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Exklusiv als E-Book lieferbar! Im Jahre 2015 hat Tim Krohn eines der aufregendsten Literaturprojekte der letzten Jahre angestoßen: Unter dem Titel Menschliche Regungen schrieb er in der Schweiz ein riesiges Crowdfunding aus: Als Teilnehmer konnte man den Autor beauftragen, aus einer Liste mit den Bezeichnungen von fast 1000 Gefühlen, Stimmungen und Gefühlslagen, einen Begriff auszuwählen und eine Geschichte darüber zu schreiben. Zudem konnte man ein, zwei oder drei Worte benennen, die in der Geschichte vorkommen sollen. Binnen kurzer Zeit waren die ersten 130 Geschichten zusammen, nach einer weiteren Runde waren es schon 200. Und dann schrieb Tim Krohn, mit eiserner Disziplin. Früh morgens wurde konzipiert, dann geschrieben; jeden Tag eine Geschichte – am Abend nahm er die fertige Rohfassung als Lesung auf. Dabei ordnete er die Gefühle schon gleich einer Palette von Figuren zu, die er alle in einem Genossenschaftshaus in Zürich wohnen lässt. In der Neujahrsnacht des Jahres 2000 setzt die Handlung ein. Für den pensionierten Tramfahrer Hubert Brechbühl beginnt das Jahrtausend mit großen Plänen und ohne Katze. Für das junge Paar Pit und Petzi mit viel Sex. Für Julia Sommer ohne Sex. Für Selina May ohne Arbeit. Für Efgenia Costa mit Drogen. Für Erich und Gerda Wyss mit Überlegungen, wer von beiden zuerst sterben sollte. Vieles davon wird sich ändern, anderes nicht. Elf Bewohnerinnen und Bewohner eines Züricher Mietshauses geraten im Jahr 2001 in einen Strudel der Gefühle. In »Menschliche Regungen. Ein Haus, elf Menschen und was sie bewegt« erfahren Sie mehr über das Projekt und können vor allen die wichtigsten Personen und ihre ersten Erlebnisse kennenlernen. Ein spannender Einblick in eines der spannendsten literarischen Projekte der letzten Jahre. Folgenden Bände erschienen: Herr Brechbühl sucht eine Katze Erich Wyss übt den freien Fall Julia Sommer sät aus
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Seitenzahl: 66
Veröffentlichungsjahr: 2017
Tim Krohn
Ein Haus, elf Menschen und was sie bewegt
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Titelseite
Über Tim Krohn
Über dieses Buch
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Hinweise zur Darstellung dieses E-Books
zur Kurzübersicht
Tim Krohn, geboren 1965, lebt als freier Schriftsteller in Santa Maria Val Müstair. Er ist einer der vielfältigsten und experimentierfreudigsten Gegenwartsautoren. Mit Quatemberkinder, einem Spiel mit Hochsprache und Dialekt, Sagenstoffen und modernem Erzählen, eroberte er die Herzen der Schweizer Leser. Sein Roman Vrenelis Gärtli stand auf Platz 1 der Schweizer Bestsellerliste. Er erhielt zahlreiche Preise und Stipendien. Zuletzt veröffentlichte Tim Krohn bei Galiani die vielbeachteten Erzählbande Aus dem Leben einer Matratze bester Machart (2014) und Nachts in Vals (2015).
zur Kurzübersicht
Im Jahre 2015 hat Tim Krohn eines der aufregendsten Literaturprojekte der letzten Jahre angestoßen: Unter dem Titel Menschliche Regungen schrieb er in der Schweiz ein riesiges Crowdfunding aus: Als Teilnehmer konnte man den Autor beauftragen, aus einer Liste mit den Bezeichnungen von fast 1000 Gefühlen, Stimmungen und Gefühlslagen, einen Begriff auszuwählen und eine Geschichte darüber zu schreiben. Zudem konnte man ein, zwei oder drei Worte benennen, die in der Geschichte vorkommen sollen. Binnen kurzer Zeit waren die ersten 130 Geschichten zusammen, nach einer weiteren Runde waren es schon 200. Und dann schrieb Tim Krohn, mit eiserner Disziplin. Früh morgens wurde konzipiert, dann geschrieben; jeden Tag eine Geschichte – am Abend nahm er die fertige Rohfassung als Lesung auf. Dabei ordnete er die Gefühle schon gleich einer Palette von Figuren zu, die er alle in einem Genossenschaftshaus in Zürich wohnen lässt. In der Neujahrsnacht des Jahres 2000 setzt die Handlung ein.
Für den pensionierten Tramfahrer Hubert Brechbühl beginnt das Jahrtausend mit großen Plänen und ohne Katze. Für das junge Paar Pit und Petzi mit viel Sex. Für Julia Sommer ohne Sex. Für Selina May ohne Arbeit. Für Efgenia Costa mit Drogen. Für Erich und Gerda Wyss mit Überlegungen, wer von beiden zuerst sterben sollte. Vieles davon wird sich ändern, anderes nicht. Elf Bewohnerinnen und Bewohner eines Züricher Mietshauses geraten im Jahr 2001 in einen Strudel der Gefühle.
Der Auftaktband der Menschliche Regungen-Serie Herr Brechbühl sucht eine Katze ist ab Februar 2017 zu haben. In rascher Folge werden die Folgebände Erich Wyss übt den freien Fall (August 2017) und Julia Sommer sät aus (Sommer 2018) folgen. Aber natürlich ist das Projekt damit nicht zu Ende – es soll über die Schweiz hinaus, und wenn genügend Menschen mitmachen, jede Regung eine Geschichte bekommen – und so en passant eine Chronik der Gefühle des 21. Jahrhunderts entstehen.
In Menschliche Regungen. Ein Haus, elf Menschen und was sie bewegt erfahren Sie mehr über das Projekt und können vor allen die wichtigsten Personen und ihre ersten Erlebnisse kennenlernen. Ein spannender Einblick in eines der spannendsten literarischen Projekte der letzten Jahre.
Tim Krohn zu seinem Projekt-In-Progress
Ein Haus und seine Bewohner
Heiterkeit (1)
Abschiedsschmerz (3)
Kreativität (6)
Zartheit (7)
Wollust (8)
Kleingeist (9)
Gerechtigkeitsliebe (20)
Mitteilsamkeit (56)
Was im ersten Band sonst noch passiert und Ausblick auf die weiteren Bände
Fast 1000 Gefühle
Wie die Idee entstand:
Ich hatte schon immer die Fantasie, eine Enzyklopädie der menschlichen Gefühle und Charakterzüge zu schreiben. Über die Jahre entstand eine Liste von knapp tausend solcher »Regungen«. Allerdings ging ich davon aus, dass das Projekt mein Alterswerk werden würde.
Plötzlich kam alles ganz anders. Sie müssen wissen, ich bewohne mit meiner Familie ein vierhundert Jahre altes Bauernhaus im Val Müstair, verschroben gebaut, mit geheimen Winkeln und krummen, steilen Treppen. Das wurde zum Problem, als wir entschieden, meine betagte Mutter zu uns zu nehmen. Sie kann die Treppen nicht mehr steigen, und unser einziges Bad lag im Obergeschoss. So sahen wir uns gezwungen, ihr eines ebenerdig einzubauen. Doch woher das Geld nehmen?
So entstand ganz spontan die Idee, uns via Crowdfunding an die Leserinnen und Leser zu wenden. Über wemakeit bot ich eine Tranche von 111 Geschichten zum Verkauf an. Jeder Unterstützer durfte sich eine der Regungen von »aalglatt« bis »zynisch« aussuchen und erhielt zu jenem Begriff seine ganz persönliche Geschichte. Persönlich in doppeltem Sinn: zum einen vergebe ich jeden Begriff nur einmal, zum anderen waren die Unterstützer gebeten, zusätzlich ein bis drei ganz beliebige Wörter anzugeben, die sie in ihrer Geschichte wiederfinden wollten.
Das Angebot schlug ein wie eine Bombe, alle 111 Geschichten (und einige mehr) waren innerhalb eines Monats verkauft. Das Bad für meine Mutter war damit gesichert – doch ich hatte auch einhundertdreißig Schreibaufträge zu bewältigen.
Bevor ich zu schreiben begann, definierte ich den Rahmen für die Geschichten. Ich beschloss, die gesamte Conditio humana in den bescheidenen Verhältnissen einer Zürcher Genossenschaft abzuwickeln. Ich habe selbst fast zwanzig Jahre so gewohnt und kenne die Verhältnisse gut. Auch das Personal legte ich fest: Hubert Brechbühl, einen frühpensionierten Straßenbahnschaffner, Moritz Schneuwly ETH-Student und Tüftler. Das achtzigjährige Ehepaar Wyss (er war einst Logistikverantwortlicher der Post, sprich Paketdienst), das schon länger auf den Tod wartet, doch dazu noch viel zu lebendig ist. Die alleinerziehende Lektorin Julia Sommer mit ihrer vierjährigen Tochter und und und.
Dann machte ich mich ans Schreiben, in unserem Gesindezimmer unterm Dach, mit Blick durch die verworfenen alten Fenster auf die Dorfstraße, den Flieder, die Astern und den Stall der Nachbarn. Abends, sobald die Kinder im Bett sind, überarbeite ich und sende jede Geschichte, sobald sie fertig ist, an ihren Eigentümer. Inzwischen sind fast 200 Geschichten entstanden, gefasst in drei Romane.
Als sie fertig waren, kontaktierte ich meinen Verlag (Galiani Berlin), der sofort zustimmte, das Projekt als Serienroman zu veröffentlichen. Herr Brechbühl sucht eine Katze erscheint als Auftaktband Anfang März, Erich Wyss übt den freien Fall soll im August folgen, Julia Sommer sät aus, im Frühjahr 2018.
Und selten erhielt ich so herzliche Rückmeldungen. Manche der Unterstützer scheinen meine Texte wie Orakel auf ihr eigenes Leben zu lesen. Und die Romane als Ganzes scheinen einen hohen Suchtfaktor zu haben. Ich habe mir geschworen, an den »menschlichen Regungen« zu schreiben, solange jemand mitspielt. Ich hoffe, das wird noch eine Weile andauern.
Die Röntgenstrasse kennenlernen – Aus dem Eröffnungsband
Herr Brechbühl sucht eine Katze
In der Silvesternacht des Jahres 2000 hatte Hubert Brechbühl vor, früh schlafen zu gehen. Ein Jahr zuvor, in der Nacht des großen Zahlensprungs, hatte er dem Datumswechsel noch regelrecht entgegengefiebert, mit gemischten Gefühlen und gut ausgerüstet mit Kerzen, Thermodecke und haltbaren Lebensmitteln für vier Wochen. Die Badewanne, Töpfe und Krüge hatte er mit Wasser gefüllt. Dann hatte er den gefütterten Anorak angezogen, in dessen Innentaschen er bereits – verteilt auf mehrere Briefumschläge – sein kleines Vermögen verstaut hatte, das er sich zwei Tage zuvor in der Post am Limmatplatz hatte auszahlen lassen. In die Außentaschen hatte er ein Klappmesser, ein Feuerzeug, einen Flachmann mit Enzian und eine kurbelbetriebene Taschenlampe gesteckt. Er war in die Moonboots geschlüpft (und wie dankbar war er nun, dass er vor dreißig Jahren nicht nachgegeben hatte, als seine Mutter, die ihm beim Umzug half, sie der Caritas hatte schenken wollen), dann hatte er sich eine letzte Kanne schön heißen Kaffee gekocht, eine Kerze angezündet und schwitzend vor dem Fernseher darauf gewartet, dass mit dem Datumswechsel die komplexe Technik, auf der das westliche System beruhte, und damit das gesamte Abendland zusammenbrach.
Als Mitternacht nahte, hatte seine Aufregung sich nochmals gesteigert, zweimal musste er aufs Klo, auch ein Butterbrot musste noch geschmiert sein, denn wer konnte schon sagen, was geschehen würde und wann er wieder zum Essen kam. Doch immer rannte er gleich wieder vor den Bildschirm, in dem eine feuchtfröhliche Festgesellschaft schlagersingend blindlings ihrem Untergang entgegenfeierte. Er eilte nicht, weil er etwas zu verpassen fürchtete, er wollte nur so lange als möglich unter Menschen sein. Denn das Leben nach dem Millennium-Crash malte er sich als einsame Sache aus, zumal ganz offensichtlich kaum jemand gerüstet war wie er, und so schätzte er, dass sich die Menschheit innerhalb weniger Wochen halbieren würde.