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Ein junger, unverheirateter Landwirt, der allein einen großen Hof im Wendland führt, missbraucht ein ihm vom Amt anvertrautes elfjähriges Mädchen. Die kleine Kriegswaise ist ihm völlig ausgeliefert, denn zurück ins Heim will sie unter keinen Umständen. Dem Mann Einhalt zu gebieten, geht über ihre Kraft. Die Menschen im Dorf, vor allem die Frauen und die Schulkameraden wie auch die Lehrer, lasten ihr die Schuld an dem unnatürlichen Verhältnis an, bezeichnen sie als Flittchen. Gemeinsam mit einer jungen, zwergwüchsigen Frau, die von der Dorfgemeinschaft ob ihrer angeblichen Leichtfertigkeit ebenfalls als Außenseiterin betrachtet wird, flieht sie nach Celle, um dort als Putzfrau zu arbeiten. Dort lernt sie einen jungen englischen Offizier kennen, in den sie sich verliebt. Ganz von ihr unerwartet erwidert der Mann ihre Liebe. Als er sich offenbart und sie heiraten will, fällt sie angesichts des ersten wirklichen Glücks in ihrem Leben in eine depressive Starre, aus der sie nur selten erwacht und dann nur, um Hand an sich zu legen. Sie wird in die Psychiatrische Klinik Düsseldorf eingeliefert, weil dort ein Professor forscht und unterrichtet, der ihr als einziger Fachmann helfen könnte. Doch auch der stößt an seine Grenzen. So bittet er einen fortgeschrittenen Studenten, zu dem die die Frau anscheinend in Bewunderung aufblickt, als Nachtwache zu versuchen, die Blockade der schönen Fremden aufzubrechen. Der junge Mann führt ein lockeres und leichtes Leben, stammt aus wohlhabenden Verhältnissen und genießt mit seinen Freunden die Attraktionen der Metropole am Rhein.
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Horst Michalzik
03.02.2025
Lektorat Kieselbach
Gwendola I
Eine Fallbeschreibung
Im Paradiso
Ein Mahl in Flingern
Das Appartement
Ein bekannter Seeräuber
Das Haus Leisegang
Gwendola II
London
Gwendola III
Justus
Gwendola IV
Raketenflüge
Gwendola V
In der Zwitscherstube
Gwendola VI
Der Professor spricht
Gwendola VII
Maler Klecksel
Gwendola VIII
Die Geschichte des Johannes von Huss
Gwendola IX
Es geht heimzu
Gwendola X
Vater Rhein
Gwendola XI
Eine Flucht
Und in dem Schneegebirge
„Es ist die scharfe, schneidende Schwärze der Nacht. Sie greift nach meinem Kopf, nach meinen Augen, den warmen Lippen, nach meinem linken Arm. Das Kissen unter mir ist kühl, kalt, nass, schweißnass. Das Laken ist verrutscht, ich bin halb nackt, das Bein ragt über den Bettenrand, mein Atem ist kalt, zu kalt, stockt, Angst. In einer solchen Not sollte er eigentlich kommen, dieser lächerliche, seltsame, verkleidete Geselle in schwarzem Büßerhemd mit einer großen Sense in der knochigen Hand, die Schneide ragt über seinen Kapuzen bezogenen Kopf und ist in gleichem Winkelmaß zu den dürren Schultern gestellt. Über die Knochenfüße hat der kalte Knochenbruder keine Pantinen gezogen oder gar weiche Pantoffel. Nackt von Zeh zur Ferse steht er auf eigentlich keinem Boden. Er wird sich erkälten. Dann stürbe keiner fortan. Die Welt quellte über von Menschen, die von ihren Rändern hingen und fielen mit gelben Gesichtern und roten, dicken, weichen Mündern, kopfüber und nebeneinander aufgereiht, die schwarzen Haarkränze gegen den blauen Horizont. Kreisrund entsetzte Augen, löchrige Zahnreihen in rundem, stummem, schrillem Reigen. Hübe ab und drehte sich um eine schräge, schwankende Ebene in der Mitte wie ein Karussell in der Ferne einer Festnacht. Da, ein Schrei, ein zweiter, dritter, ein Gewirr hebt an und ein Gewabere schwappt über den Rand des Platzes und Frauen schreien in besinnungsloser Lust zum dumpfen Lachen von Männerstimmen, weit weg, hinter dem schwarzen Gesellen mit dem Erntewerkzeug, hinter meiner Nacht und meinen Empfindungen, dem kalten Bein und der Angst. Das eisige Licht der Neonleuchte über meinem Bett springt mich mit einem harten, kalten Schlag an und trifft meine wehrlosen, schreckstarren Augen, die ahnungslos in der Schwärze verharrten, als der kalte Blitz des künstlichen Lichtes sie traf. Das geschäftige, flüchtige Lächeln der Schwester in ihrer weißen Tracht, der wuselige Umgang ihrer flinken Hände mit Näpfen und Töpfen und Kissen und Laken. Mein Gott, mein lieber Gott, wie schön sie ist, diese Frau, wie blond und leuchtend ihr Haar wie ein Strahlenkranz, fest ihre Brust und die Hüfte proper und prall unterhalb der rehschmalen Lende. Meine armen, abgewetzten Lippen ziehe ich zu einem Lächeln auseinander, um diesem Bild einer Göttin zu huldigen. Ihre Hände streifen über meinen Körper. Sie dreht mich auf die Seite. Wohl um mich zu liebkosen, vermute ich wohlig schaudernd. Links oben in der Hüfte ein Stich. Zart ist er, ein wenig zieht es mein Bewusstsein dorthin und mithin an den Rand einer Ohnmacht. Dann greifen die festen Bilder wieder nach mir, zerren mich in die wirkliche Welt, in ein Leben voller Lust und Pein und Liebe und Hass.
Durch die gläserne Tür späht ein fremder Mann. Ich habe ihn zuvor noch nie gesehen. Vermutlich ist es ein weiterer Arzt, den sie hinzugezogen haben, um mich noch mehr zu martern, anstatt mich endlich sterben zu lassen. Doch der gefällt mir auf Anhieb in seiner linkischen Art, die Hand über seine Augen zu legen, um mich besser sehen können, ich mag sein Haar, das von einer unbestimmbaren Farbe ist und seine grünen Augen in dem kantigen, etwas bäuerlichen Gesicht, mit dem offen staunenden Mund, wie er sonst nur bei kleinen Jungen zu finden ist. Obwohl ich von Männern mehr als genug habe, ziehe ich ein wenig an der Decke, sodass fast mein ganzes, weißes, schlankes Bein zu sehen ist, auf das ich einst ebenso stolz war wie auf meinen kräftigen Busen und das rabenschwarze Haar. Nein, um Alles in der Welt, ich würde ihn niemals zu nahekommen lassen. Aber ich bemerke sehr wohl angenehm schaudernd den Ausdruck in seinen Augen, dem ich an Männern oft als sehr süß empfand, wenn sie in mir die begehrenswerte Frau sahen.
Doch seine Spezies hat mir zu viel Leid angetan, als dass ich je noch für sie empfinden könnte.“
Der Professor tippte Helmut auf die Schulter. Er solle sich nicht von der angenehmen Gestalt täuschen lassen. Diese Frau sei eine Gefahr für sich und andere. Zu der Gruppe gehörten noch die Assistentin des Chefarztes, ein mausespitzes Wesen mit einem Klammerbrett vor der Brust, ein junger Arzt im Praktikum und eine Studentin aus Peine, ein hübsches, unbefangenes Mädchen, das stets nach allen Seiten hin keck lächelte. Sie standen im Halbkreis um den Chef herum, die blonde Krankenschwester gesellte sich hinzu, hatte ein Patientenblatt in der Hand und schwieg, während der Professor dozierte.
Nach ihrem zweiten Selbstmordversuch sei die Frau, die Gwendola Frank hieß, hierher in die Geschlossene gekommen. Während sie es beim ersten Mal mit einer Überdosis an Barbituraten und Schmerzmitteln versucht habe, seien durch den zweiten Versuch andere Menschen gefährdet gewesen. In ihrer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Benrath hätte sie den Gashahn aufgedreht, und man könne von Glück sagen, dass keine Explosion stattgefunden habe. Der Dozent in seinem blütenweißen Kittel, silbergraue Krawatte, dunkle Hornbrille, markantes, Gesicht, wies mit einer weiten Bewegung auf die Tür. Das dort sei sein schwerster und interessantester Fall. Die Frau sei keineswegs pathologisch geisteskrank. Sie litte an einem Trauma, das ganz offensichtlich aus ihrer Kindheit herrühre. Bisher wäre es noch keinem Menschen gelungen, wirklich zu ihr durchzudringen, um das Geschehene aufzuarbeiten. Aus ihrem Lebenslauf gehe hervor, dass es sich bei ihr um eine Vollwaise aus dem Krieg handele, die aus dem Kinderheim heraus einem Bauern in einem kleinen Dorf im Wendland anvertraut worden wäre. Nun liege der Verdacht nahe, dass die von ihr geforderten Dienstleistungen wohl weit über das gesunde und menschlich normale Maß hinausgegangen seien und das in einem Alter von etwa zehn Jahren an. Helmut bemühte sich sehr, strengte seine Fantasie an, aber er vermochte sich keinen sabbernden, stinkenden, brutalen Landwirt auf dieser Frau vorzustellen, geschweige denn auf dem bestimmt wunderhübschen Schulmädchen, das sie einst gewesen sein mochte. Sie zogen weiter auf ihrer Visite, aber für Helmut war der Tag gelaufen. Das unschärfer werdende Bild der dunkelhaarigen Frau mit dem schlanken, festen Bein und dem schönen, wenn auch düsteren Gesicht ließ ihn nicht mehr los.
„Warum sie wohl nicht in mein Zimmer gekommen sind? Ich war doch ganz lieb und ruhig, ich hätte nicht geschrien oder randaliert. Vielleicht haben sie befürchtet, ich könne wieder aus dem Bett springen und auf den Professor losgehen, ihm sein Stethoskop vom Hals reißen und seine Brille zertreten. Aber ich will doch ganz artig sein, wenn nur der Neue zu mir kommen könnte, um meine Hand zu halten, mir vielleicht eine halbe Stunde zuhören könnte. Ich würde ihm von der Bickbeer-Lene erzählen und von der kleinen Schule in dem trostlosen Heidedorf, von meiner Einsamkeit und meinen Schmerzen. Aber er muss keine Angst haben; von Blut, Sperma, Gewalt und Tränen würde ich schweigen.“
Der massige Mann schraubte sich von seinem Barstuhl empor, die Füße fest auf den Metallring gesetzt. Er tat dies betont langsam, als wollte er die Menge der Gäste in dem überfüllten Lokal auf sich aufmerksam machen. Ein Halbkranz von Haaren betonte die Kahlheit seines Kopfes über dem blütenweißen Hemd, der blauen, gemusterten Krawatte und dem teuren Maßanzug aus grauem, englischem Tuch. Ein wenig steif stützte er sich auf den Tresen, den Oberkörper schräg voran gelehnt, um das Gleichgewicht zu halten, denn er war stockbetrunken. Einen Fuß nach dem anderen ließ er von dem Messinghalt des Hockers hinab rutschen, bis er stand, ein wenig schwankend, doch einigermaßen fest. Dann trat er mit einem weiten, trunkenen, überlegenen Grinsen einen Schritt von der geschwungenen Bar zurück, griff nach seinem Sitz, kippte ihn mit einer leichten Bewegung, sodass der mit der Kante der Sitzfläche auf das Parkett krachte, schritt ein wenig unsicher aber entschlossen zum nächsten Hocker, ließ ihn auf den Boden knallen, einen nach dem anderen, die ganze Bar entlang, mehr als ein Dutzend, bis hin zur Ausgangstür. Er riss diese auf und schrie, dass dies alles gottverdammte Schwule seien, ein Hohn für ihre Mütter, eine Schande für die Welt.
Helmut war inmitten seiner Kollegen und Freunde an dem Ecktisch für sechs Personen erstarrt, denn er hasste Streit, sichtbaren Zorn und handgreifliche Auseinandersetzungen. Doch seine Befürchtung erwies sich als grundlos. Der schöne, dunkelhaarige Junge hinter der Bar mit dem brünetten Teint fuhr munter fort, mit einem rot-weiß-gestreiften Handtuch Biergläser zu trocknen, die er dann schräg gegen das Licht hielt, um ihre Sauberkeit zu prüfen. Der schmale, blasse Kellner in schwarzem Hemd und Hose mit bunt geblümter Weste, zunächst zu einer Salzsäule erstarrt, hatte sich auf den Schoß seines Freundes geflüchtet, der neben der Bar an einem Zweiertisch saß. Er barg seinen blond gelockten Kopf in der Armbeuge des fetten jungen Mannes. Dieser trug einen schwarzen, scharf gestutzten Schnurrbart. Sein gegeltes Haar lag eng und gescheitelt an einem eiförmigen Kopf. Das runde, ebenmäßige Gesicht zeigte überlegenes Mitgefühl und zugleich die Bitte an alle Umstehenden, der Sache und den Personen nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken, ein wenig, ja, mit Lächeln und Rücksicht auf den betroffenen Kellner, der indes einen starken Partner habe, welchem dafür Lob und Anerkennung gebühre. Es war, als wickelte sich der Gegelte um den Freund in der Hoffnung, durch seine Hingabe Zuneigung zu gewinnen.
Der betrunkene Helmut starrte in sein Bierglas. Er bemühte sich sehr, die rötlich weißen Schwaden abzuwehren, die sich über die Sicht seiner Augen drängten. Zugleich kämpfte er gegen ein immer stärker werdendes Gefühl in Schlund und Magen an, das ihm Übelkeit suggerieren wollte. An seiner rechten Seite saß Radi aus Frankfurt. Er grinste dem Freund zu, stützte sich schwer auf den eichenen Wirtshaustisch und stemmte sich hoch, während die Lichter der Kneipe einen irren Tanz um ihn herum begannen. An den Nebentischen begannen Männer zu pfeifen und zu johlen, als Helmut sich taumelnd auf den scheinbar endlosen Weg zur Toilette machte. Am letzten Tisch vor der weißen Tür mit der stilisierten Mann-Silhouette saß ein Quartett von grell geschminkten Huren mit weißen, roten und schwarzen hochtoupierten Haaren. Es waren die einzigen Frauen in dem großen, L-förmigen Raum der Gaststätte, denn das Paradiso war der wichtigste Schwulentreff in Düsseldorf und es wurden keine Frauen geduldet außer solchen, die ihren Beruf in der dunklen Arminstraße in der Nähe des Hauptbahnhofes, unmittelbar am Bahndamm, ausübten. Der Treff der homosexuellen Männer war nur einen guten Steinwurf davon entfernt.
Als Helmut hastig und sichtbar befreit von schwerer Last zurückkehrte an den runden Tisch, da blickten ihn die Freunde erleichtert an bis auf Bernd, einem untersetzten, glattrasierten, gescheitelten Mann aus Neuss, der ihn höhnisch fragte, ob er denn als Jungfrau durchgekommen sei. Es war Helmut nicht nach solchen Scherzen zumute, war er doch auf der Toilette arg bedrängt worden, hatten sich ihm leckende Zungen in von Alkohol geröteten Gesichtern widerlich genähert, bis er seiner unendlichen, unbezähmbaren Übelkeit Rechnung getragen und sich aus vollem Herzen in die Pissrinne erbrochen hatte. Bier spie er aus und Galle und die Männer, die ihm kurz zuvor noch an den Hosenschlitz gewollt hatten, waren voller Abscheu und Ekel geflohen, hatten igittigitt und Schweinerei gerufen, sodass er Zeit fand, sich zu erholen, seine Kleidung in Ordnung zu bringen, einen Fleck vom Ärmel seiner Jacke zu entfernen, sich über das wuselige Haar zu streichen und den stinkenden Ort zu verlassen. Das alles aber war an einem Pärchen vorübergegangen, das in einer der schmalen Toiletten-Zellen mit doppelter Männerstimme stöhnte und ächzte, rief und schrie, dass es Helmut noch in den Ohren klang, als er am Tisch Platz genommen hatte, zwischen Radi und Bernd und dem Gastgeber gegenüber, Döring, einem kühlen Hanseaten aus Bremen, der einen merkwürdigen Hang zu skurrilem Humor hatte und ausgerechnet im Paradiso seinen Geburtstag feiern wollte. Er hatte das als Überraschung eingefädelt und auf den Einladungen geheimnisvoll von einer Bar gesprochen, die seine Freunde nicht kennten, in der aber das tosende Leben tobte.
Eigentlich war Helmut ein Zugereister, ein Landei, das mit den wahren Jecken nicht mithalten konnte. Er lebte noch nicht lang in dieser schönen, koketten und zugleich geschäftigen Stadt am Rhein. Verglichen mit den anderen am Tisch war er ein neu in der Stadt. Doch er hatte sich bereits am ersten Tag in diesen Ort verliebt, der als Schreibtisch des Ruhrgebietes bezeichnet wurde, hatte ihn in sich aufgesogen, von den fauchenden und sprühenden Öfen der Mannesmann Werke, wenn er mit dem Zug von Osten anreiste, bis zur Mooren Straße, in der er ganz zu Anfang möbliert bei einer alten Schachtel untergekommen war, und weiter über Flingern bis Gerresheim, dem Stadtteil seiner ersten, eigenständigen Wohnung, schließlich Holthausen, wo er neben seinem Medizinstudium als Programmierer arbeitete. In seinem trunkenen Kopf schwirrten die Gedanken. Ganze zwei Vorlesungen hatte er im Semester besucht. Ihm war in der Pathologie das Grauen gekommen, als sich an einer dicken Brust, die vom Körper einer älteren Frau stammte, eine Krebsgeschwulst von allein geöffnet hatte, geplatzt war und widerlich gestunken hatte. Er würde das drangeben, trotz des netten Professors und dessen schwedischer Frau, deren Gast er einige Male gewesen war. Zugleich stellte er sich die Aufgabe und das Ultimatum, den Entschluss zu überdenken, sobald er wieder nüchtern war.
Bernd hatte einen Würfelbecher besorgt, den Radi gerade mit umfangreichen Gesten rüttelte und schüttelte, ganz weit weg am ausgestreckten Arm, dann einmal direkt am Körper, wieder und wieder blies er hinein, beschwor die kleinen, kantigen Unglücksbringer, denn in diesem Wurf ging es um das Bezahlen einer ganzen Runde Bier mit Samtkragen, und Radi war stets pleite. Er fuhr mit seinem Gehabe fort, bis Döring ihm halb ernst und halb im Scherz einen kräftigen Schlag mit der flachen Hand in den Nacken versetzte. Radi hielt kurz inne, blickte starr mit großen, braun-grauen Froschaugen und knallte den Becher auf den Tisch. Zwei Sechsen und eine Fünf. Es war an Helmut, die Zeche zu übernehmen. Bernd bog sich vor Prusten und Lachen, bis ein Mann am Nebentisch, der die Uniform eines Feldwebels trug und heftig mit seinem Begleiter beschäftigt war, säuselnd um Ruhe bat. Nun war Bernd nicht mehr zu halten, auf den in Neuss eine Frau wartete, eine spitze, graue Maus, fürsorglich und liebevoll. Die Rechnung wolle er haben, schrie er mit sich überschlagender Stimme, das sei ja wohl nicht normal, dass hier Männer mit Männern Zungenküsse austauschten und noch manches mehr, wovon er gar nichts wissen wolle und sogar Bundeswehr Angehörige sich dessen nicht schämten. Der geschmeidige, schlanke Kellner mit den dunklen, glänzenden Locken und dem leidensvoll blassen Gesicht, eilte pflichttunlichst in kurzen, federnden Schritten herbei, riss mit einem Ruck ein Blatt von einem Block und schob es Bernd hinüber. Der schaute kurz darauf, zog einen Hunderter aus der Gesäßtasche, brüllte, dass das so stimme und dass der Köbes sich den Rest über sein Kugellager rollen solle, stand auf und schritt stracks hinüber zur Tür, kaum schwankend und sehr angetan von seiner Geste. Obwohl er geizig war, bereute er das große Trinkgeld nicht. Denn er würde von den Freunden deren Anteile schon einfordern und er hatte am Vortag erst sein Gehalt bekommen einschließlich einer Prämie in bar auf die Hand. Davon würde seine Frau nie erfahren.
Sie zogen über den Worringer Platz in Richtung Flingern, an der Hauptpost vorbei und dem ersten Aldi Laden im Ort. Bernd legte seine Handkanten an die Scheibe, die Handflächen nach innen, blendete auf diese Weise die Lichter der nächtlichen Großstadt aus, spähte eine Weile, rief dann nach Helmut, der sich gehorsam neben ihn stellte. Das seien dieselben Waren wie in den teuren Geschäften, erklärte Bernd mit fast nüchterner Stimme, nur seien sie in Kartons belassen, aus denen sich der Kunde selbst zu bedienen habe. Wer davon nicht Gebrauch mache, der sei eben dumm. Helmut spähte, sah nichts, wusste gar nicht, worum es ging. Das Wenige, das er verzehrte, konnte er billigerweise überall erstehen. Die Hauptposten auf seinem Konto waren Monat für Monat Bier im Ürigen, Steak mit Bratkartoffeln im Füchschen und dann und wann Spanferkel mit Kohlsalat beim Jugoslawen. Dann kam da noch der Anteil an der Lottokasse hinzu und die eine oder andere Runde, die er beim Kartenspiel verlor. Er konnte und wollte keinen Skat, aber immer konnte er sich nicht drücken.
Das Nächste, auf das die Männer in Flingern stießen, war ein Lokal, das sich nach seinem Äußeren zwischen großer Imbissbude und kleiner Gaststätte angesiedelt hatte. Die Attraktion dort waren gegrillte Hähnchen. Besser als im Wienerwald, wie Döring befand, und zudem günstiger. Nacheinander fanden sie den Weg durch die zweiflügelige Tür aus Metallrahmen und geperltem Glas und durch den bunten Vorhang aus Plastikschnüren dahinter.
Das Geschäft funktionierte so, dass am linken Ende des Tresens die Bestellung aufzugeben war. Eine unscheinbare Frau in weißem Kittel saß dort erhöht auf einem Barstuhl. Sie hatte einen blau und weiß gemusterten Schirm auf ihren farblosen Haaren, die Brille saß ganz vorn auf ihrer unsymmetrischen Knubbelnase, und ihr Blick von oben auf die Gäste erheischte Respekt. Sie nahm die Bestellung entgegen, schrillte sie zur Wiederholung mit ihrer Keifstimme durch den Raum, drückte eine paar Tasten an einer mechanischen Rechenmaschine, zog mit Wucht und Schwung einen Kassenbeleg daraus hervor und überreichte den dem Kunden. Dieser hatte zu zahlen, um sich anschließend in die Kette der Wartenden einzureihen.
Radi war zuerst dran. Er bestellte eine Currywurst medium mit Pommes à la Schisslamaing. Ob er sie verarschen wolle, fragte die Frau, die aber schon gutmütig den verständlichen Teil in ihre Mechanik hämmerte. Das waren eben Besoffene. Döring folgte und bestellte dasselbe, nur die Currywurst hätte er gern durch. Es war offensichtlich, dass der Dame der Kamm schwoll. Sie tat doch da eben nur ehrlich und fleißig ihre Arbeit, sorgte dafür, dass diese Nachtschatten auch noch etwas zu essen bekamen. Musste sie sich dafür auch noch verarschen lassen? Bernd hatte diese unprofessionelle Skepsis wohl bemerkt. Er beugte sich über den gläsernen Tresen und hob den Deckel von den vorbereiteten und gekühlten Würsten, Kartoffeln und halben Hähnchen. Er solle das aber mal sein lassen, schrillte die Farblose, sonst müsse sie den Chef rufen, dann flögen sie hochkant aus der Kulisse. Bernd begehrte zu wissen, wer denn da wohl so aufmüpfig sei, tätschelte ihre Wange, spitzte seinen Mund und bewegte den auf sie zu. Sie saß erstarrt. Immer noch war sie regungslos, als Bernd ihr einen Schmatz auf die Wange gedrückt hatte, um sich danach umständlich und angewidert seinen Mund mit einem sehr großen Taschentuch abzuwischen, das im Wechsel rot und weiß gestreift war. Dann bat er sehr ruhig und höflich um eine Bratwurst mit Senf und Brot.
Schließlich war die Reihe an Helmut. Dieser war mit Augen und Gedanken umhergeirrt, sah sich dann ganz plötzlich vor dem Stand der Frau als derjenige, der zu bestellen hatte. Ihm fiel auf die Schnelle so gar nichts ein. Also orderte er einen HotDog, nahm den Bon, zahlte und stellte sich in die Reihe. Radi trug seine Currywurst und eine Flasche mit Cola vorsichtig quer durch den Raum auf die andere Seite, setzte seine Mahlzeit auf einen runden, weiß lackierten Bartisch und nahm breitspurig davor auf einem Hocker davor Platz. Döring aß hungrig direkt an der Theke, von der er die letzte Ecke belegt hatte, während Bernd mit seiner Bratwurst an einem niedrigen Zweiertisch Platz genommen hatte, an dem eine alte Frau dünnen Kaffee schlürfte, um gleich wieder an einer Zigarette zu ziehen und zu paffen. Helmut wartete eine Weile. Da erscholl aus Richtung der Bratspieße und Pommes-Pfannen ein schriller Ruf. Eine unglaublich dicke Rothaarige, die eine hölzerne Gabel immer wieder mit einer Hand öffnete und klackend wieder schloss, teilte den Menschen im Raum mit, dass Hot-Dog alle sei. Helmut spürte, dass sich etwas in ihm aufbäumte, gegen diese Nachricht wehrte, denn er hatte sich sehr auf sein Mahl gefreut. So nahm es ihn selbst nicht Wunder, dass er auf Hot-Dog oder GeldZurück beharrte, als ihn die Farblose an der Kasse barsch aufforderte, etwas Anderes zum selben Preis zu wählen. Das käme nicht infrage, entgegnete er, wild mit beiden Händen fuchtelnd und gestikulierend, dann solle man das doch von der Karte nehmen. Die Kassiererin hatte eine unangenehme Stimme, wenn sie laut wurde. Sie klang wie ein Blech, auf dem jemand mit dem Fingernagel herumkratzt, als sie einige Verwünschungen von sich gab und hinzufügte, dass dieser Blödmann ihr von Anfang an unsympathisch gewesen sei. Vom Ende des Tresens, zur gläsernen Eingangstür hin, brüllte plötzlich die Stimme von Döring. Sie sei nicht dazu angestellt, hier Gäste anzupöbeln, sie solle gefälligst bedienen und ansonsten die Schnauze halten. In demselben Augenblick hatte Radi die Cola kräftig durchgeschüttelt und war dabei, den Flascheninhalt durch den Raum zu sprühen, ohne Rücksicht auf Gäste, Personal, Tapeten und Möbel. Bernd drehte die Pappschachtel mit Pommes, Ketchup und Majo um, sodass der Karton auf dem Inhalt zu liegen kam, und schlug mit der flachen Hand kräftig auf das Gebilde. Die Wirkung war überwältigend. Gäste schrien und fluchten, betrachteten Schäden an Jacketts und Kleidern, die Frauen hinter der Theke waren zunächst sprachlos, dann fing die Dicke an zu weinen. Helmut stand mitten im Raum und blickte mit großen, ungläubigen Augen um sich, bis Bernd ihn am Arm aus der Imbissbude zog, lachend hinter Radi und Döring her, die bereits einige Häuser weiter am Bordstein standen und sich vor Lachen und Verrenken gar nicht mehr beherrschen konnten. Und weil der Übermut und das Gefühl der Stärke und Unbesiegbarkeit von ihnen Besitz ergriffen hatten, rannte Helmut plötzlich los, auf die dunkle Straße zu, auf der sich die Scheinwerfer eines Autos rasch näherten. Reifen quietschten, die Lichter schwangen haltlos hin und her, während Helmut sich mit der Beuge seines rechten Armes blitzschnell an eine Laterne gehängt hatte, die unmittelbar am Straßenrand stand. Auf diese Weise umkreiste er den Mast der Straßenbeleuchtung einige Male ohne Gefahr zu laufen, auf die Fahrbahn zu treten oder zu fallen. Ihre Heiterkeit schwappte förmlich durch die dunkle Albertstraße mit der mächtigen Vincentkirche am unteren Ende, nur Bernd hatte sich erschrocken und rief mehrfach, dass man das mit einem alten Mann nicht machen könne, dass man so was lieber sein lassen solle.
Döring war mit seinem dunkelroten BMW davongeflitzt. Radi stand neben Bernd vor dessen Firmenwagen, einem alten DAF, während dieser mit verkniffenem Mund und gerunzelter Stirn versuchte, den Schlüssel ins Türschloss zu schieben. Weit hinter der nächtlichen Stadt begannen Wolken, sich aus schwarzer, nächtlicher Umklammerung zu lösen, um sich in ein zartes, scheues Rot zu hüllen, das ein wenig von einem goldenen Gelb bedrängt wurde. Helmut hörte die Türen knallen, die beiden Freund hatten in dem seltsamen Gefährt Platz genommen. Er winkte ihnen zu, während Bernd den Motor aufheulen ließ, ein um das andere Mal, bis ein metallisches Knirschen davon zeugte, dass der Pilot die Automatik eingerastet hatte. Das kleine Auto machte einen Satz und blieb mit einem Krach an der niedrigen Umfassungsmauer des Parkplatzes stehen. Bernd stellte den Hebel auf rückwärts, die Stoßstange polterte vor dem Auto zu Boden. Mit einer großen Geste der Überlegenheit drehte er den Wagen um die Achse, winkte Helmut leutselig zu und beschleunigte, was der Motor hergeben mochte.
Am entgegengesetzten Ende der langen Straße zwinkerten die Nachtlichter des Kiosks. Die Häuserreihen, die tagsüber grau waren und dunkel-beige, schimmerten geheimnisvoll matt und schwarz im ahnungsvoll endenden Dunklen der Nacht, als blinzelten die Fenster in langen Reihen träge und müd. Helmut hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben, sog den seltsamen, würzigen Duft der schlafenden Großstadt ein, in dem er eine Spur von Gras entdeckte und den metallischen Geruch der fernen Fabriken, der im Munde blieb als ein absonderlicher Geschmack. Mit einem wohligen Schauern dachte er daran, dass er Teil dieses mächtigen Gebildes war, dass er sich in dem Organismus bewegte, zu dem er selbst gehörte, dass er geborgen war und daheim. Er trat gegen einen kleinen Kieselstein, der leise scheppernd auf der Fahrbahn zu liegen kam. Eine farblose Katze huschte durch ein winziges Loch in einem Bretterzaun in das Reifenlager, in dem es vom frühen Morgen an bis spät am Abend lärmend und geschäftig zuging. Hinter zwei Fenstern auf der anderen Straßenseite war Licht. Aber er zweifelte, dass die Bewohner dort bereits oder noch immer wach wären. Vielleicht hatte ein Mensch dort Angst vor der Dunkelheit.
Vor dem schönen, polierten, matt glänzenden, neuen Schild mit seinem Namen und denen vieler Mitbewohner blieb er stehen. Er kannte die anderen Männer und Frauen im Hause kaum, die in jeweils vier bis fünf Appartements auf fünf Stockwerken verteilt waren. Die Schlagersängerin mit ihrem Manager hatte er kennengelernt, denn sie wohnte auf seinem Flur ganz oben. Die Historikerin in der Wohnung zwischen ihnen hatte er bisher nur gehört. Sie pflegte sonntags an den Nachmittagen zu schimpfen, zu poltern und zu klopfen, wenn er gegen die Wand ihres Wohnzimmers Darts spielte, eine Runde um die andere, allein, nur so, als Training und wegen der Langeweile.
Die schönste Wohnung im Stockwerk gehörte aber einem Mann, der für Helmut so etwas war wie die Vollendung männlicher Vollkommenheit. Er hieß Moise, hatte eine braunes Adlergesicht zwischen dichten, dunklen Locken und einen wunderbaren Körper. Ein Kraftprotz war er nicht, aber seine Muskeln waren fest und stark und der ganze Mann war aufgebaut, wie eine wohlklingende Harmonie oder eine besonders gelungene Statue, wie er sie einst im Louvre gesehen hatte. Helmut neidete ihm seine Schönheit nicht sonderlich. Er wusste sehr wohl, dass man ein solches Geschenk entweder besaß oder eben nicht. Eher schon war er von der gesellschaftlichen Stellung seines Nachbarn als Direktor in einer Werbeagentur beeindruckt, die offensichtlich mit viel Geld verbunden war und von dem metallisch schimmernden, dunkelgrünen Triumph Spitfire, der stets vor dem Haus parkte und von den Frauen, die Moise fast jeden Tag aus der Altstadt nach Hause brachte. Manchmal, wenn er vergessen hatte einzukaufen, klingelte Moise an Helmuts Tür, bat um dies und das zu essen, um ein Bier oder eine Cola. Und jedes Mal hatte er einen Hammer von Frau im Schlepp, braun, blond, brünett oder rot. Wenn Helmut den Nachbarn frug, wie er das denn anstellte, grinste der auf eine besonders schelmische Art, zuckte die Schultern und verwies auf den Käferwald Altstadt, in dem Mann doch nur seine Angel auszuwerfen hatte. Moises Appartement war das Einzige im Haus, das sich über zwei Etagen erstreckte mit einem eigenen Schlaftrakt oben, über eine Leiter zu erreichen, die fast schon eine steile Treppe war.
Das Schloss war nagelneu und gut geölt und Helmut hörte kaum, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Das Licht über der Haustür war gelb, dezent und eben ausreichend, um sich zu orientieren. Es glitt über die metallene Namensliste, als fließe es unaufhörlich. Sein Blick blieb auf dem vierten Stock kurz haften. Den Professor mit dem französischen Namen hatte er einmal im Hausflur gesehen, als der Fahrstuhl dort hielt, um jemanden hinauszulassen. Er erinnerte sich schmunzelnd an den kleinen, dunkelhaarigen, dicklichen Mann in schmuddeligem Morgenrock, der sich ächzend gebückt hatte, um eine Zeitung vor seiner Wohnungstür aufzuheben. Genauso hatte er sich einen französischen Gelehrten oder Künstler immer vorgestellt mit dunklen, wirren Haaren und einem mächtigen Schnauzbart. Er drückte auf den Lichtknopf und schritt über den Marmorboden durch den fast schmucklos leeren Flur des Erdgeschosses auf den Fahrstuhl zu, der sich wohl ganz oben befand, sodass er einige Minuten warten musste. Inzwischen war Helmut wieder fast nüchtern und jene seltsame Traurigkeit griff nach ihm, diese sich in Wellen verstärkende Hoffnungslosigkeit und das Gefühl, auf der Stelle fliehen zu müssen aus den Fängen einer Umgebung, vor der er Furcht und Grauen empfand. Er wusste aus Erfahrung, dass er diese Missempfindungen nicht steuern konnte, die üblicherweise auftraten, wenn er gegen Morgen zum ersten Mal aus dem Schlaf erwachte, ohne noch recht wach zu sein. In den schlimmsten Fällen sehnte er sich nach dem Tod und malte sich die unterschiedlichsten Möglichkeiten aus, wie er dieser tristen Welt den Rücken kehren könne. Darauf folgten stets Gedanken an Menschen, die er mochte, solche, die er lediglich kannte und andere, die er verabscheute. Sie alle traten nacheinander an sein offenes Grab. Einige schluchzten, andere grinsten oder spuckten voller Schadenfreude.
Im Fahrstuhl roch es nach Parfum, schalem Bier und kalten Gitanes. Um sich von seiner Angst abzulenken, betrachtete er konzentriert durch die Glasscheibe der Tür Flur um Flur, obwohl sie völlig gleichförmig waren. Mit einem sanften Ruck hielt das Gefährt und die Falttür öffnete sich lautlos, während zugleich das angenehm matte Licht an den Wänden ringsum hinter Leiten zu glimmen begann. Auf den hellbraunen Terrakotta-Fliesen lagen feste, angenehme Läufer. Einer führte stracks vom Fahrstuhl zur Tür der Wohnung von Moise. Dort, am anderen Ende des Flures, waren zwei Altbierfässer übereinandergestapelt und Helmut dachte nach, was dort wohl gefeiert worden war und werde. Nach der halben Strecke auf dem schmalen Teppich bog ein Gang rechtwinklig nach links ab. Die erste Tür führte in Helmuts Zuhause. Als er sie zum ersten Mal hinter sich verschlossen hatte, war er voller Freude bis zum Fenster gehüpft und wieder zurück. Denn es war nicht nur ein schönes Appartement, sondern es war der erste Platz auf der Welt, in dem er uneingeschränkt Hausherr war. Hinter der zweiten Tür schlief wohl noch die Kunsthistorikerin, und am anderen Ende war auch noch keine Regung zu spüren, befanden sich die Sängerin und ihr Manager in Morpheus Armen.
Er schob den Sicherheitsschlüssel ins Schloss, drehte ihn, es klackte und die Tür sprang auf. Vorn links war das winzige Bad mit Dusche und WC. Vor ihm tat sich sein überschaubares Reich auf, ein quadratischer Raum mit einem Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite und einem Vorhang vorn links, hinter dem ein Kühlschrank und eine zweiflammige Kochplatte nebst einem Schränkchen ohne Rückwand Platz gefunden hatten. Helmut reckte sich und streifte in einer Bewegung seine Jacke ab, machte einige Schritte und öffnete die Gardine, dann das Fenster, lehnte sich auf die Bank, schaute nach unten, auf die immer noch leere und jetzt halbdunkle Straße, atmete tief ein, schloss die Augen und spürte, wie ihn die Angst ansprang, als sei sie eine geschmeidige, lautlose, mordlustige, riesige Wildkatze. Hinter dem Glas musste sie gelauert haben oder zwischen den Silhouetten der nachtschlafenden Häuser, in der Wohnung gegenüber vielleicht oder in Richards Kneipe an der Ecke. Er ließ sich auf die Knie fallen kniff die Augen fest zusammen und bedeckte seine Ohren mit den Handflächen, obwohl der Lärm in seinem Kopf dadurch anschwoll bis zur Unerträglichkeit.
Alfred Flint war ein gestandener Tabellierer mit einer Berufserfahrung, die fast noch in die Kindertage der Lochkarten-Verarbeitung reichte. Niemand steckte eine Schaltung so schnell wie er, kein anderer war imstande, komplexe Rechenvorgänge auf dem Brett derartig darzustellen, dass manchmal die Abdeckplatte über den Kabeln und Steckern offenblieb. Innerhalb von Stunden entwarf er Statistik-Programme, bereitete die Daten in gewünschter Form auf, und oft gelang es ihm, den Druckvorgang gleich dranzuhängen. Deshalb mochten und schätzten ihn die beiden obersten Chefs, ein Mathematiker und sein Schwiegersohn, die gemeinsam das Rechenzentrum betrieben, in dem auch Helmut, Radi und Bernd arbeiteten. Flint war ein spindeldürrer Mann um die 50 Jahre mit ständig fettigem, schwarzem Haar, streng gescheitelt, über den Schläfen deutlich gelichtet. Stets trug er eine speckige, schwarze, ungebügelte Hose, ein kariertes Hemd, das oben offenstand und einen Blick auf sein grau meliertes Brusthaar gestattete sowie eine zerschlissene Weste. Sein schmales, langes Gesicht mit den eingefallenen Wangen war von einem satten Gelb. Zwischen den Lippen klebte eine filterlose Zigarette, und wenn er die geliebte Juno mal aus dem Mund nahm, um ein paar Wörter zu sprechen, roch es in seiner Umgebung penetrant nach Alkohol.
Bernd schätzte ihn als Fachmann und als Schlitzohr. Wenn Flint den Dämlichen gab, dann um des eigenen Vorteils willen. Er hatte dem Junior-Chef oft genug bedeutet, dass dieser Flint nur deshalb schätzte und schützte, weil der ihm die erste Etage seines Bungalows in Neuss finanziert hätte. Doch der, mit einem scheelen Blick unter der schwarzen Hornbrille, hatte Bernds Einwände als vordergründig auf Neid gebaut beiseitegeschoben. Der Senior war ein einfacher, lauter, jovialer Mann, ohne Arg und Tücke. Er hatte einen VW-Käfer sein Eigen genannt und gern gefahren, bis ihm ein Kunde erklärte, dass er mit einem solchen Fahrzeug nicht den rechten Eindruck mache, um große Geschäfte zu tätigen. Also beschaffte er sich einen supermodernen BMW C1, ein teures Coupé. Das stand dann meist in der firmeneigenen Garage und Radi, der Autonarr, musste es gelegentlich bewegen, wie andere ein Reitpferd bei Laune halten mussten. Kam der Senior in das Souterrain, wo Lochkartenleser, - Mischer und Sortierer aufgebaut waren, ging er stracks auf seinen Tabellierer zu, schlug ihm auf die dürre, kaum vorhandene, Schulter und brüllte, dass er den bekannten Seeräuber Flint hiermit herzlich begrüße. Dann pflegte er sich verschwörerisch umzuschauen, hierhin und dorthin, obwohl selten jemand im Raum war, eine silberne Flasche aus seiner Gesäßtasche zu ziehen, um sie dem Untergebenen anzubieten. Mit ebenso verschwörerischer Miene nahm dieser den Flachmann, blickte darauf, schüttelte den Kopf, öffnete ihn und trank ihn in einem Zug aus, denn stets befand sich französischer Kognak darin und Alfred Flint konnte sich eben nur Weinbrand leisten.