Heaven's Rejects MC Teil 3: Absolution - Avelyn Paige - E-Book
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Heaven's Rejects MC Teil 3: Absolution E-Book

Avelyn Paige

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Beschreibung

Sie ist durch die Hölle gegangen. Er hat sich gewaltsam aus der Hölle heraus gekämpft. Erica "Ricca" Delmont hat genug vom Schmerz und der Dunkelheit ihrer Vergangenheit. Als sie erfährt, dass ihr jüngerer Bruder in einer Pflegefamilie lebt, ist sie fest entschlossen, ihr Leben neu zu ordnen – ein neues Zuhause, ein neuer Job, und ein Ausweg, um vor ihren Gefühlen für den Mann zu fliehen, den sie zwar immer lieben wird, aber nie für sich haben kann. Doch der Plan, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, wird schnell zerschmettert, als sie erkennt, dass Flucht nicht die Antwort ist. Jude "Ratchet" Azzo zum Heaven's Rejects Motorradclub zurückkehrt und feststellt, dass Ricca verschwunden ist, entfesselt dies einen Sturm aus Wut und Besessenheit in ihm. Entschlossen, sie zurückzuholen und sie nicht nur zu erobern, sondern sie auch bei ihrem Kampf um das Sorgerecht für ihren Bruder zu unterstützen, zieht Ratchet alle Register. In einem wilden Tanz aus Leidenschaft, Gefahr und unerbittlicher Entschlossenheit müssen Ricca und Ratchet gegen mehr kämpfen als nur ihre eigene Vergangenheit. Aber wie lange können sie der Explosion aus Herz, Hitze und Gefahr widerstehen, die zwischen ihnen entfacht wird? Teil 3 der actionreichen MC Romance-Serie von Wall Street Journal- und USA Today-Bestsellerautorin Avelyn Paige.

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Avelyn Paige

Heaven’s Rejects MC Teil 3: Absolution

Aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen von Jazz Winter

©2017 by Avelyn Paige unter dem Originaltitel „Absolution (Heaven's Rejects MC Book 3)”

© 2025 der deutschsprachigen Ausgabe und Übersetzung by Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamour.de

[email protected]

© Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg

(www.art-for-your-book.de)

ISBN Print: 978-3-86495-720-8

ISBN eBook: 978-3-86495-721-5

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Playlist

Danksagung

Autorin

Widmung

Dieses Buch richtet sich an all jene, die in der Dunkelheit gelebt und einen Weg zurück zum Licht gefunden haben.

Kapitel 1

Sechs Monate zuvor …

Ricca

„Ratchet?“, flüstere ich in die Stille des Raumes. Niemand antwortet. Ich schüttele das Getrommel in meinem Schädel ab, ein Überbleibsel von letzter Nacht, und streckte meine Hand zu der Stelle, die er erst vor wenigen Stunden noch neben mir im Bett eingenommen hatte. Das Laken fühlt sich kühl und unbenutzt an. Mein Herz sinkt vor Enttäuschung und mein Körper schmerzt bei jeder Bewegung, als ich mich zu der Seite umdrehe, die meine Hand zuvor ertastet hat.

Er ist weg. Er hat mich zurückgelassen, ohne sich auch nur von mir zu verabschieden.

Sollte ich überrascht sein? Nein.

Hatte ich gehofft, dass er nach letzter Nacht bleiben würde? Ja, allerdings bin ich nicht so dumm, zu glauben, dass er tatsächlich bleiben würde, nachdem er dem anhaltenden Verlangen zwischen uns nachgegeben hatte. Die Eroberung war vorbei. Der Zauber der Jagd hatte sich verflüchtigt und er hatte mich gehabt. Ich bin nicht länger „unerreichbar“, und mit dieser Statusänderung bin ich nun wahrscheinlich nichts weiter als eine dieser Clubhuren, die nur zur Befriedigung dienen. Der Sturz von der Königin zur Hure tut weh, und obwohl er diese Worte nie direkt gesagt hat, kann ich es jedoch an seiner Abwesenheit spüren.

Ich habe ihm nichts bedeutet, war nichts für ihn. Genau, wie für jeden anderen Mann in meinem Leben. Ich war ein Verhandlungsgegenstand, eine Drogenkurierin und ihre Hure. Nachdem die Anziehung nachgelassen hatte, waren sie ebenfalls auf und davon.

Kein Mann ist jemals geblieben. Mein ganzes Leben lebe ich wie eine weggeworfene Zeitung vom Vortag, als hätte man mich auf einer leeren Parkbank zurückgelassen, damit der Nächste kommen und mich abholen kann. Ich bin aus dem Nichts gekommen und nach dreiunddreißig Jahren hat sich daran nichts geändert.

Alles Gute zum Geburtstag an mich!

Trotz allem, was ich über ihn wusste, hatte ich gehofft, dass Ratchet anders wäre. Vielleicht ist Hoffnung nicht das richtige Wort, um die Situation zu beschreiben, in der ich mich im vergangenen Jahr befunden habe.

Ich wollte, dass er anders ist.

Er war an meinem tiefsten Punkt in meinem Leben da. Er war da, als ich geschrien habe, wegen der Albträume, die in meinem Kopf tobten und mich nicht loslassen wollten. Er war da, als ich jeden regelrecht darum angebettelt habe, mich zu töten und das alles zu beenden.

Er war da und jetzt ist er weg.

Kein anderer Mann hat jemals so viel Interesse an mir gezeigt und genau das ist der Grund, warum es so wehtut, dass er bereits nach dem ersten Mal, als ich ihn wirklich an mich herangelassen habe, verschwunden ist.

Ebenso verletzt es mich, zu wissen, dass ich ihm so wenig bedeutet und es nicht verdient habe, dass er sich von mir verabschiedet, bevor er in den Sonnenuntergang reitet. Gibt es eine andere? War ich ihm überhaupt wichtig, oder wollte er nur in mein Höschen?

Der Mann, der mich gerettet hat, hat mich nicht so angesehen wie ich ihn, und das hat mich von innen heraus ausgeweidet. Was soll man tun, wenn die Person, die einem am meisten am Herzen liegt, einen schlichtweg zurücklässt? Die Antwort darauf mag für andere vielleicht nicht so simpel erscheinen, doch für mich schon, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich das erlebe.

Die Antwort darauf lautet, du machst einfach weiter und schaust nicht zurück.

Der Blick zurück verursacht nur Kummer und nach einem Leben voller Herzschmerz wirst du irgendwann taub gegenüber der Welt, die immer wieder aufs Neue auf dich scheißt.

Dieses Mal jedoch werde ich meinen Regenschirm garantiert nicht vergessen.

Ich bewege mich unter der Bettdecke und zwinge meine Beine dazu, die Wärme der Decke, die meine Nacktheit bedeckt, zu verlassen und mich dem kühlen Morgen zu stellen. Eigentlich sollte man meinen, dass die frische Morgenluft in einem Halbwüstenklima wie hier nicht so schockierend sein sollte, aber selbst Jahre nachdem ich Kalifornien zu meiner zweiten Heimat gemacht habe, habe ich mich noch immer nicht daran gewöhnt.

Zu Hause in Kentucky ist es zu dieser Jahreszeit so heiß, dass man gleich nach dem Aufwachen schweißgebadet an der Bettdecke klebt. Das ist etwas, was ich absolut nicht vermisse.

Ich kämpfe gegen meine Schmerzen an, stehe auf und gehe ins Bad, immer noch in der Hoffnung, Ratchet zu finden.

Ich habe nachgegeben, wir haben es beide gewollt und dann ist er gegangen. Er hat bekommen, was er wollte. Warum sollte er zurückkommen?

Ich schüttele die zweifelnden Worte aus meinen Gedanken und betrete das Badezimmer. Nachdem ich die Dusche angestellt habe, erregt mein Spiegelbild meine Aufmerksamkeit. Ich schaue in das vom Wasserdampf beschlagene Glas und erkenne die Frau, die ich vor mir sehe, nicht wieder. Jahrelanger Missbrauch, Drogen und Gewalt haben den Schimmer auf meinen Wangen und den Glanz in meinen Augen verschwinden lassen und auch meinen Lebenswillen, nach unzähligen Nächten, die angefüllt waren mit Albträumen.

Oft wache ich morgens voller Angst auf und erlebe noch einmal die Tage, in denen ich gefesselt von einem Mann und seiner Crew vergewaltigt wurde; von dem Mann, von dem ich dachte, dass er mich liebte. Diese Bilder, die mir gerade durch den Kopf gehen, verfolgen mich jede Nacht. Wie ihre Hände mich berührt haben, während ich um Hilfe rief. Die Hilflosigkeit, die ich empfunden habe, wenn sie sich abgewechselt haben, mich zu attackieren. Wie die Klingen über meine Haut schnitten und das Metall der Fesseln sich in meine Gelenke bohrte, während ich dagegen ankämpfte. Meine lautlosen Schreie, die aus meiner geschundenen Kehle hallten, nachdem ich tagelang um Gnade gefleht hatte.

Die Bilder von ihnen und ihren wahnsinnigen Taten haben sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt.

Hör auf, daran zu denken. Es wird nur noch mehr Schmerzen verursachen.

Abermals schüttele ich meinen Kopf, um auch diese Erinnerungen zu vertreiben, dennoch weiß ich, dass es zwecklos ist. Sie sind immer da. Innerhalb von Sekunden setzt die Panik ein. Meine Haut wird feucht, während mein Magen rebelliert und ich in Gedanken die Zeit in der Hölle erneut durchlebe.

„Oh, fuck“, sage ich laut, ehe ich zur Toilettenschüssel renne. All der Alkohol und das Essen, das ich gestern Abend zu mir genommen habe, fallen mir regelrecht aus dem Gesicht und ich würge und übergebe mich, bis nichts mehr übrig ist. Magensäure brennt in meiner Kehle und plötzlich fühlt sich mein Brustkorb so eng an, dass ich kaum noch Luft bekomme. Der Raum fängt an, sich zu drehen, und eine Panikattacke braut sich zusammen.

„Du bist okay. Sie sind tot und können dir nichts mehr anhaben“, wiederhole ich die Worte wie ein dummes Mantra, um die Erinnerungen im Zaum zu halten.

Jeder Morgen beginnt so. Natürlich, vielleicht wäre ich besser zurück zu der Selbsthilfegruppe für Gewaltopfer gegangen, doch mir ist klar, dass deren Kum-ba-yah-Mentalität, die sie dort anwenden, mir nicht helfen kann.

Die Dämonen in meinem Kopf sind von mir geschaffen worden, und sie werden nicht einfach verschwinden, indem ich anderen, die dachten, sie seien wie ich, davon erzählen würde. Ich kann den Männern, die das meinem Körper angetan haben, nicht verzeihen, und obwohl sie alle tot sind, kann mein Geist die Welt nicht mehr auf die gleiche Weise betrachten wie zuvor.

Sie haben mir den letzten Funken Unschuld dort draußen in der Wüste genommen und diesen werde ich nie wieder zurückerhalten, selbst wenn ich diese berühmten rubinroten Schuhe besäße, die Absätze gegeneinanderschlagen und es dreimal sagen würde.

Das Leben ist nun mal kein verfluchtes Märchen. Und sosehr ich es gehofft habe, Ratchet ist nicht Prinz Charming. Der Ritter in der glänzenden Rüstung ist nicht real, und er würde auch nie auf einem weißen Pferd zu meinem Turm des Schreckens reiten und mich retten.

Ich muss zugeben, an jenem Tag hat er mich körperlich gerettet, aber mental? Niemals. Ich habe mein gesamtes Leben in der Hölle verbracht und daran wird sich auch nichts ändern. Das Einzige, was mir in Zukunft bevorstehen wird, sind nur noch mehr selbstverursachte Schmerzen.

Schmerz ist so ein amüsantes Wort, wenn man näher darüber nachdenkt. Es kann eine Vielzahl physischer, mentaler und emotionaler Dinge im Leben eines Menschen umfassen. Für mich ist es ein Wort, das so tief in meiner Seele verankert ist, dass die Grenzen zwischen normal und tragisch verschwimmen.

Ich betätige die Klospülung, trete unter den heißen Strahl der Dusche und begebe mich an den Ort, der Trost für mich bedeutet. Man kann mich gerne für verrückt erklären, aber nachdem ich mein ganzes Leben lang in der Scheiße gelebt habe, hat es mir stets geholfen, zuzusehen, wie das Wasser alles fortspült, und darin finde ich in der Einsamkeit für einen Moment Frieden.

Es reinigt mich, gönnt meinen Geist einen Reset, während ich beobachte, wie der Dreck der Welt kreisend in den Abfluss zu meinen Füßen weggespült wird.

Ich lehne meine Stirn gegen die kühle Wand und versuche, meinen Verstand auszuschalten. Während die Schrecken meiner Vergangenheit verschwinden, treten Selbstzweifel und Scham an ihre Stelle. Gedanklich hake ich die Stationen meines Lebens ab und schaudere bei jedem Fehltritt, den ich begangen habe.

Mein emotionaler Damm bricht und die Tränen fließen heiß über meine Wangen. Mit jedem Schluchzen wird mein Körper schwächer, bis ich zu Boden sinke und nur noch weine. Ich weine vor Schmerz. Ich weine um den Verlust und ich weine um die Zukunft, von der ich weiß, dass ich sie nicht habe.

Warum sollte mich die Zukunft überhaupt wollen? Ich kann ihr nichts zurückgeben, außer vielleicht die Freude, darin leben zu dürfen. Ich wäre die reinste Verschwendung während ihres Fortschreitens.

Meine düsteren Gedanken gehen weiter, bis die Welt wieder still wird und das Rauschen des Wassers mich in einen halbwachen Zustand versetzt.

Das Wasser wird kalt, als mich eine Stimme in die Realität zurückführt.

„Ricca“, höre ich eine schüchterne Stimme von der anderen Seite der Tür. „Bist du da drin?“

„Einen Moment“, stammele ich, bevor ich mich vom Boden der Dusche erhebe. Ich drehe den Wasserhahn zu, steige aus der Kabine und wickele meinen zitternden Körper in ein Badetuch. Ich atme tief ein und setze mir regelrecht die Maske eines mutigen Gesichtsausdruckes auf, ehe ich die Tür öffne und Dani auf der anderen Seite finde. Wenn ich eine Sache im Laufe meines Lebens gelernt habe, dann die, dass es besser ist, so zu tun, als ob alles in bester Ordnung sei. Alles, was es dazu braucht, sind ein sorgfältig einstudiertes Lächeln und eine beschissene Einstellung.

„Ist alles okay mit dir?“ Sie gibt ihr Bestes, nicht neugierig zu wirken, obwohl ich mir absolut sicher bin, dass sie meinen emotionalen Zusammenbruch mitbekommen hat.

„Ja, klar.“ Ich gehe an ihr vorbei zum Schrank.

„Die Jungs sind heute Morgen recht früh aufgebrochen, aber ich habe Frühstück gemacht, falls du welches möchtest.“ In ihrer Stimme klingt ein Anflug von Nervosität mit.

Wie weit ist die Beziehung zwischen uns fortgeschritten? Von WG-Mitbewohnerinnen, über Feindinnen, bis hin zu dieser Unbeholfenheit, die mir gerade wieder vor Augen geführt wird.

„Sicher, ich komme gleich. Ich ziehe mich nur schnell an.“

Mir schmerzt das Herz, zu wissen, dass Ratchet fort ist, doch nun kann ich mir zumindest einreden, dass er wegen Clubangelegenheiten gegangen ist. Ist es eine Ausrede, um den Schmerz zu verbergen, den ich empfinde? Natürlich, aber alles, was ihn vorübergehend verschwinden lässt, ist genau das, was ich im Moment brauche. Gefühle tun zu sehr weh und ich möchte einfach wieder taub sein. Früher habe ich Drogen verwendet, um das zu erreichen, allerdings ist das nun keine Option mehr für mich. Clean zu werden, war eine echte Herausforderung und ich habe nicht vor, ein weiteres Mal durch diese Hölle zu gehen.

Ich denke an seinen brütenden Gesichtsausdruck, als auf einmal Erinnerungsfetzen der vergangenen Nacht in meinem Kopf auftauchen, bevor die Männer zum Clubhaus zurückgekommen waren.

Oh, Gott!

Darcy. Das Pokerspiel. Ratchet, der meinen halbnackten Körper über seine Schulter geworfen und mich in sein Zimmer geschleppt hatte. Die Hitze und Leidenschaft zwischen uns, als er mich an der Wand in seinem Raum und danach in seinem Bett gefickt hatte.

„Du gehörst mir, Ricca“, stöhnt er, als er zum ersten Mal in mich eindringt. „Dieser Körper. Diese Pussy. Alles verdammt noch mal meins!“

Jede dieser Erinnerungen erschüttert mein System und macht mich atemlos.

„Erde an Ricca.“ Dani steht an der Schranktür und schnippt mit ihren Fingern vor meinem Gesicht herum.

Shit, ich habe nicht einmal bemerkt, dass sie mir gefolgt ist.

„Bist du sicher, dass es dir gut geht? Irgendwie kommst du mir vor abwesend vor.“

Ich setze ein falsches, beruhigendes Lächeln auf, weil es der beste Weg ist, damit sie nicht weiter nachbohrt. „Yup, alles prima. Warum packst du nicht schon mal alles, was du zum Frühstück vorbereitet hast, für mich auf einen Teller? Ich bin in ein paar Minuten fertig und komme dann dazu.“

Sie beäugt mich, bevor sie sich umdreht und tatsächlich geht. Dani weiß genau, dass etwas nicht stimmt, will aber nicht zu neugierig sein. Es liegt wohl zum Teil an unserer recht holprigen Beziehung zueinander, insbesondere, nachdem ich sie in dieses Leben geschubst habe. Wegen meiner Dummheit ist sie hier. Allerdings ist ihre Geschichte wesentlich glücklicher ausgegangen als meine. Jetzt hat sie einen guten Mann und zwei wunderschöne, neugeborene Töchter. Ich hingegen habe nichts vorzuweisen, bis auf die Narben, deren Umrisse ich manchmal nachzeichne und die schrecklichen Erinnerungen, die damit verbunden sind und sich noch immer wie scharfe Klingen anfühlen. Die Schnitte sind vielleicht nur oberflächlich, doch die Wunden reichen viel tiefer.

Sobald die Tür hinter Dani ins Schloss fällt, atme ich zum ersten Mal wieder bewusst durch. Jedes künstliche Lächeln erschöpft mich, und mir ist durchaus klar, dass Dani mich früher oder später ebenso durchschauen wird wie Ratchet.

Nachdem ich das Badetuch abgelegt habe, ziehe ich mir einen Sport-BH und einen Hoodie an. Dazu ein Paar der weichsten Leggings, die ich je gespürt habe, und die mit diesen kleinen niedlichen knallbunten Totenköpfen bedruckt sind. Ich schließe den begehbaren Kleiderschrank und trockne mir mit dem Handtuch mein langes, blondes Haar, als sich plötzlich mein Handy meldet.

„Seltsam.“ Ich runzele die Stirn, während es weiter klingelt, und gehe hinüber zum Nachttisch, auf dem mein Mobiltelefon liegt. Eine mir bekannte Vorwahl leuchtet auf dem Display auf und ich entsperre es und nehme den Anruf entgegen.

„Hallo?“

„Hallo“, antwortet eine weibliche Stimme. „Spreche ich mit Ms Erica Delmont?“

„Ja, das bin ich.“

„Entschuldigen Sie bitte, falls es für Sie noch früh ist, Ms Delmont, aber ich war mir nicht sicher, wo Sie wohnen. Mein Name ist Elisabeth Brewer und ich rufe aus dem Büro des Gerichtsmediziners von Hancock County an.“

Mein Herz bleibt sprichwörtlich stehen. Nein. Nein. Nein.

„Es tut mir sehr leid, Ihnen das telefonisch mitteilen zu müssen, Ms Delmont, aber Ihre Mutter ist verstorben.“

Ich erstarre bei ihren Worten und schweige.

„Ms Delmont, sind Sie noch da? Ist die Verbindung unterbrochen?“

„Ja“, antworte ich. „Wie?“

„Verzeihung?“

„Wie ist meine Mutter gestorben?“, frage ich erneut, mit etwas Nachdruck.

„An einer Überdosis.“

Jesus. Nach all der Zeit war sie immer noch auf Drogen. Nicht, dass es mich schockiert, allerdings hatte ich gehofft, dass sie in den vergangenen zehn Jahren, seitdem ich sie das letzte Mal gesehen habe, zumindest versucht hätte, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen.

„… Ihr Bruder ist zu jung, um Anspruch auf den Leichnam Ihrer Mutter zu erheben, also müssen Sie selbst herkommen, um das zu erledigen, Ms Delmont“, fährt die Frau am Telefon fort, während meine Gedanken abgeschweift sind.

Moment. Was hat sie gerade gesagt?

„Können Sie das bitte wiederholen?“

„Ihr Bruder kann aufgrund seines Alters rechtlich keinen Anspruch auf die Leiche Ihrer Mutter erheben. Dafür brauchen wir Sie.“

„Haben Sie gerade Bruder gesagt?“, hake ich verwirrt nach. „Ich habe keinen Bruder.“

„Sind Sie sicher? Ich habe hier einen Asher Delmont, acht Jahre, der neben Ihnen als nächster Verwandter aufgeführt ist.“ Elisabeth Brewers Tonfall klingt ein wenig genervt.

„Sind Sie sich wirklich sicher, dass Sie mit der richtigen Person sprechen, denn meines Wissens bin ich immer noch ein Einzelkind.“

„Ms Delmont, ich kann die Verwirrung in einer solch schwierigen Zeit durchaus verstehen, doch in den Dokumenten, die ich bezüglich Ihrer Mutter erhalten habe, sind Sie und Asher Delmont als nächste Angehörige aufgeführt. Ich habe Verständnis dafür, dass Sie vielleicht nichts von Ihrem Bruder wussten, allerdings müssen wir dringend dafür sorgen, dass die Angelegenheit mit der Leiche Ihrer Mutter geklärt wird.“

„Der verdammte Leichnam meiner Mutter kann warten“, blaffe ich zurück. „Wo ist mein Bruder? Ist er bei Verwandten?“

Das Geräusch von raschelndem Papier, das durchgeblättert wird, dringt durch die Leitung.

„Diese Informationen liegen außerhalb meines Zuständigkeitsbereichs, Ms Delmont. Ich weiß, dass das alles ein Schock für Sie sein muss, aber Sie müssen in den nächsten zweiundsiebzig Stunden hier sein und den Körper Ihrer Mutter abholen. Ist das möglich?“ In Elisabeth Brewers Stimme liegt nun eine gewisse Schärfe.

„Ja“, erwidere ich abgehackt, bevor ich das Telefonat abrupt beende.

Geschockt stehe ich da und lasse mir das soeben geführte Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen.

Ich habe einen Bruder. Ein Bruder, den ich noch nie getroffen habe und von dem ich nicht weiß, wo er sich aufhält. Was ist, wenn er jetzt allein ist? Was, wenn sie ihn in das System der staatlichen Fürsorge gesteckt haben und ich ihn dadurch nie kennenlernen werde? Aber warum soll ich mich um jemanden kümmern, dem ich nie begegnet bin? Ich habe keinerlei emotionale Bindung zu diesem Kind, dennoch treibt mich irgendetwas dazu, diesbezüglich etwas unternehmen zu wollen.

Ein plötzliches Gefühl der Dringlichkeit packt mich und trifft mich tief im Innern, wie ein Schlag in die Magengrube. Mich selbst konnte ich vielleicht nicht retten, aber er hätte womöglich eine Chance, normal zu sein. Etwas, das mir nicht gewährt wurde. Mir wurde nie die Möglichkeit gegeben, eine normale Kindheit voller Wunder zu erleben. Meine Zeit war nichts weiter als eine höllische Aneinanderreihung von körperlicher und seelischer Misshandlung.

Mein Herz schlägt wild, als ich eine Entscheidung für mich treffe.

Ich muss ihn vor dem Leben retten, das ich geführt habe, und dafür muss ich alles hinter mir lassen, was ich hier habe, einschließlich Ratchet. So einfach, wie er es sich mit mir gemacht hat, sollte er sich nicht wundern, wenn er nach seiner Rückkehr feststellt, dass ich nicht mehr hier bin.

Mein Bruder braucht mich und im Gegensatz zu meiner Mutter, werde ich ihn nicht zurücklassen, jetzt, da ich weiß, dass er existiert.

Kapitel 2

Ratchet

Gegenwart

„Bist du jetzt fertig damit, mich zu verarschen?“, flüstere ich dem halb bewusstlosen Mann ins Ohr, der gefesselt vor mir sitzt.

Sein Haar ist verfilzt und Blut tropft sowohl aus einer Platzwunde oberhalb seines Auges als auch aus der gebrochenen Nase. Vor ein paar Monaten habe ich ihn meinen Bruder genannt, doch heute gibt es für mich nur noch ein Wort als Beschreibung für ihn: Verräter. Er ist ein Verräter an unserem Club und all jenen, die seinetwegen nun tot sind.

Seine Antwort klingt wirr und ist nicht zu verstehen.

„Wie war das?“, blaffe ich ihn an. „Bist du bereit, mir die Wahrheit zu sagen, Hog?“

„Fahr zur Hölle.“ Er spuckt Blut auf meine schwarzen Bikerboots.

„Meine Knöpfe zu drücken, ist nicht die beste Idee. Das solltest gerade du wissen. Du könntest es dir viel leichter machen, indem du es endlich ausspuckst. Es nützt nichts, es hinauszuzögern, denn das Ergebnis wird dasselbe sein.“

„Fick dick“, brüllt er mir entgegen.

Es triggert mich, wenn sie die Brust aufblähen, als wären sie total hartgesotten. Dieses Verhalten lässt mich nur noch härter daran arbeiten, die Wahrheit herauszufinden. Vielleicht glaubt er, dass es meine Meinung ändern würde, aber er liegt so verflucht falsch damit. Sobald die Scheiße am Dampfen ist, bin ich derjenige, der sich die Stiefel schnürt und als Erster für meine Brüder vorangehen würde.

Möglicherweise liegt es daran, dass ich keinerlei emotionale Bindung zum Tod und dessen Konsequenzen besitze, oder dass ich einen starken Magen habe, doch das ist mein Job und ich bin gut darin.

„Verfickt falsche Antwort, Arschloch.“

Ein wahnsinniges Lächeln formt sich auf seinem Gesicht, als ich meine Faust balle.

Reiz mich weiter, du Wichser. Es wird das Ende für dich nur schmerzhafter machen.

„Raze ist eine verdammte Pussy, weil er dich geschickt hat, um seine Dreckarbeit zu erledigen, während er mit dieser abgelegten Old Lady einen auf Familie macht“, erwidert Hog und klingt wesentlich verständlicher. „Das ist der Unterschied zwischen mir und ihm. Ich kümmere mich um meinen Dreck selbst. Wie denkst du darüber, die Marionette für einen Feigling zu spielen?“

Ich lache ihm ins Gesicht, und sein Blick bleibt starr auf mich gerichtet.

„Eine Marionette? Du hast für das verschissene Kartell gearbeitet, Hog. Das Kartell, das jetzt nur noch Staub im Wind von Mexiko ist. Wenn hier jemand eine Marionette ist, dann doch wohl du. Du hast das Geld deinen eigenen verdammten Brüdern vorgezogen.“

Hog zwingt sich, den Kopf zu heben. Er ist sichtlich geschwächt von den Schlägen und dem Hunger der letzten Tage.

„Der einzige Loser hier bist du, Ratchet. Zuerst deine Schwester und jetzt noch deine Frau. Ich bin jetzt sechs Monate hier und habe gehört, dass du noch nicht einmal versucht hast, sie zu finden“, wirft mir Hog vor, während das Blut in meinen Adern kocht. „Kommt mir so vor, als solltest du vorsichtiger mit den Frauen in deinem Leben umgehen.“

Es ist eine Sache, aus Wut situationsbedingt etwas von sich zu geben, aber meine Privatscheiße einzubeziehen, ist eine verfluchte Grenzüberschreitung. Meine Schwester hatte ihre Wahl getroffen, doch Ricca ist eine vollkommen andere Geschichte. Eine, die ich nur auf Eis gelegt habe, bis ich Hog endlich gefunden hatte. Er ist das letzte verdammte Puzzleteil und sein Ende ist so nah, dass ich seinen Tod bereits auf meiner Zunge schmecken kann. Sobald er seinen finalen Atemzug getan hat, ist sie mein nächstes Ziel.

„Deinem Schweigen nach zu urteilen, habe ich wohl einen Nerv getroffen“, drängt Hog weiter. „Wenn du dieses Stück Tribe-Hure findest, übergibst du sie besser an mich. Obwohl sie ziemlich gut benutzt wurde, würde ich sie gern mal unter mir schreien hören.“

Ehe seine Klappe noch mehr Bullshit von sich geben kann, hole ich aus und ramme ihm meine Faust gegen die Schläfe. Der Aufprall nimmt ihm jegliche Wehrhaftigkeit, und ich hoffe, dass er nur bewusstlos und nicht bereits tot ist. Das Heben und Senken seines Brustkorbs beweist mir, dass er noch lebt, was perfekt ist, weil ich möchte, dass er jede quälende Sekunde von dem spürt, was als Nächstes kommen wird.

„Meine Schwester und Ricca gehen dich verdammt noch mal einen Scheiß an“, schreie ich ihm ins Gesicht. Ich ziehe ein Messer aus der Scheide an meiner Hüfte und stoße es ihm direkt in seinen Schritt. Er schreit, als ich die Klinge drehe und sein Lieblingsanhängsel von seinem Körper abtrenne. Nachdem ich das Messer aus seinem Leib entferne, spritzt Blut und sowohl sein Schwanz als auch seine Eier fallen etwas tiefer als normal.

„Wie fühlt es sich an, rückgrat- und schwanzlos zu sein, Hog?“

Er windet sich und jammert vor Schmerzen, während ich lächle und zusehe, wie er leidet. Sein Eingeständnis, meine persönlichen Probleme zu kennen, zeigt nur, dass er unsere Gruppe noch lange nach dem Massaker des Kartells beobachtet hat. Die Rädchen in meinem Kopf beginnen sich darum zu drehen, zu welchem Zweck er diese Informationen benötigt, doch mit der blutigen Sauerei, die sich zwischen seinen Beinen sammelt, bleibt ihm nicht mehr viel Zeit.

„Letzte Chance, Hog. Beantworte meine Frage und ich lasse dich schnell sterben.“

„Geh und fick dich selbst“, schreit er.

Meine Brust hebt sich, während die Wut frei durch meine Adern fließt.

Er scheint einfach nicht zu wissen, wann er sich seinem Schicksal fügen sollte. Zumindest ein paar Informationen hätten es ihm weniger schmerzhaft gemacht. Nun, wenn stattdessen jemand anderer hier unten gewesen wäre. Ich habe strikte Richtlinien, was den Umgang mit Illoyalität angeht. Null-verfickte-Toleranz. Du verarschst meine Familie? Dann töte ich deine dafür.

„Du hättest dir besser einen anderen Ort zum Verstecken suchen sollen, Arschloch“, rufe ich ihm zu, denn ich weiß, dass er jede meiner Bewegungen genau verfolgt, während ich mich auf dem Absatz umdrehe.

Ich gehe zum Tisch hinter mir, wo mein Werkzeug bereitliegt, schnappe mir den Benzinkanister, kehre zu Hog zurück und übergieße ihn mit dem Treibstoff. Als ich den Kanister beiseite werfe, landet er mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden, und er zuckt zusammen.

„Dazu hast du nicht die Eier, Sohn. Warum rufst du nicht die großen Köter von oben her, damit sie die Angelegenheit für dich zu Ende bringen? Ich kann es in deinen Augen sehen, dass dein Magen für diese Scheiße nicht stark genug ist.“

„Eier?“, antworte ich. „Wer bist du, dass du mit mir über Eier redest, während deine nur noch an einem seidenen Faden baumeln?“

Er hat unrecht.

Hog war schon immer einer, der irgendwelchen Scheiß von sich geben konnte, um Zeit zu gewinnen. Zugegeben, diese Fähigkeit haben wir von Zeit zu Zeit einsetzen können, doch Hog hatte seinen Nutzen in dem Moment aufgebraucht, nachdem einer seiner Freunde ihn als Mitglied des Kartells identifiziert hatte. Dieser Verrat hat sein Ticket in die Hölle gestempelt, und ich werde der Fährmann sein, der ihn wie einen hübschen kleinen Präsentkorb vor Satans Schwelle abliefern wird. Abgesehen von der Tatsache, dass er optisch etwas weniger ansprechend sein wird, bin ich mir sicher, dass der Teufel wissen wird, welchen Schlamassel ich ihm da übergebe.

Ich ziehe die Waffe aus dem Holster an meiner Hüfte und drücke den Lauf gegen seine Stirn. Er bleibt reglos, als ich den Hahn spanne, und meine Brust bebt vor Wut und Aufregung. Es lässt sich wirklich nicht leugnen, dass ich ein kranker Bastard bin, aber ich würde diesen Titel jeden Tag wie ein Abzeichen tragen, wenn das bedeuten würde, dass meine Brüder und ihre Familien in Sicherheit sind. Manchmal ist es einfacher, einen Fleck der Dunkelheit auf meiner Seele zu hinterlassen, als die Menschen um mich herum mit Schuld zu belasten, weil ich jemanden getötet habe.

Gut für mich, dass mir mein Gewissen nie etwas bedeutet hat.

„Fahr zur Hölle, mit dem Rest deiner Familie, Arschloch“, verkünde ich, drücke den Abzug und beende damit sein elendiges Dasein. Durch die Wucht des Schusses spritzt sein Gehirn gegen die Wand hinter ihm. In jeder Ritze der Mauer klebt nun Gehirnmasse von Hog.

„Niemand hat das Recht, meine Loyalität infrage zu stellen“, fauche ich seine Leiche an.

Nachdem ich meine Schusswaffe wieder verstaut habe, hole ich das Streichholzheftchen aus meiner Gesäßtasche. Ich schaue mir jedes einzelne Zündholz genau an, ehe ich das letzte aus der Packung wähle. Kaum reibt die rote Spitze gegen die raue Oberfläche, entzündet es sich. Für eine Sekunde beobachte ich das Aufleuchten, als die Flamme tanzt; dann werfe ich das Streichholz auf Hog. Sein Körper fängt Feuer und während es sich ausbreitet und schließlich sein Gesicht erreicht, werde ich ganz still. In diesem Moment erfüllt mich Frieden, wenn jemand Böses durch meine Hand von der Erde ausgelöscht wird.

 Manche nennen mich vielleicht einen Brandstifter, oder sogar einen Pyromanen, doch solange sie nicht durchgemacht haben, was ich erlebt habe, werden sie es nie verstehen. Sie werden niemals nachvollziehen können, was es bedeutet, zuzusehen, wie das Feuer etwas vollkommen Neues entstehen lässt. Feuer verwandelt alles zu Kohle und Asche, was ihm in den Weg kommt, doch selbst in schwarzer Erde kann sich das Leben erneuern.

Ich verweile nur einen Moment, bevor ich mich von seinem nun gänzlich von den Flammen verschlungenen Körper abwende und mein Werkzeug zusammenpacke. Ich blicke mich noch einmal um, um sicherzustellen, dass ich auch nichts vergessen habe. Ich lasse ihn in Ruhe, damit er für seine Verbrechen brennen kann, und steige die Treppe hinauf zu meinen Brüdern, die auf mich warten.

Ich kann Heros schwere Stiefelschritte im Stockwerk darüber hören, also weiß ich, dass die Zeit knapp ist.

„Und hierrrrr kommmt Raaaatchet“, ahmt Voodoo einen Part aus einem der klassischen Horrorfilme nach, die er uns in letzter Zeit ständig zwingt, mit ihm anzuschauen, als ich die Etage betrete. „Hatte da jemand Spaß gehabt?“

„Es ist verdammte Arbeit. Kein Spaß“, belle ich ihn an.

„Dir hat wohl heute Morgen jemand ins Müsli gepisst. Ich dachte, du wärst besser gelaunt, wenn Hog unten kocht. Uhhhh“, gibt Voodoo mit einem Quietschlaut von sich. „Können wir auf dem Heimweg an einem BBQ-Drive-In vorbeifahren?“

Bei Voodoo war schon immer eine Schraube locker, aber langsam glaube ich, dass die Stunden vor den Computerbildschirmen die Gehirnzellen frittieren, die er noch übrig hat.

Ich starre ihn zornig an, während Hero mit großen Schritten auf mich zukommt.

„Ist es erledigt?“ Er beäugt das Blut auf meinem Shirt.

Langsam steigt der Rauch aus dem Keller auf und kräuselt sich zu meinen Füßen.

„Es ist erledigt und wir haben noch etwa fünf Minuten Zeit, um hier zu verschwinden, bevor wir besonders knusprig enden, wie Hog.“

Hero nickt, ehe er sich den Männern zuwendet, die mit uns gekommen sind. „Ihr habt den Mann gehört. Zeit, aufzubrechen.“

Hinter Hero treten wir nach draußen ins Freie und marschieren zu unseren Motorrädern, als das Feuer die erste Etage des verlassenen Hauses niederbrennt, das wir für unser Verhör verwendet haben.

Ich lasse mich auf den Sitz meiner Harley gleiten, klappe den Ständer zurück und schalte die Zündung ein. Sofort erwacht meine Maschine zum Leben, und ich drehe mich noch ein letztes Mal um, um den Flammen zuzusehen, ehe ich mit meinen Brüdern an meiner Seite den Ort verlasse.

Mit jedem Kilometer, den wir hinter uns lassen, löst sich die Ruhe in mir auf, die ich empfunden habe, und bringt mich näher an unser Clubhaus und die Suche nach Ricca.

Nach der Rückkehr aus Mexiko und bevor ich die Tür zum Clubhaus geöffnet hatte, war mir klar gewesen, dass sie weg war. Man kann es eine Ahnung oder Intuition nennen, aber ich wusste es einfach. Wochenlang hatte sie angedeutet, dass sie gehen würde. Warum soll es mich also wundern, dass sie die erstbeste Gelegenheit genutzt hatte, sich aus dem Staub zu machen?

Nach all dem, was sie durchgemacht hatte, konnte ich es ihr nicht vorwerfen, wollte allerdings trotzdem wissen, warum.

Warum ist sie nach unserer einzigen gemeinsamen Nacht abgehauen? Wieso hat sie damit gewartet, bis ich endlich die Mauern eingerissen hatte, nur um die Fortschritte, die wir bei ihren früheren Problemen gemacht hatten, mit Füßen zu treten? Weshalb konnte sie mir nicht die Chance geben, ihr dabei zu helfen, wieder Vertrauen zu erlernen?

Alles, was ich wollte, war eine Möglichkeit, ihr zu beweisen, dass, obwohl meine eigenen Monster noch existieren, sie gut mit ihren zurechtkamen. Sie konnte ihre Gefühle aus ihrer Zeit im Verlies des Twisted Tribes gut verbergen, aber sie konnte sich nicht vor mir verstecken.

Ich konnte durch die Fassade blicken und weiter darunter, um den Schmerz zu sehen, der in ihren wunderschönen, gehetzten Augen lag.

Sie war ebenso gebrochen wie ich, und das verstärkte die Anziehungskraft zwischen uns nur noch mehr. Im Gegensatz zu den anderen Jungs wollte ich sie nicht reparieren. Ich wollte sie genau so, wie sie ist, als eine zerfetzte Seele, die mich versteht.

Doch all das wäre nichts wert, wenn ich sie nicht aufspüren kann.

Voodoo ist ihr bereits seit Wochen auf den Fersen, während ich mich die ganze Zeit zurückgehalten habe, um Majs Chaos zu beseitigen. Raze hat wochenlang versucht, mich zum Gehen zu bewegen, allerdings bin ich einfach nicht der Typ dafür, meine Verpflichtungen fallen zu lassen, sodass andere für mich die Lücke schließen müssen. Selbst nachdem Raze diese Bestie namens Thor aus einem weiteren Charter angerufen und gebeten hatte, zu helfen, hat mich das nicht zum Gehen bringen können.

Ich hatte noch einen Job zu erledigen und würde den Teufel tun, ihn einem anderen zu überlassen.

Jetzt, da Hog endlich auf dem Weg zur Hölle ist, habe ich die Freiheit, sie zu finden.

Kapitel 3

Ricca

Ich muss zugeben, ich habe in meinem Leben einige Fehler begangen.

Wem mache ich hier etwas vor?

Mein gesamtes Leben ist ein Fuckup nach dem nächsten und die Einzige, die daran die Schuld trägt, bin ich. Diese Horrorstorys, die man in diesen Fernsehspecials sieht? Die Art von Geschichten, die einem den Magen umdrehen, wenn man sie liest? Jupp, ich habe sie alle erlebt. Albträume verfolgen mich in jeder wachen Minute meines Lebens. Und das alles nur wegen meines unstillbaren Hungers nach bösen Jungs und Drogen, um den Schmerz zu betäuben.

Nehmen wir zum Beispiel mal meinen letzten Fuckup. Kalifornien war meine Chance für einen Neuanfang, doch wie immer habe ich meinen gesunden Menschenverstand wegen eines heißen Typens und eines endlosen Vorrats an Heroin an den Nagel gehängt. Als mir klar wurde, dass ich zu tief drinsteckte, geriet ich in eine weitaus schlimmere Situation als zuvor und die versuche ich immer noch jeden verdammten Tag aufs Neue zu vergessen.

Allerdings war es nicht nur dunkel. Zwischen den Katastrophen hatte ich auch ein wenig Spaß, selbst wenn es nur vorübergehende Erleichterungen waren. Jedes Mal, sobald in meinem Leben etwas Gutes geschehen ist, bekämpfte ich es, genau wie jetzt. Ich bin vor dem ersten Fünkchen Hoffnung davongerannt, das ich jemals in meinem Leben hatte.

Gut, ich muss zugeben, das Gefühl der Hoffnung lag damals in Kalifornien im Bett eines Bikers, der mehr Grunzlaute von sich gegeben hat, als tatsächlich zu kommunizieren, aber bei ihm habe ich mich sicher gefühlt.

Zu sicher.

Mir war klar, dass mein Leben früher oder später wieder in ein Chaos stürzen würde. Es ist meine Schuld. Ich bin die Person, die sowohl für die seelischen als auch die körperlichen Narben verantwortlich ist, die ich davongetragen habe. Ebenso trage ich die Verantwortung für die Leichen, die ich auf meinem Weg zurücklasse.

Meine Vergangenheit ist von den Geistern meiner Fehler gespickt, und leider habe ich das Pech, dass sie nicht lange in den Schatten bleiben. Im Gegenteil, meine Geister haben die Angewohnheit, zu warten, bis ich ein kleines bisschen Glück gefunden habe, damit sie mich heimsuchen können.

Genau sie sind auch der Grund, warum ich sprichwörtlich wieder knietief in der Kuhscheiße stehe, die man eigentlich Willow Branch, Kentucky nennt. Vierzehnhundert Einwohner zählt dieser Ort, wenn man das Vieh mitzählt, das in den Hügeln herumstreift. Es existiert hier nicht einmal eine Tankstelle oder ein Postamt, dafür gibt es aber verdammt sicher gleich zwei Honky-Tonk-Bars in der Gegend. Im Grunde ist das hier nur eine weitere typische, ehemalige Boomtown, die ihre Hochzeiten längst hinter sich gelassen hat und verfällt, nachdem das Erdgas verschwunden ist. Es hat auch nicht geholfen, dass dort viele Menschen lebten, die sich weigerten, ihr Landleben aufzugeben und dorthin zu ziehen, wo es jetzt die Arbeitsplätze gab.

Für die meisten war es der perfekte Ort, um eine Familie zu gründen, bis mich meine, zum weißen Abschaum der Gesellschaft zugehörige, Mutter in diese Welt brachte. Meine Geburt hinterließ einen schwarzen Fleck auf dem blütenreinen Ruf von Willow Branch. Jedenfalls, was meine Eltern betraf. Meine Momma war nicht das, was man im Allgemeinen als respektable Frau bezeichnen würde. Die uneheliche Tochter des hiesigen, verheirateten Pfarrers auf die Welt zu bringen, hat ihm nicht gerade dabei geholfen, in die Ehrenhalle der Heiligen aufgenommen zu werden. Ihre Taten und natürlich meine Geburt zerstörten eine wundervolle Familie, wofür sie mir mein ganzes Leben lang die Schuld gab. Ob es nun Wahnvorstellungen oder Irrsinn waren, aber sie war davon überzeugt, dass er sie noch immer wollen würde. Ihr war einfach nicht klar, dass sie nur ein Spielzeug für meinen religiösen Vater gewesen war, das man mit Buße und Gebeten wegwünschen konnte. Es ist fast schon ironisch, dass ich im Grunde genau wie sie geworden bin. Der Kreis schließt sich, wie man so schön sagt.

Der Anblick ihres verwelkten Gesichtes an dem Tag, als ich Anspruch auf ihren Leichnam erhoben habe, schießt mir durch den Kopf. Die Schönheit, die sie einst gewesen war, war gänzlich verschwunden, und stattdessen hatte ich in das Gesicht einer Frau geblickt, die ein hartes Leben voller Drogensucht hinter sich hatte. Ihre ehemals cremige, glatte Haut hatte sich in faltiges Leder verwandelt. Sie hatte kaum noch Haare gehabt, bis auf einige wenige dunkle Strähnen, die von ihrem Schädel herunterhingen. Sogar ihre Zähne waren vergilbt und teilweise abgebrochen, als hätte sie jeden Tag auf Glas herumgekaut. Die vergangenen zehn Jahre hatten es nicht wirklich gut gemeint mit meiner Mutter.

Es war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe, ehe ich sie einem Armenbegräbnis überlassen und mit ihr abgeschlossen hatte.

Es war sowieso nicht darum gegangen, ihretwegen zurückzukehren. Ich hatte ein besonderes Ziel, eine spezielle Mission und ihre Leiche mit einer pompösen Beisetzung ins Jenseits zu schicken, war nicht Teil davon, seit man mir von ihrem Tod erzählt hatte. Nach allem, was sie mir in meiner Kindheit angetan hatte, konnte ich nicht als die trauernde Tochter bei der Beerdigung dastehen.

Die Tränen, die ich einst für sie hatte, waren längst versiegt, und ich hatte nicht vor, mehr Zeit als nötig in ihrer Gegenwart zu verschwenden. Ich wollte nur, dass es endgültig vorbei war und ich damit abschließen konnte. Und genau das habe ich getan. Ich wollte ihr nie wieder ins Gesicht sehen müssen.

Ein Glöckchen-Gebimmel holt mich zurück in die Realität und den Job, den ich eigentlich erledigen sollte.

„Die Bestellung für Tisch fünf ist fertig“, ruft der Koch hinter der Theke. „Beweg dich, Mädchen. Ich bezahle dich nicht dafür, damit du hier nur rumstehst und hübsch aussiehst“, blafft er mich an, als ich seiner Meinung nach nicht schnell genug in die Gänge komme. „Das Essen wird kalt.“

„Ich komme schon, Arschloch“, murmele ich leise in mich hinein.

„Hast du was gesagt?“, brüllt er zurück, um das Getöse von klapperndem Geschirr und Pfannen zu übertönen.

Ich schenke ihm ein falsches Lächeln und schüttele den Kopf.

Nie hätte ich gedacht, dass ich jemals sagen würde, dass diese Kaschemme hier noch eine Stufe unter dem Red’s in Kalifornien liegt. So grabschig Red auch sein konnte, Big Joe, der hiesige Koch, riecht zehnmal schlimmer und nutzt jede Gelegenheit, um mich im Diner in eine Ecke zu drängen. Er hält sich selbst für einen Frauentyp, allerdings achte ich ständig darauf, nicht in seinen Windschatten zu geraten.

Ich greife nach den heißen Tellern mit Sandwiches und Pommes und behalte mein falsches Lächeln bei. Auf dem Absatz drehe ich um und renne fast in Susie hinein, die andere Kellnerin, die wie ich in der Mittagsschicht arbeitet. Dieser Ort ist so klein, wie eine Stadt nur sein kann, und es vergeht nicht ein Tag, ohne dass ich mit irgendwem zusammenstoße. Die Teller wackeln in meinen Händen, doch sie fallen zum Glück nicht zu Boden.

„Shit, sorry“, stottert Susie. „Ich wusste nicht, dass du mich nicht hinter dir hast stehen sehen.“

„Ist schon okay“, erwidere ich kühl, laufe einen Schritt um sie herum und gehe auf den Tisch zu, an dem die Gäste auf ihr Essen warten.

Da es hier nur fünf Tische und eine Bar gibt, sehen wir hier kaum jemanden außer den gleichen Einheimischen, die Tag für Tag herkommen. Ich hasse jede Minute, die ich hier verbringen muss, doch Kleinstädte sind nicht besonders für boomende Arbeitsplätze bekannt.

Die Auswahl und Bezahlung sind sehr überschaubar. Zwischen meiner Tagschicht hier und meiner Arbeit als Barkeeperin am Abend im Wild Willie’s verdiene ich gerade genug, um ein Dach über dem Kopf und Essen zu haben.

Das Dach ist undicht und die Mahlzeiten würde ich nicht als gehobene Küche bezeichnen, aber ich mache das Beste daraus.

Die beiden älteren Männer in meiner Sitznische klatschen Beifall, als ich ihre Teller auf den Tisch schiebe, als wäre das eine große Leistung. Ich zwinge mich dazu, nicht die Augen zu verdrehen, um nicht das Trinkgeld zu verlieren, auf das ich so dringend angewiesen bin.

Joe’s Diner ist kein Fünf-Sterne-Restaurant, und das gilt auch für die Bezahlung, aber ich brauche wirklich jeden Penny, den ich verdienen kann.

„Das war aber knapp, Darling“, neckt mich der eine Mann auf der linken Sitzbank. „Weißt du“, sein Blick wandert über meinen Körper, „ich könnte ein Mädchen wie dich drüben im Baubüro gebrauchen. Was denkst du, Jerry?“

Sein Freund ahmt dessen musternden Blick nach und nickt bei der Frage. „Aber sicher, Billy. Ich wette, diese junge Stute hier wäre eine großartige Sekretärin.“

Der Mann, den ich jetzt als Billy kenne, lächelt und lässt seine Hand über den Tisch in Richtung meines Hinterns gleiten. Kurz bevor er mich berühren kann, trete ich von der Tischkante zurück und schlage seine Griffel weg.

„Oh, sie ist lebhaft“, lacht Billy erneut. „Ich mag es, wenn meine Sekretärinnen sich zieren und nicht leicht rumzukriegen sind.“ Er versucht abermals, mir an den Po zu packen, und ein weiteres Mal schlage ich seine Hand weg. Er schreckt zurück, lacht allerdings nur noch lauter und schaut zu seinem Freund.

„Komm schon, Darling. Wir haben nur ein bisschen Spaß mit dir“, mischt sich nun Jerry, der anderen Kerl, ein. „Warum unterhältst du nicht ein paar alte Männer und gibst uns eine kleine Show?“

„Eine Show, huh?“, gurre ich zurück, während ich im Kopf schon meine Rache plane. „Was für eine Show hättest du denn gerne, mein Hübscher?“

Scheiß auf das Trinkgeld. Niemand hat das Recht, mich ohne meine Erlaubnis einfach anzufassen, und das werde ich diesen zwei Vollidioten auch nicht so leicht durchgehen lassen. Ihnen gehört eine Lektion erteilt.

Beide Männer grinsen, aber es ist Billy, der den ersten Schritt macht. Er packt mich und zieht mich neben sich auf die rote, vinylbezogene Sitzbank. Mein Körper will automatisch zurückweichen, doch ich zwinge mich dazu, seine Berührungen zu ertragen, da ich bereits weiß, was ich mit ihm machen werde.

Er legt seinen Arm um meine Schultern und dabei streift seine Handfläche meine Brust direkt über meinem Uniformoberteil. Ich zucke zusammen, halte jedoch die Scharade aufrecht, weil Billy gerade so sehr auf meine Titten fixiert ist, dass er nicht bemerkt, wie meine Hand zu dem Klappmesser gleitet, das ich mir unter meinem Rock an meinen Oberschenkel geschnallt habe.

„Du bist ein viel zu hübsches Ding, um als Kellnerin zu versauern, wenn du doch für einen Mann wie mich arbeiten könntest, der deine Schönheit auch zu schätzen weiß. Was hältst du davon, wenn du mir zu meinem Truck folgst und wir ein kleines Einstellungsgespräch führen?“

Darauf lächele ich nur unschuldig und lasse das Messer aufspringen. Das Geräusch lenkt seine Aufmerksamkeit auf meinen Schoß und Schock lässt seine Augen groß werden. Ich richte die Messerklinge so behutsam wie möglich auf seinen Schritt und presse sie dennoch energisch gegen seinen Reißverschluss.

„Fass mich noch einmal an und du wirst für den Rest deines Lebens im Sopran singen können. Verstehst du mich, Billy?“ Ich drücke die Klinge unmissverständlich gegen ihn und er zuckt unter dem Druck zurück. Ein gemeines Lächeln bildete sich auf meinen Lippen. Jetzt habe ich seine ungeteilte Aufmerksamkeit. „Also, sei jetzt ein braver Junge und lass mich gehen. Glaub mir, ich bin nicht die Art von Miststück, mit dem du dich anlegen willst, alter Mann“, flüstere ich ihm ins Ohr.

Sein Arm löst sich langsam von meinen Schultern, während sein Freund verwirrt zusieht. Von der gegenüberliegenden Seite des Tisches kann Jerry nur erkennen, wie Billy mich antatscht und ich ihm sanft etwas ins Ohr wispere. Ich entferne das Messer aus Billys Schritt, betätige den Mechanismus, der die Klinge zurückspringen lässt, bevor ich es wieder in das Holster unter meinem Rock schiebe. Ich rutsche von der Sitzbank, erhebe mich, wobei ich meinen Rock glätte, um sicherzustellen, dass meine Waffe für den Rest der Menschen im Diner verborgen bleibt.

Sein Kumpel schaut uns beide weiterhin ahnungslos an.

„So freundlich wie dein Angebot auch ist, Billy, glaube ich jedoch, dass ich lieber auf ein Einstellungsgespräch verzichte.“ Ich lächele die zwei zuckersüß an. „Kann ich euch beiden sonst noch etwas bringen?“, füge ich hinzu und spiele das charmante Südstaatenmädchen.

Billy bleibt stumm und Jerry schüttelt den Kopf.

Schwungvoll wende ich mich von ihrer Sitzecke ab und kehre zurück zur Theke, wo sich Susie aufhält und die Bar abwischt. Es schockiert mich immer wieder, wie zufrieden Susie an diesem Ort wirkt, während ich mich hier wirklich zusammenreißen muss, diesen Saftladen nicht in die Luft zu jagen, weil ich meinen Bruder holen will.

Es hat nicht einmal einen Monat gedauert, bis mir wieder eingefallen ist, warum ich Kleinstädte meide. Männer wie Billy und Jerry lauern wegen meiner Mutter und ihres einschlägigen Rufs hier an jeder Ecke. Es wirft kein gutes Licht auf mich, dass ich die uneheliche Tochter der Ortsmatratze bin, und die Annahme, dass ich ihrem Karrierevorbild gefolgt bin, scheint wohl in der Gerüchteküche der Stadt weit verbreitet zu sein. Eigentlich könnte man annehmen, dass es nach so langer Zeit gar keine Gerüchte mehr über mich geben sollte, doch tatsächlich tauchen immer wieder neue auf.

Ich reiße mir die Schürze vom Leib und werfe sie Susie zu, während ich an ihr vorbeilaufe.

„Wo gehst du hin, Ricca?“, ruft sie mir nach und streicht sich ihr langes, blondes Haar aus dem Gesicht.

„In die Pause. Ich bin in fünfzehn Minuten zurück“, antworte ich, hole meine Jacke unter der Theke hervor und bin bereits durch die Hintertür, ehe sie etwas erwidern kann. Ich trete in die frische Frühlingsluft und es raubt mir regelrecht den Atem, sobald ich die Hitze des Diners verlasse.

Eigentlich ist es im April normalerweise nicht so kalt, aber wie man so schön im Mittleren Westen sagt: Wenn dir das Wetter nicht gefällt, blinzele einmal und es wird sich ändern.

Ich bin nur froh darüber, dass es dieses Jahr bloß ein wenig geschneit hat, denn für so etwas bin ich nicht gerade gerüstet, nachdem ich so lange in Kalifornien gelebt habe. Ich mag die Sonne und nicht dieses frostige, triste Grau, das hier im Mittleren Westen den Winter und Frühlingsanfang ausmacht.

Schnell wickle ich meine Jacke enger um meinen Leib und reibe meine Handflächen aneinander, um ein wenig mehr Körperwärme zu erzeugen. Während die meisten hier herauskommen, um eine Zigarette zu rauchen, will ich einfach nur einen Moment für mich allein sein. Situationen mit Typen wie Billy und Jerry sind in meinem Leben sehr häufig vorgekommen, öfter, als ich gerne zugeben möchte, doch jedes Mal holt mich dadurch meine Vergangenheit in dem Gruselkerker des Tribes wieder ein. Dieses Mal habe ich einen kühlen und klaren Kopf behalten, aber sobald ich einen Fuß nach draußen gesetzt habe, hat mein Herz angefangen, wild zu pochen, und die ersten Anzeichen einer Panikattacke kündigen sich an. Meine Fassade von Stärke ist rein oberflächlich. Ich weiß, wie man eine gute Show abliefert und sich aus gewissen Situationen herausmogelt, doch in meinem Inneren herrschen nur Angst und Nervosität. Die taffe Frau in mir ist damals in der Wüste gestorben, dort, wo der Rest meiner Unschuld begraben liegt. Von diesem Ort bin ich als Hülle meines früheren Selbst zurückgekehrt und habe mir die Fähigkeit zugelegt, so zu tun, als ob, wenn es erforderlich ist.

Ich lehne mich an das kühle Gemäuer des Diners, schließe die Augen und konzentriere mich darauf, gleichmäßig und langsam zu atmen. Nach einigen Minuten löst sich die Anspannung in mir allmählich auf. Als ich meine Lider wieder öffne, beobachte ich, wie die beiden Kerle, die das ausgelöst haben, in ihren Pick-up steigen und schließlich davonfahren.

Die meisten Frauen in solch einer Lage hätten eine Anzeige bei der Polizei erstattet, doch mir ist klar, dass ich das nicht tun kann. Das Bedürfnis, diesen Job zu behalten und mich von Ärger fernzuhalten, hat den Sinn nach Gerechtigkeit gegen diese beiden Arschlöcher überwogen, die es in Ordnung fanden, mir einen solchen Vorschlag zu unterbreiten. Ich hoffe nur, dass irgendjemand, der wesentlich mutiger ist als ich, sie anzeigt oder besser noch, ihnen den Freund auf den Hals hetzt, wenn sie es erneut versuchen sollten. Ich muss nur geduldig sein und darauf warten, dass das Karma sie einholt, so wie es stets bei mir der Fall ist.