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Iwan Turgenjews Prosawerke gehören zusammen mit den Romanen Lew Tolstojs und Fjodor Dostojewskis zu den Höhepunkten des russischen Realismus im 19. Jahrhundert. Neben Lyrik, Dramen und seinem berühmten Roman Väter und Söhne hat Turgenjew zahlreiche Erzählungen verfasst. Seine melancholischen Liebesgeschichten nehmen dabei einen besonderen Rang ein. Dieser Band enthält die schönsten davon. Ausgangspunkt ist zumeist ein psychologisch besonderer Fall, oft mit geheimnisvoller Komponente – wofür in den Romanen des Zeitkritikers kaum Platz war.
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Seitenzahl: 558
Veröffentlichungsjahr: 2018
Iwan Turgenjew
Die schönsten Liebesgeschichten
Insel Verlag
Der Kreisarzt
Das Stelldichein
Drei Begegnungen
Faust. Erzählung in neun Briefen
Ein Briefwechsel
Asja
Erste Liebe
Das Lied der triumphierenden Liebe. (MDXLII)
Nach dem Tode. (Klara Militsch)
Textquellennachweise
Einmal erkältete ich mich im Herbst auf der Rückfahrt aus einem sehr abgelegenen Jagdgebiet und wurde krank. Ich kann noch von Glück sprechen, daß mich das Fieber in der Kreisstadt packte, im Gasthof; ich schickte nach dem Doktor. Eine halbe Stunde später erschien der Kreisarzt, ein kleiner Mann, schwarzhaarig und hager. Er verschrieb mir das übliche schweißtreibende Mittel, hieß mich ein Senfpflaster auflegen und ließ sehr geschickt meinen Fünfrubelschein in seinem Ärmelaufschlag verschwinden, wobei er jedoch trocken hüstelte und beiseite blickte. Er wollte sich gerade auf den Heimweg machen, da kam er, ich weiß nicht wie, mit mir ins Gespräch und blieb. Mich plagte das Fieber; ich sah eine schlaflose Nacht voraus und war froh, mit dem guten Mann ein wenig plaudern zu können. Ich ließ Tee bringen, und mein Doktor kam ins Erzählen. Er war kein dummer Mensch und drückte sich gewandt und recht launig aus. Sonderbar geht es in der Welt zu: Mit manchem Menschen lebt man lange zusammen, man steht mit ihm in freundschaftlichen Beziehungen, spricht aber nie frei und offenherzig mit ihm; mit einem andern aber ist man kaum bekannt geworden ‒ und sieh da, schon hast du ihm oder hat er dir, wie bei der Beichte, die tiefsten Geheimnisse ausgeplaudert. Ich weiß nicht, womit ich mir das Vertrauen meines neuen Freundes verdient hatte, jedenfalls erzählte er mir ohne besondere Veranlassung und ohne selbst recht zu wissen, wie er dazu kam, ein ziemlich merkwürdiges Erlebnis. Ich will seine Erzählung nunmehr dem geneigten Leser wiedergeben. Ich werde mich dabei bemühen, mich mit den Worten des Arztes auszudrücken.
»Sie kennen wohl nicht zufällig«, begann er mit leiser und zitternder Stimme ‒ die Wirkung von unvermischtem Berjosower Tabak ‒, »Sie kennen wohl nicht zufällig den hiesigen Richter, Mylow, Pawel Lukitsch? ‒ Sie kennen ihn nicht. Nun, das macht nichts.« Er räusperte sich und rieb sich die Augen. »Also, sehen Sie, die Sache trug sich ‒ was soll ich Ihnen sagen, ich will nicht lügen ‒ zu den großen Fasten zu, mitten im schlimmsten Tauwetter. Ich sitze so bei ihm, bei unserem Richter, und spiele Preference. Unser Richter ist ein braver Mann und ein leidenschaftlicher Preferencespieler. Plötzlich« ‒ mein Arzt gebrauchte sehr oft das Wort »plötzlich« ‒ »wird mir gesagt: ›Ein Mann fragt nach Ihnen.‹ Ich sage: ›Was will er denn?‹ ‒ ›Er bringt einen Brief‹, sagt man, ›wahrscheinlich von einem Kranken.‹ ‒ ›Gib den Brief her‹, sage ich. Und so war es auch, er war von einem Kranken. Na schön. Sie verstehen, das ist unser Brot. Es handelte sich um folgendes: Eine Gutsbesitzerin, eine Witwe, schrieb mir, ihre Tochter liege im Sterben. ›Kommen Sie‹, schrieb sie, ›um unseres Herrgotts willen; die Pferde‹, schrieb sie, ›sind schon nach Ihnen geschickt.‹ Nun, das ist alles noch nichts Besonderes. Aber sie wohnte zwanzig Werst weit von der Stadt weg, draußen war es Nacht, und die Wege waren einfach fürchterlich! Und sie selber war arm, mehr als zwei Silberrubel hatte ich nicht zu erwarten, und auch das war noch zweifelhaft, vielleicht mußte ich mich mit Leinwand oder irgendwelchen Kleinigkeiten begnügen. Aber die Pflicht geht allem andern vor, Sie verstehen: Es lag ein Mensch im Sterben. Ich übergebe also plötzlich meine Karten dem ständigen Ratsmitglied Kalliopin und mache mich auf den Heimweg. Vor der Freitreppe sehe ich schon einen klapprigen Wagen stehen, Bauernpferde davor, dickbäuchig, sehr dickbäuchig, mit wolligem Haar, richtigem Filz, und der Kutscher sitzt da und hat aus Respekt die Mütze abgenommen. Na, denke ich, man sieht, Bruder, deine Herrschaft ißt nicht von goldenen Tellern. Sie lachen, aber ich sage Ihnen: Ein armer Teufel wie unsereiner muß alles in Betracht ziehen … Wenn der Kutscher wie ein Fürst dasitzt, statt untertänig nach der Mütze zu greifen, spöttisch unter seinem Bart hervorlächelt und mit der Peitsche spielt ‒ dann kann man schon mit zwei Banknoten rechnen! Aber hier, das merkte ich gleich, sah es nicht danach aus. Aber, denke ich, das ist nicht zu ändern, die Pflicht geht allem vor. Ich packe die nötigsten Arzneien zusammen und fahre los. Ob Sie es glauben ‒ nur mit Müh und Not kam ich bis hin. Der Weg war höllisch: Bäche, Schnee, Dreck, tiefe Pfützen, an einer Stelle war plötzlich ein Damm gebrochen ‒ es war fürchterlich! Aber endlich bin ich da. Das Haus ist klein, mit Stroh gedeckt. Die Fenster sind erleuchtet, man wartet also schon. Eine alte Frau, sehr ehrwürdig, eine Haube auf dem Kopf, kommt mir entgegen.
›Retten Sie sie‹, sagt sie, ›sie stirbt!‹
Ich sage:
›Ängstigen Sie sich nicht. Wo ist die Kranke?‹
›Bemühen Sie sich, bitte, hier herein.‹
Ich sehe mich um: ein sehr sauberes Stübchen, in der Ecke die Ewige Lampe, im Bett ein Mädchen von vielleicht zwanzig Jahren, bewußtlos. Hitze strahlt von ihr aus, sie atmet schwer ‒ sie hat hohes Fieber. Noch zwei andere Mädchen sind da, ihre Schwestern, ganz verstört und in Tränen.
›Gestern war sie noch vollkommen gesund‹, sagen sie, ›und aß mit Appetit; heute morgen klagte sie über Kopfschmerzen, und gegen Abend war sie plötzlich in diesem Zustand.‹
Ich sage wiederum: ›Ängstigen Sie sich nicht!‹ ‒ Sie wissen, das ist die Pflicht des Arztes ‒ und gehe ans Werk. Ich ließ sie zur Ader, verordnete Senfpflaster und verschrieb eine Mixtur. Unterdessen blickte ich sie an … Ich blickte sie an, wissen Sie, nun, bei Gott, ein solches Gesicht hatte ich noch nie gesehen … Mit einem Wort, eine Schönheit! Mitleid überkam mich. Diese angenehmen Züge, diese Augen … Nun, Gott sei Dank, sie wurde ruhiger; der Schweiß brach aus, sie schien wieder zur Besinnung zu kommen. Sie blickte um sich, lächelte, strich sich mit der Hand übers Gesicht. Die Schwestern beugten sich über sie und fragten:
›Wie geht dir's?‹
›Ganz gut‹, sagte sie und wandte sich ab.
Ich sah, sie war eingeschlafen.
›Nun‹, sagte ich, ›jetzt müssen wir die Kranke in Ruhe lassen.‹
Und so gingen wir alle auf Zehenspitzen hinaus; nur das Stubenmädchen blieb für alle Fälle zurück. Im Salon stand schon der Samowar auf dem Tisch, und auch Jamaikarum stand da; in unserem Beruf kommt man ohne das nicht aus. Man schenkte mir Tee ein und bat mich, über Nacht zu bleiben. Ich war einverstanden ‒ wohin sollte ich jetzt auch fahren! Die alte Frau stöhnte in einem fort.
›Was haben Sie‹, sagte ich, ›sie wird wieder gesund, ängstigen Sie sich nicht, ruhen Sie sich lieber selbst mal aus, es geht auf zwei Uhr.‹
›Aber Sie lassen mich wecken, wenn etwas vorfallen sollte?‹
›Gewiß, gewiß.‹
Die Alte ging, und auch die Mädchen begaben sich in ihr Zimmer. Für mich war im Salon ein Bett aufgeschlagen worden. Und so legte ich mich nieder. Aber ich fand keinen Schlaf. Was war das nur! Ich hatte mich doch wirklich zur Genüge abgeplagt. Die ganze Zeit über ging mir meine Kranke nicht aus dem Kopf. Endlich hielt ich es nicht mehr aus und stand plötzlich auf. Ich will mal gehen, dachte ich, und sehen, was mein Patient macht. Ihr Schlafzimmer lag nämlich neben dem Salon. Ich stand also auf und öffnete leise die Tür. Das Herz klopfte mir nur so. Ich sehe: Das Stubenmädchen schläft, hat den Mund weit offen und schnarcht auch noch, der Trampel! Die Kranke aber liegt mit dem Gesicht zu mir und hat die Arme weit von sich gestreckt, das arme Ding! Ich trete näher … Da schlägt sie plötzlich die Augen auf und starrt mich an!
›Wer ist das? Wer ist das?‹
Ich gerate in Verwirrung.
›Erschrecken sie nicht, gnädiges Fräulein‹, sage ich, ›ich bin der Doktor, ich komme nur, um nachzusehen, wie es Ihnen geht.‹
›Sie sind der Doktor?‹
›Ja, der Doktor, der Doktor. Ihre Frau Mutter hat nach mir in die Stadt geschickt. Wir haben Sie zur Ader gelassen, gnädiges Fräulein. Jetzt belieben Sie zu ruhen, und so nach zwei Tagen etwa werden wir Sie mit Gottes Hilfe wieder auf die Beine stellen.‹
›Ach, ja, ja, Doktor, lassen Sie mich nicht sterben ‒ bitte!‹
›Was sagen Sie da, Gott sei mit Ihnen!‹
Sie hat wieder Fieber, denke ich bei mir. Ich fühle ihr den Puls ‒ richtig, Fieber. Sie sieht mich an, und plötzlich nimmt sie meine Hand.
›Ich will Ihnen sagen, warum ich nicht sterben möchte, ich will es Ihnen sagen, ich will es Ihnen sagen … Jetzt sind wir allein. Aber, bitte, Sie dürfen es niemandem … Hören Sie zu …‹
Ich beugte mich zu ihr hinab; sie brachte ihre Lippen ganz dicht an mein Ohr, ihre Haare berührten meine Wange, ich gestehe, mir drehte sich alles im Kopf, dann begann sie zu flüstern. Ich verstand kein Wort … Ach, sie phantasierte wohl nur! Sie flüsterte und flüsterte, aber so hastig und anscheinend gar nicht auf russisch. Als sie geendet hatte, erschauerte sie, ließ den Kopf kraftlos aufs Kissen sinken und drohte mir mit dem Finger: ›Hören Sie, Doktor, niemandem …‹ Mit Mühe gelang es mir, sie zu beruhigen. Ich gab ihr zu trinken, weckte das Stubenmädchen und ging hinaus.«
Hier schnupfte der Arzt wieder erbittert seinen Tabak und saß dann einen Augenblick lang wie erstarrt da.
»Indessen«, fuhr er fort, »am nächsten Tag ging es der Kranken, entgegen meinen Erwartungen, nicht besser. Ich überlegte und überlegte und entschloß mich plötzlich zu bleiben, obwohl mich noch andere Patienten erwarteten. Sie wissen ja, man darf da nicht nachlässig sein, darunter leidet die Praxis. Aber erstens befand sich die Kranke wirklich in Gefahr, und zweitens ‒ ich muß schon die Wahrheit sagen ‒ empfand ich eine starke Zuneigung zu ihr. Außerdem gefiel mir überhaupt die ganze Familie. Die Leute waren zwar unvermögend, aber man kann sagen: gebildet, wie man es selten findet. Der Vater war ein gelehrter Mann gewesen, ein Schriftsteller, und natürlich in Armut gestorben, aber seinen Kindern hatte er eine ausgezeichnete Erziehung zuteil werden lassen; und auch viele Bücher hatte er hinterlassen. War es nun, weil ich mich so eifrig um die Kranke bemühte, oder mochte es irgendwelche andere Ursachen haben, jedenfalls darf ich sagen, daß man mich in dem Hause liebgewann wie einen Verwandten. Unterdessen waren infolge des Tauwetters die Wege grundlos geworden; alle Verkehrsverbindungen waren sozusagen völlig abgebrochen; sogar die Arznei konnte aus der Stadt nur mit Mühe beschafft werden. Das Befinden der Kranken besserte sich nicht. Tag um Tag verging, Tag um Tag … Aber da, auf einmal …« Der Arzt schwieg eine Weile. »Wirklich, ich weiß nicht, wie ich Ihnen das auseinandersetzen soll.« Er schnupfte abermals, hüstelte und trank einen großen Schluck Tee. »Ich will es Ihnen ohne Umschweife sagen, meine Kranke … Nun, sie hatte mich eben liebgewonnen ‒ oder nein, nicht gerade liebgewonnen … Im übrigen … wirklich, das ist, wie soll ich sagen …« Er senkte den Kopf und errötete.
»Nein«, fuhr er lebhaft fort, »was heißt liebgewonnen! Man muß schließlich wissen, wer man ist. Sie war ein gebildetes Mädchen, klug, belesen, und ich habe sogar mein Latein, man kann sagen vollständig, vergessen. Und was mein Äußeres betrifft« ‒ der Arzt blickte lächelnd an sich hinunter ‒, »so kann ich damit, wie es scheint, ebenfalls nicht prahlen. Doch hat mich der Herrgott auch nicht als Dummkopf in die Welt gesetzt; ich nenne weiß nicht schwarz und kapiere schon dieses und jenes. Ich begriff zum Beispiel sehr gut, daß Alexandra Andrejewna ‒ sie hieß Alexandra Andrejewna ‒ keine Liebe für mich empfand, sondern sozusagen eine freundschaftliche Zuneigung, so etwas wie Achtung. Obwohl sie sich in dieser Hinsicht vielleicht täuschte ‒ aber in was für einem Zustand befand sie sich denn, urteilen Sie selbst … Übrigens«, fügte der Arzt hinzu, der all diese abgerissenen Sätze ohne Atem zu holen und mit offensichtlicher Verlegenheit hervorbrachte, »mir scheint, ich bin ein wenig durcheinandergeraten. So werden Sie überhaupt nichts verstehen. Ich will Ihnen jetzt, wenn Sie erlauben, alles der Reihe nach erzählen.«
Er leerte ein Glas Tee und sprach dann mit ruhigerer Stimme weiter.
»Ja, so war das. Meiner Kranken ging es immer schlechter, immer, immer schlechter. Sie sind kein Mediziner, mein Herr; Sie können nicht verstehen, was in unsereinem vorgeht, besonders in den ersten Jahren, wenn man zu ahnen beginnt, daß man der Krankheit nicht Herr wird. Wo bleibt da das Selbstvertrauen! Plötzlich wird man so verzagt, daß es sich gar nicht beschreiben läßt. Es kommt einem vor, als hätte man alles vergessen, was man wußte, als vertraute einem der Kranke nicht mehr, als fingen die anderen schon an zu merken, daß man nicht mehr aus noch ein weiß, als teilten sie einem die Krankheitssymptome nur ungern mit, als blickten sie einen stirnrunzelnd an und tuschelten miteinander ‒ abscheulich! Es gibt doch bestimmt ein Mittel gegen diese Krankheit, denkt man, man muß es nur finden. Ob es das hier ist? Man versucht es ‒ nein, das ist es nicht! Man läßt der Arznei nicht mehr die Zeit, gehörig zu wirken. Man greift nach dem und jenem, versucht eins nach dem andern. Man nimmt das Rezeptbuch her. Da muß es doch stehen! denkt man. Wahrhaftig, manchmal schlägt man es aufs Geratewohl auf, vielleicht will es das Schicksal, denkt man … Und unterdessen liegt der Kranke im Sterben. Ein anderer Arzt könnte ihn vielleicht noch retten. ›Es ist eine ärztliche Beratung nötig‹, sagt man, ›ich kann die Verantwortung nicht allein auf mich nehmen.‹ Als was für ein Narr steht man in solchen Fällen da! Nun, mit der Zeit gewöhnt man sich daran, es macht einem nichts mehr aus. Stirbt der Mensch, so ist es nicht deine Schuld, du hast nach deinen Vorschriften gehandelt. Es gibt aber noch etwas, was einen besonders quält: Man sieht das blinde Vertrauen, das einem entgegengebracht wird, und fühlt selbst, daß man nicht imstande ist zu helfen. Und eben ein solches Vertrauen setzte Alexandra Andrejewnas ganze Familie in mich; sie hatten fast vergessen, daß die Tochter in Gefahr war. Ich versicherte ihnen auch meinerseits, daß es nicht schlimm sei, obwohl ich selbst allmählich allen Mut verlor. Um das Unglück voll zu machen, waren die Wege so schlecht geworden, daß der Kutscher manchmal ganze Tage unterwegs war, um eine Arznei zu holen. Ich aber kam aus dem Zimmer der Kranken gar nicht mehr heraus, ich konnte mich nicht losreißen. Ich erzählte ihr alle möglichen lustigen Geschichten, wissen Sie, und spielte Karten mit ihr. Auch die Nächte saß ich bei ihr. Die Alte dankte mir unter Tränen, während ich bei mir dachte: Ich bin deines Dankes nicht wert. Ich gestehe es Ihnen ganz offen ‒ jetzt brauche ich es ja nicht mehr zu verbergen ‒, ich hatte mich in meine Kranke verliebt. Auch Alexandra Andrejewna hing an mir. Es kam vor, daß sie niemanden zu sich ins Zimmer ließ außer mir. Sie fing an, sich mit mir zu unterhalten, sie fragte mich aus, wo ich studiert hätte, wie ich lebe, wer meine Verwandten seien, mit wem ich verkehre. Und dabei fühlte ich, daß es nicht gut für sie war, sich zu unterhalten, aber es ihr verbieten, einfach resolut verbieten, wissen Sie, das konnte ich nicht. Manchmal griff ich mir an den Kopf: Was tust du nur, du Räuber! Aber dann nahm sie meine Hand und hielt sie fest und sah mich an; lange, lange sah sie mich an, wandte sich ab, seufzte und sagte: ›Wie gut Sie sind!‹ Ihre Hände waren so heiß, ihre Augen so groß und sehnsuchtsvoll …
›Ja‹, sprach sie, ›Sie sind gut, sie sind ein lieber Mensch, nicht so wie unsere Nachbarn … Nein, Sie sind nicht so … Wie kommt es nur, daß ich Sie bisher nicht gekannt habe!‹
›Alexandra Andrejewna, beruhigen Sie sich‹, sagte ich, ›glauben Sie mir, ich fühle es, ich weiß nicht, womit ich es verdient habe … Nur beruhigen Sie sich, um Gottes willen, beruhigen Sie sich … Alles wird gut, Sie werden wieder gesund …‹
Und dabei muß ich Ihnen sagen«, fügte der Arzt hinzu, wobei er sich vorbeugte und die Brauen hochzog, »daß sie mit ihren Nachbarn wenig Umgang hatten, denn die kleinen Gutsbesitzer paßten nicht zu ihnen, und mit den reichen zu verkehren verbot ihnen ihr Stolz. Ich sage Ihnen, es war eine ungewöhnlich gebildete Familie, und so war es für mich auch sehr schmeichelhaft, wissen Sie. Die Arznei nahm sie nur aus meiner Hand … Sie richtete sich mit meiner Hilfe auf, die Ärmste, nahm die Arznei und blickte mich an … Mein Herz, das pochte nur so. Dabei ging es ihr immer schlechter, immer schlechter. Sie wird sterben, dachte ich, sie wird ganz bestimmt sterben. Ob Sie es glauben, ich hätte mich lieber selber ins Grab gelegt. Und die Mutter, die Schwestern beobachteten alles, sahen mir in die Augen ‒ und das Vertrauen schwand.
›Nun? Wie ist es?‹
›Nichts, nichts Besonderes.‹
Aber was heißt da nichts, man konnte den Verstand dabei verlieren!
So sitze ich eines Nachts, wieder allein, bei der Kranken. Das Stubenmädchen sitzt auch da und schnarcht aus Leibeskräften. Nun ja, dem unglückseligen Mädchen konnte man es nicht übelnehmen, sie rackerte sich auch ab. Alexandra Andrejewna hatte sich schon den ganzen Abend gar nicht wohl gefühlt, das Fieber quälte sie. Bis Mitternacht warf sie sich fortwährend hin und her; endlich schien sie eingeschlafen zu sein, wenigstens bewegte sie sich nicht mehr und lag still. Vor dem Heiligenbild in der Ecke brannte das Ewige Lämpchen. Ich sitze da, wissen Sie, lasse den Kopf hängen und nicke schließlich auch ein. Plötzlich ist mir, als hätte mich jemand in die Seite gestoßen, ich wende mich um ‒ Herr mein Gott! Alexandra Andrejewna starrte mich mit großen Augen an, die Lippen standen offen, die Wangen glühten.
›Was ist Ihnen?‹
›Doktor, nicht wahr, ich muß sterben?‹
›Gott bewahre!‹
›Nein, Doktor, nein, bitte, sagen Sie mir nicht, daß ich am Leben bleiben werde … Sagen Sie es nicht … Wenn Sie wüßten … Hören Sie, verbergen Sie mir um Gottes willen meinen Zustand nicht!‹ Und dabei atmet sie ganz hastig. ›Wenn ich genau weiß, daß ich sterben muß, dann werde ich Ihnen alles sagen, alles!‹
›Alexandra Andrejewna, ich bitte Sie!‹
›Hören Sie, ich habe doch gar nicht geschlafen, ich habe Sie nur immerzu angesehen … Um Gottes willen, ich glaube Ihnen, Sie sind ein guter Mensch, ein ehrlicher Mensch, ich beschwöre Sie bei allem, was es Heiliges auf der Welt gibt, sagen Sie mir die Wahrheit! Wenn Sie wüßten, wie wichtig das für mich ist. Doktor, sagen Sie mir um Gottes willen: Bin ich in Gefahr?‹
›Was soll ich Ihnen sagen, Alexandra Andrejewna, ich bitte Sie!‹
›Ich flehe Sie an, um Gottes willen!‹
›Ich kann es Ihnen nicht verhehlen, Alexandra Andrejewna, Sie sind wirklich in Gefahr, aber Gott ist barmherzig.‹
›Ich werde also sterben, ich werde sterben.‹ Es war, als freue sie sich, ihr Gesicht heiterte sich auf. Ich erschrak. ›Nein, fürchten Sie nichts, fürchten Sie nichts, mich schreckt der Tod gar nicht.‹ Sie richtete sich plötzlich auf und stützte sich auf den Ellbogen. ›Jetzt … nun, jetzt kann ich Ihnen sagen, daß ich Ihnen von ganzem Herzen dankbar bin, daß Sie ein guter, lieber Mensch sind, daß ich Sie liebe.‹ Ich sah sie an wie ein Irrer, mir graute, wissen Sie. ›Hören Sie denn nicht, ich liebe Sie!‹
›Alexandra Andrejewna, womit habe ich das verdient?‹
›Nein, nein, Sie verstehen mich nicht … du verstehst mich nicht.‹
Und plötzlich streckte sie die Arme aus, schlang sie um meinen Kopf und küßte mich … Ob Sie es glauben, ich hätte beinahe aufgeschrien. Ich warf mich auf die Knie und barg meinen Kopf in ihr Kissen. Sie schwieg; ihre Finger zitterten auf meinem Haar; ich hörte, daß sie weinte. Ich tröstete sie, redete ihr zu, ich weiß wirklich nicht mehr, was ich ihr alles gesagt habe.
›Sie werden das Mädchen aufwecken, Alexandra Andrejewna‹, sagte ich. ›Ich danke Ihnen … Glauben Sie mir … Beruhigen Sie sich …‹
›Ach, laß doch, laß doch‹, antwortete sie, ›Gott mit ihnen, mögen sie aufwachen, mögen sie kommen, das ist mir gleich, ich werde ja doch sterben. Warum bist du denn so verzagt, wovor fürchtest du dich? Heb den Kopf ‒ oder lieben Sie mich vielleicht gar nicht, habe ich mich vielleicht getäuscht? In diesem Fall, bitte verzeihen Sie mir.‹
›Alexandra Andrejewna, was sagen Sie da! Ich liebe Sie, Alexandra Andrejewna!‹
Sie sah mir fest in die Augen und breitete die Arme aus.
›So umarme mich!‹
Ich sage Ihnen offen: Ich verstehe nicht, daß ich in jener Nacht nicht den Verstand verloren habe. Ich fühle, daß sich meine Kranke selber zugrunde richtet; ich sehe, daß sie nicht ganz bei Sinnen ist; ich begreife auch, daß sie, wenn sie sich nicht dem Tode geweiht wüßte, gar nicht an mich denken würde. Denn nicht wahr, es ist doch schrecklich, mit fünfundzwanzig Jahren sterben zu müssen, ohne je einen Menschen geliebt zu haben. Denn das war es doch, was sie quälte, und nur deswegen, aus Verzweiflung, klammerte sie sich an mich. Verstehen Sie jetzt? Nun, sie ließ mich nicht aus ihren Armen.
›Schonen Sie mich, Alexandra Andrejewna, und schonen Sie auch sich selbst‹, sagte ich.
›Wozu‹, sagte sie, ›weshalb schonen? Ich muß ja doch sterben.‹ Das wiederholte sie unablässig. ›Ja, wenn ich wüßte, daß ich am Leben bleiben und wieder ein ehrsames Fräulein sein würde, dann würde ich mich schämen, wirklich schämen, aber so?‹
›Und wer hat Ihnen gesagt, daß Sie sterben werden?‹
›Ach, nicht, hör auf, du täuschst mich nicht, du verstehst nicht zu lügen, sieh dich nur selber an!‹
›Sie werden leben, Alexandra Andrejewna, ich werde Sie wieder gesund machen. Dann wollen wir Ihre Mutter um ihren Segen bitten, wir werden uns für immer verbinden und glücklich sein.‹
›Nein, nein, ich habe Ihr Wort, daß ich sterben muß. Du hast es mir versprochen, du hast es mir gesagt.‹
Mir war schwer ums Herz, aus mehr als einem Grunde. Urteilen Sie selbst: Es sind zuweilen so belanglose Dinge, die man erlebt, es hat anscheinend gar nichts zu bedeuten, aber es tut doch weh. Es fiel ihr plötzlich ein, mich nach meinem Namen zu fragen, nicht nach dem Familiennamen, sondern nach dem Vornamen. Nun will es doch das Unglück, daß ich Trifon heiße. Jawohl, ja, Trifon, Trifon Iwanytsch. Im Hause nannten mich alle nur Doktor. Da half nun nichts, ich sagte also: ›Trifon, gnädiges Fräulein.‹ Sie blinzelte, schüttelte den Kopf und flüsterte etwas auf französisch, ach, es war wohl nichts Gutes, und dann lachte sie, das war auch nicht schön. So verbrachte ich fast die ganze Nacht bei ihr. Frühmorgens verließ ich sie, ganz benommen, und kam erst am Tag, nach dem Tee, wieder zu ihr ins Zimmer. Mein Gott, mein Gott! Sie war nicht wiederzuerkennen: vom Tode gezeichnet. Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, ich verstehe jetzt nicht mehr, ich verstehe absolut nicht, wie ich diese Folter ausgehalten habe. Drei Tage und drei Nächte hielt sich meine Kranke noch am Leben ‒ und was waren das für Nächte! Was hat sie mir nicht alles gesagt! … Und in der letzten Nacht, stellen Sie sich vor, sitze ich neben ihr und bitte Gott nur um eines: Nimm sie recht bald zu dir und mich gleich mit dazu! Da tritt plötzlich die alte Mutter ins Zimmer. Ich hatte ihr, der Mutter, schon am Abend gesagt, daß wenig Hoffnung sei und daß es wohl gut wäre, den Geistlichen zu holen. Sowie die Kranke ihre Mutter erblickte, sagte sie:
›Ja, es ist gut, daß du kommst. Da, sieh uns an, wir lieben uns, wir haben einander das Wort gegeben.‹
›Was sagt sie, Doktor, was hat sie?‹
Ich erstarrte.
›Sie phantasiert‹, sagte ich, ›es ist das Fieber.‹
Darauf sie:
›Hör auf, hör auf, du hast mir soeben etwas ganz anderes gesagt, und den Ring hast du von mir genommen … Warum verstellst du dich? Meine Mutter ist gut, sie wird uns verzeihen, sie wird verstehen, und ich, ich sterbe doch ‒ ich brauche nicht zu lügen. Gib mir die Hand …‹
Ich sprang auf und stürzte hinaus. Die Alte erriet natürlich alles.
Ich will Sie jedoch nicht länger ermüden, es ist auch für mich selbst schwer genug, offen gestanden, mich an all das zu erinnern. Meine Kranke verschied am folgenden Tag. Das Himmelreich sei ihr beschieden!« setzte der Arzt hastig und mit einem Seufzer hinzu. »Vor ihrem Tode bat sie ihre Angehörigen, hinauszugehen und mich mit ihr allein zu lassen. ›Vergeben Sie mir‹, sagte sie, ›ich bin vielleicht schuldig vor Ihnen … Die Krankheit … Aber, glauben Sie mir, ich habe nie jemanden mehr geliebt als Sie … Vergessen Sie mich nicht … und bewahren Sie meinen Ring …‹«
Der Arzt wandte sich ab; ich nahm ihn bei der Hand.
»Ach ja«, sagte er, »sprechen wir von etwas anderem, oder hätten Sie Lust, eine Partie Preference mit kleinem Einsatz zu spielen? Unsereiner, wissen Sie, soll sich nicht so erhabenen Gefühlen hingeben. Unsereins hat nur daran zu denken, daß die Kinder nicht schreien und die Frau nicht schimpft. Seit jener Zeit bin ich nämlich, wie man so sagt, eine gesetzliche Ehe eingegangen … Nun ja, ich habe eine Kaufmannstochter geheiratet: siebentausend Mitgift. Sie heißt Akulina, das paßt zu Trifon. Ich muß Ihnen sagen, ein böses Weib, aber zum Glück schläft sie den ganzen Tag … Also, wie wär's mit einer Partie Preference?«
Wir setzten uns zum Spiel, die Partie um eine Kopeke. Trifon lwanytsch gewann mir zwei und einen halben Rubel ab und ging spät fort, sehr zufrieden mit seinem Sieg.
Im Herbst, um die Mitte des September, saß ich einmal in einem Birkenwäldchen. Seit dem frühen Morgen fiel ein feiner Regen, der zeitweilig mit warmem Sonnenschein abwechselte; das Wetter war unbeständig. Bald überzog sich der Himmel mit lockerem weißem Gewölk, bald klärte er sich plötzlich stellenweise für einen Augenblick auf, und dann zeigte sich zwischen den auseinandergeschobenen Wolken das klare, heitere Blau wie ein herrliches Auge. Ich saß da, blickte um mich und lauschte. Die Blätter rauschten leise über meinem Kopf; schon an ihrem Rauschen konnte man erkennen, welche Jahreszeit war. Es war nicht das fröhliche, lachende Beben des Frühlings, nicht das sanfte Geflüster, das lange Gemurmel des Sommers, nicht das spröde und kalte Stammeln des Spätherbstes, sondern ein kaum hörbares, schläfriges Geplauder. Ein schwacher Wind strich fast unmerklich durch die Wipfel. Das Innere des regenfeuchten Wäldchens veränderte sich fortwährend, je nachdem, ob die Sonne schien oder eine Wolke sie verhüllte; zuweilen leuchtete es auf, als beginne alles in ihm zu lächeln. Die dünnen Stämme der nicht allzu dicht stehenden Birken nahmen unversehens den zarten Glanz von weißer Seide an, die auf dem Erdboden liegenden zierlichen Blätter färbten sich mit einemmal bunt und funkelten wie Dukatengold, die schönen Wedel der hohen, gekräuselten Farne, die sich schon mit ihrer Herbstfarbe geschmückt hatten, die der Farbe überreifer Weintrauben gleicht, waren von Licht durchflimmert und kreuzten und verwirrten sich vor dem Blick; dann bekam plötzlich alles ringsum einen bläulichen Ton: Die hellen Farben erloschen jäh, die Birken standen ganz weiß und ohne Glanz da, weiß wie frischgefallener Schnee, den der kalt spielende Strahl der Wintersonne noch nicht berührt hat; und heimlich, verstohlen begann der feine Regen durch den Wald zu rieseln und zu flüstern. Das Laub an den Birken war noch fast grün, obwohl schon merklich verblichen; nur hier und da stand ein einzelnes junges Bäumchen ganz rot oder ganz golden dazwischen, und man muß einfach gesehen haben, wie es in der Sonne grell aufflammte, wenn ihre Strahlen plötzlich, gleitend und alles färbend, durch das dichte Netz der dünnen Zweige drangen, die der blinkende Regen soeben gewaschen hatte. Nicht ein einziger Vogel war zu hören: Alle hatten sich verkrochen und waren verstummt; nur bisweilen erklang wie ein stählernes Glöckchen die spöttische Stimme einer Meise. Bevor ich in diesem Birkenwäldchen haltmachte, war ich mit meinem Hund durch einen hohen Espenhain gewandert. Ich muß gestehen, ich liebe diesen Baum ‒ die Espe ‒ nicht übermäßig, diesen Baum mit seinem blaßlila Stamm und seinem graugrünen metallisch glänzenden Laub, das er so weit wie möglich emporreckt und wie einen zitternden Fächer in der Luft entfaltet; ich liebe das ewige Geschaukel seiner runden, unregelmäßigen Blätter nicht, die so plump an den langen Stielen sitzen. Schön sieht die Espe nur an manchen Sommerabenden aus, wenn sie, einzeln aus niedrigem Gebüsch aufragend, von den brandroten Strahlen der untergehenden Sonne getroffen wird und, von der Wurzel bis zum Gipfel gleichmäßig mit rötlichgelbem Licht übergossen, leuchtet und zittert oder wenn sie sich an einem klaren, windigen Tag vor dem blauen Himmel rauschend in die Windströmung schmiegt und jedes ihrer Blätter, von diesem Drang ergriffen, sich losreißen, davonflattern und in die Ferne treiben zu wollen scheint. Aber im allgemeinen liebe ich diesen Baum nicht, und darum hatte ich auch nicht in dem Espenhain haltgemacht, um zu rasten, sondern war bis zu dem Birkenwäldchen weitergegangen, hatte mich unter einem Baum niedergelassen, dessen Äste dicht über dem Erdboden ansetzten und mich folglich vor dem Regen schützen konnten, und war, nachdem ich den Anblick der mich umgebenden Landschaft genossen hatte, in jenen sorglosen und sanften Schlaf gesunken, den nur die Jäger kennen.
Ich kann nicht sagen, wie lange ich geschlafen habe, aber als ich die Augen aufschlug, war das Innere des Waldes ganz von Sonne erfüllt, und überall schimmerte und funkelte durch das freudig rauschende Laub der leuchtendblaue Himmel; die Wolken waren verschwunden, vom auffrischenden Wind vertrieben; das Wetter hatte sich aufgeklärt, und in der Luft spürte man jene besondere trockene Frische, die das Herz mit Munterkeit erfüllt und fast immer einen friedlichen und klaren Abend nach einem regnerischen Tag ankündigt. Ich wollte schon aufstehen und von neuem mein Jagdglück versuchen, als meine Augen plötzlich an einer regungslosen menschlichen Gestalt hängenblieben. Ich sah genauer hin: Es war ein junges Bauernmädchen. Sie saß zwanzig Schritt von mir entfernt, hatte den Kopf sinnend gebeugt und beide Hände in den Schoß sinken lassen; in der einen, halb geöffneten Hand lag ein dicker Strauß Feldblumen, der bei jedem ihrer Atemzüge immer mehr auf den gewürfelten Rock hinabglitt. Das saubere weiße Hemd, das am Hals und an den Handgelenken zugeknöpft war, schmiegte sich in kurzen, weichen Falten um ihren Körper; große gelbe Glasperlen hingen in zwei Schnüren von ihrem Hals auf die Brust hinab. Sie war sehr hübsch. Ihr dichtes, helles Haar, das von wunderschöner aschblonder Farbe war, trat in zwei sorgfältig gekämmten Halbkreisen unter einem schmalen hellroten Band hervor, das fast bis in die Stirn gezogen war, die weiß war wie Elfenbein; der übrige Teil ihres Gesichtes wies jene ganz leichte goldene Sonnenbräune auf, die nur eine zarte Haut annimmt. Ihre Augen konnte ich nicht sehen ‒ sie hob die Lider nicht, aber deutlich sah ich ihre schmalen, hohen Brauen, ihre langen Wimpern: Sie waren feucht, und auf einer ihrer Wangen glänzte in der Sonne die ausgetrocknete Spur einer Träne, die erst an den leicht erblaßten Lippen haltgemacht hatte. Ihr ganzes Köpfchen sah lieblich aus; selbst die etwas zu dicke und runde Nase verdarb den Eindruck nicht. Besonders gefiel mir der Ausdruck ihres Gesichtes: Er war so offen und sanft, so traurig und so voll kindlicher Ratlosigkeit der eigenen Traurigkeit gegenüber. Offenbar wartete sie auf jemanden. Im Wald knackte etwas leise. Sofort hob sie den Kopf und sah sich um; in dem durchsichtigen Schatten erglänzten ihre Augen vor mir, große, helle, scheue Augen wie die einer Hindin. Ein paar Augenblicke lauschte sie, ohne die weit geöffneten Augen von der Richtung abzuwenden, aus der das schwache Geräusch gekommen war; dann seufzte sie, drehte still den Kopf, beugte sich noch tiefer hinab als zuvor und begann langsam die Blumen zu ordnen. Ihre Augenlider röteten sich, die Lippen zuckten schmerzlich, und eine neue Träne rollte unter den dichten Wimpern hervor und blieb, hell blinkend, an der Wange hängen. So verging eine ganze Weile; das arme Mädchen rührte sich nicht, nur hin und wieder rang sie sehnsüchtig die Hände und lauschte, lauschte nur immer … Wieder raschelte etwas im Wald ‒ sie schreckte hoch. Das Geräusch erstarb nicht, es wurde deutlicher, näherte sich, und schließlich hörte man feste, eilige Schritte. Sie richtete sich auf und schien befangen zu werden; ihr aufmerksamer Blick zitterte und erglühte vor Erwartung. Zwischen dem Gesträuch sah man rasch die Gestalt eines Mannes auftauchen. Das Mädchen blickte unverwandt zu ihm hin, errötete jäh, lächelte froh und glücklich, wollte aufstehen und sank doch gleich wieder in sich zusammen, erblaßte, wurde verwirrt und hob den bebenden, beinahe flehenden Blick erst dann zu dem herankommenden Mann empor, als dieser neben ihr stehenblieb.
Neugierig betrachtete ich ihn aus meinem Hinterhalt. Ich muß gestehen, er machte auf mich keinen guten Eindruck. Es war allen Anzeichen nach der verwöhnte Kammerdiener eines jungen, reichen Gutsherrn. Seine Kleidung verriet die Absicht, Geschmack und eine stutzerhafte Nachlässigkeit zu zeigen: Er trug einen kurzen, bis oben zugeknöpften bronzefarbenen Paletot, der sicherlich einst im Schrank des Gutsherrn gehangen hatte, eine rosa Halsbinde mit lila Enden und eine Schirmmütze aus schwarzem Samt mit goldenen Litzen, die tief in die Stirn gezogen war. Der runde Kragen seines weißen Hemdes rieb ihm unbarmherzig die Ohren und schnitt ihm in die Backen, und die gestärkten Manschetten bedeckten die ganze Hand bis zu den roten, krummen Fingern, an denen silberne und goldene Ringe mit Vergißmeinnichtblüten aus Türkisen prangten. Sein rotbäckiges, frisches und freches Gesicht gehörte zu den Gesichtern, die, soviel ich habe beobachten können, bei Männern fast immer Widerwillen hervorrufen und den Frauen leider sehr oft gefallen. Er bemühte sich offensichtlich, seinen groben Zügen einen verächtlichen und gelangweilten Ausdruck zu geben; fortwährend kniff er seine ohnehin winzigen, milchiggrauen Augen zusammen, runzelte die Stirn, zog die Mundwinkel herab und gähnte gezwungen; mit achtloser, jedoch nicht ganz gekonnter Lässigkeit glättete er seine rotblonden, eitel geringelten Schläfenhaare oder zupfte an den gelben Härchen, die auf seiner dicken Oberlippe sprossen ‒ kurz, er benahm sich unerträglich albern und affektiert, und zwar erst, seitdem er das junge Bauernmädchen erblickt hatte, das ihn erwartete. Langsam, mit wiegendem Schritt näherte er sich ihr, blieb ein Weilchen vor ihr stehen, zuckte die Achseln, steckte beide Hände in die Taschen seines Paletots und ließ sich, das arme Mädchen kaum eines flüchtigen und gleichgültigen Blickes würdigend, auf die Erde nieder.
»Na«, begann er, während er noch immer zur Seite blickte, mit dem Fuß wippte und gähnte, »bist du schon lange hier?«
Das Mädchen vermochte ihm nicht gleich zu antworten.
»Ja, schon lange, Wiktor Alexandrytsch«, sagte sie schließlich mit kaum hörbarer Stimme.
»Aha!« Er nahm die Mütze ab, fuhr sich mit großspuriger Gebärde über das dichte, stark gewellte Haar, das fast unmittelbar über den Brauen ansetzte, blickte würdevoll um sich und bedeckte dann wieder behutsam sein kostbares Haupt. »Und ich hätte es beinahe ganz vergessen. Dazu noch der Regen!« Er gähnte wieder. »Ich habe noch eine Unmenge zu tun; auf alles kann man einfach nicht achten, und der schimpft auch noch. Morgen fahren wir …«
»Morgen?« brachte das Mädchen hervor und richtete den erschrockenen Blick auf ihn.
»Ja, morgen … Na, na, na, ich bitte dich«, unterbrach er sich schnell und ärgerlich, als er sah, daß sie am ganzen Körper zitterte und langsam den Kopf senkte, »bitte, Akulina, weine nicht. Du weißt, ich kann das nicht leiden.« Dabei rümpfte er seine stumpfe Nase. »Sonst gehe ich gleich fort … Was sind das für Dummheiten ‒ zu heulen!«
»Ich weine nicht, ich weine nicht«, sagte Akulina schnell und schluckte mühsam ihre Tränen hinunter. »Also morgen fahren Sie?« fügte sie nach einem kurzen Schweigen hinzu. »Wann wird Gott es fügen, daß wir uns wiedersehen, Wiktor Alexandrytsch?«
»Wir werden uns schon wiedersehen. Wenn nicht nächstes Jahr, dann eben später. Der Herr will, glaube ich, in Petersburg in den Staatsdienst treten«, fuhr er fort, indem er die einzelnen Wörter nachlässig und ein wenig durch die Nase aussprach, »aber vielleicht reisen wir auch ins Ausland.«
»Sie werden mich vergessen, Wiktor Alexandrytsch«, sagte Akulina traurig.
»Nein, weshalb denn? Ich werde dich nicht vergessen: Sei du nur vernünftig, mach keine Dummheiten, gehorche deinem Vater … Ich werde dich nicht vergessen, nein, nein.« Und er reckte sich seelenruhig und gähnte wieder.
»Vergessen Sie mich nicht, Wiktor Alexandrytsch«, fuhr sie flehend fort, »ich habe Sie doch so geliebt, ich habe doch alles für Sie … Sie sagen, ich soll meinem Vater gehorchen, Wiktor Alexandrytsch … Aber wie soll ich denn dem Vater gehorchen …«
»Was denn sonst?«
Diese Worte klangen, als kämen sie aus seinem Magen; er lag auf dem Rücken und hatte die Hände unter den Kopf gelegt.
»Wie soll ich denn … Wiktor Alexandrytsch, Sie wissen selbst …«
Sie verstummte. Wiktor spielte mit seiner stählernen Uhrkette.
»Du bist doch ein gescheites Mädchen, Akulina«, fing er endlich wieder an, »darum rede keinen Unsinn. Ich will dein Bestes, verstehst du mich? Natürlich, du bist doch nicht dumm, nicht durch und durch Bäuerin, sozusagen; und deine Mutter war ja auch nicht immer Bäuerin. Aber du hast doch immerhin keine Bildung ‒ also mußt du gehorchen, wenn man dir etwas sagt.«
»Ich habe solche Angst, Wiktor Alexandrytsch.«
»I, so ein Unsinn, mein liebes Kind: Wovor denn Angst? Was hast du da?« fügte er hinzu und rückte näher an sie heran. »Blumen?«
»Ja, Blumen«, antwortete Akulina niedergeschlagen. »Ich habe da Rainfarn gepflückt«, fuhr sie etwas lebhafter fort, »der ist gut für die Kälber. Und das hier ist Zweizahn ‒ der ist gegen Skrofeln. Und sehen Sie mal, was das für ein wunderhübsches Blümchen ist; so ein hübsches Blümchen habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Das hier sind Vergißmeinnicht, und das sind Veilchen … Und das hier habe ich für Sie gepflückt«, fügte sie hinzu und holte unter dem gelben Rainfarn ein kleines Sträußchen blauer Kornblumen hervor, die mit einem dünnen Grashalm zusammengebunden waren. »Wollen Sie es?«
Wiktor streckte träge die Hand aus, nahm es, roch lässig an den Blumen und begann sie zwischen den Fingern hin und her zu drehen, wobei er mit gedankenvoller Großspurigkeit zum Himmel schaute. Akulina sah ihn an … In ihrem traurigen Blick lag soviel zärtliche Hingabe, soviel andächtige Ergebenheit und Liebe. Aber sie fürchtete ihn auch und wagte nicht zu weinen, und sie nahm doch Abschied von ihm und freute sich zum letztenmal an seinem Anblick; er aber lag da, rekelte sich wie ein Sultan und ertrug mit großmütiger Geduld und Herablassung ihre Anbetung. Ich gestehe es, mit tiefem Unwillen betrachtete ich sein rotes Gesicht, auf dem durch die aufgesetzt-verächtliche Gleichgültigkeit eine befriedigte, übersättigte Eigenliebe hindurchblickte. Akulina war wunderschön in diesem Augenblick: Ihr ganzes Herz öffnete sich ihm vertrauensvoll und leidenschaftlich, strebte zu ihm, liebkoste ihn, und er … Er ließ die Kornblumen ins Gras fallen, holte aus der Seitentasche seines Paletots ein kleines rundes Glas hervor, das in Bronze gefaßt war, und versuchte, es sich ins Auge zu klemmen, aber wie sehr er sich auch mühte, es mit der zusammengekrampften Braue, der emporgezogenen Wange und sogar mit der Nase festzuhalten ‒ das Glas rutschte immer wieder heraus und fiel ihm in die Hand.
»Was ist das?« fragte endlich die erstaunte Akulina.
»Ein Lorgnon«, antwortete er wichtigtuerisch.
»Wozu ist das?«
»Um besser zu sehen.«
»Zeigen Sie mal.«
Wiktor runzelte die Stirn, gab ihr aber das Einglas.
»Zerbrich es nicht, gib acht.«
»Haben Sie keine Angst, ich zerbreche es nicht.« Sie hob es zaghaft ans Auge. »Ich sehe nichts«, sagte sie unschuldig.
»Du mußt doch das Auge zukneifen«, erwiderte er im Ton eines unzufriedenen Schulmeisters. Sie kniff das Auge zu, vor das sie das Glas hielt. »Doch nicht das Auge, nicht das, du Dumme! Das andere!« rief Wiktor, und ohne ihr Zeit zu lassen, ihren Fehler zu berichtigen, nahm er ihr das Monokel weg.
Akulina errötete, lachte ein wenig und wandte sich ab.
»Das ist wohl nichts für uns«, sagte sie.
»Das fehlte auch noch!«
Das arme Kind schwieg eine Weile und seufzte dann wieder.
»Ach, Wiktor Alexandrytsch, wie werde ich es ohne Sie aushalten!« sagte sie plötzlich.
Wiktor putzte das Monokel mit dem Schoß seines Paletots und steckte es wieder in die Tasche.
»Na ja«, meinte er endlich, »anfangs wird es schwer für dich sein, sicher.«
Er tätschelte herablassend ihre Schulter; sie nahm behutsam seine Hand von ihr weg und küßte sie zaghaft.
»Nun ja doch, du bist wirklich ein gutes Mädchen«, fuhr er fort und lächelte selbstgefällig, »aber was soll man machen? Sag doch selbst! Ich und der Herr, wir können doch nicht hierbleiben; jetzt wird es bald Winter, und im Winter ist es auf dem Lande einfach gräßlich, das weißt du selbst. In Petersburg dagegen! Dort gibt es solche Wunderdinge, wie du Dumme sie dir nicht einmal im Traum vorstellen kannst. Häuser gibt es da und Straßen, und dann die Gesellschaft, die Bildung ‒ einfach zum Staunen!«
Akulina hörte ihm mit gieriger Aufmerksamkeit zu und öffnete dabei leicht die Lippen, wie ein Kind.
»Übrigens«, fügte er hinzu und wälzte sich auf die andere Seite, »wozu erzähle ich dir das alles? Du kannst es ja doch nicht verstehen.«
»Warum denn nicht, Wiktor Alexandrytsch? Ich habe es verstanden, ich habe alles verstanden.«
»Sieh mal an, was du für eine bist!«
Akulina schlug die Augen nieder.
»Früher haben Sie nicht so mit mir gesprochen, Wiktor Alexandrytsch«, sagte sie, ohne aufzublicken.
»Früher? … Früher! Sieh mal an! … Früher!« bemerkte er, gleichsam entrüstet.
Sie schwiegen beide.
»Aber es ist Zeit für mich zu gehen«, sagte Wiktor und wollte sich schon auf den Ellbogen stützen.
»Warten Sie noch ein bißchen«, bat Akulina in flehendem Ton.
»Weshalb warten? … Ich habe mich ja schon von dir verabschiedet.«
»Warten Sie noch«, wiederholte Akulina.
Wiktor legte sich wieder hin und begann zu pfeifen. Akulina ließ kein Auge von ihm. Ich konnte bemerken, daß sie immer mehr in Erregung geriet: Um ihre Lippen zuckte es, ihre blassen Wangen röteten sich leicht …
»Wiktor Alexandrytsch«, fing sie endlich mit stockender Stimme an, »es ist eine Sünde von Ihnen … es ist eine Sünde, Wiktor Alexandrytsch, weiß Gott!«
»Was ist denn eine Sünde?« fragte er mit gerunzelten Brauen, hob ein wenig den Kopf und drehte ihn zu ihr.
»Es ist eine Sünde, Wiktor Alexandrytsch. Wenn Sie mir wenigstens ein gutes Wort zum Abschied gesagt hätten; wenn Sie mir wenigstens ein Wörtchen gesagt hätten, mir armen Verlassenen …«
»Was soll ich dir denn sagen?«
»Ich weiß es nicht; das müssen Sie besser wissen, Wiktor Alexandrytsch. Da fahren Sie nun fort, und nicht einmal ein Wort … Womit habe ich das verdient?«
»Wie komisch du bist! Was soll ich denn?«
»Wenigstens ein Wort …«
»Du leierst immer ein und dasselbe her«, sagte er ärgerlich und stand auf.
»Seien Sie nicht böse, Wiktor Alexandrytsch«, fügte sie hastig hinzu und konnte die Tränen kaum noch zurückhalten.
»Ich bin nicht böse, aber du bist dumm … Was willst du denn? Ich kann dich doch nicht heiraten? Das kann ich doch nicht. Also, was willst du dann noch? Was denn?«
Die Finger spreizend, wandte er ihr sein Gesicht zu und schob den Kopf vor, als erwarte er eine Antwort.
»Nichts … nichts will ich«, antwortete sie stockend und wagte kaum, ihre zitternden Hände nach ihm auszustrecken, »nur ein Wort wenigstens zum Abschied …«
Und nun flossen ihre Tränen in Strömen.
»Na, das dachte ich mir, jetzt geht das Heulen los«, sagte Wiktor kalt und schob sich die Mütze auf die Augen.
»Ich will ja gar nichts«, fuhr sie schluchzend fort und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, »aber wie habe ich es denn jetzt zu Hause, wie habe ich es denn? Und was soll denn mit mir werden, was wird mit mir armem Wesen geschehen? Einem Mann, den ich nicht liebe, wird man mich Verlassene geben … Ich armes Geschöpf!«
»Heul nur, immer heule«, murmelte Wiktor und trat von einem Fuß auf den andern.
»Wenn er wenigstens ein Wort, wenigstens eins … Akulina, hätte er sagen können, ich …«
Ein plötzliches, herzzerreißendes Schluchzen ließ sie nicht zu Ende sprechen ‒ sie warf sich mit dem Gesicht ins Gras und weinte, weinte bitterlich … Ihr ganzer Körper bebte krampfhaft, ihr Nacken hob und senkte sich schnell … Der lange zurückgehaltene Schmerz strömte endlich über. Wiktor stand eine Zeitlang vor ihr, zuckte die Achseln, drehte sich um und ging mit großen Schritten davon.
Es vergingen einige Augenblicke … Sie wurde stiller, hob den Kopf, sprang auf, sah sich um und schlug die Hände zusammen, sie wollte ihm nachlaufen, aber ihre Füße gehorchten ihr nicht ‒ sie fiel auf die Knie … Ich konnte mich nicht mehr halten und eilte auf sie zu, doch kaum hatte sie mich erblickt, kehrten ihr, wer weiß woher, die Kräfte zurück; sie erhob sich mit einem schwachen Aufschrei und verschwand hinter den Bäumen; die verstreuten Blumen ließ sie auf der Erde liegen.
Ich blieb eine Weile stehen, hob dann das Kornblumensträußchen auf und ging aus dem Wald hinaus aufs freie Feld. Die Sonne stand niedrig am blassen, klaren Himmel, und ihre Strahlen schienen ebenfalls blaß und kalt geworden zu sein: Sie leuchteten nicht, sie verbreiteten ein gleichmäßiges, fast wässeriges Licht. Bis zum Anbruch des Abends blieb nicht länger als eine halbe Stunde, das Abendrot erglomm bereits. Ein böiger Wind jagte mir über das gelbe, ausgedörrte Stoppelfeld entgegen; kleine, zusammengekrümmte Blätter wirbelten eilig vor ihm auf und trieben an mir vorbei, über die Straße, am Waldrand entlang; die Seite des Waldes, die wie eine Wand dem Feld zugekehrt war, zitterte und glitzerte in feinem Geflimmer ‒ deutlich, aber nicht grell; im rötlichen Gras, an den Halmen, an den Stoppeln funkelten und bebten zahllose herbstliche Spinngewebe. Ich blieb stehen … Mir wurde traurig ums Herz: Hinter dem wehmütigen, wenn auch noch frischen Lächeln der welkenden Natur schien sich die trostlose Furcht vor dem nicht mehr fernen Winter zu verbergen. Hoch über mir flog, mit schwerem, scharfem Flügelschlag die Luft durchschneidend, ein wachsamer Rabe dahin; er wandte den Kopf, sah mich von der Seite an, schwang sich empor und verschwand mit abgerissenem Krächzen hinter dem Wald; ein großer Schwarm Tauben kam in schnellem Flug von der Tenne, drehte sich zu einem Wirbel und zerstreute sich dann emsig über das Feld ‒ ein Zeichen des Herbstes! Hinter einem kahlen Hügel fuhr jemand vorbei, der leere Wagen ratterte laut …
Ich war nach Hause zurückgekehrt, aber das Bild der armen Akulina ging mir lange nicht aus dem Sinn, und ihre Kornblumen, die schon längst verwelkt sind, bewahre ich noch heute …
Passa que'colli e vieni allegramente;Non ti curar di tanta compagnia ‒Vieni, pensando a me segretamente ‒Ch'io t'accompagna per tutta la via.
Nirgendwohin pflegte ich im Laufe eines Jahres so häufig zur Jagd zu fahren wie nach Glinnoje, einem Dorf, zwanzig Werst von meinem Landgut entfernt. Jene Gegend hatte den wohl besten Wildbestand in unserem gesamten Kreis aufzuweisen. Wenn ich alle umliegenden Gebüsche und Felder durchstreift hatte, suchte ich gegen Abend unweigerlich das benachbarte Moor auf, fast das einzige in der Gegend, und kehrte von dort aus zu meinem gastfreundlichen Wirt, dem Starosten von Glinnoje, zurück, bei dem ich jedesmal abstieg. Von dem Moor bis nach Glinnoje waren es nicht mehr als zwei Werst. Der Weg führte die ganze Zeit durch flaches Gelände; nur auf halber Strecke mußte man einen niedrigen Hügel überqueren. Oben auf diesem Hügel lag ein Anwesen, das aus einem unbewohnten kleinen Herrenhaus und einem Garten bestand. Fast immer traf es sich, daß ich dort gerade dann vorüberkam, wenn das Abendrot in voller Pracht erglühte, und ich weiß noch, daß dieses Haus mit seinen dicht zugenagelten Fenstern auf mich stets den Eindruck eines blinden Greises machte, der herausgetreten ist, um sich in der Sonne zu wärmen. Nahe dem Weg sitzt er, der Ärmste. Längst hat für ihn ewige Finsternis den Glanz der Sonne abgelöst, aber er spürt ihn wenigstens auf dem emporgereckten Gesicht, auf den warm gewordenen Wangen. In dem Haus selbst schien schon lange niemand mehr zu wohnen. Doch in dem winzigen Nebengebäude auf dem Hof lebte ein alter, gebrechlicher Freigelassener, ein großer, krummer und weißhaariger Mann mit scharf ausgeprägten, aber unbewegten Gesichtszügen. Er saß jedesmal auf einer Bank vor dem einzigen kleinen Fenster des Nebengebäudes und starrte kummervoll und gedankenverloren in die Ferne. Wenn er mich gewahrte, erhob er sich ein wenig von seinem Platz und verbeugte sich mit jener gravitätischen Langsamkeit, welche für das alte Gesinde bezeichnend war, das schon nicht mehr zur Generation unserer Väter, sondern zu der unserer Großväter gehörte. Ich versuchte mich mit ihm zu unterhalten, aber er war nicht sehr gesprächig. Ich erfuhr von ihm lediglich, daß das Anwesen, in dem er wohnte, Besitz der Enkelin seines ehemaligen Herrn war, einer Witwe, die noch eine jüngere Schwester hatte, daß die beiden in der Stadt und im Ausland lebten und sich nie zu Hause blicken ließen und daß er selbst sein Leben am liebsten so bald wie möglich beschließen würde, weil »man sein Brot kaut und kaut, daß einen die Langeweile überkommt ‒ so lange kaut man schon«. Lukjanytsch hieß dieser Alte.
Eines Tages hatte ich mich länger als gewöhnlich auf den Feldern aufgehalten. Ich war auf eine Menge Wildes gestoßen, und auch der Tag hatte sich vortrefflich zur Jagd geeignet: Seit dem frühen Morgen war es still und trüb gewesen, gleichsam eine Vorahnung des Abends. Ich war weit umhergestreift, und so war es nicht nur völlig dunkel geworden, sondern auch der Mond war bereits aufgegangen, und die Nacht hatte sich, wie man so sagt, längst vom Himmel herabgesenkt, als ich das bewußte Anwesen erreichte. Mein Weg führte am Garten entlang. Ringsum herrschte vollkommene Stille.
Ich überquerte den breiten Weg, arbeitete mich vorsichtig durch die staubigen Brennesseln und stützte mich auf den niedrigen Flechtzaun. Regungslos lag der nicht allzu große Garten vor mir, ganz und gar erhellt und gleichsam mit Ruhe erfüllt durch die silbrigen Strahlen des Mondes und geschwängert mit Wohlgeruch und Feuchtigkeit. Er bestand aus einer langgestreckten Fläche, die in althergebrachter Weise aufgeteilt war: Gerade Pfade liefen in der Mitte zu einem dichten mit Astern bewachsenen Rondell zusammen; rundherum bildeten hohe Linden eine gleichmäßige Einfassung, die nur an einer Stelle auf einer Länge von zwei Sashen unterbrochen war. Durch diese Öffnung erblickte man einen Teil des niedrigen Hauses mit zwei zu meinem Erstaunen erleuchteten Fenstern. Hier und da ragten junge Apfelbäume empor, durch deren schüttere Zweige das Dunkelblau des Nachthimmels verhalten schimmerte und das schläfrige Licht des Mondes sickerte. Vor jedem dieser Apfelbäume lag sein schwacher scheckiger Schatten auf dem fahlen Rasen. Auf der einen Seite des Gartens leuchteten die Linden, von starrem blaßgrellem Licht übergossen, in mattem Grün; auf der anderen standen sie allesamt schwarz und undurchsichtig da. In ihrem dichten Blattwerk erhob sich von Zeit zu Zeit ein merkwürdiges leises Rascheln; es war, als lüden sie auf die sich unter ihnen verlierenden Pfade ein, als lockten sie unter ihren schützenden tiefen Schatten. Der ganze Himmel war mit Sternen geschmückt; geheimnisvoll rieselte ihr sanftes hellblaues Flimmern aus der Höhe herab. Mit stiller Aufmerksamkeit, so schien es, betrachteten sie die ferne Erde. Kleine, dünne Wolken schoben sich hin und wieder vor den Mond und verwandelten sein ruhiges Leuchten für eine kurze Weile in diffusen, aber hellen Nebel. Alles schlummerte. Die Luft, ganz von Wärme und Wohlgeruch erfüllt, zeigte nicht die leiseste Regung; nur ganz selten erzitterte sie wie Wasser, das durch einen hineinfallenden Zweig aufgerührt wird. So etwas wie Inbrunst war in ihr zu spüren, eine Art von Betäubung. Ich beugte mich über den Zaun. Vor mir reckte roter Klatschmohn seinen geraden Stengel aus dem von Unkraut überwucherten Gras; ein großer runder Tropfen nächtlichen Taus glänzte dunkel auf dem Grund der weit geöffneten Blüte. Alles ringsum träumte, alles pflegte der Ruhe; und doch starrte alles gleichsam in die Höhe, aufgerichtet, ohne sich zu rühren, wartend. Worauf wartete diese warme, diese nicht in Schlaf gesunkene Nacht?
Auf einen Laut wartete sie; auf eine lebendige Stimme wartete diese hellhörige Stille ‒ doch alles verharrte in Schweigen. Die Nachtigallen waren längst verstummt. Das plötzliche Summen eines vorüberfliegenden Käfers aber, das leise Plätschern eines kleinen Fisches im Bassin hinter den Linden, am Ende des Gartens, der verschlafene Ruf eines aufgeschreckten Vogels, ein ferner Schrei auf den Feldern ‒ so fern, daß das Ohr nicht zu unterscheiden vermochte, ob da ein Mensch schrie oder ein Tier ‒, das kurze, rasche Getrappel auf dem Weg ‒ all diese schwachen Geräusche und Laute verstärkten die Stille nur noch. Ein unerklärliches Gefühl, halb Erwartung, halb Glückserinnerung, ließ mein Herz sich schmerzlich zusammenziehen. Ich wagte nicht, mich zu rühren; regungslos stand ich vor diesem regungslosen, mit Mondlicht und Tau übergossenen Garten und starrte, ich weiß selber nicht, warum, unentwegt auf jene beiden Fenster, die in dem sanften Halbschatten mattrot schimmerten. Da ertönte im Haus plötzlich ein Akkord, ertönte und rollte wie eine Welle dahin. Sein Echo hallte in der geräuschempfindlichen Luft dröhnend wider, daß ich unwillkürlich zusammenzuckte.
Nach diesem Akkord ließ sich eine Frauenstimme vernehmen. Ich lauschte begierig. Doch wer beschreibt mein Erstaunen? Es waren das gleiche Lied und die gleiche Stimme, die ich zwei Jahre zuvor in Italien, in Sorrent, gehört hatte. Jawohl!
»Vieni, pensando a me segretamente …«
Ja, das waren sie, ich erkannte sie, das waren jene Klänge. Folgendermaßen war das damals gewesen: Ich kehrte nach einem langen Spaziergang am Meeresufer heim. Rasch schritt ich die Straße entlang. Die Nacht war schon längst hereingebrochen ‒ eine prachtvolle südliche Nacht, nicht still und schwermütigversonnen wie bei uns, nein, ganz heiter, herrlich und schön, wie eine glückliche Frau in der Blüte ihrer Jahre. Der Mond schien unwahrscheinlich hell; die großen, glitzernden Sterne flimmerten nur so am dunkelblauen Himmel, und die schwarzen Schatten hoben sich scharf vom grellgelb beschienenen Boden ab. Zu beiden Seiten der Straße zogen sich die steinernen Einfriedungen von Gärten hin; Apfelsinenbäume reckten ihre krummen Zweige darüber hinaus. Die goldgelben Bälle der schweren Früchte waren, zwischen dem wirren Blattwerk versteckt, teils kaum zu sehen, teils leuchteten sie hell, sich prächtig dem Mond darbietend. An vielen Bäumen schimmerten zartweiße Blüten; die Luft war geschwängert mit ihrem beklemmend starken, durchdringenden, ja fast unangenehmen, wenn auch unbeschreiblich süßen Duft. An all diese Herrlichkeiten bereits gewöhnt, schritt ich dahin und dachte, wie ich gestehen muß, nur daran, möglichst schnell zu meinem Gasthof zu gelangen. Doch da erklang aus einem kleinen Pavillon unmittelbar über der Mauer, an der ich entlangeilte, plötzlich eine Frauenstimme. Sie sang ein mir unbekanntes Lied. Die Melodie hatte etwas derart Lockendes an sich, und die Stimme schien selber dermaßen von der leidenschaftlichen und freudigen Erwartung erfüllt zu sein, die in den Worten des Liedes zum Ausdruck kam, daß ich unwillkürlich stehenblieb und den Kopf hob. Der Pavillon besaß zwei Fenster, doch bei beiden waren die Läden geschlossen. Nur spärlich drang mattes Licht durch ihre schmalen Schlitze. Nachdem die Stimme zweimal das »vieni« wiederholt hatte, erstarb sie. Leises Saitengeklirr war zu hören ‒ wie bei einer Gitarre, die auf den Teppich gefallen ist; ein Kleid raschelte, und der Fußboden knarrte leicht. In dem einen der beiden Fenster verschwanden die schmalen Lichtstreifen. Jemand trat von innen heran und lehnte sich dagegen. Ich tat zwei Schritte zurück. Plötzlich klapperten die Läden und öffneten sich weit. Eine schlanke Frau, ganz in Weiß, streckte rasch ihren schönen Kopf zum Fenster heraus, hielt mir beide Hände hin und sagte: »Sei tu?« In meiner Verwirrung brachte ich kein Wort hervor. Doch im nächsten Augenblick fuhr die Unbekannte mit einem leichten Aufschrei zurück, die Läden schlossen sich geräuschvoll, und das Licht im Pavillon wurde noch matter, als würde es in einen anderen Raum getragen. Ich verharrte regungslos und konnte mich lange nicht fassen. Das Gesicht der Frau, die so unversehens vor mir aufgetaucht war, war auffallend schön gewesen. Ich hatte es zu kurze Zeit vor Augen gehabt, als daß ich mir jeden einzelnen Zug hätte einprägen können; doch der Gesamteindruck war unbeschreiblich stark und tief gewesen. In jenem Augenblick fühlte ich, daß ich dieses Gesicht nie vergessen würde. Der Mond schien voll auf die Wand des Pavillons mit dem Fenster, aus dem sie sich mir gezeigt hatte. Mein Gott, wie herrlich hatten in seinem Licht ihre großen dunklen Augen geglänzt! Wie schön ‒ einer schweren Woge gleich ‒ war ihr halb aufgelöstes schwarzes Haar auf die leicht angehobene rundliche Schulter gefallen! Wieviel verschämte Zärtlichkeit war in der sanften Neigung ihrer Gestalt gewesen, wieviel Innigkeit in ihrer Stimme, als sie mich ansprach, in jenen hastig geflüsterten, aber dennoch wohlklingenden Worten! Nachdem ich noch ziemlich lange auf ein und derselben Stelle gestanden hatte, zog ich mich schließlich einige Schritte zurück, in den Schatten der gegenüberliegenden Mauer, und starrte von dort aus in einer Art von törichter Unschlüssigkeit und Erwartung auf den Pavillon. Ich horchte, horchte mit gespannter Aufmerksamkeit. Mir schien es, als hörte ich hinter dem dunkel gewordenen Fenster jemanden leise atmen, als vernähme ich so etwas wie ein Rascheln und verhaltenes Lachen. Schließlich wurden in der Ferne Schritte laut, die immer näher kamen. Dann tauchte am Ende der Straße ein Mann auf, von fast der gleichen Statur wie ich, ging rasch auf eine Pforte unmittelbar neben dem Pavillon zu, die ich bisher nicht bemerkt hatte, klopfte, ohne sich umzusehen, zweimal mit dem daran befestigten eisernen Ring, wartete, klopfte nochmals und sang halblaut: »Ecco ridente …« Die Pforte öffnete sich, und er schlüpfte geräuschlos hinein. Ich rührte mich, schüttelte den Kopf und spreizte die Arme; dann schob ich mir mißmutig den Hut tief in die Stirn und begab mich unzufrieden nach Hause. Am nächsten Tag schlenderte ich in der größten Hitze zwei Stunden lang völlig umsonst vor dem Pavillon hin und her und reiste noch am selben Abend aus Sorrent ab, ohne zumindest Tassos Haus besucht zu haben.
Die Leser können sich die Überraschung vorstellen, die sich meiner jäh bemächtigte, als ich jetzt mitten in der Steppe, in einer der entlegensten Gegenden Rußlands, dieselbe Stimme und dasselbe Lied vernahm. Ebenso wie damals war jetzt Nacht; ebenso wie damals erklang die Stimme urplötzlich aus einem mir unbekannten erleuchteten Raum; und ebenso wie damals war ich allein. Mein Herz klopfte heftig. Ist das auch kein Traum? dachte ich. Und wieder ertönte das letzte »vieni«. Jetzt wird sich doch nicht etwa das Fenster öffnen? Jetzt wird sich doch nicht etwa die Frau darin zeigen? ‒ Das Fenster öffnete sich. Und im Fenster zeigte sich die Frau. Ich erkannte sie sofort, obwohl sie an die fünfzig Schritt von mir entfernt war und ein leichtes Wölkchen den Mond verschleierte. Sie war es, meine Sorrenter Unbekannte. Doch statt wie damals ihre entblößten Arme auszustrecken, verschränkte sie sie ruhig, stützte sich damit aufs Fensterbrett und starrte reglos und stumm in den Garten. Ja, sie war es, das waren ihre unvergeßlichen Züge, ihre Augen, wie ich sie ähnlich nie wieder gesehen habe. Auch jetzt umhüllte ein weites weißes Kleid ihre Glieder. Sie wirkte etwas voller als in Sorrent. Alles an ihr strahlte die Sicherheit und die Ruhe der Liebe aus, das Triumphgefühl der Schönheit, verklärt durch das Glück. Sie rührte sich lange nicht; dann blickte sie zurück ins Zimmer, richtete sich plötzlich auf und rief mit lauter, heller Stimme dreimal: »Addio!« Weithin tönten die wohlklingenden Laute und zitterten, schwächer werdend, lange nach, bis sie über den Linden des Gartens, im Gelände hinter mir und überall sonst verhallten. Alles um mich her war für einige Augenblicke von der Stimme dieser Frau erfüllt; alles tönte ihr zur Antwort, tönte durch sie. Sie schloß das Fenster wieder, und bald darauf erlosch das Licht im Haus.
