Ferien mit Agatha Christie - Agatha Christie - E-Book

Ferien mit Agatha Christie E-Book

Agatha Christie

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Beschreibung

Sommerzeit ist Krimizeit, schließlich erhitzen sich mit steigenden Temperaturen auch die Gemüter und führen mitunter auf mörderische Pfade. Ob in Cornwall oder an der französischen Riviera, in der Nähe griechischer Tempelanlagen oder in den Gärten englischer Landhäuser – während die Sonne allerorten vom Himmel strahlt, lösen Agatha Christies beliebteste Ermittler in diesen sommerlichen Kurzkrimis manch dunkles Rätsel.  »Die perfekte Christie zu lesen ist wie in den perfekten Apfel zu beißen: das reinste knusprige Vergnügen!« Tana French

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Seitenzahl: 362

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Agatha Christie

Ferien mit Agatha Christie

Zwölf mörderische Urlaubsgeschichten

Marcel Bülles | Günter Eichel | Michael Mundhenk | Renate Orth-Guttmann | Heike Steffen | Hans Erik Hausner

Sommer in den Pyrenäen

Vater und Madge machten viele Ausflüge zu Pferd, und eines Tages wurde mein Wunsch erfüllt – man teilte mir mit, dass ich sie bei ihrem nächsten Ausritt begleiten dürfe. Heiße Freude durchzuckte mich. Mutter hegte die Befürchtung, dass mir etwas zustoßen könnte, aber Vater zerstreute schnell ihre Zweifel.

»Wir haben einen Führer dabei«, beruhigte er sie. »Er hat Erfahrung mit Kindern und wird darauf sehen, dass sie nicht herunterfällt.«

Am nächsten Morgen kamen die drei Pferde, und es ging los. Im Zickzack trotteten wir über steil ansteigende Pfade, und ich genoss jeden Augenblick. Hin und wieder pflückte der Führer kleine Blumensträuße und gab sie mir, damit ich sie in mein Hutband steckte. So weit ging alles wunderbar, bis wir am Gipfel anlangten und der Führer sich selbst übertreffen wollte. Er kam zu uns zurückgelaufen, zwischen den Fingern einen herrlichen Schmetterling, den er gefangen hatte. »Pour la petite demoiselle!«, rief er, nahm eine Nadel von seinem Rockaufschlag, durchbohrte den Schmetterling und steckte ihn mir an den Hut. Das Entsetzen dieses Augenblicks! Der quälende Schmerz, der mich durchzuckte, als der arme Schmetterling verzweifelt mit den Flügeln schlug. Und ich konnte natürlich nichts sagen! So viele widersprechende Gefühle bewegten mich. Dies war eine freundliche Geste vonseiten des Führers. Er hatte mir den Falter gebracht. Es war ein ganz besonderes Geschenk. Konnte ich ihm weh tun und ihm sagen, dass ich es nicht haben wollte? Wie sehr wünschte ich, er würde ihn wieder fortnehmen! Und während dieser ganzen Zeit das Flattern dieses sterbenden Schmetterlings! Das grauenhafte Klopfen der Flügel an meinem Hut! Ich fing an zu weinen. Je mehr man mich fragte, desto unmöglicher wurde es mir, zu antworten.

»Was hast du denn?«, wollte Vater wissen. »Tut dir etwas weh?«

»Vielleicht macht ihr das Pferd Angst«, mutmaßte meine Schwester.

Nein, sagte ich, und noch einmal nein. Ich hatte keine Angst, und mir tat auch nichts weh.

»Müde?«, fragte Vater.

»Nein«, antwortete ich.

»Also, was ist los?«

Aber ich konnte es nicht sagen. Natürlich konnte ich es nicht sagen. Der Führer stand daneben und sah mich aufmerksam und verwundert an. »Sie ist eben noch zu jung«, meinte Vater, »wir hätten sie nicht mitnehmen sollen.«

Meine Tränen flossen nur noch reichlicher. Ich wusste, dass ich ihm und meiner Schwester den Tag verdarb, aber ich konnte mir nicht helfen. Ich konnte nur hoffen und beten, dass er oder Madge erraten würden, was in mir vorging. Einmal mussten sie doch den Schmetterling sehen, einmal mussten sie doch sagen: »Vielleicht mag sie den Schmetterling nicht auf ihrem Hut.« Sobald sie das sagten, würde alles gut sein. Aber ich konnte es ihnen nicht sagen. Es war schrecklich. Ich wollte nichts essen. Ich saß da und weinte, und der Schmetterling schlug mit den Flügeln. Schließlich hörte er auf zu schlagen.

Wir ritten wieder hinunter – Vater zornig, Madge ärgerlich, der Führer immer noch freundlich und liebenswürdig und verständnislos. Gott sei Dank dachte er nicht daran, mir einen zweiten Schmetterling zu schenken, um mich aufzuheitern. In gedrückter Stimmung kamen wir unten an und gingen gleich ins Wohnzimmer, wo Mutter uns erwartete.

»Ach herrje«, sagte sie, »was ist passiert? Hat Agatha sich wehgetan?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete mürrisch mein Vater. »Ich weiß nicht, was mit ihr los ist. Wahrscheinlich hat sie irgendwelche Schmerzen. Seit Mittag weint sie ununterbrochen und hat auch nichts gegessen.«

»Was hast du, Agatha?«, fragte Mutter.

Ich konnte es ihr nicht sagen. Ich sah sie nur kläglich an, während mir die Tränen über die Wangen rollten. Sie musterte mich nachdenklich und sagte dann: »Wer hat ihr den Schmetterling an den Hut gesteckt?«

Es sei der Führer gewesen, antwortete meine Schwester.

»Ich verstehe«, sagte Mutter und dann zu mir: »Das hat dir nicht gefallen, nicht wahr? Er lebte noch, und du dachtest an seine Leiden?«

Oh, diese herrliche Erleichterung, diese wundervolle Entspannung, wenn jemand weiß, was in deinem Kopf vorgeht, und es dir sagt und dich damit endlich von der schweren Last des Schweigens befreit! In höchster Erregung schlang ich meine Arme um ihren Hals. »Ja, ja, ja!«, schluchzte ich. »Er hat geflattert! Er hat mit den Flügeln geschlagen! Aber der Mann war so lieb und hat es so gut gemeint. Ich konnte nichts sagen.«

Sie verstand alles und streichelte mich sanft.

»Ich kann mir gut vorstellen, was du dabei gefühlt hast«, sagte sie. »Aber jetzt ist es vorbei, und wir reden nicht mehr darüber.«

Blut auf dem Bürgersteig

»Eigentlich«, sagte Joyce Lemprière, »erzähle ich diese Geschichte gar nicht gern. Sie liegt lange zurück – fünf Jahre, genau genommen –, lässt mich aber seither nicht mehr los mit ihrer heiter-sorglosen Oberfläche und dem darunter verborgenen Grauen. Eigenartigerweise ist der Skizze, die ich damals gemacht habe, ebendiese Atmosphäre anzumerken. Auf den ersten Blick ist es nur der Entwurf einer steilen Gasse in Cornwall, auf der die Sonne liegt. Wenn man aber lange genug hinschaut, spürt man geradezu, wie sich das Unheil einschleicht. Ich habe das Bild nie verkauft und schaue es auch nie an. Es steht in einer Ecke meines Ateliers mit dem Gesicht zur Wand.

Der Ort hieß Rathole, ein wunderliches kleines Fischerdorf in Cornwall, sehr malerisch – vielleicht zu malerisch. Einer dieser Orte, in denen die Touristen in ›Ye Olde Cornish Tea House‹ gelockt werden. In den Läden verfertigen junge Frauen mit Bubikopf und in Hängerkleidchen handkolorierte Sprüche auf Pergament. Hübsch und idyllisch, aber auf eine sehr gewollte Art.«

»Wem sagen Sie das«, stöhnte Raymond West. »Der Fluch der Reisebusse. So schmal die Gassen auch sein mögen – kein malerisches Dorf ist vor ihnen sicher.«

Joyce nickte.

»Die Sträßchen, die nach Rathole herunterführen, sind tatsächlich schmal und sehr steil. Aber zurück zu meiner Geschichte. Ich war für vierzehn Tage zum Zeichnen nach Cornwall gekommen. In Rathole gibt es ein altes Gasthaus, das Polharwith Arms – angeblich das einzige Haus, das die Spanier verschonten, als sie fünfzehnhundertirgendwas den Ort mit Granaten bombardiert haben.«

Raymond West runzelte die Stirn.

»Nicht mit Granaten, Joyce. Versuchen Sie bei der historischen Wahrheit zu bleiben.«

»Also jedenfalls hatten sie irgendwo an der Küste Kanonen an Land gebracht und abgefeuert, und dann waren die Häuser kaputt. Aber darum geht es gar nicht. Das Gasthaus war ein wunderschönes altes Gebäude mit einer Art Vorbau auf vier Säulen. Ich suchte mir einen guten Platz und wollte gerade an die Arbeit gehen, als ein Auto sich langsam die gewundene Straße herunterquälte und ausgerechnet vor dem Gasthaus hielt, wo es mich besonders störte. Ein Mann und eine Frau stiegen aus, auf die ich nicht weiter achtete. Sie trug ein Kleid in Blassviolett und einen Hut in der gleichen Farbe.

Wenig später kam der Mann wieder heraus, und ich atmete auf, als er den Wagen zum Kai fuhr und dort abstellte. An mir vorbei schlenderte er zurück zum Gasthaus. In diesem Augenblick schraubte sich, wie es der Zufall wollte, noch ein Wagen nach unten. Die Frau, die ihm entstieg, hatte das bunteste Chintzkleid an, das mir je untergekommen ist, bedruckt mit einem Muster aus knallroten Weihnachtssternen, wenn ich mich recht erinnere. Auf dem Kopf hatte sie einen dieser breitkrempigen Strohhüte, wie sie die Leute auf Kuba tragen, in tiefem Scharlachrot.

Sie hatte nicht vor dem Gasthaus gehalten, sondern war ein Stück weitergefahren, auf den anderen Wagen zu. Als sie ausstieg, sah der Mann sie und sagte überrascht: ›Carol! Aber das gibt es doch gar nicht! Dass wir uns hier an diesem abgelegenen Flecken treffen … Ich habe dich jahrelang nicht mehr gesehen. Da ist Margery, meine Frau. Komm, ich mache dich mit ihr bekannt.‹

Sie liefen nebeneinander die Straße hoch, und ich sah, dass die andere Frau gerade aus dem Gasthaus gekommen war und auf sie zuging. Diese Carol sah ich nur ganz flüchtig, als sie an mir vorbeilief, ich bemerkte ein sehr weiß gepudertes Kinn und einen flammenden Scharlachmund und überlegte, ob Margery über dieses Treffen wohl sehr erbaut wäre. Aus der Nähe hatte ich Margery nicht gesehen, aber aus der Entfernung wirkte sie altbacken und ziemlich etepetete.

Natürlich ging mich das alles nichts an, aber manchmal liefert einem das Leben kuriose Momentaufnahmen, und man macht sich unwillkürlich so seine Gedanken darüber. Bruchstücke ihrer Unterhaltung wehten zu mir her. Sie sprachen vom Baden. Der Mann, der offenbar Denis hieß, wollte mit einem Boot die Küste entlangrudern. Eine Meile weiter, sagte er, gebe es eine berühmte Höhle, die sehr interessant sei. Carol wollte die Höhle auch sehen, schlug aber vor, den Klippenweg zu nehmen und sie sich von der Landseite her anzuschauen. Sie hasse Boote, sagte sie. Schließlich einigten sie sich darauf, dass Carol zu Fuß über den Klippenweg gehen und die beiden anderen, die das Boot nehmen würden, an der Höhle erwarten würde.

Ich hatte inzwischen auch Lust aufs Baden bekommen. Es war ein sehr warmer Vormittag, ich kam mit meiner Arbeit nicht recht voran und hoffte, dass die Nachmittagssonne mir reizvollere Effekte liefern würde. Also packte ich meine Sachen zusammen und lief zu einem kleinen Strand, den ich entdeckt hatte und der in einer ganz anderen Richtung als die Höhle lag. Das Baden war herrlich. Hinterher stärkte ich mich mit Zunge aus der Dose und zwei Tomaten und kam nachmittags voller Zuversicht und in Vorfreude auf meine Arbeit ins Dorf zurück.

Ganz Rathole schien im Tiefschlaf zu liegen. Mit der Nachmittagssonne hatte ich recht gehabt – die Schatten waren tatsächlich viel wirkungsvoller. Schwerpunkt meiner Skizze war das Polharwith Arms. Ein Sonnenstrahl fiel schräg vor das Gasthaus und erzielte eine ganz seltsame Wirkung. Die drei Badebegeisterten waren offenbar wohlbehalten zurückgekehrt, denn vom Balkon hingen zwei Badeanzüge zum Trocknen, ein roter und ein dunkelblauer.

An einer Ecke meiner Skizze musste ich etwas korrigieren, und ich beugte mich kurz vor. Als ich wieder aufsah, lehnte wie hingezaubert ein Mann an einer der Säulen des Polharwith Arms. Er war angezogen wie ein Seefahrer und mochte ein Fischer sein. Aber er hatte einen langen schwarzen Bart, und hätte ich ein Modell für einen finsteren spanischen Kapitän gesucht, hätte ich keinen besseren finden können. Ich fing in größter Eile an zu zeichnen, ehe er mir entkommen konnte, allerdings sah es aus, als wäre er bereit, diese Säule bis in alle Ewigkeit zu stützen.

Dann aber setzte er sich doch in Bewegung, aber zum Glück erst, als ich bekommen hatte, was ich wollte. Er trat zu mir herüber – und dann legte er los. Unglaublich, wie dieser Mann reden konnte!

›Rathole war ein sehr interessanter Ort‹, fing er an.

Das wusste ich schon und sagte es ihm auch, aber das rettete mich nicht. Ich bekam die ganze Geschichte der Bombardierung – ich meine der Zerstörung – des Dorfes zu hören und dass das letzte Todesopfer der Wirt des Polharwith Arms gewesen war, auf seiner eigenen Schwelle durchbohrt vom Schwert eines spanischen Kapitäns, das Blut sei auf den Bürgersteig gespritzt und habe sich hundert Jahre lang nicht mehr abwaschen lassen.

Das alles fügte sich gut in die träumerisch-träge Atmosphäre des Nachmittags. Die Stimme des Mannes war sanft, hatte aber einen seltsam bedrohlichen Unterton. Jenseits seiner fast unterwürfigen Art spürte ich Grausamkeit. Durch ihn wurden mir die Inquisition und die Gräueltaten der Spanier begreiflich.

Während er redete, arbeitete ich weiter und merkte plötzlich, dass ich über der aufregenden Geschichte etwas in meine Skizze hineingezeichnet hatte, was nicht da war. Auf das weiße Stück Bürgersteig vor der Tür des Polharwith Arms, auf das die Sonne fiel, hatte ich Blutflecken gemalt. Erstaunlich, welche Streiche der Kopf der Hand spielen kann, dachte ich, aber als ich wieder zu dem Gasthaus hinsah, erschrak ich erneut. Meine Hand hatte nur das gemalt, was meine Augen sahen – Blutstropfen auf dem weißen Pflaster.

Ein, zwei Minuten sah ich wie gebannt hin, dann machte ich die Augen zu, sagte mir: ›Sei nicht albern, da ist überhaupt nichts‹, und öffnete sie wieder, aber die Blutflecken waren noch da.

Ich hielt es plötzlich nicht mehr aus und unterbrach den Redefluss des Fischers.

›Ich habe ziemlich schlechte Augen. Sind das Blutflecke auf dem Bürgersteig da drüben?‹

Ein gütig-nachsichtiger Blick traf mich.

›Keine Blutflecken heutzutage, Lady. Was ich Ihnen erzählt habe, ist fast fünfhundert Jahre her.‹

›Ja, aber jetzt … auf dem Bürgersteig …‹, stotterte ich, dann blieben mir die Worte im Halse stecken. Ich wusste, dass er nicht sehen würde, was ich sah. Ich stand auf und raffte mit zitternden Händen meine Sachen zusammen. In diesem Moment kam der junge Mann, der vormittags mit dem Wagen angekommen war, aus dem Gasthaus. Er sah sich ratlos nach rechts und nach links um. Seine Frau trat auf den Balkon und holte die Badesachen herein. Er ging auf seinen Wagen zu, dann aber schwenkte er ab und lief über die Straße auf den Fischer zu.

›Sagen Sie, guter Mann, wissen Sie zufällig, ob die Dame, die in dem zweiten Wagen kam, schon zurück ist?‹

›’ne Dame in ’nem Kleid mit ’ner Masse Blumen drauf? Nein, hab sie nicht gesehen. Heute Vormittag ist sie über den Klippenweg in Richtung Höhle gelaufen.‹

›Ja, ich weiß. Wir haben dort alle drei gebadet, dann ist sie allein zurückgegangen, und seither habe ich sie nicht mehr gesehen. So lange kann sie unmöglich gebraucht haben. Sind denn die Klippen in dieser Gegend gefährlich?‹

›Kommt drauf an, in welche Richtung man will. Am besten nimmt man einen mit, der sich auskennt.‹

Damit meinte er natürlich sich selbst und machte Anstalten, das Thema zu vertiefen, aber der junge Mann ließ ihn stehen, lief zurück zum Gasthaus und rief zu seiner Frau auf dem Balkon hoch:

›Hör mal, Margery, Carol ist noch nicht zurück. Merkwürdig, was?‹

Margerys Antwort hörte ich nicht, aber ihr Mann fuhr fort:

›Wir können uns nicht länger hier aufhalten, wir müssen weiter nach Penrithar. Bist du so weit? Ich wende nur noch den Wagen.‹

Gleich darauf fuhren die beiden davon. Inzwischen hatte ich mich innerlich darauf vorbereitet, mir zu beweisen, wie lächerlich meine Hirngespinste waren. Als der Wagen fort war, besah ich mir den Bürgersteig vor dem Gasthaus genau. Natürlich fand ich keine Blutflecken, die waren von Anfang an eine Ausgeburt meiner überhitzten Phantasie gewesen, aber das machte die ganze Sache noch unheimlicher. Ich stand noch da, als ich bemerkte, dass der Fischer mich neugierig musterte.

›Sie haben gedacht, dass hier Blut ist, Lady?‹

Ich nickte.

›Sonderbar, höchst sonderbar. Es gibt hier einen Aberglauben – wenn jemand diese Blutflecken sieht …‹

Er hielt inne.

›Ja?‹, sagte ich.

Er fuhr mit seiner sanften Stimme fort, der man von der Intonation her seine Herkunft aus Cornwall anhörte, die aber keinerlei Dialektanklänge hatte: ›Wenn jemand diese Blutflecken sieht, heißt es, gibt es innerhalb von vierundzwanzig Stunden einen Todesfall.‹

Mir lief es kalt den Rücken herunter.

›In der Kirche hängt eine sehr sehenswerte Gedenktafel. Sie erinnert an einen Todesfall, der …‹, fuhr er fort, als wollte er mich zu einer Besichtigung überreden.

›Nein, danke‹, sagte ich energisch, drehte mich auf dem Absatz um und ging die Straße hoch zu dem Cottage, in dem ich mich eingemietet hatte. Ich war dort gerade angekommen, als ich in einiger Entfernung die Frau, die sich Carol nannte, über den Klippenpfad kommen sah. Sie schien es eilig zu haben. Vor dem Grau der Felsen sah sie aus wie eine giftige scharlachrote Blume. Ihr Hut war blutrot …

Ich schüttelte mich. Offenbar hatte ich nur noch Blut im Kopf.

Später hörte ich das Geräusch ihres Wagens. Ob sie auch nach Penrithar wollte? Nein, sie bog nach links ab, in die Gegenrichtung. Ich sah dem Wagen nach, der den Hügel hochkroch und dann verschwand, und atmete unwillkürlich auf. Rathole lag still und verschlafen da wie zuvor.«

»Wenn das alles ist«, sagte Raymond West, als Joyce innehielt, »liegt für mich der Fall klar auf der Hand: Verdauungsstörungen. Augenflimmern nach dem Essen.«

»Das ist nicht alles«, sagte Joyce. »Sie sollen auch die Fortsetzung hören. Zwei Tage später las ich sie unter der Überschrift ›Badeunfall‹ in der Zeitung. Mrs Dacre, die Frau von Captain Denis Dacre, war vor der Landers Cove ertrunken, die nicht weit vom Dorf Rathole entfernt war. Sie und ihr Mann wohnten dort im Gasthaus und hatten baden gehen wollen, aber der Wind hatte aufgefrischt, und Captain Dacre, dem es zu kalt zum Baden war, hatte sich mit ein paar Bekannten aus dem Gasthaus zum nahe gelegenen Golfplatz begeben. Mrs Dacre jedoch fand es nicht zu kalt und ging allein zur Bucht hinunter. Als sie nicht zurückkam, machte ihr Mann sich Sorgen und ging ihr zusammen mit seinen Bekannten nach. Mrs Dacres Sachen lagen an einem Felsen, von der Unglücklichen aber fehlte jede Spur. Die Leiche wurde erst knapp eine Woche später gefunden, sie war in einiger Entfernung angeschwemmt worden. Die Tote hatte eine tiefe Kopfwunde, die sie sich vor ihrem Tod zugezogen hatte, sie hatte demnach, so die Theorie, einen Kopfsprung ins Wasser gewagt und war mit dem Kopf an einen Felsen gestoßen. Wenn ich es recht verstanden hatte, starb sie vierundzwanzig Stunden, nachdem ich die Blutflecken gesehen hatte.«

»Ich protestiere«, sagte Sir Henry. »Das ist kein rätselhafter Fall, sondern eine Geistergeschichte. Miss Lemprière scheint ein Medium zu sein.«

Mr Petherick ließ sein gewohntes Hüsteln hören.

»Eine Sache gibt mir zu denken«, sagte er, »und das ist jene Kopfwunde. Ich finde, dass wir die Möglichkeit einer Fremdeinwirkung nicht ausschließen dürfen. Allerdings haben wir, soweit ich das sehe, keinerlei Anhaltspunkte. Gewiss, Miss Lemprières Halluzination oder Vision ist interessant, aber ich verstehe noch nicht recht, zu welchem Punkt wir uns äußern sollen.«

»Verdauungsstörungen und Zufall«, sagte Raymond, »und außerdem können Sie nicht sicher sein, ob es dieselben Leute waren. Zudem würde so ein Fluch, oder was es auch war, doch nur die Einwohner von Rathole treffen.«

»Ich habe den Eindruck«, meinte Sir Henry, »dass der unheimliche Seefahrer etwas mit der Geschichte zu tun hat. Andererseits, da gebe ich Mr Petherick recht, hat Miss Lemprière uns kaum Einzelheiten geliefert.«

Joyce sah Dr. Pender an, der nachsichtig den Kopf schüttelte.

»Eine sehr fesselnde Geschichte«, sagte er, »aber ich muss Sir Henry und Mr Petherick zustimmen – es gibt einfach zu wenige Anhaltpunkte.«

Joyce sah fragend zu Miss Marple hinüber, die ihren Blick lächelnd erwiderte.

»Ich finde auch, dass Sie ein wenig unfair sind, Joyce, meine Liebe«, sagte sie. »Natürlich sehe ich das etwas anders. Wir als Frauen erkennen, dass die Kleiderfrage ein wichtiger Anhaltspunkt war. Einen Mann mit dieser Problematik zu konfrontieren ist jedoch unfair. Die vielen raschen Verwandlungen waren wirklich beachtlich. Was für eine schlechte Frau. Und ein noch schlechterer Mann!«

Joyce sah sie mit großen Augen an.

»Tante Jane … Miss Marple, meine ich … Ich glaube fast, Sie kennen die Wahrheit.«

»Nun ja, für mich auf meinem behaglichen Sessel ist das natürlich viel leichter zu durchschauen, als es für Sie war, und als Künstlerin sind Sie ja ohnehin anfällig für diese Art von Atmosphäre, nicht wahr? Wenn man mit seinem Strickzeug hier sitzt, sieht man nur die Fakten. Das Blut ist von dem Badeanzug, der auf dem Balkon hing, auf den Bürgersteig getropft. Da es ein roter Badeanzug war, hatten die Täter nicht gemerkt, dass er voller Blutflecken war. Armes Ding, armes junges Ding!«

»Entschuldigen Sie, Miss Marple«, schaltete Sir Henry sich ein, »aber es ist Ihnen hoffentlich klar, dass ich noch immer im Dunkeln tappe, ebenso wie die anderen Herren in unserer Runde. Nur Sie und Miss Lemprière scheinen zu wissen, wovon die Rede ist.«

»Ich will Ihnen jetzt das Ende der Geschichte erzählen«, sagte Joyce. »Ein Jahr später war ich in einem kleinen Badeort an der Ostküste zum Zeichnen, als ich plötzlich das seltsame Gefühl hatte, etwas schon zum zweiten Mal zu erleben. Vor mir auf dem Bürgersteig standen zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, die eine dritte Person begrüßten, eine Frau in einem Chintzkleid mit einem Muster aus roten Weihnachtssternen. ›Carol! Aber das gibt es doch gar nicht! Dass wir uns nach so vielen Jahren an diesem abgelegenen Ort wiedertreffen … Du kennst meine Frau noch nicht. Joan, das ist Miss Harding, eine alte Freundin von mir.‹

Den Mann erkannte ich sofort, es war ebenjener Denis, den ich in Rathole gesehen hatte. Die Frau hieß Joan und nicht Margery, aber sie war der gleiche Typ, jung und etwas bieder und sehr unauffällig. Einen Augenblick zweifelte ich an meinem Verstand. Dann fingen sie an, übers Badengehen zu reden, und was meint ihr, was ich gemacht habe? Ich bin schnurstracks zur Polizei gegangen. Wahrscheinlich, dachte ich, halten die mich für völlig durchgedreht, aber das war mir in diesem Augenblick egal. Doch so schlimm kam es dann auch nicht. Auf der Wache war ein Beamter von Scotland Yard, der wegen genau dieser Sache gekommen war. Offenbar – Himmel, wie schrecklich das alles war! – hatte die Polizei Denis Dacre bereits im Verdacht. So hieß er nicht wirklich, er nannte sich unterschiedlich, je nach Anlass. Er machte sich an junge Frauen heran, meist stille, unauffällige Dinger, die kaum Verwandte oder Freunde hatten, er heiratete sie und schloss für sie hohe Lebensversicherungen ab, und dann … Unvorstellbar, das Ganze! Diese Carol war seine richtige Frau, und sie hielten sich immer an denselben Plan. Deshalb haben sie ihn dann auch erwischt – die Versicherungen schöpften Verdacht. Er reiste mit seiner frischgebackenen Ehefrau in einen ruhigen Badeort, dann tauchte die andere Frau auf, und sie gingen zu dritt baden. Seine Ehefrau wurde ermordet, Carol zog ihre Sachen an und fuhr mit ihm im Boot zurück. Im Dorf erkundigten sie sich nach der angeblich verschwundenen Carol, dann fuhren sie los. Außerhalb des Ortes zog Carol schnell wieder ihr auffälliges Kleid an und legte ihr grelles Make-up auf, ging zurück ins Dorf und fuhr mit ihrem eigenen Wagen davon. Sie erkundigten sich vorab stets nach dem Verlauf der Strömung, und der vorgebliche Unfall ereignete sich dann an der dem Dorf nächstgelegenen Badestelle in dieser Richtung.

Als sie die arme Margery umbrachten, muss Blut auf Carols Badeanzug gespritzt sein, und weil er rot war, ist ihnen das, wie Miss Marple sagte, nicht aufgefallen. Aber als sie den Badeanzug auf den Balkon hängten, tropfte er.« Sie schüttelte sich. »Ich sehe es heute noch vor mir.«

»Ja, ich erinnere mich jetzt sehr gut an den Fall«, sagte Sir Henry. »In Wirklichkeit hieß der Mann Davis, ich hatte ganz vergessen, dass einer seiner vielen Decknamen Dacre war. Sie waren ein besonders raffiniertes Paar. Erstaunlich, dass die Verwandlung nirgends aufgefallen ist. Wahrscheinlich ist es wohl so, wie Miss Marple sagt: An Kleider erinnert man sich leichter als an ein Gesicht. Aber es war ein sehr schlauer Plan, denn auch wenn wir Davis verdächtigten, war es nicht einfach, ihm die Verbrechen nachzuweisen, weil er immer ein scheinbar unangreifbares Alibi hatte.«

»Wie machst du das nur, Tante Jane?«, fragte Raymond. »Du führst ein so friedliches Leben, aber offenbar kann dich nichts überraschen.«

»Ich stelle immer wieder fest, wie sehr sich auf der Welt die Dinge ähneln«, sagte Miss Marple. »Wenn ich nur an Mrs Green denke … Fünf Kinder hat sie begraben – und alle waren sie versichert. Natürlich wird man da argwöhnisch.«

Sie schüttelte den Kopf.

»In einem Dorf gibt es sehr viel Schlechtigkeit. Ich kann euch jungen Leuten nur wünschen, dass ihr nie erkennt, wie schlecht die Welt ist.«

Dreiecksgeschichte auf Rhodos

Kapitel 1

Hercule Poirot saß im weißen Sand und sah auf das glitzernde blaue Wasser hinaus. Er war sorgfältig gekleidet, ganz im Stil eines Dandys, und trug einen weißen Flanellanzug sowie einen großen Panamahut, denn er gehörte zu der altmodischen Generation, die noch daran glaubte, sich gründlich vor der Sonne schützen zu müssen. Miss Pamela Lyall, die neben ihm saß und unablässig redete, war der Inbegriff der modernen Lebensweise – sie bedeckte ihren sonnengebräunten Körper mit dem absoluten Minimum an Kleidung.

Gelegentlich versiegte ihr Redefluss, während sie sich mit einer öligen Flüssigkeit aus einer Flasche, die neben ihr stand, neu eincremte.

Auf der anderen Seite von Miss Pamela Lyall lag ihre Busenfreundin Miss Sarah Blake mit dem Gesicht nach unten auf einem grellbunt gestreiften Handtuch. Miss Blake war absolut makellos gebräunt, was ihr mehr als einmal die missmutigen Blicke ihrer Freundin eintrug.

»Ich bin immer noch so fleckig«, murmelte diese betrübt. »Monsieur Poirot, würde es Ihnen etwas ausmachen? Direkt unter dem rechten Schulterblatt, da komme ich beim Einreiben einfach nicht richtig hin.«

Monsieur Poirot kam ihrer Bitte nach und wischte sich anschließend die fettigen Hände sorgfältig mit dem Taschentuch ab. Miss Lyall, deren Hauptinteresse im Leben der Beobachtung ihrer Mitmenschen und dem Klang ihrer eigenen Stimme galt, redete weiter.

»Was diese Frau angeht, die in dem Chanelkostüm, so habe ich recht gehabt: Es ist wirklich Valentine Dacres, ich meine Chantry. Dachte ich mir doch gleich. Ich habe sie sofort erkannt. Sie ist wirklich phantastisch, oder? Ich meine, ich kann schon verstehen, dass die Leute völlig verrückt nach ihr sind. Und sie erwartet das ganz offensichtlich auch! Das ist schon die halbe Miete. Diese anderen Leute, die gestern Abend ankamen, heißen Gold. Er sieht schrecklich gut aus.«

»Flitterwochen?«, murmelte Sarah mit dumpfer Stimme.

Miss Lyall schüttelte sachverständig den Kopf.

»O nein, dazu sind ihre Kleider nicht neu genug. Frischvermählte erkennt doch ein Blinder mit dem Krückstock! Finden Sie nicht auch, Monsieur Poirot, dass es das Faszinierendste von der Welt ist, Menschen zu beobachten und zu sehen, was man allein dabei über sie in Erfahrung bringen kann?«

»Du beobachtest sie nicht nur, Liebste«, sagte Sarah gutmütig. »Du stellst auch eine Menge Fragen.«

»Mit den Golds habe ich noch kein Wort gesprochen«, erwiderte Miss Lyall mit würdevoller Miene. »Und außerdem verstehe ich nicht, warum man sich nicht für seine Mitmenschen interessieren sollte. Die menschliche Natur ist doch schlichtweg faszinierend. Finden Sie nicht, Monsieur Poirot?«

Diesmal hielt sie lange genug inne, um ihrem Strandnachbarn eine Antwort zu ermöglichen.

Ohne den Blick von dem blauen Wasser abzuwenden, erwiderte Monsieur Poirot: »Ça dépend.«

Pamela war entgeistert.

»O Monsieur Poirot! Ich finde, nichts, absolut gar nichts ist so interessant, so – unberechenbar wie ein Mensch.«

»Unberechenbar? Das, nein.«

»O doch, auf jeden Fall. Gerade wenn man denkt, man hat jemanden restlos durchschaut, tut er etwas völlig Unerwartetes.«

Hercule Poirot schüttelte den Kopf.

»Nein, nein, das stimmt nicht. Es passiert äußerst selten, dass jemand eine Tat vollführt, die nicht dans son caractère liegt. Letztendlich ist es eintönig.«

»Da stimme ich Ihnen überhaupt nicht zu!«, erklärte Miss Pamela Lyall.

Sie schwieg gut anderthalb Minuten, ehe sie erneut in die Offensive ging.

»Sobald ich Menschen sehe, fange ich an, mir Gedanken über sie zu machen: wie sie so sind, welche Beziehungen sie untereinander haben, was sie denken und fühlen. Das ist, ja, das ist ziemlich spannend.«

»Eher nicht«, entgegnete Hercule Poirot. »Die Natur wiederholt sich öfter, als man annehmen möchte.« Und fügte nachdenklich hinzu: »Das Meer ist unendlich abwechslungsreicher.«

Sarah drehte den Kopf zur Seite und fragte: »Sie glauben, dass Menschen dazu neigen, gewisse Verhaltensmuster zu wiederholen? Und zwar immer wieder die gleichen?«

»Précisément«, sagte Poirot und zeichnete mit dem Finger eine Figur in den Sand.

»Was malen Sie denn da?«, fragte Pamela neugierig.

»Ein Dreieck«, antwortete Poirot.

Pamelas Aufmerksamkeit wurde jedoch abgelenkt.

»Da sind die beiden Chantrys«, sagte sie.

Eine Frau kam den Strand herunter, eine große, sehr selbst- und körperbewusste Frau. Ein kurzes Nicken, ein Lächeln, dann setzte sie sich ein paar Schritte entfernt in den Sand. Der scharlachrot-goldene Seidenumhang glitt von ihren Schultern. Sie trug einen weißen Badeanzug.

Pamela seufzte.

»Hat sie nicht eine wunderschöne Figur?«

Poirot betrachtete jedoch ihr Gesicht – das Gesicht einer Neununddreißigjährigen, die seit ihrem sechzehnten Lebensjahr für ihre Schönheit berühmt war.

Wie alle Welt war auch er nur allzu genau über Valentine Chantry im Bilde. Sie war für vieles berühmt gewesen: für ihre Launen, ihren Reichtum, ihre riesigen saphirblauen Augen, ihre ehelichen Wagnisse und Abenteuer. Sie hatte fünf Ehepartner und unzählige Liebhaber gehabt. Sie war der Reihe nach die Frau eines italienischen Grafen, eines amerikanischen Stahlmagnaten, eines Tennisprofis, eines Rennfahrers gewesen. Von diesen vieren war lediglich der Amerikaner verstorben, den Rest war sie nonchalant vor dem Scheidungsgericht losgeworden. Vor einem halben Jahr hatte sie ein fünftes Mal geheiratet – einen Fregattenkapitän.

Der war es auch, der hinter ihr den Strand heruntergeschritten kam. Stumm, dunkelhaarig, das Kinn kampfeslustig, die Miene mürrisch. Er hatte etwas von einem urzeitlichen Affen.

»Tony, Darling«, sagte sie, »mein Zigarettenetui …«

Er hielt es schon bereit, gab ihr Feuer, half ihr, die Träger ihres weißen Badeanzugs über die Schultern zu streifen. Mit ausgebreiteten Armen legte sie sich in die Sonne. Er ließ sich neben ihr nieder wie eine Bestie, die ihre Beute bewacht.

»Wissen Sie«, sagte Pamela, die Stimme senkend, gerade leise genug, »die beiden interessieren mich fürchterlich … Er ist wie ein Tier! So stumm und – irgendwie lauernd. Eine Frau wie sie mag das wahrscheinlich. Muss sich anfühlen, als hielte man einen Tiger im Zaum! Ich möchte wissen, wie lange die Sache Bestand hat. Sie hat diese Kerle immer sehr schnell satt, glaube ich – insbesondere in letzter Zeit. Aber egal, wenn sie versuchen sollte, ihn loszuwerden, könnte er gefährlich werden, denke ich.«

Ein weiteres Pärchen kam – recht schüchtern – den Strand herunter. Es waren die Neuankömmlinge vom Vorabend: Mr und Mrs Douglas Gold, wie Miss Lyall aus dem Gästebuch des Hotels, in das sie Einblick genommen hatte, wusste. Sie kannte auch ihre Vornamen sowie ihr Alter, denn die italienischen Vorschriften verlangten, dass diese Informationen aus den Reisepässen übernommen wurden.

Mr Douglas Cameron Gold war einunddreißig, Mrs Marjorie Emma Gold fünfunddreißig.

Miss Lyalls Steckenpferd war, wie gesagt, das Studium der Menschen. Im Unterschied zu den meisten Engländern war sie in der Lage, Fremde auf der Stelle anzusprechen statt, wie es die britische Gepflogenheit ist, bis zum ersten vorsichtigen Annäherungsversuch zunächst einmal vier bis sieben Tage verstreichen zu lassen. Als sie Mrs Golds leichte Zögerlichkeit und Scheu bemerkte, rief sie ihr daher zu: »Guten Morgen, ist das nicht ein herrlicher Tag heute?«

Mrs Gold war eine kleine Frau, die irgendwie an eine Maus erinnerte. Sie sah nicht schlecht aus, nein, ihre Züge waren regelmäßig und ihr Teint makellos, doch sie trug eine gewisse Verhuschtheit und Biederkeit zur Schau, was leicht dazu führen konnte, dass man sie übersah. Ihr Mann dagegen war ausgesprochen attraktiv, auf fast schon theatralische Art. Hellblondes, gekräuseltes Haar, blaue Augen, breite Schultern, schmale Hüften. Er wirkte eher wie ein junger Mann auf der Bühne als wie ein junger Mann im richtigen Leben, doch sobald er den Mund aufmachte, verblasste dieser Eindruck. Er war absolut natürlich und unaffektiert, vielleicht sogar etwas dümmlich.

Mrs Gold sah Pamela dankbar an und setzte sich ganz in ihre Nähe.

»Wie wunderbar gebräunt Sie sind! Ich komme mir furchtbar kümmerlich vor.«

»Man muss schrecklich viel Mühe aufwenden, um gleichmäßig braun zu werden«, seufzte Miss Lyall. Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: »Sie sind gerade erst angekommen, oder?«

»Ja, gestern Abend. Wir kamen mit dem Dampfschiff Vapo d’Italia.«

»Waren Sie schon einmal auf Rhodos?«

»Nein. Es ist wunderschön hier, nicht?«

Ihr Mann schaltete sich ein: »Schade, dass die Anreise so lange dauert.«

»Ja, wenn es nur näher an England läge …«

»Ja, aber dann wäre es furchtbar hier«, klang es dumpf von Sarah herüber. »Menschen in Hülle und Fülle, aufgereiht wie Sardinen. Einer neben dem anderen!«

»Das stimmt natürlich«, sagte Douglas Gold. »Ausgesprochen ärgerlich, dass der italienische Wechselkurs momentan so absolut ruinös ist.«

»Es macht eine Menge aus, nicht?«

Die Unterhaltung folgte strikt dem konventionellen Muster. Sie hätte kaum als mitreißend bezeichnet werden können.

Ein Stück weiter den Strand hinunter rekelte sich Valentine Chantry und setzte sich auf. Mit einer Hand hielt sie ihren Badeanzug über der Brust fest.

Sie gähnte – ein herzhaftes und trotzdem anmutiges, katzenartiges Gähnen. Ihr Blick glitt an Marjorie Gold vorbei und blieb nachdenklich auf Douglas Golds blondem Lockenkopf ruhen.

Geschmeidig bewegte sie die Schultern. Dann machte sie den Mund auf, und ihre Stimme war ein klein wenig lauter, als sie hätte sein müssen.

»Tony, Darling, ist sie nicht himmlisch, diese Sonne? Ich muss in früheren Zeiten einmal eine Sonnenanbeterin gewesen sein, meinst du nicht auch?«

Ihr Mann grunzte eine Antwort, die die anderen nicht verstehen konnten.

Valentine Chantry fuhr mit der gleichen hohen, schleppenden Stimme fort: »Zieh doch das Handtuch ein bisschen gerader, ja, Darling?«

Sie gab sich unendlich Mühe, ihren schönen Körper wieder richtig auf dem Handtuch zu drapieren. Inzwischen sah Douglas Gold hinüber. Sein Blick war eindeutig interessiert.

In gedämpfter Tonlage zwitscherte Mrs Gold fröhlich in Miss Lyalls Richtung: »Was für eine schöne Frau!«

Pamela, die genauso gerne Informationen weitergab, wie sie sie entgegennahm, senkte die Stimme ein wenig und erwiderte: »Das ist Valentine Chantry – Sie wissen schon, die ehemalige Valentine Dacres. Ist sie nicht absolut hinreißend? Er ist einfach verrückt nach ihr, lässt sie keine Minute aus den Augen!«

Abermals blickte Mrs Gold den Strand entlang. Dann meinte sie: »Das Meer ist wirklich wunderschön – so blau! Ich finde, wir sollten jetzt reingehen, du nicht, Douglas?«

Er beobachtete noch immer Valentine Chantry und brauchte ein Weilchen für seine Antwort. Einigermaßen entrückt sagte er: »Reingehen? Äh, ja, gleich.«

Marjorie Gold erhob sich und schlenderte zum Wasser.

Valentine Chantry drehte sich ein wenig auf die Seite und sah Douglas Gold direkt an. Ihr scharlachroter Mund verzog sich zu einem leisen Lächeln.

Mr Douglas Golds Nacken errötete leicht.

»Tony, Darling«, sagte Valentine Chantry, »würde es dir etwas ausmachen? Ich hätte gern das kleine Töpfchen Gesichtscreme, das oben auf der Frisierkommode steht. Eigentlich wollte ich es mit runternehmen. Sei ein Engel und hol es mir doch bitte!«

Folgsam erhob sich der Fregattenkapitän und stapfte ins Hotel.

Majorie Gold stürzte sich in die Fluten und rief: »Es ist herrlich, Douglas – so warm! Komm doch auch.«

Pamela Lyall wandte sich an ihn: »Gehen Sie nicht rein?«

Seine Antwort blieb vage: »Ach, ich möchte erst einmal hier so richtig warm werden.«

Valentine Chantry regte sich. Einen Moment lang hob sie den Kopf, als wollte sie ihren Mann zurückrufen, doch er war gerade hinter den Mauern des Hotelgartens verschwunden.

»Ich springe gerne ganz zum Schluss kurz ins Wasser«, erklärte Mr Gold.

Mrs Chantry setzte sich erneut auf. Sie griff nach einem Fläschchen Sonnenöl. Es gab Schwierigkeiten – der Schraubverschluss schien sich ihren Anstrengungen zu widersetzen.

Laut und gereizt sagte sie: »Oje, ich kriege dieses Ding einfach nicht auf!«

Sie blickte zu der Gruppe hinüber.

»Könnte vielleicht …«

Poirot, stets galant, erhob sich, doch Douglas Gold besaß den Vorzug der Jugend und der Gelenkigkeit. Im Nu war er an ihrer Seite.

»Kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Oh, vielen Dank …« Wieder diese schmelzende, hohle, schleppende Stimme. »Wirklich nett von Ihnen. Ich stelle mich immer so dumm an, wenn ich einen Verschluss aufschrauben soll – ich scheine ihn jedes Mal falsch herum zu drehen. Oh, Sie haben es geschafft! Vielen herzlichen Dank …«

Hercule Poirot schmunzelte.

Er schlenderte den Strand in der entgegengesetzten Richtung entlang. Er ging nicht sehr weit und ließ sich Zeit. Als er kehrtmachte, kam Mrs Gold aus dem Wasser und gesellte sich zu ihm. Sie war geschwommen. Ihr Gesicht strahlte unter einer durch und durch unvorteilhaften Badekappe hervor.

Völlig außer Atem sagte sie: »Ich liebe die See. Und hier ist es so warm und schön.«

Sie war, erkannte Poirot, eine begeisterte Schwimmerin.

»Douglas und ich«, erklärte sie, »sind ganz verrückt aufs Baden. Er kann stundenlang im Wasser bleiben.«

Bei diesen Worten glitt Hercule Poirots Blick über ihre Schulter zu der Stelle am Strand hinüber, wo der begeisterte Schwimmer Mr Douglas Gold saß und sich mit Valentine Chantry unterhielt.

»Ich verstehe nicht, warum er nicht kommt …«, sagte seine Frau.

In ihrer Stimme schwang eine Art kindliches Erstaunen mit.

Nachdenklich ruhte Poirots Blick auf Valentine Chantry. Andere Frauen hatten zu ihrer Zeit die gleiche Bemerkung gemacht, dachte er.

Neben sich hörte er Mrs Gold scharf einatmen.

»Sie soll ja angeblich sehr attraktiv sein«, sagte sie mit kühler Stimme. »Aber Douglas kann mit diesem Typ Frau gar nichts anfangen.«

Hercule Poirot schwieg.

Mrs Gold stürzte sich erneut in die Fluten.

Mit langsamen, gleichmäßigen Zügen schwamm sie aufs Meer hinaus. Man sah, wie sehr sie das Wasser liebte.

Poirot kehrte zu der Gruppe im Sand zurück.

Sie war inzwischen größer geworden, nämlich um den alten General Barnes, einen Veteranen, der sich in der Regel mit jungen Leuten umgab. Er hatte sich zwischen Pamela und Sarah gesetzt, und Pamela und er waren damit beschäftigt, diverse Skandale mit entsprechenden Ausschmückungen aufzutischen.

Kapitän Chantry war von seinem Botengang zurückgekehrt. Valentine wurde nun von Douglas Gold und ihm eingerahmt.

Sie saß sehr gerade zwischen den beiden und redete. Mit ihrer lieblichen, schleppenden Stimme sprach sie entspannt und gelassen, wandte den Kopf zur einen und dann zur anderen Seite und bezog die beiden Männer so abwechselnd in die Unterhaltung ein.

Gerade kam sie zum Ende einer Anekdote: »… und was, glauben Sie, hat dieser Tor gesagt? ›Das war jetzt vielleicht nur eine Minute, aber ich würde Sie überall wiedererkennen, Ma’am!‹ Stimmt’s, Tony? Und wissen Sie was, ich fand das so süß von ihm. Die Welt ist wirklich sehr freundlich – ich meine, alle sind immer so fürchterlich freundlich zu mir, ich weiß gar nicht, warum, aber sie sind es nun mal. Und dann habe ich zu Tony gesagt – weißt du noch, Darling? –, ich habe gesagt: ›Tony, wenn du ein klitzekleines bisschen eifersüchtig sein möchtest, dann könntest du es auf diesen Portier sein.‹ Denn der war wirklich einfach ein Schatz …«

Es entstand eine Pause, und Douglas Gold sagte: »Nette Kerle, manche dieser Portiers.«

»O ja, aber er hat sich solche Mühe gegeben, wirklich eine ungeheure Mühe – und schien sich einfach zu freuen, dass er mir behilflich sein konnte.«

»Was nun allerdings überhaupt nicht merkwürdig ist«, meinte Douglas Gold. »Das würde doch jeder für Sie tun, da bin ich mir sicher.«

Erfreut rief sie aus: »Wie nett von Ihnen! Tony, hast du das gehört?«

Kapitän Chantry grunzte.

Seine Frau seufzte: »Tony hält nie schöne Reden, stimmt’s, mein Schäfchen?«

Ihre weißen Hände mit den langen roten Fingernägeln wuschelten ihm durchs dunkle Haar.

Plötzlich warf er ihr einen kurzen Blick aus den Augenwinkeln zu.

»Ich weiß wirklich nicht, wie er es mit mir aushält«, murmelte sie. »Er ist einfach fürchterlich clever mit seinem absolut hektischen Hirn – und ich rede die ganze Zeit nur Unsinn, aber er scheint sich nicht daran zu stören. Niemand scheint sich an dem, was ich tue oder sage, zu stören. Alle verwöhnen mich. Das ist sicherlich überhaupt nicht gut für mich.«

Kapitän Chantry sagte an ihr vorbei zu dem anderen Mann: »Ist das da Ihre Frau im Meer?«

»Ja. Schätze, es wird Zeit, dass ich mich dazugeselle.«

»Aber es doch so schön hier in der Sonne«, säuselte Valentine. »Sie dürfen noch nicht ins Wasser gehen. Tony, Darling, ich glaube nicht, dass ich heute tatsächlich baden gehe – nicht gleich am ersten Tag. Vielleicht verkühle ich mich oder so. Aber warum gehst du denn nicht jetzt rein, Tony, Darling? Mr, Mr Gold bleibt derweil hier und leistet mir Gesellschaft.«

»Nein, danke«, erwiderte Chantry ziemlich unwirsch. »Ich geh noch nicht rein. Ihre Frau scheint Ihnen zuzuwinken, Gold.«

»Wie gut Ihre Frau schwimmt«, meinte Valentine. »Sie ist sicher eine von diesen schrecklich effizienten Frauen, die in allem gut sind. Die machen mir immer eine Riesenangst, weil ich spüre, dass sie mich verachten. Ich bin bei allem so fürchterlich unbeholfen, eine absolute Niete, stimmt’s, Tony, Darling?«

Abermals grunzte der Fregattenkapitän lediglich.

»Du bist zu nett, um es zuzugeben«, murmelte seine Frau zärtlich. »Männer sind so wunderbar loyal – genau das mag ich an ihnen. Ich finde, Männer sind so viel loyaler als Frauen, und Gemeinheiten sagen sie auch nie. Frauen kommen mir immer ziemlich kleinlich vor.«

Sarah Blake rollte sich auf die Seite und wandte sich Poirot zu.

»Anscheinend ist es ein Zeichen von Kleinlichkeit«, stieß sie zwischen den Zähnen hervor, »auch nur anzudeuten, dass die liebe Mrs Chantry nicht in jeder Hinsicht absolut perfekt ist! Was für ein Schwachkopf diese Frau ist! Ich glaube wirklich, Valentine Chantry ist mit Abstand die schwachköpfigste Frau, die mir je untergekommen ist. Sie bringt nichts anderes zustande, als ›Tony, Darling‹ zu sagen und mit den Augen zu rollen. Ich könnte mir vorstellen, dass sie statt Grips Watte im Kopf hat.«

Poirot zog seine ausdrucksstarken Augenbrauen in die Höhe.

»Un peu sévère!«

»O ja. Verbuchen Sie es als ›hochgradige Bissigkeit‹, wenn Sie mögen. Sie hat auf jeden Fall ihre Methoden! Kann sie denn keinen Mann in Ruhe lassen? Ihr Gatte wirkt absolut geladen.«

Aufs Meer hinausblickend, sagte Poirot: »Mrs Gold schwimmt wirklich gut.«

»Ja, sie ist nicht so wie wir, die nur ungern nass werden. Ich möchte wissen, ob Mrs Chantry jemals ins Wasser gehen wird, solange sie hier ist.«

»Die nicht«, sagte General Barnes mit heiserer Stimme. »Sie wird es nicht riskieren, dass ihr Make-up verwischt. Nicht, dass sie keine gut aussehende Frau wäre, aber selbst sie ist vielleicht ein bisschen in die Jahre gekommen.«

»Sie sieht zu Ihnen herüber, Herr General«, sagte Sarah spitzbübisch. »Und was das Make-up angeht, da irren Sie sich. Wir sind heutzutage alle wasser- und kussfest.«

»Mrs Gold kommt raus«, verkündete Pamela.

»Zarten Knospen folgt er im Wonnemonat Mai«, summte Sarah nach der Melodie eines Kinderliedes. »Seine Frau fängt ihn ein, schon ist alles vorbei – alles vorbei – alles vorbei …«

Mrs Gold kam direkt den Strand hoch. Sie hatte eine recht hübsche Figur, doch ihre schlichte, wasserdichte Badekappe war einfach ein viel zu praktisches Kleidungsstück, um damit noch attraktiv zu wirken.

»Kommst du denn gar nicht, Douglas?«, fragte sie ungeduldig. »Das Meer ist warm und wunderschön.«

»Aber sicher doch.«

Hastig erhob er sich. Er hielt einen Augenblick inne, und Valentine Chantry blickte mit einem freundlichen Lächeln zu ihm hoch.

»Au revoir«, sagte sie.

Gold und seine Frau gingen zum Wasser hinunter.

Sobald sie außer Hörweite waren, sagte Pamela missbilligend: »Wissen Sie, ich glaube nicht, dass das sehr schlau war. Seinen Mann in aller Öffentlichkeit von einer anderen Frau loszueisen ist taktisch immer unklug. Es wirkt so besitzergreifend. Ehemänner können das überhaupt nicht ausstehen.«

»Sie scheinen ja eine Menge von Ehemännern zu verstehen, Miss Pamela«, sagte General Barnes.

»Von denen anderer Leute – nicht von meinen eigenen!«

»Ah, das ist dann natürlich etwas anderes.«

»Ja, aber Herr General, ich habe eine Menge Dinge gelernt, die man lassen sollte.«

»Also, Liebste«, warf Sarah ein, »ich würde schon mal auf gar keinen Fall so eine Kappe tragen …«

»Ist doch etwas sehr Vernünftiges«, meinte der General. »Scheint überhaupt alles in allem eine nette, vernünftige kleine Frau zu sein.«

»Da haben Sie genau ins Schwarze getroffen, Herr General«, sagte Sarah. »Aber Sie wissen auch, dass die Vernunft einer vernünftigen Frau ihre Grenzen hat. Ich habe das Gefühl, wenn es um Valentine Chantry geht, wird sie nicht so vernünftig sein.« Sie wandte den Kopf und flüsterte aufgeregt: »Sehen Sie ihn sich bloß einmal an. Er wirkt restlos geladen. Dieser Mann macht den Eindruck, als hätte er einen fürchterlich jähzornigen Charakter …«

Kapitän Chantry warf dem abziehenden Ehepaar in der Tat auf eine höchst unangenehme Weise gewittrige Blicke hinterher.

Sarah sah zu Poirot empor.

»Und?«, sagte sie. »Wie sehen Sie das Ganze?«

Hercule Poirot antwortete nicht mit Worten, sondern zeichnete mit dem Zeigefinger abermals eine Figur in den Sand. Und zwar die Gleiche wie zuvor: ein Dreieck.

»Die ewige Dreiecksgeschichte«, sagte Sarah nachdenklich. »Vielleicht haben Sie recht. Wenn ja, dann steht uns in den nächsten paar Wochen eine aufregende Zeit bevor.«

Kapitel 2

Monsieur Hercule Poirot war von Rhodos enttäuscht. Er war auf die Insel gekommen, um Urlaub zu machen und sich zu erholen. Insbesondere vom Verbrechen. Ende Oktober, hatte man ihm gesagt, sei Rhodos nahezu menschenleer. Ein friedliches, abgeschiedenes Fleckchen Erde.

An sich stimmte das schon. Die beiden Chantrys, die Golds, Pamela und Sarah, der General und er selbst sowie zwei italienische Ehepaare waren die einzigen Gäste. Doch innerhalb dieses begrenzten Kreises erkannte der scharfsinnige Verstand von Monsieur Poirot bereits die Konturen der Ereignisse, die zwangsläufig auf sie zukommen würden.

Ich bin nun einmal auf Verbrechen gepolt, warf er sich im Stillen vor. Ich habe die Verdauungsstörung! Ich höre die Flöhe husten.

Trotzdem machte er sich Sorgen.

Eines Morgens ging er nach unten und traf auf Mrs Gold, die auf der Terrasse bei einer Nadelarbeit saß.