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Obwohl 70% der Deutschen an die "große Liebe" glauben, scheitern viele Beziehungen immer wieder aus den gleichen Gründen. Mit der Liebe geht es manchmal ganz schön schnell. Manchmal reicht ein romantischer Abend, manchmal sogar nur der berühmte "erste Blick". Doch wenn die Schmetterlinge im Bauch erst einmal verflogen sind, fällt es vielen Menschen schwer, die andauernde und innige Beziehung aufzubauen, die sie sich eigentlich wünschen. Dabei sind Probleme in einer Partnerschaft ganz normal und absolut menschlich. Immerhin gehört die Liebesbeziehung zu den größten Herausforderungen, die uns im Leben begegnen. Sie besitzt nicht nur das Potential, dass wir uns immens weiterentwickeln - sondern sie hat glücklicherweise auch die Fähigkeit, unbewusste Wunden zu heilen. In ihrem Buch erklärt die Diplom-Psychologin und Beziehungs-Expertin Nele Sehrt, wie jedes Paar lernen kann, so miteinander umzugehen, dass die Beziehung für beide erfüllend ist. Dabei greift die Autorin auf den Erfahrungsschatz ihrer langjährigen Praxis als Paar- und Sexualtherapeutin zurück. In diesem Beziehungs-Ratgeber gibt es kein "Müssen" und kein "Sollen", vielmehr geht es um das gemeinsame Gestalten einer Partnerschaft, damit sich beide Partner wohlfühlen können. Das Besondere: Anstelle von allgemeinen Patentrezepten lädt die Autorin ihre Leser dazu ein, sich selbst eine individuelle Lösung zu erarbeiten. Sehrts Buch thematisiert Fragen vom Verlieben bis zur Trennung – und allem, was dazwischen passiert. Und für jene, die dringenden Rat suchen, ist das Buch wie ein Nachschlagewerk aufgebaut und muss nicht von vorne bis hinten durchgelesen werden. Wer gleich mit der Arbeit an der eigenen Beziehung beginnen möchte, kann auch direkt bei einem spezifischen Thema einsteigen. Wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig charmant, verrät Nele Sehrt, wie jeder Beziehung lernen kann. Es lohnt sich!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2020
ist Diplom-Psychologin, Sexual-, Paar- und Traumatherapeutin mit einer eigenen Praxis in Hamburg (www.nelesehrt.de). Seit vielen Jahren ist sie als Beziehungsexpertin gefragt und aus Printmedien ebenso wie aus TV-Sendungen („The Biggest Loser“ oder „Liebe leicht gemacht“) bekannt. Sie schreibt unter anderem eine Kolumne über Liebe, Sex und Partnerschaft in der „Welt“. Die Psychologin weiß, dass man sich weiterentwickeln und alte Wunden heilen kann, wenn es in der Beziehung gelingt, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und die Emotionen zu regulieren. Und wie schön es werden kann, wenn ein Paar Krisen überwindet. „Liebe passiert, Beziehung ist Arbeit“ ist ihr erstes Buch, mit dem sie zeigen möchte, dass die Liebe keineswegs vorbei ist, wenn der erste Rausch verfliegt. Was danach kommt, kann mit Arbeit verbunden sein. Aber es lohnt sich!
Wenn der Alltag in die Liebesbeziehung einzieht, wird das Leben zu zweit ganz schön störanfällig. Partner nerven sich gegenseitig. Unter Stress und Frustrationen reagiert der eine vielleicht aggressiv, der andere zieht sich ängstlich zurück. Jeder hat sein eigenes Muster. Es kommt zu Missverständnissen, Verletzungen, Schuldzuweisungen oder zu langem Schweigen. Sex findet kaum noch statt. Dabei wollen beide Partner eigentlich nichts dringender, als glücklich und zufrieden miteinander zu sein. Die Liebe ist schließlich noch da, doch die Kommunikation darüber funktioniert nicht mehr. Die Diplom-Psychologin Nele Sehrt greift in diesem Buch typische Themen auf, die sehr viele Paare haben, und zeigt, wie man in Ruhe und reflektiert miteinander umgehen kann und dabei lernt, Gefühle zuzulassen, sich auf Neues einzustellen und Konflikte zu lösen.
Ist es denn nicht möglich,
sich täglich nahe zu sein,
ohne alltäglich zu werden –
voneinander entfernt zu sein,
ohne sich zu verlieren ...?
Beziehungsweise
sich maßlos zu lieben,
ohne sich lieblos zu maßregeln –
einander gewähren zu lassen,
ohne die Gewähr zu verlieren ...?
Beziehungsweise
einander sicher zu sein,
ohne sich abhängig zu machen –
einander Freiheit zu gewähren,
ohne sich unsicher zu werden ...?
Jochen Mariss
Vorwort
Die große Verliebtheit: im Rausch der Gefühle
Liebe möchte nicht rationalisiert werden
Überschwemmung mit Glücksgefühlen
Gemeinsames suchen, Widersprüche ausblenden
Die Pathologie der Verliebtheit: manisch, süchtig, übergriffig
Ein natürlicher Drogenrausch
Mit Kuschelhormonen Bindung aufbauen
Harter Aufprall: nach dem Hoch ins Tief
Den Zustand der Ernüchterung aushalten
Herausforderung annehmen: sich selbst kennenlernen
Nähe muss man ertragen können
Wenn keine Lust auf etwas Festes zum Muster wird
Glück sammeln für schlechte Zeiten
Bei Problemen nicht gleich trennen
Keine Ausbildung für ein erfolgreiches Privatleben
Liebevolle Unterschiede: Du nervst!
Alltag und Funktionieren
Individuelle Beziehungsmuster
Individuelle Ebene, Paarebene und Elternebene
Unzufriedenheit und Stressreaktion
Streitdynamik: von Rückzug und Kampf
Wir werten Verhalten und nehmen es persönlich
Erfahrungen hinterlassen Spuren: der Partner als neue Familie
Kritik im Alltag: der Beziehungsbaum oder „So sollst du sein“
Der ständige Kampf des Menschen: Emotionen versus Logik
Gemeinsamkeiten versus Ergänzungen
Gebranntes Kind
Zwei Systeme – statt Täter und Opfer
Die Schuldfrage macht depressiv
In einer idealen Welt
Die vielen Stolpersteine auf unserem Entwicklungsweg
Die Bindungstheorie
Die Balance zwischen Nähe und Distanz
Die sichere Bindung
Die unsicher-vermeidende Bindung
Die ängstlich-vermeidende Bindung
Die desorganisierte Bindung
Bewältigungsstrategien
Schwäche auf gleicher Ebene: das Kollusionsmodell
Der Wunsch nach Heilung
Beispiel: der Teufelskreis des Helfersyndroms
Wir sind Kinder unserer Eltern – und die unserer Großeltern
Manche Dinge brauchen mehrere Generationen, um zu heilen
Generationen und ihre Bedürfnisse
Der Weg in ein selbstbestimmtes Leben: Abhängigkeit auflösen
Bindung bildet Resilienz
Wertschätzen, aber wie?
Fokussierung und Wahrnehmung: das zehnte Ei
Gelernte Optimierungsmuster verlassen
Natur, Entwicklung und Mutationen
Die Evolution und der Selbstwert
Andere Menschen sind überlebenswichtig
Aus dem Fremdbild ein Selbstbild machen
Wertschätzung auf Paarebene
Wertschätzung trifft Veränderungswunsch
Vor der Wertschätzung kommt Interesse
Körperliche und mentale Wertschätzung
Sexualität und Beziehung
Wenn andere Dinge in den Vordergrund treten
Reduktion gehört zu unserer Natur
Eine Partnerschaft verläuft in Phasen
Wir sind, was wir lernen
Vom Arztspielen bis zum ersten Partner
Eine Beziehung braucht einen exklusiven Rahmen
Wenn das Haus keinen Zement mehr braucht
Sexualität in Langzeitbeziehungen bedient ein anderes Lustsystem
Lustlosigkeit und Erektionsprobleme
Kopf ausschalten? Die Gurke im Chefsessel
Beziehung ist etwas Drittes aus zweien
Sex braucht Emotionen: Wenn das Herz nicht will, wird es schwierig
Der schwere Weg des Wiedereinstiegs
Am Anfang war der Flirt
Überlegen: Was ist eigentlich Begehren?
Den Ball aufnehmen und zurückspielen
Sexologie: über Funktion und Frust
Wissenschaft und Funktion
Paradigmenwechsel zum lustvollen Erleben
Noch nicht am Ende der Aufklärungsphase
Der vaginale und der klitorale Orgasmus
Die Geschichte der Klitoris
Der Orgasmusreflex und der Erregungsreflex
Wie unsere Sinne bei Erregung helfen
Taktile Reize können für Frauen sehr lustvoll sein
Sexualität erleben mit Körper und Psyche
Hemmende und fördernde Faktoren erkennen
Körperliche Stimulation
Die Erregungsphase wird häufig vernachlässigt
Was die Geschlechtsorgane brauchen
Verbindende Aspekte zwischen Mann und Frau
Doktorspiele 2.0 mit Hintergrundwissen
Atmung, Tempo, Druck und Co.
Unsere Genitalien sind prozessorientiert
Müssen wir den vaginalen On-Knopf finden?
In gegenseitigem Einvernehmen: jeder, wie er mag
Vom Umgang mit Seitensprüngen und Affären
Der Aufprall und die Stressreaktion
Das heimliche Zimmer im gemeinsamen Haus
Untreue, evolutionsbiologisch betrachtet
Die ewige Frage nach dem Warum
Wo Informationen fehlen, breiten sich Ängste aus
Mehr Kontrolle bringt Vertrauen nicht zurück
Rückzug und Konzentration auf sich selbst
Wo sind unsere gemeinsamen Grenzen?
Den Grenzbereich neu abstecken
Loslassen bedeutet, an sich selbst zu glauben
Einen neuen Umgang mit mir selbst lernen
Mit Flashbacks umgehen lernen
Zeit für eine Entscheidung
Ich blicke auf das Du
Wir sind und waren mehr als der Betrug
Trennung ist immer eine Option
Die Treppe auf dem Weg zu einer neuen Beziehung
Offene Beziehung: Wann darf unser Dorf Besuch kriegen?
Trennung und Neuanfang
Das Boot im Hafen
Schritt 1: Status quo erhalten, es nicht schlimmer machen
Schritt 2: Boot ranholen, hinfahren oder abschleppen?
Schritt 3: Neuverhandlungen
Nicht warten, bis man keine Kraft mehr hat
Umgang mit Verletzungen
Wenn sich einer vom anderen trennt: Trennungstäter und Trennungsopfer
Option: Rückgewinnung
Beide trennen sich: Trennung in Freundschaft
Trennung mit Kindern
Offene Rechnungen und Wunden
Der, der auszog, um traurig zu sein
Ich lasse dich los: die Phase der Entwöhnung
Ein neuer Partner
Trennung durch Tod
Wir alle haben eine tiefe Sehnsucht nach lebenslanger Verbundenheit mit einem Partner oder einer Partnerin. Der Traum von der ewigen Liebe ist so alt wie die Menschheit – und trotzdem für die meisten unerfüllbar. Liebe, Beziehungen und Sexualität sind zentrale Themen in unserem Leben, die leider so gut wie nie langfristig ohne Konflikte funktionieren. Denn Bindungen zu anderen Menschen sind unglaublich störanfällig. Die Liebesbeziehung ist eine der größten Herausforderungen, der wir uns stellen können.
In meiner Praxis sehe ich zahlreiche Paare, die sich mit ihren Beziehungsproblemen auseinandersetzen. Dabei erlebe ich immer wieder, dass die Partner häufig sehr unterschiedliche Ansichten vertreten, aber keiner von beiden absichtlich ein Problem konstruiert oder sogar Freude daran hat, Konflikte zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Meistens versucht ein Paar verzweifelt, seine Probleme zu lösen, um gemeinsam glücklich zu werden. Jeder möchte dem anderen wieder näherkommen, weiß aber nicht, wie das gelingen könnte. Ich sehe bei nahezu allen Auseinandersetzungen nicht die Konflikte der Partner, sondern die Liebe zwischen ihnen. In diesem Buch zeige ich verschiedene Wege und Richtungen, die es möglich machen, in typischen Beziehungskonflikten liebevoller mit sich selbst und seinem Partner umzugehen.
Was kann ich tun, damit meine Beziehung auch nach der ersten heißen Phase der Verliebtheit ihren Zauber nicht verliert? Wie gelingt ein Alltag zu zweit, in dem sich beide wiederfinden und glücklich sein können? So lauten die zentralen Fragen dieses Buchs, durch das sich der typische Verlauf einer Beziehung mit all ihren Höhen und Tiefen wie ein roter Faden zieht. Es beginnt mit der ersten berauschenden Zeit des Verliebtseins und setzt sich fort mit den Tücken des gemeinsamen Alltags – von Unzufriedenheit, Langeweile und Streitdynamik über Wertschätzung und Bindungen in der Kindheit bis zu Sexualität, Seitensprüngen, Trennung und Neuanfang.
Dieses Buch ist wie ein Nachschlagewerk aufgebaut und muss nicht von vorn bis hinten gelesen werden. Wer gleich mit der Arbeit an der eigenen Beziehung beginnen möchte, kann auch direkt bei einem spezifischen Thema einsteigen. Ein klassischer Ratgeber ist das Buch allerdings nicht. Es gibt kein Müssen oder Sollen, keine pauschalen Antworten und keinen Fünf-Punkte-Plan als Gelinggarantie für ewiges Glück. Denn wir sind alle Individuen und jede Partnerschaft ist unterschiedlich. Es geht vielmehr darum, in allen Bereichen des Zusammenlebens die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen und sie dem Partner mitzuteilen. Denn auch wenn unser Leben voll ist von Beziehungen zu anderen, steht schlussendlich die Beziehung zu dem einzigen Menschen im Mittelpunkt, der uns wirklich von der ersten bis zur letzten Minute begleitet: Die Beziehung zu uns selbst.
Der Zauber der Liebe ist einzigartig. Nichts macht uns so glücklich oder lässt uns so sehr verzweifeln, ohne dass wir es bewusst beeinflussen können. Wenn die Liebe kommt, ist sie einfach ein fantastisches Geschenk. Wenn sie droht zu gehen, weil die erste heiße Phase vorbei ist, beginnt die eigentliche Arbeit.
Liebe ist so schön, so vollkommen. Sie erwischt dich, haut dich um, erfüllt dich. Sie macht dich verrückt und fast wahnsinnig. Liebe überschreitet Grenzen, ist einfach und kompliziert zugleich. Liebe kann so viel. Liebe kann verwunden, aber auch heilen. Liebe gibt Kraft und Geborgenheit. Liebe ist eine Chance, aber auch eine Bürde.
Sie kann dich glücklich machen und dich über den Wolken schweben lassen. Aber Liebe öffnet auch Abgründe, sie lässt dich schwierige Momente aushalten und leiden. Liebe macht dich verletzlich – und Liebe lässt dich fallen. Liebe lässt dein Herz zerbrechen. Die schönsten Songs wurden aus Gründen der Trauer und des Verlusts geschrieben. Liebe ist die Sprache der Welt. Liebe versteht jeder. Und Liebe fühlt jeder. Liebe ist das, was wir draus machen. Liebe ist alles.
Aber wie verliebt man sich eigentlich? Wir können mit einer Bereitschaft zur Liebe in die Welt hinausgehen. Vielleicht auch begleitet uns eine unerfüllte Sehnsucht schon sehr, sehr lange. Deshalb begeben wir uns auf die Suche – bei der Arbeit, in unserer Freizeit oder online. Aber wir können Liebe nicht planen. Sie trifft einen. Ob voll auf die zwölf oder schleichend, ob mit einem Knall oder nach langer Freundschaft. Liebe passiert einem, einfach so. Wir müssen nichts dafür tun, nichts dafür leisten. Sie ist ein Geschenk, das uns das Leben bereithält.
Warum wir uns einen Partner aussuchen oder gerade genau den einen, ist ein Zusammenspiel von sehr vielen Aspekten: Es ist etwas Bekanntes, etwas Fremdes und etwas Ersehntes. Es basiert auf unserer Genetik und unserer Sozialisation, kurzum: Viele Faktoren spielen hinein. Auf was wir ganz genau reagieren, ist unterschiedlich und hat auch individuelle Gründe. Sind uns beispielsweise Sicherheit und Zuverlässigkeit wichtig, ist es eher unwahrscheinlich, dass uns jemand unerprobt gleich zu Beginn begeistert. Dann ist möglicherweise die Wahrscheinlichkeit höher, sich in einen Freund zu verlieben, der schon länger mit einem das Leben teilt – was auch absolute Vorzüge haben kann. Wann aber genau jemand einen anderen Menschen als toll, umwerfend oder liebenswert empfindet, das kann die Forschung nicht abschließend sagen.
Deshalb ist die Liebe bis heute etwas Zauberhaftes, Mystisches und Magisches. Etwas, das viele auch gar nicht entzaubert haben wollen, denn Liebe ist ein Gefühl und möchte nicht rationalisiert werden.
Irgendwann erwischt es einen und das Gehirn fängt an mit neurochemischen Prozessen. Es feuert, es überschwemmt den Kopf mit Glückshormonen. So entsteht ein Rausch, der nicht selten alles andere in den Schatten stellt, der alles andere unwichtig erscheinen lässt. Wir beschäftigen uns nahezu 24 Stunden am Tag mit dem Objekt unserer Begierde und der andere scheint die Lösung aller Probleme zu sein, beziehungsweise alle anderen Probleme sind nicht mehr so wichtig.
Bekannte können ein Lied davon singen: Man kriegt den Freund häu- fig nur noch im Zweierpack. Die Augenblicke, in denen man nichts von dem geliebten Etwas erzählt bekommt, sind rar gesät. Die Aufmerksamkeit auf andere Themen ist selten, mal ganz abgesehen von der unglaublichen und permanenten guten Laune, mit der eine solche Phase noch begleitet wird. Kein Wunder, dass die jährliche Facebook-Veranstaltung zum Valentinstag „Glückliche Paare im Park mit Steinen bewerfen“ jedes Jahr erneut großen Zulauf hat.
Ich mag Vera, wirklich. Und wir kennen uns auch schon seit 17 Jahren. Aber wenn Vera verliebt ist, dann ist sie nicht auszuhalten. Nicht, dass das häufig passiert, aber wenn es sie erwischt, dann richtig. Vor sechs Wochen kam sie zu mir, um von Niko zu erzählen. Den hatte sie auf einer Firmenfeier kennengelernt, zu der sie eigentlich nicht hinwollte. Aber es sollte wohl so sein, sagt sie. Auch dass sie sich gar nicht richtig aufgehübscht hat und er sie trotzdem anziehend fand, sei ein klares Zeichen, dass Niko der Richtige sein könnte. Der für den Alltag, für das Alter, für die Parkbank – das schließt sie nicht aus. Eine Beziehung muss nach oben hin offen sein, sagt sie immer. Wenn sie irgendwas ausschließen kann, ist es der Anfang vom Ende. Aber da sind wir nicht, nein. Wir sind bei Niko, bei seinen Grübchen, wenn er lacht. Bei seinen Nackenhaaren, wo sich immer ein paar Haare für eine ganz andere Richtung entscheiden. Nikos Revoluzzer-Haare, nennt sie sie. Ich bin gefühlt dabei gewesen, als es so unglaublich süß von ihm war, dass er sich gemerkt hat, dass sie Fleischsalat mag. Und dass Fleischsalat im Kühlschrank stand, als sie ihn am Wochenende in Bonn besucht hat. Und überhaupt, ob sie denn schon erzählt hätte, dass sie jeden Abend telefonieren. Fast die ganze Nacht durch. Und dass sie nicht müde ist und dass es einfach passt – wie der Deckel auf den Topf! Ich freue mich auch für sie. Aber es gibt kaum noch eine Zeit, wo Niko nicht Thema ist. Wo sie nicht aufspringt und zum Handy rennt, wenn sie eine Nachricht bekommt. Sie ist fahrig, kann kaum ruhig auf dem Sofa sitzen und zuhören. Und sie strahlt. Regt sich über nichts mehr auf. Eigentlich hasst sie es, wenn sich auf der heißen Schokolade eine Haut bildet. Es ekelt sie geradezu. Aber nicht heute, nein. Heute erzählt sie einfach weiter, nimmt sich ein Taschentuch und wischt sich den Mund ab. Einfach so, als ob nichts gewesen wäre.
Wenn wir verliebt sind, suchen wir nach Gemeinsamkeiten, nach allem, was die ersehnte Verbindung bestätigt. Und wir sortieren automatisch alles aus, was der Verbindung widersprechen könnte. Darum muss man sich noch nicht mal aktiv bemühen, denn das Gehirn macht es einfach. Ohne um Erlaubnis zu fragen. Automatisch und ständig.
Diese selektive Wahrnehmung bestärkt das Wir und lässt alles fallen, was eventuell nicht passen könnte. Und wenn man doch etwas findet, das nicht ganz so passt, dann finden wir diesen Teil interessant. Denn Unterschiede sind spannend, Eigenarten sind niedlich. Noch. Wir machen Komplimente, bemühen uns und widmen dem Wir viel Zeit. Wir bestätigen den anderen und fühlen uns bestätigt. Häufig wird diese Phase durch ein hohes Level an sexueller Lust begleitet. Es ist einer der wenigen Augenblicke im sexuellen Leben, wo Qualität auf Quantität trifft: Man entdeckt und erforscht den Körper des anderen. Man findet es lustig, dass das Gegenüber Gänsehaut auf den Oberschenkeln bekommt, wenn man mit dem linken Ringfinger in einer bestimmten Richtung die rechte Kniekehle streichelt. Und man überzeugt sich nur zu gerne davon, dass man diese Reaktion immer wieder hervorrufen kann. Es könnte sogar passieren, dass man hoch motiviert ist, den Partner so oft wie möglich zum Höhepunkt zu bringen. Was für eine spannende Zeit! Man sucht Nähe – und genießt sie. So manches Paar würde sich eine solche Aufmerksamkeit auch noch zu einem späteren Zeitpunkt wünschen – zumindest einen kleinen Teil davon.
Diese unendliche Energie, die uns durchflutet. Der Schlaf, den der Körper plötzlich nicht mehr braucht. Dieses hohe Aufmerksamkeits- level. Dieses Verhalten kennen wir nicht nur von Menschen, die verliebt sind, sondern aus der Psychiatrie. Schaut man in den Bereich der affektiven Störungen, also den Bereich, wo die Gefühlswelt, das Gefühlserleben und die Gefühlsäußerung der Betroffenen gestört sind, dann finden wir bei der Manie genau die Symptome, die auch Vera befallen haben: gehobene Stimmung, sorglose Heiterkeit, Rededrang, das verminderte Schlafbedürfnis, Hyperaktivität, gesteigerte sexuelle Libido und übertriebenen Optimismus.
Wenn wir verliebt sind, sind wir nicht nur manisch. Wir erfüllen meist auch noch zahlreiche Kriterien einer akuten Suchterkrankung. Immerhin haben wir fast schon ein zwanghaftes Bedürfnis, uns mit dem Objekt der Begierde zu beschäftigen. Wir möchten ständig bei ihm sein, in den anderen hineinkriechen, alles von ihm wissen – und leiden unter Entzugserscheinungen, wenn wir uns eine gewisse Zeit nicht mehr gesehen haben. Wir vernachlässigen andere Interessen und unsere Freunde. Und wir beschäftigen uns auch ohne den direkten Kontakt über Tagträume und Plaudereien mit dem Wir und haben selten etwas dagegen, die Dosis zu erhöhen. Der andere ist allgegenwärtig, in unserem Fühlen, in unseren Erzählungen und in unseren Träumen. Hunderte Kilometer mit dem Auto zu fahren für eine kurze Umarmung? Kein Problem! Den anderen morgens um vier Uhr zum Flughafen zu bringen? Gerne!
Meistens müssen wir noch nicht mal danach gefragt werden, wir kommen sogar selbst auf solche Ideen. Und tatsächlich: Das Gehirn eines verliebten Menschen, dem man ein Bild eines geliebten Menschen zeigt, feuert ähnlich wie ein Drogensüchtiger, dem man ein Bild seines Rauschmittels vorsetzt. Solche bildgebenden Verfahren haben uns gezeigt: Liebe ist wie eine Sucht und unterscheidet sich nicht wirklich wesentlich von süchtigem Verhalten. Und so könnte man sagen, dass Verliebtheit der einzige gesellschaftlich akzeptierte Suchtzustand ist. Mehr noch: Verliebtheit ist der einzige gesellschaftlich akzeptierte Suchtzustand, bei dem andere Menschen sich sogar mit dem Süchtigen freuen und ihn ohne jeden Zweifel bestätigen.
Aber nicht nur das: Wir sind auch übergriffig. Wir entwenden, erbetteln, erschleichen uns ein T-Shirt, um daran zu riechen oder darin einzuschlafen. Wir lassen unseren Slip in der fremden Wohnung lie- gen mit dem Gedanken, dem anderen damit einen kleinen glückseligen Flashback zu verschaffen. Oder um, unromantisch ausgedrückt, unser Revier zu markieren. Vielleicht überraschen wir unser Liebesobjekt auch bei der Arbeit in der Mittagspause – was meist auf Wohlwollen stößt, sofern sich das Liebesobjekt in einem ähnlich wahnhaften Zustand befindet.
Denn wenn dies nicht der Fall ist, kann ein solches Verhalten sehr schnell beängstigend wirken. Nach einigen Jahren Beziehung würde man das spontane Auftauchen bei der Arbeit höchstwahrscheinlich als kontrollierend und einengend empfinden – und generell als recht unan-genehm. Aber in der Anfangsphase einer Beziehung ist das anders.
Überhaupt haben wir in dieser ersten Phase recht viele Anzeichen eines Stalkers. Wir sammeln beispielsweise Erinnerungen wie das erste Kinoticket oder die Eintrittskarte vom ersten Stand-up-Comedy-Besuch. Oder wir heben die erste geschriebene Nachricht auf, auf der steht, wie schön die Nacht war und wie sehr man sich schon auf den Abend freut. Doch dieses Aufheben von Erinnerungsstücken, um dieses Erlebnis ein wenig länger festhalten zu können, kennen wir nicht nur aus der Liebe.
Wir kennen dieses Verhalten auch aus der Forensik. Sexual- und Gewaltstraftäter neigen ebenfalls dazu, etwas vom Opfer oder vom Ort des Geschehens mitzunehmen. Und auch wenn man sich damit nicht vergleichen möchte, weil das in einem ganz anderen und massiv übergriffigeren und schmerzlichen Rahmen passiert, so merkt man doch, dass unser aller Verhalten auf einem gemeinsamen Nenner beruht. Der Wunsch nach Bindung und Intimität – auch wenn es noch so absonderlich ausgeprägt ist – lebt in uns allen.
Aber was ist das eigentlich, das uns so agieren lässt? Was passiert da in unserem Körper? Warum drehen wir so durch? Wir haben es in der Verliebtheit mit einem wahren Hormoncocktail zu tun. Viele Botenstoffe überfluten unser Gehirn, werden aktiviert oder vermindert. Und das alles, um in einen natürlichen Drogenrausch zu kommen. Damit das auch funktioniert, müssen negative Emotionen und kritische Urteile unterdrückt werden. So fühlen wir uns sauwohl und suchen die Nähe zum anderen. Ohne Wenn und Aber. Denn nur so kann das Belohnungssystem ungehindert feuern und den Glückskreislauf aufrechterhalten.
Bindung, Intimität und Nähe werden also auf vielfache Weise und mithilfe zahlreicher Botenstoffe ermöglicht. Alles greift ineinander und nicht nur ein Botenstoff ist allein für ein bestimmtes Verhalten verantwortlich. Dopamin ist beispielsweise ein Botenstoff, der uns aktiviert und glückselig werden lässt. Perfekt also für die Liebe. Er steuert unseren Tatendrang und unser Interesse. Bei einem hohen Dopaminspie-gel können manische Symptome auftreten, kein Wunder also, dass das Dopamin bei Verliebten ordentlich feuert und uns ein berauschendes Gefühl hinterlässt. Das Dopamin hilft uns dabei, dass wir uns auf eine monogame Beziehung einlassen können oder die Verantwortung für eine eigene Familie übernehmen wollen.
Die erlebte Euphorie dagegen und die durchaus auftretenden irrationalen Handlungen am Anfang einer Liebschaft haben vermutlich eher etwas mit dem erhöhten Neurotrophinwert zu tun. Denn dieser Botenstoff kann dazu beitragen, dass man sich hemmungslos und fast schon unzurechnungsfähig verhält. Außerdem unterstützt Neurotrophin den Auf- und Abbau neuer Nervenzellen, sodass sich Erinnerungen besser in unser Gedächtnis einbrennen können. Denn auch nach vielen Jahren erinnern wir uns nur zu gerne an die erste gemeinsame Zeit. Manchmal wünschen wir uns auch diesen Zustand zurück. Dass ein Paar sich im Verhalten angleicht, hat dagegen mit dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron zu tun. Spannenderweise sinkt dessen Konzentration im Blut eines verliebten Mannes, während der Wert bei verliebten Frauen ansteigt.
Das passiert nicht nur, weil ein verminderter Testosterongehalt einen Mann weniger flatterhaft werden lässt. Es wird auch gemutmaßt, dass durch eine solche Angleichung störende Geschlechtsunterschiede reduziert werden könnten und so ein harmonisches Miteinander besser ermöglicht wird – zumindest in den ersten ein, zwei Jahren.
Die Verliebtheitsphase führt also dazu, sich ein unrealistisches Bild von dem anderen zu machen und damit eine intensive Bindung herzustellen. Und wo es um Bindung geht, kann das Kuschel- und Liebeshormon Oxytocin nicht weit sein. Oxytocin wird nicht nur bei der Geburt und beim Stillen ausgeschüttet, sondern insbesondere auch beim Sex und bei der Masturbation. Interessanterweise wird dieses Bindungshormon bei Frauen eher nach dem Sex und bei Männern eher bei der Aussicht auf Sex ausgeschüttet. Das ist ein Grund mehr, warum Frauen nach dem Sex noch kuscheln möchten – und warum der Leitspruch unserer Großmütter „Willst du was gelten, mach dich selten“ vielleicht doch gar nicht so falsch war, wenn man einen Mann zu Beginn einer Bekanntschaft an sich binden möchte.
Natürlich sorgt nicht nur Oxytocin dafür, Bindung aufzubauen. Vaso- pressin beispielsweise steuert Emotionen, sorgt für gut durchblutete Sexualorgane und ist auch an der Gedächtnisleistung beteiligt. Bei Nagetieren führt ein erhöhter Wert dazu, dass Männchen bei der sexuellen Treue unterstützt werden und bei Weibchen das Fürsorgeverhalten gegenüber dem Nachwuchs gefördert wird.
Aber nicht nur die Zentren sind aktiv, die mit Bindung und Belohnung in Zusammenhang gebracht werden. Studien konnten auch zeigen, dass ein gewisses Stressempfinden nötig ist, damit sich starke Bindungen bilden können. Und so lässt nicht nur Adrenalin unser Herz rasen und unsere Hände schwitzen. Auch der Anstieg des Stresshormons Cortisol zeigt, dass die Phase der Verliebtheit für den Körper Anstrengung bedeutet. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass ein solcher Zustand nicht lange anhalten kann. Dieser Ausnahmezustand ist kein Zuckerschlecken. Weder für Freunde noch für den eigenen Körper. Deshalb kann so ein Zustand nicht ewig dauern. Und daher ist es nur natürlich, dass auch ein solch wundervoll natürlicher Rausch irgendwann zu Ende sein muss.
Tatsächlich stabilisieren sich nach 12 bis 18 Monaten die Botenstoffe wieder und beenden diese erste Phase. Der Körper kann das nicht lange aushalten. Er muss sich wieder normalisieren – und das tut er auch. Wer Manie oder Sucht kennt, der weiß, dass nach dem Hoch ein Tief kommt. Und dieser Aufprall kann hart sein oder aber schleichend. Je nachdem, wie hoch man geflogen ist. Stück für Stück zieht sich danach die Realität in den Alltag. Das, was uns anfangs so begeistert hat, lässt uns nicht mehr ganz so schnell aufspringen, etwa wenn sich der andere übers Handy mit einer Nachricht meldet. Wir beenden auch erst mal das aktuelle Gespräch mit dem guten Freund, bevor wir den Partner zurückrufen. Unsere Begeisterung ebbt ab, normalisiert sich. Je nüchterner wir werden, desto mehr lernen wir den anderen kennen. Und desto mehr Kleinigkeiten fallen uns auf.
Dinge, die nicht ganz so gut passen, werden nun nicht mehr ausgeblendet. Es scheint, als hätte sich der andere verändert. Ja, hat er. Denn auch sein Liebescocktail normalisiert sich und beeinflusst sein Verhalten. Vielleicht verläuft diese Phase bei beiden gleichzeitig – manchmal aber auch nicht. Irgendwann ist es so weit und beiden Beteiligten fallen scheinbar mehr Dinge auf, die es vorher nicht in die bewusste Wahrnehmung geschafft haben. So mancher Mensch ertappt sich bei dem Gedanken, ob der andere denn immer schon so gewesen sei. Wir werden realistischer, das Bild von unserem Gegenüber vervollständigt sich. Aber Moment! Wenn wir realistischer werden – in was haben wir uns denn dann verliebt? Tja, leider war es nur die Erwartung, die uns innerlich hat beben lassen.
So nüchtern es klingt, ist es eigentlich auch – ohne den rosaroten Schleier. Es ist nur eine Vorstellung gewesen, eine Möglichkeit. Ich hatte Kenntnis von meinem Gegenüber, die war aber nicht ansatzweise so vollständig wie das Bild, das sich jetzt langsam abzeichnet. Eigentlich weiß ich so gut wie gar nichts. Wie kann man sich denn in so wenig verlieben? Oder hat das vielleicht genau damit zu tun, dass wir uns verlieben, eben weil wir den anderen kaum kennen? Ja, auch wenn das die beginnende Magie entzaubert – wir haben ganz bequem zahlreiche Wünsche und Hoffnungen in das Objekt unserer Begierde hineinprojiziert. Unser Körper hat sich darum gekümmert, ohne zu fragen und ganz von allein. Genießen wir es also in vollen Zügen, so lange es dauert. Denn es wird kaum wieder eine Zeit geben, in der man das Gegenüber so verzerrt positiv wahrnehmen wird – realistisch war das auf jeden Fall nicht.
Wenn sich also die Botenstoffe im Gehirn wieder normalisieren, wenn das Objekt der Begierde bei einem nicht mehr den erwünschten High-Effekt auslöst, ja, dann kann man das dem anderen schon mal vorwerfen. Die Droge funktioniert nicht mehr und eine Dosiserhöhung ist nicht möglich. Wie gehen wir also mit all dem um, was jetzt auf uns einprasselt? Wenn all das, was wir ausgeblendet haben, wieder sichtbar wird? Wir befinden uns erst mal in einem empfundenen Defizit. Die rosarote Brille hat graue Flecken bekommen, der Himmel ist doch nicht mehr so blau und die Sonne scheint auch nicht mehr nur für uns. An dieser Stelle beginnen wir, uns zu zeigen. So richtig und ehrlich. Weil wir mit dieser Irritation umgehen müssen. Und das ist sehr individuell.
Wir müssen erst einmal dieses Tal überwinden, bis wir unsere Glückshormone wieder selbst aus eigener Kraft produzieren können. In dieser Zeit zeigt sich, wer und wie wir sind und wie wir gelernt haben, mit Frustration umzugehen. Wie wir uns selbst und unser Gegenüber ertragen. Und wie wir unsere Emotionen regulieren können, weil wir mit Stress und Ernüchterung umgehen müssen. Deshalb haben Beziehungen, so komisch es klingen mag, tatsächlich etwas mit Aushalten zu tun. Denn ich muss diesen Zustand der Ernüchterung aushalten können. Ich muss es aushalten, dass es immer mal wieder zu Augenblicken oder Situationen kommt, die nicht mehr so optimal sind wie bisher.
Dass mein Partner nicht umgehend auf mich reagiert und mir jeden Wunsch von den Augen abliest. Dass er auch mal schlechter gelaunt ist und dass das nichts mit mir persönlich zu tun haben muss. Meine Frustrationstoleranz und meine Impulskontrolle sollten deshalb nicht allzu niedrig sein, wenn ich so ein Tal überwinden möchte. Hilfreich ist dabei auch eine Einstellung dem Leben gegenüber, mit der ich mich nicht entmutigen lasse, wenn etwas nicht so ist, wie ich es gerne hätte. Oder wenn sich mal etwas nicht mehr ganz so gut anfühlt. Ich muss daran glauben, dass es auch wieder anders wird. Es ist hilfreich, mit einem Lächeln und mit Humor durch die Phase zu gehen.
Aber Moment mal: Warum soll man denn Beziehungen eingehen, wenn das so eine Herausforderung sein kann? Tja, weil wir einen inneren Impuls nach Glück und innerer Ruhe haben. Wir sehnen uns danach anzukommen. Wir wünschen uns Bindung und Intimität. Beziehungen zeigen dir aber auch, was du vielleicht doch noch nicht so gut kannst. Wo du noch Potenzial hast. Beziehungen haben die Macht, dich zu brechen, dich verzweifeln zu lassen. Weil sie dich herausfordern. Und wenn du diese Herausforderung annimmst, dann erlebst du etwas, das mehr ist, als dir jede Droge der Welt zeigen kann.
Du kannst dich kennenlernen, dich mit dir auseinandersetzen – und lernen. Denn Beziehungen können dir helfen zu heilen. Wenn du es zulässt. Willst du auf der höchsten Welle reiten oder die Tiefe des Ozeans spüren? Wer aushält, bekommt auch etwas. Und mit Aushalten ist nicht gemeint, dass man etwas ertragen muss. Im Gegenteil.
Es gibt dir die Chance, daraus zu lernen, dich zu positionieren. Anders mit dir und deiner Umwelt umzugehen. Denn du kannst Einfluss auf die Beziehung nehmen – auch wenn es aussichtslos erscheint. Und wenn es doch zu anstrengend ist, kannst du auch gehen. Es ist deine Entscheidung, ob du dich jetzt mehr kennenlernen möchtest.
Natürlich wäre es toll, wenn man einfach so nach der ersten Verliebtheitsphase direkt mit dem Schiff in einen ruhigeren Hafen einfahren könnte. Aber eine Beziehung bedeutet auch Nähe – und die hat immer zwei Seiten. Die eine Seite ist, dass man mehr von dem Gegenüber erfährt, Sorgen mitbekommt und seine Schwächen kennenlernt. Die andere Seite bedeutet, dass man auch selbst bereit sein muss, mehr von sich zu zeigen.
Denn nur wenn man die Nähe des anderen erträgt und die eigene Verletzlichkeit öffnet, ist wirkliche Intimität möglich. Manchen Menschen fällt es schwer, überhaupt Bindungen einzugehen oder sie länger als wenige Wochen oder Monate aufrechtzuerhalten. Manche würden gerne ewig auf dieser ersten unverbindlichen und fantastischen Welle reiten. Sie wollen es gerne immer so haben, wie es am Anfang ist. Sie möchten ihn immer wieder erleben, diesen ersten Kick – oder sie wollen sich nicht auf die Herausforderungen einlassen, die danach kommen. Diese Menschen müssen nicht zwangsläufig darunter leiden, im Gegenteil. Manche lassen sich auch einfach gerne schnell begeistern und akzeptieren für sich, dass diese Begeisterung auch recht schnell wieder abflacht.
Meine Freunde ziehen mich immer damit auf, dass ich Fast-Beziehungen führe. Mir sind aber Beziehungen einfach nicht so wichtig. Ich habe lieber meinen Spaß. Gerne auch mal länger und über ein paar Wochen. Aber irgendwann kommt immer der Punkt, wo es anstrengend wird. Wo es meinem Gegenüber nicht mehr reicht und es mehr will. Offen gestanden finde ich Beziehungen sogar langweilig. Allein schon die Vorstellung, jeden Abend auf dem Sofa zu sitzen, Netflix zu gucken und ständig auf Familienfeste mitgehen zu müssen und so zu tun, als ob die fünfte Geschichte von Tante Hilde mich interessieren würde. Ne, tut sie nicht. Weder die Geschichte noch Tante Hilde. Ich komme sehr gut mit mir allein zurecht und brauche niemanden, der mich glücklich macht. Das mache ich schon selbst. Und wenn ich mal krank bin, kann ich allein im Bett liegen und muss nicht sofort die gebrauchten Taschentücher wegschmeißen. Ich kann meine Freunde sehen, wann ich will und auch wie lange ich will. Ich kann für mein eigenes Leben entscheiden und muss nichts mit jemandem absprechen. Das bedeutet für mich Freiheit. Und die nehme ich mir auch.
Ja, Beziehungen haben nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile. Ich kann nicht einfach tun und lassen, was ich will, sondern komme zum Beispiel nicht drum herum, mich mit den Ansprüchen des anderen auseinanderzusetzen. Denn diese Ansprüche werden an mich herangetragen und wollen erfüllt werden. Ich kann nicht mal eben für ein paar Tage wegbleiben, ohne Bescheid zu geben. Meistens kann ich auch nicht den attraktiven Nachbarn, der gerade schräg gegenüber eingezogen ist, auf meinem Wohnzimmertisch verführen.
Also ja, ich könnte es – aber das führt häufig zu erheblichen Diskussionen. Klar könnte man an dieser Stelle die etwas anstrengender gewordene Beziehung beenden und eine neue Bindung suchen, die wieder voller Leichtigkeit ist. Es spricht nichts dagegen. Denn nicht jede Beziehung muss auf Dauer ausgelegt sein.
Manchmal hat man ganz bewusst einfach gerade keine Lust auf eine feste Bindung – ganz besonders dann, wenn man beispielsweise aus einer etwas längeren Beziehung kommt und erst einmal seine eigenen Strukturen wiederfinden möchte. Vielleicht hat man auch schlichtweg auf das falsche Pferd gesetzt. Das ist völlig okay, denn das ist manchmal so.