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Das neue Jahr beginnt mit einer freudigen Nachricht für Elisa, Danilo und alle anderen in der Tessiner Instrumentenmanufaktur: Fabio wird zurückkehren. Jeglicher Streit und die Missverständnisse scheinen beigelegt. Doch keiner hat damit gerechnet, was Niklas in seinem Testament verfügt hat ...
Währenddessen hat Elisa alle Hände voll zu tun, denn es treffen weitere Gäste in der Rosenholzvilla ein. Und jeder einzelne stellt sie vor eine Herausforderung. Aber als Danilo sich plötzlich von ihr zurückzieht, fehlt ihr die Kraft, die sie aus ihrer gegenseitigen Unterstützung gewinnt. Droht ihre Liebe in den Gefahren des Alltags verloren zu gehen?
Der Abschlussband der fesselnden Reihe um eine Instrumentenmanufaktur im Tessin
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Seitenzahl: 446
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das neue Jahr beginnt mit einer freudigen Nachricht für Elisa, Danilo und alle anderen in der Tessiner Instrumentenmanufaktur: Fabio wird zurückkehren. Jeglicher Streit und die Missverständnisse scheinen beigelegt. Doch keiner hat damit gerechnet, was Niklas in seinem Testament verfügt hat …
Währenddessen hat Elisa alle Hände voll zu tun, denn es treffen weitere Gäste in der Rosenholzvilla ein. Und jeder einzelne stellt sie vor eine Herausforderung. Aber als Danilo sich plötzlich von ihr zurückzieht, fehlt ihr die Kraft, die sie aus ihrer gegenseitigen Unterstützung gewinnt. Droht ihre Liebe in den Gefahren des Alltags verloren zu gehen?
Tabea Bach war Operndramaturgin, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Ihre Romanreihen sind Bestseller und in verschiedene Sprachen übersetzt. Ihr Studium führte sie nach München und Florenz. Heute lebt sie mit ihrem Mann in einem idyllischen Dorf im Schwarzwald, Ausgangspunkt zahlreicher Reisen in die ganze Welt. Die herrlichen Landschaften, die sie dabei kennenlernt, finden sich als atmosphärische Kulisse in ihren Büchern wieder. Ihre KAMELIEN-INSEL-Saga führt uns in die Bretagne. In den SEIDENVILLA-Romanen wechselt der Schauplatz zu einer Seidenweberei in Venetien. Die SALZGARTEN-Reihe hat als Kulisse die Kanarischen Inseln. Ihre ROSENHOLZVILLA-Romane handeln von einer Instrumentenbauerfamilie im Tessin.
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Copyright © 2025 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an:[email protected]
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Lektorat: Melanie Blank-Schröder
Textredaktion: Marion Labonte, Labontext
Umschlaggestaltung:www.buerosued.de
Einband-/Umschlagmotiv: © www.buerosued.de; © Elisabeth Ansley / Trevillion Images
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-6099-7
luebbe.de
lesejury.de
Träumen heißt durch den Horizont blicken.
Afrikanisches Sprichwort
So blau leuchtete der Himmel, und die schneebedeckten Berge erschienen Elisa zum Greifen nah. Die Luft war klar wie Kristall, in dem sich die Sonnenstrahlen brachen und schimmernde Reflexe auf die spiegelglatte Oberfläche des Luganer Sees warfen. Der lang anhaltende Regen, der sich an Weihnachten in Schnee verwandelt hatte, war längst vergessen, und nun machte die »Sonnenstube der Schweiz«, wie man das Tessin gerne nannte, ihrem Namen wieder alle Ehre.
Elisa und Danilo waren auf dem Weg zu dem zauberhaften Ort Montagnola, wo Danilos Schwägerin mit ihrer sechsjährigen Tochter Mimi wohnte. Romy hatte die ganze Familie und die engsten Freunde zum Dreikönigsfest eingeladen und recht geheimnisvoll getan. Danilo und Elisa rätselten seit einer Weile, was der Grund dafür sein mochte.
»Vielleicht gibt es gar keinen besonderen Anlass, außer, dass im Tessin heute der Tag der Weihnachtsbescherung ist«, sagte Danilo.
»Aber Romy hat uns noch nie zu sich nach Hause eingeladen, seit ich hier lebe«, wandte Elisa ein.
»Früher haben sie das öfter gemacht, sie und Fabio.« Danilo nahm eine der großen Kurven hinauf zur Collina d’Oro. »Nach der Trennung war ihr wohl nicht mehr nach Feiern.«
Fabio hatte nicht nur Romy verlassen, sondern vor fast einem Jahr auch den Familienbetrieb der Geigenbauwerkstatt Fasetti und war nach Cremona zur Konkurrenz gegangen. Seither führte Danilo das Unternehmen allein und kam dabei oft an seine Grenzen. Vor allem, da er seine Berufung nicht in der Herstellung traditioneller Geigen, Bratschen und Celli sah. Auf der Suche nach dem perfekten Klang hatte er eigene Instrumente entwickelt, die er Campanulas nannte. Und im Grunde wollte er ausschließlich diese anfertigen.
Die gesamte Familie vermisste Fabio und wünschte sich, dass er endlich zurückkäme: Romy und seine Tochter Mimi aus Liebe und Danilo und seine Mutter Mariella außerdem, weil sein Ausscheiden in der Geigenmanufaktur eine empfindliche Lücke hinterlassen hatte – auch wenn die beiden Brüder oft unterschiedlicher Meinung waren.
Sie bogen in die kleine Straße ein, die an den Hängen des »Goldenen Hügels«, wie diese wunderschöne Gegend hieß, entlangführte, und hielten schließlich vor einem Bungalow aus den Siebzigerjahren, der sich geschmackvoll in die Landschaft einfügte. Romys Vater, ein bekannter Maler, hatte ihn bauen lassen und nach seinem Tod seiner Tochter vererbt.
»Schau mal«, rief Elisa und wies auf den festlich geschmückten Eingang. Eine Girlande aus Tannenzweigen war darum geschlungen, verziert mit Schleifen und den Blüten des weißen Weihnachtssterns. »Das sieht ja fast aus wie die Dekoration für eine Hochzeit«, sagte sie hoffnungsvoll. »Vielleicht gibt es heute ja noch eine freudige Neuigkeit.«
»Sehr hübsch«, meinte Danilo, der noch nicht recht glauben mochte, dass sich Fabio und Romy tatsächlich versöhnt hatten.
Er hob den Wäschekorb voller Geschenke aus dem Kofferraum und folgte Elisa. Sie hatten kaum auf die Klingel gedrückt, als die Tür aufgerissen wurde. Mimi stand auf der Schwelle und strahlte von einem Ohr zum anderen. Das Mädchen trug ein rosafarbenes Fantasiekleid, in dem es aussah wie eine kleine Fee, in seinen roten Locken steckte eine weiße Weihnachtssternblüte.
»Da seid ihr ja endlich!«, rief sie. »Nonna Mariella, Bruno und Anna sind schon da!«, sprudelte sie los. »Was ist denn da drin?« Neugierig deutete sie auf den Korb, den Danilo in der Diele abstellte.
»Weihnachtsgeschenke«, antwortete Danilo.
»Auch eins für mich?«
Danilo tat so, als müsse er nachdenken. »Hmmm, hilf mir mal, Elisa«, sagte er. »Haben wir Mimis Geschenk dabei?«
»Ich glaube schon«, antwortete Elisa lachend, und Mimi knuffte ihren Lieblingsonkel sanft in die Seite, als sie merkte, dass er einen Spaß gemacht hatte.
»Ich hab auch Geschenke für euch«, verriet sie. »Kommt endlich rein. Es gibt nämlich eine ganz große wunderschöne Überraschung. Aber ich darf nichts verraten, hat mamma gesagt.« Vor Aufregung hüpfte sie auf und ab, so dass die Blüte in ihrem Haar in Schieflage geriet, und zog die beiden zum Wohnzimmer. »Ach, und Bruno kann Tuba spielen. Wisst ihr das? Wenn er das macht, wackeln die Wände.«
Eine üppige Girlande aus dicht aneinandergebundenen weißen und goldenen Luftballons spannte sich im geräumigen Wohnzimmer von einer Seite der Decke zur anderen, dazwischen steckten grüne Zweige. »Sieht das nicht schön aus?« Mimi sah sie erwartungsvoll an.
»Traumhaft! Hast du dabei geholfen?«
Während Mimi fröhlich von den Mühen erzählte, all die Luftballons aufzublasen, schloss Elisa Romy in ihre Arme. Mimis Mutter sah hinreißend aus in ihrem schlichten Kleid aus weißem Wollstoff. Ihr rotes Haar hatte sie locker aufgesteckt und an ihrem Hinterkopf, ebenso wie Mimi, eine weiße Blüte des Weihnachtssterns befestigt. Neben ihr stand Fabio, der in der eleganten Weste aus Seidenbrokat über dem weißen Stehkragenhemd ungewohnt feierlich wirkte.
»Komm, ich zeig dir unsere Krippe!« Mimi hatte Elisas Hand ergriffen und zog sie zu dem Christbaum, unter dem eine beeindruckende Krippenlandschaft aufgebaut war, samt Bergen und Tälern und sogar einem See.
»Gerne, Mimi. Aber lass mich erst die anderen begrüßen«, bat Elisa und ging zu ihrer Mutter Anna, die am Fenster stand und die wundervolle Aussicht betrachtete. »Ich freue mich, dass du mitgekommen bist«, sagte sie, denn noch am Tag zuvor war Anna unschlüssig gewesen, ob sie der Einladung folgen wollte.
Elisas Mutter machte gerade eine schwere Krise durch, privat wie geschäftlich, und Elisa hatte Verständnis dafür, dass sie sich immer wieder zurückzog, obwohl das gar nicht zu ihrer extrovertierten Art passen wollte und Elisa sich im Stillen Sorgen um sie machte.
»Romy hat mich noch mal angerufen, und da hab ich nicht Nein sagen wollen«, antwortete Anna und küsste Elisa auf beide Wangen.
»Schade, dass wir dein Spielen verpasst haben, Bruno!« Elisa hatte sich Mariella und deren Lebensgefährten zugewandt, der seine goldglänzende Tuba gerade in ihrem Instrumentenkoffer verstaute.
»Vielleicht können wir ihn später dazu überreden, das Ding noch mal hervorzuholen«, meinte Mariella und umarmte Elisa herzlich.
»Wenn es passt, warum nicht?« Auch Bruno, der erst seit ein paar Monaten zur Familie gehörte, schmunzelte über das ganze Gesicht.
»Lasst uns miteinander anstoßen.« Fabio nahm eine Flasche aus dem Eiskübel neben dem Couchtisch.
»Champagner?« Danilo machte große Augen, als er das Etikett las. »Zu Ehren der drei Könige? Oder gibt es noch was anderes zu feiern?«
»Oh ja!«, antwortete Romy mit einem strahlenden Lächeln, während Fabio geschickt den Verschluss löste. »Wir erzählen es euch gleich.« Mit einem Knall sprang der Korken aus dem Flaschenhals, und Fabio füllte die bereitgestellten Sektkelche.
»Also, wir haben ja eine etwas seltsame Familienkonstellation«, begann er und reichte Danilo ein Glas. »Fünfunddreißig Jahre meines Lebens dachte ich, ich hätte lediglich einen Bruder. Dann erfahre ich, dass ich noch eine Schwester habe.« Mit einem herzlichen Lächeln schenkte er für Anna ein und reichte ihr den Champagner. »Und Elisa, die sich hier im Tessin jahrelang rar gemacht hat, ist überraschenderweise meine Nichte – wer hätte das gedacht?« Erleichtert nahm Elisa ihr Glas aus seiner Hand entgegen. Sein unbefangenes Lächeln ließ keinen Zweifel mehr daran, dass er die Enttäuschung darüber, dass sie seine Gefühle zu Beginn ihres Kennenlernens nicht geteilt hatte, endgültig überwunden hatte.
»Was bedeutet, dass Elisa und Mimi Cousinen sind«, fügte Mariella hinzu.
»Und Anna ist Mimis Tante.«
»Moment, Moment«, warf Bruno ein. »Ich komm da immer noch nicht mit.«
»Das ist auch nicht leicht zu verstehen.« Mariella lehnte sich kaum merklich an ihn, und Elisa freute sich für sie, dass sie nach dem Tod ihres Mannes und dem Ableben ihrer zweiten großen Liebe, nämlich Elisas Großvater Niklas, mit Bruno ihr Glück gefunden hatte. »Obwohl es im Grunde ganz einfach ist. Oder nicht?« Kurz wurde es still, und nicht nur sie, auch die anderen sahen unwillkürlich zu Fabio. Er hatte seiner Mutter das Bekenntnis im vergangenen Jahr, dass er das Ergebnis einer kurzen Affäre mit Niklas Eschbach war, sehr verübelt. Aber war diese Einladung nicht Zeichen genug, dass er bereit war, ihr zu verzeihen?
Es klingelte, und Mimi rannte zur Tür, um zu öffnen. Wenig später erschien Dante, gefolgt von Amadou, der eine große Schüssel trug.
»Hallo, alle zusammen.« Dante winkte fröhlich in die Runde. »Wo kann Amadou seinen köstlichen senegalesischen Kokosmilchreis abstellen?«, fragte er und küsste Romy auf die Wangen. »Ihr könnt von Glück reden, dass wir den Nachtisch nicht schon unterwegs aufgegessen haben. Das ganze Auto duftet nach den karamellisierten Mangostücken darin.«
»Oh, mein Lieblingsdessert! Du hast es tatsächlich gemacht!« Romy nahm Amadou die Schüssel ab und platzierte sie auf der Anrichte. »Tausend Dank!«
»Aber gerne.« Amadou lächelte breit. »Ich weiß doch, wie verrückt du danach bist.«
»Wo habt ihr Cosma gelassen? Und was ist mit deiner Schwester, Amadou?«, wollte Elisa wissen.
»Cosma muss noch kurz nach einem kranken Esel schauen«, erklärte Dante. »Und Youma hat beschlossen, in der Rosenholzvilla zu bleiben. Adrien geht es nicht so gut, da wollte sie ihn nicht allein lassen.«
»Was hat er denn?«, fragte Elisa alarmiert. Seit dem Tod ihres Großvaters war die Rosenholzvilla unter ihrer Leitung zu einem Erholungsort für erkrankte Musiker geworden, und Adrien war der erste Gast.
»Youma sagt, die Wunde hat sich wieder entzündet«, erklärte Amadou. Er trug ein schwarzes dashiki, ein traditionelles, für Westafrika typisches Hemd mit silbernen Stickereien um den Halsausschnitt und den locker über die Hose fallenden Saum. Elisa, die ihn täglich in seiner weißen Kleidung als Physiotherapeut sah, fand ihn in dieser Festtagskleidung einfach umwerfend. »Morgen sollten wir mit ihm zur Klinik, damit Dr. Fullner sich das noch mal anschaut.«
»Morgen kommen weitere Gäste an«, erwiderte Elisa besorgt.
»Du brauchst uns nicht zu begleiten«, beruhigte Amadou sie. »Es reicht, wenn wir mit ihm hinfahren.«
»Was täten wir nur ohne euch beide?« Elisa seufzte, als sie an die Verantwortung dachte, die seit dem Tod ihres Großvaters und der Gründung der Niklas-Eschbach-Stiftung auf ihren Schultern ruhte. Und doch war die neue Aufgabe für sie mehr als erfüllend, schließlich kannte sie aus eigener leidvoller Erfahrung, wie es war, durch eine Krankheit jäh aus dem Berufsleben als Musikerin gerissen zu werden.
»Sollen wir auf Cosma warten?«, hörte sie Romy leise zu Fabio sagen.
»Ich glaube, wir können die anderen nicht länger auf die Folter spannen«, lautete seine Antwort.
Romy schlug mit einem Löffel sanft gegen ihr Glas, und sogleich verstummten alle. »Wir möchten euch herzlich willkommen heißen«, sagte Romy. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre grünblauen Augen glänzten – Elisa hatte sie nie zuvor so schön gesehen. »Heute ist ein besonderer Tag.« Sie und Fabio wechselten einen kurzen Blick, und Mimi zappelte vor Aufregung neben Mariella auf und ab wie ein Gummiball. »Vor genau sieben Jahren haben wir geheiratet«, fuhr Romy fort.
»Und vor sechs kam ich auf die Welt«, rief Mimi dazwischen und brachte alle damit zum Lachen.
»Ja, das stimmt«, sagte Romy schmunzelnd. »Dich hat uns das Christkind gebracht. Und damals waren wir sehr glücklich. Aber dann …« Sie stockte. Mimis Einwurf hatte sie sichtlich aus dem Konzept gebracht.
»Wir wollen es kurz machen«, ergriff Fabio die Initiative und legte liebevoll den Arm um seine Frau. »Romy und ich sind jetzt wieder zusammen. Und wir dachten, das feiern wir am besten mit euch allen gemeinsam, an unserem Hochzeitstag.«
»Und dieses Mal bin ich auch dabei«, verkündete Mimi zufrieden in den allgemeinen Jubel, der sich erhob.
Mariella stellte ihr Glas ab und ging zu Fabio. Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küsste ihren Sohn auf beide Wangen, dann tat sie dasselbe mit Romy. »Was für eine Freude«, sagte sie ein ums andere Mal. »Wie hab ich mir das gewünscht!« Sie hob Mimi hoch und drückte ihr viele kleine Küsse ins Gesicht.
Allen war die Erleichterung über diese, wie Elisa fand, längst überfällige gute Wendung deutlich anzusehen. Auch von ihr fiel eine Last ab, denn dass Fabio sich nach ihrer Ankunft im Tessin in sie verliebt hatte, war ein weiteres Hindernis zur Versöhnung zwischen Fabio und Romy geworden. Nun gratulierte sie den beiden von Herzen.
»Bei uns zu Hause im Senegal sagt man: Einer allein kann kein Dach tragen.« Amadou lächelte breit. »Es ist gut, dass ihr wieder ein Team seid.«
»Wir freuen uns übrigens schon auf ein schweizer-senegalesisches Hochzeitsfest«, antwortete Romy schlagfertig. »Und hoffen, dass wir eingeladen werden.«
»Wozu wollt ihr eingeladen werden?« Keiner hatte Cosma bemerkt, die unterdessen hereingekommen war. Offenbar hatte Mimi die Tür offen gelassen.
»Ich glaube, sie wollen, dass ich dir einen Antrag mache.« Amadou legte grinsend seinen Arm um sie.
»Einen Antrag?« Cosma starrte ihn konsterniert an. »Du willst … heiraten?«
»Das habe ich nicht gesagt«, gab Amadou zurück. »Aber wir könnten darüber nachdenken, wenn du willst.«
»Was geht hier überhaupt vor?« Cosma sah sich verwirrt um.
»Mamma und papa sind wieder zusammen«, erklärte Mimi wichtig. »Heute ist Hochzeitstag. Gibt es jetzt was zu essen?«
Fabio hatte Käsefondue vorbereitet und zelebrierte dieses für die Schweiz so typische Gericht mit sichtlicher Freude. Bald duftete es aus drei brodelnden Töpfen auf dem Tisch. Nachdem jeder seinen Platz eingenommen hatte, schenkte Fabio seinen Gästen weißen Chasselas ein, den köstlichen Gutedel, der an den Hängen unterhalb des Hauses wuchs.
Die Stimmung hätte besser nicht sein können, während sie Brotstücke in die cremige Käsemasse tunkten und sich Romys leckeren Radicchio-Salat schmecken ließen. Und doch hatte Elisa eine Menge Fragen, die sie allerdings im Moment nicht stellen wollte: Würde Fabio nun an den Luganer See zurückkehren? Oder hatte Romy vor, mit Mimi nach Cremona zu ziehen? Dass die beiden sich versöhnt hatten, erfüllte alle mit Freude, Elisa glaubte Danilos Miene jedoch anzusehen, dass auch er über die möglichen Konsequenzen dieser guten Nachricht nachdachte.
»Ich glaube, ich mache eine kleine Pause, ehe ich Amadous Milchreis essen kann«, erklärte Elisa, als sie Romy half, das Fondue-Service abzuräumen.
»Das könnte eine gravierende Fehlentscheidung sein«, warnte Dante, der bereits die Dessertteller verteilte. »Du riskierst, dass nichts mehr übrig ist.«
»Lasst uns zuerst einen Kaffee trinken«, schlug Romy vor. »Schön klein und schwarz wie die Nacht. Das räumt den Magen auf.«
»Was sind denn jetzt eure Pläne?«, wagte Elisa Romy schließlich doch zu fragen, als sie beide ihren Kaffee draußen auf der sonnigen Terrasse tranken. Romy hatte das Rauchen wieder angefangen, und außer Elisa wollte sich dabei keiner zu ihr gesellen.
»Was meinst du?« Romy nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette.
»Werdet ihr wieder alle drei hier wohnen?«
Romy antwortete nicht gleich, sondern blies den Rauch in die andere Richtung. Sie ließ sich bemerkenswert viel Zeit. »Ich bin da ganz offen«, sagte sie schließlich. »Fabio hat sich noch nicht entschlossen. Und Geigenbögen kann ich überall bauen.«
Elisa schluckte. Ein Umzug nach Cremona war natürlich nicht das, was sich alle anderen erhofften. »Aber dieses schöne Haus aufzugeben …«, wandte sie ein und hörte doch selbst, wie schwach dieses Argument klang.
»Weißt du, ich bin so wahnsinnig froh, dass Fabio sich noch einmal für eine gemeinsame Zukunft mit mir entschieden hat«, unterbrach Romy sie. »Du kannst mir glauben, dass ich da wenig Bedingungen stelle, vor allem nicht, wo wir künftig leben werden.« Sie nahm einen weiteren Zug von ihrer Zigarette, und Elisa begann zu ahnen, dass sie immer noch nervös und angespannt war. »Natürlich würde ich am liebsten hierbleiben. Allein wegen Mimi. Sie hängt so an euch, vor allem an ihrer nonna Mariella.« Mit einem Lächeln drückte Romy den Zigarettenstummel in einem tönernen Untertopf aus. »Wir werden sehen.« Offenbar überließ sie Fabio die Entscheidung, und Elisa wusste nicht, wie sie das finden sollte. Ihrer Meinung nach sollten in einer Beziehung solch weitreichende Beschlüsse gemeinsam getroffen werden. Doch sie schwieg.
Zurück im Esszimmer, hatten sich die anderen bereits über den senegalesischen Kokosmilchreis mit den karamellisierten Mangostücken hergemacht, aber Amadou hatte ihnen zwei Portionen beiseitegestellt.
»Und jetzt die Geschenke!«, rief Mimi und zog ihren papa ausgelassen zum Christbaum. »Hier.« Sie reichte ihm ein unförmiges Päckchen. »Das ist für dich.« Mimi hatte in der scuola materna mithilfe der Lehrerin ein kleines Kuschelkissen für ihn genäht und mit einem aufgestickten Äffchengesicht verziert. »Dadrauf kannst du dich ausruhen, wenn du müde bist«, sagte sie und betrachtete ihren Vater forschend aus strahlenden Augen. »Gefällt es dir?«
»Und wie mir das gefällt!«, antwortete Fabio gerührt und drehte und wendete das bunte Teil.
»Du musst dran schnuppern«, riet Mimi. »Ich hab Lavendel aus nonna Mariellas Garten reingetan. Riecht toll, oder?«
Fabio drückte seine Nase in das Kissen und atmete tief ein. »Es riecht klasse.« Er nahm sie liebevoll in seine Arme und gab ihr einen Kuss. »Möchtest du jetzt mein Geschenk auspacken?«
Er reichte ihr ein Paket, das Mimi ungestüm aufriss. Zum Vorschein kam eine überschlanke Puppe in rotem langem Rock und schwarzer Weste. Im Arm hielt sie eine Geige.
»Eine Barbie-Geigerin«, rief Mimi freudig überrascht und schälte die Puppe aus ihrer Verpackung.
»Gefällt sie dir?« Fabio zeigte seiner Tochter, wie sie die Arme der Puppe zurechtbiegen und ihr die kleine Kunststoffgeige unters Kinn klemmen konnte. »Mamma hat mir verraten, dass deine Freundin so eine hat.«
»Ja, aber keine mit einer Geige«, gab Mimi zurück. »Kann sie mit der richtig spielen?« Sie versuchte dem Instrument mit dem winzigen Bogen, der dabei lag, Töne zu entlocken. »Da sind ja gar keine Saiten dran!« Irritiert befühlte sie das kleine Plastikteil. »Was ist denn das für eine Geige?«
»Eine Spielzeuggeige«, erklärte Romy. »Schau mal, was für elegante Schuhe die Barbie anhat.« Doch Mimi zeigte wenig Interesse an den modischen Raffinessen der Puppe und musterte sie mit gerunzelter Stirn.
»Hier, sieh mal.« Danilo schob ein großes, schweres Paket in ihre Richtung. »Es gibt noch mehr Geschenke.«
Mit einer Spur von Enttäuschung legte Mimi die Puppe zurück in ihre Schachtel und widmete sich Danilos Paket. Es dauerte eine Weile, bis sie das Papier abgelöst und den Karton darunter geöffnet hatte. Schließlich machte sie kugelrunde Augen vor Staunen. Zum Vorschein kam ein Violinenkoffer.
»Ist das eine richtige Geige?«, fragte sie, und ihre Wangen färbten sich rosig.
»Mach auf, dann siehst du es«, entgegnete Danilo.
Ehrfürchtig öffnete Mimi die beiden Verschlüsse. Seit drei Jahren nahm sie Geigenunterricht und hatte sich zu einem echten Talent entwickelt. »Ooohhhh«, machte sie und griff nach dem fragilen Hals des Instruments, das nun zutage kam. »Darf ich?«
»Sie gehört dir«, antwortete Danilo. »Deine eigene Geigen-Campanula. Wie du es dir gewünscht hast.«
Es war ein wunderschönes Instrument in Kindergröße geworden, auf das Danilo ganz besonders viel Mühe verwendet hatte. Anders als die auf der ganzen Welt berühmten Fasetti-Violinen hatte er diese Achtelgeigen-Campanula nicht in dem üblichen dunklen Rotbraun lackiert, sondern in einem hell leuchtenden Orangeton, der wunderbar mit Mimis rotem Haar korrespondierte. Über dem wie eine Glockenblume geschwungenen Korpus hatte er zusätzlich zu den vier Spielsaiten noch zwölf weitere gespannt, die den Ton durch ihr reines Mitschwingen beim Musizieren bereicherten.
Das Mädchen zupfte an ihnen und horchte. Der Nachklang war enorm. Mimi spannte den Bogen, klemmte das Instrument unter ihr Kinn und begann zu spielen.
Sogleich verstummten die Gespräche. Alle Blicke ruhten auf dem Mädchen, das selbstvergessen unter dem Christbaum kniete und Oh du fröhliche, oh du selige intonierte. So klein die Geigen-Campanula war, ihr Ton war überwältigend, und Mimi sah aus wie ein kleiner Weihnachtsengel. Als das Lied zu Ende war, klatschten alle Beifall, und Mimi sprang auf, um im Stehen sogleich eine weitere Melodie anzustimmen.
»Die Kleine ist begabt«, sagte Anna anerkennend. Sie hatte früher selbst Violine gespielt, und eine Profilaufbahn wäre für sie durchaus denkbar gewesen, wenn sie sich nicht für eine Karriere als Modemacherin entschieden hätte.
»Ich glaube, mit deinem Geschenk hast du voll ins Schwarze getroffen«, flüsterte Romy Danilo zu. »Sieh nur, wie hingebungsvoll sie spielt. Die Campanula ist dir wirklich gelungen. So ein unglaublicher Klang!«
Es war nun nicht mehr einfach, Mimi dazu zu überreden, auch die anderen Präsente auszupacken. Es wirkte fast, als brächte sie das aus reiner Höflichkeit so schnell wie möglich hinter sich, um sich dann wieder Danilos Geigen-Campanula zu widmen. Und erst als sie alle am späten Nachmittag aufbrachen, um den Einzug der Heiligen Drei Könige zu sehen, der in einem benachbarten Dorf wie jedes Jahr festlich begangen wurde, legte sie das Instrument in seinen Koffer zurück.
»Freust du dich, Matteo gleich wiederzusehen?«, fragte Mariella, während Mimi in ihre Stiefelchen schlüpfte.
»Ja. Mamma hat gesagt, dass wir ihn auch bald zu Hause besuchen.« Mimi zog sich die Mütze, die Mariella ihr zu Weihnachten gestrickt hatte, über die roten Locken. »Ich möchte gern den neuen Berg hinter seinem Haus sehen. Und natürlich die Hundebabys.«
»Konnten die Canettis denn schon zurück in ihre Häuser?«, wollte Dante wissen, der ein paar Tage verreist gewesen war. An Heiligabend hatte Matteos Familie in einer dramatischen Aktion evakuiert werden müssen. Ein Bergsturz hatte gedroht, ihr Zuhause zu verschütten, das hoch über der Rosenholzvilla bei einer Wallfahrtskirche gelegenen war. Wie durch ein Wunder war die ungeheure Gesteinsmasse kaum einen Meter davor zum Stillstand gekommen.
»Ja, vorgestern sind sie heimgekehrt«, antwortete Elisa. »Es heißt, dass sie nichts mehr zu befürchten haben.«
Über eine Woche lang hatten die Behörden Messungen angeordnet, um sicherzustellen, dass sich der Berg wirklich nicht mehr bewegte und die Häuser am Ende nicht doch noch unter sich begraben würde. So lange hatten die Canettis in der Rosenholzvilla Zuflucht gefunden.
Als die kleine Festgesellschaft nach einem kurzen Spaziergang das Nachbardorf erreichte, winkten die Canettis schon von Weitem: Daria und Carlo, Matteos Großeltern, und Simona mit Franco, seine Eltern. Der siebenjährige Matteo kam ihnen freudig entgegengerannt. In der Ferne waren Musik und das rhythmische Schlagen von Trommeln zu hören.
»Endlich!« Matteo war schon ganz aufgeregt. »Komm, wir laufen vor«, sagte er zu Mimi.
Nachdem Romy und Fabio es erlaubt hatten, nahm er Mimi an der Hand, und die beiden stürmten die Gasse hinauf, aus der die Klänge kamen.
»Wie geht es euch?«, fragte Elisa Daria. Sie kannten sich zwar erst seit zwei Wochen, doch die Ereignisse hatten sie miteinander sehr vertraut werden lassen.
»Es ist alles bestens«, antwortete die Mittsechzigerin. »Wir müssen uns natürlich daran gewöhnen, dass der Berg jetzt bis fast unter unsere Fenster reicht und die Weiden für unsere Schafe verschüttet sind. Aber wir finden bestimmt andere Wiesen. Das wird schon.«
»Fühlt ihr euch denn sicher?« Anna war ihre Besorgnis deutlich anzusehen.
Daria zuckte mit den Schultern. »Einmal müssen wir ja zurückkehren, oder?«, sagte sie. »Wir leben eben mit dem Berg.«
»Sobald die Behörden grünes Licht dafür geben, baggern wir ein paar Meter von dem Geröll weg«, erklärte Carlo. »Es ist doch ein bisschen bedrückend, das direkt vor der Nase zu haben, sobald man vors Haus tritt.«
Elisa konnte das gut verstehen. Mit Schaudern erinnerte sie sich an die Nacht, als der Gesteinsstrom unaufhaltsam näher gerückt war und sie und Danilo Mimi dort oben gefunden hatten. »Hauptsache, es beginnt nicht wieder tagelang zu regnen«, warf sie ein.
»Ja, das hoffen wir alle.« Danilo wies die Gasse hinauf. »Ich glaube, jetzt geht der Umzug los.«
Die Musik der banda wurde immer lauter, schon kamen die ersten Blechbläser der Truppe in Sicht. Dahinter erschienen hoch zu Ross Kaspar, Balthasar und Melchior in fantastischen, orientalisch anmutenden Gewändern und mit Turbanen und warfen zum Entzücken der sie begleitenden Kinder Bonbons in die Menge.
»Den Melchior kenne ich«, verriet Dante mit einem Grinsen. »Im normalen Leben arbeitet er bei der Stadtverwaltung von Lugano.«
»Lass das nicht die Kinder hören«, bat Fabio schmunzelnd. »Mimi denkt noch immer, dass die Könige direkt aus dem Morgenland kommen.«
»Nein, das glaube ich nicht«, wandte Danilo ein. »Sie war ja dabei, als wir uns überlegt haben, zu welchem der vielen Umzüge wir gehen sollen. Ihr ist bestimmt klar, dass nicht alle diese Könige aus dem Morgenland stammen können.«
»Zumal sie in der scuola materna gelernt hat, dass das Ganze, wenn überhaupt, vor mehr als zweitausend Jahren stattgefunden hat.« Mariella musterte Fabio mit einem nachsichtigen Lächeln. »Aber es ist kein Wunder, dass du Mimis Entwicklung in den letzten Monaten nicht mehr so richtig mitbekommen hast. Du warst ja viel zu selten hier.«
Fabios Miene verdüsterte sich bei diesem Vorwurf. Elisa wandte sich an Cosma, die mit Amadou und Simona ein paar Schritte abseits stand, denn es war ihr peinlich, Zeugin dieses Wortwechsels zu sein. Sie erkundigte sich nach dem Esel, den ihre Freundin an diesem Vormittag noch behandelt hatte, und plauderte mit Simona über Bianca, die weiße Pyrenäenberghündin, und ihren vier Wochen alten Wurf.
»Weißt du denn schon, ob Mimis Eltern ihr erlauben werden, das Hündchen zu nehmen, in das sie sich so verliebt hat?«, fragte Simona.
»Nein, keine Ahnung«, antwortete Elisa und dachte an Romys Worte vorhin auf der Terrasse. Ob Mimi einen Hund bekommen würde, hing sicher auch davon ab, wo die drei künftig ihren Lebensmittelpunkt aufschlagen würden.
Die Könige zogen nun direkt an ihnen vorbei, und die Musik wurde so ohrenbetäubend, dass eine Unterhaltung unmöglich war. Ein wahrer Regen an Bonbons ging über ihnen nieder, und Mimi zeigte ihnen juchzend ihre Ausbeute: Beide Taschen ihres Mäntelchens waren prall mit Süßigkeiten gefüllt, und Matteo, der so vorausschauend gewesen war, eine Jutetasche mitzubringen, bot daraus den Erwachsenen stolz von den Schokoriegeln an, die er ergattert hatte.
Wie alle anderen folgten auch sie nun dem Zug der Könige bis zum Rathaus, vor dem weißer Glühwein und geröstete Maroni verkauft wurden, und Bruno gab eine Runde von beidem für alle aus.
Schließlich zog die Dämmerung herauf, und Mimi begann zu frösteln. Sie verabschiedeten sich von den Canettis und spazierten durch die Weinberge zurück zu Romys Haus.
»Ihr kommt doch noch mit rein?«, fragte Romy, als sie vor dem Grundstück angelangt waren. Elisa war sich nicht ganz sicher, ob sie es wirklich so meinte oder nur aus Höflichkeit fragte.
»Gerne«, antwortete Mariella und wechselte einen raschen Blick mit Danilo, der ihr zunickte. »Wir haben ja noch einiges zu besprechen nach den schönen Neuigkeiten dieses Tages.«
»Vielen Dank, aber wir würden uns jetzt lieber verabschieden«, erklärte Cosma, die sich darüber offenbar mit Amadou und ihrem Bruder auf dem Rückweg verständigt hatte.
»Ich schließe mich euch gern an, wenn ihr mich mitnehmen könnt«, sagte Anna rasch und verabschiedete sich ebenfalls.
Inzwischen war es dunkel geworden. Durch die großen Fenster im Wohnzimmer sah man die Lichter der Ortschaften auf der gegenüberliegenden Seite des Luganer Sees wie Perlenschnüre blinken. Romy schaltete die vielen kleinen Lämpchen ein, die die Krippe beleuchteten, und Mimi ging davor in die Hocke und begann, selbstvergessen mit den Schäfchen, den Hirten, dem Ochs’ und Esel beim Stall zu spielen.
»Was darf ich euch anbieten?«, fragte Fabio, doch alle schüttelten den Kopf.
»Wir hatten heute genug Köstlichkeiten, vielen Dank«, antwortete Mariella. »Aber ich habe ein paar Fragen. Oder genauer genommen nur eine: Wirst du zurückkommen?«
Fabio ließ sich in den Sessel neben Romy fallen. »Du meinst, hierher?«, fragte er.
»Du weißt genau, was ich meine. Wirst du deinen Platz in der Geigenbauwerkstatt wieder einnehmen?«
Ein paar Sekunden lang war es mucksmäuschenstill im Raum. Elisa wagte kaum zu atmen. Fabios Rückkehr in den Familienbetrieb würde Danilo so viel bedeuten. Er könnte sich endlich ausschließlich seinen eigenen Interessen widmen, Campanulas herstellen und weiterentwickeln, statt klassische Instrumente zu bauen. Zwar war das Verhältnis der beiden Brüder noch nie frei von Konflikten gewesen. Die Trennung hatte allerdings deutlich gemacht, dass sie zusammenstehen mussten, sollte die Firma Fasetti langfristig Bestand haben.
»Ich denke darüber nach, ja«, sagte Fabio schließlich.
»Was gibt es da zu überlegen?« Mariella sah ihren Sohn ungeduldig an.
»Oh, eine Menge«, gab Fabio bedächtig zurück. »Ich habe in Cremona einen Vertrag unterschrieben und bin Verpflichtungen eingegangen. Davon abgesehen, dass es nicht besonders fein wäre, den Meister dort nach kaum einem Jahr einfach so im Stich zu lassen, gibt es Kündigungsfristen.«
»Auf ein paar Monate mehr oder weniger kommt es mir nicht mehr an«, erwiderte Danilo begütigend. »Daran soll es nicht scheitern. Keiner verlangt von dir, dein Wort zu brechen. Aber wir brauchen dich. Das wird auch dein Meister in Cremona einsehen.«
»Wie stellst du dir das denn vor, Fabio?«, fragte Mariella. »Jetzt, wo du, Romy und Mimi wieder eine Familie seid, wirst du sicher nicht weiterhin Wochenende für Wochenende pendeln wollen. Oder?«
»Eine Zeit lang wird es nicht anders gehen.« Fabio nahm Romys Hand. »Darüber haben wir natürlich schon gesprochen.«
»Also wie lautet deine Antwort?« Mariella hatte besorgt die Stirn gefurcht. »Ist es nur eine Frage der Zeit, dass du zurückkommst? Oder hast du dich noch nicht entschieden, ob du vielleicht doch in Cremona bleiben willst?« Und als Fabio nicht gleich reagierte, fügte sie leise und dringlich hinzu: »Spann mich nicht so auf die Folter. Nicht nach all den schrecklichen Monaten, die ich deinetwegen durchgemacht habe.«
Ein feiner Ton erhob sich. Mimi saß unter dem Weihnachtsbaum und spielte auf ihrer kleinen Campanula. Es war erstaunlich, wie selbstverständlich das Kind sein neues Instrument zum Klingen brachte, es zeigte keinerlei Schwierigkeiten, sich darauf einzustellen.
»Mimi«, fuhr Fabio ungeduldig auf. »Jetzt nicht.«
Der Ton erstarb. »Wieso darf ich nicht spielen?«, fragte sie und sah ihren Vater treuherzig an.
»Wir unterhalten uns gerade«, erklärte Fabio. »Und überhaupt. Wenn du unbedingt spielen willst, wieso holst du nicht deine richtige Geige?«
Mimi stutzte. »Das ist eine richtige Geige«, sagte sie verwundert. »Nur die Puppe hat keine richtige.« Unbeirrt spielte sie weiter.
»Mimi-Schatz«, unterbrach Romy sie freundlich, aber bestimmt, »Papa hat gerade erklärt, dass wir uns unterhalten wollen. Das geht nicht, wenn du so laut bist.«
»Ich bin nicht laut!« Mimis Augen blitzten empört. »Ich mache Musik. Und Onkel Danilo hat mir …«
»Das reicht jetzt, Mimi«, fiel ihr Fabio genervt ins Wort. »Leg die Campanula zurück in ihren Kasten.«
»Fabio«, mahnte Mariella leise.
»Dann geh ich eben in mein Zimmer.« Beleidigt verließ Mimi den Raum, ihre Campanula unter dem Arm.
»Seit wann ist es in unserer Familie ›laut‹, wenn jemand Musik macht?« Mariella sah verständnislos von Romy zu ihrem Ältesten. »Weißt du nicht, dass du mit solchen Verboten dem Kind die Freude daran nehmen kannst?«
»Ich bin mir nicht sicher, ob es gut ist, Mimi so früh eine Campanula in die Hand zu geben«, erwiderte Fabio.
Danilo beugte sich vor, als hätte er nicht richtig gehört. »Wieso sollte das nicht gut sein?«
»Dieser große Hall wird verhindern, dass sie die klassische Technik richtig erlernt.« Fabio verschränkte die Arme vor der Brust. »Es wäre besser gewesen, wenn du das vorher mit mir besprochen hättest.«
Danilo öffnete den Mund, um zu antworten, doch Elisa kam ihm zuvor.
»Ich verstehe nicht, warum sie wegen der Campanula die Technik nicht richtig lernen sollte«, wandte sie ein. »Man spielt sie genau wie eine herkömmliche Geige.«
»Das weiß ich. Aber diese Campanulas klingen immer großartig, egal wie schlecht man auf ihnen spielt.«
»Das ist doch …«
»Schluss damit«, ging Mariella dazwischen. »Darum geht es jetzt nicht. Ich will wissen, ob du zurückkommst, Fabio.«
Erneut zögerte Fabio mit seiner Antwort. Aus Mimis Kinderzimmer drang der gedämpfte Klang der Campanula zu ihnen herüber. Sie spielt wirklich gut für ihr Alter, dachte Elisa. Hoffentlich verdirbt Fabio ihr nicht die Freude an ihrem Geschenk.
»Ich möchte gern zurückkommen«, sagte Fabio schließlich mit Bedacht. »Aber vorher müssen wir noch einiges miteinander klären, Danilo und ich. Denn so wie es vor meinem Weggang war, kann es nicht weitergehen.«
»Da hast du recht«, stimmte ihm Danilo erleichtert zu. »Wir müssen klare Absprachen treffen. Wollen wir darüber das nächste Mal reden, wenn du wieder hier bist? Ich meine, ganz in Ruhe bei uns in der Werkstatt?«
»Das ist eine gute Idee«, antwortete Fabio versöhnlich.
»Wann wird das sein?« Auch Mariella war sichtlich erleichtert und schenkte Danilo einen dankbaren Blick.
»Das kann ich noch nicht sagen. Wir haben ziemlich viel Arbeit, und ich muss demnächst zu einem Kunden nach New York.« Fabio schlug ein Bein über das andere. »Mal sehen, wann ich es einrichten kann.«
»Hoffentlich geht das gut.« Sie waren auf der Heimfahrt zu ihrer Wohnung in der alten Mühle an den Hängen des Monte San Giorgio. Dort bewohnten sie den ersten Stock, während Cosma und Amadou im Erdgeschoss lebten. »Mal sehen, wann ich es einrichten kann«, äffte Danilo seinen Bruder nach. »Ich finde, das klang reichlich arrogant.«
Elisa gab ihm im Stillen recht, schwieg aber. Sie wollte kein Öl ins Feuer gießen, das Verhältnis der Brüder war ohnehin schon schwierig genug. »Vielleicht ist er sich einfach noch unsicher«, antwortete sie schließlich.
»Unsicher?« Danilo warf ihr einen kurzen Blick zu, dann konzentrierte er sich auf die kurvenreiche Strecke durch die Wälder. »So hat er auf mich nicht gerade gewirkt.«
»Ich meine, es ist ja schon eine große Entscheidung für ihn«, gab Elisa zu bedenken. »In Cremona fühlt er sich offenbar sehr wohl.«
»Soll er eben dort bleiben«, erwiderte Danilo unwirsch. »Wenn er glaubt, dass ich vor ihm auf die Knie falle, hat er sich getäuscht. Es reicht, wie meine Mutter ihm schöntut.«
»Aber das macht sie doch gar nicht. Sie will lediglich wissen, woran wir sind. Und das ist ihr gutes Recht.« Sie fuhren schweigend durch die Dunkelheit. Ein Reh huschte weit vor ihnen über die Straße. Danilo bremste ab und gab Acht, ob nicht weitere folgten.
»Immerhin ist es schön, dass er zu Romy und Mimi zurückgekehrt ist«, sagte Elisa nach einer Weile. »Wenn man bedenkt, wie lange das gebraucht hat … Dein Bruder überlegt sich eben alles ganz genau.«
»Dass du schon wieder für ihn Partei ergreifst …« Danilo ließ den Satz unbeendet und blickte finster drein.
»Ich ergreife nicht Partei für Fabio«, stellte Elisa klar. »Ja, ich finde ihn auch seltsam. Und das, was er über Mimis Campanula gesagt hat …«
»Hätte ich ihn wirklich fragen sollen, ob ich meiner Nichte ein Instrument schenken darf?«
Elisa blies geräuschvoll Luft aus. »Also ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ihn das stören könnte.«
»Es ist einfach lächerlich zu behaupten, die Campanula wäre schlecht für das Kind.« Sie bogen auf den schmalen Waldweg ab, der zur alten Mühle führte. »Oder?«
»Ich halte das für Unsinn«, antwortete Elisa ratlos. »Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn Romy mal mit Mimis Geigenlehrerin darüber spricht?«
»Wer weiß, vielleicht bläst die ja ins selbe Horn wie Fabio. Woher soll sie die Campanulas kennen?« Danilo klang verbittert. »Kaum jemand weiß davon.«
Elisa schwieg. Dies war ein endloses Thema zwischen ihnen beiden, und sie wusste nicht, was sie darauf noch sagen sollte. Danilo hatte so sehr gehofft, dass sie die Campanulas bekannt machen würde. Schließlich war sie in ihrer Jugend eine berühmte Cellistin und auf den Bühnen der Welt zu Hause gewesen. Im Alter von sechzehn Jahren hatte sie allerdings während eines ihrer wichtigsten Konzerte einen Hörausfall erlitten und war seitdem nicht mehr aufgetreten. Nur einmal hatte sie in einem kleinen Club in Lugano gemeinsam mit Danilo auf einer seiner Campanulas gespielt, und prompt war ein Video von diesem Abend im Internet viral gegangen. Über ein Comeback im großen Stil dachte Elisa tatsächlich seit einigen Wochen nach. Sie war allerdings bislang noch zu keinem Schluss gekommen, welche Art von Musik sie dann spielen sollte, und wollte sich unbedingt Zeit lassen, um das in Ruhe herauszufinden. Danilo hingegen war der Meinung, dass das alles viel zu lange dauerte.
Das Anwesen mit seinem geräumigen Haupthaus und den früheren Ställen, in denen Cosmas Tierasyl untergebracht war, kam in Sicht. In der Wohnung im Erdgeschoss brannte noch Licht. Und tatsächlich ging die Tür auf, als sie die Mühle betraten.
Amadou streckte den Kopf heraus. »Habt ihr noch Lust auf einen Schlaftrunk?«, fragte er.
Elisa musste lachen. »Das klingt nach einer gefährlichen Mixtur nach dem Rezept deiner Großmutter.«
»Das ist es auch«, gab Amadou mit einem verschmitzten Grinsen zurück. »Suma mams ultimativer Gute-Nacht-Tee. Ich verrate euch nicht, was da drin ist.«
»Da kann man ja schlecht Nein sagen.« Zu Elisas Erleichterung lächelte Danilo wieder, als sie Amadou in die gemütliche Wohnung folgten.
»Wir wollen natürlich von euch wissen, was Sache ist«, gab Cosma unverblümt zu. Sie saß mit untergeschlagenen Beinen auf ihrem Sofa und reckte sich vor, um ihnen einen Teller mit Keksen anzubieten. »Kommt Fabio jetzt zurück oder nicht? Ich meine, in die Werkstatt?«
»Das weiß er selbst noch nicht.« Danilo angelte sich einen Keks und ließ sich in Cosmas Schaukelstuhl fallen. »Er tut ein bisschen so, als müssten wir uns das erst verdienen. Typisch mein Bruder.«
»Du übertreibst«, fand Elisa und half Amadou, die Becher mit dem heißen Kräutertee zu verteilen.
»Siehst du?« Danilo wandte sich an Cosma. »Immer ergreift sie für Fabio Partei.«
»Nein, das tue ich nicht«, erwiderte Elisa. »Vor allem nicht, was die Sache mit Mimis Campanula anbelangt.«
»Was ist damit?«, wollte Cosma wissen.
»Er findet es nicht gut, dass ich sie ihr geschenkt habe.« Danilo blies auf seinen heißen Tee und machte dabei ein finsteres Gesicht.
»Bestimmt ist er nur eifersüchtig, weil Mimi seine blöde Barbie nicht so prickelnd fand.« Cosma verzog das Gesicht.
»Mimi wird sich schon durchsetzen, was ihre Campanula anbelangt, da mag Fabio sagen, was er will.« Elisa nahm ein paar Schlückchen von Amadous Kräutertee. Er hatte eine rosarote Farbe und schmeckte bitter und süß zugleich. Der Duft war angenehm und mit nichts zu vergleichen, was Elisa kannte. Und auf einmal fühlte sie, wie sich die Aufregung in ihr legte und ihr Atem ruhiger wurde. »Hey«, rief sie verwundert. »Der wirkt tatsächlich.«
»Natürlich wirkt er.« Amadou schenkte ihr ein großes Lächeln. »Er verscheucht die Dämonen in den Gedanken, sagt meine Großmutter. Die Ängste und Befürchtungen. Und erinnert dich daran, dass alles gut werden wird.«
»Hoffen wir es.« Vorsichtig kostete Danilo nun ebenfalls von seinem Tee.
Am nächsten Morgen fuhren Elisa und Amadou schon früh zur Rosenholzvilla. Zuerst wollten sie nach Adrien Dufois sehen, der kurz vor Weihnachten als erster Gast der Niklas-Eschbach-Stiftung eingetroffen war. Adrien und Elisa verband eine nicht ganz einfache Vergangenheit – sie waren in ihrer Jugend erbitterte Konkurrenten gewesen, als Elisa noch als Wunderkind am Cello die Bühnen der Welt erobert hatte. Und so war sie zunächst wenig erfreut gewesen, ausgerechnet Adrien willkommen heißen zu müssen. Inzwischen hatten sie die alten Animositäten überwunden, jedenfalls hoffte Elisa dies. Denn der enorme Leistungsdruck, unter dem Adrien schon immer gelitten hatte, lastete jetzt erst recht auf ihm, seit es so aussah, als wäre die Operation an seiner rechten Hand, mit der ein Cellist den Bogen führte, schiefgelaufen. Der Gedanke, womöglich nie mehr spielen zu können, machte ihm verständlicherweise schwer zu schaffen.
Sie trafen Adrien im Foyer an, bereit, zu der Privatklinik gebracht zu werden, mit der die Stiftung in solchen Fällen kooperierte. »Wie geht es dir heute Morgen?« Dabei konnte Elisa die Antwort unschwer an Adriens Miene ablesen.
»Miserable«, sagte er und presste die Lippen aufeinander. »Ich konnte vor Schmerzen kaum schlafen.«
Youma, Amadous jüngere Schwester, die als Krankenschwester für die Stiftung arbeitete, kam die Treppe herunter. »Guten Morgen«, begrüßte sie Elisa. »Adriens Wunde hat sich entzündet.«
»Bei Dr. Fullner bist du in guten Händen«, versuchte Elisa Adrien zu beruhigen. Da sah sie, dass Youma ihren Mantel von der Garderobe nahm. »Müsst ihr wirklich alle beide mitfahren? Gleich kommt ein neuer Gast, und ich fände es besser, wenn du ihn mit mir begrüßen könntest.«
Youma sah fragend zu Amadou, der ihr zunickte. »Elisa hat recht«, sagte er. »Es genügt, wenn ich Adrien begleite. Wollen wir?«
Zögernd hängte Youma ihren Mantel zurück und sah den beiden Männern nach, als diese die Villa verließen.
»Guten Morgen! Wer möchte frischen Kaffee?« In der Tür zur Küche stand Serafina in einer blütenweißen Schürze. Die Haushälterin strahlte über das ganze Gesicht. »Youma, für dich habe ich eine Überraschung.«
»Wirklich?«
»Kommt mit, ich zeig sie euch.«
Die Küche war erfüllt von einem intensiven Kaffeeduft. Elisa schnupperte. »Irgendwie riecht es anders.«
»Sag bloß, du hast Café Touba …«, rief Youma überrascht aus. »Aber wie ist das möglich?«
»Ich hab ihn im Internet bestellt«, antwortete Serafina stolz. »Das ist eine Kaffeespezialität aus dem Senegal«, sagte sie zu Elisa und schenkte die duftende Flüssigkeit in Tassen. »Probier mal. Du wirst staunen.«
Vorsichtig nahm Elisa einen Schluck. Das Aroma von Kaffee entfaltete sich auf ihrer Zunge, dazu noch ein weiterer Geschmack.
»Wie findest du ihn?«, fragte Youma und hielt sich ihre Tasse dicht unter ihre Nase, um den Duft genüsslich einzuatmen.
»Irgendwie … scharf«, gab Elisa zurück.
Youma lachte und zeigte dabei ihre perlenweißen Zähne. »Ja, genau. Da ist Guinea-Pfeffer drin«, erklärte sie. »Du musst Zucker reintun. Mindestens zwei Löffel. Eigentlich kocht man den Café Touba schon mit Zucker auf. Komm«, sagte sie zu Serafina gewandt, »ich zeig es dir.«
Elisa hörte auf Youmas Rat und rührte Zucker in den Café Touba, und tatsächlich schmeckte er nun richtig lecker. Amüsiert sah sie zu, wie die beiden Frauen am Herd herumhantierten und unter Youmas Anleitung noch mal von vorne begannen. Die beiden schienen bereits dicke Freundinnen geworden zu sein. Es war ein Glücksfall, dass Amadou seine Schwester an Weihnachten einfach mitgebracht hatte. Die junge Frau hatte große Ähnlichkeit mit ihrem Bruder, dasselbe ebenmäßige Gesicht und die großen, ausdrucksvollen Augen. Ihr Mund war noch zarter geschnitten, und wenn sie lächelte, erschienen Grübchen auf ihren Wangen und sogar am Kinn. Elisa fand sie wunderschön.
»Wann treffen die Neuen heute ein?«, riss Serafina sie aus ihren Gedanken.
»Jeremy Hill kommt in einer halben Stunde an«, antwortete Elisa mit Blick auf ihre Armbanduhr. »Und die amerikanische Tänzerin gegen zwölf. Sie heißt Scarlett Foster. Scarlett ist Vegetarierin, das hab ich dir schon gesagt, oder?«
»Ja, das ist kein Problem. Solange sie meine italienische Küche mag, ist alles in Ordnung.«
»Wer die nicht mag, dem ist nicht zu helfen«, antwortete Elisa. »Und dann erwarten wir am Nachmittag noch Margit Bechstein. Sie ist Flötistin.«
Sie sah noch mal in den Zimmern nach, ob Serafina auch an alles gedacht hatte. Wie immer waren sie tadellos vorbereitet, auf jeden der Tische hatte die Haushälterin zudem einen Strauß Frühlingsblumen gestellt. Schließlich ging Elisa hinaus in den Rosengarten, in dem vereinzelt Winterblüten in den ersten Sonnenstrahlen aufleuchteten, die es über die östlichen Berge schafften, und weiter zu den beiden Sträuchern, unter denen sich das Grab ihres Großvaters Niklas Eschbach befand. Sie bückte sich und entfernte ein paar herabgefallene Blätter von der Marmorplatte in Form einer Orchesterpartitur. Sacht strich sie über den eingemeißelten Dirigentenstab, der quer darüber lag, und über die Buchstaben, die die Worte formten:
Wenn alle Töne schweigen – Quies
Quies war Lateinisch und bedeutete Ruhe, Schlaf. Ihr Großvater hatte die Grabplatte lange vor seinem Tod vorbereitet, ohne dass jemand davon gewusst hatte. Er war im vergangenen Sommer an einem Herzinfarkt gestorben, als er an der Mailänder Scala die Oper Tosca dirigierte. Obwohl er in den beiden Jahren zuvor mehrere Schlaganfälle erlitten hatte, war sein plötzlicher Tod für alle ein Schock gewesen, so gut hatte er sich unter Amadous Pflege wieder erholt. Dass Niklas sein Vermögen nach seinem Tod durch die Stiftung anderen schwer erkrankten Musikern zugutekommen ließ, fand Elisa nicht nur folgerichtig, sondern einfach großartig.
Elisa hörte Schritte auf dem Kiesweg hinter sich. Es war ihre Mutter.
»Hier bist du.« Anna gab ihr zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange. Sie war fast einen Kopf größer als Elisa. Auch sonst ähnelten sie sich kaum. Während Anna nach ihrer italienischen Mutter, der Sängerin Paulina Conti-Eschbach, schlug und es vorkam, dass man sie mit der Schauspielerin Monica Bellucci verwechselte, glich Elisa mit ihrem blonden Haar und den blauen Augen ihrem Vater, dem schwedischen Geiger Sven Helgeson. »Was für ein herrlicher Tag.« Anna seufzte. »Schade, dass ich bald abreisen muss, jetzt, wo das Wetter so schön geworden ist.«
»Komm einfach wieder, sobald du kannst.« Elisa legte sanft den Arm um Annas Taille und blinzelte über den See hinüber zu den Bergen im Gegenlicht der Morgensonne. Anna erschien ihr ungewohnt zerbrechlich. Seit der Trennung von ihrer Lebensgefährtin Caren hatte sie abgenommen, und das trotz Serafinas guter Küche.
»Wer hätte das gedacht«, sagte Anna niedergeschlagen. »Noch vor einem Jahr hab ich mir nicht vorstellen können, dass ich mich ausgerechnet hier so wohl fühlen würde.«
Elisa lächelte traurig. Es stimmte. Anna hatte die Rosenholzvilla gemieden, solange Niklas gelebt hatte. Die beiden hatten ein chronisch schlechtes Verhältnis miteinander gehabt und sich erst in der Stunde seines Todes miteinander ausgesöhnt. »Du bist jederzeit willkommen«, versicherte ihr Elisa. »Wann musst du denn fahren?«
»Spätestens am Samstag«, antwortete ihre Mutter. Gemeinsam schlugen sie den Weg zurück zur Villa ein. »Am Montag kommt ein potenzieller Kunde, und es ist besser, ich hab noch einen Tag, um mich darauf vorzubereiten. Wir arbeiten an der Herbst-Winter-Kollektion. Ich hab hier ein bisschen gezeichnet. Möchtest du meine Entwürfe sehen?«
Bevor Elisa antworten konnte, ließ das Geräusch eines ankommenden Wagens sie aufmerken. »Das muss Jeremy Hill sein«, sagte sie. »Wie wäre es heute Nachmittag? Da schau ich mir deine Skizzen gerne an.«
Elisa war gespannt auf den britischen Komponisten. Vor vielen Jahren hatte sie einmal in einem Konzert ein Werk von ihm uraufgeführt, da war sie gerade vierzehn Jahre alt gewesen. In der Kommode ihres früheren Kinderzimmers hatte sie die Noten tatsächlich noch gefunden, es war ein wunderschönes Stück. Außerdem war Jeremy mit niemand anderem als Oriana Hill verheiratet, der berühmten Filmschauspielerin, die im vergangenen Jahr einen Oscar gewonnen hatte.
Sie eilte zu dem Taxi, um dem Fünfundfünfzigjährigen herauszuhelfen, was nicht einfach war, denn Jeremy hatte sich bei einem Sturz den Oberschenkelhals gebrochen und war vor nicht allzu langer Zeit operiert worden. »Herzlich willkommen«, sagte sie.
Das Erste, was sie von Jeremy Hill zu sehen bekam, waren die Enden zweier Gehhilfen. Sie nahm sie entgegen und bereute, Amadou und nicht seine Schwester mit Adrien zur Klinik geschickt zu haben. Denn der Mann, der sich mühselig und unter Stöhnen aus dem Sitz herausarbeitete, wirkte schwerfällig und ungelenk, was kein Wunder war bei seiner Verletzung.
»Möchten Sie mir vielleicht Ihre Hand reichen?« Auf einmal war Youma neben Elisa, die wusste, wie sie Jeremy aus dem Wagen helfen musste.
»Thank you so much.« Dem Komponisten stand der Schweiß auf der Stirn, als er auf seine Gehhilfen gestützt im Hof stand, erschöpft zur Fassade der Villa emporsah und dann Elisa mit freundlichen blauen Augen musterte. Mit seiner kräftigen Statur und dem kurz gehaltenen grau melierten Bart erinnerte Jeremy Hills an einen freundlichen Bären.
»Ich bin Elisa Eschbach«, sagte sie rasch. »Darf ich Ihnen Youma Botta vorstellen? Sie ist unsere Krankenschwester.«
»Jeremy Hill«, antwortete er, und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. »Und ich erinnere mich gut an Sie.«
»An damals in London?«
Jeremy nickte. »Keiner hat danach meine Romanze für Cello und Orchester so fabelhaft gespielt wie Sie.« Er blinzelte in die Sonne und nahm einen tiefen Atemzug. »Hier also hat Niklas gelebt. Ein schöner Ort.«
»Und ein guter Ort, um gesund zu werden. Möchten Sie einen Rollstuhl oder geht es so?«
»Ich probier es lieber auf meinen vier Beinen.« Er hob schmunzelnd die Gehhilfen an und setzte sich langsam und konzentriert in Bewegung. Es dauerte eine Weile, bis er die kurze Entfernung zur Treppe zurückgelegt hatte, die zur Hälfte mit einer sanft ansteigenden Rampe abgedeckt war.
»Ich hoffe, mein Zimmer liegt nicht unter dem Dachboden«, scherzte der Komponist, als er die Steinstufen überwunden hatte.
»Es befindet sich im ersten Stock«, antwortete Elisa. »Keine Sorge, es gibt einen Lift.«
Jeremy Hill zuckte kurz zusammen, holte tief Luft und betrat das Foyer. »Tut mir leid, das ist keine große Hilfe«, sagte er, als Elisa ihn in Richtung der Aufzugtür geleiten wollte. »Ich bin ansonsten ein völlig normaler Mensch mit wenig Attitüden, das müssen Sie mir glauben. Aber einen Fahrstuhl betrete ich nie. Das geht einfach nicht.«
Elisa sah ihn bestürzt an. »Dieser hier ist ganz neu und gerade erst auf seine Sicherheit überprüft worden«, versuchte sie ihn zu beruhigen. »Und die Fahrtzeit beträgt nur ein paar Sekunden, Sie können ganz beruhigt …« Sie stockte, als sie sah, dass Jeremy den Kopf schüttelte.
»Bitte halten Sie mich nicht für störrisch«, bat er. »Aber ein Fahrstuhl bleibt ein Fahrstuhl. Ich kann das nicht. Leider.« Er holte ein großes weißes Taschentuch aus seiner Jackentasche und fuhr sich damit über die Stirn. Dann wandte er sich zu der Treppe mit dem wunderschön geschnitzten Holzgeländer und den Einlegearbeiten aus Rosenholz, die das Foyer mit dem oberen Stockwerk verband. »Zum Glück gibt es noch die«, sagte er, raffte seine Kräfte zusammen und machte sich an den Aufstieg.
Mit Youmas Hilfe und mehreren Verschnaufpausen erreichte der neue Gast eine Viertelstunde später endlich sein Zimmer. Das Ganze hatte ihn dermaßen erschöpft, dass er sich aufs Bett legen musste, um eine Weile zu ruhen. Er versprach Youma zu läuten, sobald er sich etwas erholt hatte.
Inzwischen beratschlagte sich Elisa mit Serafina und Youma.
»Wenn wir das gewusst hätten«, sagte Serafina.
»Was hätte das gebracht?«, wandte Elisa ein. »Wir haben kein Zimmer im Erdgeschoss.«
»Aber als der professore …«
»Niklas haben wir im Musikzimmer einquartiert. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Das Musikzimmer soll für alle Gäste zugänglich sein. Außerdem finden dort Veranstaltungen statt.«
»Zum Beispiel der Geburtstagsempfang für Signor Alexander«, ergänzte Serafina.
»Richtig.«
Alexander Hilbour war Niklas’ Manager gewesen und nahm nach dessen Tod eine wichtige Rolle in der Stiftung ein. Er hatte auch Elisa während ihrer Konzertlaufbahn vertreten – inzwischen war er eine Art väterlicher Freund für sie geworden. Ende des Monats würden sie seinen siebzigsten Geburtstag in der Rosenholzvilla feiern. Während sie Alexander in dem Glauben ließen, es würden lediglich seine engsten Freunde zu einem feierlichen Essen kommen, bereitete Elisa seit Wochen ein großes Überraschungsfest vor, zu dem sich schon zahlreiche Gäste angesagt hatten. Sogar Oriana Hill, Jeremys Frau, würde dazu anreisen.
»Es wird wohl nicht anders gehen, Jeremy Hill muss in dem Zimmer oben bleiben. Etwas Besseres können wir ihm nicht anbieten.« Elisa seufzte. »Was meinst du, Youma?«
»Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum er vier Wochen nach seinem Unfall immer noch so schlecht zu Fuß ist.« Youma wirkte besorgt. »Ich würde gerne mal den Krankenbericht lesen und mich mit meinem Bruder beraten, was da los ist. Als Lösung fällt mir sonst nur ein Treppenlift ein«, fügte sie hinzu. »Aber ob er den benutzen würde?«
Elisa sah auf die Uhr. Sie war gespannt, welche Überraschungen Scarlett Foster ihnen bereiten würde.
Ihre Sorge schien unbegründet. Die Tänzerin aus den USA wirkte trotz ihres verletzten Sprunggelenks fröhlich und aufgekratzt, als sie pünktlich um zwölf aus ihrem Taxi stieg. Mit ihren Gehhilfen war sie überraschend beweglich, und als sie Elisa sah, fiel sie ihr überschwänglich um den Hals, als seien sie alte Freundinnen. Die Villa und alles andere fand sie einfach nur großartig, und da sie gerade erst aus den Staaten angekommen war, bat sie wegen der Zeitumstellung darum, sich erst einmal ausschlafen zu dürfen.
»Mehr als Mineralwasser und ein bisschen Obst brauche ich heute nicht mehr«, erklärte sie, woraufhin Serafina ihr auf der Stelle einen schönen Früchteteller brachte und ihr versprach, sie am folgenden Tag zum Frühstück zu wecken. »Dann bin ich wieder ein Mensch«, versicherte Scarlett. »Im Moment fühle ich mich eher wie eine Amöbe.« Sie lachte schallend über diesen Scherz und zog sich in ihr Zimmer zurück.
»Na, die scheint ja unkompliziert zu sein«, meinte Serafina, als sie gemeinsam mit Youma und Anna in der Küche eine Kleinigkeit zu Mittag aßen.
»Ich glaube, auch Jeremy wird keine Schwierigkeiten machen, mal davon abgesehen, dass er vorerst in seinem Zimmer festsitzen wird.«
»Vielleicht ist ihm das ja ganz recht.« Youma knabberte an einem Radieschen. »Er hat ein Keyboard mitgebracht.«
»Ein Keyboard?«, fragte Serafina überrascht. »Aber wir haben doch den schönen Flügel.«
»Er braucht das zum Komponieren, hat er mir erklärt.«
»Hoffentlich macht er keinen Lärm und stört die anderen.« Serafina wirkte besorgt.
»Ich glaube nicht, dass er jemanden stören wird«, erklärte Elisa. »Komponisten benutzen heutzutage zum Arbeiten häufig Computerprogramme. Und bestimmt hat er Kopfhörer.«
»Er wirkt wie jemand, der gern allein ist«, sagte Youma, und Elisa fragte sich, ob Youma wie ihr Bruder die Gabe hatte, Menschen in kürzester Zeit einschätzen zu können. »Amadou wird dafür sorgen, dass er bald die Treppe herunterkommt.« Youma sah auf die Küchenuhr an der Wand. »Ich wundere mich, dass er und Adrien noch nicht zurück sind.«