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Presley Sanders hatte genug vom Leben im Heaven's Rejects MC. Als Schwester von Raze, dem Präsidenten des MC, war sie einst Club-Prinzessin – bis sie sich gegen die brutale Welt der Biker stellte und im Streit mit ihrem Bruder flüchtete. Doch nun, da sie ungewollt durch eine Klientin in die Machenschaften der Mafia verwickelt wird, bleibt ihr nur noch eine Wahl: in ihre ganz persönliche Hölle zurückzukehren. Verfolgt von den skrupellosen Handlangern des Verbrechersyndikats ist der Club ihre einzige Hoffnung auf Rettung. Auch wenn das bedeutet, dass sie alles opfern muss, was sie sich so hart erkämpft hat. Beau "Voodoo" Martin sehnt sich nach Presley, seit er sie zum ersten Mal im Internet gesehen hat. Unter falscher Identität als angeblicher Tech-Mogul flirtet er seit einiger Zeit über eine Dating-App mit ihr und verliebt sich in seine nichtsahnende Chat-Partnerin. Als Presley plötzlich im Club auftaucht und Voodoo mit ihrem Schutz beauftragt wird, weiß er, dass die Lügen, die er über Monate gesponnen hat, irgendwann aufgedeckt werden. Und wenn das passiert, könnte es nicht nur ihre Liebe zerstören, sondern auch ihr Leben. Kämpfe, Feuer, Geheimnisse – und dann noch dieser verdammt sexy Voodoo, der entschlossen ist, Presley zu beschützen, koste es, was es wolle. In den Armen des Clubs ist nicht nur die Gefahr real, sondern auch die Leidenschaft, die Presley nie wollte. Wenn sich Lügen, gefährliche Geheimnisse und knisternde Anziehungskraft vermengen, ist die einzige Frage: Werden sie zusammen in Flammen aufgehen oder zerschellen, bevor sie das Ziel erreichen? Teil 4 der actionreichen MC Romance-Reihe von USA Today- und Wall Street Journal-Bestsellerautorin Avelyn Paige.
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Avelyn Paige
Heaven’s Rejects MC Teil 4: Lies & Illusions
Aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen von Jazz Winter
©2018 by Avelyn Paige unter dem Originaltitel „Lies & Illusions (Heaven's Rejects MC Book 4)”
© 2025 der deutschsprachigen Ausgabe und Übersetzung by Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels
www.plaisirdamour.de
© Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg
(www.art-for-your-book.de)
ISBN Print: 978-3-86495-734-5
ISBN eBook: 978-3-86495-735-2
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Playlist
Danksagung
Autorin
Dad,
ich vermisse dich jeden Tag.
Alles Gute zum Geburtstag im Himmel.
Ich liebe dich.
Presley
Vier Jahre zuvor
„Auf gar keinen Fall lasse ich dich gehen“, befiehlt mein Bruder Mikey von der Tür meines Zimmers aus. Nicht schon wieder dieser Mist.
„Also, ich sage es dir nur ungern, großer Bruder, aber ich bin erwachsen. Ich kann kommen und gehen, wann immer mir danach ist, ohne dass du mir das erlaubst.“
Mikey stößt sich vom Türrahmen ab und stapft verärgert mit seinen großen Füßen auf mich zu. Seine Wut strömt in hitzigen Wellen aus ihm heraus, die selbst die Polkappen zum Schmelzen bringen könnten, wenn sie sich in diesem Raum befänden. Die meisten würden sich nicht trauen, ihn derartig herauszufordern, wenn er sich so verhält, doch ich werde nicht nachgeben. Er kann schreien und brüllen, wie er will, aber das wird meine Meinung nicht ändern.
„Du bist meine kleine Schwester, und ich will verdammt sein, wenn ich zulasse, dass du den Staat ohne eine Erklärung verlässt.“
„Da gibt es nichts zu diskutieren. Du und dein Ein-Mann-Komitee könnt weitermachen.“
Ich höre auf, das Shirt, das ich in meine Tasche stecken wollte, hineinzustopfen und drehe mich auf dem Absatz um, um meinem Bruder Auge in Auge gegenüberzustehen. Er überragt mich mit seiner Größe, und für den Bruchteil einer Sekunde fühle ich mich von seiner massiven Präsenz in den Schatten gestellt. Er ist wie ein Schwergewichtsboxer, der seinem Außenseitengegner im Nacken sitzt. Obwohl ich in diesem Fall die Außenseiterin bin, wird er als Erster auf der Matte landen und sich geschlagen geben.
Du hast diesen Deal gemacht, Presley. Lass dich durch seine Wut nicht dazu bringen, deine Entscheidung zu überdenken. Das ist deine Chance zu gehen, und du ergreifst sie.
Ich verschränke meine Arme vor meiner Brust und bleibe standhaft. Er schnaubt lautstark seine Missbilligung heraus. Mit seinen kalten blauen Augen wirkt er wie das Spiegelbild meines Vaters, der vor langer Zeit gestorben ist, aber immer noch im dunkelsten Teil meines Geistes lebt. Der Teil von mir, gegen den ich ständig ankämpfen werde, damit er nicht an die Oberfläche gelangt. Mein Bruder mag sich vielleicht der Lebensvorstellung meines Vaters angepasst haben, doch das ist nicht mein Schicksal. Ich werde dieses Leben nie leben.
Mikeys Kälte bringt einen sehr eindringlichen Gedanken in meinen Kopf. Wie sehr hat mein Bruder in meiner Abwesenheit die dunkle Seite unseres Vaters angenommen?
Mikey hat jetzt eine Ehefrau und eine Familie, doch wie sehr ist er auf einem gefährlichen Pfad in die dunklen Fußstapfen meines Vaters getreten? Wir tragen beide ein Stück dieses Bastards in uns. Während mein Bruder das scheinbar mit offenen Armen willkommen geheißen hat, habe ich dagegen angekämpft.
Es ist neun Jahre her, seit ich mehr als ein paar Tage in dieser Stadt verbracht habe, und heute sollte das letzte Mal sein, dass ich für die nächsten Jahre einen Fuß hierher setze. Das ist kein Zufall. Jede Fahrt von der Schule nach Hause war stets wie ein Messerstich ins Herz. Mein Familienleben war nicht gerade malerisch. Bei Weitem nicht. Es war dunkel, unglücklich und voller Tod und Zerstörung. Der Club meines Vaters ist weit entfernt von einer Familie, und obwohl ich gut behandelt wurde, habe ich Dinge gesehen, die sie mich nicht sehen lassen wollten. Sogar jetzt, nach dem Tod meines Vaters, sind die Heaven’s Rejects immer noch eine Gruppe von Männern, die den Teufel wie ein Kind mit Tobsuchtsanfall aussehen lassen.
Wo immer sie sich aufhalten, folgt ihnen der Tod.
„Du gehst nicht. Ende der Geschichte“, erklärt mir mein Bruder in seinem sachlichen Tonfall. Zu seinem Pech hat dieser Ton bei mir noch nie so funktioniert wie bei seinen Brüdern.
„Ich gehe“, erwidere ich und kneife die Augen zusammen.
Seine streitlustigen Antworten erinnern mich daran, wie wir uns als Kinder gestritten haben. Verhalten wir uns als Erwachsene nun tatsächlich immer noch so? Was kann ich noch tun, um ihm klarzumachen, dass mir seine Meinung scheißegal ist?
Er knurrt wütend, und um meinen Standpunkt zu untermauern, drehe ich ihm den Rücken zu und packe weiter. Er wird mich nicht einschüchtern und zum Bleiben zwingen. Er legt mir seine große Hand auf die Schulter und dreht mich daran wieder zu sich um.
„Ich habe dir vier Jahre an dieser verflucht teuren Schule gegeben. Als du dann gefragt hast, ob du auf die weiterführende Uni gehen kannst, habe ich nachgegeben und dir fünf weitere Jahre bezahlt. Du hast deinen Abschluss gemacht, und es ist höchste Zeit, dass du nach Hause kommst.“
Er hat nicht unrecht damit. Ohne seine Hilfe und die kleine Lebensversicherung, die mein Vater auf meinen Namen hinterlassen hatte, hätte ich mir nicht einmal das Studiengeld für die Stanford University leisten können. Ich bin dankbar für das, was er für mich getan hat. Er hat mir dazu verholfen, meine Träume zu verfolgen, und tief in meinem Inneren weiß ich, dass er wollte, dass ich gut ausgebildet zurückkomme und zu Hause bleibe.
Aber das will ich nicht und ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, ob ich es je tun werde.
Die Zeit, die ich weit weg von den Heaven’s Rejects verbracht habe, war wie ein friedlicher Urlaub, der mich nur darin bestärkt hat, dass Distanz das Beste für mich ist. Jahrelang habe ich als gekrönte Prinzessin unter der Herrschaft meines Vaters und dann unter der meines Bruders gelebt. Es ist für mich unerträglich. Jede Sekunde, die ich unter diesem Dach verbracht habe, war voller Angst, die mein Leben beherrscht hat. Zwischen dem Chaos, das mein Vater offensichtlich meinem Bruder hinterlassen hatte, und der Veränderung der Kultur, die Mikey hier versucht hat zu etablieren, befand ich mich ständig außerhalb meiner Komfortzone. Ich hatte die Freiheit gekostet, und das war ein Gefühl, das ich niemals aufgeben würde. Kein noch so großes Schuldgefühl wegen der Unterstützung meines Bruders würde meine Meinung ändern, wenn so viel auf dem Spiel steht.
„Ja, mir ist durchaus bekannt, wer mein Studiengeld bezahlt hat, doch du scheinst nicht akzeptieren zu können, dass ich nicht so bin wie du“, zische ich zurück. „Du bist glücklich damit, hier als König zu leben. Das war ich nie. Nach dem Tod meines Vaters dachte ich, das würde sich ändern, aber das ist nicht der Fall. Du wirst immer mehr wie er. Genau wie er es gewollt hat. Wenn ich in dieser Welt überleben will, muss ich weg von hier. Weg von diesem Club. Und weg von deinem Einfluss.“
Die Worte, die soeben meinen Mund verlassen haben, haben ihn tief getroffen, wie ich es beabsichtigt hatte, denn für den Bruchteil einer Sekunde kann ich erkennen, wie ein kurzer Anflug von Traurigkeit über seine Gesichtszüge huscht. Er muss es verstehen, und das ist der einzige Weg, es ihm begreiflich zu machen. Wenn ich das nicht jetzt tue, wird er mit Zähnen und Klauen weiterhin gegen mich ankämpfen, bis zum bitteren Ende, bei dem ich als Gefangene in meinem eigenen Haus landen würde. Ich muss ihm wehtun, sonst wird er mich nie loslassen.
„Wirst du mir wenigstens sagen, wohin du gehen wirst?“
„An die Ostküste“, antworte ich kurz angebunden, ehe ich ihm erneut den Rücken zuwende.
„Jesus“, gibt er von sich, während er sich in den Nasenrücken kneift. „Das ist alles, was du mir sagen wirst, oder?“
Innerlich seufze ich, weil mir klar ist, dass mir das viel mehr wehtun wird als ihm. Mikey ist kalt und berechnend wie mein Vater, und Momente wie diese erinnern mich daran, wie unterschiedlich wir nun tatsächlich sind.
„Was ist mit Mom?“, fügt er hinzu und versetzt mir damit einen Tiefschlag.
„Mom versteht das. Im Gegensatz zu dir.“
Und dem ist auch so, selbst wenn ich sie angelogen habe, dass ich ein Praktikum bei der größten Psychologiegruppe des Landes bekommen würde. Es war eine Art Praktikum.
Das ist der wahre Grund, an den ich mich klammere, aber es ist auch viel mehr als nur ein Praktikum. Es ist eine Chance, etwas zu werden. Eine Chance, von hier wegzukommen und meine Karriere voranzutreiben. Eine Chance, die ich mit offenen Armen annehme, trotz der Konsequenzen, die sie mit sich bringen wird. Eine weitere Gelegenheit wie diese würde sich nie wieder ergeben, und ich muss sie ergreifen. Dies ist meine einzige Möglichkeit, mein Schicksal zu schmieden, selbst wenn ich den einen Teufel gegen einen anderen tausche und eine lange Liste von Anforderungen erfüllen muss. Opfer müssen erbracht, Lügen erzählt und höchste Geheimhaltung gewahrt werden.
So sehr ich diesen Club auch verabscheue, Mom war stets mein einziger Grund für kurze Reisen nach Hause. Allein der Gedanke, sie zurückzulassen, lässt mein Herz ein wenig sterben. Doch das steht nicht zur Debatte. Sie ist das Opfer, das ich bringen muss, um in meinem Leben das zu bekommen, was ich will, ohne die Schulden bei meinem Bruder und seinem Club noch weiter zu erhöhen. Sie ist der Preis, den ich für meine Freiheit bezahlen muss.
Es sind nur ein paar Jahre. Du erledigst deinen Job und dann bist du frei.
Keine familiären Bindungen, keinerlei Besuche und keine festen Orte. Der Teufel, der mich jetzt besitzt, hat verlangt, dass ich meine Verbindungen zu so ziemlich der gesamten Welt abbreche. Als sie mir alles, was ich jemals beruflich wollte, an einem goldenen Faden vor meiner Nase haben baumeln lassen, habe ich daran gekratzt wie ein verspieltes Kätzchen, das darauf hofft, adoptiert zu werden. Ich sehne mich verzweifelt nach etwas mehr in meinem Leben und sie sind bereit, es mir zu ihren Bedingungen zu geben. Sie haben nicht lockergelassen, wenn ich mit meiner Mutter telefoniert habe, allerdings habe ich bereits einen anderen Weg gefunden, es dennoch tun zu können. Ich schätze, das ist das Gute daran, wenn man die Tochter des inkarnierten Bösen ist, denn ich weiß, wie man über den Tellerrand hinausblickt. Meine Mutter ist der einzige Lichtblick in meinem Leben und ich brauche sie, und sei es nur, um ihre Stimme zu hören.
Mikey reibt sich mit der flachen Hand über die Stirn in dem kläglichen Versuch, mit dem klarzukommen, was ich ihm verständlich mache. Er besitzt einen Dickschädel, der bis zum Rand mit Sturheit gefüllt ist. Genau wie bei mir. Wir sind aus demselben genetischen Stoff gemacht. Obwohl so viele Jahre zwischen uns liegen, kenne ich ihn besser als er sich selbst.
Er war schon immer der beschützende große Bruder und ich die vernarrte kleine Schwester, die ihn angehimmelt hat, als wir uns als Kinder nähergestanden haben. Bis er dem Club beigetreten war und sich damit alles verändert hatte. Die Verspieltheit in ihm wurde durch einen Mann ersetzt, der kaum etwas mit Mikey zu tun hat, wie ich ihn kannte, und der nun vor mir steht. Mikey ist jetzt Raze, Clubpräsident. Er ist jetzt ein Mann, der tut was er will, und alle anderen haben sich ihm zu fügen. Der Club kommt zuerst und alles andere kommt an zweiter Stelle.
Außer mir. Ich bin erwachsen geworden, während er nicht hingesehen hat.
„Mikey, du weißt, dass ich hier nicht hingehöre. Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen, das dir ständig hinterhergelaufen ist. Ich bin jetzt eine erwachsene Frau mit einem Doktortitel in Psychologie. Dieses Praktikum ist die Chance meines Lebens, und egal, was du sagen wirst, ich werde sie ergreifen.“
Er schaut kurz weg, ehe er seinen Blick erneut auf mich richtet. Der traurige Ausdruck auf seinem Gesicht gibt mir die Antwort, von der ich weiß, dass sie gleich über seine Lippen kommen wird.
„Na schön“, knurrt er. „Aber ich möchte, dass du nach Hause kommst, wenn du kannst. Mom wird dich vermissen.“
„Ich werde es versuchen“, lüge ich. „Dieses Programm ist sehr intensiv, und ich habe keine Ahnung, wie viel Freizeit ich haben werde.“
„Ich schätze, ich kann es akzeptieren, dass du es versuchen wirst“, gibt er enttäuscht von sich.
Bevor ich darauf überhaupt etwas erwidern kann, schlingt er seine kräftigen Arme um mich und hält mich so fest wie seit Jahren nicht mehr. Die Vertrautheit seiner Umarmung bringt mich für einen Moment zurück in die schöneren Tage unserer Kindheit, bevor sie mich dann wieder in die Realität zurückholt. Es ist ein flüchtiger Moment von Schwäche, der verschwinden wird, sobald er mein Zimmer verlässt, und er seine Schutzmauer wieder hochziehen wird.
„Mikey“, gebe ich quietschend von mir. „Draußen wartet ein Wagen auf mich. Ich muss fertig packen. Mein Flug geht in ein paar Stunden und ich bin noch nicht einmal im Entferntesten soweit, zu gehen.“
Widerstrebend lässt er mich los und verlässt wortlos und besiegt den Raum. Obwohl er sein Ass im Ärmel ausgespielt und versucht hat, Mom als Ausrede zu benutzen, habe ich ihn am Ende übertrumpft. Ich sehe mich in meinem kleinen Zimmer im Haus meiner Mutter um. Es ist ein komisches Gefühl zu wissen, dass dies das letzte Mal sein könnte, dass ich mich in diesem Raum aufhalte. An meinen Wänden hängen Bilder von meiner Zeit als Softballspielerin, von akademischen Clubwettbewerben, und ein gerahmter Zeitungsartikel über meine Aufnahme in Stanford. Ein staubiges Regal daneben beherbergt meine Trophäen und Medaillen, die mich an meine längst vergangenen Highschool-Tage erinnern. Mir wird das Herz schwer, während ich meinen Blick durch den Raum schweifen lasse und all die Erinnerungen wieder hochkommen.
Schüttele es ab. Du weißt, was passieren wird, wenn du bleibst. Lass die Erinnerungen hinter dir.
Die gedämpfte Stimme meines Bruders, die vom Ende des Flurs herüberkommt, holt mich sofort zurück von meinem Trip in die Vergangenheit und erinnert mich an die Flug-Pings auf meinem Handy neben dem geöffneten und halb gepackten Koffer. Schnell schnappe ich mir ein paar der Erinnerungsstücke, die ich mitnehmen will, und packe sie neben ein paar weiteren Klamotten ein, ehe ich den Reißverschluss zuziehe. Mein Handy stecke ich mir in die Gesäßtasche, bevor ich den schweren Koffer vom Bett hieve und neben die Tür stelle. Es ist traurig, wenn man bedenkt, dass so viel von meinem Leben derzeit in diesen drei Taschen steckt. Es ist ziemlich erbärmlich.
Mikeys Stimme wird lauter, als ich höre, wie er mit Mom über meinen Weggang streitet. Er versteht einfach nicht, dass Mom immer nur das Beste für uns gewollt hat.
Er ist Dads Weg gegangen und ich folge nun Moms neuem Pfad. Dads Tod hat uns alle befreit, doch für sie war es die Chance auf ein anderes Leben. Sie musste sich keine Sorgen darüber machen, eine alleinerziehende Mutter oder obdachlos zu sein. Sie wurde gut versorgt und genoss nach langer Zeit zum ersten Mal das Leben wieder, auch wenn mein Bruder sie stets aus der Ferne im Auge behalten hat.
Ein letztes Mal blicke ich mich im Raum um, ehe ich mir eine der Taschen über die Schulter hänge, mir meinen Koffer und die zweite Reisetasche schnappe und mein altes Zimmer verlasse.
Mikey und Mom halten inne, als sie mich bemerken. Sofort steigen meiner Mutter Tränen in die Augen.
„Ich wünschte, du würdest dich von mir zum Flughafen fahren lassen“, sagt sie.
Aber sie weinend dort am Bordstein zurücklassen zu müssen, würde mich brechen, und ich kann das Risiko nicht eingehen. Ich muss das tun. Das ist mein einziger Ausweg.
„Ich weiß, Mom“, beruhige ich sie. „Aber das Praktikum hat den teuren Wagen da draußen gestellt und ich will es mir nicht schon am ersten Tag vermasseln.“
„Ich weiß, Baby“, gibt sie nach.
Ein weiteres Ping ertönt von meinem Handy. Es ist Zeit zu gehen.
„Ich liebe dich, Mom“, flüstere ich, stelle den Koffer und die Tasche ab, um nach ihr zu greifen. Ihr zierlicher Körper schmiegt sich an den meinen, und sie zittert schluchzend.
„Ich liebe dich“, wispert sie gegen meine Schulter. Nach wenigen Minuten zieht sie ihr tränenüberströmtes Gesicht von meinem weg und reibt ihre Hand über meine Wangen. „Pass auf dich auf, Baby.“
„Das werde ich.“
Ich schaue zu meinem Bruder, der neben ihr steht, und er rührt sich nicht. Seine Sturheit ist offenbar nicht bereit, die Kontrolle lange genug aufzugeben, um sich zu verabschieden. Aber das ist auch besser so. Er würde nur erneut versuchen, mich zum Bleiben zu überreden, und ich würde diesen Ort lieber ohne einen weiteren Streit verlassen. Ich nicke ihm zu, als ich an ihm vorbeilaufe. Er schweigt, während ich durch die Haustür ins Freie trete.
Noch ehe ich zwei weitere Schritte nach draußen gegangen bin, schnappt sich ein Mann in schwarzem Anzug rasch meine Reisetaschen und lädt sie in den Kofferraum des bereitstehenden Autos. Danach dirigiert er mich zur geöffneten Wagentür. Ich rutsche in das warme Lederinterieur der dunklen Limousine. Das Geräusch der hinter mir ins Schloss fallenden Autotür jagt mir einen Schauer den Rücken hinunter, und noch einmal, als er auf dem Fahrersitz Platz nimmt. Der Wagen ruckt, als er losfährt, während ich durch die dunkel getönten Scheiben beobachte, wie meine Kindheit in der Ferne schrumpft.
Nachdem ich das Haus meiner Mutter nicht mehr sehen kann, drehe ich mich um und meine eigenen Tränen rollen mir über die Wangen. Ich schluchze viele Meilen lang, bis absolut nichts mehr in mir ist. Die nassen runden Flecken sind jetzt meine Tapferkeitsabzeichen. Die Tränen, die meinen Körper verlassen, repräsentieren die Angst vor dem Unbekannten und die Einsamkeit, von meiner Familie getrennt zu sein.
Voodoo
Zwei Monate zuvor
„Alte Angelegenheiten?“, fragt mein Clubpräsident in den überfüllten Raum, in dem wir unsere Messe regelmäßig abhalten. Meine Brüder sehen sich um und warten darauf, ob irgendjemand zusätzliche Informationen zu unserem täglichen Clubmeeting beisteuert.
Hero, unser VP, räuspert sich, und ich habe plötzlich das Gefühl, dass mir das, was ich gleich hören werde, nicht gefallen wird.
„Ich möchte Sliders Patch-Abstimmung ansprechen.“
Ich unterdrücke ein Aufstöhnen. Der Junge war da, als er gebraucht wurde, doch seine großspurige Haltung geht mir langsam auf die Nerven. Seiner Meinung nach hat er sich sein Patch längst verdient. Die Realität ist allerdings, dass er noch so viel lernen muss, was es bedeutet, den Eid abzulegen und unserer Bruderschaft beizutreten. In unseren gewalttätigen Momenten hat er sich gut geschlagen. Das kann ich wirklich nicht leugnen. Er muss nur kapieren, dass nicht alles in einem Blutbad enden wird. Das empfindliche Gleichgewicht zwischen Frieden und Gewalt ist für uns schnell zur neuen Normalität geworden. Er muss das einfach akzeptieren und nicht ständig den nächsten Kampf suchen.
„Denkst du wirklich, dass dafür jetzt ein guter Zeitpunkt wäre?“, erwidert Tyson mit fragendem Gesichtsausdruck.
„Ich denke, wir müssen bald eine Entscheidung treffen“, entgegnet Hero. „Es ist ja nicht so, als hätte er seine Bewährungszeit nicht dafür bekommen. Wir brauchen Männer. Die letzte Auseinandersetzung mit Rex sollte dafür Beweis genug sein.“
„Dem stimme ich zu, allerdings bin ich diesbezüglich auf Tysons Seite. Ja, er hat seine Zeit investiert, allerdings habe ich einige Vorbehalte gegenüber dem Jungen. Er benötigt mehr Zeit, um erwachsen zu werden, bevor wir ihm die Vollmitgliedschaft geben. Wir sollten nicht voreilig neue Mitglieder aufnehmen, nur weil unsere Zahlen niedrig sind. Wenn wir Unterstützung benötigen, können wir jederzeit die anderen Charter hinzuziehen“, schlägt Raze bei der Diskussion vor.
Mein Präsident rutscht auf seinem Stuhl hin und her und streicht mit den Händen seinen ergrauten, struppigen Bart glatt. Die letzten Jahre haben ihn sichtlich altern lassen, trotz des Wiederauflebens seiner jung machenden Beschäftigungen mit Darcy, seiner neuen Old Lady. In ihrer Gegenwart wirkt er manchmal fast munter. Ich sollte ihr irgendwann einmal Blumen dafür schicken, oder wäre das zu seltsam? Eine Karte mit „Danke, dass du meinen Präsidenten fickst“ könnte womöglich den falschen Eindruck entstehen lassen. Ich verwerfe die Geschenkidee und widme meine Aufmerksamkeit wieder der Unterhaltung um mich herum.
Hero runzelt die Stirn, sagt jedoch nichts weiter. Er ist nicht immer einer Meinung mit Raze, und das verstehe ich durchaus. Wir sind nun einmal alle recht sture Bastarde, die die meiste Zeit an ihre Schwänze denken, doch in diesem Fall hat Raze einfach recht.
Es lauert derzeit keine Bedrohung am Horizont, die eine solch eilige Reaktion erforderlich macht oder rechtfertigen würde. Hinter dem Vorschlag, den Hero eben auf den Tisch gelegt hat, steckt noch etwas anderes. Ich muss nur herausfinden, was.
Raze beendet die heutige Sitzung und als ich den Raum verlasse, sehe ich, wie Hero in sein Büro geht. Jetzt habe ich die Chance, herauszufinden, was wirklich in seinem Kopf vorgeht, ohne meine Brüder als Publikum. Wir teilen so einiges in diesem Club, einschließlich der Clubmädchen, aber irgendetwas stimmt nicht mit ihm. So habe ich ihn nicht mehr erlebt, seit Dani entführt worden ist, von ihrem Stiefbruder aus der Hölle.
Ich gebe mir nicht einmal die Mühe anzuklopfen, stattdessen schlurfe ich in sein Büro und schließe die Tür hinter mir.
Hero hat die Ellbogen auf den Schreibtisch und den Kopf in seine Hände gestützt. Er hat nicht einmal mitbekommen, wie ich hereingekommen bin, oder dass ich die Tür hinter mir geschlossen habe. Oh ja, da ist definitiv etwas im Busch. Normalerweise wäre er schon längst auf halbem Weg zu mir und würde mir ein Messer an die Kehle legen, wenn er mich für einen Eindringling halten würde.
„Was ist dir heute in den Arsch gekrochen?“, frage ich ihn.
Sein Kopf schnellt hoch, als hätte jemand im Clubhaus „FEUER“ geschrien.
„Jesus, V. Ich habe dich nicht einmal reinkommen hören“, witzelt er mit erschrockenem Gesichtsausdruck. „Du brauchst eine verfluchte Glocke um den Hals.“
„Du wünschst dir doch bloß, dass du meine Ninja-Fähigkeiten hättest“, necke ich ihn zurück, was ihm ein Augenrollen entlockt.
Ich lasse mich auf den Stuhl ihm gegenüber fallen, lege meine Füße über Kreuz auf seinem Schreibtisch ab und nehme einen Schluck von meinem Kaffee, den ich zum Meeting mitgebracht habe. Extra schwarz mit einem Schuss Espresso. Genau der verdammte Kick, den ich morgens benötige, um meine Batterien zum Laufen zu bringen. Es ist wie Motoröl trinken, aber hey, es erledigt seinen Zweck.
„Nimm deine verfluchten Füße von meinem Schreibtisch, Alter“, fordert er von mir.
„Was? Es ist verdammte Eiche, kein Mahagoni, Effie“, feuere ich zurück, während ich jedoch seinem Wunsch nachkomme. Er hebt eine Augenbraue, und ich schüttele nur mit dem Kopf.
„Du musst wirklich öfter rausgehen. Wie konntest du die Anspielung auf die Tribute von Panem nicht verstehen?“
Hero starrt mich bloß an, ohne dass er seine Mimik zu einer Gefühlsregung verzieht, und schüttelt dann selbst den Kopf.
„Falls es dir entgangen sein sollte, war ich mit Club-Kram beschäftigt, zusätzlich zu den Zwillingen und einer schwangeren Frau zu Hause.“
Ich muss grinsen. Er hat sich wirklich vollkommen verändert. Vom hauseigenen VP-Arschloch der Extraklasse zu einem halbwegs sesshaft gewordenen Familienvater. Früher war er so ein harter Kerl. Jetzt ist er nur noch ein pissiges kleines Kätzchen mit Ring am Finger. Dani hat das leibhaftige Biest gezähmt und ihm Zwillingsmädchen geschenkt, die ihn für den Rest seines Lebens terrorisieren werden. Er bemüht sich, groß und böse zu wirken, aber mit einer Zukunft voller rosa Tutus und Barbiepuppen wird er von Tag zu Tag softer. Das ist verdammt noch mal unbezahlbar.
„Ist Dani das Problem?“, frage ich vorsichtig.
„Lass sie das bloß nicht hören. Schwangerschaftshormone vermischt mit meiner Frau ist in etwa so einfach wie die Nadel in einem verfluchten Heuhaufen zu finden. Wenn es nicht die Fast Food-Gelüste um drei Uhr in der Früh sind, dann ist es eine bestimmte Eiscreme-Sorte, die anscheinend nur ein bestimmter Laden führt und der nie geöffnet hat, wenn sie es will. Ich habe einen verdammten Vorrat von dem Zeug im Gefrierschrank versteckt, nur für den Fall. So schlimm ist es.“
„Sie ist schwanger?“, necke ich ihn, während ich von meinem Stuhl aufstehe und einen gefakten Freudentanz aufführe. Er blickt mich dabei finster an. Man muss wirklich schon ein Idiot sein, um nicht zu bemerken, dass Dani erneut schwanger ist. Es ist einfach nicht höflich, das in der Öffentlichkeit oder ihr ins Gesicht zu sagen. Ich besitze schließlich Manieren. An manchen Tagen.
„Halt die Klappe, Arschloch.“
„Ich sehe, dass jemandes Hormone verrücktspielen. Was? Will Dani etwa, dass du dich nach diesem hier sterilisieren lässt?“
Oh, bitte, sei ein weiteres Mädchen. Er hat es so verdient, bei dem Tempo, das er vorlegt.
Hero knurrt mich an und bekommt dann einen sehr ernsten Gesichtsausdruck. Ich bewege mich im Schneckentempo, nur um ihn auf die Palme zu bringen. Da ich den Kerl jetzt schon jahrelang kenne, weiß ich genau, wie ich ihn so weit reizen kann, dass er fast explodiert. Das ist eine wahre Kunst, und sie ist enorm praktisch, wenn ich ihm so richtig auf den Sack gehen will.
„Nein, aber für mich steht viel mehr auf dem Spiel als je zuvor. Was ist, wenn Dani in den Wehen liegt und die Scheiße an unsere Tür klopft? Ich möchte, dass meine Familie in Sicherheit ist, und ich denke, der beste Weg, um das zu erreichen ist, mehr Leute an Bord zu holen. Wir sind vielleicht aus dem Scheißgeschäft raus, doch das heißt nicht, dass es mit uns fertig ist.“
Ich denke über seine Sicht der Dinge nach, und ich stimmte ihm beinahe zu, ehe ich mich jedoch zurückhalte. Er kannte die Risiken, als er dem Club beigetreten ist, und vielleicht hat Jaggers Tod ihn mehr erschüttert, als ich zunächst angenommen habe. Sicher, es war ein Tiefschlag für uns alle, aber wir haben das Beste daraus gemacht und verhindert, dass es wieder passiert. Das Wiederaufleben von Rex kam zugegeben etwas unerwartet, doch auch dieses Problem haben wir ein für alle Mal begraben. Unsere Bedrohungen sind geschrumpft, wie die Chancen einer alten Jungfrau, jemals einen Mann abzubekommen. Warum macht er sich also jetzt darüber Sorgen?
„Das verstehe ich, Hero. Eine Familie zu haben, ist Furcht einflößender Shit. Du und Raze habt von uns allen am meisten zu verlieren, aber eure Brüder stehen hinter euch. Wenn du dir Sorgen machst, kann ich die Sicherheit in eurem Haus etwas verstärken. Möglicherweise ein paar Kameras mehr installieren, wenn du das willst. Weißt du, ich könnte dir sogar eine Kopie von allem besorgen, was ich in deinem Schlafzimmer aufnehme.“ Ich zwinkere ihm zu und versuche, damit die Spannung ein wenig zu lockern.
„Betrete niemals mein verfluchtes Schlafzimmer, V“, knurrt er. „Allerdings nehme ich dein Sicherheitsangebot gerne an.“
„Na schön“, schnaube ich. „Sexvideos sind eh sowas von gestern. Du könntest den Scheiß inzwischen live streamen.“
„Nein“, knurrt er lauter.
Ich springe vom Stuhl auf und strecke ihm meine Hand entgegen. Er starrt sie an, bevor er sie ergreift und schüttelt.
„Freut mich, mit Ihnen Geschäfte zu machen. Ich komme dann später vorbei, um diese Sexcams für dich zu installieren.“
„Nicht in meinem Schlafzimmer, Arschloch“, schreit er mit hinterher, als ich hinaus und über den Flur in mein eigenes Reich gehe.
„Guten Morgen, Mädels“, rufe ich meinen Computern an der Nordwand meines Büros zu, während ich das Licht einschalte. „Habt ihr euch letzte Nacht auch benommen?“
Natürlich ist Stille alles, was ich zurückbekomme, abgesehen von dem leisen Summen der Lüfter im Inneren und dem Echo meiner Schritte auf dem Linoleumboden. Ich wäre verrückt, tatsächlich zu glauben, dass sie reagieren würden. Nun, bis ich die Chance bekomme, einen Weg zu finden, wie das geschehen kann, und ich habe da einige Ideen. Allerdings noch nichts Konkretes. Ich habe schließlich Wichtigeres zu tun.
„Alexa, spiel meinen ‚Get-Shit-Done‘-Mix ab“, bitte ich mein Amazon-Echo, das auf meinem Schreibtisch steht, während ich meine übergroße Kaffeetasse, die an eine metrische Tonne erinnert, neben meinem Handy abstelle. Der Becher beginnt zu kippen, aber ich rette ihn davor, ehe er die Unterlagen ruiniert, die dort liegen und von einem früheren Fall der Sicherheitsgruppe stammen, die unser Club leitet. Nur ein weiterer Vorfall eines untreuen Ehemannes und der Frau, die ihn durch Catfishing zu einem Geständnis verleitet hat. Es war ein klarer Fall, der nur sehr wenig meiner technischen Zauberei, wie Ratchet es nennt, erfordert hat.
„Spiele die ‚Get-Shit-Done‘-Playlist“, wiederholt ihre elektronische Stimme. Innerhalb einiger Sekunden dröhnen die Klänge von Five Finger Death Punch aus den Lautsprechern, die perfekt per Bluetooth mit meinem Echo verbunden sind.
Mein Hintern bewegt sich im Takt, als ich zu den Computerkonsolen gehe und wie die Glücksradfee die Bildschirme berühre, um sie alle aufzuwecken. Auf dem Bildschirm links blinkt der Anime-Marvel-Porno-Bildschirmschoner mit Wonder Woman und Agent Romanov, die es ordentlich krachen lassen. Ich habe keine Ahnung, welcher geile asiatische Junge ihn gezeichnet und entworfen hat, aber ich liebe das Internet, weil es mir das gegeben hat.
Zeilen und Computercodes laufen und blinken über den Bildschirm, während das Suchprogramm, das ich letzte Nacht laufen ließ, immer noch arbeitet. Das ist überraschend, denn man würde nicht denken, dass es so schwer ist, eine Lücke im Familienservice-Department der kalifornischen Regierung zu finden. Sie müssten eigentlich noch mit uralter Technologie arbeiten, denn ein Hintertürchen zu finden, sollte ein Kinderspiel sein. Vielleicht sind eher meine Hackerfähigkeiten inzwischen veraltet.
Nee. Das ist nicht möglich, es sei denn, wir reden hier über irgendeinen nordkoreanischen Hacker. Die wären eher diejenigen, die mir das Leben schwer machen könnten.
Ich sehe noch einige Minuten zu, wie der Bildschirm die Codes der Regierungsdatenbank durchgeht, bevor ich mit den Schultern zucke und mich meiner anderen Aufgabe für den heutigen Tag zuwende. Ich gehe zu dem anderen Monitor und fahre mit dem Finger über die Oberfläche. „Guten Morgen, Boss Man“ erscheint und ich gleite mit dem Zeigefinger über den Scanner, um meine sicherere der beiden Konsolen zu entsperren. Die Akte meines Ziels wird eingeblendet, und ich frische mein Gedächtnis in Bezug auf den Fall auf, wobei ich mehr Informationen über Riccas Therapeutin, Dr. Matthews, herausfinde.
Sie könnte den Schlüssel dazu besitzen, meinen Bruder wieder zurück in seinen Club zu bekommen, wo er hingehört. Ratchet befürchtet, dass sie Ricca während ihrer Sitzungen dazu gebracht haben könnte, über ihre Zeit hier zu plaudern. Sie ist ein Unsicherheitsfaktor, und ich mag es nur, mit absoluten Tatsachen umzugehen.
In ihrem Fall musste ich mehr über sie in Erfahrung bringen und einen Weg in ihr Leben finden, um einige tausend Kilometer weit entfernt ihre Aktivitäten überwachen zu können. Als kultivierter Profi mag ich es nicht, Geschäftliches mit privatem Vergnügen zu vermischen. Das hier allerdings würde jedoch zu den Ausnahmefällen gehören.
Die Tatsache, dass ich bisher nichts gefunden habe, macht mich wahnsinnig. Nachts liege ich stundenlang wach und überlege mir einen neuen Ansatz oder denke mir eine verrückte Hintergrundgeschichte aus, warum sie mir ständig entwischt. Jeder hinterlässt im Internet Spuren, doch bis auf ein Anmeldekonto auf einer Dating-Seite, das ich entdeckt habe, ist sie wie ein Geist. Geister machen mich misstrauisch, und etwas an ihr macht mich stutzig.
Ob Casper der Geist oder nicht, es müssen doch irgendwo Informationen über sie existieren, und ich bin deswegen gezwungen, andere Geschütze aufzufahren. Dieser Fall erfordert höchste Diskretion. Ich muss jeden Winkel mit Samthandschuhen anfassen, um den Fall, der gerade gegen meinen eigenen Bruder und dessen Old Lady läuft, die er nach seiner Rückkehr am Arm haben will, nicht zu stören. Trotzdem hat mich das nicht davon abgehalten, sie über die Dating-Site zu kontaktieren. Es war mein letzter Ausweg und die einzige Möglichkeit, auf persönlicher Ebene mit ihr in Verbindung zu treten. Um in die Gedankenwelt von jemandem zu gelangen, der so viel Einfluss auf Ratchets Situation hat, ziehe ich wirklich alle Register.
Ich habe bloß nicht damit gerechnet, sie dermaßen interessant zu finden.
Man kann es von mir aus Kuriosität nennen, aber ich konnte nicht anders, als ihr Profil bei meiner ersten Websuche so perfekt aufpoppte. Ihre Angaben lasen sich wie eine Doktorarbeit. Keine lustigen Sprüche. Nur Fakten. Keinerlei sexuelle Anspielungen. Wenn diese Frau auf der Suche nach Liebe ist, dann macht sie wirklich alles falsch. Selbst ihr Foto war generisch.
Darauf war ihr Gesicht von ihrem langen, dunklen Haar umrahmt, und ein einzelnes braunes Auge war zu erkennen. Es wirkt derart langweilig, dass es mich irgendwie total anmacht, das Geheimnis herauszufinden, was sich unter diesem Haar verbirgt. Ist sie einfach nur schüchtern? Ist sie womöglich hässlich? Liegt es an einem peinlichen Muttermal wie bei Austin Powers? Die Spannung bringt mich ehrlich gesagt um.
Ich bin komisch. Verklagt mich doch.
Natürlich bin ich meiner Sorgfaltspflicht nachgekommen und habe ihr Foto in den Stockfoto-Datenbanken und bei Google Images gesucht. Nichts ist dabei herausgekommen. Entweder ist das Foto demnach echt, oder sie ist ein wahres Zaubergenie, was Photoshop betrifft. So oder so hat sie mein Interesse auf einer Ebene geweckt, die möglicherweise rein professioneller Natur ist oder auch nicht.
Die größte Überraschung passierte, als sie mir nach wenigen Tagen zurückgeschrieben hat. Na ja, nicht mir, sondern dem CEO eines Computer-Start-ups, der in San Diego lebt.
Eine alternative Realität von mir selbst zu erschaffen, war fast schon lustig. Der Typ, den sie auf der anderen Seite des Bildschirmes vermutet, ist ein lässiger Kerl. Einer, der mit seinen Gesichtszügen die Damenwelt aufschreien lässt. Nicht, dass ich nicht gut aussehe, denn, nun ja, ich denke schon, allerdings muss ich vorsichtig sein. Wenn ich es verkacke, während ich in ihrem Privatleben herumschnüffle, könnte mein Foto sie in den Club zurückführen. Das schlechte Gewissen, ihr ein gefälschtes Profilfoto untergejubelt zu haben, nagt an mir, als ich sie besser kennengelernt habe. Das Fake-Foto war allerdings eine Notwendigkeit für den Club und das Land, sozusagen. Sie könnte sich schließlich auch als die Art Mädel ‚Marke verrückter Stalker-Typ‘ herauskristallisieren. Nicht, dass ich prinzipiell nichts gegen ein paar Stalker mehr in meinem Leben hätte, doch das ist jetzt nebensächlich.
Unsere ersten Gespräche handelten die grundlegenden Kennenlernfragen ab. Kinder (zur Hölle nein), Jobs und Beziehungsstatus, alles wurde nach und nach von der Liste abgehakt. Der Beginn war ein heikler Tanz der gegenseitigen Aufklärung. Und als ich zufrieden war, dass ich sowohl die richtige Person gefunden als auch ihr Interesse geweckt hatte, unsere Gespräche fortsetzen zu wollen, spielte ich ihr den Ball zurück, indem ich ihr meine Telefonnummer gegeben habe. Nun, die Nummer eines Wegwerfhandys, schließlich geht Sicherheit nun einmal vor.
Verrückte Stalker können mitunter echt Laune machen, doch jetzt ist nicht der Zeitpunkt, derartigen Mist in den Club zu bringen, so kurz nach den Problemen, die wir mit einem ehemaligen Clubkollegen gehabt hatten. Aber jetzt ist er tot und der andere Club, der in unser Territorium geritten war, wurde fröhlich von uns wieder auf den gelben Steinweg zurückgeschickt, wie Dorothy auf dem Weg zum Zauberer.
Das Adrenalin war bei allen noch in höchster Alarmbereitschaft, und das Gleichgewicht zwischen Vernunft und Wut schwankt im Alltag immer noch hin und her, da Ratchet so weit weg ist. Er wird hier gebraucht, doch ohne einen Abschluss mit Ricca wäre er eh dienstuntauglich gewesen.
Das Geräusch eines Lichtschwertes ertönt aus meinem Handy und ich rolle mit meinem Schreibtischstuhl zurück an meinen Schreibtisch. Mit meinem Fingerabdruck entsperre ich mein iPhone und stelle fest, dass die gute Kopfdoktorin endlich auf meine Nachricht geantwortet hat.
Sie: Wie läuft es in der Tech-Welt heute?
Ah, Small Talk. Meine Lieblingsbeschäftigung. Ich lächle, während ich meine Antwort tippe.
Ich: Für mich ist das alles nur Code. Wie läuft’s im Gehirn-Geschäft? Hast du heute schon Patienten in die Klapsmühle geschickt?
Während sie eine Erwiderung schreibt, blitzen die drei schrecklichen Punkte der Qual auf meinem Bildschirm auf.
Sie: Heute nicht. Du weißt, dass ich es dir sowieso nicht sagen dürfte, selbst wenn ich es täte.
Noch immer hält sie sich an der Small Talk-Karte fest, doch ebenso spielt sie die schwer Erreichbare, und langsam fängt es mir an zu gefallen.
Ich: Ah. Das Hippo-Gesetz.
Sofort erscheinen die Punkte wieder, und ich weiß bereits, dass sie mich korrigieren wird.
Sie: Es lautet HIPAA. Irgendwelche Pläne für das Wochenende?
Ich halte für ein paar Minuten inne, ehe ich antworte.
Ich: Oh, vielleicht ein Ausflug mit meiner Yacht in den Pazifik oder eine Reise ins Herz von Las Vegas. Du könntest mitkommen. Ich wette, du würdest wunderschön auf meinem Deck aussehen.
Sehr cool, Idiot. Ich frage mich, ob sie mein Wortspiel überhaupt bemerkt. Die Punkte blinken immer mal wieder mehrere Minuten lang auf, bevor ihre Erwiderung endlich zurückkommt. Ich habe sie wohl aus der Fassung gebracht.
Erster Punkt geht an mich. Als Therapeutin sollte sie eigentlich dieses Herumgeeiere bereits aus einem Kilometer Entfernung erkennen, allerdings habe ich so das Gefühl, dass sie nicht gerade knietief in sozialen Interaktionen steckt, so wie sie auf mich reagiert.
Sie: Dein Deck? Das klingt ja überhaupt nicht schmutzig. Außerdem hast du nicht einmal eine Ahnung, wie ich überhaupt aussehe. Woher willst du wissen, ob ich schön bin?
Treffer und versenkt. Es ist Zeit, zum Todesstoß anzusetzen.
Ich: Nun, dein Profilbild ist ein wenig geheimnisvoll, aber dein braunes Auge ist ziemlich schön. Du solltest mir ein echtes Foto von dir zuschicken, damit ich dir beweisen kann, dass ich recht habe.
Spiel deine Karten aus. Komm schon. Gib mir, was ich brauche.
Ich starre eine Ewigkeit auf mein Telefon. Keine Punkte. Keinerlei Pings. Verdammt noch mal, nichts. Habe ich es übertrieben? Habe ich zu früh Druck ausgeübt? Herrgott, ich habe einen ganzen Monat lang mit dieser Frau geschrieben und es womöglich mit einer Fotoanfrage vermasselt. Das sieht tatsächlich nach einer umgekehrten Reaktion auf ein Schwanzfoto aus.
Ich werfe mein Handy auf den Schreibtisch und widme mich wieder meinen Computerbildschirmen. Der Scan des Codes ist immer noch in Arbeit und ich schaue mir das zur Ablenkung an. Allerdings habe ich das Gefühl, dass selbst die tickende Wanduhr mich verspottet.
Tick. Tack. Du. Hast. Es. Verkackt.
Ich stoße mich mit einem hörbaren Schnauben von meinen Computermonitoren ab, während ich über mich selbst schimpfe, bis ein Ping von meinem Telefon mir die Rettung bringt.
Ich eile zu meinem Handy und lasse es dabei fallen.
„Verficktes Ding“, fluche ich und jage dem Smartphone hinterher. Ich lasse mich auf alle viere unter den Schreibtisch fallen. In den dunklen Tiefen der Unterseite meines Schreibtisches greifen meine Finger danach und ziehen gleichzeitig einen längst verlorenen Kartoffelchip hervor. Sekundenlang betrachte ich den Chip und überlege, ob ich hineinbeißen soll oder nicht, ehe ich ihn über meine Schulter wegwerfe und meinen Telefonbildschirm entsperre. Es wäre wahrscheinlich der Beginn der neuesten Plage, wenn ich ihn tatsächlich gegessen hätte.
Meine Finger zittern, als ich auf ihren Namen blicke, und mir stockt der Atem, nachdem ihr Foto auf meinem Screen erschienen ist. Ihr herzförmiges Gesicht wird von langen, dunklen Haaren eingerahmt, wie auf ihrem Profilfoto. Ihre Lippen sind zusammengepresst, doch es sind ihre Augen, die mich regelrecht anziehen und nicht mehr loslassen. Zwei sind definitiv besser als eins.
Ich starre ihr Bild viel länger an, als ich es sollte, und schicke dann eine Kopie davon an meinen persönlichen E-Mail-Account. Wie geplant, werde ich danach suchen, aber ich will nicht riskieren, dass es sich von selbst zerstört und in Luft auflöst.
Diese Frau hat etwas an sich, und dieses Foto weckt in mir nur den Wunsch, mehr zu erfahren.
Ich: Du bist die schönste Frau, die ich je gesehen habe.
Presley
„Das ist so eine schlechte Idee“, gibt meine Patientin Ginny von sich, während ich die letzte Kurve unserer Reise nehme.
Und damit hat sie nicht im Geringsten unrecht. Das hier ist eine schlechte Idee. Tatsächlich ist es die mieseste, die ich je gehabt habe und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich im Laufe meines Lebens so einige fragwürdige Entscheidungen getroffen habe. Entscheidungen, wie die Wahl eines Mannes oder was den Motorradclub meines Bruders betraf. Es war nicht leicht, als ihre kleine Prinzessin aufzuwachsen, und das erste Mal, als ich mich frei gefühlt habe, war der Tag, an dem ich diesem Teil meines Lebens Lebewohl gesagt habe.
Das Schicksal hatte einen anderen Plan für mich und ich habe nie zurückgeblickt, bis jetzt, als ich sie in der Stunde der Verzweiflung wirklich brauchte. Ich kann nur hoffen, dass mein Bruder uns nicht im Stich lässt und unsere Ärsche zurück auf die Straße befördert, nachdem ich dieses Leben einfach so hinter mir gelassen habe.
„Du hast recht. Diese Richtung einzuschlagen, ist nicht gerade logisch“, antworte ich ihr mit einem Seufzer, gleich nachdem die Worte meinen Mund verlassen haben. „Allerdings ist es nicht so, dass wir an diesem Punkt eine andere Option hätten.“
„Ich weiß. Ich hasse nur die Vorstellung, sie in meinen Schlamassel hineinzuziehen. Das habe ich dir schon angetan und ich fühle mich deswegen so schuldig.“
Ich bemühe mich, nicht über ihre Andeutung zu lachen, dass dieser Club sich besonders anstrengen würde, um eine heimtückische und illegale Tat zu begehen. Sie fühlt sich schuldig, weil sie im Begriff ist, eine Bande von Männern einzubeziehen, die in ihrem Leben mehr schändliche Dinge getan haben, als sich ein durchschnittlicher Mensch auch nur erträumen könnte. Die Dinge, die ich als Kind mitansehen musste, hinterlassen bei mir immer noch eine Gänsehaut. Mein Vater war ein kranker und perverser Bastard, der es genossen hat, die Menschen um ihn herum und deren Familien zu quälen. Obwohl er mich nie Derartigem direkt ausgesetzt hat, wusste ich davon, trotz der schwachen Versuche meiner Mutter und meines Bruders, mich vor diesem Teil des Clublebens abzuschirmen. Er war das pure Böse, und ich brauchte nicht erst meine Jahre an der Uni, um herauszufinden, dass mein Vater ein eingefleischter Soziopath mit einer Vorliebe für leichte Frauen und illegale Aktivitäten war.
Ich greife über die Mittelkonsole und drücke beruhigend ihre Hand. Ginny hat dieses Leben nicht verdient, und trotz ihrer Vergangenheit kann ich das verängstigte kleine Mädchen in ihr erkennen. Sie mag vielleicht als Patientin in mein Leben getreten sein, doch nachdem ich sie seit Jahren privat behandele, ist sie inzwischen mehr zu einer Freundin geworden. Etwas, das ich in meinem Leben dringend brauchte, als mich Heimlichtuerei und eine Vergangenheit voller Elend umgaben.
„Wir stecken da zusammen drin, ob es uns nun gefällt oder nicht. Das ist unsere einzige Überlebenschance.“
„Ich weiß“, flüstert sie fast. „Ich will ihm nur nicht noch einmal gegenübertreten. So sollte es nicht sein. Als es sicher war, hätte ich zurückkehren sollen.“
„Sicherheit ist in dieser Welt nie garantiert. Hinter jeder Ecke lauern Gefahren, und im Moment treibt uns die Gefahr an einen Ort zurück, vor dem wir beide weggelaufen sind. Gib der Sache Zeit“, erkläre ich ihr. „Mein Bruder wird uns nicht im Regen stehen lassen.“ Hoffentlich.
Bei der Erwähnung meines Bruders verzieht Ginny das Gesicht, und mir ist sofort klar, warum. Ihr eigener Bruder, von dem ich erst vor Kurzem erfahren habe, ist Mitglied desselben Clubs. Er hat sich auch mit einer anderen Patientin von mir getroffen. Warum scheinen alle Fäden zurück an diesen Ort zu führen? Ich laufe fort und dennoch folgt er mir einfach. Es ist verrückt.
„Mach dir seinetwegen keine Sorgen. Er wird sich freuen, dich zu sehen.“
„Zuerst. Dann wird er sauer sein.“
Das ist etwas, wofür ich ihm wirklich keinen Vorwurf machen kann, denn seine kleine Schwester hat ihren eigenen Tod vorgetäuscht. Doch das ist eine Angelegenheit, die nur die beiden etwas angeht, es sei denn, sie wollen, dass ich bei ihrer Wiedervereinigung auf professionelle Weise vermittle.
Ansonsten würde ich mit meinem eigenen Bruder einiges zu klären haben, der möglicherweise ebenfalls ein wenig angepisst sein dürfte.
Ginny muss sich ihrem Bruder stellen, wenn sie jemals über die Schuldgefühle wegen ihrer Trennung hinwegkommen möchte. Dies hier könnte ihre erste Prüfung werden, um sich selbst wiederzufinden. Na ja, und sich um unser kleines Problem zu kümmern, das uns gerade verfolgt.
Ein vertrauter Anblick taucht am Horizont auf und mein Herz klopft wie eine Trommel in meiner Brust. Es ist ein Ort, der so viele schmerzhafte Erinnerungen an meine Kindheit und vor allem an meinen Vater birgt.
Denk nicht an ihn. Er ist tot. Lass ihn hinter dir und mach weiter.
Während die Einfahrt zum Parkplatz immer näher kommt, hadere ich mit meiner Entscheidung. Wie bei Ginny kann man die Beziehung zwischen meinem Bruder und mir bestenfalls als entfremdet bezeichnen. Als wir aufgewachsen sind, waren wir die besten Freunde, doch nachdem mein Vater gestorben war, hatte sich etwas an ihm verändert. Die Freundlichkeit, die ich einst an ihm kannte, verschwand und war durch etwas Dunkleres ersetzt worden. Er war zum Schatten meines Vaters geworden. Ich kann nur hoffen, dass mein Bruder in den Jahren, in denen wir getrennt waren, nicht zu dem sprichwörtlichen Apfel geworden ist, der vom verrückten Baum meines Vaters abgefallen war. Denn als ich gegangen bin, standen wir nicht gerade auf einvernehmlichem Territorium zueinander.
Der Parkplatz ist voller als erwartet, als ich ihn befahre. Sonntags ist es eigentlich ruhiger im Heaven’s Rejects