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Mark Twains Buch 'Meine Reise um die Welt' ist ein faszinierendes Werk, das eine Reihe von humorvollen und kenntnisreichen Reiseerzählungen des Autors enthält. Twain präsentiert dem Leser eine Sammlung von Berichten aus seinen zahlreichen Abenteuern und Begegnungen während seiner Reise um die Welt. Sein leichter und unterhaltsamer Schreibstil wird durch seine scharfe Beobachtungsgabe und seinen einzigartigen Humor ergänzt, der dem Leser ein lebendiges Bild der verschiedenen Länder und Kulturen vermittelt, die er besucht hat. 'Meine Reise um die Welt' ist ein bemerkenswertes Werk, das Twains kulturelle Sensibilität und literarisches Talent widerspiegelt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 680
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Diese Reise ist weniger eine Umrundung der Erde als eine Vermessung der menschlichen Gewohnheiten, Irrtümer und Hoffnungen. Unter diesem Blick entfaltet Mark Twain sein Panorama: nicht nur Häfen, Routen und Landschaften, sondern vor allem die Beweggründe der Menschen, die sie bevölkern. Das Buch lädt dazu ein, das Eigenbild des Westens an der Begegnung mit dem Anderen zu prüfen. Es zeigt, wie Neugier, Zweifel und Humor ein Erkenntnisinstrument bilden. Die Welt erscheint als Bühne der Kontraste, auf der Beobachtung und Gewissen in ein produktives Spannungsverhältnis treten. So wird aus der Wegstrecke eine geistige und moralische Vermessung der Zeit.
Der Autor ist Mark Twain, bürgerlich Samuel Langhorne Clemens (1835–1910), einer der prägenden Stimmen der amerikanischen Literatur. Der hier zugrunde liegende Weltreisebericht erschien 1897 unter dem Originaltitel Following the Equator: A Journey Around the World. Der deutsche Titel Meine Reise um die Welt verweist auf Ausgaben, die diesen Text in Übersetzung präsentieren. Das Werk gehört zum Spätwerk Twains und bündelt reiche Erfahrung aus Journalismus, Vortragsreisen und Romanproduktion. Es steht in der Tradition der Reiseliteratur, verbindet diese jedoch mit einer eigenwilligen Mischung aus Satire, Reportage und lakonischer Selbstbeobachtung.
Entstanden ist das Buch im Umfeld einer Vortragsreise, die Twain 1895 um den Globus führte. Diese Unternehmung war zugleich literarische Recherche und existenzielle Notwendigkeit: Sie diente dazu, finanzielle Verluste aus fehlgeschlagenen Geschäftsprojekten auszugleichen. Aus Not und Neugier wuchs eine Erzählhaltung, die nüchtern registriert, skeptisch prüft und sprachlich funkelt. Die Route führte über den Pazifik und den Indischen Ozean durch mehrere britische Kolonialgebiete bis ins südliche Afrika und wieder zurück. Aus Notizen, Interviews, Pressebeobachtungen und Alltagsszenen formte Twain einen Text, der Wege, Stimmen und Widersprüche einer vernetzten Epoche bündelt.
In knapper Form lässt sich sagen: Es ist die Geschichte einer Weltumrundung, erzählt als Folge von Landgängen, Passagen, Gesprächen und Betrachtungen. Twain schildert Schiffe, Städte, Landschaften und Menschen; er beobachtet Bräuche, Preise, Verkehrsmittel und Rituale. Der Bericht bietet Orientierung, ohne den Leser auf eine Handlung festzulegen, deren Spannung von einzelnen Überraschungsmomenten abhinge. Statt dramatischer Wendungen stehen Perspektivwechsel im Zentrum: Wie beschreibt man das Neue, ohne es zu vereinfachen? Welche Bilder tragen, welche täuschen? Diese Fragen treiben die Kapitel voran, ohne den Reiz konkreter Episoden vorwegzunehmen.
Die Form ist hybrid. Twain nutzt Verfahren der Reportage, streut Reflexionen ein und arbeitet mit satirischen Zuspitzungen, die seine Beobachtungen durchsichtig machen. Wiederkehrende Motti, essayistische Einschübe und Zahlenmaterial rhythmisieren den Text und verleihen ihm die Anmutung eines aufmerksamen Notizbuchs, das in literarische Prosa verwandelt wurde. Charakteristisch ist der Wechsel zwischen genauem Detail und perspektivischer Weitung. Das Lokale erhält Kontur, während die großen Linien – Handel, Empire, Missionswerk, Medien – sichtbar werden. Dabei bleibt die Sprache zugänglich, oft witzig, stets kontrolliert, mit einer ökonomischen Präzision, die den Blick schärft.
Thematisch rückt das Buch die Verflechtung von Reisen, Macht und Erzählung ins Licht. Es zeigt, wie Kolonialstrukturen den Alltag prägen, wie Vorurteile zirkulieren und wie Humor als Prüfstein gegen Selbsttäuschung dient. Fragen von Gerechtigkeit, Rassismus, Gewalt und ökonomischer Ausbeutung werden mit einer Nüchternheit verhandelt, die nicht den Gestus des Richters, sondern des Zeugen wählt. Zugleich registriert Twain die Faszination des Neuen, ohne in Exotismus zu verfallen. Das Erzähl-Ich ringt darum, seine Perspektive kenntlich zu machen, und lädt den Leser ein, die eigenen Wahrnehmungsgewohnheiten zu befragen.
Twains Verfahren verbindet Empathie mit Skepsis. Er entlarvt Phrasen, indem er sie neben Tatsachen legt, und vertraut darauf, dass Komik Erkenntnis erzeugt, wo Pathos blenden könnte. Sein Humor ist dabei kein Schonraum, sondern ein Instrument, das Widersprüche hörbar macht. Indem er sich selbst als Reisenden mit blinden Flecken zeigt, eröffnet er einen Raum, in dem Irrtum korrigierbar wird. Diese Haltung verleiht dem Text eine moderne Sensibilität: Er vermeidet endgültige Urteile, bevorzugt Beobachtungsnähe und prüft Erzählungen an der Realität, ohne den moralischen Kompass preiszugeben.
Als Klassiker gilt dieses Werk, weil es die Reiseliteratur nachhaltig erneuert hat. Es kombiniert die Anschaulichkeit journalistischer Notate mit der Reflexionskraft des Essays und dem Tempo erzählerischer Prosa. Der Einfluss zeigt sich in späteren Formen des literarischen Reisens, in der Reportage, im Feuilleton und in hybriden Non-Fiction-Formaten, die Erfahrung, Recherche und Selbstreflexion verschränken. Twains Stil – kernig, präzise, paradoxieaffin – dient dabei als Modell dafür, wie Beobachtung in Urteilskraft umschlagen kann. Die anhaltende Wirkung speist sich aus der Balance von Unterhaltung, Erkenntnisdrang und moralischer Wachsamkeit.
Im Gesamtwerk Mark Twains bildet das Buch einen späten Kulminationspunkt seiner Reiseschriften, nach frühen Erfolgen mit The Innocents Abroad (1869) und A Tramp Abroad (1880). Anders als diese richtet sich der Blick nun verstärkt auf globale Verflechtungen und die politischen Bedingungen des Reisens. Das Persönliche bleibt präsent, doch es tritt in den Dienst einer analytischen Beobachtung, die Strukturen sichtbar machen will. Diese Entwicklung demonstriert Twains Reife: Er beherrscht das komische Detail, ohne die systemische Ebene zu verlieren, und er hält Distanz, ohne die Menschlichkeit seiner Porträts aufzugeben.
Die deutsche Ausgabe unter dem Titel Meine Reise um die Welt macht diesen Weltreisebericht in hiesigem Sprachraum zugänglich. Übersetzungen variieren im Tonfall und in der Wahl einzelner Begriffe, doch die Grundzüge bleiben erkennbar: die Spannung von Neugier und Kritik, die Genauigkeit der Notate und die ethische Ernsthaftigkeit hinter dem Witz. Leserinnen und Leser sollten berücksichtigen, dass der Text aus dem späten 19. Jahrhundert stammt und entsprechend zeitgebundene Bezeichnungen enthalten kann. Gerade deshalb ist die editorische Transparenz heutiger Ausgaben wichtig, die Kontexte erläutern und Lektüreschichten sichtbar machen.
Für heutige Leserinnen und Leser ist das Buch relevant, weil es grundlegende Fragen einer vernetzten Gegenwart vorformuliert: Wie reisen wir verantwortlich? Wie bilden Medien und Erzählungen die Welt ab? Welche Machtverhältnisse strukturieren Begegnungen? Twain antwortet nicht mit Rezepten, sondern mit methodischer Aufmerksamkeit. Sein Text trainiert die Kunst, Informationen zu gewichten, Widersprüche auszuhalten und das Eigene im Spiegel des Fremden zu prüfen. Er zeigt, dass globaler Austausch Erkenntnischancen und Risiken birgt, und dass Humor, wenn er ernst genommen wird, ein Werkzeug zur Prüfung öffentlicher und privater Überzeugungen sein kann.
Zeitlos ist dieses Buch durch seine Stimme, seine Beweglichkeit und seine intellektuelle Redlichkeit. Es vertraut darauf, dass genaue Beobachtung zu verantwortlichem Urteil führt, und dass Literatur mehr kann als schmücken: Sie kann klären. Die Welt mag sich technisch und politisch gewandelt haben, doch die Kunst, zu sehen, zu vergleichen und zu fragen, bleibt unverändert notwendig. In diesem Sinne ist Meine Reise um die Welt ein anhaltendes Angebot: die Erde zu umrunden, um das Denken zu erweitern, und die eigene Position im Geflecht von Geschichten, Mächten und Möglichkeiten neu zu bestimmen.
Mark Twain schildert in Meine Reise um die Welt die Etappen einer ausgedehnten Vortrags- und Reiseroute durch mehrere Kontinente am Ende des 19. Jahrhunderts. Der Band verbindet Augenzeugenbericht, kulturkritische Beobachtung und die für Twain typische Satire. In chronologischer Folge beschreibt er Wege, Stationen und Begegnungen, ohne den Anspruch der reinen Objektivität zu erheben. Stattdessen arbeitet er mit Kontrasten zwischen Erwartung und Erfahrung. Leitend sind Fragen nach dem Verhältnis von Reisenden und Bereisten, nach Macht, Moral und dem Einfluss globaler Verflechtungen. Der Text entfaltet so ein Panorama von Gesellschaften unter imperialen Vorzeichen und prüft, wie sich Humor als Prüfstein von Urteilskraft bewährt.
Der Beginn der Unternehmung ist von langen Passagen auf See geprägt, deren Monotonie und Überraschungen Twain mit genauer Alltagsbeobachtung ausleuchtet. Er notiert Routinen, Schiffsklatsch, Wetterwechsel und kleine Störungen, aus denen er exemplarische Miniaturen formt. Das Meer wird zur Bühne, auf der Zufall und Planung ringen. Gleichzeitig legt Twain seine Arbeitsweise offen: Er sammelt Notate, vergleicht Zeitungsmeldungen, befragt Mitreisende und ordnet Eindrücke im Nachhinein. So entsteht ein Erzählen, das Nähe und Distanz balanciert. Der Reiseweg dient weniger als exotisches Schaubild denn als Labor für Wahrnehmung, in dem Annahmen geprüft und geographische Distanzen in geistige Dilemmata übersetzt werden.
In den Siedlungsgesellschaften des pazifischen Raums und in Australasien richtet Twain den Blick auf Alltagspraxis und Selbstbilder moderner Kolonien. Er beschreibt städtische Dynamik, ländliche Weite, Unternehmergeist und die Inszenierung von Fortschritt. Seine Bewunderung für Erfindungsreichtum und Wagemut wird immer wieder durch Skepsis gegenüber Überheblichkeit gebremst. Ein wichtiger Wendepunkt liegt darin, dass der Text vom Staunen über das Neue zur Prüfung der Bedingungen dieses Neuen übergeht. Aus Landschafts- und Milieustudien werden Fragen nach Zugehörigkeit, nach Recht und Teilhabe. Twain erkundet, wie Wohlstand verteilt wird, wer spricht und wer schweigt, und wie Erzählungen über Zukunft legitimiert werden.
An vielen Stationen entfaltet der Autor eine deutliche Kritik imperialer Gewissheiten. Er kontrastiert offizielle Rhetorik von Zivilisierung und Ordnung mit Erfahrungsberichten über Ungleichheit, Gewalt und Ausschluss. Twain nutzt Anekdoten, um verbreitete Vorurteile zu entlarven, und zeigt, wie pseudowissenschaftliche Deutungen soziale Hierarchien festschreiben. Die koloniale Bürokratie erscheint zugleich effizient und blind für die eigenen Widersprüche. Recht, Handel und Mission geraten in ein Spannungsfeld, das Gewinner und Verlierer erzeugt. Indem Twain diese Verflechtungen aufzeigt, rückt er die Frage ins Zentrum, welche Formen von Gerechtigkeit möglich sind, wenn Definitionsmacht ungleich verteilt ist und Geschichte als Fortschritt ausgegeben wird.
Besonders eindringlich werden Twains Beobachtungen, wenn er religiöse Vielfalt, Alltagstraditionen und soziale Ordnungen in großen südasiatischen Gesellschaften betrachtet. Er verfolgt das Nebeneinander von Ritual, Geschäft und Verkehr, beschreibt die Geschwindigkeit moderner Infrastrukturen ebenso wie beharrliche Kontinuitäten. Der Erzähler ringt mit der eigenen Perspektive: Was als exotisch erscheint, erweist sich als Projektionsfläche westlicher Erwartungen. Twain hält dagegen, indem er widersprüchliche Stimmen sammelt und die Grenzen seiner Wahrnehmung markiert. Der Konflikt zwischen romantischer Verklärung und nüchterner Analyse wird zum Motor des Buches und schärft den Blick für jene, die im Reisendiskurs oft nur Kulisse sind.
Auf Inseln und in Küstenregionen widmet sich Twain der Ambivalenz tropischer Bilder: üppige Natur und strenge Ökonomien stehen nebeneinander. Er beobachtet Plantagenwesen, Handelskreisläufe und die Abhängigkeit ganzer Regionen von globalen Märkten. Hinter malerischen Panoramen treten Arbeitsalltag, soziale Kontrolle und die Fragilität von Wohlstand hervor. Der Text verweilt bei Details, die große Zusammenhänge berühren: Preise, Transportwege, Verträge, kleine Erfindungen, mit denen Menschen Handlungsspielräume schaffen. So verknüpft Twain Atmosphäre mit Analyse. Wiederkehrend ist die Frage, wie Begriffe wie Freiheit, Sicherheit und Fortschritt sich verändern, sobald sie an Küsten, Häfen und Zollstationen konkrete, oft widersprüchliche Gestalt annehmen.
In südafrikanischen Räumen richtet Twain sein Augenmerk auf Rohstoffgewinnung, Migration und politisches Kräftemessen. Er beobachtet Städte im Umbruch, Grenzregime und die Spannung zwischen gesetzlicher Ordnung und faktischer Macht. Der Blick auf Bergbau und Handel dient ihm, um soziale Hierarchien und fragile Kompromisse sichtbar zu machen. Dabei bleibt die Erzählung der Gegenwart verpflichtet: Sie deutet Konflikte an, ohne sie nachträglich zu erklären, und zeigt, wie Unruhe in alltäglichen Gesten fortwirkt. Twain interessiert, wie Erzählungen über Risiko und Sicherheit individuelle Entscheidungen steuern, und wie aus ökonomischen Chancen moralische Prüfsteine werden, die Zugehörigkeit und Ausschluss neu definieren.
Stilistisch verbindet das Buch Reportage, Essay, humoristische Miniatur und gelegentliche Zahlen- oder Pressenotizen. Kapitel werden durch pointierte Aphorismen gerahmt, die Beobachtungen auf den Prüfstand stellen. Der Erzähler inszeniert sich als neugieriger, fallibler Beobachter, dessen Ironie Selbstkritik einschließt. Wiederkehrende Motive sind Irrtum, Zufall und die Versuchung schneller Urteile. Wo Widerspruch auftaucht, lässt Twain ihn stehen und nutzt die Reibung, um Begriffe zu schärfen. So entsteht ein Verfahren, das Unterhaltung und Erkenntnis verschränkt: Lachen öffnet Räume, in denen Gewissheiten wanken, und macht den Blick frei für jene Grautöne, die reine Parteinahme verfehlen würde.
Im Ergebnis entsteht ein breit gefächertes Bild einer sich verdichtenden Welt, in der Mobilität, Medien und Märkte Lebensläufe neu ordnen. Meine Reise um die Welt liest sich als frühe Studie globaler Verflechtungen und als Ethik des Hinschauens. Statt abschließender Antworten bietet das Buch Maßstäbe: Genauigkeit vor Pose, Gespräch vor Dogma, Humor vor Pathos, ohne Leid zu relativieren. Die übergeordnete Botschaft liegt in der Verantwortung des Erzählens selbst. Wer die Welt beschreibt, formt sie mit. Twain zeigt, dass kritische Aufmerksamkeit und Empathie die nützlichsten Reisegefährten sind – weit über den Moment der Heimkehr hinaus.
Mark Twains „Meine Reise um die Welt“ – im Original „Following the Equator“ (1897) – entstand im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, als das Britische Empire seinen globalen Höhepunkt erlebte. Politisch und wirtschaftlich prägten koloniale Verwaltungen, Handelskompanien, Missionsgesellschaften und eine expandierende Presse die öffentlichen Räume in Übersee. Technisch verbanden Dampfschiffe, Eisenbahnen und der elektrische Telegraph Häfen, Binnenräume und Metropolen in nicht gekannter Geschwindigkeit. In diese verdichtete Welt mobil zirkulierender Waren, Ideen und Menschen trat Twain als prominenter amerikanischer Autor ein, dessen Blick zugleich von der US-Gegenwart der Gilded Age und von einem wachsenden Bewusstsein für imperiale Gewalt und Ungleichheit geschärft war.
Auslöser und Rahmen seiner Reise waren handfeste ökonomische Zwänge. Nach Fehlinvestitionen – besonders in eine komplexe Setzmaschine – und dem Zusammenbruch seines Verlags in den 1890er Jahren geriet Twain schwer in Schulden. Die Finanzkrise von 1893 verschärfte den Druck. Anstatt sich mit juristischer Entlastung zu begnügen, entschied er sich, seine Verbindlichkeiten aus eigener Kraft zu begleichen. 1895 begann er deshalb eine ausgedehnte Vortrags- und Lesereise, die ihn durch mehrere Kontinente führte. Das Reisebuch versammelt Beobachtungen, die während dieser Tour entstanden, und verknüpft sie mit späterer Reflexion über die politischen, sozialen und moralischen Verhältnisse der bereisten Orte.
Die Veröffentlichung selbst spiegelt die Medienökonomie der Zeit. Twain stand in enger Beziehung zu dem amerikanischen Subskriptionswesen, das Bücher über Vertreter verkaufte und Autoren populär machte. „Following the Equator“ erschien 1897 bei der American Publishing Company. Die Vorträge, die seine Reise finanzierten, gehörten zum etablierten Unterhaltungs- und Bildungsbetrieb Nordamerikas und des Empires, in dem Redner, Varieté und Wanderausstellungen städtische wie koloniale Öffentlichkeiten verbanden. Aus Manuskript, Notizen und Zeitungsberichten entstand so ein hybrides Werk: teils Reiseschilderung, teils kulturkritischer Essay, teils Fortsetzung jener satirischen Weltbeobachtung, die Twain bereits in früheren Reisebüchern etabliert hatte.
Die materielle Infrastruktur des Weltverkehrs ist im Text präsent. Dampfschiffe verbanden die großen Knotenpunkte von Vancouver bis Sydney, von Colombo bis Kapstadt; Eisenbahnen erschlossen Binnenräume, koloniale Dienstklassen organisierten Passagen und Gepäck, und das Seekabel der Telegraphie beschleunigte Nachrichtenflüsse. Diese Technik verkürzte Distanzen, schuf aber auch neue Hierarchien des Zugangs: Erste, Zweite und Dritte Klasse prägten nicht nur Schiffe und Züge, sondern strukturierten Begegnungen und Perspektiven. Twains Beobachtungen entfalten sich an Decks, in Speisesälen, auf Bahnsteigen und in Hotels – Schauplätzen einer globalisierten Moderne, deren Komfort auf kolonialer Arbeit und Rohstoffketten beruhte.
Über allem stand die Ordnung des Empires. Nach der Auflösung der Ostindien-Kompanie herrschte in Südasien seit 1858 die britische Krone; Siedlerkolonien wie Australien und Neuseeland steuerten, trotz wachsender Autonomie, weiter entlang imperialer Linien; in Afrika setzten sich britische Interessen gegen konkurrierende Mächte durch. Administrative Praktiken – Zensus, Rechtsprechung, Polizei – verbanden sich mit Missionsarbeit, Schulwesen und Handelsregimen. Twain richtet seinen Blick wiederholt auf solche Institutionen und fragt, wie sich Recht, Religion und Profitmotiv in den Alltagswelten der Kolonien verschränkten. Sein Text dokumentiert, wie moralische Rhetorik und wirtschaftliche Interessen oft auseinanderklaffen.
Australien erscheint bei Twain als dynamischer Raum zwischen Rohstoffboom und schwieriger Vergangenheit. Die Goldfunde des 19. Jahrhunderts hatten Städte wie Melbourne und Sydney wachsen lassen; Eisenbahnen und Telegraphen verbanden Küstenkolonien, während die Bewegung hin zu einer Föderation – 1901 vollzogen – bereits diskutiert wurde. Zugleich lag die anhaltende Enteignung und Marginalisierung der indigenen Bevölkerung offen zutage. Twain nutzt Humor, um Selbstsicherheit und Fortschrittsglauben der Siedlergesellschaft zu beleuchten, doch er macht die Gewalt der Grenzziehungen, die Rigidität kolonialer Justiz und die Willkür gegenüber Aboriginal Communities als moralische Problempunkte sichtbar.
Neuseeland markiert im Buch einen weiteren Knoten imperialer Modernität. Nach den Neuseelandkriegen des 19. Jahrhunderts standen Landrechte und die Umsetzung des Vertrags von Waitangi im Zentrum politiknaher Diskussionen. Landwirtschaftliche Exportketten – Wolle, Fleisch, später Kühltransport – verknüpften die Inseln mit britischen Märkten, während ein touristischer Blick auf Landschaften und Thermalgebiete entstand. Twain greift diese Ambivalenzen auf: die Vermarktung von Natur und Kultur, die juristische Formalisierung von Besitz, die performative Darstellung von „Exotik“ für Besucher. Sein skeptisches Register zielt darauf, die ästhetischen Oberflächen mit den rechtlich-ökonomischen Unterbauten zu konfrontieren.
Südasien bildet im Werk ein Feld intensiver Beobachtung staatlicher und sozialer Ordnung. Das britische Eisenbahnnetz, Verwaltungsbezirke und ein elaborierter Beamtenapparat strukturierten den Alltag, während große Städte wie Bombay, Kalkutta oder Benares religiöse, sprachliche und kastenspezifische Vielfalt bündelten. Zeitgleich zu Twains Reise eskalierte in Indien 1896–1897 eine schwere Hungersnot; in Bombay setzte 1896 eine Pestepidemie ein. Der Text reflektiert die Fragilität kolonialer Governance: Statistiken, Verordnungen und Moralpredigten standen brüchigen Lebensrealitäten gegenüber. Twain kontrastiert offizielles Fortschrittsnarrativ und die erlebte Verwundbarkeit von Bevölkerungen, die von globalen Märkten und lokalen Krisen zugleich betroffen waren.
Ceylon, das heutige Sri Lanka, verkörpert koloniale Plantagenökonomien. Tee und anderes Exportgut verbanden tropische Höhenlagen mit Handelshäfen wie Colombo. Die Arbeit auf Plantagen beruhte zu weiten Teilen auf strengen Disziplinärregimen und migrantischer, häufig vertraglich gebundener Arbeit. Twain interessiert sich für diese Wertschöpfungsketten: vom Feld über Transport bis zur Teetasse. Sein Blick hält fest, wie das Versprechen globalen Wohlstands in der Metropole auf täglicher Mühsal und prekären Rechten im Kolonialraum ruhte. Zugleich registriert er, wie koloniale Repräsentationen – Gärten, Clubs, Bahnhöfe – eine Ästhetik von Ordnung und Überlegenheit kultivierten.
Das südliche Afrika betritt Twain in einer Phase zugespitzter Gegensätze. Gold- und Diamantenfunde hatten eine rapide Urbanisierung und die Entwicklung eines extraktiven Kapitalismus befördert, der auf rassifizierter Arbeitsteilung beruhte. Zwischen britischem Einfluss und Burenrepubliken verstärkten sich Spannungen, die wenige Jahre später in Krieg mündeten. Twain beobachtet das Nebeneinander von imperialer Verwaltung, Siedlerinteressen und afrikanischen Gemeinschaften, das von rechtlichen Restriktionen, Steuern und Passsystemen durchzogen war. Sein Text deutet an, wie der ökonomische Hunger nach Ressourcen politische Ordnungen formte und wie koloniale Legitimationen – „Zivilisierung“, „Fortschritt“ – soziale Hierarchien stabilisierten.
Die pazifischen Inseln erscheinen in Twains Darstellung als Laboratorien imperialer Durchdringung. Missionsgesellschaften, Händler und Kolonialbeamte etablierten neue Normen, Sprachen und Märkte; gleichzeitig entwickelte sich im späten 19. Jahrhundert ein ausgreifendes System der Arbeitsrekrutierung für Plantagen, unter anderem in Queensland und auf Inselkolonien. Twain registriert in solchen Räumen die Überschneidung von Frömmigkeit, Profitinteresse und Gewalt – etwa dort, wo religiöse Rhetorik als moralische Währung ökonomische Ausbeutung überdeckt. Seine Skepsis steht im Dienst einer Frage: Was bleibt von „Zivilisation“, wenn Maßstäbe des Handelns durch Zwang und Ungleichheit strukturiert sind?
Twains Arbeitsweise zeigt eine Medienlandschaft in Echtzeit. Er montiert Eindrücke mit Zahlen aus amtlichen Berichten, Reiseführern und Kolonialzeitungen, zitiert Werbetexte und Verordnungen, um Diskurse gegeneinander antreten zu lassen. Die Kapitel sind von Sentenzen aus „Pudd’nhead Wilson’s New Calendar“ gerahmt – bitter-ironische Kalendereinträge, die die Leserhaltung schärfen. Diese Intertextualität betont, dass Wahrnehmung stets durch Texte geformt ist: die Landkarte, der Fahrplan, die Kolonialstatistik. Indem Twain die Stimmen der Akteure aufruft, demonstriert er zugleich, wie Sprache Herrschaft legitimiert und wie Satire diese Rhetorik aus dem Tritt bringen kann.
Im ideologischen Hintergrund wirkten Sozialdarwinismus und rassistische Theorien, die im 19. Jahrhundert akademisch und populär verbreitet waren. Twain hält solchen Denkstilen Ironie und Fallbeispiele entgegen, die die Kontingenz vermeintlicher „Gesetze“ zeigen. Er zeigt, wie Alltagserfahrungen, Witz und Beobachtung die Autorität abstrakter Hierarchien unterminieren. Dennoch spürt man die historischen Grenzen seiner Perspektive: Manche Kategorien, Bilder und Bezeichnungen reproduzieren die Ordnungen, die er kritisiert. Gerade diese Spannung – Kritik des Imperialismus bei gleichzeitiger Verstrickung in seine Diskurse – macht das Buch zu einem aufschlussreichen Dokument seiner Epoche.
Ökonomisch ist das Buch in eine Welt vernetzter Märkte eingebettet. Metallwährungen, Spekulationen und Rohstoffpreise schufen Gewinner und Verlierer über Kontinente hinweg. Twain notiert Wechselkurse, Hotelrechnungen, Trinkgelder und Frachttarife – scheinbar Nebensächliches, das die Mikroökonomie des Reisens sichtbar macht. Er trifft auf Vermittler, Dolmetscher und Dienstleister, die als soziale Knoten die Mobilität der Reisenden erst ermöglichen. So wird Globalisierung nicht nur an Aktienkursen fassbar, sondern an Koffern, Fahrkarten und Speisesälen, in denen Statusunterschiede codiert und reproduziert werden.
Der amerikanische Hintergrund ist unverkennbar. Nach Bürgerkrieg und Rekonstruktion etablierte sich in den USA eine Ordnung, in der Rassentrennung und Wahlrechtsbeschränkungen zunahmen, während Industriekapitalismus und Monopolbildung wuchsen. In den 1890ern stritt die US-Öffentlichkeit über Expansion und Rolle in der Welt; wenige Jahre nach Twains Reise eskalierte mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg die Imperiumsfrage. Twain schloss sich später der Anti-Imperialist League an. In „Meine Reise um die Welt“ ist diese Haltung bereits vorbereitet: Er kontrastiert republikanische Ideale mit kolonialer Praxis und lotet die moralischen Kosten imperialer Machtentfaltung aus.
Literarisch knüpft das Werk an Twains frühere Reiseschriften an – „The Innocents Abroad“ (1869), „Roughing It“ (1872), „A Tramp Abroad“ (1880) – und verschiebt dabei den Ton. War die frühe Satire häufig auf Tourismusrituale und nationale Eitelkeiten gerichtet, so verdunkelt sich hier die Stimmung: Skepsis gegenüber Autoritäten, Mitgefühl mit Unterdrückten, Misstrauen gegen Geschäftsethik prägen die Prosa. Die performative Energie der Vortragsreise färbt die Kapitelstruktur: Pointen, Anekdoten und Beobachtungsblöcke wechseln, doch die Pointe zielt öfter ins Moralische als ins Anekdotische.
Auch die Entstehungssituation prägt den Text. Twain schrieb unterwegs und nach der Rückkehr, überprüfte Notizen, reihte Episoden und ordnete Quellen. Seine Frau Olivia wirkte – wie häufig bei Twain – als kritische Leserin und redaktionelle Instanz, was die rhetorische Balance zwischen Humor und Ernst verstärkte. Die Publikation 1897 fiel in eine Phase, in der Twain seine Schulden weitgehend tilgte. Der Erfolg beruhte nicht nur auf seinem Namen, sondern auf der Fähigkeit des Buches, eine Gegenwartsdiagnose in Reiseform zu liefern: Es versprach Unterhaltung, lieferte aber zugleich eine schonungslose Bestandsaufnahme globaler Verhältnisse um 1900 herum. Schließlich lässt sich das Werk als Kommentar zur imperialen Moderne lesen. Twain zeigt, wie Institutionen – von der Bahnverwaltung bis zum Missionsverein – eine Ordnung von Effizienz und Kontrolle erzeugen, die Ungleichheit produziert und verdeckt. Sein Humor arbeitet als Prüfstein: Wer lacht, prüft Motive, misst Rhetorik am Handeln und legt Widersprüche offen. Damit kritisiert das Buch nicht nur einzelne Missstände, sondern die Selbstgewissheit einer Epoche, die Fortschritt mit Herrschaft verwechselte.
Samuel Langhorne Clemens, weltbekannt unter dem Pseudonym Mark Twain, wurde 1835 in Florida, Missouri, geboren und starb 1910 in Redding, Connecticut. Er gilt als eine der prägenden Stimmen der amerikanischen Literatur, deren Mischung aus Humor, Satire und moralischer Ernsthaftigkeit Maßstäbe setzte. Seine bedeutendsten Werke – darunter The Innocents Abroad, The Adventures of Tom Sawyer, Adventures of Huckleberry Finn und Life on the Mississippi – verbinden scharfe Gesellschaftsbeobachtung mit lebendiger Umgangssprache. Der Mississippi als Landschaft und Lebenswelt wurde für ihn zum zentralen Mythos und Erfahrungsraum, aus dem er Figuren und Konflikte gewann, die bis heute das Verständnis der US-Kultur mitprägen.
Twain war zugleich Reporter, Reiseschriftsteller, Romancier und gefeierter Vortragskünstler. Als öffentliche Figur der Gilded Age verband er eine populäre Bühnenpräsenz mit sprachlicher Virtuosität und erzählerischer Experimentierfreude. Sein Werk überbrückt die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts und weist in die Moderne, indem es Freiheitsvorstellungen, Gewissenskonflikte und die Masken gesellschaftlicher Heuchelei auslotet. Mit globaler Resonanz gelesen, schuf er Erzählformen, die amerikanischen Alltag, regionale Dialekte und satirische Zuspitzung souverän vereinten. So wurde aus dem Journalisten ein Kulturkritiker von internationalem Rang, dessen Romane und Essays die Grenzen zwischen Unterhaltung, Sozialanalyse und moralischer Befragung produktiv durchlässig machten.
Aufgewachsen in der Hafenstadt Hannibal am Mississippi, erhielt Twain eine eher unregelmäßige Schulbildung. Nach dem frühen Tod des Vaters begann er eine Lehre als Schriftsetzer und arbeitete in Druckereien und Redaktionen, oft auch in der Zeitung seines Bruders. Setzerarbeit und Lokaljournalismus brachten ihn mit den Rhythmen der gesprochenen Sprache, mit Anekdoten, Volkswitz und Alltagsbeobachtung in Berührung. Gleichzeitig eröffnete ihm die Druckerpresse eine vielseitige, autodidaktische Lektüre, von Reiseberichten bis zur zeitgenössischen Satire. In dieser Atmosphäre beruflicher Praxis und ständiger Textbegegnung reifte sein Sinn für szenisches Erzählen, pointierte Pointe und die Genauigkeit des Details, die später sein Stil auszeichnen sollte.
Zwischen 1857 und 1861 ließ sich Twain zum Steuermann auf dem Mississippi ausbilden und gewann eine intime Kenntnis von Fluss, Schiffen und Menschen – ein Erfahrungsfundus, der sein Schreiben dauerhaft prägte. Der Bürgerkrieg beendete die Flussschifffahrt; 1861 zog er in den Westen, arbeitete als Reporter in Nevada und Kalifornien und fand dort zu seinem Pseudonym Mark Twain. In der Tradition des südwestlichen Humors, auf Vortragsbühnen und in Goldgräberstädten, schulte er Timing, Dialog und komische Überzeichnung. Reisen in die Alte und Neue Welt erweiterten seinen Blick auf Sitten, Religion und Politik, deren Spannungen er später in Reisebüchern und Romanen satirisch auswertete.
Seinen literarischen Durchbruch erzielte Twain 1865 mit der humoristischen Erzählung The Celebrated Jumping Frog of Calaveras County, die seinen Namen national bekannt machte. Mit The Innocents Abroad (1869) gelang ihm ein Bestseller des Reisegenres: Beobachtungslust, skeptische Ironie und ein unbestechliches Gespür für nationale Selbstbilder verbanden sich zu einem neuen Ton. Roughing It (1872) vertiefte die Erfahrungen des Westens. Als Reporter, Essayist und Erzähler kultivierte er fortan eine markante, vom Journalismus geschärfte Prosa, die Anekdote und Analyse mischte. Zugleich entwickelte er eine Bühnenpräsenz, deren performative Energie auf seine Prosa zurückwirkte und ihre Sätze mit mündlicher Spannung auflud.
Mit The Adventures of Tom Sawyer (1876) schuf Twain ein Klassikerbild amerikanischer Kindheit, das Nostalgie und soziale Topografie verknüpft. Das fiktive St. Petersburg, ein Abbild von Hannibal, wird zur Bühne jugendlicher Rituale, Streiche und Bewährungsproben. Der Roman vereint episodisches Erzählen, drastische Situationen und die genaue Reproduktion regionaler Sprechweisen. Unter der Heiterkeit liegt eine feine Moralpsychologie, die Regeln, Autorität und die Entdeckung persönlicher Verantwortung verhandelt. Stilistisch verbindet das Buch komische Zuspitzung, sentimentale Reminiszenz und die scharfe Zeichnung von Milieu und Typen – Bausteine, die Twains spätere, dunkler getönte Werke anspruchsvoll weiterentwickeln sollten.
Adventures of Huckleberry Finn (1884/1885) radikalisierte diese Kunst, indem es einen jugendlichen Erzähler in der Ich-Form wählte und die moralische Prüfung in den Mittelpunkt rückte. Auf der Flucht den Mississippi hinab kreist der Roman um Freiheit, Sklaverei und Gewissen – in einer Sprache, die die Vielstimmigkeit der USA hörbar macht. Zeitgenössisch teils umstritten wegen Dialekt und Themenwahl, wurde das Buch später als Grundstein des amerikanischen Realismus gewürdigt. Bis heute löst es Debatten über Rasse, Gewalt und didaktische Verantwortung aus, bleibt aber ein Maßstab für erzählerische Ökonomie, komische Tragweite und die genau beobachtete Psychologie einer Freundschaft.
Twain erweiterte sein Spektrum mit The Prince and the Pauper (1881), einer Studie sozialer Ungleichheit im historischen Gewand, mit Life on the Mississippi (1883), einer Mischung aus Autobiografie und Kulturgeschichte, und mit A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court (1889), einer techniksatirischen Abrechnung mit romantischer Verklärung und Macht. Pudd’nhead Wilson (1894) analysiert Identität, Recht und Rassifizierung, Following the Equator (1897) reflektiert Reisen und Imperium. Parallel betrieb er Verlagsprojekte und riskante Investitionen, deren Scheitern ihn in die Schulden trieb. Eine weltweite Vortragstour und neue Bucherfolge halfen ihm, Verbindlichkeiten zurückzuzahlen und seine internationale Leserschaft weiter auszubauen.
Twains satirische Energie richtete sich gegen Bigotterie, Gewalt und die Verklärung von Ungerechtigkeit. Aus Skepsis gegenüber Dogmatismus erwuchs eine kritische Beschäftigung mit Religion, Moral und öffentlicher Meinung, die er in Essays und Fiktionen vielgestaltig durchspielte. In den frühen 1900er Jahren wandte er sich entschieden gegen den Imperialismus und die Missionsrhetorik der Zeit; sein Essay To the Person Sitting in Darkness (1901) attackierte koloniale Selbsttäuschungen mit beißender Klarheit. Zugleich kommentierte er die Realität des Lynchens und die politische Instrumentalisierung von Patriotismus. Diese Haltungen sind eng mit seiner Poetik verknüpft: Humor dient ihm als prüfende, demaskierende Aufklärungspraxis.
Öffentliches Engagement zeigte Twain auch in Fragen der Pressefreiheit, der Bildung und der bürgerlichen Gleichberechtigung. Er unterstützte Initiativen, die Zugang zu Ausbildung erleichterten, und ermutigte Talente, deren Chancen strukturell eingeschränkt waren. Seine Reiseliteratur, Vorträge und späten Essays formen ein Bild des Schriftstellers als wacher Weltbeobachter, der mit literarischen Mitteln gegen bequeme Gewissheiten anschreibt. Die oft widersprüchlichen Reaktionen, die seine Stellungnahmen hervorriefen, nahm er in Kauf, weil er den Prüfstein des Gewissens höher bewertete als Zustimmung. Damit verband er Autorrolle und Bürgersinn zu einer praktischen Ethik der Öffentlichkeit, deren Echo bis in gegenwärtige Debatten reicht.
In den 1890er Jahren brachten verlustreiche Investitionen, darunter eine komplexe Setzmaschine und verlegerische Unternehmungen, Twain an den Rand des finanziellen Ruins. Er reagierte mit weltweiten Lesereisen und unverdrossener Arbeit, bis die Schulden getilgt waren. Familiäre Tragödien und Krankheiten überschatteten diese Phase und verdunkelten den Ton mancher späten Texte. Nach Jahren des Reisens ließ er sich dauerhaft in Connecticut nieder. Die internationale Öffentlichkeit würdigte sein Lebenswerk mit großer Aufmerksamkeit, und seine Stimme blieb bis ins neue Jahrhundert hinein prägend. In Essays, Skizzen und autobiografischen Fragmenten fand er zu einer souveränen, bisweilen bitteren Altersprosa.
Mark Twain starb 1910 in Redding, in einem Jahr, das häufig mit dem Wiedererscheinen des Halleyschen Kometen in Verbindung gebracht wird – ein symbolträchtiger Zufall, der seine öffentliche Erinnerung mitprägte. Sein Nachruhm speist sich aus der stilistischen Kühnheit, der volksnahen Musikalität des Dialekts und der unnachgiebigen Prüfung amerikanischer Mythen. Generationen von Autorinnen und Autoren, von realistischen Erzählern bis zu Satirikern, verdanken ihm Verfahren und Maßstäbe. Zugleich bleibt sein Werk Anlass zu notwendigen Auseinandersetzungen über Sprache, Gewalt und Geschichte. Als Schriftsteller, Performer und Kritiker formte er eine Tradition, die Weltliteratur und demokratische Öffentlichkeit dialogisch verbindet.
Es kommt vor, daß ein Mensch zwar keine üblen Angewohnheiten hat – aber Schlimmeres[1q].
Querkopf Wilsons Kalender.
Der Ausgangspunkt meiner Vorlesungstour um die Welt war Paris, wo ich seit ein paar Jahren mit den Meinigen lebte. Wir reisten von dort nach Amerika, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Das war schnell geschehen. Zwei meiner Angehörigen beschlossen die Reise mitzumachen – desgleichen ein Karbunkel. Im Wörterbuch steht: ein Karbunkel oder Karfunkel ist eine Art Edelstein. Ich muß gestehen, daß der Humor in einem Wörterbuch schlecht am Platze ist.
Mitten im Sommer brachen wir von New York nach dem Westen auf; alles Geschäftliche übernahm Herr Pond, bis zum Stillen Ozean. Es war ein heißes Stück Arbeit und in den letzten vierzehn Tagen obendrein rauchig zum Ersticken, weil in Oregon und Britisch Columbia gerade die Waldbrände wüteten.
Während einer Woche genossen wir den Rauch auch noch am Seestrande, wo wir eine Zeitlang auf unser Schiff warten mußten. Es hatte im Rauch die Richtung verloren, war auf den Grund geraten und mußte erst gedockt und aufgezimmert werden.
Endlich wurden die Anker gelichtet, und damit endete unser Schneckengang auf dem Festland, der vierzig Tage gedauert hatte. Wir segelten westwärts über die leicht gekräuselte, glitzernde Sommersee, die, zum Entzücken klar und kühl, von jedermann an Bord freudig begrüßt wurde. Am willkommensten war sie mir, nach dem Staub, dem Rauch und der Hitze, die ich in den letzten Wochen durchgemacht hatte. Die Seereise verschaffte mir eine dreiwöchentliche, fast ununterbrochene Ruhezeit. Wir hatten den ganzen Stillen Ozean vor uns, und nichts zu tun als nichts zu tun und uns gemütlich zu fühlen. Victoria, die Hauptstadt der Vancouver-Insel, leuchtete nur noch schwach aus ihrer Rauchwolke herüber und wollte eben verschwinden. Wir legten die Feldstecher beiseite und ließen uns friedlich auf den Klappstühlen nieder, wie zufriedene Leute. Aber sie brachen unter uns in Trümmer zusammen und brachten uns in Schmach und Schande vor allen Passagieren. Zum Preis von guten Stühlen hatten wir sie aus dem größten Möbelgeschäft von Victoria bezogen, und dabei waren sie keinen Heller per Dutzend wert. Im Indischen und im Stillen Ozean muß jeder noch immer seinen eigenen Klappstuhl mit an Bord bringen, wie das in längst vergangenen Zeiten auch auf dem Atlantischen Ozean Sitte war – im finstern Mittelalter der Seereisen.
Unser Dampfer war sonst recht behaglich eingerichtet; wir bekamen die gewöhnliche Schiffskost – gute und reichliche Nahrung, von der Vorsehung gespendet, aber in des Teufels Küche gekocht. Auch die Mannszucht an Bord war so gut, wie sie überhaupt in jenen Breiten zu haben ist. Für eine Fahrt in den Tropen war das Schiff nicht besonders zweckmäßig ausgerüstet, aber das ist ja durchgängig bei allen Fahrzeugen der Fall, die man nach den Tropen schickt. An Kakerlaken litten wir keinen Mangel; auch das ist die Regel auf den Schiffen in jenen Meeren, das heißt, auf allen, die schon längere Zeit im Dienste stehen.
Der Kapitän war ein junger, schöner Mann, groß und hübsch gebaut; eine Gestalt, auf der sich eine kleidsame Uniform besonders vorteilhaft ausnimmt. Er meinte es sehr gut mit uns und war freundlich und höflich, wie ein vollendeter Kavalier. Durch sein angenehmes, verbindliches Wesen verwandelte er jeden Raum, den er betrat, sofort in einen Salon; im Rauchzimmer ließ er sich nicht blicken. Von schlechten Gewohnheiten war er ganz frei; er rauchte und schnupfte nicht, kaute auch keinen Tabak; man hörte ihn weder fluchen noch schimpfen, kein grobes oder unfeines Wort kam je aus seinem Munde. Er machte keine schlechten Witze, erzählte keine Anekdoten, lachte nie unmäßig oder erhob die Stimme lauter, als es die Gesetze der Schicklichkeit vorschrieben; jeder Befehl, den er erteilte, nahm den Ton einer Bitte an. Nach Tische erschien er mit seinen Offizieren bei der Gesellschaft im Damensalon, beteiligte sich am Gesang und Klavierspiel oder wendete die Notenblätter um. Er besaß eine weiche, angenehme Tenorstimme und sang mit Geschmack und gutem Vortrag. War die Musik zu Ende, so kam eine Whistpartie an die Reihe, bis es für die Damen Schlafenszeit wurde. Im Salon brannte das elektrische Licht, solange die Gesellschaft es irgend wünschte, im Rauchzimmer aber nur bis elf Uhr. Keine von allen Vorschriften an Bord wurde so streng gehandhabt wie diese. Der Kapitän erklärte uns, daß er so fest darauf bestehen müsse, weil seine eigene Kajüte neben dem Rauchzimmer läge, und ihm vom Tabakgeruch übel würde. Da sich nun aber die beiden Zimmer auf dem Oberdeck befanden, wo immer frische Luft wehte, begriff ich nicht recht, wie unser Rauch in seine Kajüte kommen sollte. Die Zimmer waren durch keine Tür verbunden, und in der dicken Zwischenwand gab es weder Sprünge noch Risse. Für einen empfindlichen Magen ist aber vielleicht bloß eingebildeter Tabakrauch schon schädlich.
Mit seiner sanften Natur, dem feinen, liebenswürdigen Wesen, seiner Lauterkeit in Sitte und Rede, paßte der Kapitän für den herrischen, rauhen Seemannsberuf so gut wie die Faust aufs Auge. Er war mir ein rechtes Beispiel von der Ironie des Schicksals.
Obendrein lastete ein Mißgeschick auf ihm; das wußten die Passagiere und er tat ihnen leid: In der Nähe von Vancouver hatte er bei einer engen und schwierigen Durchfahrt, wo der dichte Rauch der Waldbrände alles in Dunkel hüllte, seinen Kurs verloren und war mit dem Schiff auf die Klippen geraten. Dergleichen würde unsereins für einen verzeihlichen Irrtum ansehen; bei den Direktoren einer Dampfschiffgesellschaft gilt es aber als ein Verbrechen. Zwar hatte das Admiralitätsgericht[1] in Vancouver den Kapitän von aller Schuld freigesprochen, aber das konnte ihn nicht trösten. Bei seiner Heimkehr nach Sydney würde ein strengerer Gerichtshof den Fall untersuchen – das Direktorium der Gesellschaft, auf deren Schiffen der junge Mann seit Jahren als Steuermann gedient hatte. Dies war seine erste Reise als Kapitän.
Die Offiziere an Bord waren wackere und gesellige junge Leute, die sich an allen Belustigungen mit Vergnügen beteiligten, damit den Passagieren die Zeit nicht lang würde. Die Reisen auf dem Stillen und Indischen Ozean sind überhaupt wahre Lustfahrten für die Mannschaft. Unser Zahlmeister, ein junger Schotte, zeigte sich immer aufgeräumt, gesprächig und voller Leben, und doch war er ein körperlich kranker Mensch, das sah man ihm an. Aber sein Geist triumphierte über das Leiden; er besaß eine wunderbare Selbstbeherrschung, redete nie von seinen Schmerzen und benahm sich ganz wie jemand, der gesund und kräftig ist. Zu Zeiten litt er jedoch an den entsetzlichsten Herzkrämpfen, die oft viele Stunden dauerten. Während eines solchen Anfalls konnte er weder sitzen noch liegen; einmal hatte er sogar vierundzwanzig Stunden lang aufrecht stehen müssen, bei dem qualvollen Kampf auf Leben und Tod. Aber tags darauf sprudelte er wieder über von Lust und Laune, als ob nichts geschehen sei.
Der geistreichste Passagier an Bord, ein Mensch von glänzender Begabung, war ein junger Kanadier, dem es die Branntweinflasche angetan hatte. Er stammte aus einer reichen, angesehenen Familie und schien bestimmt Großes in der Welt zu leisten, doch nützten ihm alle Talente nichts, weil er seine Trunksucht nicht bezähmen konnte. Schon oft hatte er das feierliche Versprechen abgelegt, sich des Trinkens zu enthalten: aber man weiß ja, wie wenig dergleichen törichte Gelübde einem Menschen helfen, der nicht einen wahrhaft eisernen Willen hat. Dies Mittel ist in doppelter Hinsicht gänzlich verkehrt: erstens greift es das Uebel nicht bei der Wurzel an, und zweitens ist jedes Gelübde irgendwelcher Art etwas durchaus Naturwidriges. Es gleicht einer klirrenden Kette, die den Träger ohne Unterlaß daran erinnert, daß er kein freier Mensch ist.
Ja, ich wiederhole es: das Mittel greift das Uebel nicht bei der Wurzel an. Nicht das Trinken sollte man bekämpfen, sondern das Verlangen nach geistigen Getränken. Das ist ganz zweierlei. Zu ersterem gehört nur Willenskraft, die aber sehr stark und ausdauernd sein muß; zu letzterem nichts als Wachsamkeit und zwar während einer verhältnismäßig kurzen Frist. Da das Verlangen natürlich der Tat vorangeht, sollte man ihm auch die erste Aufmerksamkeit widmen. Was nützt es, immer und immer wieder der Tat zu wehren und das Verlangen ganz frei und unbehelligt zu lassen? Es macht sich stets von neuem geltend und endlich trägt es doch den Sieg davon. Sobald das Verlangen Einlaß begehrt, sollte man ihm die Türe verschließen; man muß unausgesetzt auf seiner Hut sein und es beizeiten vertreiben; sonst hat es sich fest eingenistet, ehe man sich's versieht. Weist man dagegen ein Verlangen nur vierzehn Tage lang beständig zurück, so kann man fast mit Sicherheit darauf zählen, daß es nach Ablauf dieser Zeit stirbt. Das ist die einzige Art, um die Trunksucht zu heilen. Sich nur immer wieder des Trinkens zu enthalten, ohne gegen das Verlangen zu Felde zu ziehen, scheint mir die törichtste Kriegsführung, die sich denken läßt.
Ich habe früher auch Gelübde abgelegt und sie gleich darauf gebrochen. Das ließ sich nicht ändern, denn mein Wille war nicht stark genug. Auch ärgert es einen im übrigen freien Menschen, sich irgendwie gebunden zu fühlen, und er zerrt so lange an seiner Kette, bis sie zerreißt. Deshalb übernahm ich zuletzt gar keine bestimmten Verpflichtungen mehr und beschloß nur, das schädliche Verlangen zu ertöten, ohne mich der Freiheit zu berauben, Verlangen und Gewohnheit wieder aufzunehmen, sobald ich wollte. Nun hatte ich keine Beschwerde mehr. In fünf Tagen machte ich meinem Verlangen Tabak zu rauchen den Garaus und brauchte nun nicht mehr auf der Hut zu sein, denn ich empfand niemals einen sehr heftigen Wunsch danach. Eines Tages wollte ich wieder anfangen ein Buch zu schreiben, nachdem ich fünfviertel Jahre so gut wie nichts getan hatte; aber seltsamerweise kam ich damit nicht von der Stelle. Da versuchte ich zu rauchen, um zu sehen, ob es mir dann gelingen würde. Und wirklich – das half. Nun rauchte ich fünf Monate lang täglich acht bis zehn Zigarren und ebensoviele Pfeifen, bis das Buch fertig war. Dann rauchte ich ein ganzes Jahr über gar nicht mehr, bis ich ein neues Buch beginnen mußte.
Ich vermag jede meiner neunzehn schlechten Gewohnheiten beliebig abzulegen, ohne daß es mir unbehaglich oder lästig wird. Auch Leute wie Doktor Tanner und andere, die vierzig Tage lang nichts essen, können das sicherlich nur durchsetzen, weil sie das Verlangen nach Speise gleich zu Anfang mit Entschlossenheit unterdrücken. Schon nach wenigen Stunden wird das Verlangen schwach und bleibt bald ganz aus.
Einmal habe ich meine Methode auch in großem Maßstabe als Kur angewendet. Ich lag schon mehrere Tage am Rheumatismus zu Bett, und mein Zustand wollte sich nicht bessern. Zuletzt sagte der Doktor:
»Meine Arzneien können Ihnen unmöglich helfen; bedenken Sie nur, wogegen ich alles ankämpfen muß; Sie rauchen ungemein stark, nicht wahr?«
»Jawohl.«
»Und trinken sehr viel Kaffee?«
»Jawohl.«
»Auch Tee?«
»Jawohl.«
»Sie essen allerlei durcheinander, was sich nicht zusammen verträgt?«
»Jawohl.«
»Auch trinken Sie jeden Abend zwei Gläser heißen Grog?«
»Jawohl.«
»Nun sehen Sie, das alles leistet mir Widerstand. Wie soll da die Genesung Fortschritte machen? Sie müssen sich durchaus in allen diesen Dingen beschränken und ein paar Tage lang weit weniger davon zu sich nehmen.«
»Das kann ich nicht, Doktor.«
»Warum denn nicht?«
»Mir fehlt die Willenskraft. Sie mir ganz versagen – das kann ich. Aber sie nur mäßig zu genießen, geht über mein Vermögen.«
Er meinte, das werde auch dem Zweck entsprechen; morgen wolle er mich wieder besuchen. Doch wurde er selber krank und konnte nicht kommen; es war aber auch nicht mehr nötig. Zwei Tage und zwei Nächte lang enthielt ich mich aller jener Genußmittel, ja ich aß überhaupt nichts und trank nur Wasser. Nach vierundzwanzig Stunden verlor der Rheumatismus alle Kraft und verschwand spurlos. Ich war wieder kerngesund, dankte meinem Schöpfer und nahm meine frühere Lebensweise von neuem auf.
Das Heilverfahren schien mir sehr empfehlenswert und ich riet es einer Dame an. Sie war sehr leidend und wurde immer schwächer, bis ihr zuletzt keine Arznei mehr helfen wollte. Als ich ihr sagte, ich könnte sie ohne allen Zweifel in acht Tagen wieder gesund machen, bekam sie neuen Mut und versprach, meine Ratschläge pünktlich zu befolgen. Nun sagte ich ihr, sie solle vier Tage lang weder trinken, noch fluchen, noch rauchen, noch zu viel essen, dann würde sie ganz hergestellt sein. Und ich weiß, meine Prophezeiung wäre auch eingetroffen; aber sie meinte, sie könne nicht aufhören zu rauchen, zu fluchen und zu trinken, weil sie so etwas überhaupt noch nie getan hätte. Da lag der Hase im Pfeffer: sie besaß gar keine Angewohnheiten, an die sie sich jetzt hätte halten können. Da sie versäumt hatte sich rechtzeitig einen Vorrat anzulegen, der ihr im Notfall zu gute käme, war ihr nicht mehr zu helfen. Sie glich einem sinkenden Schiff, das keinen Ballast hat, den man über Bord werfen kann, um das Fahrzeug zu retten. Irgend ein paar schlechte Gewohnheiten hätten sie noch retten können, aber es fand sich nichts bei ihr vor, sie war die reinste moralische Bettlerin. Als sie noch jung genug war, um sich dies oder jenes anzugewöhnen, hinderten ihre Eltern sie daran, die zwar in der besten Gesellschaft lebten, aber die Unwissenheit selber waren. Man muß für dergleichen in der Kindheit sorgen; wenn erst Alter und Krankheit kommen, läßt sich nichts mehr nachholen, und man hat kein Mittel in der Hand, um sie zu bekämpfen.
Als junger Mensch faßte ich, wie gesagt, oft die besten Vorsätze und gelobte auch sie auszuführen, aber ich habe es nie gekonnt, weil ich meine Gewohnheiten nicht bei der Wurzel packte und das böse Verlangen ausriß; mehr als einen Monat setzte ich die Tugend nie durch. Einmal versuchte ich Maß zu halten und eine Weile ging es auch gut. Ich hatte mich verpflichtet, täglich nur eine Zigarre zu rauchen; das schob ich immer auf bis zur Schlafenszeit, und dann schmeckte sie mir wundervoll. Aber das Verlangen verfolgte mich Tag für Tag, vom Morgen bis zum Abend. Vor Ablauf einer Woche fing ich an, mich nach größern Zigarren umzusehen, als ich zu rauchen gewohnt war; dann wählte ich noch größere und immer größere. Als vierzehn Tage um waren, bestellte ich mir besondere Zigarren; sie wuchsen fort und fort. Am Ende des Monats war meine Zigarre zu solcher Länge und Dicke gediehen, daß ich sie als Krückstock hätte brauchen können. Da erkannte ich denn, daß es töricht sei, sich auf eine Zigarre zu beschränken, weil es den Menschen doch nicht vor dem Verlangen schützt. Also warf ich mein Versprechen über den Haufen und war wieder ein freier Mann.
Doch, um wieder auf den jungen Kanadier zu kommen: er war auf ›Monatsgeld gesetzt‹, eine Einrichtung, von der ich bisher noch nie gehört hatte und die ich mir von den Passagieren erklären ließ. Die angesehenen Familien in England und Kanada pflegen nämlich ihre Taugenichtse nicht auszustoßen, solange noch irgend welche Hoffnung für sie vorhanden ist. Schwindet aber endlich jede Aussicht auf Besserung, dann wird der Tunichtgut eingeschifft und bekommt nur so viel Geld in die Tasche – nein, in des Zahlmeisters Tasche – um die Reisebedürfnisse zu bestreiten. Erreicht er den Ort seiner Bestimmung, so erwartet ihn dort ein Monatsgeld, und vier Wochen später trifft wieder ein Wechsel im gleichen – nicht sehr hohen – Betrage ein. Damit pflegt er unverzüglich seine monatliche Kost und Wohnung zu bezahlen – der Hauswirt sorgt dafür, daß er diese Pflicht nicht vergißt – und den Rest noch am selben Abend zu verprassen. Dann treibt er sich müßig, voll Kummer, Not und Schwermut umher, bis der nächste Wechsel kommt. Ein solches Leben erweckt das tiefste Mitgefühl.
Wir hatten noch zwei andere Taugenichtse an Bord, die aber dem Kanadier in keiner Weise glichen; sie besaßen weder seinen Verstand noch seine hübsche Außenseite, weder sein anständiges Wesen noch seine Entschlossenheit, Großmut und Höflichkeit. Der eine mochte etwa zwanzig Jahre zählen, war aber in Kleidung, Sitte und äußerer Erscheinung eine lebendige Ruine. Er behauptete der Sprößling eines herzoglichen Hauses in England zu sein, den man, um der Familie willen, nach Kanada eingeschifft hatte, wo er alsbald in Ungelegenheiten geraten war; jetzt wurde er nach Australien befördert. Einen Titel hatte er nicht, wie er sagte; im übrigen ging er jedoch sehr sparsam mit der Wahrheit um. Bei seiner Ankunft in Australien brachte er es gleich so weit, daß man ihn ins Loch steckte, und am nächsten Morgen gab er sich bei dem Verhör auf dem Polizeiamt für einen Grafen aus, konnte aber den Beweis für diese Behauptung nicht liefern.
Im Zweifelsfall sprich die Wahrheit!
Querkopf Wilsons Kalender
Am fünften Tag nachdem wir Victoria verlassen hatten, wurde das Wetter heiß und alle männlichen Passagiere an Bord erschienen in weißen Leinwandanzügen. Einige Tage später passierten wir den 25. Grad nördlicher Breite, worauf sämtliche Schiffsoffiziere auf Befehl die blaue Uniform ablegten und sich in weiße Leinwand kleideten. Auch die Damen waren bereits ganz in Weiß. Auf dem Promenadendeck sah es so verlockend kühl und vergnüglich aus, von allen den schneeweißen Kostümen, wie bei einem großen Picknick.
*
Aus meinem Tagebuch:
Es gibt mancherlei Uebel in der Welt, denen der Mensch nie ganz entfliehen kann, er mag reisen so weit er will. Ist man dem einen glücklich entgangen, so fällt man dem andern sicherlich in die Klauen. Die Lügengeschichten von Seeschlangen und Haifischen sind wir endlich los geworden, das ist ein tröstlicher Gedanke[2q]. Aber nun kommen wir in das Bereich des Bumerang[2]s, und es wird uns wieder weh zu Mute. Der erste Offizier erzählte, er habe einen Mann gesehen, der sich vor seinem Feinde hinter einem Baum versteckte; aber der Feind schleuderte seinen Bumerang hoch in die Luft, daß er weit fortflog, dann kam er zurück, fiel herunter und tötete den Mann hinter dem Baum. Der nach Australien bestimmte Passagier hatte gesehen, wie dasselbe Geschick zwei Männer hinter zwei Bäumen ereilte und zwar mit ein und demselben Wurf des Bumerangs.
Da bei dieser Behauptung alle schwiegen, weil sie ihnen zweifelhaft erschien, bekräftigte er sie noch durch die Mitteilung, daß sein Bruder einmal gesehen hätte, wie der Bumerang einen Vogel auf hundert Meter Entfernung getötet und ihn dann dem Werfer gebracht hätte. – Es gibt keine Hilfe gegen derlei Uebel; man muß sie eben ertragen.
Vom Bumerang ging das Gespräch auf Träume über – gewöhnlich ein fruchtbares Thema zu Wasser und zu Land – aber diesmal war der Ertrag nur gering. Dann kam man auf Fälle von außerordentlichem Gedächtnis zu reden, das hatte bessern Erfolg. Jemand erwähnte den blinden Tom, einen schwarzen Klavierspieler, der jedes noch so lange und schwierige Stück richtig spielen konnte, nachdem er es einmal gehört hatte. Ein halbes Jahr später konnte er es abermals fehlerlos vortragen, ohne es inzwischen gespielt zu haben. Das auffallendste Beispiel erzählte uns aber ein Herr, der im Stabe des Vizekönigs von Indien gedient hatte. Er las uns vieles aus seinem Notizbuch vor, wo er die ganze Begebenheit auf frischer Tat eingetragen hatte, damit er sie, wie er sagte, Schwarz auf Weiß besäße und nicht in Versuchung käme zu glauben, er habe sie geträumt oder erfunden.
Der Vizekönig machte eine Rundreise, und unter den Festlichkeiten, die der Maharajah von Mysore ihm zu Ehren veranstaltete, war auch eine Vorstellung der Gedächtniskunst. Nachdem der Vizekönig mit dreißig Herren seines Gefolges in einer Reihe Platz genommen hatte, wurde der Gedächtniskünstler, ein vornehmer Mann aus der Brahminenkaste, hereingeführt und setzte sich ihnen gegenüber auf den Fußboden. Außer seiner eigenen Sprache konnte er nur Englisch, erbot sich aber, die gewünschten Gedächtnisproben auch in jeder beliebigen fremden Sprache abzulegen. Sein merkwürdiges Programm bestand in folgendem: Er ließ sich von einem Herrn ein Wort aus einem Satze sagen und den Platz angeben, den es darin einnahm. Das französische Wort est wurde ihm genannt; es war in einem Satz von drei Wörtern das zweite. Ein anderer Herr gab ihm das deutsche Wort verloren, als das dritte in einem Satz von vier Wörtern. Von dem nächsten Herrn ließ er sich eine Zahl zum Addieren, dann eine zum Subtrahieren nennen, auch andere Ziffern aus allerlei Rechenexempeln. Ferner erhielt er einzelne Wörter aus dem Griechischen, Lateinischen, Spanischen, Portugiesischen, Italienischen und andern Sprachen, nebst den Angaben ihrer Stelle im Satze. Als ihm jeder der Anwesenden das Bruchstück eines Satzes oder eine Zahl genannt hatte, fing er wieder von vorne an und ließ sich das zweite Wort und seine Stellung im Satze und die zweite Zahl in der Rechnung nennen, und so immer fort. Wieder und wieder nahm er alles vom Anfang an durch, bis er die sämtlichen Teile der Exempel und Sätze beisammen hatte, aber natürlich ganz durcheinander, ohne irgend welche Reihenfolge. Das dauerte zwei Stunden lang.
Nun starrte der Brahmine eine Weile schweigend und nachdenklich vor sich hin und begann hierauf alle Sätze in richtiger Wortstellung zu wiederholen, die verwirrten Zahlen der Rechenexempel zu ordnen und für jedes die entsprechende Lösung anzugeben.
Beim Beginn der Vorstellung hatte er die Zuschauer aufgefordert, ihn zwei Stunden lang mit Mandeln zu bewerfen, er wolle dann sagen, wie viele jeder von den Herren geworfen habe. Dies unterblieb jedoch, weil der Vizekönig meinte, das Kunststück wäre ohnehin schon anstrengend genug, man brauche es nicht noch zu erschweren.
Auch General Grant[3] hatte ein treffliches Gedächtnis, besonders für Namen und Gesichter. Davon hätte ich ein Beispiel zum besten geben können, aber es fiel mir gerade nicht ein. Bald nach seiner ersten Wahl zum Präsidenten kam ich von der Küste des Stillen Ozeans in Washington an, wo ich fremd war und das Publikum noch nichts von mir wußte. Als ich nun eines Morgens am Weißen Hause vorüberging, begegnete mir ein Bekannter, ein Senator aus Nevada, der mich fragte, ob ich wohl Lust hätte, den Präsidenten zu sehen. Ich erwiderte, daß es mir sehr angenehm sein würde und wir traten ein. Wenn ich aber gedacht hätte, ich würde den Präsidenten von einer Menschenschar umgeben finden, so daß ich ihn von ferne in aller Gemütsruhe betrachten könnte, wie die Katz den Kaiser ansieht, so befand ich mich im Irrtum. Es war noch früh am Tage und ich ahnte nicht, daß der Senator sich ein Vorrecht seines Amtes zu nutze machen wollte, um das Staatsoberhaupt in seinen Arbeitsstunden zu stören. Ehe ich mich's versah standen wir vor ihm, und außer uns dreien war niemand zugegen. General Grant erhob sich langsam vom Schreibtisch, legte die Feder hin und trat mit dem steinernen Ausdruck eines Mannes, der seit sieben Jahren nicht gelacht hat und auch in den nächsten sieben Jahren nicht zu lachen gedenkt, auf uns zu. Er schaute mich groß an, da schwand mir der Mut und ich senkte den Blick. Ich hatte noch nie einem bedeutenden Manne gegenüber gestanden und im Bewußtsein meiner eigenen Nichtigkeit überkam mich eine erbärmliche Angst.
»Herr Präsident,« sagte der Senator, »darf ich mir erlauben, Ihnen Herrn Clemens vorzustellen?«
Der Präsident hielt meine Hand einen Augenblick teilnahmslos in der seinen und ließ sie wieder los; er sprach kein Wort und stand nur stocksteif da. In meiner Not fiel mir auch nicht das geringste ein, was ich hätte sagen können und ich wünschte mich hundert Meilen weit weg. Es folgte eine unangenehme, trübselige, entsetzliche Pause. Da kam mir ein Gedanke; ich sah empor in sein unbewegliches Gesicht und sagte schüchtern:
»Herr Präsident, ich – ich bin in rechter Verlegenheit. Sie wohl auch?«
Seine Züge erhellten sich – nur ganz wenig – der schwache Schimmer eines Lächelns, der volle sieben Jahre zu früh kam, blitzte darin auf. So schnell wie er wieder verschwand, war auch ich zur Türe hinaus.
Zehn Jahre darauf sah ich Grant zum zweitenmal. Ich war inzwischen eine bekannte Persönlichkeit geworden und hatte den Auftrag erhalten, bei einem Bankett, das die Armee von Tennessee dem General nach seiner Rückkehr von der Reise um die Welt in Chicago gab, einen längeren Toast auszubringen. Mitten in der Nacht war ich angekommen und stand morgens spät auf. Alle Treppen und Gänge des Hotels waren dicht voll Menschen, die General Grant erwarteten, der sich auf den für ihn bestimmten Platz begeben sollte, wo der große Festzug vorüberzog. Ich drängte mich an einer ganzen Reihe von überfüllten Wohnzimmern vorbei, bis ich endlich an der Ecke des Hauses ein offenes Fenster sah, das auf eine geräumige, mit Teppichen und Fahnen geschmückte Plattform hinausging. Als ich sie betrat, gewahrte ich unter mir Millionen von Menschen, welche die Straßen besetzt hatten; weitere Millionen schauten aus allen Fenstern und von den Hausdächern rings umher. Diese Menschenmassen hielten mich alle für General Grant und brachen in donnernde Hochrufe aus. Es war aber ein sehr guter Platz um den Festzug zu sehen, deshalb blieb ich dort.
Nicht lange, so ertönte von ferne Militärmusik; der Zug kam die Straße herauf und machte sich Bahn durch die jubelnde Menge. An der Spitze ritt Sheridan, die kriegerischste Gestalt aus dem ganzen Feldzug, in seiner Generalleutnants-Uniform.
Da trat General Grant Arm in Arm mit Major Harrison auf die Plattform; ihm folgten paarweise im Galaanzug die Mitglieder des Empfangskomités mit ihren Abzeichen. Der General sah genau so aus wie vor zehn Jahren bei jenem unangenehmen Besuch, eisern und unnahbar in seiner unerschütterlichen Selbstbeherrschung. Harrison kam und führte mich zu Grant, dem er mich feierlich vorstellte. Aber ehe ich noch die passenden Worte finden konnte, sagte der General:
»Herr Clemens, Sie sind wohl in Verlegenheit? Ich nicht.« Und dabei blitzte wieder, wie vor zehn Jahren, jenes schwache Lächeln in seinen Zügen auf.
Seitdem sind siebzehn Jahre vergangen, und während ich dies schreibe ist ganz New York auf den Straßen versammelt, um den sterblichen Ueberresten des großen Kriegers, die man zu ihrem letzten Ruheplatz unter dem Denkmal trägt, das Ehrengeleit zu geben. Kanonenschüsse und Trauergeläute schallen durch die Lüfte und viele Millionen Amerikaner gedenken des Mannes, der die Union gerettet, ihr Banner hochgehalten und der Volksregierung zu neuem Leben verholfen hat, so daß sie unter den segensreichen menschlichen Institutionen ihren Platz dauernd behaupten wird, wie wir hoffen und glauben.
Eine Geschichte ohne Ende.
Abends, wenn wir Männer uns nach dem öden, einförmigen Tageslauf im Rauchzimmer erfrischen wollten, vertrieben wir uns manchmal die Zeit damit, unvollendete Geschichten zu vervollständigen. Das heißt, jemand erzählte eine Geschichte bis auf das Ende und die andern versuchten den Schluß aus eigener Erfindung zu ergänzen. Wenn jeder, der wollte, seine Lesart zum besten gegeben hatte, fügte der erste Erzähler den ursprünglichen Schluß hinzu und überließ uns die Wahl. Manchmal gefiel uns eines der neuen Enden besser als das alte. Eine Geschichte jedoch, mit der wir uns am eifrigsten und längsten beschäftigten, hatte überhaupt keinen Schluß, man konnte daher auch keinen Vergleich anstellen, ob eine unserer Erfindungen besser gewesen wäre. Der Erzähler sagte, er könne die einzelnen Tatsachen nur bis zu einem gewissen Punkte berichten, weiter wisse er selber nichts. Er hätte die Geschichte vor fünfundzwanzig Jahren gelesen, sei aber unterbrochen worden, ehe er ans Ende kam. Nun wolle er demjenigen, der einen befriedigenden Schluß dazu fände, fünfzig Dollars geben; wir möchten Richter aus unserer Mitte wählen, die zu entscheiden hätten, wem der Preis gebühre. Das taten wir und gingen der Geschichte wacker zu Leibe; aber, obgleich wir uns dies und jenes Ende ausdachten, so verwarfen die Richter doch alles, was vorgebracht wurde – und sie hatten recht. Einen befriedigenden Schluß für diese Geschichte hätte nur der Verfasser selbst möglicherweise finden können, und wenn ihm das gelungen ist, so möchte ich wohl wissen wie. Ihr Inhalt ist etwa folgender:
John Brown, ein guter, sanfter, ängstlicher und schüchterner Mensch von einunddreißig Jahren, wohnte in einem friedlichen Dorfe des Staates Missouri, wo er das Amt eines Vorstands der presbyterianischen Sonntagsschule bekleidete. Das war an sich nichts Großes, aber doch das Einzige, womit er in die Öffentlichkeit trat. Er betrieb es mit Treue und Eifer und war in aller Bescheidenheit stolz darauf. Jedermann kannte seine große Menschenfreundlichkeit und die Leute sagten, er sei ganz aus Güte und Schüchternheit zusammengesetzt. Auf seine Hilfe könne man immer rechnen, wo sie gebraucht werde und auch auf seine Schüchternheit, mochte sie am Platze sein oder nicht.
Mary Taylor, ein sittsames, liebenswürdiges und schönes Mädchen von dreiundzwanzig Jahren, war sein ein und alles, und auch ihr Herz gehörte ihm fast ganz. Noch schwankte sie zwar, ob sie ihm ihr Jawort geben sollte, aber er war doch voller Hoffnung. Ihre Mutter hatte im Anfang allerlei Einwendungen gehabt; jetzt neigte sie sich zu seinen Gunsten. Offenbar hatte sein warmes Interesse für ihre beiden Schützlinge und seine Beisteuer zu deren Unterhalt ihr Herz gerührt und erobert. Diese Schützlinge waren nämlich zwei alte einsame Schwestern, die in einer Holzhütte an einem entlegenen Kreuzweg, vier Meilen weit von Frau Taylors Farm wohnten. Eine der Schwestern war irrsinnig und manchmal sogar gewalttätig, aber das kam nicht häufig vor.
Eines Tages glaubte Brown, daß der rechte Augenblick für den entscheidenden Antrag gekommen sei. Er nahm allen Mut zusammen und beschloß, der Mutter, um sie günstig zu stimmen, die doppelte Summe wie gewöhnlich zu überreichen. War erst ihr Widerstand gebrochen, so durfte er eines schnellen Sieges gewiß sein.
An einem schönen Sonntagnachmittag machte er sich also bei mildem Sommerwetter auf den Weg, gehörig ausstaffiert, wie es die Gelegenheit verlangte. Er war ganz in weiße Leinwand gekleidet, trug ein blaues Band als Krawatte und enge Lackstiefel; sein Einspänner war der feinste aus dem ganzen Mietstall, mit einer nagelneuen, weißleinenen Wagendecke, deren breiter, gestickter Rand an Schönheit und Kunst seinesgleichen suchte.
Schon war er vier Meilen gefahren, als er in einsamer Gegend über eine hölzerne Brücke kam; da flog ihm der Strohhut vom Kopfe, fiel in den Fluß und wurde stromabwärts getrieben, bis er an einem Balken hängen blieb. Brown besann sich, was er tun sollte; den Hut mußte er wiederbekommen, das verstand sich von selbst, aber wie ließ sich das bewerkstelligen?
Da kam ihm ein Gedanke. Die Straße war menschenleer, nichts regte sich. Ja, er wollte es wagen. Nachdem er sein Tier an den Rain geführt hatte, wo es nach Belieben grasen konnte, zog er sich aus, legte seine Kleider in den Wagen, streichelte dem Pferde den Hals, zum Zeichen beiderseitigen Wohlwollens, und eilte zum Fluß. Er schwamm nach dem Balken und gelangte rasch wieder in Besitz seines Hutes; als er aber ans Ufer zurückkehrte, waren Pferd und Wagen fort.
Der Schrecken fuhr ihm in alle Glieder. Da er aber sah, wie das Pferd im Schritt den Weg weiter verfolgte, trabte er hinterdrein. »Halt, halt,« rief er, »warte mein gutes Tier!« Aber so oft er nahe genug herankam und sich im Sprung auf den Wagen schwingen wollte, lief das Pferd schneller und vereitelte sein Bemühen. In Todesangst rannte der nackte Mann immer weiter, jeden Augenblick fürchtend, einen Menschen zu Gesicht zu bekommen. Er bat, er beschwor das Tier stillzustehen; aber erst als er nicht mehr weit von Frau Taylors Behausung war, gelang es ihm endlich, in den Wagen zu springen. Rasch warf er das Hemd über, band seine Krawatte um, schlüpfte in den Rock und langte nach den – aber ach, zu spät! Er setzte sich plötzlich nieder und zog die Wagendecke in die Höhe, denn er sah jemand durch das Hoftor kommen – eine Frau, wie ihm schien. Eilig lenkte er das Pferd zur Linken auf den Kreuzweg. Der war schnurgerade und von allen Seiten sichtbar, aber in einiger Entfernung kam eine Waldecke, wo die Straße eine scharfe Krümmung machte. Er pries sich glücklich, als er die Stelle erreicht hatte, ließ das Pferd im Schritt gehen und langte nach den Ho – aber leider wiederum zu spät.
Gerade als er um die Ecke bog, stieß er auf Frau Enderby, Frau Glossop, Frau Taylor und Mary, die zu Fuß einherkamen und sehr müde und
