarschaften und Arbeitsmärkte. Mit der Vielfalt wuchsen auch mediale Stereotype über ausländische Verbrecher, Geheimbünde und politische Exilanten. Zugleich bot die Stadt Einwanderern Netzwerke, Schutzvereine und ökonomische Chancen. Die Sammlung spiegelt diese Ambivalenzen: Kontinentale Verbindungen, sprachliche Spuren und internationale Handelswaren erscheinen als Indizien in einer Stadt, deren Kriminalitätswahrnehmung von globalen Bewegungen und lokalem Misstrauen gleichermaßen geprägt war.
Außenpolitisch dominierten um die Jahrhundertwende imperiale Rivalitäten und das Ringen der Großmächte. Vor dem Ersten Weltkrieg verdichteten sich Spionageängste, und diplomatische Indiskretionen konnten Kabinettskrisen auslösen. In Großbritannien regelte das Official Secrets Act von 1889 bereits den Umgang mit vertraulichen Informationen; 1911 folgte eine Verschärfung. Geschichten, die um brisante Dokumente kreisen, nehmen diese politische Nervosität auf: Die Vorstellung, dass ein einzelnes Schriftstück Regierungsstabilität bedrohen kann, entspricht dem damaligen sicherheitspolitischen Denken einer vernetzten, aber verletzlichen Ordnung.
Fragen der Geschlechterordnung prägten die Zeit stark. Nach den Married Women’s Property Acts der 1870er und 1880er Jahre verfügten verheiratete Frauen über mehr Eigentumsrechte, blieben jedoch in vielen Lebensbereichen abhängig. Scheidungs- und Sorgerechte waren restriktiv geregelt, soziale Ächtung wirkte als Disziplinierungsinstrument. Die Sammlung lässt wiederholt erkennen, wie Druckmittel, Überwachung und die Kontrolle weiblicher Mobilität eingesetzt werden. Zugleich erscheinen selbstbestimmte und sachkundige Frauenfiguren, die die Grenze zwischen gesellschaftlicher Erwartung und persönlicher Agency ausloten, ohne das Machtgefälle der Epoche zu leugnen.
Die viktorianisch-edwardianische Kultur maß Reputation hohen Wert bei. Ein florierender Pressemarkt, strenge Verleumdungsgesetze und leicht exponentielle Verbreitung von Gerüchten machten Erpressung zu einem verbreiteten Motiv öffentlicher Debatten. Private Briefe, Fotografien und persönliche Papiere konnten über Karrieren entscheiden. In der Sammlung wird diese Infrastruktur der Diskretion sichtbar: Tresore, Botenwege und Rechtsanwälte stehen für ein Ökosystem, in dem Geheimhaltung Kapital ist. Der Detektiv bewegt sich darin als Vermittler zwischen privatem Ehrenschutz und öffentlicher Rechtspflege.
Parallel zur Kriminalistik entstand ein populärwissenschaftlicher Geschmack an Mustern, Rätseln und Codes. Zeitschriften veröffentlichten Denksportaufgaben, und einfache Kryptosysteme waren Teil dieser Kultur. Eine Erzählung der Sammlung nutzt etwa die Faszination für chiffrierte Zeichen, um Aufmerksamkeit auf Wahrnehmung, Regelhaftigkeit und Fehlinterpretation zu lenken. Solche Motive verschränken Unterhaltung mit Bildungsideal: Leserinnen und Leser sollten beobachten, vergleichen und folgern. Der Erfolg dieser Formel trug zur nachhaltigen Popularität der Gattung bei und verfestigte den Ruf des Detektivs als Symbol rationaler Moderne.
Die unmittelbare Rezeption zeigte, dass die Figur nach der veröffentlichten Abwesenheit an Strahlkraft gewonnen hatte. Die Erzählungen wurden rasch in mehrere europäische Sprachen übertragen, darunter ins Deutsche, und erreichten ein breites Publikum. Zeitgleich prägten Theateradaptionen das Bild des Ermittlers und verbreiteten es über London hinaus. Die Kombination aus serieller Spannung, wiedererkennbaren Figuren und alltäglichen Schauplätzen erwies sich als anschlussfähig für Leser mit unterschiedlichen Erfahrungen. Die Rückkehr festigte daher nicht nur eine literarische Marke, sondern bestätigte auch die Erzählökonomie moderner Massenmedien der frühen 1900er Jahre.???????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????
Nach einer rätselhaften Mordtat in London tritt Sherlock Holmes unerwartet wieder auf die Bühne, um mit präziser Beobachtung und einem riskanten Manöver einen gefährlichen Gegenspieler zu stellen. Die Erzählung verbindet Wiederkehr und Täuschung mit einem Katz-und-Maus-Spiel in urbaner Kulisse. Der Ton ist spannungsreich und markiert eine selbstbewusste Rückkehr zur gewohnten Schärfe der Deduktion.
Ein junger Anwalt gerät unter drückenden Verdacht, als ein exzentrischer Bauherr spurlos verschwindet und belastende Spuren auftauchen. Holmes zerlegt Indizien und Alibis, um zwischen öffentlicher Vorverurteilung und tatsächlicher Beweisführung zu unterscheiden. Der Fall betont kühle Logik gegen Sensationslust und Justizdruck.
Geheimnisvolle Strichmännchen-Nachrichten versetzen ein ländliches Anwesen in Angst und drohende Gewalt. Holmes knackt das System hinter den Symbolen und versucht, die Eskalation persönlicher Konflikte zu verhindern. Der Ton ist rätsellastig und unheilvoll, mit Fokus auf Kryptographie und psychologische Spannung.
Eine junge Lehrerin wird auf einsamen Landstraßen beharrlich von einem unbekannten Radfahrer verfolgt. Beobachtung, Tarnung und eine handfeste Intervention führen Holmes von stummer Bedrohung zu den Interessen, die hinter dem Nachstellen stehen. Der Fall mischt ländliche Atmosphäre, physische Aktion und versteckte Motive.
Der Sohn eines Adeligen verschwindet aus einem elitären Internat, und die Spur führt über abgelegene Wege und verräterische Reifenspuren. Holmes verbindet Geländekenntnis mit Taktgefühl gegenüber gesellschaftlichen Empfindlichkeiten. Der Ton ist suchend und methodisch, bei zugleich hohen familiären und gesellschaftlichen Einsätzen.
Ein ehemaliger Walfang-Kapitän wird in seiner Waldhütte mit einer Harpune getötet aufgefunden, ein Bild roher Gewalt und verborgener Geschäfte. Holmes untersucht Werkzeug, Kraftfragen und alte Feindschaften, um Motiv und Gelegenheit zu trennen. Die Erzählung ist düster, mit einem starken forensischen Akzent.
Eine Serie von zerstörten Napoleon-Büsten wirkt zunächst wie blinder Vandalismus, bis ein Toter den Fall verschärft. Holmes folgt einem Muster über die Stadt hinweg und legt den verborgenen Grund der Angriffe frei. Der Ton betont Mustererkennung, Geduld und Verbindungen in ein weiteres Milieu.
Ein Gelehrter wird in seinem Arbeitszimmer erschlagen, und eine zurückgelassene Zwickerbrille ist die einzige konkrete Spur. Die Fährte führt zu politischen Emigrantenkreisen und persönlichen Loyalitäten, die das Offensichtliche trüben. Der Fall ist psychologisch nuanciert und verbindet leise Tragik mit klarer Deduktion.
Ein Aristokrat fällt einem brutalen Überfall zum Opfer, und die Aussage der Hausherrin scheint den Hergang zu erklären. Holmes prüft Widersprüche und wägt Rechtssinn gegen Gerechtigkeitssinn. Die Erzählung ist von moralischen Zwischentönen und empathischer Zurückhaltung geprägt.
Ein brisantes Regierungsdokument verschwindet, und die Gefahr einer politischen Krise wächst. Holmes sucht die unscheinbaren Spuren im Privaten, die hinter diplomatischer Fassade verborgen liegen. Der Ton ist straff und diskret, mit Fokus auf Täuschung, Takt und höchste Einsätze.
Die Sammlung verbindet urbane und ländliche Schauplätze mit einer Spannweite vom Rätsel (Codes, Muster) bis zum politischen und gesellschaftlichen Skandal. Häufig lenken unscheinbare Details – Reifenspuren, zerbrochene Objekte, Brillen – den Blick auf Motive und Identitäten hinter der Oberfläche.
Holmes’ Methode bleibt präzise, experimentell und beobachtend, während Watson den menschlichen und moralischen Kontext einfängt. Zwischen Kooperation und Konkurrenz mit den Behörden entsteht ein Feld, in dem Logik nicht nur Schuld ermittelt, sondern auch Gerechtigkeit verhandelt.
Als Band markiert die Rückkehr des Detektivs eine Erneuerung: bekannte Motive wie Täuschung, Tarnidentitäten und vergangene Verstrickungen werden variiert, der Ton wechselt flexibel zwischen düsterer Forensik, empathischer Zurückhaltung und hohem politischen Ernst.
Im Frühling des Jahres 1894 war ganz London in Aufregung. Besonders die vornehme Welt war durch die Ermordung des Herrn Ronald Adair tief erschüttert. Dieser junge Baron hatte unter höchst eigentümlichen Umständen und auf ganz unerklärliche Weise das Leben verloren. Das Publikum hat von diesem Verbrechen seinerzeit nur wenig Näheres erfahren, weil die polizeilichen Nachforschungen keinen Erfolg gehabt hatten, und überdies das meiste im Interesse der weiteren Verfolgung des an und für sich schon außerordentlich schwierigen Falles geheim gehalten werden mußte. Erst jetzt nach Verlauf von zehn Jahren bin ich in der Lage, die fehlenden Glieder der Kette sowie den Schluß der Untersuchung bekannt zu geben. Aber trotz dieser langen Zeit empfinde ich noch ein Schaudern, wenn ich an das Verbrechen und seine tragische Aufdeckung denke, fühle aber auch von neuem jene Freude und jene Bewunderung, die mich damals erfüllte, als es endlich gesühnt war. Die Öffentlichkeit möge mir’s zu gut halten, daß ich ihr nicht gleich alles, was ich wußte, mitgeteilt habe, nachdem sie bereits meinen früheren Erzählungen über das Tun und Denken eines merkwürdigen Mannes ein lebhaftes Interesse geschenkt hatte. Ich würde es sicherlich nicht verabsäumt haben, denn ich hielt es für meine vornehmste Pflicht; aber eine Bitte aus dem eigenen Munde eben dieses Mannes verhinderte mich daran, und erst vor ein paar Monaten bin ich von meinem Versprechen entbunden worden.
Wie man sich leicht denken kann, hatte ich infolge meiner intimen Freundschaft mit Sherlock Holmes an dem Verbrechen ein hervorragendes Interesse, und habe, weil er selbst nicht mehr da war, die verschiedenen Fragen, die daran geknüpft wurden, genau verfolgt und geprüft. Zu meiner Beruhigung habe ich sogar seine eigenen Methoden zur Aufklärung angewandt, freilich mit nur geringem Erfolge. Als ich las, daß in dem wegen der Ermordung des Ronald Adair eingeleiteten Verfahren auf Grund der Voruntersuchung die Anklage wegen vorsätzlichen Mordes gegen ›Unbekannt‹ erhoben worden war, kam es mir wieder deutlicher als je zuvor zum Bewußtsein, was die Gesellschaft an Sherlock Holmes verloren hatte. In dieser dunkeln Angelegenheit gab es Punkte klarzustellen, die gerade etwas für ihn gewesen wären, und die Anstrengungen der Polizei würden durch die Beobachtungen, die Gewandtheit und den Scharfsinn dieses ersten Detektivs Europas wesentlich ergänzt und in die richtigen Bahnen gelenkt worden sein. Jeden Tag, wenn ich meine Runde machte, überlegte ich mir den Fall von neuem, ohne jedoch zu einer ausreichenden und vollkommen befriedigenden Erklärung gelangen zu können.
Auf die Gefahr hin, einigen Lesern eine bekannte Geschichte zu erzählen, will ich hier doch die Tatsachen rekapitulieren, soweit sie am Schluß der Vorverhandlung bekannt waren:
Ronald Adair war der zweite Sohn des Grafen Maynooth, des damaligen Gouverneurs in einer australischen Kolonie. Adairs Mutter war von Australien nach England gekommen, um sich hier einer Augenoperation zu unterziehen; sie bewohnte mit ihrem Sohne Adair und ihrer Tochter Hilda das Haus Parkstraße 427 in London. Der junge Mann verkehrte in der besten Gesellschaft und hatte, soviel man wußte, keine Feinde und auch keine besonderen Laster. Er war mit einem Fräulein Edith Woodley aus Carstairs verlobt gewesen; dieses Verhältnis war einige Monate vor seinem Tode mit beiderseitiger Einwilligung gelöst worden, und nichts hatte darauf hingedeutet, daß dadurch ein tieferes Gefühl verletzt worden wäre. Im übrigen spielte sich das Leben des jungen Herrn in einem vornehmen kleinen Kreise ab, denn er war von ruhiger Natur und kein Freund von Extravaganzen.
Trotzdem wurde dieser friedliche junge Edelmann in der Nacht des 30. März 1894 zwischen zehn und elf Uhr zwanzig Minuten auf eine höchst merkwürdige Weise und gänzlich unerwartet vom Tode ereilt.
Ronald Adair spielte gerne Karten, aber nie so hoch, daß ihn Verluste geschmerzt hatten. Er war Mitglied des Baldwin-, des Cavendish-und des Bagatelle-Kartenklubs. Nach dem Abendessen hatte er an jenem Tage nachgewiesenermaßen in dem letztgenannten Klub eine Partie Whist gespielt. Er hatte auch bereits am Nachmittag dort gespielt. Nach Aussage seiner Mitspieler – des Herrn Murray, des Barons Hardy und des Obersten Moran – hatte es sich ebenfalls um Whist gehandelt, und waren die Karten ziemlich gleichmäßig gefallen. Adair konnte höchstens fünf Pfund verloren haben. Er besaß ein beträchtliches Vermögen, sodaß ihn ein derartiger Verlust nicht weiter rühren konnte. Er hatte fast jeden Tag in dem einen oder anderen Klub gespielt, aber er war ein vorsichtiger Spieler und gewann gewöhnlich. Es wurde durch Zeugen festgestellt, daß er einige Wochen vorher an einem einzigen Abend in Gemeinschaft mit dem Obersten Moran tatsächlich gegen 420 Pfund von Godfrey Milner und Lord Balmoral gewonnen hatte. Diese Angaben, die im Laufe der Untersuchung über sein Vorleben gemacht wurden, mögen genügen.
Am Abend des Verbrechens kehrte er Punkt zehn Uhr aus dem Klub zurück. Seine Mutter und Schwester waren zu Besuch bei einer Verwandten. Das Dienstmädchen hat unter Eid ausgesagt, daß sie ihn in das Vorderzimmer im zweiten Stock, wo er sich gewöhnlich aufhielt, hat eintreten hören. Sie hatte dort Feuer angemacht und, weil es rauchte, die Fenster geöffnet. Kein Laut war aus dem Zimmer an ihr Ohr gedrungen. Als um elf Uhr zwanzig Minuten die Gräfin mit ihrer Tochter zurückkehrte, wollte sie ihrem Sohn Gute Nacht sagen. Sie fand jedoch die Türe seines Zimmers von innen verschlossen, und bekam keine Antwort auf ihr Rufen und Klopfen. Sie holte Hilfe und ließ die Türe aufbrechen. Der unglückliche junge Mann lag in der Nähe des Tisches auf dem Boden. Sein Kopf war von einer Revolverkugel zerschmettert, aber in dem ganzen Raum war keine Waffe zu sehen. Auf dem Tische lagen zwei Zehnpfundscheine und siebzehn Pfund zehn Schilling in Gold und Silber; das Geld war in kleine Häufchen von verschiedenen Betragen abgezählt. Daneben befand sich ein Blatt Papier, worauf einige seiner Klubfreunde gezeichnet waren. Unter jedem Bild stand der Name des Betreffenden; daraus wurde geschlossen, daß er vor seinem Ende die Verluste und Gewinne beim Kartenspiel hatte regeln wollen.
Die genauere Prüfung aller obwaltenden Umstände ließ die Sache nur immer rätselhafter erscheinen. In erster Linie war kein Grund einzusehen, warum der junge Mann von innen abgeriegelt haben sollte. Zwar war die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß es der Mörder getan hatte, und dann durch das Fenster entflohen war. Doch war dieses mindestens zwanzig Fuß über dem Boden, und das Beet mit blühenden Blumen unter dem Fenster zeigte keinerlei Fußspuren; die Blüten, wie der Erdboden selbst waren vollkommen unversehrt. Auch der schmale Rasenstreifen zwischen dem Haus und der Straße wies keine Fährte auf. Demnach mußte der junge Herr selbst die Tür abgeschlossen haben. Wie hatte er aber den Tod gefunden? Kein Mensch konnte durch das Fenster ein-oder ausgestiegen sein, ohne Spuren zu hinterlassen. Angenommen, es habe jemand durch das Fenster geschossen, so mußte es wahrhaftig mit merkwürdigen Dingen zugegangen sein, daß eine Revolverkugel so sicher getroffen hatte. Außerdem ist die Parkstraße sehr belebt, und kaum hundert Meter vom Haus befindet sich ein Droschkenhalteplatz, aber kein Mensch hatte einen Schuß gehört.
Und doch war die Leiche mit der Schußwunde ein untrügliches Zeichen, daß geschossen worden war, und zwar war die Verwundung derart, daß der Tod augenblicklich eingetreten sein mußte. – So lagen die Verhältnisse; sie wurden dadurch noch verwickelter, daß jeder ersichtliche Beweggrund zur Tat fehlte, denn, wie ich erwähnt habe, war der junge Adair ein Mann, der keinen Feind hatte, und außerdem war noch nicht einmal der Versuch gemacht worden, Geld oder Wertgegenstände im Zimmer zu entwenden.
Ich ließ mir den Tatbestand häufiger durch den Kopf gehen und bemühte mich immer wieder, eine Erklärung zu finden, unter welche man alle diese verschiedenen Tatsachen zusammenreimen, und von der aus man einen Ausgangspunkt finden könnte, was nach dem Ausspruch meines armen Freundes die Vorbedingung jeder weiteren Nachforschung bilden mußte. Ich machte jedoch, offen gestanden, nur sehr geringe Fortschritte in der Sache. Eines Abends wanderte ich durch die Parkstraße und befand mich gegen sechs Uhr an der Ecke der Oxfordstraße. Vor dem Hause, das ich mir ansehen wollte, war eine große Menschenmenge versammelt und richtete ihre Blicke auf ein bestimmtes Fenster desselben. Ein schlanker, hagerer Mann mit blauer Brille, in dem ich stark einen Geheimpolizisten vermutete, gab seine Ansicht über den Vorfall zum besten, während die übrigen um ihn herumstanden und seinen Ausführungen lauschten. Ich drängte mich möglichst nahe an den Sprecher heran, aber seine Ausführungen erschienen mir so unsinnig, daß ich bald verstimmt von dannen ging. Dabei stieß ich einen ältlichen Mann an, der hinter mir gestanden hatte, und eine Anzahl Bücher, die er unter dem Arm trug, fielen zu Boden. Ich half sie ihm schnell aufheben, erinnere mich aber trotzdem noch genau eines seltsamen Titels auf einem derselben: ›Der Ursprung der Baum-Verehrung‹. Ich schloß daraus, daß der Mann irgend ein armer Bücherfreund wäre, der entweder gewerbsmäßig oder aus Liebhaberei alte Druckwerke sammelte. Ich stammelte eine Entschuldigung; die Bücher, die ich unglücklicherweise so übel behandelt hatte, waren aber offenbar in den Augen ihres Eigentümers unschätzbare Wertobjekte, denn er knurrte nur ein paar unverständliche Worte und drehte mir verächtlich den Rücken zu; und ich sah seinen Buckel und den weißen Backenbart in der Menge verschwinden.
Meine Wahrnehmungen in der Parkstraße 427 waren wenig dazu angetan, in das dunkle Problem, das mich beschäftigte, Licht zu bringen. Das Haus war durch eine niedrige Mauer mit einem Zaun von der Straße getrennt; beide zusammen konnten etwa fünf Fuß hoch sein. Es fiel also nicht besonders schwer, darüber hinweg in den Garten zu steigen, aber das Fenster war vollkommen unerreichbar: es führte weder eine Dachrinne noch sonst etwas hinauf, woran auch der gewandteste Kletterer hätte emporklimmen können. Ratloser als je zuvor, lenkte ich meine Schritte nach Kensington zurück. Ich hatte kaum fünf Minuten in meinem Arbeitszimmer gesessen, als das Dienstmädchen hereintrat und meldete, daß mich jemand zu sprechen wünsche. Zu meinem Erstaunen war es kein anderer als mein merkwürdiger alter Büchersammler. Er hatte ein scharfgeschnittenes, hageres Gesicht, von weißem Haar umrahmt, unter dem rechten Arm trug er seine kostbaren Bände, mindestens ein Dutzend an der Zahl.
»Sie werden sich wundern, mich hier zu sehen, mein Herr,« sagte er mit eigentümlicher, krächzender Stimme. Ich gab das ohne weiteres zu.
»Nun,« fuhr er fort, »als ich hinter Ihnen her humpelte und Sie in dieses Haus gehen sah, dachte ich als pflichtschuldiger Mann, du willst gleich mal diesen freundlichen Herrn aufsuchen und ihm sagen, daß, wenn du vorhin ein bißchen schroff gewesen bist, es nicht so gemeint war, und ihm für seine Liebenswürdigkeit, daß er die Bücher wieder aufgehoben hat, deinen Dank abstatten.«
»Sie machen zuviel Aufhebens von dieser Kleinigkeit,« antwortete ich ihm. »Darf ich vielleicht fragen, woher Sie mich kennen?«
»Ich bin so frei, Ihnen zu sagen, daß ich Ihr Nachbar bin, mein kleiner Bücherladen liegt an der Ecke der Domstraße, und es würde mir eine große Ehre sein, wenn Sie mich mal besuchten. Vielleicht sind Sie auch ein Liebhaber interessanter Bücher. Ich habe die ›Britischen Vögel‹, den ›Catullus‹ und den ›Heiligen Krieg‹, Werke, von denen jedes einzelne ein kostbarer Schatz ist. Mit fünf solchen Bänden würden Sie jenes leere Fach dort in Ihrem Bücherschrank gerade ausfüllen können. Es sieht so nicht hübsch aus, nicht wahr?«
Ich drehte mich nach dem Bücherspind um. Als ich mich wieder zurückwandte, stand am Schreibtisch mir gegenüber mit lächelnder Miene Sherlock Holmes. Ich sprang auf, sah ihm ein paar Sekunden verwundert ins Gesicht, und bin dann allem Anschein nach zum ersten-und letztenmal in meinem Leben in Ohnmacht gefallen. Ich weiß nur noch so viel, daß mein Auge umnebelt wurde, und ich beim Erwachen meinen Kragen aufgeknöpft fand, und den brennenden Nachgeschmack von Branntwein auf den Lippen spürte. Holmes war über meinen Stuhl gebeugt und hielt das Fläschchen noch in der Hand.
»Mein lieber Watson,« erklang die wohlbekannte Stimme, »ich bitte dich tausendmal um Entschuldigung. Ich hatte keine Ahnung, daß du so nervenschwach geworden seist.«
Ich ergriff seine Hand.
»Holmes!« rief ich. »Bist du’s wirklich? Ist’s möglich, daß du noch lebst? Ist’s möglich, daß du aus jenem fürchterlichen Abgrund herausgeklettert bist?«
»Einen Augenblick,« sagte er. »Fühlst du dich auch tatsächlich kräftig genug, um meiner Erzählung folgen zu können? Ich habe dich durch mein überflüssiges dramatisches Auftreten ernstlich erschreckt.«
»Ich bin wieder ganz auf dem Damm, aber wahrhaftig, Holmes, ich kann kaum meinen Augen trauen. Weiß Gott, ich kann mir gar nicht vorstellen, daß du – du in aller Welt – in meinem Studierzimmer stehen sollst!« Ich erfaßte wiederum den Aermel seines Rockes und fühlte den mageren sehnigen Arm hindurch »Wirklich, du bist kein Geist,« sagte ich. »Lieber Junge, ich freue mich über alle Maßen, dich wiederzusehen. Setz’ dich und erzähl mir, wie du aus dem schrecklichen Abgrund lebend herausgekommen bist.«
Er nahm mir gegenüber Platz und zündete sich mit der ihm eigenen Gemütsruhe eine Zigarre an. Den langen Gehrock des Buchhändlers hatte er anbehalten, dagegen die übrige Kostümierung, das weiße Haar, den Bart und auch die Bücher auf den Tisch gelegt. Er sah noch hagerer und scharfsinniger aus als ehedem, aber sein Adlergesicht war so leichenblaß, als ob er in der letzten Zeit eine Krankheit durchgemacht hatte.
»Ich bin froh, daß ich mich wieder ordentlich ausstrecken kann,« begann er dann. »Für einen großen Mann ist es kein Vergnügen, wenn er stundenlang seine Körperlänge um einen Fuß verkürzen muß. Im übrigen, mein Lieber, mußt du mir zuerst sagen, ob du bei meiner Sache heute nacht mitwirken willst; es handelt sich um eine harte und gefährliche Arbeit. Es würde überhaupt am besten sein, wenn ich dir erst nach getaner Arbeit alles auseinandersetzte.
»Ich bin äußerst gespannt und möchte es lieber jetzt gleich erfahren.«
»Du willst also heute nacht mitkommen?«
»Wann und wohin du willst.«
»Du bist wahrhaftig noch der Alte. Ehe wir zu gehen brauchen, können wir einen kleinen Imbiß nehmen. Also, was den Abgrund betrifft, war es nicht allzu schwer, herauszukommen, aus dem einfachen Grunde, weil ich gar nie drin war.«
»Du warst nie drin?«
»Nein, Watson, ich war niemals drin[1q]. Mein Schreiben an dich beruhte zwar vollständig auf Wahrheit. Ich zweifelte selbst nicht im geringsten daran, daß ich bald aufgehoben sein würde, als ich in einiger Entfernung die verdächtige Gestalt des ehemaligen Professors Mariarty auftauchen sah. Ich las in seinen grauen Augen einen unabänderlichen Entschluß. Ich wechselte ein paar Worte mit ihm und erhielt die gütige Erlaubnis, dir jene kurze Notiz zukommen zu lassen, die du später gefunden hast. Ich legte sie samt Zigarettentasche und Spazierstock auf den schmalen Pfad und wanderte weiter, während mir Mariarty immer auf den Fersen folgte. Als ich am Ende des engen und steilen Weges angelangt war, blieb ich stehen und leistete ihm Widerstand. Da er keine Waffe bei sich hatte, stürzte er einfach auf mich los und umschlang mich mit seinen langen Armen. Er war sich bewußt, was für ihn auf dem Spiel stand, und versuchte mit aller Gewalt, an mir Rache zu nehmen. Wir gerieten zusammen an den Rand des Wasserfalls. Ich besitze jedoch einige Kenntnis von dem Baritsu, dem japanischen Ringen, welche mir schon häufiger zu statten gekommen ist. Ich riß mich los und versetzte ihm einen Stoß, sodaß er einen Augenblick taumelte und mit beiden Händen in der Luft herumfuchtelte; er verlor aber trotz aller Anstrengungen das Gleichgewicht und stürzte unter einem entsetzlichen Aufschrei hintenüber. Ich sah, wie er in die Tiefe fiel, an einen Felsenvorsprung aufschlug und unten ins Wasser plumpste.«
