Die Tochter des Serienkillers - Alice Hunter - E-Book
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Die Tochter des Serienkillers E-Book

Alice Hunter

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Beschreibung

Jane ändert ihren Namen, sobald sie ihren Eltern entfliehen kann. Ihre Mutter ist manipulativ und kontrollsüchtig und ihr Vater ein überführter Serienkiller. Nun nennt sie sich Jenny, lebt in einem fernen Ort in Devon, ist glücklich verheiratet mit Mark und glaubt, ihr altes Leben hinter sich gelassen zu haben. Bis Marks Ex-Geliebte verschwindet und vor Jennys Haustür Pakete mit grausigen Tierkadavern auftauchen. Weiß jemand von ihrer Vergangenheit? Oder versucht jemand erneut, Einfluss über sie zu gewinnen? Ihre manipulative Mutter? Oder ihr Vater, der Serienmörder? Und nach und nach wird klar, dass Mark und Jenny auch nicht ganz ehrlich zueinander waren. Beide haben ihre Geheimnisse ...

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Seitenzahl: 483

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

CoverÜber das BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungPrologKapitel 1 – JennyKapitel 2 – MarkKapitel 3 – JennyKapitel 4 – JennyKapitel 5 – JennyKapitel 6 – MarkKapitel 7 – JennyKapitel 8 – MarkKapitel 9 – JennyKapitel 10 – JennyKapitel 11 – JennyKapitel 12 – JennyKapitel 13 – JennyKapitel 14 – JennyKapitel 15 – Der SchmetterlingskillerKapitel 16 – MarkKapitel 17Kapitel 18 – JennyKapitel 19 – JennyKapitel 20 – Der SchmetterlingskillerKapitel 21 – JennyKapitel 22 – MarkKapitel 23 – JennyKapitel 24 – JennyKapitel 25 – Der SchmetterlingskillerKapitel 26 – MarkKapitel 27Kapitel 28 – JennyKapitel 29 – JennyKapitel 30 – Der SchmetterlingskillerKapitel 31 – JennyKapitel 32 – JennyKapitel 33 – MarkKapitel 34 – JennyKapitel 35 – Der SchmetterlingskillerKapitel 36 – JennyKapitel 37 – MarkKapitel 38 – JennyKapitel 39Kapitel 40 – MarkKapitel 41Kapitel 42 – JennyKapitel 43 – JennyKapitel 44 – MarkKapitel 45 – JennyKapitel 46 – JennyKapitel 47Kapitel 48 – MarkKapitel 49 – JennyKapitel 50 – JennyKapitel 51 – JennyKapitel 52 – MarkKapitel 53 – JennyKapitel 54Kapitel 55 – JennyKapitel 56 – MarkKapitel 57 – JennyKapitel 58 – JennyKapitel 59Kapitel 60 – JennyKapitel 61 – JennyKapitel 62 – JennyKapitel 63 – MarkKapitel 64 – JennyKapitel 65Kapitel 66 – JennyKapitel 67 – JennyKapitel 68 – JennyKapitel 69 – JennyKapitel 70 – JennyKapitel 71Kapitel 72 – JennyKapitel 73 – JennyKapitel 74 – JennyKapitel 75 – JennyKapitel 76EpilogDanksagungLeseprobeProlog9. MaiNoch vier TageKapitel 1

Über das Buch

Jane ändert ihren Namen, sobald sie ihren Eltern entfliehen kann. Ihre Mutter ist manipulativ und kontrollsüchtig und ihr Vater ein überführter Serienkiller. Nun nennt sie sich Jenny, lebt in einem fernen Ort in Devon, ist glücklich verheiratet mit Mark und glaubt, ihr altes Leben hinter sich gelassen zu haben. Bis Marks Ex-Geliebte verschwindet und vor Jennys Haustür Pakete mit grausigen Tierkadavern auftauchen. Weiß jemand von ihrer Vergangenheit? Oder versucht jemand erneut, Einfluss über sie zu gewinnen? Ihre manipulative Mutter? Oder ihr Vater, der Serienmörder? Und nach und nach wird klar, dass Mark und Jenny auch nicht ganz ehrlich zueinander waren. Beide haben ihre Geheimnisse …

Über die Autorin

Alice Hunter arbeitete nach Abschluss ihres Psychologiestudiums als Interventionsleiterin in einem Gefängnis. Dort gehörte sie zu einem Team, das Rehabilitationsprogramme für Männer anbot, die wegen einer Vielzahl von Straftaten verurteilt worden waren oder schwere Gewaltverbrechen begangen hatten. Zuvor war Alice als Krankenschwester im NHS tätig. Ihre Erfahrungen in Psychologie und Kriminologie setzt sie nun erfolgreich in ihren Romanen ein.

ALICE HUNTER

DIE

TOCHTER

DES

SERIEN

KILLERS

LIEGT DIR MORD IM BLUT?

THRILLER

Übersetzung aus dem Englischenvon Rainer Schumacher

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

  

Titel der englischen Originalausgabe:

»The Serial Killer’s Daughter«

 

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2022 by HarperCollinsPublishers

Published by arrangement with AVON

A division of HarperCollinsPublishers Ltd, London

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2025 by Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text-und Data-Mining bleiben vorbe-halten.

Textredaktion: Anja Lademacher, Bonn

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Einband-/Umschlagmotiv: © Magdalena Russocka/Trevillion Images

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

 

ISBN 978-3-7517-7432-1

luebbe.de

lesejury.de

 

Für Anne Williams.

Sieben Jahre, und das ist erst der Anfang.

Danke, dass du die wunderbarste aller Agentinnen bist.

Prolog

Der zarte, feine Flügel löste sich mit einem kurzen Ruck.

Konzentriert schob das Mädchen die rosa Spitze ihrer Zunge durch die Lücke, wo noch wenige Tage zuvor ihre Schneidezähne gewesen waren. Mit Daumen und Zeigefinger der einen Hand drückte sie das hilflose Insekt auf den hölzernen Picknicktisch, während die Finger der anderen Hand sich daranmachten, den zuckenden Schmetterling zu zerpflücken.

Ein Kohlweißling. Gewöhnlich, schlicht, nichts Besonderes, hatte ihr Daddy gesagt.

Das Mädchen wusste nicht, was genau ›gewöhnlich‹ hieß, aber die anderen beiden Worte kannte sie.

Vorsichtig zog sie den oberen rechten Flügel mit den beiden auffallenden schwarzen Flecken, die wie leere, tote Augen aussahen, zur Seite, um dem Insekt den unteren Teil des Flügels auszureißen. Das Mädchen war voll konzentriert. Nicht eine Sekunde löste sie den Blick von dem Schmetterling, als sie die andere Hand ein wenig anhob und so den Schraubstock lockerte, in den sie die Kreatur mit ihren Fingern eingespannt hatte. Sie beobachtete, wie das Insekt mit den verbliebenen Flügeln flatterte, erst wild, dann immer langsamer. Wie es schließlich aufgab. Schmetterlinge lebten nur zwei Wochen. Das hatte sie in der Schule gelernt. Es war also nicht so, als würde sie ihn töten.

Sie hatte ihn eher zu etwas Besonderem gemacht.

Eine sanfte Brise wehte den abgerissenen Flügel über den Tisch. Schnell schlug das Mädchen mit der Hand zu, bevor er entkommen konnte, und ein weißes Pulver stäubte zwischen ihren Fingern auf. Sie seufzte. Jetzt war er kaputt. Sie würde einen neuen Schmetterling fangen und noch einmal von vorn beginnen müssen.

Aus dem Küchenfenster schaute ihre Mutter zu. Angst schnürte ihr den Magen zusammen. Etwas Unausweichliches lag darin. Sie kannte dieses Verhalten nur zu gut.

Oh, Gott! Bitte nicht!

Wiederholte die Geschichte sich?

Kapitel 1

JENNY

Mittwoch

Ich starre auf meine Hände. Der goldene Ring ist verschwunden. Mein Herz schlägt wie wild, als ich versuche, mich daran zu erinnern, was ich damit gemacht habe. Dabei fallen mir die dicken, dunklen Ränder unter meinen Fingernägeln auf, die rau und ausgefranst sind, statt manikürt wie sonst. Zitternd halte ich die Hände in die Höhe und versuche krampfhaft mich daran zu erinnern, wie meine Finger so schmutzig geworden sind. Doch mir fällt nichts dazu ein.

Es klopft, und ich zucke zusammen.

»Alles in Ordnung da drin, Liebling? Das dauert ja ewig.« Das ist Mark. Offensichtlich. Wer sollte es sonst sein? Bilder huschen vor meinem geistigen Auge vorbei, wie Käfer auf der Flucht, ich bekomme sie nicht zu fassen, das alles ergibt einfach keinen Sinn.

»Jaja. Alles gut«, lüge ich und starre die grauen Fliesen über dem Becken an. Ich wage es nicht, Mark zu sagen, dass ich mich nicht daran erinnern kann, wann ich aus dem Bett aufgestanden und auf dem kalten Küchenboden zusammengebrochen bin. Ich bin vollkommen steif, und das heißt, dass ich Gott weiß wie lange in der Küche gelegen haben muss, bevor ich mich wieder nach oben geschlichen habe und ins Badezimmer gegangen bin, um mich dort einzuschließen. Ich habe Angst, große Angst, und zwar vor … ja, vor was eigentlich? Vor irgendwas. Vor dem Unbekannten.

Es ist lange her, dass ich zum letzten Mal so einen Blackout gehabt habe. Ich hatte Albträume, aber ich habe nie das Bett oder das Haus verlassen, zumindest nicht seit … Oh, Gott! Ich atme tief durch, schlucke und dränge die Panik zurück. Irgendetwas lauert in den dunkelsten Ecken meines Geistes – etwas Böses. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, was das ist – noch nicht –, aber ich bin sicher, dass es sein hässliches Gesicht irgendwann zeigen wird. Und wenn es so weit ist, dann wird es ohne Zweifel überraschend sein, ein Schock.

»Du kommst zu spät, Jen«, sagt Mark in sanftem Ton. Vermutlich fühlt er, dass etwas nicht stimmt. Entweder das oder er hat den Ehering gefunden, den ich verloren habe, und jetzt fürchtet er, dass sich alles wiederholt. Die Erinnerung daran, wie ich mir beim letzten Mal den Ring vom Finger gerissen und nach ihm geworfen habe, ist noch frisch. Ich winde mich innerlich, als ich mich auch an all die Beleidigungen und Schimpfworte erinnere, die aus meinem Mund geströmt sind. Das war definitiv nicht meine größte Stunde.

»Ich bin in einer Minute da. Kannst du dich bis dahin um die Kids kümmern?« Ich bemühe mich, so ruhig wie möglich zu klingen, und das trotz der aufkeimenden Panik. Warum ist mein Ring nicht da, und warum habe ich Dreck unter meinen Fingernägeln?

Gefühlte zehn Minuten schrubbe ich sie mit der Nagelbürste. Erst dann verlasse ich meine Zufluchtsstätte im Badezimmer mit meinem dreckigen Schlafanzug unter dem Arm. Ich klappe den Wäschekorb auf und stopfe den Pyjama unter die anderen Kleider. Ich will nicht, dass Mark ihn sieht.

Was zum Teufel habe ich letzte Nacht gemacht?

Kapitel 2

MARK

Es dauert eine Weile, bis ich klar sehen kann. Ich strecke die Hand aus, doch auf der anderen Seite des Bettes ist nichts. Wie spät ist es eigentlich? Ich bin total groggy. Ohne Zweifel ist die Flasche Rotwein schuld daran, die ich gestern Abend getrunken habe. Ich habe Kopfschmerzen, und ich tue so, als läge das daran, dass ich so viel Schlaf nicht gewohnt bin. Dabei weiß ich ganz genau, dass ich einfach nur einen Kater habe. Unter der Woche zu trinken, war noch nie eine gute Idee. Allerdings scheine ich das jedes Mal wieder zu vergessen. Es war einfach nur eine Feier, sagt die Stimme in meinem Kopf. In Wahrheit feiere ich jeden Erfolg gerne, egal wie klein er auch sein mag. Und gestern Abend war es das Treffen mit einem alten Unikumpel, der meine IT-Firma auf ein neues Niveau heben wird. Zumindest hat er mir das wiederholt versprochen. Wie genau er das machen will, hat er allerdings nicht gesagt.

Langsam befreie ich mich aus dem verknoteten Laken und schlurfe zum Bad. Das Wasser läuft. Vermutlich macht Jen sich gerade fertig. Ich breche wieder auf dem Bett zusammen, greife nach dem Handy, das auf dem Nachttisch liegt. Ich muss die Augen zusammenkneifen, als ich aufs Display schaue. Es ist sieben Uhr morgens. Verdammt. Mein Wecker hat nicht geklingelt. Nicht, dass ich ein Gewohnheitstier wäre oder so, aber seit zehn Jahren stelle ich den Wecker auf sechs, und jedes Mal klingelt er um diese Zeit – selbst an einem Morgen wie diesem, wenn ich völlig neben mir stehe. Warum hat er das heute nicht gemacht?

Weil er ausgeschaltet ist.

Das habe doch nicht ich getan … oder?

Ich liege auf dem Bett, habe den Kopf vom Licht weggedreht, das durch die Vorhänge fällt, und versuche, meine letzten Schritte zu rekonstruieren. Jen war schon im Bett, als ich letzte Nacht raufgekommen bin. Sie ist vor mir hochgegangen, während ich mir noch eine Wiederholung von Breaking Bad angeschaut habe. Ich habe ihr einen Gutenachtkuss gegeben, mein Handy auf den Nachttisch gelegt, und ich bin sofort eingeschlafen, kaum dass mein Kopf das Kissen berührt hatte. Ich habe nicht auf mein Handy geschaut, und mit Sicherheit habe ich den Wecker nicht ausgestellt. Ich runzele die Stirn und schalte die Wecker-App wieder ein, damit sie wenigstens morgen funktioniert und ich rechtzeitig aus den Federn komme. Jen ist länger im Badezimmer als sonst.

»Alles in Ordnung da drin, Liebling?«, frage ich durch die Tür.

Sie sagt Ja. Ich sage ihr, dass sie spät dran ist, und ich frage mich, ob auch ihr Wecker nicht geklingelt hat. Dann wird mir plötzlich klar, dass ich mich ebenfalls verspäten werde. Jen bittet mich, Ella und Alfie fertig zu machen, und ich unterdrücke ein Seufzen. Ich muss ihnen Frühstück machen und dafür sorgen, dass sie alles für die Schule haben. Das ist das Letzte, was ich jetzt noch brauchen kann. Mein Plan für den Tag ist ohnehin schon den Bach runter. Doch dann, just als ich mich für meine negativen Gedanken tadele und mir sage, der Tag wird, was ich aus ihm mache, da erregt ein Funkeln auf dem cremefarbenen Teppich meine Aufmerksamkeit. Und als ich mich bücke, um das Ding aufzuheben, überfällt mich die Übelkeit erneut. Ein Stöhnen entringt sich meinen Lippen, als ich das Ding zwischen Daumen und Zeigefinger halte: Jens Ehering.

Scheiße!

Abgesehen davon, dass Jen den Ring bisweilen für die Arbeit abnehmen muss, hat sie ihn in den letzten zehn Jahren unserer Ehe nur ein einziges Mal vom Finger genommen. Und bei dieser Gelegenheit ist die Hölle losgebrochen. Hat sie ihn letzte Nacht wieder nach mir geworfen? Ich kann doch nicht so betrunken gewesen sein, dass ich mich nicht mehr daran erinnere. Es war doch nur eine Flasche Wein. Aber irgendetwas hat Jen dazu gebracht, den Ring abzunehmen, und jetzt versteckt sie sich im Bad.

Ich schaue auf die geschlossene Tür und habe Angst davor, was kommen wird, wenn sie sie öffnet. Dann erinnert mich ein Kreischen von unten daran, dass ich mich mit der Morgenroutine beeilen muss. Ich verlasse das Schlafzimmer und gehe in die Küche. So muss ich mich der Frage nicht stellen, warum Jen mir aus dem Weg geht.

Kapitel 3

JENNY

Dank Mark läuft bereits alles wie geschmiert, als ich in die Küche komme. Ich bin fertig angezogen, habe dick Make-up aufgetragen und ein Lächeln im Gesicht. Ella und Alfie tragen ihre Schuluniformen. Beide sitzen am Tisch und essen Marmite-Toast. Dazu gibt es frischen Orangensaft. Anschließend verfrachten wir sie in den Wagen, und es geht zur Grundschule von Coleton Combe. Eigentlich hätte das heute ausnahmsweise Mark übernehmen sollen, sie dort abzusetzen. Dann hätte ich früher in der Praxis sein und sie nach der Arbeit abholen können. Aber da es schon spät ist und Mark noch immer nicht angezogen, wird wohl beides an mir hängenbleiben.

In Zeiten wie diesen wünschte ich, Mark würde endlich den vielen Platz in unserem Haus nutzen und sich ein Home-Office einrichten. Das würde uns viel Zeit und Mühe sparen, doch er besteht darauf, in dem Büro zu arbeiten, das er in Exeter angemietet hat, weil er Arbeit und Familie voneinander trennen will. Deshalb fährt er gut vierzig Minuten, während meine Praxis nur wenige Minuten entfernt am Dorfrand liegt – kein Verkehr, keine Umleitungen und keine Staus. Daher bringe ich die Kids meist. Aber so wie dieser Morgen läuft, wird es heute nichts mit einem frühen Arbeitsbeginn.

Als ich die Küche betrete, hebt Mark den Blick. Seine großen dunklen Augen sind voller Sorge. »Morgen«, sagt er und stellt den Becher auf den Tisch. Kein ›Liebling‹ wie sonst. Ich schlucke meine Sorgen hinunter und bringe irgendwie eine fröhliche Antwort zustande. Rasch gehe ich zu ihm, beuge mich vor und küsse ihn auf den Mund. Seine Schultern senken sich deutlich, als die Anspannung von ihm abfällt. Offenbar hat er mit einer vollkommen anderen Reaktion gerechnet.

»Und ihr zwei seid wirklich superlieb.« Ich gehe nacheinander zu Ella und Alfie, küsse sie auf den Kopf und zerzause ihnen das dunkle Haar.

»Aaah, Mommy«, stöhnt Alfie und streicht sich das Haar wieder glatt. Ella rollt nur kommentarlos mit den Augen. Mark schaut kurz zu ihnen und dann zu mir. Seine innere Anspannung mag sich ja gelegt haben, aber in der Atmosphäre zwischen uns ist sie noch deutlich spürbar, und mir wird klar, dass ich den ersten Schritt tun muss.

»Ich weiß nicht, was mit den Weckern los war«, wage ich mich vor. »Und tut mir leid, dass ich so lange das Badezimmer blockiert habe. Geh. Mach dich in Ruhe fertig. Ich werde die Kinder zur Schule bringen.« Ich trete hinter Mark und schlinge die Arme um seine nackten Schultern. Mein Blick wandert zu seinem sexy braunen Oberkörper. Er legt die Hand auf meine, und einen Augenblick lang lässt seine Wärme meine Angst dahinschmelzen. Dann leert er seinen Becher in einem Zug und steht auf. Mark ist mehr als einen Kopf größer als ich, und seine Brust- und Armmuskeln sind gut definiert. Er hält sich mit regelmäßigen Besuchen im Fitnessstudio und mit Radfahren fit, und ich liebe es, dass er so kräftig ist. Auch darum habe ich mich vor elf Jahren so sehr von ihm angezogen gefühlt, doch manchmal macht mir diese Kraft auch Angst. So fest entschlossen ich auch gewesen bin, mir einen Lebenspartner zu suchen, der sich möglichst komplett von meinem Vater unterscheidet, die Kraft haben sie gemeinsam.

Rasch schiebe ich diese Gedanken beiseite, als Mark meine Hand nimmt, sie mit der Handfläche nach oben dreht und meinen Ehering hineinfallen lässt. Er schaut mich fragend an.

»Alles okay mit uns, Jen?«

Mir schnürt es den Hals zu. »Ja«, sage ich und blicke ihm in die Augen. »Ich erinnere mich gar nicht daran, ihn ausgezogen zu haben«, gebe ich zu. Ich ziehe den Ring wieder an, und Mark nimmt mich in die Arme. Warm. Sicher … Oder zumindest war das immer so – und das vor gar nicht allzu langer Zeit. »Ich wünschte, wir könnten den ganzen Tag so dastehen«, murmele ich in seine glatte Brust. Dann löse ich mich von ihm und lächele zu meinem Mann hinauf. Zu dem Mann, der all die Jahre zu mir gestanden hat, zum Vater meiner Kinder. Und er ist ein guter Dad – ein richtig guter Dad. Für ihn kommen Ellie und Alfie stets an erster Stelle. Nie erhebt er die Stimme gegen sie oder verliert die Geduld. Er gibt stets sein Bestes. Und er ist präsent. Er verschwindet nicht einfach für mehrere Tage am Stück, wie mein eigener Vater es getan hat. Er lässt sie nicht mit einer gestörten Mutter allein.

Oder vielleicht doch?

Bin ich gestört? Ich habe Albträume – und schlimmer noch: Manchmal weiß ich unerklärlicherweise schlicht und einfach nicht, was ich tue. Immer wieder, so wie letzte Nacht, wache ich nicht in meinem Bett auf und weiß auch nicht, wo ich gewesen bin. Also stimmt wohl tatsächlich etwas nicht mit mir. Aber ich muss einfach glauben, dass ich eine genauso gute Mutter bin wie er ein Vater. Wir sind ein Team. Und das trotz allem, was ich letztes Jahr getan habe. Doch egal wie sehr ich mich auch bemühe, die Erinnerung daran loszuwerden, das Echo eines Zweifels sitzt tief in meinem Geist wie ein Korken in der Flasche.

»Ich auch, Liebling. Aber die Rechnungen …«

»… bezahlen sich nicht von selbst«, beenden wir den Satz im Chor.

»Schau mal«, sagt Mark. »Wenn da was in deinem Kopf passiert …«

»Wir werden später reden«, unterbreche ich ihn und lächele beruhigend. Ich brauche die nächsten acht Stunden, um mir eine plausible Erklärung auszudenken – einen Grund für meine Gefühle. Einen Grund, der verhindert, dass ich die Wahrheit sagen muss.

Kapitel 4

JENNY

Mir ist heiß, und mein Kopf ist knallrot, als ich mich selbst und die Kinder aus dem Haus und zum Wagen scheuche. Rasch rufe ich Mark noch ein »Tschüss!« die Treppe hinauf. Dann knalle ich die Haustür hinter mir zu und öffne die Beifahrertüren meines Volvo-Kombis.

»Warum fährt Daddy uns nicht?«, fragt Ella, während sie ihren Kindersitz von hinten auf den Beifahrersitz zu manövrieren versucht.

»Äh … Jetzt komm, Missy«, sage ich und runzele die Stirn. »Du weißt, dass du hinten sitzen musst. Das ist …«

»Gesääätz«, beendet Ella den Satz trotzig und verzieht spöttisch das Gesicht, als sie den Sitz wieder nach hinten wirft. »Aber einen Versuch war es wert.« Mir fällt wieder einmal auf, dass wir als Familie offenbar in der Lage sind, die Sätze des anderen zu beenden, denn das tun wir häufig. Es ist wie ein persönlicher Murmeltiertag.

»Und weil unsere Wecker heute Morgen nicht geklingelt haben. Wir sind spät dran, und Daddy muss um halb zehn auf der Arbeit sein.« Ich bin dankbar dafür, dass Alfie einfach still und leise auf seinen eigenen Kindersitz geklettert ist. Tatsächlich hat er sich schon angeschnallt, ich musste ihn noch nicht einmal darum bitten oder ihm helfen. »Du bist ein braver Junge, Alfie«, lobe ich ihn und funkele Ella tadelnd an. »Siehst du? Dein kleiner Bruder benimmt sich mit seinen sechs Jahren besser als du.«

»Blablabla«, erwidert Ella und streckt mir die Zunge raus.

»Igitt! So was Ekliges hast du im Mund?«

»Hahaha, Mommy.«

Ich schwöre, Ella ist schon auf dem Weg zum Teenager, auch wenn sie erst acht ist. Während ich zur Fahrertür gehe, wandert mein Blick wieder zum Haus, und ein schwarzer Müllsack neben den Stufen zur Tür erregt meine Aufmerksamkeit. Den muss ich beim Rausgehen übersehen haben. Jetzt habe ich allerdings keine Zeit mehr, mich darum zu kümmern. Das kann ich später immer noch tun. Meine Hand schwebt über dem Türgriff. Nein. Ich kann das Ding nicht einfach so dort lassen. Ich muss wissen, was das ist – und warum der Sack da liegt.

»Neugier ist der Katze Tod«, murmele ich vor mich hin. »Zwei Sekunden, Kinder«, sage ich und jogge zur Treppe. Auf dem Sack steht nichts, und die grüne Zugschnur ist nicht zugezogen. Er ist nur zugedreht. Vielleicht hat Mark ihn ja dort hingestellt und will ihn später in die Mülltonne werfen. Doch dann erinnere ich mich daran, dass wir keine schwarzen Müllsäcke haben. Ich kaufe immer nur weiße, die perfekt zu meinem Brabantia-Mülleimer passen. Mir dreht sich der Magen um, als ich nach dem Sack greife und eine tief vergrabene Erinnerung wieder nach oben drängt. Er ist ziemlich schwer. Aus irgendeinem Grund zögere ich, und plötzlich will ich gar nicht mehr wissen, was da drin ist.

»Beeil dich, Mommy!«, ruft Ella aus dem Wagen.

»Jaja. Tut mir leid. Ich muss das nur schnell in die Tonne bringen.« Ich nehme den Sack und schaue mich rasch um. Die lange Kieseinfahrt ist leer und von den Nachbarn keine Spur, ihre Häuser sind von hier aus sowieso kaum zu sehen. Ich husche ums Haus herum zu den Mülltonnen. Kaum bin ich außer Sichtweite der Kinder, stelle ich den Sack ab und hocke mich davor. Meine Hände zittern, als ich ihn vorsichtig öffne, und das Adrenalin schießt durch meine Adern. Es ist, als würde mein Körper bereits wissen, was sich darin befindet.

Der Gestank trifft mich zuerst, und ich würge.

»Himmel!« Instinktiv reiße ich den Kopf zurück.

Im Inneren befindet sich ein matschiges Etwas. Es sind die Überreste eines Tiers, Größe und Form nach zu urteilen von einer Katze. Warum zum Teufel sollte uns jemand so etwas vor die Tür stellen? Lebende Tiere habe ich ab und zu schon einmal vor der Tür gefunden, vermutlich von Leuten, die wissen, dass ich Tierärztin bin. Mark hat gescherzt, das sei das Äquivalent zum Baby im Korb vorm Portal der Kirche. Aber die Überreste eines Haustiers sind etwas vollkommen anderes. Dafür gibt es keinen Grund – es sei denn, jemand war auf den Schockeffekt aus, den Ekel. Die Tränen brennen mir in den Augen. Wie kann jemand einem wehrlosen Haustier so etwas antun? Ich hoffe nur, das Tier hat nicht gelitten. Ich will den Sack gerade wieder zudrehen, da fällt mir noch etwas auf.

Mein Herz setzt einen Schlag lang aus.

Vorsichtig ziehe ich den Sack wieder runter, und immer mehr von dem verstümmelten Tier wird sichtbar. Sein Schwanz, rot-weiß gestreift, ist neben den Eingeweiden eingerollt. Das Tier an sich ist mehr oder weniger intakt, wenn auch voller Blut.

Das arme Ding. Es ist also definitiv eine Katze.

Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich kaum atmen kann.

Es ist der tote Schmetterling auf dem Kadaver.

Ich wanke rückwärts bis zum Haus. Dann muss ich mich übergeben.

Das kann kein Zufall sein.

Irgendjemand weiß Bescheid.

Kapitel 5

JENNY

»Morgen, Jen. Gott sei Dank! Ich habe mir schon Sorgen gemacht.« Hayley springt von ihrem Platz an der Rezeption auf, ihr Stuhl rollt nach hinten. Dann greift sie über den Tresen, um mir ein Blatt Papier zu reichen. »Das sind die Tiere, die heute Morgen operiert werden sollen. Nisha hat die Liste zusammengestellt. Vanessa organisiert den OP, und ich habe sie aufgenommen.« Ihre Stimme klingt abgehackt.

»Vielen Dank. Tut mir leid, dass ich so spät komme.« Ich bin vollkommen verwirrt und nervös. »Ist Samir noch nicht hier?«

»Nein. Und Abi auch nicht. Ich weiß nicht, was heute Morgen los ist. Irgendwie geht alles schief. Du weißt schon … Es funktioniert einfach nicht richtig, wenn wir nicht alle pünktlich sind. Es wäre nicht so schlimm, wenn du nicht unser Angebot vergrößert hättest.« Ihre Wangen leuchten rot in ihrem ansonsten bleichen Gesicht. Sie sieht müde aus. Hayley arbeitet am längsten hier – abgesehen von mir und Samir natürlich. Nach reiflicher Überlegung haben Samir und ich die Tierarztpraxis hier in Coleton Combe eröffnet. Alles begann bei einem Pint und einem großen Glas Wein während eines Dinners zur Feier der Praxiseröffnung eines Kollegen. Damals hatte ich schon länger als Tierärztin gearbeitet, aber immer für andere. An jenem Abend wurde mir plötzlich bewusst, dass ich schon fünfunddreißig war und nicht den Rest meines Lebens als Angestellte verbringen wollte. Leicht angetrunken habe ich dann Samir meinen ›großen Plan‹ erklärt, der, wie sich herausstellte, genauso die Nase voll von seiner damaligen Praxis hatte. Es war Schicksal, dass wir damals dieses Gespräch führten, dass wir uns in dem Punkt sofort einig waren.

Dank Samirs Eltern und Marks Großeltern, die ihrem Enkel ein beachtliches Vermögen hinterlassen hatten, konnten wir die für die Praxis nötigen Gebäude und das Grundstück kaufen. Mark betrachtete es als Investitionsmöglichkeit in der Hoffnung, dass man hier irgendwann noch ein kleines Gebäude für seine IT-Firma anbauen könnte.

Zu Beginn hatte die Praxis noch nicht einmal Tierarzthelferinnen. Das Einzige, was wir hatten, war eine kleine Kundenliste, und Hayley kümmerte sich um so gut wie alles, während wir unsere tierischen Patienten behandelten. Unser Plan war jedoch immer schon, die Praxis weiter auszubauen, und vor drei Jahren stellten wir schließlich Vanessa ein, die inzwischen unsere Leitende TFA ist. Vor Kurzem ist dann noch Nisha zu uns gestoßen, zusammen mit Abi, die im Moment von Hayley am Empfang ausgebildet wird, aber auch noch die Ausbildung zur Tiermedizinischen Fachangestellten machen möchte. Sie ist klug, voller Leidenschaft und jung genug, um noch ›geformt‹ zu werden. Alles in allem haben wir also eine glückliche kleine Praxisgemeinschaft. Wir kommen gut miteinander aus. Jeder bringt seine Fähigkeiten ein.

Hayley ist jedoch in letzter Zeit ein wenig angeschlagen. Immer wieder leidet sie unter Arthritis, und mir gefällt der Gedanke nicht, dass sie deshalb Stress hat. »Hol dir erst mal einen Becher Kaffee«, sage ich. »Ich werde Samir und Abi anrufen. Ich bin sicher, sie sind schon auf dem Weg und stecken nur im Stau. Vielleicht hat es ja einen Unfall oder sowas gegeben. Für einen Mittwoch ist nämlich verdammt viel los.«

»Wenn, dann auf der Hauptstraße. Viele benutzen den Weg durchs Dorf als Abkürzung auf ihrem Weg in die Stadt.« Hayley schüttelt den Kopf und geht in den Pausenraum, während ich erst einmal tief durchatme und versuche, den Tag wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ich habe ein seltsames Gefühl, das ich nicht richtig einordnen kann. Fast wie ein Déjà-vu. Als ich Samir gerade anrufen will, platzt er herein.

»Verdammte Scheiße! Was für ein beschissener Morgen!« Er trägt mehrere Kartons und ein paar Aktenordner, darauf eine Lunchbox mit einem Marvel’s Avengers Motiv. Die hat er sich vorübergehend von seinem siebenjährigen Sohn ›geborgt‹, denn Duffy, der Familienhund, ein Cockapoo, hat seine zerstört, als sie unbeaufsichtigt auf dem Tisch stand. Ella und Alfie wollen auch unbedingt einen Hund, aber um ehrlich zu sein, ich habe Angst vor der zusätzlichen Verantwortung. Stattdessen habe ich ihnen einen Hasen versprochen, allerdings ohne einen genauen Zeitpunkt zu nennen. Ich hoffe, so kann ich die Sache noch mindestens ein Jahr hinausschieben.

Ich lächele Samir an und schüttele den Kopf. Sein Gefluche ist nicht schön, aber so, wie er es sagt, fühlt man sich nie beleidigt. Ich glaube, das liegt an seinem Akzent, der selbst den übelsten Ausdrücken einen gewissen Charme verleiht, auch wenn dieser Akzent ein wenig schwächer geworden ist, seit wir gemeinsam in Plymouth studiert haben. Es gibt hier vor Ort keine große indische Gemeinde, und da Samir inzwischen fast zwanzig Jahre in Devon lebt, hat sich sogar der Dialekt der Einheimischen ein wenig bei ihm eingeschlichen. Ich habe ihn zwar gebeten, das Fluchen zu unterlassen, wenn Patienten da sind – und er hält sich auch daran –, doch wenn wir allein sind, dann lässt er seinen Gefühlen freien Lauf.

»Dann hat’s also nicht nur mich getroffen«, sage ich und lege den Hörer wieder auf. »Unser Wecker hat nicht geklingelt. Ich bin mit den Kids zur Schule gerast, habe sie schnell in die Klasse geschubst – trotzdem zu spät natürlich –, nur um dann im Verkehr festzustecken. Dabei passiert das hier eigentlich nie … Der ganze Tag ist aus dem Ruder gelaufen.«

»Lass das nicht Mark hören. Sagt er nicht immer: ›Der Tag ist, was du daraus machst‹?«

»Ha! Ja, das stimmt.« Ich hebe die Augenbrauen. Samir lacht, als er zur Rezeption geht, sich umdreht und die Schwingtür mit dem Rücken aufstößt. Dann verschwindet er in seinem Behandlungszimmer. Wir sind lange genug befreundet, um uns gegenseitig ein wenig aufziehen zu können. Ich könnte mir keinen besseren Geschäftspartner und Freund wünschen.

Ich richte meine Aufmerksamkeit wieder aufs Telefon und wähle Abis Nummer. Ihr Handy klingelt zweimal. Dann springt der Anrufbeantworter an. Ich hinterlasse ein kurzes ›Ich hoffe, bei dir ist alles okay‹. Allerdings habe ich ein komisches Gefühl dabei. Vielleicht steckt sie ja wirklich einfach nur im Verkehr fest.

Kaum habe ich die Tür meines Behandlungszimmers geöffnet, da werde ich von einem lauten Bellen begrüßt. Überraschung mischt sich mit Erleichterung, als ich sehe, dass Abi bereits da ist und gerade mit einem großen Golden Retriever kämpft. Ich sehe nur Fell und Arme, während sie versucht, das riesige Tier auf eine Waage zu bugsieren.

»Oh! Da bist du ja!«, sage ich, ziehe den Mantel aus und eile Abi zu Hilfe. »Wann hast du dich denn reingeschlichen?«

»Nisha … hat … mich hinten … reingelassen.« Die Worte kommen abgehackt, während Abi mit dem Tier ringt. Ich versuche, nicht zu lachen.

Es bedarf mehrerer Versuche, den Retriever lange genug unter Kontrolle zu bekommen, um ihn zu wiegen, doch schließlich gelingt es uns, und Abi trägt die Daten ins System ein. Dann streicht sie ihre Uniform glatt und zupft ihren Pferdeschwanz wieder zurecht, der sich bei dem Ringkampf gelöst hat.

»Das steht nicht wirklich in deiner Stellenbeschreibung«, bemerke ich. »Trotzdem Danke.«

»Ich wollte helfen. Schließlich war ich ja auch zu spät. Als ich die Patienten im Wartezimmer gesehen habe, hatte ich ein schlechtes Gewissen, und ich dachte mir, ich könnte etwas tun, damit es vorangeht. Aber wenn ich sehe, wie das hier abläuft, dann wäre ich wohl lieber am Schreibtisch geblieben.« Sie wirft den Kopf zurück, lacht verlegen und ist schon zur Tür hinaus.

Viel zu spät wird mir klar, dass ich ihr hätte widersprechen, sie loben sollen, anstatt sie in dem Glauben zu lassen, sie hätte einen schlechten Job gemacht. Aber ich bin in Gedanken nicht wirklich hier. Das muss sich jedoch rasch ändern, denn in zwanzig Minuten werde ich mit Samir und Vanessa unser erstes Tier operieren.

Komm schon, reiß dich zusammen!

*

In einem ruhigen Moment, in der Mittagspause, erscheint das Bild der verstümmelten Katze wieder vor meinem geistigen Auge. Während der Operationen habe ich es verdrängt, aber jetzt drängt es sich wieder in den Vordergrund. Wer tut so was? Wäre der Schmetterling nicht gewesen, ich hätte geglaubt, dass es sich um einen Wildunfall handelt. Dass die Katze vor unserem Haus überfahren wurde, und der Fahrer die Überreste einfach in einen Sack gestopft und vor meine Haustür gelegt hat, weil er davon ausging, ich wäre die Besitzerin. Eigentlich eine naheliegende Erklärung. Doch der Schmetterling hat diese Theorie zerstört.

Der Schmetterling hat alles zerstört.

Die Tür zum Pausenraum fliegt auf, und ich schnappe erschrocken nach Luft.

»Oh … Abi …«, sage ich ein wenig außer Atem. Sie hält einen kleinen, pink gestreiften Karton in den Händen.

»Cremetaschen von Kelly’s. Ich konnte einfach nicht widerstehen. Tut mir leid. Deshalb war ich auch zu spät. Ich musste warten, bis sie aufmachten. Und es hat gedauert, bis sie mich bedient haben. Aber es hat sich gelohnt, oder?« Abi schaut mich besorgt an, während sie den Arm ausstreckt und mir den geöffneten Karton anbietet. Glaubt sie, ich würde ihr Vorwürfe machen? So eine Chefin bin ich nicht, hoffe ich zumindest. Ich lächele und versuche, meinen Fauxpas von vorhin damit wiedergutzumachen. Als der lange Ärmel ihres Poloshirts hochrutscht, fällt mein Blick auf Abis Arm, wo eine Reihe dicker weißer Striche zum Vorschein kommt, die parallel über ihren Unterarm verlaufen. Das sind die Echos eines Traumas, denke ich voller Sorge und wende mich ab.

»Danke, Abi. Die sehen gut aus.« Ich greife in den Karton, hole eine mit Creme gefüllte Brandteigtasche heraus und beiße hinein. »Oh – mein – Gott!«, sage ich zwischen zwei Bissen. »Seit meiner Kindheit hatte ich die nicht mehr. Meine Mutter hat immer …« Ich lasse den Satz unvollendet.

»Hat immer …?«, hakt Abi nach.

»Oh.« Ich winke ab. »Nichts.« Ich stopfe mir ein weiteres Stück in den Mund, sodass ich nicht mehr sprechen kann. Ich will den Tag nicht noch schlimmer machen, indem ich das Gespräch auf diese Frau lenke. Tatsächlich ist es das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit, dass ich überhaupt an meine Mutter gedacht habe. Nur dann und wann weckt irgendetwas Willkürliches eine Erinnerung in mir. Meist bleibt alles, was mit meiner Mutter zu tun hat, jedoch im Dunkeln, tief vergraben in den hintersten Ecken meines Verstandes. Es ist nun schon über zwanzig Jahre her, seit ich ihr verhärmtes Gesicht zum letzten Mal habe sehen müssen.

»Ist sie tot?«, fragt Abi in sanftem Ton. Offenbar glaubt sie, das wäre der Grund, warum ich nicht weiterspreche. Natürlich wäre es leichter, wenn ich einfach Ja sagen würde, doch stattdessen sage ich ihr die Wahrheit.

»Nein … oder zumindest glaube ich das nicht. Tatsächlich habe ich keine Ahnung. Wir haben keinen Kontakt.« Ich lächele angespannt.

Wenn Abi von meiner Enthüllung schockiert ist, dann verbirgt sie das gut. »Tut mir leid«, sagt sie. »Das ist traurig.«

Ich zucke mit den Schultern. »Ich nehme an, in vielerlei Hinsicht ist es das, aber ich bin ohne sie besser dran.« Es ist mir unangenehm, mit Abi darüber zu reden. Abi ist noch jung, eine relativ neue Mitarbeiterin und keine Freundin. Aber vielleicht ist das auch genau der Grund, warum ich mich ihr geöffnet habe. Aber mehr muss sie auch nicht wissen. »Hast du eine gute Beziehung zu deiner Mutter?«, frage ich schnell, um nicht mehr über mich sprechen zu müssen.

»Ach, weißt du … Mal so, mal so.« Jetzt winkt Abi ab. »Sie hat ihre guten Momente, aber manchmal habe ich das Gefühl, sie bereut es, mich bekommen zu haben.«

Ich blinzele. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich kenne Abis Situation nicht, aber eines weiß ich genau: Auch wenn wir beide eine Rabenmutter haben, ist das nur eine sehr oberflächliche Gemeinsamkeit. Alles andere ist komplett anders. Plötzlich drängt sich wieder eine Erinnerung in den Vordergrund: meine Mutter, die mich von der Haustür wegzieht, als meine Freundinnen auf dem Schulweg vorbeikommen. Sie hat Angst, dass ihr kleines Mädchen weglaufen, dass sie der Enge ihrer vier Wände entkommen und sie allein lassen könnte. »Du bist nicht wie sie«, sagt Mom. »Es ist besser für dich, wenn du zu Hause lernst. Bei mir. Du verbringst doch gerne Zeit mit deiner Mommy, nicht wahr?«

Kurz schließe ich die Augen. Dann suche ich nach einem anderen Thema. »Danke, dass du heute Morgen hilfst. Ich bin froh, dass du dir überlegst, Tierarzthelferin zu werden. Am Empfang zu arbeiten, ist super, aber wie ich sehe, hast du noch ehrgeizigere Ziele.«

»Ja, das habe ich!« Sie strahlt. »Ich wäre gerne wie du. Du hast so einen wunderbaren Beruf, und du hast Familie. Du hast wirklich alles … Ich bewundere dich sehr.«

»Oh, Abi … Das ist wirklich sehr freundlich von dir.« Ich lache nervös. Wenn sie wüsste, was wirklich los ist. »Manchmal muss man kämpfen, um seiner Vergangenheit zu entfliehen, und Vertrauen in sich selbst haben.«

»Also an Selbstvertrauen mangelt es mir schon etwas.« Abi senkt den Blick. »Es ist aber auch schwer, seinen eigenen Wert zu erkennen, wenn andere einem ständig sagen, dass man nie etwas erreichen wird«, sagt sie mit zitternder Stimme.

Mir schnürt sich die Kehle zusammen. Abis Worte wecken mein Mitgefühl. »Nun, dann wirst du diese Leute eben eines Besseren belehren, Abi. Ich vertraue dir jedenfalls voll und ganz. Jetzt musst du nur noch Vertrauen in dich selbst haben. Du schlägst dich hier verdammt gut. Ich bin wirklich froh, dass wir dich eingestellt haben.«

»Ja, ich auch.« Abi lächelt mich breit an. Ihre gerade noch so strengen Gesichtszüge – hohe, ausgeprägte Wangenknochen und kleine runde Augen – wirken plötzlich beeindruckend attraktiv. Mit ihrem schwarzen Haar und der cremefarbenen Haut erinnert sie mich an Schneewittchen. Und ich habe es ernst gemeint, dass ich froh bin, sie eingestellt zu haben. Abi hat etwas an sich, das den Wunsch in mir weckt, sie unter meine Fittiche zu nehmen. Aber ich muss zugeben, ich bin nicht sicher, ob es dabei nur um sie geht. Es ist, als wäre ich gezwungen, etwas wirklich Gutes zu tun, um für die Geschichte meiner Familie Buße zu tun, für all das Böse … Ich nehme an, das ist zumindest teilweise auch der Grund dafür, dass ich Tierärztin geworden bin. Ich wollte heilen, wo sie verletzt haben.

Kapitel 6

MARK

Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich stehe über dem Wäschekorb und kralle die Hand in den Deckel, während ich auf die Kleidung starre. Der Saum von Jennys Pyjama ist mir sofort ins Auge gefallen, als ich meine Jogginghose hineingeworfen habe. Ich wäre fast zusammengeklappt, als hätte mir jemand in den Magen geschlagen. Ich sehe, dass der Stoff feucht ist, und ich sehe auch, dass es sich bei den braunen Flecken um Dreck handelt, und das, ohne den Pyjama aus dem Wäschekorb zu ziehen. Das ist der Pyjama, den Jenny letzte Nacht getragen hat, aber er liegt unter der anderen Wäsche. Es sieht so aus, als hätte sie ihn absichtlich versteckt. Dass sie ihren Ehering aus welchem Grund auch immer auf den Boden geworfen hat, muss an sich nicht viel bedeuten, doch sie verhält sich zunehmend sonderbar, und jetzt das hier. Es fällt mir immer schwerer, meine Ängste einfach beiseitezuschieben.

Ich habe immer gewusst, das Jen bestimmte Aspekte ihres Lebens vor mir verbirgt. Bereits als wir uns kennenlernten, hat sie mir erzählt, dass sie eine ›komplizierte und unglückliche‹ Kindheit hatte, weshalb sie auch so schnell wie möglich von zu Hause ausgezogen ist. Sie ist an die Uni gegangen und nie wieder zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Sie hat mir nur das absolute Minimum erzählt, und später haben wir das nie mehr erwähnt. Als wir schließlich geheiratet haben, war kein Verwandter von ihr dabei, nicht ein einziger. Sie wollte es so.

Und bis heute habe ich nie genauer nachgehakt. Selbst, wenn sie nachts von Albträumen heimgesucht wurde und geschrien hat: ›Sie kommen! Sie wollen mich holen!‹ und ›Ich bin nicht wie er!‹, habe ich niemals nachgefragt. Auch wenn ich sie ohnmächtig auf dem Küchenboden gefunden habe oder im Garten, völlig ausgekühlt und zitternd, denn sie hat manchmal Stunden dort gelegen, habe ich sie nicht gefragt, warum sie diese Albträume und Blackouts hat. Ich habe sie nie gefragt, was sie so sehr quält.

Und sie hat auch nie den Versuch unternommen, mir etwas zu erklären.

Das ist eine der ›Großen Unbekannten‹, wie ich das immer nenne, und davon gibt es gar nicht mal so wenige bei meiner Frau. Manchmal frage ich mich, ob sie nur mich im Dunkeln lässt, oder ob sie sich Roisin vielleicht anvertraut. Allerdings hat Jen jedes Mal das Thema gewechselt, wenn wir mit Roisin und Harry, ihrem Mann, zusammen waren und das Gespräch auf unsere Kindheit kam. Also kennt auch Roisin Jen nicht so gut, wie sie vermutlich glaubt. Aber trotz dieser Wissenslücken habe ich Jenny immer unterstützt. Ich habe sie immer geliebt. Ihr vertraut.

Aber sie vertraut mir nicht. Dieser Gedanke nagt schon seit letztem Jahr an mir und droht immer mehr Unheil anzurichten, er droht mich langsam zu vergiften, unsere Ehe zu zerstören, Stück für Stück. Als ich jetzt auf das Bündel Schmutzwäsche starre, wird mir klar, warum Jen sich heute Morgen im Badezimmer eingesperrt hat … warum sie sich vor mir versteckt hat.

Es ist wieder passiert.

Wie konnte mir das nur entgehen?

Du warst betrunken.

Ich schließe den Wäschekorb und lasse mich aufs Bett fallen. Das Schlafwandeln – die Blackouts – es kommt nicht so oft vor. Meist leidet Jen lediglich unter Albträumen. Aber im Laufe des letzten Jahres sind die Blackouts häufiger geworden. Wenn ich mich daran erinnere, dreht sich mir der Magen um. Immerhin war das meine Schuld, auch wenn ich alles dafür getan habe, um zu verhindern, dass Jen sich selbst verletzt. Einmal habe ich sogar die Tür verbarrikadiert. Das hat allerdings nicht ganz so gut funktioniert, denn irgendwann ist Alfie aufgewacht und war vollkommen verzweifelt, weil er nicht in unser Zimmer kommen konnte. Jen war so wütend darüber, dass ich sie seitdem nicht mehr eingesperrt, sondern nur dafür gesorgt habe, dass sie das Haus nicht verlässt und wieder zurück ins Bett findet.

Doch in diesem Fall muss sie mir durchs Netz geschlüpft sein. Soweit ich weiß, ist mir das bis jetzt nur ein Mal passiert.

Ich frage mich, wo sie diesmal hingelaufen ist.

Kapitel 7

JENNY

So schlecht der Tag auch begonnen hat, schließlich hat er ein gutes Ende genommen, und ich bin vollkommen ruhig und entspannt, als ich in die Einfahrt einbiege und neben Marks Audi parke. Vielleicht habe ich heute Morgen ja nur überreagiert – sowohl was meinen Blackout als auch was die verstümmelte Katze betrifft. Schließlich sind die einfachsten Erklärungen oft die richtigen, und ich glaube mehr und mehr, dass ich nur die falschen Schlüsse gezogen habe. Seien wir ehrlich: Es wäre nicht das erste Mal. Nach all der Zeit ist es mehr als unwahrscheinlich, dass jemand aus meiner Vergangenheit herausgefunden hat, wo ich lebe. Ich wohne Hunderte von Meilen entfernt von meiner Heimatstadt und trage auch nicht mehr denselben Namen.

Ich meine, wie hätte das auch irgendjemand herausfinden sollen? Seit elf Jahren halte ich meine wahre Identität sogar vor meinem Mann geheim, und es besteht nicht die geringste Verbindung mehr zwischen mir und meiner Familie. Die Sache mit dem Schmetterling war nur ein dummer Zufall. So muss es sein. Vermutlich war es schlicht Pech, dass er in dem Sack gelandet ist. Ich komme mir total dumm vor, weil ich heute Morgen so übertrieben reagiert habe.

Der Geruch von mariniertem Huhn begrüßt mich, als ich die Küche betrete, und ich atme tief ein.

»Oh, mein Gott! Das riecht einfach göttlich«, sage ich zu Mark. Er hat einen Kochlöffel aus Plastik in der Hand und trägt eine blaukarierte Schürze. Schwungvoll rührt er im Essen. Alfie und Ella lachen ihn an. Sie sitzen am Tisch und halten bereits das Besteck in der Hand. »Danke, dass du die Kinder abgeholt hast. Hey, Kids!« Ich drehe mich zu den beiden um. »War’s schön in der Schule?«

Ella rümpft die Nase, und ich warte darauf, dass sie wie immer antwortet: ›Keine Ahnung, was wir gemacht haben.‹ Doch stattdessen sagt sie: »Ja, war gut. Wir haben ein Biologieprojekt gemacht. Das ist cool.«

»Ach, ja?« Ich hebe die Augenbrauen. Die Freude in ihrer Stimme überrascht mich. In letzter Zeit hat sie nämlich nicht viel Interesse an der Schule gezeigt, was mir Sorgen bereitet hat, auch wenn ich das für mich behalten habe. Ich habe schon geglaubt, dass sie vielleicht gemobbt wird. Aber wie auch immer … Jetzt scheint sie jedenfalls glücklich zu sein und plappert munter über Habitate oder so etwas und über die charakteristischen Merkmale von Insekten. Ich stelle meine Tasche auf die Arbeitsplatte, gehe zu Mark und gebe ihm einen Kuss. »Und wie war der Tag der Liebe meines Lebens?« Fast wäre ich ob meiner eigenen Wortwahl zusammengezuckt. Es ist schon eine Weile her, seit ich Mark zum letzten Mal so genannt habe, und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, weiß er das auch.

»Er war sehr produktiv, wenn auch ein wenig stressig. Und deiner?« Da ist nur der Hauch eines Lächelns auf seinem Gesicht, und ich fühle, dass mehr dahintersteckt, wenn er das so formuliert. Es fühlt sich an, als wäre Mark wütend auf mich, und ich weiß nicht warum. Das mit dem Ring habe ich ihm heute Morgen erklärt und ihn rasch beruhigt, doch da hängt noch etwas Unausgesprochenes in der Luft. Ich trete einen Schritt zurück und suche in seinem Gesicht nach Hinweisen darauf. Zweifel ergreift von mir Besitz, und meine Nervosität wächst. Meine Muskeln verspannen sich. Es ist, als würde Mark etwas wissen und ich nicht.

»Es war viel los, aber das gefällt mir ja auch.« Ich versuche, so ruhig wie möglich zu sprechen, und das trotz meiner wachsenden Furcht. »Ich glaube, das neue Team funktioniert ganz gut, und mit unserem Neuzugang hatte ich heute ein gutes Gespräch. Sie erinnert mich an mein jüngeres Ich.« Ich stecke den Finger in den Topf mit dem Hühnchen, doch Mark vertreibt mich mit dem Kochlöffel.

»Neiiin! Verderben Sie nicht das Spezialgericht des Chefkochs, Mrs Johnson. Du musst warten.« Die Kinder lachen, doch Marks Ton ist scharf, und ich weiß, dass er es ernst meint.

»Tut mir leid«, sage ich und versuche, ihm in die Augen zu schauen, aber er weicht meinem Blick aus. »Verschweigst du mir was?« Ich spreche leise, um Ella und Alfie nicht zu beunruhigen.

»Hast du die Nachrichten noch nicht gehört?« Mark legt den Deckel auf den Topf und geht ins Wohnzimmer. Da ich annehme, dass er nicht will, dass die Kinder hören, was da in den Nachrichten berichtet wurde, folge ich ihm.

»Nein«, sage ich. »Ich habe heute noch kein Radio gehört. Was ist denn passiert?« Wir stehen in der Tür. Der Fernseher läuft, aber der Ton ist abgestellt. Marks Blick huscht hin und her, überallhin, nur nicht zu mir. Ich bekomme einen Kloß im Hals und huste, um ihn wieder loszuwerden. Was auch immer passiert ist, es muss ziemlich schlimm sein, wenn Mark so reagiert. Vielleicht hatte ich ja recht: Es hat heute Morgen tatsächlich einen Unfall gegeben, was auch den dichten Verkehr im Dorf erklärt. Hat es Tote gegeben? Geht es um jemanden, den ich kenne? Mein Herz schlägt immer schneller …. Oh, Gott … Roisin ist etwas passiert. Wir haben schon seit Wochen nichts mehr voneinander gehört. Aber nein, denke ich. Mark würde nicht so reagieren, wenn meine beste Freundin verletzt oder gestorben wäre. Ich atme tief durch, um mich zu beruhigen. »Was ist denn, Mark? Um Himmels willen, was ist los?«

»Den ganzen Tag über wird schon berichtet, dass eine Frau von hier vermisst wird. Sie ist letzte Nacht nach einem Quizabend im Pub nicht nach Hause gekommen.«

»Du meinst unser Pub? The Union?«, frage ich schockiert. Das kann nicht sein. Nicht hier. Nicht in Coleton Combe … Davon hätte ich mit Sicherheit gehört.

»Ja, The Union«, sagt Mark und schaut mich endlich an. »Offenbar haben sie heute Morgen mit der Suche begonnen, nachdem ihr Lebensgefährte Alarm geschlagen hat.«

»Warum haben wir dann nichts davon mitbekommen?«

»Wir sind spät aufgestanden. Und ich habe so tief und fest geschlafen …«, antwortet Mark und zuckt mit den Schultern. »Du schläfst doch normalerweise nicht so fest. Hast du denn gar nichts gehört?«

Meine Gedanken überschlagen sich. Ich kann ihm jetzt nicht meinen Blackout gestehen – nicht, solange ich noch nicht weiß, was ich getan habe. Also beschließe ich, die Dumme zu spielen. »Nein. Nichts. Und ich habe ausnahmsweise mal gut geschlafen. Deshalb sind wir wohl beide zu spät wach geworden. Du weißt doch, wie das ist … Wenn man erst einmal tief und fest schläft, dann will der Körper mehr davon.« Das jedenfalls sagt Mark in solchen Situationen immer. »Um wen geht es eigentlich? Wer wird denn vermisst?« Mir wird ganz übel, während ich auf seine Antwort warte. Das hier ist ein Dorf. Hier kennt man sich. Also ist es sehr wahrscheinlich, dass ich den Namen schon einmal gehört habe, den er mir nennen wird.

Mark starrt mich an. Er blinzelt noch nicht einmal. Es ist, als würde er mich analysieren, als versuchte er, hinter meine Augen zu blicken, und ich hoffe bei Gott, dass er nicht findet, was er dort sucht. Schließlich seufzt er und sagt: »Olivia Edwards.«

Mir drehen sich die Eingeweide um, und der Boden wankt unter meinen Füßen. Ich stolpere zum Sofa und lasse mich darauffallen, bevor ich noch ohnmächtig werde. Mein Herz schlägt so heftig, dass mein ganzer Körper bebt, und das Einzige, was ich höre, ist das Rauschen meines eigenen Bluts in den Ohren.

Ja, ich kenne Olivia Edwards. Wir kennen sie beide.

Das ist die Frau, mit der Mark eine Affäre hatte.

Kapitel 8

MARK

Seit ich heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit die Nachrichten gehört habe, kann ich an nichts anderes mehr denken. Als ich schließlich mein Büro erreiche, das sich im Gebäude eines Telekommunikationsunternehmens befindet, von dem ich es gemietet habe, pocht mein Kopf wieder, und das trotz des Paracetamols, das ich gegen den Kater eingeworfen habe. Zu dem Zeitpunkt war meine Erinnerung lückenhaft, doch nachdem ich das Murmeln der schockierten und besorgten Dorfbewohner gehört und die Lokalnachrichten gesehen hatte, in denen über Olivias letzten Aufenthaltsort diskutiert wurde, war alles wieder da, und ein neuer Schrecken überfiel mich.

Und jetzt treiben Jennys aschfahles Gesicht und ihre eingefrorenen Gesichtszüge diesen Horror auf die Spitze. Was ich da sehe, ist nicht nur der Schock. Es ist Angst. Ihre Pupillen sind so stark geweitet, dass ihre laubgrüne Iris kaum noch zu sehen ist. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Es ist ein Jahr her, seit ich diesen Ausdruck auf ihrem Gesicht zuletzt gesehen habe. Damals konnte ich sie aus der Trance reißen, indem ich sie an den Schultern packte und schüttelte. Sie hatte absolut keine Erinnerung mehr an die Stunden davor. Ich hatte an diesem Abend getrunken, und sie war aus dem Bett gestiegen, ohne dass ich etwas gehört hätte.

Ich weiß noch immer nicht, wie lange sie schon fort war, bevor ich aufwachte und den Platz neben mir leer vorfand. Kalt. Mir war keine andere Wahl geblieben. Ich musste sie suchen. Noch immer spüre ich die Panik, die von mir Besitz ergriff, als ich suchend durch die Straßen fuhr. Ich spüre das schlechte Gewissen noch heute, als mir klar wurde, wo ich sie suchen musste. Vor meinem geistigen Auge sehe ich sie dort stehen, in Olivias Garten, in der Hand einen Stein. Und ich schaudere bei der Erinnerung.

Jen sitzt stumm vor mir. Ihre Lippen zittern. Das ganze Dorf und inzwischen auch das ganze Land spricht über Olivias Verschwinden, aber mich interessiert nur, was Jen zu sagen hat.

»Es heißt, sie sei auf offener Straße verschleppt worden.« Ich schaue Jen flehend an und versuche, sie aus ihren Gedanken zu reißen.

»Auf offener Straße verschleppt?«

»Ja. Entführt.«

»Scheiße.«

Muss ich ihr wirklich alles aus der Nase ziehen? »Ich meine, allein die Vorstellung ist doch schon gruselig. In unserem kleinen Dorf? Wer sollte so was tun?«

Jen schüttelt den Kopf und atmet tief durch. »Ja«, sagt sie, blinzelt und richtet sich dann auf. »Aber wir können jetzt nicht darüber reden. Lass uns heute Abend essen gehen. Ich möchte nicht, dass die Kinder mitbekommen, dass etwas nicht stimmt.«

Ich starre sie an. Essen gehen? Nach allem, was sie gerade erfahren hat, wie kann sie da so ruhig sein? Doch bevor ich Gelegenheit habe, sie das zu fragen, steht Jen auf und geht in die Küche zurück. Mir hat es die Sprache verschlagen. Keine Ahnung, was für eine Reaktion ich erwartet hatte, diese jedenfalls nicht. Sie verhält sich so, weil sie es bereits gewusst hat, sagt eine leise Stimme in meinem Kopf. Und sie hat sich definitiv seltsam verhalten: der verdreckte Pyjama, ihr Ehering auf dem Boden … »Nein! Tu das nicht«, flüstere ich vor mich hin und reibe mir mit den Händen über den Kopf, um die Stimme zum Schweigen zu bringen. Das war alles nur Zufall. Jen hatte gestern Nacht nur einen Blackout. Das ist alles.

»Kommst du essen?«, ruft Jen aus der Küche.

»Ja … Eine Sekunde.« Ich atme langsam aus und straffe die Schultern. Ich muss mich zusammenreißen. Schließlich geselle ich mich zu meiner Familie am Tisch.

Wir lächeln.

Gezwungen.

Soll ich die Warnlichter wirklich ignorieren, die in meinem Kopf blinken?

Ich schlucke einen Bissen herunter und fühle Jens Blick auf mir, als ich ein paar Schluck Wasser dazu trinke. Ich könnte jetzt wirklich ein Glas Rotwein vertragen, aber ich brauche einen klaren Kopf für den Fall, dass Jen heute Nacht wieder einen Blackout haben sollte. Ich schaue zu ihr hinüber, fange ihren Blick ein, und gefühlt mehrere Minuten lang starren wir einander in die Augen. Unausgesprochen hängt der Vorwurf zwischen uns in der Luft. Ich kann Jen nicht die Schuld für das Misstrauen geben, das das ganze letzte Jahr wie ein Damoklesschwert über unserer Ehe gehangen hat – jedenfalls nicht ausschließlich.

Nicht, wenn ich der Grund dafür bin.

Kapitel 9

JENNY

Die Müdigkeit droht, mich zu verschlingen. Dennoch liege ich wach im Bett, die Augen weit aufgerissen und an die Decke gerichtet. Das Licht der Straßenlaternen fällt durch die Vorhänge in den dunklen Raum und wirft tanzende Schatten an Decke und Wände wie ein Nachtlicht für Kinder, das sie in den Schlaf wiegen soll. Tatsächlich wünsche ich manchmal, ich wäre noch ein Kind, bei dem so etwas funktioniert. Doch dann erinnere ich mich an meine Kindheit, und ich bin froh, dass ich das nicht noch mal durchleben muss.

Mark liegt still neben mir. Wie machen Männer das? Wie können sie einfach so einschlafen, kaum dass man bis zehn gezählt hat? Das ärgert mich ohne Ende. Ich verspüre das Verlangen, ihn zu wecken, damit er meinen schlaflosen Albtraum teilen kann. Ich kann mich schon glücklich schätzen, wenn ich weniger als eine Stunde brauche, um einzuschlafen. Seit den furchtbaren Ereignissen im letzten Jahr sind die Schlafstörungen meiner Kindheit wieder zurückgekehrt. Nächte ganz ohne Schlaf wechseln sich mit solchen voller Albträume und Schlafwandeln ab. Zumindest nehme ich an, dass es sich bei diesen Zeiträumen der völligen Leere, die ich erlebe, darum handelt … Ich habe nie medizinischen Rat gesucht, denn ich hatte immer viel zu viel Angst davor, dass dabei die Wahrheit ans Licht kommt. Also tue ich alles dafür, es vollständig zu verleugnen, jede einzelne dieser Episoden ebenso tief in meinem Inneren zu begraben wie die Erinnerung an die Existenz meiner Eltern.

Mark nennt es meine Blackouts – wenn wir denn überhaupt darüber sprechen. Tatsächlich sind diese Episoden Teil meines Lebens, solange ich denken kann. Aber wenn ich wirklich intensiv darüber nachdenke, dann kann ich ganz genau sagen, wo ihr Ursprung liegt. Und ich bin sicher, sollte ich je zu einem Psychologen gehen, dann würde er ebenso rasch herausfinden, wann all das begonnen hat.

Es hat begonnen, als mir mein Dad zum ersten Mal weggenommen wurde.

*

»Jane! Jane!«

Janes Körper hüpfte auf der Matratze auf und ab, als ihre Mutter an Janes Schultern rüttelte und sie so aus dem Tiefschlaf riss. Sie blinzelte, öffnete die Augen, und vor lauter Angst wurde ihr übel. Das Gesicht ihrer Mutter war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Sie war weiß wie ein Geist und ihr liefen die Tränen in kleinen Bächen über die Wangen. Jane schluckte, um einen Schrei zu ersticken.

»Was ist denn, Mommy? Was ist passiert?« Ihre Stimme klang schrill, sie wusste nicht, ob vor Müdigkeit oder vor Angst. Was war hier los? Es war noch nicht Morgen, zu früh, um aufzustehen, denn draußen war es noch dunkel. Jane brauchte nun schon seit einigen Monaten kein Nachtlicht mehr. Endlich fühlte sie sich groß genug, um auf diese zusätzliche Beruhigung zu verzichten. Außerdem hatte sie ja auch noch ihren geliebten zerfledderten Bären. Da brauchte sie nicht auch noch das Licht, sagte Daddy. Jetzt schaltete ihre Mom die Nachttischlampe an, und Jane fiel auf, dass Mommys Augen rot und groß waren, ihr Mund verzerrt.

»Du musst aufstehen«, flüsterte sie mit heiserer Stimme und riss Jane die Decke weg. Kalte Luft strich über ihre nackten Arme. Ihre Mutter fummelte mit einem Pullover herum. Zitternde Hände versuchten, ihn über Janes Kopf und dann über ihre Arme zu ziehen.

»Mommy! Du machst mir Angst. Träume ich?«

»Das ist kein Traum, Jane.«

»Claire! Wo bist du, verdammt?« Die Stimme ihres Daddys dröhnte durch die stille Nacht. Und während er brüllte, sah Jane, wie blaue Blitze in regelmäßigen Abständen hinter den Vorhängen aufflackerten.

»Ich komme! Wir kommen!«

»Ich habe Angst«, sagte Jane noch einmal, als ihre Mutter sie barfuß aus dem Schlafzimmer und dann die Treppe hinunterzog.

»Es ist viel zu spät, verdammt noch mal!«, brüllte Daddy.

Jane konnte ihn nicht sehen. Sie hörte nur seine Stimme, die im Flur förmlich explodierte. Grob zog ihre Mutter ihr die Turnschuhe an, sodass Jane vor Schmerz zusammenzuckte.

»Ich brauche Socken da drin. Sonst bekomme ich Blasen.« Als das Chaos sie vollends überwältigte, traten Jane Tränen in die Augen.

»Keine Zeit. Wir müssen los.«

Jane leistete keinen Widerstand, als ihre Mommy sie am Arm packte und aus dem Flur, durchs Wohnzimmer und in die Küche zog, bis sie schließlich vor der Hintertür standen. »Daddy?« Als er in Sicht kam, schaute sie ihn flehend an. Seine Augen waren groß. Er lächelte nicht, und seine Brust hob und senkte sich im Takt seiner schnellen Atemzüge. Daddy fürchtete sich auch. Ihn so zu sehen, verdoppelte Janes Angst.

»Hey, Prinzessin.« Er sprang vor und nahm sie in die Arme. »Es tut mir leid. Ich nehme dich mit auf ein Abenteuer, ein Abenteuer in der Nacht.« Seine Arme fühlten sich stark an. Normalerweise hätte sie das getröstet, doch in dieser Nacht war alles falsch. »Hast du alles dabei, Claire?«

Jane schlang die Arme noch fester um den Hals ihres Daddys und klammerte sich mit den Beinen an seine Brust. Auch ihre eigene Atmung ging nun schnell, fast so schnell wie seine. »Will jemand uns wehtun?«

Ihre Frage blieb unbeantwortet. Stattdessen drehte ihr Vater sich um und öffnete die Hintertür. Kalte Luft strömte hinein, wand sich um Jane und raubte ihr kurz den Atem.

Und dann … die Lichter. So viele Lichter blendeten sie, und Schreien erfüllte ihre Ohren. So viele verschiedene Stimmen. Blanke Panik erfasste Janes kleinen Körper, sie kniff die Augen zu, so fest sie konnte. Ein hohes Kreischen hallte in ihrem Kopf.

Und dann fiel sie.

*

»Jen. Jen, Liebes.« Meine Schultern zittern, und mein Körper bebt auf der Matratze.