Ein Lied für den Feind - Iris Muhl - E-Book

Ein Lied für den Feind E-Book

Iris Muhl

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Beschreibung

Ein Roman über Glaube und Zweifel, Hoffnung und Feindschaft, Liebe und Verlust – und über die Frage, wie viel Mut es braucht, um für ein wenig Frieden zu kämpfen. Nach einer unglaublichen, aber wahren Geschichte, die sich im Jahr 1914 an der Westfront abspielt. Manfred hat einen Traum. Er will Tiermedizin studieren und vom Hof seines alkoholkranken Vaters flüchten. Schweren Herzens lässt er seinen jüngeren Bruder Samuel und seine große Liebe Fanny zurück. Doch der Erste Weltkrieg macht seine Studienpläne zunichte. In den Schützengräben an der Westfront zweifelt Manfred am Krieg und verabscheut die vielen Opfer, die er mit sich bringt. Als alles verloren scheint, strahlt plötzlich ein Licht des Friedens auf und Feinde begegnen sich an Heiligabend. Es beweist: Der Blick auf das Kind in der Krippe ändert alles.

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Seitenzahl: 416

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Iris Muhl

Ein Lied für den Feind

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe,

die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung,

die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher,

Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-7751-7647-7 (E-Book)

ISBN 978-3-7751-6193-0 (lieferbare Buchausgabe)

© 2024 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: https://www.scm-haenssler.de · E-Mail: [email protected]

Stille Nacht

Text: Joseph Mohr (1816), bearbeitet von Johann Hinrich Wichern (1844)

Melodie: Franz Xaver Gruber (1818)

O Haupt voll Blut und Wunden

Text: Paul Gerhardt (1656) nach Arnulf von Löwen (vor 1250)

Melodie: Hans Leo Haßler (1601), Görlitz (1613)

Lektorat: Johanna Horle-Herdtfelder

Umschlaggestaltung: Stephan Schulze, Stuttgart

Titelbild: Vaterunser - 5t3ph4anArt; Wil Stewart, Tim Umphreys, Redcharlie,

Alberta - unsplash

Satz und E-Book-Erstellung: Satz & Medien Wieser, Aachen

Für Anne, Delaja, Selina und Beatrix

In Dankbarkeit

Wenn die Steine

Blüten in meine Sinne ritzen

Und der Tod seine Handschrift

Auf die Felder wirft

Dann ist es nur noch ein Schritt

In Deinland

I. M.

Inhalt

Über die Autorin

Über das Buch

Vorwort

Kapitel 1 | Vater

Kapitel 2 | Fruchtbares Land

Kapitel 3 | Streit

Kapitel 4 | Der Schuss

Kapitel 5 | Nachtwache mit Bruno

Kapitel 6 | Das Mädchen

Kapitel 7 | Omelett

Kapitel 8 | Fieber

Kapitel 9 | Instinkt

Kapitel 10 | Familie

Kapitel 11 | Durst

Kapitel 12 | Schulden

Kapitel 13 | Kindergesichter

Kapitel 14 | Gymnasium

Kapitel 15 | Prüfung

Kapitel 16 | Grabenschock

Kapitel 17 | Meinungen

Kapitel 18 | Der Feind

Kapitel 19 | Unentschlossenheit

Kapitel 20 | Der Pfarrer

Kapitel 21 | Krieg

Kapitel 22 | Ein Lied

Kapitel 23 | Wo ist Bruno?

Kapitel 24 | Ein Frischling

Kapitel 25 | Fußballspiel in der Hölle

Kapitel 26 | Die Fuchshöhle

Kapitel 27 | Das Delikt

Kapitel 28 | Heimfahrt

Kapitel 29 | Erleichterung

Epilog

Historischer Hintergrund

Bibliografie

Dank

Leseempfehlungen

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Über die Autorin

Iris Muhl arbeitet seit vielen Jahren für Schweizer Medien. Für ihre journalistischen Texte sowie Kurzgeschichten wurde sie bereits mehrfach gewürdigt. Sie ist verheiratet und hat drei Söhne.

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Über das Buch

WENN WAFFEN SCHWEIGEN

Manfred hat einen Traum. Er will Tiermedizin studieren und vom Hof seines alkoholkranken Vaters flüchten. Schweren Herzens lässt er seinen jüngeren Bruder Samuel und seine große Liebe Fanny zurück. Doch der Erste Weltkrieg macht seine Studienpläne zunichte. In den Schützengräben an der Westfront zweifelt Manfred am Krieg und verabscheut die vielen Opfer, die er mit sich bringt. Als alles verloren scheint, strahlt plötzlich ein Licht des Friedens auf und Feinde begegnen sich an Heiligabend. Es beweist: Der Blick auf das Kind in der Krippe ändert alles.

Ein Roman über Glaube und Zweifel, Hoffnung und Feindschaft, Liebe und Verlust – und über die Frage, wie viel Mut es braucht, um für Frieden zu kämpfen. Nach einer unglaublichen, aber wahren Geschichte, die sich im Jahr 1914 an der Westfront abspielte.

»Durch jede Zeile dringen die Kälte, Angst und Unmenschlichkeit des Krieges, während die jungen Soldaten in ihren schlammigen Schützengräben ausharren – bis göttliche Hoffnung den Nebel durchbricht und sich einen Weg in die Herzen der verfeindeten Männer bahnt. Eine unglaublich bewegende Geschichte. Meisterhaft erzählt.«

Damaris Kofmehl, Bestsellerautorin und Leiterin von »Open Arms«

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Vorwort

Dieser frei erzählte Roman beruht auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1914, dem Weihnachtsfrieden. Auf achtsame Weise habe ich versucht, mich den Geschehnissen und dem Erleben der Menschen im Ersten Weltkrieg zu nähern. Aus dramaturgischen Gründen wurden Handlung und Figuren von mir frei erfunden.

Die Geschichte handelt von einem Jungen, der in der Natur aufwächst und die Schönheit der Schöpfung nie aus den Augen verliert. Umso schwerer fällt es ihm, im Krieg mitanzusehen, wie Mensch und Tier leiden. Doch das hält ihn nicht davon ab, an das Gute zu glauben und für Menschlichkeit und Würde zu kämpfen.

Ich glaube, dass der erwachsene Mensch oftmals nur von der Oberfläche der Dinge weiß. Damit spreche ich von Dingen, die er geschaffen hat und an denen er eindeutig teilnimmt. Kinder jedoch sehen mehr. Sie erkennen sich als Teil der Natur, sehen in ihr die schöpferische Kraft, die Möglichkeiten, von ihr zu lernen und sich im Einklang mit ihr zu bewegen. Ein zerstörerischer Gedanke ist dabei kaum möglich, denn eins zu sein mit der Natur ist selbstverständliche Freiheit und bildet ein natürliches Bündnis mit den Tieren und der Pflanzenwelt.

Erwachsene scheinen dieses Verständnis jedoch oftmals verloren zu haben. In einer Welt, in der Erwachsene Kinder erziehen, kühlt diese Kraft ab und wird stumpf. In einem endlosen Kreislauf bewegt sich die Menschheit dann auf die Tatsache zu, daran festzuhalten, die Erde und alles, was sich darauf befindet, müsse in ihrer Gewalt sein. Das Wort Gewalt nenne ich bewusst, denn so ist es auch im Krieg. Krieg wird von Menschen bestimmt. Doch manchmal geschieht es, dass in einem kriegerischen Umfeld, das geprägt ist von Gewalt, Schrecken und unendlicher Trauer, ein stilles, göttliches Licht auftaucht. Unerwartet schön, berührend und inspirierend. Niemand weiß dann so richtig, woher es kommt und weshalb es hier ist.

Die Geschichte des Weihnachtsfriedens von 1914 besitzt so viel Leuchtkraft, dass sie bis heute von großer Bedeutung ist. Sie handelt von einer unerhörten Befehlsverweigerung, die jede militärische Macht in ihren Grundfesten erschüttert.

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Kapitel 1

Vater

Bad Berleburg im SauerlandRothaargebirgeJuli 1908

An diesem Tag stach die Sonne auf die reifen Weizenfelder im Westen von Deutschland. Die heiße, trockene Luft lähmte Mensch und Tier, und sogar die hungrigen Mäusebussarde, die die Hitze sonst gut ertrugen, hatten sich in den Schatten der Eiben zurückgezogen. Über den Weizenähren flimmerte es. Es waren Tausende, Abertausende Halme und sie standen da wie Soldaten mit leicht hängenden Köpfen. Vollkommene Windstille.

Fred lag unter einem Apfelbaum ganz in der Nähe des elterlichen Hofs und nippte an einer Glasflasche mit frischem Brunnenwasser, als die Tür zum Stall zuschlug.

»He, Samuel, wo ist dieser vermaledeite Kessel?«

Er zuckte zusammen, erhob sich eilig und blickte zum Stall hinüber, der auf einem Hügel über den goldenen Feldern lag. Eine ungute Vorahnung packte ihn, sodass er schwer schluckte. Er sah, wie sein Vater über den geräumigen Hof auf das Wohnhaus zutorkelte, eine Mistgabel in der Hand. Er trug schwere, dunkelgrüne Stiefel, schmutzige Stallhosen und ein zerrissenes Hemd. Sein düsterer Blick verriet, dass er außer sich war vor Wut. Fred seufzte, was so viel bedeutete wie: nicht schon wieder.

»He! Samuel! Sprich mit mir!«, schrie der Vater und seine Stimme klang wie mehr wie ein Gurgeln, unheimlich und abstoßend. »Antworte!«

Fred schnappte nach Luft. Aus dem Schatten des Apfelbaumes heraus suchte er die Gegend mit dem scharfen Blick eines Adlers ab. Wo ist Samuel? Wo hat er sich nur versteckt? Sein Blick fiel auf den hohen First der alten Holzscheune gleich neben dem verwitterten Stallgebäude. Wenn Vater verrückt spielte und zu viel getrunken hatte, versteckte sich sein Bruder meist dort, saß am kaputten Fenster und blickte traurig über die Felder. Doch das Fenster war leer.

»He, Samuel!«, schmetterte Vater seine Stimme gegen die Hauswand. Obwohl er schweres Schuhwerk trug, schienen ihm seine Füße kaum Halt zu geben: Mal schwankte er nach vorn, dann wieder nach hinten, bis er sich schließlich auf die Heugabel stützte.

Noch vor einer Woche hatte er der Familie beim Essen hoch und heilig versprochen, mit dem Trinken aufzuhören. Mutter war jedes Mal erleichtert, wenn er Reue zeigte, doch insgeheim wusste sie, dass diese Läuterung nur eine kurze Episode im Leben ihres Mannes war. Vater hielt seine Versprechen nie.

Nun warf Fred einen prüfenden Blick auf den kleinen, maroden Abort, gleich hinter dem Wohnhaus. Da dieser jedoch offen stand, vermutete er, dass Samuel in den Feldern verschwunden war. Sein Blick fiel auf die Eiben hinter den Feldern. Auch da kein kleiner Bruder. Blieb noch das Haus. Fred setzte sich in Bewegung.

Er war schon immer ein schneller Läufer gewesen, aber diesmal lief er noch schneller.

Sein blaues Arbeitshemd und die kurzen Hosen flatterten um seine schlanken Glieder, als er über den Holzzaun sprang, der sich um den gesamten Hof zog. Als er den Rosenstrauch passierte, riss er sich an einem Dorn die Hand auf. Er vernahm Stimmen aus dem Haus. Sie klangen hektisch und laut, was ihn aufwühlte. Sein Vater musste bereits drinnen sein.

In der unheimlichen Stille, die das Haus umgab, hörte Fred plötzlich Mutters Schreie, vernahm, wie Vater die Treppe hinauftrampelte und mit der Faust gegen eine Tür schlug. Wahrscheinlich war es Samuels Zimmertür, sie würde nicht mehr lange halten, war schon mehrmals repariert worden. Vielleicht würde sie heute einfach so unter Vaters wild wütenden Händen zersplittern. Hoffentlich ist Samuel doch an den Fluss gerannt und hat sich dort im Dickicht versteckt. Sonst schlägt er ihn bewusstlos wie letztes Mal.

Mit voller Kraft wuchtete Fred die schwere, dunkle Eichentür zum Wohnhaus auf, nahm jeweils zwei Stufen auf der Treppe in den ersten Stock. Eine unheilvolle Stille hatte sich über das Haus gesenkt, unterbrochen von einem dumpfen, hässlichen Patschen, das Fred nur allzu gut kannte. Oben angekommen, bot sich Fred ein schrecklicher Anblick. Die Tür hing schief in der Angel, das Holz war an mehreren Stellen zersplittert.

In dem kleinen, dunkelgrünen Raum, in dem nur zwei schmale Betten Platz gefunden hatten, stand sein Vater und prügelte auf seinen Bruder ein. Samuel kauerte auf dem Bett, die Hände über dem Kopf, und wimmerte. Ebenso hilflos stand Mutter in der Ecke, versuchte Vater von dem Jungen wegzuziehen, doch es gelang ihr nicht. Jetzt schrie sie ihren Ehemann an, es klang verzweifelt. »Nicht, du prügelst ihn noch tot!«

Geistesgegenwärtig warf Fred seine Arme um den großen, schweren Mann und schob ihn mit dem ganzen Gewicht seines Körpers gegen die Wand. Der dicke Knebel, mit dem er zugeschlagen hatte, fiel zu Boden. Die Mutter weinte, die Hände vor dem Gesicht, während Samuel mit verquollenen Augen aus dem Zimmer stürmte. Vater schlug mit den Armen um sich. Wo hatte er bloß diese Kraft her?

»Lass mich, lass mich!«, schrie er. Er roch nach Knoblauch, Bier und altem Schweiß. Fred jedoch schlang seinen Arm von hinten um Vaters Hals, brachte den 110 Kilo schweren Mann aus dem Gleichgewicht und beförderte ihn entschlossen aus dem Zimmer. Auch wenn er erst 14 Jahre alt war: Die Arbeit auf dem Hof, Vater, der meist sternhagelvoll war, und seine Fürsorge für die Tiere hatten ihn stark gemacht.

Vater schien verdutzt, stolperte rückwärts über den kleinen Flur und ließ sich von Fred ins gegenüberliegende Schlafzimmer schieben. Im Haus war es sehr dunkel, denn Mutter hatte wegen der unerträglichen Hitze schon morgens alle Fensterläden geschlossen. Fred lief der Schweiß in die Augen. Er brannte. Aber nicht nur das. Sein ganzer Körper schien vor Wut auf Vater zu brennen. Nun warf er ihn auf das unordentliche Bett, das seit Wochen keine frische Bettwäsche mehr gesehen hatte.

»Lasst mich endlich in Ruhe!« Seine laute, donnernde Stimme hallte durch den karg eingerichteten Raum. Fred trat ein Stück zurück.

Was für ein trauriger Anblick. Vor Jahren noch war er ein ansehnlicher Mann gewesen, stolz auf seinen großen Hof, von seinen Mägden und Knechten geschätzt, stolz auf seine schöne Frau, seine prächtigen Söhne. Ein angesehenes Mitglied des Dorfrates, ja, die Bewohner hatten sogar über eine Einsetzung als Bürgermeister nachgedacht.

Und jetzt? Vater zog das Leintuch über das schüttere, fettige Haar auf seinem Kopf, wälzte sich zur Seite und schien sogleich wegzudämmern.

Fred wandte seinen Blick ab, ließ ihn über die spärliche Einrichtung des Zimmers gleiten. Ein kleiner, wackeliger Stuhl, ein schmales Bett aus Kiefernholz, dessen Matratze von eifrigen Mäusen durchlöchert worden war, denn nicht einmal der Kater Tom wagte sich in dieses Zimmer. Am Fenster hing eine halbe zerrissene Gardine, einstmals ein schönes Stück Stoff aus grünem Samt, das an bessere Zeiten erinnerte.

Fred zog am unteren Ende des Leintuchs und warf es über Vaters Beine. Die schmutzigen Stiefel hatten am Fußende des Betts braune Streifen auf der Wäsche hinterlassen. Der Junge warf seiner Mutter, die mittlerweile in der Schlafzimmertür stand, einen fragenden Blick zu. Soll ich ihm die Stiefel ausziehen?

Sogleich schüttelte sie den Kopf. »Auf keinen Fall, dein Auge ist ja noch nicht einmal verheilt vom letzten Tritt«, flüsterte sie ihm zu und wandte sich traurig ab.

Als sie beide vor der Tür standen, drehte Fred den Schlüssel und legte ihn auf eine winzig kleine Ablage neben der Tür, auf der ein Kreuz stand und ein kleines Bild der heiligen Maria. Dabei hörten sie ein tiefes, unregelmäßiges Schnarchen. Mutter schüttelte nur den Kopf und begann wieder zu weinen. Vorsichtig umarmte sie Fred. Sie legte ihm den Kopf auf die Schulter. Trotz Sommerhitze zitterte sie am ganzen Leib.

Er hielt sie so fest er konnte. Sie war rund geworden in den letzten Jahren. Das lag am Kokain und dem Beruhigungsmittel, die ihr der Arzt verschrieben hatte. Freds Hemd wurde von den Tränen nass.

Er sprach leise und tröstend. »Komm Mutter, ich mach dir was zu essen und dann werde ich Samuel suchen gehen.«

* * *

Der Hof der Familie Scheller stand weitab vom kleinen Städtchen Bad Berleburg, rund 20 Minuten zu Fuß, auf einem kleinen Hügel mit Sicht über die Ebene. Am Fuß dieses Hügels zog sich die Odeborn durch die Landschaft, ein rund acht Meter breiter Fluss, hin und wieder rund einen Meter tief. Genau da, wo sich das Wasser hinter Steinen sammelte und tiefe Gruben bildete, standen die Forellen im kühlen Schatten neben großen Felsen aus Hämatit. Zu bestimmten Zeiten, so hieß es, färbte sich der Fluss rot, deshalb nannten manche ihn den Blutfluss.

Im Sommer, wenn die Sonne hochstand, glitzerte die Odeborn tatsächlich rötlich. Als sie noch jünger gewesen waren, hatte Fred beim Angeln mit Samuel immer die Eisenkiesel gesammelt, die sich meist an den seichten Stellen finden ließen. Samuel hatte immer gerufen: »Schau, meine Hand blutet!«, wenn er einen roten Eisenkiesel in seine kleine Kinderhand legte. Inzwischen wussten sie, dass genau dort auch die Forellen standen, gut getarnt mit einem roten Rücken, perfekt angepasst an ihre Umgebung.

Eine Reihe Apfelbäume säumte den breiten Kiesweg zum Hof, vor dem kilometerweite Weizenfelder lagen, gelegentlich geschmückt durch Kastanien oder eine alte Eiche. Hier und dort bewachten zwei oder drei Lärchen ein Weizenfeld, das – wenn der Wind es streichelte – gegen Herbst einen lila Farbton trug. Während die Bussarde, Elstern und Kolkraben die meterhohen Baumspitzen für die Suche nach leckeren Sämereien oder Kleingetier nutzten.

Fred und Samuel kannten die Tiere der Gegend. Besonders Fred war von ihnen fasziniert und prägte sich ihr Aussehen, ihre Vorlieben und Besonderheiten ein. Die Tiere erinnerten ihn daran, dass Gottes Schöpfung gut war. Wenn er und Samuel in den Wäldern und am Rothaarsteig entlangliefen, dann entdeckten sie Schwarzwild, Rehwild und Rotwild. Im Herbst sammelten sie Esskastanien, im Winter kletterten sie bis auf die obersten Äste der alten Eiche weitab vom Hof. Im Sommer legten sie sich unter den Baum auf die trockene Erde und blickten in ein Netz aus Adern, die den Himmel umarmten. In einer kleinen Landkerbe stand an einem Seeufer voller Duftnesseln und weißem Steinquendel ein Lärchenwäldchen, das sich im Herbst golden verfärbte und auf den Boden einen gelben Teppich legte.

Fred, eigentlich Manfred, war das älteste von drei Kindern, mit 14 Jahren dennoch zu jung, um sich seinem schwergewichtigen Vater entgegenzustellen, wenn dieser im Vollbesitz seiner Kräfte war. Er war schlank und groß, hatte schwarzes Haar wie seine Mutter, schöne Gesichtszüge und eine hohe Stirn, über die sein buschiges Haar bis zu den dichten Augenbrauen fiel. Sah man genau hin, entdeckte man einen goldenen Rand um die Iris, der manchmal, aber nur im Sonnenlicht, kurz aufblitzte. Bald würde er größer sein als der Vater, vielleicht 1,85 Meter oder einige Zentimeter mehr. Das mittlere Kind, ein Mädchen, dem man nie einen Namen gegeben hatte, weil es der Vater verboten hatte, war sogleich nach der Geburt gestorben.

Samuel, Freds Bruder, war gut vier Jahre jünger, aber wesentlich dünner und kleiner. Immer wenn es regnete, krauste sich sein dunkelbraunes Haar und stand wild von seinem Kopf ab. Im Winter war er oft krank gewesen, meist erkältet. Oder er hatte es mit den Ohren: Die zahlreichen Ohrenentzündungen hatten dazu geführt, dass er auf einem Ohr fast taub geworden war.

Manchmal, wenn es mit Vater schlimm wurde, begann Samuel zu stottern. Er wiederholte die Worte dreimal, bis er den Satz beenden konnte. Nur in der Schule stotterte er nie, dort fühlte er sich wohl und sicher. Oder in den seltenen Stunden häuslichen Friedens, wenn der Vater draußen unterwegs war und Samuel mit Fred und Mutter in der Küche sitzen und plaudern konnte.

Die Mutter war eine gewissenhafte, feinfühlige Frau und stammte aus einer wohlhabenden Familie. Sie liebte die Musik und hatte als Kind viel Geige gespielt. Zu Beginn ihrer Ehe war Mutter voller Träume und Hoffnungen gewesen, hatte ihre Söhne immer in ihrer kindlichen Wissbegier unterstützt und sich an ihren zahlreichen Fragen über Gott und die Welt erfreut.

Doch dann kamen die Sorgen. Immer öfter genehmigte Vater sich ein Bier zu viel. Mutter flehte ihren Mann an, mit dem Trinken aufzuhören, den Hof wieder ordentlich zu bewirtschaften und die Kinder sorgsam zu erziehen. Aber aus einem stolzen Pferd würde niemals ein Ochse werden, der zu arbeiten vermag. Das wusste sie und es machte sie traurig. In ihrer Traurigkeit verlor sie ihre Schönheit und ihre Würde und wurde zu dem, was sie nun war.

* * *

Fred rannte durch das hohe Gras hinter dem Hof in Richtung Fluss, stolperte über einen großen Stein, fiel hin und rappelte sich wieder auf. Während er sich die schmutzigen Hände an den Hosen abklopfte, rief er so laut er konnte: »Samuel! Wo bist du?«

Weil er keine Antwort bekam, legte er zwei Finger in den Mund und begann zu pfeifen. Den hohen Pfeifton hörte Samuel besser als die tiefe, sonore Stimme seines älteren Bruders. Doch nichts.

»Sam!«

»Ich habe Vater eingesperrt!«

»Keine Angst!«

Er warf seinen Blick über die Ebene, tastete mit seinen Augen die Bäume ab, Gebüsch und Felder.

Wo konnte sein Bruder nur sein?

»Mama geht es gut! Alles in Ordnung! Sie ist in Sicherheit!«

Immer noch nichts.

Fred rannte weiter Richtung Fluss. Es gab jetzt nur noch einen Ort, wo Samuel sein konnte.

Nicht weit entfernt blinkte in der Sommerhitze die Stadt auf, die berühmt war für ihre Geschichte. Jahrhunderte zuvor war sie Residenzstadt der Nordgrafschaft Sayn-Wittgenstein-Berleburg gewesen. Mit Stolz erzählten sich die Einwohner, dass hier an diesem Ort sogar die Berleburger Bibel entstanden sei, in einer einfachen Druckerei im Keller eines alten Stadthauses. Das hatte die Pietisten derart stolz gemacht, dass die einfachen Menschen der Gegend, die Sinti, nicht mehr geduldet und als Heiden verschrien wurden.

Auf der Suche nach seinem Bruder hob Fred Äste an, schlug gegen niedriges Buschwerk, riss hastig an Efeulianen, aus denen erschrocken Seidenbienen und Rotkehlchen ausbrachen. Das vertrocknete Gras peitschte gegen seine nackten Waden. Immer wieder knirschte es unter seinen Füßen, wenn beim Auftreten trockenes Geäst zerbrach. Endlich erreichte er das Wasser, das leise plätscherte.

Fred atmete auf. Auf der anderen Seite, zwischen zwei hohen Felsbrocken, saß sein Bruder und warf kleine Steine in den ruhigen Fluss. Das Wasser stand tief, die anhaltende Trockenheit forderte ihren Tribut. Auf Freds Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Ohne seine Schuhe auszuziehen, was er sonst immer tat, schob er seine Füße durch das seichte Wasser, das ziemlich warm geworden war.

Fred sah in die traurigen, geröteten Augen seines Bruders, als dieser kurz den Kopf hob. »Die Forellen sind gestiegen. Hier hat es zu wenig Wasser. Sie stehen jetzt weiter oben, wahrscheinlich unter der gefallenen Eibe.«

Samuel sprach leise, nachdenklich, während Fred sich vorsichtig neben ihn setzte, um ihn in keiner Weise aufzuschrecken. »Bestimmt stehen sie dort. Es gibt keinen besseren Ort als diesen. Unter der Eibe ist es kühl und dunkel.«

Fred sah, dass er geweint hatte, die linke Wange von einem Schlag gerötet, seine Schultern verkrampft, die Beine eng an den Leib gezogen. Er trug die zerschlissenen Lederschuhe, die ihm sein Großvater vor zwei Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte. Immer, wenn er Trost suchte, zog er sie an. Sie waren einmal schön gewesen, glänzendes schwarzes Kalbsleder mit breiten, silbernen Ösen für schwarze Schnürsenkel.

Eine Erinnerung an bessere Zeiten. Damals, man schrieb das Jahr 1906, als Großvater noch auf dem Hof gelebt hatte. Er hatte die Tiere genauso gut behandelt wie die Menschen. Hatte immer gesagt: »Traue nie einem Menschen, der schlecht mit Tieren umgeht.«

Samuel legte den Kopf auf die Knie. »Irgendwann wird Vater mich totschlagen, ich weiß es«, sagte er verzweifelt.

Fred legte seine Hand auf Samuels Schulter und warf mit der anderen Hand ebenfalls einen Stein ins Wasser. Es klang hohl und schön. Etwas Wasser spritzte auf ihre Schuhe. Die Sonne legte einen dünnen Lichtfilm auf die Oberfläche, manchmal warf eine aufspringende Welle das gleißende Licht zurück, welches die beiden Kinder blendete.

»Ich sorge dafür, dass er dich nicht totschlägt. Und sobald wir erwachsen sind, gehen wir fort.«

»Aber was ist mit Mutter? Wir können weggehen, aber sie kann es nicht!«, gab Samuel besorgt zurück.

Fred schwieg. Darauf wusste er keine Antwort. Er grub seine rechte Hand in den warmen Sand und warf ihn in den Fluss. Einen Moment lang glitzerte der Sand in den Sonnenstrahlen, bevor er im Dunkel des Wassers versank.

Vielleicht bekommt ja auch Mutter nochmals eine Chance, dachte Fred, obwohl er wusste, dass das niemals geschehen würde.

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Kapitel 2

Fruchtbares Land

Bad Berleburg, Sauerland1908

Im September 1906 war Freds Großvater an einer Lungenentzündung gestorben. Er hatte nach seinem Tod Freds Vater einen prächtigen Hof hinterlassen. Das fruchtbare Stück Erde, ein Gebiet von rund 120 Hektar bewirtschaftetes Land, an das auch noch ein großer Wald angrenzte, hielt sich nicht lange fruchtbar. Kurz nach der Bestattung des alten Hofpatriarchen führte der stolze Erbe, Gottfried Scheller, ein selbstsicherer Mann, der aber keinerlei Geschäftssinn besaß, einige Änderungen ein.

Mägde und Knechte durften von einem Tag auf den anderen nicht mehr am Familientisch essen, sondern mussten sich in der Küche verpflegen, ein Dutzend Zuchtpferde wurde übereilt einem Rennstallbetreiber verkauft, der sie mit Gewinn weiterverkaufte. Die Ställe sollten an andere Pferdebesitzer vermietet werden, was jedoch aufgrund der Lage – die Ställe lagen viel zu weit weg von der Stadt – nicht klappte. Ein Teil des gesunden Viehs wurde verscherbelt, ebenso die Mitgift seiner Ehefrau Ilse, damit Gottfried die Schulden bezahlen konnte, die er in der Stadt mit Geschäften gemacht hatte. Der alte Glanz des Scheller-Hofes wich schnell. Innerhalb von eineinhalb Jahren folgte die Insolvenz, denn alles Geld war weg.

So standen mit Ausnahme von zwei Boxen die Pferdeställe leer. Die zwei Pferde wurden von Fred und Samuel gepflegt. Vater hielt nichts von Pferden. Er behielt sie nur, um mit ihnen auf den Feldern zu arbeiten. Ein paar wenige Kühe waren ihnen geblieben. Sie gaben Milch und hin und wieder wurde eine geschlachtet. Doch das Fleisch war zäh und niemand wollte es kaufen.

Die Lüge einer wütenden Magd, Vater habe ein uneheliches Kind mit ihr, wurde für ihn zum Schafott. Händler und Geschäftsleute zogen sich zurück, kauften weder Milch noch Weizen und stürzten die Familie so in eine große Krise. Mutter, die einen tiefen Glauben an Gott besaß und darauf vertraute, dass er sie jederzeit auf ihrem Weg begleitete, besonders, wenn sich dieser als schwierig erwies, blieb weiterhin an der Seite ihres Angetrauten. Hin und wieder beobachtete Fred sie dabei, wie sie abends allein am Küchentisch saß, eine Kerze anzündete und leise ein Gebet sprach. Ihre empfindsamen, warmen Worte galten den Kindern, ihrem Mann, den Tieren auf dem Hof und den kranken Menschen im Dorf und ließen in Fred ein feines Geräusch anklingen, das sein Innerstes berührte und eine einzige Frage aufwarf: Sieht Gott auch mich?

Nachdem alle den Hof verlassen hatten, verlor sich das fleißige Werkeln in den frühen Morgenstunden, das Backen, Hantieren und Schreinern der Mägde und Knechte zu einem einzigen Schweigen, und nur noch Wind und Regen besuchten die Wiesen und Felder, die einst von Fruchtbarkeit strotzten. Und wenn noch etwas wuchs, dann wurde es kaum geerntet. Kaum jemand pflückte die Äpfel von Obstbäumen, lediglich ein paar verirrte Wanderer oder kleine Igel machten sich am frischen Obst zu schaffen, das am Boden lag.

* * *

An diesem Abend angelten Fred und Samuel Forellen. Sie hatten sich beruhigt, doch die Enttäuschung über den jüngsten Ausbruch ihres Vaters stand ihnen noch im Gesicht. Die kleine Kerbe über Freds Nase war nicht zu übersehen. Samuel nannte es die »Sorgenkerbe«, die immer auftauchte, wenn Vater wieder einmal zu viel getrunken hatte und um sich schlug.

»Hier«, zischte Fred und machte kaum eine Bewegung. Er stand im Flusslauf, das Wasser bis zu den Knöcheln. Die Schuhe hatten sie ausgezogen und auf einem hohen Stein gelagert, die Angeln aus ihrem Versteck geholt. Sie standen in lauwarmem Wasser, die Sonne hatte sich bereits hinter einem bewaldeten Hügel verzogen, und ein kühler Wind wirbelte über die beiden hinweg. Die Abkühlung tat gut, nicht nur auf der Haut, sondern auch im Kopf, in der Brust, im Bauch. Die Wut verflog allmählich und die beiden begannen zu lachen und zu schwatzen. Es war, als würde ihre Erstarrung ins Wasser fallen gelassen, würde den Bach hinunterfließen, immer weiter bis zur tiefen Eder, um von dort weiter bis in die Fulda zu gelangen, sich dort in einem großen Delta aufzuteilen und im Schlamm zu versinken.

Die beiden suchten nach Fischen fürs Abendessen. Ihre Füße versanken im Moos oder im Sand des Flusses. Fred hatte hinter einem mit grauem Geflecht bewachsenen Stein zwei kleine Forellen entdeckt. Er vermied es, seinem Bruder zuzuwinken, sondern hob nur ein klein wenig den Zeigefinger und deutete in die Richtung, wo die Fische standen. Nun warfen sie die Wurmköder ins Wasser, ließen sie ein wenig treiben, hoben den Kopf und blickten zwischen Ästen hindurch zum Himmel. Dichtes Blattwerk beugte sich an zarten Zweigen über sie und streifte sie an den Schultern. Manchmal verhedderte sich die Schnur in den Ästen, aber das war nicht weiter schlimm.

Hier am Fluss war es still, sicher und deshalb tröstlich. Der erdige Modergeruch, der Duft von Flusswasser, kurz zuvor seiner Quelle entsprungen, und Kiefernharz lag in der Luft. Und weil sie immer noch Kinder waren, lachten sie erleichtert auf, als müsste nun in diesem Augenblick alles von ihnen abfallen. Sie fingen eine Forelle und noch eine, während ein Hauch von Bodennebel aufstieg.

Schließlich nahmen sie die Fische aus und brieten sie über dem Feuer. Als Samuel am Feuer neben seinem Bruder einschlief, deckte ihn dieser mit seiner Jacke zu. Fred blickte an den Himmel und sah vereinzelte Sterne. Sie glitzerten wunderschön. Die Bäume am Fluss beugten sich wie alte, schwarze Riesen über sie und schienen zu summen. Aber es waren die Zikaden, die in der Sommerhitze keinen Schlaf fanden. Wenn ich nur ihre Namen wüsste, dachte Fred und schlief erschöpft ein.

Ein Rotkehlchen, das sich an einem Wurm zu schaffen machte, weckte Fred. Wie verrückt versuchte der Vogel den Wurm aus dem Boden zu zupfen, pickte und hüpfte hin und her, doch der Wurm verschwand eilig in der Erde. Nur kurz sah das Rotkehlchen Fred an, der seinen Kopf verwundert hob und sich das dichte Haar aus dem Gesicht strich.

»Du bist wohl hungrig«, sagte er freundlich zu dem Vogel, der aufgeregt sein Gefieder aufschüttelte. Dann flog das Kehlchen fort zur nächstgelegenen Kiefer, um dort weiterzupicken. »Ich bin auch hungrig«, sagte Fred zu sich selbst. Die Forellen hatten lecker geschmeckt. Fisch hielt jedoch nicht lange hin und Brot hatte er gestern in der Eile keins von zu Hause mitgenommen.

Mit der Hand schubste Fred seinen Bruder an. Samuel lag noch in Fötusstellung, die Jacke eng um sich geschlungen. Er atmete tief. Jetzt öffnete er die Augen. »Schon?«

»Ja, komm, wir müssen zur Schule«, sagte Fred leise. Er blickte auf. Zwischen das Blattwerk drängten sich ein paar Sonnenstrahlen. Ein sanfter Nebelflaum stand über dem ruhigen Fluss. Die beiden standen auf und klopften sich an ihrer Kleidung. Dann stellte sich Samuel an einen Baum und pinkelte.

»Komm endlich«, rief Fred ungeduldig.

»Aber ich will nicht nach Hause«, gab Samuel zurück.

»Wir müssen die Kleidung wechseln, so können wir nicht in die Schule.«

Stocksteif stellte sich Samuel hin. »Ich geh nicht nach Hause«, sagte er zu seinem Bruder.

Fred zog ihn am Arm mit sich. »Er ist bestimmt nüchtern. Außerdem gehen wir zusammen.«

Widerwillig rannte Samuel mit.

Manche Tage erscheinen wie frisch gestärkt, dachte Fred, als sie auf dem stillen Hof ankamen. Ein bisschen Trost tat gut nach alldem, was in den letzten Monaten geschehen war. Die Luft roch nach feuchtem Kies, nach faulen Äpfeln und Wiesentau. Fred sah glänzende Wasserperlen auf den Halmen, als er mit seinem Bruder die Eingangstreppe erklomm. Die Kirchenglocke der Stadt schlug sieben Uhr.

Sie traten ins Haus und hörten die Stimme ihrer Mutter in der Küche. Beide eilten in den ersten Stock, um zu sehen, wo Vater war. Die Tür zum Elternschlafzimmer stand offen. Mutter hatte sie bereits früh aufgeschlossen, damit Vater sie nicht auch noch zertrümmerte.

»Er ist nüchtern«, sagte Fred zu Samuel, obwohl er seinen eigenen Worten nicht traute. Sie huschten zum Kleiderschrank. Ein frisch gestärktes, kariertes Hemd, eine kurze Kakihose und frische Socken. Samuel tat es ihm gleich. Von einem Brett aus rötlichem Buchenholz, das über beiden Betten angebracht worden war, nahmen sie ihre Schulsachen. Ein Mathebuch, ein Schreibheft, ein Lineal, ein Buch von einem Schriftsteller namens Arthur Schnitzler mit dem Titel »Der Weg ins Freie«.

Gemeinsam gingen sie unten in die Küche. Sie war groß und hell. Mutter versuchte Ordnung zu halten, doch in den letzten Jahren war ihr all die Arbeit zu viel geworden. Nun standen überall Flaschen und Einmachgläser, Gewürze und ungewaschenes Obst. Ein paar Fliegen machten sich darauf zu schaffen. In der Ecke lag ihr Hund Piet und schlief. Der Tisch war schon seit einigen Tagen nicht mehr geputzt worden, denn Krümel von Mutters Weißbrot, das sie vor drei Tagen verzehrt hatten, lagen noch auf der hölzernen Tischplatte.

Vater saß da mit einem kühlen Lappen auf der Stirn, der schräg über einem Auge lag. Er hielt auch das zweite Augen geschlossen, als müsste die Welt, in der er lebte, außen vor bleiben. Tiefe Augenringe zeugten von einer schlechten Nacht. Fred fand, dass er lächerlich wirkte, und hätte am liebsten laut losgelacht. Tat es aber nicht. Im Laufe der letzten Jahre hatten sie alle gelernt, sich den Launen des Patriarchen anzupassen. Sie versteckten sich am Fluss, sperrten den Alten ein, wenn er übermäßig getrunken hatte und sie verprügeln wollte, oder suchten Auswege aus einer unerträglichen Lebenslage, indem sie sich unsichtbar machten, kaum ein Wort sagten, um keinerlei Fehler zu begehen.

»Morgen«, sagte Fred leise. Die Mutter stand am Herd, die schmutzige Schürze umgebunden. Sie hatte weder ihr Haar gemacht noch frische Kleidung angezogen. Fred küsste seine Mutter auf die Wange. Sie war weich und warm. Er sorgte sich um sie, denn er wusste, dass sie die ganze Nacht wach lag, wenn ihr Gemahl zu viel trank. Ihr hautfarbener Nylonstrumpf hatte eine dicke Laufmasche am linken Bein, die beigen Pantoffeln waren dreckig von der Gartenarbeit und die Schürze hing schief über der breiten Hüfte. Sie drehte den Kopf, schob eine Locke aus ihrem Gesicht und nickte ihm kurz zu, um zu bedeuten, dass das Frühstück für die Schule bereitlag. Eingetütet in zwei braune Papiertüten. Fred warf einen Blick hinein. Drei Sandwiches aus frischem Schwarzbrot mit Ei und zwei mit Käse. Für Fleisch reichte das Geld nicht.

»Los, geht die Hühner füttern, die Kühe und die Schweine. Tut etwas für euer Essen …«, lallte der Vater stumpf. Mutter schüttelte nur den Kopf und bedeutete: Geht, geht.

Fred und Samuel packten ihre Schultaschen aus gegerbtem Leder. »Bis später!«, rief Fred, schon auf dem Weg zur Tür hinaus.

»Manfred!«, hörte er seine Mutter rufen. Sie war ihnen gefolgt. »Lass mal gut sein, lauft zur Schule. Ich kümmere mich um die Tiere.«

Fred hob den Kopf und blickte zur Küchentür. »Schon in Ordnung. Wir kümmern uns um die Kühe und Schweine. Den Rest kannst du übernehmen, Mutter.« Einmütig blickten sie sich an, dann wandte sich Mutter wieder ihrer Arbeit in der Küche zu.

Die beiden Jungen verließen das Haus und rannten zu den Stallungen. »Hast du gesehen? Er hat ein schlechtes Gewissen. Heute lässt er uns in Ruhe«, sagte Fred erleichtert zu seinem kleinen Bruder.

Die Sonne beleuchtete nun die oberen Etagen der Häuser rötlich gelb. Schwalben kreisten über den Feldern und drei Raben hatten sich auf einem Apfelbaum versammelt. Die Tür zum Kuhstall war einmal weiß gewesen, jetzt war sie schmutzig von all den Jahren Arbeit. Farbe blätterte von der Holztür.

»Ich die Kühe, du die Schweine?«, fragte Fred. Samuel nickte, hielt seine Ledertasche eng an den Körper und lief zum Schweinestall gleich gegenüber. Die Luft war immer noch feucht von der kühlen Nacht und sie duftete nach Borretsch und Kapuzinerkresse. Vor Jahren war ein Holzzaun um den Schweinestall herumgezogen worden. Damals, als die Knechte noch auf dem Hof arbeiteten. Jetzt wirkte er wackelig und marode. Samuel öffnete den Eingang zum Gehege und lief über die Erde zum Schweinehaus, das einen starken Geruch verbreitete. Als die Schweine ihn hörten, begannen sie in Erwartung des Futters laut zu grunzen.

In der Zwischenzeit band Fred die drei Kühe im Stall los und trieb sie aus dem Stall. »Ho, ho«, rief er und tätschelte der einen Kuh, die etwas langsam war, den hohen Rücken. »Ho, ho!«. Langsam und zufrieden trampelten die Kühe in Richtung Wiese. Fred sah, wie ein Eichhörnchen auf einen Apfelbaum kletterte. Zwei Raben flogen auf und suchten auf dem Wohnhaus Zuflucht.

In den letzten zwei Jahren hatten die Jungen aus den Fehlern der Eltern gelernt. Denn seit Großvaters Tod war auf dem Hof alles anders geworden. Großvater war ein Mann der Tat gewesen. Seine Anwesenheit garantierte den Tieren reichlich Futter und Zuwendung, auch wenn er nicht viel mit Tieren redete, wie es Fred tat. Fred mochte die Art, wie sein Großvater die Weizenfelder geschnitten hatte, wie er den Boden bearbeitet hatte und pflügte. Jeden Sommer hatte er ihm dabei geholfen, mit der Sense die Wiesen zu schneiden.

»Zuerst musst du mit dem Schleifstein das Blatt schärfen und dann in einem bestimmten Winkel das Gras abschneiden«, hatte Großvater ihm beigebracht. »Nur schwingen, nicht ziehen.«

Tagelang – gemeinsam mit den Mägden und Knechten – schnitten sie das Gras. Bis ins hohe Alter war Großvater jeden Tag auf den Feldern. Wenn eine Kuh kalbte, dann stand er mitten in der Nacht auf, band dem Kälbchen, das noch zur Hälfte im Geburtskanal der Mutterkuh lag, ein Seil an die Beinchen und zog langsam und vorsichtig das Kalb aus dem Kanal, bis es ins frische Stroh fiel. Da wurde es von der Gebärmutterhaut befreit und mit Stroh abgerieben. Großvater kraulte die erschöpfte Mutterkuh am Kopf, gratulierte ihr zur Geburt des kleinen Frischlings und ließ die beiden dann allein, damit sie sich beschnuppern konnten.

Im Sommer sammelten sie Äpfel und pressten daraus frischen Saft, den sie direkt aus der Presse tranken. Es war ein lustvolles Arbeiten, immer mit dem Bewusstsein, in einem Kreislauf mit der Natur sein. »Du glaubst vielleicht, dass wir hier die Einzigen sind, die Muskeln spielen lassen und arbeiten. Aber weit gefehlt, schau dir an, wie stolz die Bäume erst die Blüten tragen, um später ihr weißes Kleid abzuwerfen. Was hier geschieht, ist beinahe ein Wunder. Dieser Apfelbaum hier trägt eine Tonne Äpfel, die er reifen lässt, um sie später den Vögeln, den Igeln und uns zu schenken.«

Dabei trat Großvater neben einen alten Apfelbaum, rund 15 Meter hoch mit ausladenden, knorrigen Ästen, der Stamm dick, schuppig und grau meliert. Fuhr man mit der Hand über die Borke, kribbelten die Fingerkuppen. Der alte Mann klopfte mit seiner sonnengegerbten Hand gegen den Stamm und lachte ein hoffnungsvolles Lachen. »Alles ein Wunder!« sagte er glücklich.

Im Oktober liefen sie immer noch barfuß über die Felder und hüpften über die kleinen Buchenhütchen, die sie aufsammelten und Mutter nach Hause brachten.

»Nichts ist wertlos in der Natur«, hörte Fred Großvater sagen. »Nur Menschen, die das Leben verachten.«

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Kapitel 3

Streit

Erster WeltkriegAusbildungslager bei Montaigu, Département AisneSeptember 1914

»Sie wollen eine Chance, Soldat?«, schreit Leutnant Knolle mit aufgerissenem Mund. Sein schlechter Atem prallt an Freds Gesicht. Fred sieht nur, wie sich Knolles Mund immer und immer wieder öffnet und schreit. Über dem Auge prangt eine tiefe Kriegsnarbe. Sein Gesicht steht vor Dreck. Aber was schreit Knolle?

Es ist vier Uhr morgens im Ausbildungs- und Hauptlager, etwa einen Quadratkilometer groß, mit vier Übernachtungszelten für die Rekruten und Soldaten, fünf Latrinen, einem Toilettenzelt für die Körperwäsche, einem Küchenzelt mit Vorräten, einem Schneider- und Schuhmacherzelt für die Uniformen, einem Schießstand, zwei Lazarettzelten, einem bestehenden Pferdestall mit Hufschmiede vom nahe gelegenen Bauernhof, die Kommandozentrale und das Werkstattzelt für Kutschen und Autos, einem halben Dutzend Offizierszelte, zwei Zelte für Hauptmänner, ein Zelt für den General.

Jede Nacht im Lager ist voller Lärm und Störungen. Die jungen Soldaten haben keine Nacht durchschlafen können. Die Zeltplanen sind zu dünn, um den Lärm und die Kälte von ihnen fernzuhalten. Und die ausgeleierten Drähte der eisernen Pritschen stechen die jungen Männer in die Hüfte.

Fred wirft sich unruhig auf seinem Soldatenbett hin und her. Die schweren Träume der letzten Nächte verfolgen ihn auch tagsüber. Und die Nächte sind voller Betriebsamkeit. Erst um ein Uhr morgens konnten sich die Rekruten hinlegen und in einen bleiernen Schlaf fallen. Fred schwitzt sein Hemd durch, obwohl es sehr kalt ist im Übernachtungslager. Knolle will nicht aus seinem Traum weichen.

»Was für eine Chance brauchen Sie denn?!«, ruft der kleine Leutnant noch einmal in Freds Schlaf hinein. Dass Knolle ihn sogar in seine Träume verfolgt, kommt nicht von ungefähr. Seit Fred hier im Lager ist, verfolgt ihn der griesgrämige Ausbildungsleiter auf Schritt und Tritt. Das tut er aber auch mit anderen jungen Männern. Es scheint, als habe der Mann die Hälfte der Rekruten auf dem Kieker.

»Schwächling«, beginnt Knolle jetzt zu brüllen. »Sie sind eine Memme, ein Furz in der Luft, kommen Sie mir nicht in die Quere, Scheller!« Die Soldatenpritschen, die zu kurz und knapp geraten sind, und einem Kartoffelregal gleichen, quietschen unentwegt. Fred träumt auch von Mutter. Sie hat um Hilfe gerufen, doch als Fred die Tür zur Küche aufreißt, steht Vater am Herd, rührt in einer Biersuppe. »Wo ist sie?«, fragt Fred seinen Vater. »Wo ist Mutter?«

Auf einmal erscheint auch sein Bruder auf der Bildfläche. »José Brachi, der Linksaußenstürmer, wird nicht mehr spielen können, wenn er in den Krieg ziehen muss«, sagt Samuel sonderbar teilnahmslos. Der uruguayische Fußballspieler, der oftmals in den letzten Minuten eines Spiels einen Treffer landete, ist schon lange Samuels Vorbild.

»Wieso soll Brachi in den Krieg ziehen?«, fragt Fred, »er ist doch ein Südamerikaner?« Er stöhnt im Schlaf und wirft sich auf die andere Seite.

Im Traum blickt Vater ihn wütend an. Samuel sagt zu ihm: »Hier, willst du deine Anatomiebücher auch noch in die Suppe werfen?«

Da tritt jemand von hinten an ihn heran und legt die Hand auf seine Schulter. Unvermittelt wird Fred durchgeschüttelt. Es ist Mutter, die ihn aufrütteln will, sie sagt: »Lass die beiden nur machen. Sie sind eh nicht mehr zu retten.«

Sie schüttelt ihn immer heftiger.

Fred gerät in Panik. »Was erzählst du da, Mutter! Hör auf. Lass mich los, Mutter, lass mich bitte los. Natürlich werden Vater und Samuel gerettet. Wieso sagst du das?«

Plötzlich schreckt Fred aus dem Schlaf hoch. »Samuel!«, ruft er verzweifelt.

»He, hör auf rumzuschreien, Memme. Wir wollen hier schlafen!«, knurrt ihm ein müder Kamerad zu. Die Stimme ist rau, der Ton bissig, genauso hat Knolle in seinem Traum gesprochen.

Ah, ich habe geträumt, bemerkt Fred aufgewühlt. »Gott sei Dank nur ein Traum!«, flüstert er erleichtert in die Dunkelheit. Er reibt sich das verschwitzte Gesicht, versucht sich zu beruhigen. Samuel ist in Sicherheit, entsinnt er sich. Hier ist er in Sicherheit! Sein Herz pocht in seinen Schläfen. Der Schlafanzug klebt klatschnass an der Brust.

Wochenlang hatte er sich vor diesem Tag gefürchtet. Und dann ist es geschehen: Sein Bruder hat sich vor einigen Tagen zum Dienst gemeldet, obgleich er doch noch ein Kind ist. Er kann ja kaum auf sich selbst aufpassen, denkt Fred. Wie soll er sich im Gefecht gegen die Engländer oder Franzosen schlagen? Wie viel stärker sind Bomben, Handgranaten und Maschinengewehrschüsse? Als Samuel gestern vor ihm gestanden hat, mit gestärktem Hemd und Uniform, stolz und voller Tatendrang, hat ihn Fred für seine Torheit ausgeschimpft.

Noch einmal streicht er sich das verschwitzte Haar aus dem Gesicht, versucht gleichzeitig tief durchzuatmen. Das alles hat ihn sehr mitgenommen. Seinen Bruder im Krieg zu wissen ist schlimmer, als selbst an der Front anzutreten. Noch sind sie hier im Ausbildungslager zusammen, noch kann er auf seinen Bruder aufpassen. Aber bald könnte sich alles ändern. Es hat sich bereits rumgesprochen. Vor wenigen Tagen haben die Deutschen in Lunéville und Léomont unweit von Nancy Tausende Kameraden verloren. Jetzt brauchten sie kampfbereite Männer. Was, wenn Samuel dorthin beordert wird?

Im Dunkeln macht Fred zwei Männer aus, die an seine Pritsche treten. Rechts ein schlanker, hochgewachsener Kerl, links etwas weiter am Fußende ein breiter, massiger Mann. Plötzlich schüttelt ihn der große Kerl, als wolle er seine Wut loswerden, seine Schlafenszeit einem Störenfried abtreten zu müssen.

Jetzt ist es der massige Mann, der spricht: »He, Memme, wir wollen endlich pennen. Knolle wird uns sonst morgen auf den Scheiterhaufen werfen.« Seine Stimme ist warm, bauchig und er klingt, als würde sich unter seinem Torso ein Riesenherz befinden. Der magere, lange Kerl verschwindet genervt, flucht leise vor sich hin. Der herzhafte spricht leise weiter: »Beruhig dich, nur die Ruhe. Hast Glück gehabt, dass dich Kalle nicht aus dem Bett gezerrt und in den schmutzigen Schnee geworfen hat. Der ist ein wenig nervös, weil’s bald losgeht. Ich bin übrigens der Bertram.« Er nickt knapp. Dann wendet er sich ab und wird sogleich von der Dunkelheit verschluckt.

* * *

Der Tag im Soldatenlager beginnt früh. 5:30 Uhr geht der Weckruf. Es ist immer derselbe Unteroffizier namens Wolfgang, der sie aus dem Schlaf reißt. Ein 24 Jahre alter Fischersohn aus Travemünde, der nächtliches Arbeiten gewohnt ist und auch hier, im Ausbildungslager, niemals verschläft. Dieser junge Mann, mit gestählten Oberarmen und Oberschenkeln so dick wie Baumstämme, besitzt den größten Durchhaltewillen, den Fred je gesehen hat. Wenn es sein muss, kommt er mit drei Stunden Schlaf aus und kann lange Strecken mit schwerem Rucksack sogar im Laufschritt zurücklegen, läuft sogar weiter, wenn alle anderen sich nur noch an den Wegrand legen wollen, um endlich zu schlafen.

Wenn Wolfgang die verschlafenen Jungs weckt, tut er das mit einer tiefen, aber sanft klingenden Bassstimme. »Guuten Mooorgen!«, ruft er durchs Zelt. Manchmal kommt es vor, dass niemand reagiert, dann sagt er: »Zeit für die Morgenmesse!« Spätestens dann heben alle die Köpfe, schimpfen oder werfen ihm einen Stiefel nach. Er lacht nur und wirft den Stiefel zurück, zielgenau, direkt an den Bettpfosten des Besitzers.

An diesem Morgen hat Leutnant Knolle die Geduld einer Viper. Beim Exerzieren zischt er, schiebt seinen schmalen Kopf gehässig nach vorn, wenn sich jemand zu spät einreiht, beißt mit seiner krächzenden Stimme zu, falls jemand nicht gleich pariert. Er knallt die G 98 auf einen wackeligen Holztisch, der mitten auf dem Platz steht.

»Damit wir uns mit dem Gewehr in den Gräben bewegen können, ist dieses Gewehr kürzer gebaut. Reichweite: 1000 Meter. Wissen Sie, wie viel das ist?« Er legt das Gewehr an seine Schulter, zielt auf eine junge Birke, die weit ab vom Militärgelände auf dem Feld steht, und zieht den Lauf. Das Geschoss knallt durch die Luft. Fred und seine Kameraden starren der Kugel nach, obwohl nichts zu sehen ist, hören auch nichts, sehen aber, wie die Äste der Birke zittern. »Das ist ein Kilometer, meine Herren!«, brüllt Knolle. »Und wenn Vögel auf dem Baum sitzen, schießen Sie auf die, dann sehen Sie wenigstens, ob Sie getroffen haben.«

Fred blickt seinen Kameraden fragend in die Augen. Sie wundern sich alle, fragen sich: Wozu diese schönen Vögel abschießen, wenn sie doch Teil dieser Schöpfung sind, schuldlos, reine Wesen?

Auch Bertram, genannt Bär, und ein anderer Soldat namens Rottmann, der neben ihm steht, haben ein Fragezeichen im Gesicht. Die schwarzen Augenringe von Bär sind nicht zu übersehen.

Bär schläft schlecht, weil er sich Sorgen macht, wieder nach Hause geschickt zu werden. Das würden ihm seine Eltern nie verzeihen. Sein Vater würde ihn nicht nur auslachen, sondern wieder an die Front prügeln. Bär ist die ganze Hoffnung seines Vaters, einem reichen Kürschner. Das Militär scheint für Bär jedoch der falsche Ort zu sein für heroische Taten. Seine üppigen Formen hindern ihn daran, beim Robben auf der Erde, den Waldläufen oder beim Klettern an der Holzwand schnell zu sein. Meistens kommt Bär als Letzter an, dann lachen ihn die anderen aus, und Knolle setzt noch einen obendrauf mit fiesen Sprüchen. »Sie kommen gerade richtig zur Nachtschicht. Das Abendessen haben Sie verpasst, Fettsack.«

Auch für Rottmann sind die Nächte im Ausbildungslager bisher allzu kurz gewesen, nicht zuletzt wegen der beliebten Karten- und Glücksspiele. Der Mann mit den schmalen Augen ist in Waisenhäusern aufgewachsen. Er spricht stets kämpferisch und wirkt einsam. Äußerlich sieht Rottmann immer tadellos aus: Hose, Jacke ausgebürstet, sein Helm glänzt. In seinem Innern jedoch plagt ihn das Misstrauen. Mühsam unterdrückt er ein Gähnen. Das letzte Spiel am vorigen Abend hätte er sich sparen sollen.

»Pass auf, dass dich die Franzosen nicht für eine fette Schweinebacke halten und dich zum Mittagessen abschießen«, sagt Bär im Spaß. Rottmanns Helm gleicht so sehr einer gebratenen Schweinekeule, dass Bär bei seinem Anblick Hunger bekommt.

Kein Wunder, denkt Fred. Bär hat immer Hunger, egal, ob er gerade gegessen, stundenlang nichts zu sich genommen oder im Moment gerade eine dicke Suppe löffelt.

Knolle beginnt jetzt mit schnellen Handgriffen das Gewehr auseinanderzunehmen.

»Hier, das ist der Lauf, Wischerstock, Riemenbügel, Schaft, Abzugbügel, Kolbenhals, Kolben, Verschluss, Himmelherrgottnochmal, schauen Sie gefälligst hin, Visier, Unterring, Laufmantel, Oberring, Laufmantelkorn, so, Ende der Schulung. Wenn Sie das morgen nicht im Schlaf auseinandernehmen und wieder zusammenbauen können, dann sperr ich Sie in den verdammten Bunker. Gehen Sie endlich! Waschen Sie sich. Sie sehen aus wie Schweine! Los, im Laufschritt! Morgen, fünf Uhr, exerzieren! Und wenn Ihre Kleidung bis dahin nicht tadellos ist, dann blüht Ihnen ein 20-Kilometer-Marsch!« Der Leutnant knallt das Gewehr auf den Gewehrtisch und stapft durch den Dreck des Zeltlagers davon.

Karl, genannt Kalle, braucht nur 19 Sekunden für den Zusammenbau des Gewehrs. Die meiste Zeit schweigt er, aber dafür hat er flinke Hände. Kalle lernt auch am schnellsten von allen, ist der beste Schütze. Trifft ein Vogelnest aus einer Reichweite von 300 Metern, dabei zuckt er nicht einmal mit der Wimper.

Alles ist nass. Fred sieht sich seine Stiefel an. Matsch klebt an seinen Sohlen.

»Na, Fred, siehst scheiße aus«, sagt Kalle zu ihm und klopft ihm auf die Schulter.

»Ach, lass den doch«, brummt Bär, der den Gerüchen nachgeht. »Wir sehen alle scheiße aus.« Rottmann läuft direkt zu den Latrinen. Er hat es eilig. Die Feldküche bekommt ihm nicht.

* * *

Es war ein anstrengender Tag. Von oben bis unten klebt Erde an ihnen. Fred kratzt sich Dreck von den Händen, fährt sich durch das verschwitzte Haar. Überall im Lager brennt wärmendes Feuer, um das sich die Männer versammeln. Die Feuersäulen werfen ein angenehmes Licht auf das große Lager, leises Stimmengewirr dringt an Freds Ohr. Irgendwo singt jemand ein Lied. Ein herrlicher Duft von Fleisch und Kartoffeln dringt aus der Zeltküche. Seine Kameraden laufen alle zu ihrem Unterstand, um die verschmutzte und nasse Kleidung zu wechseln.

Fred nimmt sein Gewehr, das er heute bereits siebenmal auseinandergebaut und wieder zusammengesetzt hat. Die Hände sind klamm vor Nässe und Kälte. Er zieht seine Pickelhaube aus und blickt in den leeren Helm hinein. Das Lederband ist noch neu, es riecht immer noch frisch, hat seinen Körpergeruch noch nicht angenommen. Wie lange wird er den Helm in diesem Krieg tragen können? Immer wieder hört er von gefallenen Soldaten. Jeder kennt jemanden aus dem Regiment. Die Männer erzählen sich Tag für Tag neue Geschichten. Einmal haben sie drei französische Gräben gestürmt, hätten die Franzosen von der Latrine weg gefangen genommen. Sechs schwere Geschütze haben sie eingenommen – an einem Nachmittag.

Beim Spazieren auf der Chaussee haben sie die verletzten Soldaten gesehen. Alle gelb im Gesicht, dicke, blutige Wundverbände an Armen, Beinen oder am Kopf. Wenige Tage später die Nachricht vom Artillerie-Telefon, dass die Linie wieder von den Franzmännern zurückerobert wurde. Das Eroberungs-Hin-und-Her der Landesteile scheint kein Ende zu nehmen.

Nachdenklich streicht Fred mit den Fingern über den Gewehrlauf. Er versucht die Gedanken abzuschütteln und blickt auf. Sogleich zuckt er zusammen. Samuel kommt angelaufen und boxt ihm gegen die müde Brust. Er hält lächelnd einen Apfel in der Hand, beißt hinein und gibt den Rest dem Bruder, der erschöpft und hungrig wirkt. Weil sich Fred müde abwendet, legt ihm Samuel die Hand auf die Schulter.

»Lass mich in Ruhe«, antwortet Fred wütend.

»Was ist denn los?«, will Samuel wissen. Er kaut auf seinem Apfel und blickt seinen Bruder furchtsam an. Freds Haar klebt ihm auf der Stirn, die Augen klein vom Mangel an Schlaf, die Wangen gerötet von Kälte und wochenlanger Anstrengung im Ausbildungslager.

»Du weißt, was los ist. Mutter schafft es nicht allein!«, sagt Fred in müdem Ton. Sie schweigen beide, während sie sich unentwegt anstarren. Samuels Lächeln ist indessen verschwunden. Fred zieht etwas aus seiner Manteltasche. Mit klammen Fingern öffnet er den weißen, zerknitterten Umschlag und zieht einen langen Brief von Mutter hervor.

Sogleich erkennt Samuel Mutters zierliche, großzügige Handschrift und ahnt, worum es geht. So etwas war zu erwarten. Vater ist noch nie eine Hilfe gewesen. Und jetzt herrscht Krieg, aber auch da ist er niemandem eine Hilfe. Nicht einmal seiner eigenen Frau, die immer zu ihm gehalten hat. Samuels Blick wendet sich ab, hin zu seinen Schuhen, aus Scham und Schuldgefühlen.

Fred blickt auf, sieht, dass seine Kameraden bereits umgezogen und gewaschen über den Platz zum Verpflegungszelt trotten. Hungrig und erschöpft sagt Fred deshalb nur: »Es geht ihr nicht gut. Sie schafft es nicht. Alles muss sie allein machen. Du hättest zu Hause bleiben sollen, so wie ich es dir gesagt habe!« Seine letzten Worte schwellen an vor Wut.