My Story. Streng geheim. - Beatrix Mannel - E-Book

My Story. Streng geheim. E-Book

Beatrix Mannel

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Beschreibung

Mitten aus dem Leben und ganz nah dran

Die romantische Nele wandelt sich von der schüchternen grauen Maus zum strahlenden Musical-Nachwuchs-Star – und erobert dabei auch noch das Herz von Felix.

Nele tanzt für ihr Leben gern – aber nicht als Ballerina, wie ihre Mutter das gerne sehen würde, sondern in modernen Musicals. Mit Hilfe ihres besten Kumpels Felix, genannt ix, trainiert sie heimlich, bis sie sich sogar eines Tages traut, für ein Stipendium an einer Musical-Schule vorzutanzen. Doch dann bekommt die fiese Isa, die schon lange hinter Felix her ist, Wind von der Sache. Aus Eifersucht stellt sie Nele eine Falle. Aber dadurch läuft Nele erst recht zu Höchstform auf.

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EPUB
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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Inhaltsverzeichnis
 
cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag in der Verlagsgruppe Random House
Widmung
 
1. One day I’ll fly away (Moulin Rouge)
 
2. I can’t do it alone (Chicago)
 
3. With a little bit of luck (My Fair Lady)
 
4. Got into your dance (42nd Street)
 
5. Don’t tell Mama! (Cabaret)
 
6. Those magic changes (Grease)
 
7. I am changing (Dreamgirls)
 
8. Transformation (Beauty and the Beast)
 
9. Gotta go my own way (High School Musical 2)
 
10. Start of something new (High School Musical 1)
 
11. Mama, I’m a big girl now (Hairspray)
 
12. The winner takes it all (Mamma Mia)
 
13. It’s all over (Dreamgirls)
 
14. Learn to be lonely (Phantom der Oper)
 
15. There’s more to life than love (Anna Karenina)
 
16. Dancing (Hello Dolly)
 
17. I can do that (A Chorus Line)
 
18. Listen (Dreamgirls)
 
19. Make’em laugh (Singing in the rain)
 
20. Rhythm of the night (Moulin Rouge)
 
21. S.O.S. (Mamma Mia)
 
22. Out here on my own (Fame)
 
23. Trashin’ the camp (Tarzan)
 
24. Some things are meant to be (Little Women)
 
25. There’s no business like showbusiness (Annie get your gun)
 
26. Epilog I love you I do (Dreamgirls)
 
27. Neles Workbook – Was eine Ballerina unbedingt können muss:
1. Position
2. Position
3. Position
4. Position
5. Position
Arabesque
Attitüde
Fouettés
Jeté
Grand jeté
Pirouette
Plié
Port des bras
 
Test: Welche My Story passt zu dir?
Copyright
cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag in der Verlagsgruppe Random House
Für Erol, meinen Traumtänzer.
1. One day I’ll fly away (Moulin Rouge)
Seufzend ziehe ich Legwarmer über die abgetanzten Spitzenschuhe und gehe in meine Folterkammer, den großen Saal. Er ist hell, hat einen Schwingboden und drei rundherum verspiegelte Wände. Gnadenlos nackte Wände mit einem einzigen Extra: die hüfthoch umlaufende Holzstange, seidig glatt geschmirgelt von tausend feuchten Händen.
Dort steht sie schon, die Ex-Primaballerina Ivana Lake, klatscht ungeduldig in ihre Hände und scheucht mich an die Stange. »Un, deux, trois...« Mit Argusaugen überwacht sie jedes Plié, sieht auch noch die kleinste Schlaffheit im Rücken, zwingt mich, die Füße stärker und stärker zu strecken. Innerhalb von zehn Minuten fühlt sich meine Haut feucht an, eine Stunde später ringe ich nach Luft und bin völlig durchgeschwitzt.
»Arabesque!«, kommandiert sie, »das Bein höher. Achte auf dein Port de bras...«
Ihre Stimme verschwimmt in meinem Kopf, während mein Körper die gewohnten Übungen automatisch ausführt und ich darüber nachdenke, wie ich nach dieser unendlich peinlichen Begegnung von vorhin auch nur den nächsten Schultag überleben soll.
Es ist nicht so, als ob mir alles und jedes peinlich wäre, wirklich nicht! Außer es geht um Ivana Lake...Die ist nämlich nicht nur eine ehemalige Berühmtheit, sondern leider auch meine Mutter und bringt mich dauernd in Situationen, die ich nur überlebe, weil ich so tue, als würden sie jemand anderem passieren und nicht mir.
Bedauerlicherweise hat dieser Trick vorhin nicht funktioniert.
»Den Po nicht so weit rausstrecken«, Mama klopft mit ihrem kleinen schwarzen Stock sacht auf meinen Allerwertesten, »die Position sauber halten, konzentrier dich!«
Ich tue, was sie verlangt. Mama war schon vor dem schrecklichen Unfall anders als andere Mütter, und mir ist klar, dass sie mich damit nicht ärgern will oder es böse meint. Trotzdem gibt es Momente, in denen ich mir eine »normale« Mutter wünsche, so eine wie die von Ix. Oder wenigstens eine, die nicht diesen Französisch-Fimmel hat und von mir »Mamohhn«, also französisch Maman, gerufen werden will, was ich aber nie mache. Denn sie nennt mich auch nicht Nele, sondern Margot-Emanuelle.
Denn so heiße ich leider: Margot-Emanuelle. Margot nach Margot Fonteyn, der berühmten Ballerina, und Emanuelle nach Mamas Tante, die dafür gesorgt hat, dass Mama Primaballerina werden durfte.
Leider konnte sich mein Vater nicht durchsetzen; der hatte nämlich dafür plädiert, mich schön schlicht nach der großen Anna Pawlowa zu nennen. Pech!
Wenn Mama etwas will, dann lässt sie sich von niemandem davon abbringen. Bestimmt zählt das auch zu den vielen wichtigen Voraussetzungen, um als Primaballerina so erfolgreich zu werden wie sie. Doch obwohl ich meine Mutter liebe, machen es mir diese Ivana-Lake-Eigenheiten manchmal schwer, meine Mutter zu mögen.
Neben ihr fühle ich mich unsichtbar. Wenn wir beide vor einer grauen Wand stünden, dann würde man meine Mutter nicht nur wegen ihrer Schönheit und den flammend rot gefärbten Haaren sofort wahrnehmen, sondern einfach weil sie da ist. Ich hingegen wäre sofort eins mit der Wand, grau vor grau, unsichtbar.
»Margot-Emanuelle, was ist heute bloß los mit dir?« Ivana Lake schüttelt ihre rote Mähne. »Den Bauch fest, jetzt die Sprünge, und eins... und...«
Vielleicht ist es ihre Absolutheit, die man da spürt, denn für sie ist alles entweder gaaanz wundervoll oder gaaanz schrecklich. Außerdem ist sie gnadenlos ehrlich. Das klingt eigentlich gut, aber jetzt mal Hand aufs Herz: Wer erwartet auf die harmlose Frage: »Wie findest du mein neues Kleid?« eine Antwort wie: »Es macht deinen Hintern noch dicker und die Farbe erinnert mich an Erbsenkotze«? Genau das hat Mama wirklich zu unserer Nachbarin gesagt, die seitdem nicht mehr zum Kaffee vorbeigekommen ist. Trotzdem hat Mama Freundinnen. Es gibt tatsächlich Leute, die ihre Offenheit zu schätzen wissen.
Mir dagegen fällt das manchmal schwer. Als ich im Sexualkundeunterricht in Bio ein Referat über das Thema »Geburt« halten musste, habe ich sie nach langem Überlegen gefragt, wie das denn damals so bei mir war. Böser Fehler!
Mama hat nämlich keine Sekunde gezögert, mir schonungslos offen zu erklären, was für ein Schock es für sie war, mit siebzehn überraschend schwanger zu sein, und wie unglaublich hart sie nach meiner Geburt hatte trainieren müssen, um schnellstmöglich wieder auf der Bühne zu stehen. Sie hat es in nur einer Woche geschafft. Die Geburt im Kreißsaal mit sechzehn Stunden Wehen fand sie dagegen nicht der Rede wert.
»Nicht nachlassen, ma chérie, nur hartes Training führt zum Ziel.« Sie reicht mir aufmunternd die Wasserflasche, und weil das einer der wenigen Momente ist, in denen sie so glücklich aussieht wie früher, werde ich ihr niemals verraten, wie liebend gern ich dieses Training an den Nagel hängen würde.
»Wir machen eine kleine Pause, du bist etwas unkonzentriert, Margot-Emanuelle. Ich bin gleich wieder da.«
Trotz allem, was ihrem Körper passiert ist, scheint sie beim Gehen immer noch grazil über den Boden zu schweben. Ich schaue ihr nach und frage mich, wie es wäre, wenn es Papa noch gäbe. Wäre ich dann überhaupt in diesem Foltersaal? Wahrscheinlich nicht, denn dann wäre Mama ja auch nie verletzt worden und würde heute noch selbst tanzen.
Aber der Papa, der mich immer Nele nannte, der mich okay fand, so wie ich war, der ist nicht mehr da. Ich erinnere mich, dass er viel mit mir gesungen hat, dass er witzige Songs wie »Mein kleiner grüner Kaktus« liebte und dass es ihn wahnsinnig gefreut hat, wenn ich mir den Text merken konnte. Außerdem hat er mir die verrücktesten Geschichten erzählt und so getan, als stünden sie alle in meinem Märchenbuch. Erst als ich selbst lesen konnte, habe ich gemerkt, dass es in Grimms Märchenbuch nirgends eine Fee gab, die Gummibärchenregen zaubern konnte, und auch den Ritter Evian, der unendlich viele Abenteuer bestehen muss, um die berühmten rosa Lachse zu finden, die einzige Speise, die Prinzessin Leneele vom Tode retten konnte, habe ich nie gefunden.
Nach dem grauenhaften Unfall habe ich das zerfledderte Buch wieder herausgeholt, obwohl ich da schon neun Jahre alt war. Habe seine Geschichten darin gesucht, wieder und wieder und wieder.
Wollte Papa zurück.
Wollte diese Kakofonie von quietschenden Reifen, Schreien, krachendem Blech und splitterndem Glas aus meinem Kopf raus lesen, wollte den Geruch nach Benzin, verbranntem Gummi und Blut ausblenden, wollte vergessen, dass uns auf der Autobahn ein Laster gerammt hat.
Es war ein Toter, der unsere Familie zerstört hat. Der LKW-Fahrer hatte einen Herzinfarkt, und deshalb geriet sein LKW auf die andere Fahrbahn, unsere Fahrbahn.
Seitdem sind Mamas Rücken und ihr linkes Knie steif und Papa liegt auf dem Nordfriedhof. Fünf Jahre ist das jetzt her, und ich fange an, Papas Gesicht zu vergessen. Ich muss ständig sein Foto anschauen, um ihn noch vor mir zu sehen, was mich unglücklich macht, denn es ist so, als würde er jetzt erst richtig sterben.
Früher habe ich oft so getan, als ob er noch da wäre, und ihm erzählt, was mir in der Schule passiert ist, aber immer öfter komme ich mir dabei wie eine Idiotin vor. Gespräche mit einem Toten. Lächerlich. Peinlich.
Womit wir wieder bei heute Abend wären.
Unsäglich blöd, was mir da in der Starlight-Stage-Musical-School passiert ist, und ich habe es mal wieder Mama zu verdanken. Sie arbeitet in der Musicalschule. Aber leider nicht als Lehrerin. Sie hat gesagt, es würde sie verrückt machen, sich mit lauter eingebildeten Blagen herumärgern zu müssen, die davon träumen, mühelos ein lächerlicher Musical-star zu werden. Für Mama kommt Musical gleich hinter Plastikglitzerfingernägeln und Zungenpiercings. Deshalb warte ich immer, bis sie aus der Wohnung ist, bevor ich die Musical-DVDs einlege, auf die ich stehe – zurzeit »High School Musical 2« und schon seit einem Jahr mein Dauerliebling »Dreamgirls«. Ich drehe dann die Musik bis zum Anschlag auf, tanze durch die Wohnung und stelle mir vor, ich wäre Deena alias Beyoncé Knowles und würde meine Fans zum Kreischen bringen.
Zum Glück hat sie mich dabei noch nie erwischt. Es würde sie traurig machen, denn sie würde es als Affront gegen ihr einziges Heiligtum betrachten, das klassische Ballett.
Obwohl Mama das Ballett so liebt, will sie nur mich unterrichten, sonst niemanden. Genau dafür hat sie diesen Deal mit der Musicalschule. Sie arbeitet hier als Putzfrau, und wir können abends, wenn alle Kurse vorbei sind, in dem großen Saal trainieren, so wie eben jetzt.
Mamas Traum ist es nämlich, dass ich in ihre Fußstapfen trete, na ja, nicht trete, sondern schwebe. Und manchmal wenn sie wieder starke Schmerzen hat, muss ich ihr beim Putzen helfen, was mir auch nichts ausmacht.
Jedenfalls bis heute Abend.
Ich war gerade mit dem Wachsen des Flurbodens fertig und wollte das Kabel der Maschine aufrollen, als plötzlich ein dunkler Schatten auf mich fiel.
»Nele!«, hauchte die einzige Person auf der Welt, die mir sonst niemals freiwillig auch nur die Uhrzeit sagen würde, die das übelste Klatschmaul an meiner Realschule ist, die es saukomisch findet, mich Margottie zu nennen, und die mich nie, nie, nie mit meiner Mutter zusammen sehen darf, weil mein Ruf dann endgültig ruiniert wäre.
Vor mir stand Isabella Rupperts, den Körper in hautenge, kreischend eisblaue Mikrofaser gepresst, die blonden Haare aufgetürmt wie schockgefrorene Schillerlocken und umwickelt mit einem weiß schimmernden Paillettenband.
»Was macht denn jemand wie du hier?«, fragte sie und musterte die Wachsmaschine in meiner Hand.
Ich musste mich beherrschen, die Maschine nicht einfach fallen zu lassen, so als gehörte sie nicht zu mir.
Wenn diese Klatschbase mitkriegte, was Mama und ich hier taten, würde ich keinen guten Tag mehr in meiner Schule haben. Die Sprüche konnte ich mir lebhaft vorstellen. »Hey Margottie, putz doch noch mal über die Kloschlüsseln, da sieht es ja wieder scheußlich aus...«
Ich hatte keine lässige Antwort auf ihre einfache Frage parat. Die fällt mir immer erst abends im Bett ein oder wenn ich Tagebuch schreibe. In meinem Hirn herrschte nur gähnende Leere. Also habe ich demonstrativ gegähnt und die Maschine gepackt, als wäre sie ein Mikroständer oder sonst ein wichtiges Requisit und dann lässig gemurmelt: »Tja, Isa, das würdest du wohl gern wissen...« Mit diesen geheimnisvollen Worten habe ich Isa-ich-weiß-alles-über-dich mit offenem Mund stehen lassen.
Mama ist zurück. »Na, bist du jetzt wieder mehr bei der Sache?«, fragt sie und fordert mich mit einem Kopfnicken auf, die Grundposition an der Stange einzunehmen.
Während ich versuche, ihren Anforderungen gerecht zu werden, merke ich, wie es in meinem Bauch grummelt.
Was sage ich nur in der Schule, wenn Isa mir vor allen anderen die gleiche Frage stellt? Das war ziemlich bescheuert von dir, Nele, schimpfe ich mich, diesem Miststück so eine geheimnisvolle Antwort zu geben. Jetzt wird sie dich erst recht nicht in Frieden lassen!
Das einzig Gute ist, dass Isa mich nicht mit Mama zusammen gesehen hat. Die trägt heute zu ihrem feuermelderroten Haar nämlich wieder schwarze Spitzenleggins, über denen eine zeltartige schwarze Seidentunika weht, die in der Taille von einem silbernen Paillettengürtel zusammengehalten wird. Mamas einziges Zugeständnis an den Putzjob ist ein Kopftuch mit Fransen, in die Tausende kleine Klimpermünzen eingearbeitet sind. Sie sieht damit aus wie eine Wahrsagerin und trägt dazu türkisfarbene Gummihandschuhe, niemals rosa, nur türkis. Ihr klassisches Gesicht mit den perfekten hohen Wangenknochen und dem schönen Mund ist wie immer so geschminkt, als stünde sie auf der Bühne und müsste bis Reihe hundert gut aussehen. Aus der Nähe wirkt das Rouge übertrieben, wie bei einem Clown. Ich würde eher sterben, als mich so auf der Straße zu zeigen, und wenn ich neben Mama hergehen muss, bin ich froh darüber, so unsichtbar zu sein.
Was hatte Isa eigentlich hier zu suchen? Träumt die etwa davon, später Musicaldarstellerin zu werden? Hm. Isa und Musical? Ziemlich komische Idee, obwohl ich zugeben muss, dass Isa ganz gut singen kann. Ich singe auch ein bisschen, im A-cappella-Chor meiner Schule, in den Mama mich erst nicht reinlassen wollte, weil sie Singen für totale Zeitverplemperung hält. Erst als mein Musiklehrer sie persönlich angerufen und ihr etwas von umseitiger Bildung verklickert hat, hat sie eingelenkt. Zum Glück hat er ihr nicht gesagt, dass er mich für talentiert hält, denn dann wäre ich heute noch nicht im Chor. Mama will nicht, dass ich meine Zeit damit vergeude, mir einzubilden, ich könnte locker-flockig Deutschlands nächster Superstar werden.
Ihr Credo ist: Erfolg ist zu fünf Prozent Talent, der Rest ist Schweiß.
Mein Musiklehrer würde ihr sofort recht geben, allerdings findet er, ich sollte weniger tanzen und dafür Gesangsstunden nehmen, weil meine Stimme genug Volumen für die Bühne hätte.
Wenn ich allein daheim bin, dann singe ich und mache die Atemübungen, die er mir verraten hat. Es ist merkwürdig, aber beim Singen fühle ich mich manchmal so ähnlich wie beim Tanzen, wenn ich Sprünge machen darf. Dann vergesse ich alles um mich herum, dann bin ich nicht mehr Nele der Trauerkloß, sondern Nele die Lebendige.
»Margot-Emanuelle! Ich glaube, wir hören für heute auf, es hat überhaupt keinen Sinn!«
Meine bezaubernde Mutter steht vor mir und wackelt ungehalten mit dem Kopf.
»Ma petite«, seufzt sie, »so wird nie etwas aus dir!«
Ich fühle mich mies und schleiche in die Garderobe, wo ich mich dusche und umziehe und mich zum millionsten Mal frage, wie es wohl wäre, wenn Mama noch immer die Primaballerina Ivana Lake wäre und Paps noch am Leben. Ganz bestimmt müsste ich nicht sechsmal die Woche hart trainieren, denn Mama stünde ja auf der Bühne und wäre mit ihrer Vorstellung beschäftigt.
Es ist ja nicht so, dass mir das Training gar nicht gefällt. Ich mag es, die Kraft meiner Muskeln in den Beinen zu spüren und hoch in die Luft zu springen, aber manchmal wünschte ich, Mama würde mich in Ruhe lassen und ich könnte Modern-Dance-Kurse besuchen, Gesangsstunden nehmen und vielleicht eine Ausbildung zur Musicaldarstellerin machen. Ich habe es einmal gewagt, sie darauf anzusprechen, woraufhin sie mich mit einem stundenlangen Vortrag über die wahren Werte einer klassischen Tanzausbildung gequält hat. Danach war mir definitiv klar, dass ich meine Träume besser für mich behalten sollte.
Meine Träumereien – behaupten jedenfalls meine beiden Uraltfreunde Sonja und Felix – seien genau mein Hauptproblem. Sonny war wie Ix zusammen mit mir im Kindergarten und lebt im Augenblick mit ihren Eltern in einer Forschungsstation in Papua-Neuguinea. Dort langweilt sie sich so, dass sie mir täglich lange E-Mails schreibt, in denen sie regelmäßig findet, dass ich zu viele Gedanken an das Waswäre-wenn vergeude, statt mehr aus dem zu machen, was wirklich da ist.
Ix hingegen meint, ich würde mir zu viel wünschen. Ja, der hat gut reden. Seine Eltern beten ihn an, kaufen ihm jedes Computerzubehör, das er für seine Hip-Hop-Songs braucht, und finden jedes seiner Musikstücke toll. In ihren Augen kann Ix gar nichts falsch machen. Sie tun alles für ihn, obwohl sie noch drei andere Kinder haben: Ix’ umschwärmten älteren Bruder Rick, der in die Abschlussklasse unserer Schule geht und der Basketballstar unserer Schulmannschaft ist, und die süßen kleinen Zwillinge Laura und Lila.
Okay, seine Eltern kann man sich nicht aussuchen, aber glücklicherweise seine Freunde. Ich muss unbedingt mit Ix über Isa reden, Sonny ist ja leider nicht da. Die würde mir auf die Schulter klopfen und mich fragen, wo denn eigentlich das Problem ist. Sonny ist nie was peinlich, Sonny findet immer alles komisch und ihr Lachen fehlt mir sehr. Doch vielleicht hat ja Ix eine Idee, wie ich mich aus der Sache mit Isa clever herauswinden kann. Zum Glück ist heute erst Freitag, da habe ich bis zur Schule am Montag noch zwei Tage Zeit, mir das Hirn zu zermartern.
Als ich aus der Dusche komme, schließt Mama gerade ihren Garderobenschrank ab, legt den Schlüssel wie immer oben auf den Schrank und zieht ihre Straßenschuhe an. Ich kann nicht mitansehen, wie ihr kaputter Rücken ihr dabei zu schaffen macht, bücke mich und schnüre ihr die Schuhe zu. Sie tätschelt meine langen Haare und seufzt. »Was würde ich nur ohne dich tun, Margot-Emanuelle?«
Und ich schäme mich mal wieder, weil ich so oft gemeine Gedanken über sie habe.
2. I can’t do it alone (Chicago)
Felix lümmelt im neongelben Sitzsack und starrt an die niedrige Decke seines Zimmers, wo er Poster von Hip-Hop-Stars hingepinnt hat, die für mich alle gleich aussehen, weil riesige Sonnenbrillen ihre Gesichter verdecken.
»Isa hat dich also in der Musicalschule getroffen«, brummelt er und lässt zischend Luft durch die Lücke zwischen seinen beiden vorderen Schneidezähnen entweichen. Das ist ein Tick von ihm, und obwohl er jetzt seit über einem Jahr eine feste Spange trägt, wird die Lücke zwischen den Zähnen einfach nicht kleiner. »Und was ist das Problem?«
»Das Problem ist, sie darf auf keinen Fall rauskriegen, dass Mama dort als Putzfrau arbeitet! Isa würde mir mit ihren ach so witzigen Sprüchen das Leben zur Hölle machen!«
»Übertreibst du da nicht ein bisschen?«
»Nicht die Bohne. Isa ist schrecklich!«
»Ich finde sie eigentlich ganz nett.« Ix wird leicht rosa.
»Isa?« Ich fasse es nicht. Isa ist so nett wie giftige Skorpione oder Würgeschlangen oder Todesspinnen …
»Wenn du willst, dass sie dich nicht mit Fragen löchert, dann musst du ihr zuvorkommen, die Flucht nach vorn antreten.« Ix grinst mich an.
Endlich scheint er kapiert zu haben, wie wichtig es für mich ist, Isa eine gute Story aufzutischen.
»Was meinst du mit ›Flucht nach vorn antreten‹?«
»Ich meine, du musst ihr mit einer völlig irren Erklärung kommen.«
»Irre passt vielleicht zu dir, aber nicht zu mir! Ich bin Nele, schon vergessen? Und das Letzte, was ich möchte, ist, zum Thema von irgendwelchem Klassentratsch zu werden.«
»Weiß ich doch, aber du kannst dich nicht immer in Mauselöchern verkriechen, oder?« Ix streckt sich, sodass ich freien Blick auf seine hellblau gestreiften Boxershorts habe, denn er trägt seine Jeans prinzipiell auf halbem Oberschenkel.
»Ich will mich nicht in einem Mauseloch verkriechen, ich möchte nur Isas Neugier ausbremsen. Du weißt doch, dass sie sich immer über mich lustig macht.«
»Ich finde, du übertreibst ziemlich. Eigentlich kann Isa ganz nett sein.«
Ich habe schon länger das dumpfe Gefühl, dass Ix Isa heimlich bewundert. Er würde mir so etwas natürlich nie sagen, auch wenn wir uns schon seit dem Kindergarten kennen. Wir waren zusammen mit Sonny in der Glückskäferchengruppe. Er hat mittags heimlich meinen Brokkoli gegessen und ich seine Fischstäbchen, so etwas schweißt zwar für die Ewigkeit zusammen, heißt aber nicht, dass Jungs über alles mit dir reden.
Komischerweise ist ihm noch nie aufgefallen, dass ich an seinen Songtexten ganz gut erkennen kann, was ihn beschäftigt. Und in seinem letzten Songtext ging es um einen Jungen, der heimlich ein Mädchen anhimmelt, das ihn gar nicht beachtet, ganz egal was er für tolle Sachen macht.
Zuerst, für einen winzigen Moment, habe ich mich gefragt, ob er mich damit meint. Aber als ich dann zu der Zeile kam, in der es hieß: »das blonde Gift, das meine Adern trifft«, da wurde mir klar, dass er mich nicht gemeint haben kann, denn meine Haare haben die Farbe von Ackererde an einem matschigen Märztag.
Er sieht mich immer noch erwartungsvoll an, aber ich kann beim besten Willen nichts Nettes über Isa sagen.
»Wie auch immer, ich brauche eine gute Story für Isa. Aber die Wahrheit kann und will und werde ich ihr nicht verraten.«
Ix lässt wieder die Luft durch die Lücke in seinen Zähnen entweichen, dann springt er auf.
»Mensch Nele, hast du mir nicht neulich erzählt, dass in diesem Sommer zum ersten Mal ein Vorbereitungskurs an der Musicalschule angeboten wird? Du könntest Isa sagen, dass du dich dafür angemeldet hast!«
Stimmt, der Vorbereitungskurs. Aber die Sache hat einen Haken.
»Isa glaubt mir nie im Leben, dass ich auf eine Bühne will. Das klingt fast genauso wahrscheinlich, als würde Angela Merkel eine Zweitkarriere als Go-go-Girl planen.«
Ix lacht prustend. »Stimmt.«
Sein »Stimmt« haut voll in meinen Bauch. Ich wollte mich zwar über mich lustig machen, aber eigentlich hatte ich gehofft, dass mein alter und bester Freund Ix den Kopf schüttelt, mich tröstet und sagt, ich würde mal wieder wahnsinnig übertreiben. Oder dass er vielleicht so etwas sagt wie: »Nele, genau du solltest auf die Bühne.« Jungs! Total unsensibel!
Zum Glück wird in diesem Augenblick die Tür aufgerissen. Laura und Lila stürmen herein und werfen sich auf ihren Bruder.
»Ixi, spiel mit uns!«, kreischt Laura, und Lila brüllt: »Jaaa. Du sollst der böse Wolf sein und uns fressen!«
Ix schüttelt den Kopf. »Ihr seht doch, dass ich Besuch habe.« Lila und Laura werfen mir einen kurzen Blick zu. »Na gut«, meint Lila dann gönnerhaft, »Nele kann die böse Hexe sein, wenn sie will!«
»Ich habe euch doch gesagt, dass ihr Felix in Ruhe lassen sollt!« Felix’ Mutter steht im Türrahmen und lächelt uns entschuldigend zu.
Ich mag Ix’ Mutter, sie ist genau so, wie eine Mutter sein sollte: klein und pummelig, trägt nie peinliche Klamotten, und sie hält jeden Pups, den ihre Kinder von sich geben, für großartig. Sie schimpft selten, und immer gibt es Süßigkeiten und all die Sachen, die meine Mutter niemals kaufen würde: Schokoriegel und Lutscher, Schokoküsse und Gummibärchen, Chips und Kekse. Voll das Paradies. Komisch eigentlich, dass Rick, Ix und seine Schwestern trotzdem so schlank sind.
»Aber Mama«, fängt Laura todernst an und dreht ihre kleinen Patschhändchen nach oben, »uns war seeehr langweilig und dann hast du sooo lange mit Tante Ulli telefoniert und dann sind wir halt zu Ixi.«
»Jaja.« Felix’ Mutter lacht. »Und dann und dann und dann. Und jetzt spiele ich Uno mit euch, aber nur wenn ihr bei drei oben im Esszimmer seid!« Sie dreht sich um und rennt die Kellertreppe hoch.
»Eins...«, ruft sie. Laura und Lila schauen sich kurz verdutzt an, dann rennen sie los. »Zweiii...«
Ix schließt grinsend die Tür. »Der böse Wolf und die böse Hexe …«
»Ich wünschte, ich hätte auch Geschwister«, seufze ich. Vielleicht würde Mama mich dann mehr in Ruhe lassen, füge ich in Gedanken hinzu, weil es gemein wäre, das laut auszusprechen.
»Manchmal nerven die zwei mich tierisch, dabei sind die beiden ja noch Gold gegen Rick.« Er stöhnt theatralisch. »Apropos nerven, ich glaube, ich habe da eine Idee, was Isa angeht.«
Ich sage nichts und schubse ihn ein bisschen, damit ich auch auf dem Sitzsack Platz habe.
»Was kannst du am allerbesten?«, fragt er mich und rutscht ein paar Zentimeter.
»Keine Ahnung.« Das meine ich ernst. Ich finde nicht, dass ich irgendwas wirklich gut kann, ich bin in allem nur mittelmäßig.
Er stöhnt laut. »Mann, Nele, manchmal nervst du genauso wie die Zwillinge. Also«, er verdreht die Augen, »was trainierst du fast jeden Tag?«
»Tanzen? Aber das habe ich dir doch schon gesagt, dass ich darüber auf keinen Fall mit Isa sprechen werde. Dann muss ich ihr von Mama erzählen und das geht niemanden was an.«
»Oh Nele, du bist so was von dämlich...«
»Vielleicht hörst du endlich mal auf, in Rätseln zu sprechen!«
»Okay. Klartext: Wir sagen Isa, dass du als Choreografin an der Starlight-Stage-Musical-School arbeitest.«
»Wie bitte? Was ist denn das für ein Blödsinn! Ich bin 14 Jahre alt und arbeite als Choreografin? Das ist der Witz des Jahrhunderts!«
»He, wieso? Kann man da keine Assistenz machen?«
»Doch, schon.« Ich komme ins Grübeln. Zurzeit unterrichtet Jeff in den zweiten Klassen Modern Dance und er hat alle paar Monate eine neue, sehr junge Assistentin. Der Job ist heiß begehrt, obwohl er mit Tanzen nur wenig zu tun hat.
Ich sehe seine Assistentinnen immer telefonieren und mit Aktenordnern herumlaufen. Aber das weiß Isa ja nicht.
»Du meinst, ich soll volle Kanne lügen?«
Ix zuckt mit seinen breiten Schultern, dass seine Kapuze wackelt. »Klar.«
»Aber als Assi vom Choreografen muss man sich doch wenigstens ein bisschen auskennen.«
Ix stöhnt. »Nele, echt, du bist so was von anstrengend. Du beherrschst doch diesen ganzen Ballettkram im Schlaf, oder?«
»Aber Modern Dance ist etwas ganz anderes als klassisches Ballett.«
»Oh Mann! Ich geb’s auf.«
»Ich bin im Lügen eben nicht so geübt wie du.«
»Was soll das denn jetzt heißen?« Ix starrt mich mit funkelnden Augen an.
»Nichts. Tut mir leid.«
»Mensch, das ist doch keine große Sache. Du sagst Isa das mit der Assistenz, sie ist beeindruckt und lässt dich in Ruhe. Fertig. Wo ist da ein Problem?«
»Das wäre so, als würdest du behaupten, dass du neuerdings Songs für Bushido schreibst.«
»Nee, für den niemals!« Er schüttelt sich und wir grinsen uns beide an. Ich weiß, dass er Bushido schrecklich findet, und er weiß, dass ich’s weiß.
»Okay, ich denk drüber nach.«
Ix faltet seine Hände wie zum Gebet und hebt sie dramatisch gen Himmel. »Gott sei Dank!«
Und dann spielt er mir seinen neuesten Song vor. »Wach auf.«
Wach auf Mir geht’s scheiße, aber DAS will keiner wissen. Ja, ja, so geht’s doch allenallenallenallen Wir sind die gedissten Nissen Beschissenbeschissenbeschissen Hör auf, dein Leben zu verschwenden Atme ein, atme aus Lass den Scheiß endlich raus Mach dich vom Acker, Bevordubistwiesieallesind Beschissenbeschissenbeschissen
Wie sagt man seinem besten Freund, dass man sein neues Machwerk grottenschlecht findet? Besonders nachdem er einem gerade stundenlang zugehört und auch noch einen Lösungsvorschlag präsentiert hat? Genau, man sagt es vorsichtig.
»Also der Titel ist echt cool. ›Wach auf‹, äh, das ist originell... aber vielleicht ein bisschen viel ›beschissen‹?«
In diesem Moment geht die Tür schon wieder auf, aber diesmal sind es nicht Lila und Laura, sondern Ix’ Freund Vincent kommt ins Zimmer.
»Die Zwillinge haben gesagt, du bist hier, aber von dir haben sie nix gesagt.« Vincent zeigt mit einem Kopfnicken auf mich. »Stör ich?«
Ix ist aufgesprungen und klatscht Vincents ausgestreckte Handfläche ab, dann haken sie die Finger ein und ziehen sich hin und her, ein höchst kompliziertes Begrüßungsritual. »Ne, Nele und ich...«
Ich werfe ihm einen, wie ich hoffe, tödlichen Blick zu. Wehe wenn er Vincent verrät, über was wir gerade geredet haben.
»... wir haben gerade über den neuen Song gesprochen. Sie findet ihn cool.«
»Echt?« Vincent ist immer anderer Meinung als Ix, nein, nicht nur anderer Meinung, er weiß eigentlich auch alles besser. Ist mir schleierhaft, wie Ix mit ihm befreundet sein kann.
»Hast du ihr wirklich ›Wach auf‹ vorgespielt? Ich finde immer noch, da fehlt irgendein Knaller.«
Ich bin wieder mal verblüfft, dass Ix überhaupt nicht beleidigt ist, wenn Cent so was zu ihm sagt. Dabei schreibt Cent keine Songs, sondern meckert ständig nur rum.
Ix grinst. »Ich geh noch mal drüber. Außerdem hab ich was Neues in der Pipeline, aber da arbeite ich noch dran.«
Cent wirft seine langen Haare – er hat Haare, auf die jede amerikanische Serienheldin neidisch wäre – über die Schultern und setzt an zu einem seiner Vorträge. »Gut. Du weißt ja, das Konzert ist schon in drei Wochen. Wenn wir’s da nicht draufhaben, sind wir im Arsch. Deshalb sollten wir auch noch mal über diese Vibes in dem ›Grenzen‹-Song reden. Und über die Hookline. Wir sollten da unbedingt noch was droppen, vielleicht kriegen wir dann mehr Flow rein.«
Und ich muss unbedingt machen, dass ich hier rauskomme.
Ich schaffe es gerade noch, Vincent beim Luftholen zu unterbrechen. »Du, Ix, ich muss leider jetzt weg. Wir sehen uns und ich denke über alles nach, okay?«
»Schade«, sagt Ix, und Vincent sieht sauer aus, weil ich ihm ins Wort gefallen bin.
»Tschüss dann.«
Während ich die Tür hinter mir zuziehe, denke ich darüber nach, wie froh ich sein kann, Ix zum Freund zu haben. Er würde Vincent sicher nie etwas von meinen Problemen erzählen. Nicht so sicher bin ich mir allerdings, ob es eine gute Idee ist, Isa anzulügen. Wenn die das spitzkriegt, kann ich mir ein tiefes Loch graben. Ich muss unbedingt an Sonny mailen und hören, was sie dazu sagt.
3. With a little bit of luck (My Fair Lady)
Als ich am Montagmorgen mit meinem Rad zur Schule komme, steht Isa bereits inmitten ihres Fanklubs zum Verhör bereit.
Wenn Sonny jetzt hier wäre, würde sie ihren Arm um mich legen und mir ins Ohr flüstern: Sei cool, Nele, zeig’s ihr! Sonny findet Ix’ Idee genial, sie kennt Isa und ist der Meinung, dass man die ruhig mal reinlegen könnte. Aber Sonny ist in Papua-Neuguinea und ich bin hier und muss es allein durchstehen!
Kaum habe ich mein Rad angekettet, tritt Isa auch schon vor – heute in pinker Mikrofaser und Röhrenjeans – und grinst mich an.
»Ich glaube, ich weiß, was du in der Starlight-Stage-Musical-School gemacht hast!« Sie dreht sich Beifall heischend zu ihren Freundinnen um. Mir wird auf der Stelle übel. Kann es sein, dass sie Mama getroffen hat?
Isa blickt mich wieder an. »Das war ein Bodenwachsgerät, das du am Freitagabend in der Hand hattest. Du bist dort Putze! Ist ja’n toller Job! Bereitet dich bestimmt prima aufs Leben vor. Nicht für die Schule, sondern für das Leben putzen wir«, sagt Isa, und ihre Freundinnen lachen, als wäre das ein guter Gag.
Wenn ich nicht so feige wäre, würde ich jetzt erwidern: Na wenn schon, was ist daran schlecht? Oder ich würde ihr ins Gesicht lachen und sie zu ihrem Humor beglückwünschen.
Aber ich bin nicht nur feige, ich möchte auch auftrumpfen, ihr das Maul stopfen. Ich möchte einfach mal, dass alle mich beneiden. Also denke ich ganz fest an Sonny und Ix, unterdrücke das leise Zittern in meiner Kehle und sage: »Da täuschst du dich aber gewaltig. Meine Aufgaben gehen doch etwas über das Putzen hinaus!«
Gut, das klang zwar ziemlich geschwollen, doch sie ist neugierig geworden.
»Ach ja, und womit beschäftigst du dich denn dann?« Sie dreht sich wieder zu den anderen und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn, als sei ich total irre.
Ja, ich muss wirklich irre sein, denn ich tu’s. Ich lüge Isa an. »Ich arbeite dort als Choreografin.«
Isa schluckt. Ich sehe es ganz genau. Ihre Mädels kommen näher.
»Soll das ein Witz sein?« Isa lacht hohl und macht eine Pause nach jedem Ha. »Ha – ha – ha. Choreografin!«
»Ne, kein Witz.« Ich muss stark bleiben. Ich kann jetzt nicht mehr zurück. Schau nur, wie dich alle anglotzen, ermahne ich mich. Die warten nur darauf, dass Isa wieder über dich siegt.
»Ich bin Jeffs neue Assistentin«, entgegne ich und grinse vielsagend, so als wäre ich die Busenfreundin von diesem Jeff, dem ich in Wahrheit nur zweimal in der Schule begegnet bin. Ich sagte: »Hi Jeff«, er sagte: »Hi Niiliieh.«
Aber das werde ich Isa natürlich nie auf die Nase binden. Stattdessen rattere ich leicht gelangweilt die Facts herunter, als hätte ich die Story schon oft erzählt.
»Jeff ist vor einem halben Jahr vom Broadway nach Deutschland gekommen, um an der Starlight-Stage-Musical-School zu unterrichten. Der Mann braucht immer eine Assistentin. Seit Anfang April bin ich das. Noch Fragen?«
»Echt?«, entfährt es Katharina, aber sie wird von den anderen sofort mit einem Ellenbogenschubser zum Schweigen gebracht.
»Und warum hast du das nicht gleich gesagt?«, fragt Isa, die ihre Felle davonschwimmen sieht.
»Warum sollte ich?«, sage ich lässig und gehe in das Schulgebäude. Ich drücke mir die Daumen, dass es gleich schellt und Isa mich nicht weiter ausfragen kann.
Aber leider geht mein Wunsch nicht in Erfüllung. Isa stürmt hinter mir her und ihre Anhängerinnen gleich mit.
Ich bleibe abrupt stehen, sodass Isa fast in meinen Rücken rennt. Ich drehe mich um und habe eine Eingebung. »Und was hast du dort eigentlich gemacht, Isa?«
Isas weißer Teint verfärbt sich rötlich. »Ich... ich bereite mich auf meine Karriere als Musicaldarstellerin vor.«
Das ist wie ein Dolchstich mitten ins Herz. Wie kann Isa sich auf eine Karriere vorbereiten, von der ich nur allerheimlichst unter der Bettdecke träume?
»Oh!« Mehr bringe ich nicht über die Lippen, und ich ärgere mich, dass ich nicht den Mumm habe, so etwas zu sagen wie: Ach, nehmen sie da jetzt auch kleine Tonnen? Denn Isa hat einen Speckring um die Taille, den sie ignoriert, und weil sie das tut, tun es auch alle anderen.
Mama würde mich sofort auf Wasser und Karotten setzen, weil eine Tänzerin ihrer Meinung nach nicht anders aussehen darf als eine zarte Fee. Bei mir ist das jedoch nicht nötig, denn ich nehme nie zu und kann essen, was ich will, weil das harte Training alle Kalorien verbrennt.
»Was heißt hier ›Oh‹?« Isa klingt verärgert, sie muss unbedingt das letzte Wort haben, sonst verliert sie das Gesicht vor ihrer Gang.