Narbensommer #Thriller - Chris Dominik - E-Book

Narbensommer #Thriller E-Book

Chris Dominik

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Beschreibung

Wölfe nehmen sich, was sie brauchen!

Damals: Es hätte eine Nacht voller Freude sein sollen - das Ende der Schulzeit, die erste Freiheit. Doch auf dem Heimweg von einer Abiturfeier gerät ein junger Mann in den Sog eines grausamen Verbrechens, das ihn nie wieder loslassen wird.

Heute: Über der Stadt braut sich ein Sturm zusammen. Brutale Prostituiertenmorde, die gnadenlosen Machtkämpfe zwischen der albanischen Mafia und einer Rockergruppierung und ein verheerender Anschlag drohen, Frankfurt ins Chaos zu stürzen.

Doch es gibt noch etwas Schlimmeres: Denn in den dunklen Hochhausschluchten lebt ein Monster, jagt eine Bestie. Und schon bald ist klar: Beute entkommt nur, wenn der Jäger es will.

Marc Davids und Zoé Martin folgen in ihrem zweiten Fall einer Fährte aus Blut und Tod in die Tiefen des Frankfurter Rotlichtmilieus. Der neue Pageturner von Chris Dominik.

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Seitenzahl: 478

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Grußwort des Verlags

Über dieses Buch

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Über den Autor

Weiterer Titel des Autors

Impressum

 

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Über dieses Buch

Wölfe nehmen sich, was sie brauchen!

Damals: Es hätte eine Nacht voller Freude sein sollen – das Ende der Schulzeit, die erste Freiheit. Doch auf dem Heimweg von einer Abiturfeier gerät ein junger Mann in den Sog eines grausamen Verbrechens, das ihn nie wieder loslassen wird.

Heute: Über der Stadt braut sich ein Sturm zusammen. Brutale Prostituiertenmorde, die gnadenlosen Machtkämpfe zwischen der albanischen Mafia und einer Rockergruppierung und ein verheerender Anschlag drohen, Frankfurt ins Chaos zu stürzen.

Doch es gibt noch etwas Schlimmeres: Denn in den dunklen Hochhausschluchten lebt ein Monster, jagt eine Bestie. Und schon bald ist klar: Beute entkommt nur, wenn der Jäger es will.

Marc Davids und Zoé Martin folgen in ihrem zweiten Fall einer Fährte aus Blut und Tod in die Tiefen des Frankfurter Rotlichtmilieus. Der neue Pageturner von Chris Dominik.

CHRIS DOMINIK

NARBENSOMMER

# THRILLER

Kapitel 1

Vor zwanzig Jahren

»Nie mehr. Nie mehr werde ich auf irgendjemanden hören. Keiner wird mir mehr sagen, was ich zu tun oder zu lassen habe. Genauso fühlt sich Freiheit an. Yeah, Baby, absolute Freiheit.«

Sie stand schreiend und schwankend auf dem Tisch einer abgenutzten Bierzeltgarnitur, dessen fortgeschrittenes Alter man unter einer zerrissenen Papiertischdecke zu kaschieren versuchte, und setzte den Tequilashot an die Lippen. Bevor sie den Kopf in den Nacken legen und den minderwertigen Agavenbrand herunterkippen konnte, traf sie die Zitrone hart an der Schläfe.

Ein Witzbold aus der Gruppe betrunkener Abiturienten hinter der Bar hatte die Frucht aus gut und gern zehn Metern Entfernung geworfen, und die Verwunderung darüber, seine Mitschülerin wirklich getroffen zu haben, stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Das hielt ihn nicht davon ab, sich von den herumstehenden Feierwütigen überschwänglich für den Wurf bejubeln zu lassen.

Überrascht von der Wucht des Treffers, verlor sie das Gleichgewicht und taumelte seitwärts. Das Tequilaglas zersplitterte hinter ihr auf der Tanzfläche. Die Menge um sie herum grölte. Sie trat auf den Rand des wackligen Tischs, dessen gegenüberliegendes Ende sich aufbäumte, während sie selbst, noch auf der Kante balancierend, nach unten sackte. Gläser, Flaschen und volle Aschenbecher regneten auf sie herab. Reflexartig riss sie die Hände vor das Gesicht. Sie verlor vollends die Balance und kippte nach hinten.

Bevor sie begriff, wie ihr geschah, landete sie in den Armen der beiden jungen Männer, die sich vorausschauend hinter ihr positioniert hatten. Sie verhinderten ihren Sturz, federten den Fall ab und setzten sie in einer fließenden Bewegung wieder auf die Beine. Das andere Ende des Tischs krachte lautstark zurück auf den Boden.

Das Jubeln der feiernden Meute steigerte sich zu einem Orkan. Als sie sich sichtlich verwundert umdrehte, um zu sehen, in wessen Arme sie überhaupt gestürzt war, stürmte Nicki auf sie zu. Sie hielt eine aufgeschnittene Zitrone in die Luft und rieb ihre Handoberfläche so unbeholfen damit ein, dass es für mindestens drei weitere Tequilas ausgereicht hätte.

»Michelle, du bist so voll. Tequila niemals ohne Zitrone und Salz. Dein Abgang vom Tisch war richtig geil.« Sie drückte Michelle einen neuen Shot in die Hand, rieb die Zitrone auf ihren Handrücken und kippte großzügig Salz darauf. Dann reichte sie ihr ein weiteres Stück Zitrone.

»Lecken, schlucken, beißen. Lecken, schlucken, beißen«, feuerte die Menge sie an. Die meisten Feiernden reckten ihre alkoholhaltigen Getränke in die Luft.

Sie leckten das Salz von ihren Händen, kippten den Tequila herunter und bissen in die Zitrone. Lachend verzogen sie das Gesicht, knallten die Gläser auf die zerkratzte Tischoberfläche und ließen sich von der johlenden Meute feiern.

»Wie viele hattest du schon, Nicki? Du bist voll bis unters Dach!«

Nicki strahlte Michelle an. Ihre kinnlangen hellbraunen Haare umrahmten ein verschwitztes rotes Gesicht, dessen kindliche Züge so gar nicht zu ihrer Alkoholfahne passen wollten.

»Keine Ahnung. Zählst du etwa? Man macht nur einmal Abitur. Und ich werde so lange weiterfeiern, bis ich alles vergessen habe, was ich die letzten Monate in meinen Kopf prügeln musste. Reset, Baby, Reset.« Nicki fiel Michelle um den Hals und drückte ihr einen fetten Kuss auf die Wange, den diese mit gespielter Empörung quittierte.

»Ich will kein Spielverderber sein, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass du in deinem Leben noch ein paarmal auf das hören musst, was dir andere sagen«, krächzte einer der beiden jungen Männer, die Michelles schmerzhafte Landung geistesgegenwärtig verhindert hatten, legte einen Arm um ihre Hüfte und grinste betrunken. »So, na ja, vielleicht ein bis zwei Millionen Mal.«

Ihm waren die Strapazen des zügellosen Trinkens deutlich anzusehen. Strähnen seines gescheitelten blonden Haars klebten auf seiner verschwitzten Stirn, und die hohen Wangenknochen gaben ihm einen schelmischen Ausdruck. Er war muskulös und hatte das selbstbewusste Auftreten eines jungen Mannes, der nur zu gut wusste, dass ein nicht unerheblicher Teil seiner weiblichen Klassenkameradinnen ihn nicht von der Bettkante stoßen würde.

»Ach, Daniel, nur weil du jetzt schon weißt, dass deine zukünftige Frau dich rumkommandieren wird, solltest du nicht von dir auf andere schließen.«

Nicki verschluckte sich vor Lachen an dem Bier, das sie sich wahllos von einem Nachbartisch gegriffen hatte, ohne zu wissen, wem es überhaupt gehörte.

»Ein bisschen mehr Dankbarkeit, Sweety. Wir hätten dich auch fallen lassen können. Okay, hätten wir nicht. Das kann ein Gentleman wie ich natürlich nicht akzeptieren. Aber wenn du Lust darauf hast, meine nächste Ex zu werden, komm doch nach der Party mit zu mir.«

Eine Gruppe aus mehreren jungen Männern, die sich hinter Daniel versammelt hatten und augenscheinlich zu seinem Freundeskreis gehörten, gaben ein bewunderndes Raunen von sich.

»Ich bin dir bis in alle Ewigkeit dankbar, dass deine starken Arme mich aufgefangen haben«, sagte Michelle und lachte ihn versöhnlich an. Sie führte Zeige- und Mittelfinger ihrer Rechten an die Lippen, küsste sie und drückte sie Daniel auf die Stirn. »So verlockend das Angebot ist, ich muss leider ablehnen. Schau mal da rüber. Doreen ist nicht begeistert von deiner Flirterei, und so wie sie dich gerade ansieht, schätze ich, dass da heute nichts mehr für dich laufen wird.«

Daniel verdrehte die Augen. Seine Freundin stand mit versteinerter Miene ein Stück abseits im Kreis ihrer Freundinnen, die es ihr allesamt gleichtaten und ihn mit stechenden Blicken geradezu durchbohrten.

»Puh, ich glaube, ich versuche mal, die Wogen zu glätten. Aber vielleicht hole ich mir auf dem Weg zu ihnen lieber noch ein bis drei Bier.«

Mit einem Grinsen wandte er sich ab und sprang auf den Rücken eines stämmigen Jungen, der ihn daraufhin laut singend Richtung Bierstand trug – und damit in die entgegengesetzte Richtung, in der seine wütende Freundin auf ihn wartete.

»Fettes Brot, geil, Emanuela! Komm, lass uns tanzen!«, schrie Nicki.

Während die ersten Takte des Songs über den Vorplatz der Sporthalle schwebten und sich unzählige junge Menschen singend in den Armen lagen, zog Nicki Michelle auf die Tanzfläche vor das DJ-Pult, wo sie im Rhythmus des Beats durch die hüpfende Partymeute marschierten.

*

Er stand etwas abseits der feiernden Abiturienten neben der aus Bierzeltgarnituren und geliehenen Kühltruhen improvisierten Bar und beobachtete das Geschehen. Er strich sich eine Strähne aus den Augen und fuhr mit der Hand über sein glatt rasiertes Gesicht. Nicht dass er besonders viel Bartwuchs gehabt hätte, doch selbst die wenigen Stoppeln an Kinn und Oberlippe nervten ihn, sobald er sie an der Hautoberfläche spüren konnte.

Er hatte den Abend mit mehr oder minder oberflächlichen Gesprächen verbracht, die ihn schnell langweilten. Es kostete ihn immer wieder Überwindung, Interesse an den belanglosen Themen der anderen zu heucheln. Er nippte an seinem Bier. Es war mittlerweile deutlich wärmer, als es hätte sein sollen, und er war sich sicher, dass er der einzige Anwesende war, bei dem der Alkohol überhaupt die Chance gehabt hatte, warm zu werden.

»Was weißt denn du von Liebe? Von Liebe weißt du nichts …« Die Meute grölte den Text in einer solchen Lautstärke, dass sich selbst die freiwilligen Helfer hinter der Bar kurzzeitig die Ohren zuhielten.

Er verzog angewidert das Gesicht und schaute auf die Uhr. Das Ziffernblatt zeigte erst 23:15 Uhr. Ohne sich umzudrehen, warf er die Flasche mit dem lauwarmen Bier in eine Hecke und bestellte ein neues.

»Lass die Finger von Elamunela …«, lallte Nicki und nahm dem Song in ihrer ureigenen Art jeden Hauch von Melodie.

Sie und Michelle stolperten singend im Stechschritt an ihm vorbei. Nicki war mittlerweile so betrunken, dass sie nicht einmal mehr den Namen der Besungenen richtig aussprach. Er sah ihnen hinterher, wie sie wieder in der Menge verschwanden, und dachte darüber nach, welche Leistungskurse Nicki wohl belegt hatte. Es schrie förmlich nach Kunst, Sozialkunde und Blowjob, dem Mix der Drei-Komma-irgendwas-Durchschnittsnoten-Abiturientinnen.

Du hast dein Abitur, Nicki. Die mündliche Prüfung hat dich gerettet, hallte es in seinem Kopf wider.

Er war überzeugt, dass es so gewesen sein musste.

Michelle war ganz anders. Sie hatte eine gewisse Klasse. Auf jeden Fall tat sie so. Er fragte sich, was sie an Nicki fand. Michelle schien so viel mehr Stil zu haben als ihre dümmlich grinsende Freundin. Na ja, jedem das Seine.

Michelles blondes Haar wirbelte über die Tanzfläche. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um sie besser beobachten zu können. Die bunten Scheinwerfer der Lichtanlage tauchten ihr hübsches Gesicht in einen Strudel aus grell zuckenden Blitzen, und die blauen Augen glänzten in dem Farbgewitter noch stärker als üblich. Sie trug ein schulterfreies schwarzes Kleid, das ihren durchtrainierten Körper perfekt zur Geltung brachte. Es hatte genau die richtige Länge. Nicht zu kurz, um sie als leicht zu haben abzustempeln, und nicht zu lang, um sie als prüde zu titulieren. Ob sie sich ihrer Wirkung überhaupt bewusst war? Sie war perfekt. Und dennoch gehörte sie zu den Netten in der Schule. Nie zu arrogant, um nicht mit jedem ein kurzes Gespräch zu führen, nie zu beschäftigt, um nicht ihren Mitschülern einen Moment ihrer Zeit zu widmen. Er lächelte, als er darüber nachdachte und einen Schluck des neuen, kalten Biers nahm.

Das Ziffernblatt zeigte 4:05 Uhr. Er war todmüde. Langsam lief er den Feldweg entlang. Über den Bäumen eines Feldgehölzes wich der Nachthimmel allmählich der Dämmerung. Es war längst nicht hell, trotzdem konnte das Auge mittlerweile wieder Formen und Bewegungen im Dunkel ausmachen.

Er mochte diese Uhrzeit. Es war ruhig, kühl, und die Mondsichel gab der Umgebung eine geheimnisvoll glänzende Aura. Seit er die Party vor etwas weniger als einer halben Stunde verlassen hatte, waren ihm lediglich zwei Autos auf der parallel zum Feldweg verlaufenden Straße entgegengekommen. Die Nacht war so still, dass er noch lange die in der Ferne wummernden Bässe der Party gehört hatte. Als er aufbrach, war die Gruppe der Feiernden auf einen harten Kern von ungefähr fünfzehn jungen Frauen und Männern zusammengeschrumpft. Er war gegangen, ohne sich zu verabschieden. Es hätte ohnehin keinen Unterschied gemacht. Wahrscheinlich konnte sich keiner von ihnen an seinen eigenen Namen erinnern. Was hätte da ein »Auf Wiedersehen« gebracht?

Der Wagen fuhr so schnell an ihm vorbei, dass er automatisch einen Schritt nach rechts, weg von der Straße, machte. Er hatte ihn nicht einmal gehört, so sehr war er in Gedanken versunken. Die Scheinwerfer schnitten einen hellen Korridor in die Dunkelheit und entblößten Teile der Landstraße und der angrenzenden Felder.

Jetzt erst fiel ihm auf, wie laut der Motor aufheulte. Der Wagen störte die besinnliche Ruhe. Seine Ruhe. Ohne dass er das Auto genauer betrachten oder dessen Fahrer einen Fluch hinterherschicken konnte, war es bereits hinter der nächsten Kurve verschwunden. Der hochdrehende Motor heulte ein letztes Mal auf, bevor das unangenehme Gebrüll leiser und schließlich von der Schwärze der Nacht verschluckt wurde. Vollidiot. Er schüttelte den Kopf, kickte einen trockenen Erdklumpen auf die Fahrbahn und setzte seinen Weg fort.

Vor sich sah er die Lichter der kleinen Stadt. Die ersten Häuser waren nur noch wenige Hundert Meter entfernt und schmiegten sich, zwischen Feldern und dem nahen Wald, an den Rand einer Senke. Obwohl ihm das Kaff stets zu eng erschienen war, konnte er das Gefühl von Nach-Hause-Kommen, das sich in ihm ausbreitete, nicht leugnen. Diese Ambivalenz hatte er nie verstanden.

Der Feldweg folgte der Rechtskurve der Landstraße und schlängelte sich hinab in die Senke. Sehr bald würde er am Ortseingang erneut einen Knick nach rechts machen und in einem großen Bogen hinter den letzten Häuserreihen einmal um das gesamte Dorf herumführen. Statt dem Weg zu folgen, würde er die Hauptstraße geradeaus nehmen und in wenigen Minuten endlich in seinem Bett liegen.

Abrupt blieb er stehen. Die Helligkeit der roten Rücklichter zerriss die Dunkelheit auf eine unangenehme Art und Weise. Im matten Schein einer Straßenlaterne, direkt hinter dem Ortseingangsschild, erkannte er einen silbernen VW Golf, dessen Türen sperrangelweit offen standen. Fünf Personen lehnten an dem sichtlich ramponierten Gefährt oder bewegten sich mitten auf der Straße, während sie miteinander sprachen.

Er verlangsamte seine Schritte und duckte sich hinter den Stamm eines knochigen Apfelbaums, der mit zwei weiteren Mitstreitern auf einem Grünstreifen zwischen Feldweg und Ackerfläche stand. Er ließ sich auf ein Knie sinken und spürte Morgentau durch den Stoff seiner Hose dringen. Na toll. Warum hatte er sich überhaupt hier versteckt? Die Antwort war so naheliegend wie logisch. Er hatte keine Lust auf andere Menschen. Sein Bedarf an Oberflächlichkeiten und Mittelmaß war mindestens für die nächsten vier oder fünf Wochen gedeckt. Er rieb über die Jeans und musterte die Gestalten auf der Straße.

Es hatte etwas von Magie. Anders konnte er es sich nicht erklären. Bevor er die restlichen Anwesenden auch nur eines Blickes würdigen konnte, hatte Michelle ihn vollkommen in ihren Bann gezogen. Sie bewegte sich leichtfüßig auf dem Mittelstreifen der Straße und balancierte mit ausgebreiteten Armen auf den weißen Fahrbahnmarkierungen. Ein Windstoß wehte ihre Stimme zu ihm herüber. Er konnte ihre Worte nicht verstehen, doch das war ihm egal. Ihr melodischer, betörender Tonfall war genug, um ihn alles andere um sich herum vergessen zu lassen.

Das schrille, nervig hohe Lachen riss ihn aus seiner Trance. Nicki. Natürlich war es Nicki. Sie lehnte neben einem dürren, nahezu schlaksigen jungen Mann an der Kofferraumklappe und krümmte sich vor Lachen, als hätte sie gerade den besten Witz ihres Lebens gehört. Die beiden anderen jungen Männer, die jeweils an der offenen Fahrer- und Beifahrertür standen und ihre Unterarme lässig auf dem Wagendach abgelegt hatten, grinsten sich an. Er erkannte Daniel, der den Golf ein gutes Stück überragte, und dessen stämmigen Freund, die die meiste Zeit des Abends zusammen vor der Bar verbracht hatten. Seltsam, dass Daniel überhaupt noch fahren konnte.

Er wusste nicht, warum, aber Nicki nervte ihn. Egal was sie tat oder sagte, es aktivierte seine innere Abwehrreaktion. Er erhob sich, ohne den Schutz des Baums zu verlassen. Er sah sich um. Verdammt. Es gab keinen anderen Weg ins Dorf, wenn er sich nicht quer durch die Felder schlagen wollte. Umkehren war ebenfalls keine Option. Die Abzweigung zum nächsten Weg, der oberhalb der Senke am Waldrand entlangführte, lag gut und gern zwei Kilometer entfernt in der entgegengesetzten Richtung.

Er schlug mit dem Handballen gegen die knochige, raue Baumrinde und dachte nach. Gerade als der Gedanke, einfach den Feldweg hinunterzugehen, die Anwesenden mit ein paar belanglosen Floskeln zu begrüßen und wieder zu verschwinden, die Oberhand gewann, setzte sich die Gruppe in Bewegung.

Der schlaksige Junge stieß sich von der Kofferraumklappe ab und dehnte den Nacken. Er legte einen Arm um Nicki und gab ihr einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange, ehe er die hintere Tür des Golf öffnete, Michelle zuwinkte und sich auf die Rückbank fallen ließ. Der junge Mann an der Beifahrertür verschwand nach einer kurzen Verabschiedung ebenfalls im Inneren des Wagens.

Einzig Daniel machte keine Anstalten zu gehen. Er drehte sich zu Michelle, die aufgehört hatte, auf den Straßenmarkierungen zu balancieren, aber noch mitten auf der Fahrbahn stand. Er lachte und richtete seine Worte offensichtlich direkt an sie. Aus dieser Distanz war es unmöglich zu verstehen, worüber sie sprachen. Er sah, wie sich Nicki zu ihrer Freundin gesellte und sich bei ihr einhakte. Sie stimmte in das Gespräch mit ein, wobei sich ihre hohe Stimme mühelos von den beiden anderen abhob.

Schließlich trat Daniel ein paar Schritte auf die beiden Frauen zu, umarmte sie nacheinander und setzte sich ebenfalls in seinen Wagen. Bevor er den Motor anließ, deutete er aus dem offenen Fenster die Hauptstraße entlang und machte eine unverständliche Geste. Michelles Hand vollführte eine ebenso unverständliche Bewegung, und die beiden Frauen lachten. Mit einem Kopfschütteln legte Daniel den Gang ein, und der Golf fuhr mit quietschenden Reifen davon.

Stille kehrte zurück. Er atmete tief ein und genoss die wiedergewonnene Ruhe. Er blickte die Straße hinunter, wo sich Michelle und Nicki nach wie vor im gelblichen Schein der Straßenlaterne unterhielten. Dann betrachtete er den dunklen, nassen Fleck an seinem Knie und verdrehte genervt die Augen. Er hatte keine Lust, länger in der Dunkelheit zu warten. Auf ein Gespräch mit Nicki, so kurz und unverfänglich es auch sein mochte, hatte er allerdings noch viel weniger Lust. Seine Optionen hatten sich nicht verbessert. Die einzig sinnvolle Lösung lag direkt vor ihm. Er seufzte, fuhr sich durch die zerzausten Haare und machte sich auf den Weg ins Dorf.

Die jungen Frauen nahmen keinerlei Notiz von ihm, als er sich dem Ortseingang näherte. Sie saßen auf einer Gartenmauer vor dem ersten Haus des Dorfs und hatten ihm den Rücken zugewandt. Er wusste, dass es sich um Nickis Elternhaus handelte. Damals, als sie alle zusammen mit dem Bus in die Schule des Nachbardorfs hatten fahren müssen, war es nicht selten vorgekommen, dass sie laut schreiend aus dem Haus stürmte, während der Bus bereits zur Weiterfahrt ansetzte. Sie war immer zu spät. Einzig der netten Busfahrerin, die vorausschauend etwas länger an der Bushaltestelle wartete, hatte sie es zu verdanken gehabt, dass sie den Schulweg nicht viel öfter zu Fuß hatte zurücklegen müssen.

Er blieb stehen. Nur wenige Meter trennten ihn von den beiden. Er konnte ihre Stimmen jetzt deutlich hören.

»Komm, bleib hier. Du schickst deiner Mom eine SMS, um ihr zu sagen, dass du bei mir bist.« Nickis quäkende Entenstimme ließ ihn zusammenzucken.

»Das ist lieb von dir, aber ich gehe nach Hause. Ich muss unbedingt aus dem Kleid raus. Das verdammte Ding ist so eng, dass ich nicht mal einen Tanga anziehen konnte.«

»Haha, ernsthaft! Du kleine Sau. Du siehst zum Anbeißen aus.«

»Aww, du bist so lieb«, flüsterte Michelle und drückte Nicki an sich. »Ich habe schon die letzten beiden Nächte bei dir verbracht. Meine Mom weiß gar nicht mehr, wie ich aussehe. Und außerdem hat sich mein Dad für morgen angekündigt. Er will mir zum Abitur gratulieren. Du kennst ihn ja. Der kommt nur alle Schaltjahre mal aus München zurück.«

Nicki blies ihre Wangen auf und ließ die Luft mit einem prustenden Geräusch wieder hinausströmen.

»Okay, wenn sich dein Dad mal her verirrt, muss man natürlich anwesend sein. Vielleicht schenkt er dir ja eine Reise zum Abi. Mallorca oder so. Und wenn, sagst du ihm, dass du auf keinen Fall ohne deine beste Freundin fahren kannst.« Sie lachte und stieß Michelle mit dem Ellenbogen in die Seite.

»Da kannst du Gift drauf nehmen.« Sie grinste zurück und drückte ihre Freundin erneut. Dann drehte sie sich um hundertachtzig Grad, schwang die Beine über die Mauer und stieß sich ab.

»Hey, warte mal, du gehst doch nicht durchs Feld!«

»Ach komm, Nicki, was soll das denn jetzt? Ich bin in zehn Minuten daheim und werde nicht zehn weitere Minuten in Kauf nehmen, nur weil ich durch den Ort gehe.«

»Äh, dunkel, unheimlich, allein, blonde Bitch, enger Rock … Du solltest so auf keinen Fall durchs Feld laufen.« Nicki war ebenfalls aufgestanden und stemmte die Arme in die Hüften.

Michelle lachte glucksend. »Selbst Bitch. Wie vielen Menschen sind wir begegnet, seit wir aus dem Auto gestiegen sind? Null. Keine Sau verirrt sich um die Zeit hierher.«

Sie zupfte an ihrem Kleid herum, das sich ein Stück nach oben geschoben hatte, und strich es glatt.

»Du machst eh, was du willst. Aber ich will dich nicht bei Aktenzeichen XY… sehen«, sagte Nicki spöttisch.

»Du siehst mich eher bei Life! Dumm gelaufen, da halt mehrfach.«

Nickis aufdringliches Lachen schallte durch die Nacht.

Michelle machte einen Schritt auf ihre Freundin zu und drückte sie ein letztes Mal. »Komm her, Süße, ich bin in ein paar Minuten daheim und rufe dich direkt an, sobald mein Dad wieder weg ist.«

Nicki erwiderte die Umarmung und gab ein leises brummendes Geräusch von sich. »Okay, aber beeil dich. Und wenn dir was unheimlich vorkommt, springst du in einen der Gärten und schreist.«

Michelle löste sich aus der Umarmung und grinste. »Natürlich. Das war sowieso der Plan. Ich springe über einen Zaun, lande in einem Planschbecken, reiße beim Aufstehen eine Schaukel herunter und lande in einem Blumenbeet. Life! Dumm gelaufen, sag ich ja.«

Bevor Nicki etwas erwidern konnte, warf Michelle ihr eine Kusshand zu und trat auf den Feldweg.

Er stand keine zehn Meter entfernt im Halbdunkel unter einer erloschenen Straßenlaterne und sah ihnen nach. Nicki tapste durch den Garten ihres Hauses zur Eingangstür, während Michelle die Linkskurve erreicht hatte, von wo der Feldweg in einem Halbkreis um das Dorf führte. Er bewegte sich nicht. Die Straße war frei. In weniger als fünf Minuten hätte er sein Wohnhaus erreichen können. Doch wie oft bekam man schon die Chance, ungestört in Michelles Nähe sein zu können? Die Versuchung war zu verlockend und die Entscheidung ohnehin bereits gefallen. Ohne zu zögern, setzte er sich in Bewegung und folgte dem Feldweg.

Michelle hatte die Kurve mittlerweile hinter sich gelassen, sodass er sie aus den Augen verlor. Mit schnellen Schritten verkürzte er die Distanz zu ihr, darauf bedacht, keine unnötigen Geräusche zu erzeugen. Er wollte unbedingt verhindern, dass sie ihn entdeckte und womöglich als Spanner abstempelte.

Er erreichte die Biegung und spähte um eine Tanne, die auf dem Grundstück von Nickis Eltern wuchs und ihre Äste über die Mauer hinaus bis an den Feldweg streckte. Michelle lief in etwa zwanzig Metern Entfernung in der Mitte des Wegs. Die Erscheinung hypnotisierte ihn. Ihre Arme schmiegten sich eng an ihre Hüften und schwangen im Rhythmus ihres betörenden Gangs. Hier, auf der dem offenen Feld zugewandten Seite des Dorfs, wo es keinerlei Straßenlaternen gab, wirkte das Mondlicht unnatürlich hell. Ihre blonden Haare flossen wie sanft wogende Wellen über ihre nackten Schultern und reflektierten das wenige Licht so stark, dass es ihn beinahe blendete. Wie wunderschön konnte eine Frau sein?

Er erhöhte sein Tempo. Als er bis auf zehn Meter zu ihr aufgeschlossen hatte, nahm er es zurück und versuchte, den Abstand zu halten. Michelle lief in einer angenehmen Geschwindigkeit. Nicht zu langsam, aber auch nicht gehetzt, wie es angesichts der Uhrzeit und des Orts zu erwarten gewesen wäre. Ihre langen Beine …

Die Gestalt explodierte geradezu aus der Dunkelheit. Eine schwarze Eruption aus den Schatten der Nacht, die sich über Michelle ergoss, sie einhüllte und mitriss.

Dann war sie verschwunden. Der Feldweg lag wieder in absoluter Stille. Was, zur Hölle, war da gerade passiert? Er blieb wie angewurzelt stehen. Keine Spur, kein Geräusch. Als hätte sich der Erdboden geöffnet und seinen heimlichen Schwarm mit Haut und Haaren verschlungen. Er rieb sich die Augen und trat einen Schritt zurück. Es war so schnell geschehen, dass er nicht einmal hatte schreien können. Ein Mensch konnte nicht einfach verschwinden. Und trotzdem zögerte er. Wo war sie hin?

Er lauschte in die Dunkelheit. Nichts. Er drehte sich einmal um die eigene Achse und spähte in die Nacht.

Sei nicht dumm. Soll sie hinter dir aus einem unterirdischen Tunnel auftauchen?

Er nahm all seinen Mut zusammen und machte einen Schritt nach vorn. Und noch einen. Und noch einen. Wenige Augenblicke später stand er an der Stelle, an der er Michelle zum letzten Mal gesehen hatte. Nichts deutete darauf hin, dass hier eben eine junge Frau gewesen war.

Es war nicht einmal eine Bewegung. Vielmehr flossen schwarze Schatten in schwärzere und lösten sich auf, sobald er die Augen zusammenkniff und etwas in dem abstrakten Nebel aus dunkel und dunkler zu erkennen versuchte. Doch dort war etwas. Er war sich sicher.

In einem perfekten rechten Winkel ging der ausgetrocknete Bewässerungsgraben vom Feldweg ab und verlor sich zwischen zwei Rapsfeldern. Er fügte sich so unauffällig in die Landschaft ein, dass die meisten Spaziergänger ihm wohl selbst bei Tageslicht keine Beachtung geschenkt hätten. Die üppig blühenden Gräser und Büsche füllten ihn fast vollständig aus. In ein oder zwei Wochen hätte man ihn ebenso für einen Pfad zwischen zwei aneinandergrenzenden Äckern halten können. Und dort, in mindestens dreißig oder vierzig Metern Entfernung, pulsierte die Dunkelheit. Jetzt erst entdeckte er die Schneise aus niedergedrückten Pflanzen inmitten des Grabens. Er schluckte und sah sich Hilfe suchend um. Das Feld lag in absoluter Stille.

Das kaum wahrnehmbare Stöhnen erstickte im selben Moment, in dem er es hörte. Michelle. Er hätte ihre Stimme immer und überall erkannt. Es klang hoch – und flehend. Er biss sich auf die Unterlippe und schloss die Augen.

Sei kein Feigling. Sei kein Feigling, tönte es in seinem Kopf.

Bevor er einen weiteren Gedanken fassen konnte, trat er neben den Graben und folgte dem Verlauf. Die Rapspflanzen hatten bereits eine stattliche Höhe erreicht, sodass er an manchen Stellen kaum über sie hinwegblicken konnte. Reflexartig duckte er sich beim Laufen. Das Mondlicht reichte zwar aus, um sich zu orientieren, konnte der Dunkelheit allerdings keine Details seiner Umgebung abringen.

Mit jedem Schritt erhärtete sich sein Verdacht. Die Vegetation im Graben bewegte sich unruhig hin und her, und das Rascheln und Knacken von Gräsern und Ästen war unüberhörbar. Doch er vernahm keinen menschlichen Laut.

Er versuchte, das schwarze Gemisch aus Schatten, Pflanzen und Bewegungen zu einem sinnvollen Bild zusammenzusetzen. Erneut kniff er die Augen zusammen, während er sich voran wagte. Die Zuckungen im Graben waren stark und rhythmisch, und die Geräusche der Pflanzen so laut, dass er sich fragte, warum nicht das ganze Dorf auf den Beinen war, um herauszufinden, wo der ohrenbetäubende Lärm seinen Ursprung hatte. In seinem Kopf formte sich ein Löwenrudel aus dem wogenden Schwarz, das über ein gerissenes Büffeljunges herfiel.

Und dann sah er sie. Zuerst erkannte er die gewaltige Gestalt überhaupt nicht als solche. Doch in den Bewegungen machte er muskulöse Arme aus, einen massiven Rücken und Beine, die den Umfang seines Oberkörpers haben mussten. Und da, waren das Haare? Schwarze, borstige Haare, die wellenartig über den Boden glitten. Das Knacken und Rascheln der Zweige und Gräser trat in den Hintergrund und wurde von Knurren und tiefem Atmen verdrängt.

Und inmitten der unheimlichen pulsierenden Wolke aus Schwärze, Haaren und Muskeln, in einem Bett aus Gras, Ästen und den Überresten ihres Kleids, lag Michelle. Ein Kranz aus leuchtend blondem Haar umrahmte ihr zierliches Gesicht, das im Mondlicht wie eine Porzellanmaske aussah. Ihr Kopf war in einem unnatürlichen Winkel verdreht, und die offenen, leblosen Augen starrten ihm direkt in die Seele. Das Blut an ihrem Hals wirkte schwarz. Er konnte seine Augen nicht von ihrem nackten, beinahe weißen Leib nehmen. Jedes Mal, wenn sich die schwarze Gestalt aufbäumte, konnte er einen Blick auf ihre Scham werfen, bevor das Monster ihren geschundenen Körper wieder überrollte wie eine Welle aus Tod und Asche.

Der Schrei blieb ihm im Hals stecken. Gleichzeitig fluteten Endorphine seinen Organismus. Er hatte in seinem ganzen Leben nie zuvor etwas derart Kraftvolles gesehen. Die schwarze Gestalt bestand einzig und allein aus Muskeln. Sie bewegte sich mit einer solch rücksichtslosen Wucht, dass er vor Aufregung zu zittern begann. Die Welle schien auch ihn zu überrollen. Er atmete schnell und abgehackt, während er sich auf den Boden setzte. Er spürte die Erregung in seinem Unterleib, ohne ihr besondere Beachtung zu schenken. Seine ganze Welt reduzierte sich auf die Vereinigung von vollkommener Macht und absoluter Hilflosigkeit, die vor ihm zelebriert wurde.

Seine Augen glitten über ihren nackten Leib, berührten ihre makellosen Brüste und huschten über ihren rasierten Schambereich. Für eine Sekunde gab es nur sie beide. Michelle und ihn. Ihn und Michelle. Ihr kompletter Körper …

Noch während er sich in dem Moment verlor, bemerkte er seinen Fehler. Er erwachte aus seinem tranceähnlichen Zustand, sprang auf und schaute sich panisch um. Die vom Mondlicht weichgezeichnete Schwärze umhüllte ihn. Er drehte sich hektisch atmend im Kreis, verharrte, drehte sich weiter und verharrte erneut. Er war allein. Das konnte nicht sein. Die massige Gestalt konnte nicht verschwunden sein. Nicht solch ein Riese. Er wandte sich um und sah zu Michelle hinab.

Quälend langsam entstieg die Gestalt dem Graben und erhob sich vor ihm wie ein Felsmassiv. Sie wuchs über ihn hinaus, verdunkelte den Mond und entzog seiner Welt jegliches Licht. Er roch Schweiß und Angst. Seine Angst. Er war unfähig sich zu bewegen. Gegen das Mondlicht bestand sein Gegenüber aus nichts anderem als Schwärze. Die Gestalt rührte sich nicht. Er spürte, wie sich Wärme in seiner Hose ausbreitete. Er hatte sich vollgepisst.

Das ohrenbetäubende Heulen ließ ihn zusammenzucken. Die Gestalt hatte den Kopf in den Nacken geworfen und schrie in die Nacht. Der Schrei ging nahtlos in ein heiseres Röcheln und schließlich in ein tiefes, unheimliches Lachen über.

»Sieh mich an!« Die Stimme hatte etwas Unmenschliches.

Er wagte es nicht, den Kopf zu heben.

»Sieh mich an!«

Vorsichtig hob er den Blick. Die Augen der Gestalt glühten im Mondlicht.

»Merk dir eins, ein Wolf nimmt sich, was er braucht.«

Er sah die heranrasende Faust zu spät. Das Letzte, was er spürte, war seine brechende Nase, bevor Dunkelheit nach seinem Geist griff.

Kapitel 2

Heute

»Jetzt bittet die Kriminalpolizei wieder um Ihre Mithilfe. Aktenzeichen XY… Ungelöst. Live aus München. Mit Rudi Cerne«, sagte der Sprecher aus dem Off.

Der Moderator betrat die Kulisse, bewegte sich souverän durch das Studio und platzierte sich vor einer Kamera. »Guten Abend und willkommen bei Aktenzeichen XY… Ungelöst. Heutzutage ist es selbstverständlich, dass DNA-Befunde den entscheidenden Hinweis zur Aufklärung von Kapitalverbrechen liefern können. Mit den sich stetig weiterentwickelnden Möglichkeiten der modernen DNA-Analytik werden nicht nur aktuelle Straftaten aufgeklärt, sondern auch solche, die bereits Jahrzehnte zurückliegen. Immer wieder berichten wir von Fällen, deren Aufklärung vor wenigen Jahren so noch nicht möglich gewesen wäre. Mittlerweile genügen den Spezialisten der Polizei mikroskopisch kleine Blut- oder Sekretspuren und minimale Haut- oder Haarproben, um sie molekularbiologisch untersuchen und eindeutige Ergebnisse erzielen zu können.

Bevor wir Sie, liebes Publikum vor dem Bildschirm, heute wieder um Ihre Mithilfe bitten, wollen wir Ihnen einen solchen Fall präsentieren.

Im Mai vor fast zwanzig Jahren wurde im hessischen Obernhain im Taunus, die Leiche der damals neunzehnjährigen Abiturientin Michelle H. gefunden. Der Fall entwickelte sich wegen der unfassbaren Brutalität der Tat zu einem der bekanntesten Mordfälle Deutschlands und stieß eine landesweite Diskussion zur Sicherheit von jungen Frauen im Alltag an.

Die Schülerin Michelle H. hatte erst wenige Tage vor ihrem tragischen Tod ihr Abitur bestanden. Sie befand sich auf dem Nachhauseweg von ihrer Abiturfeier und war nur wenige Minuten fußläufig von ihrem Elternhaus entfernt, als sich die Tat ereignete.

Die junge Frau war zusammen mit einer Freundin gegen halb fünf am Morgen von Klassenkameraden am Ortseingang der beschaulichen Gemeinde abgesetzt worden. Kurz darauf machte sie sich auf den Weg zu ihrem Wohnhaus. Anstatt durch den Ort zu gehen, nahm sie eine Abkürzung über einen Feldweg am Ortsrand, wo sie nach wenigen Hundert Metern auf ihren Mörder traf.

Im Schutz der Dunkelheit hat dieser sein wehrloses Opfer überwältigt und in einem nahe gelegenen Feld vergewaltigt und ermordet. Aufgrund der brutalen Verletzungen und der Bissspuren am Körper der jungen Frau wurde der Fall schnell als Wolfsmord bekannt. Im ganzen Land trauten sich Frauen nur noch in Gruppen in der Dunkelheit auf die Straße.

Trotz zahlreicher am Tatort sichergestellter Beweise gelang es den Ermittlern nicht, einen Tatverdächtigen zu identifizieren. Faser- und Bissspuren konnten nicht zugeordnet werden, sodass der Fall nach jahrelangen erfolglosen Ermittlungen zu den Akten gelegt wurde.

Jetzt, rund zwei Jahrzehnte nach der Tat, konnten endlich Erfolge verzeichnet werden. Sachverständigen des LKA Hessen ist es gelungen, Sekretspuren mit modernsten Analysemethoden einer Person zuzuordnen und somit einen Tatverdächtigen zu identifizieren.

Die Abteilung für Cold Cases des LKA Hessen nahm vor wenigen Wochen den fünfzigjährigen Robert P. in Bad Homburg, in der Nähe von Frankfurt am Main, fest. Der gelernte Kfz-Mechaniker stammte ursprünglich ebenfalls aus Obernhain und lebte seit wenigen Jahren im benachbarten Bad Homburg. Er ist bereits mehrfach wegen unterschiedlicher Delikte polizeilich in Erscheinung getreten. Erst im letzten Jahr verbrachte er vier Monate wegen Körperverletzung in der Klinik für forensische Psychiatrie in Gießen. Bei Robert P. wurde sowohl eine Lernbehinderung als auch eine verzögerte intellektuelle Reife festgestellt. Dazu der ermittelnde Beamte Frederik Hansen vom LKA in Wiesbaden.

›Wir sind stolz, verkünden zu können, dass wir nach fast zwanzig Jahren den Fall der ermordeten Michelle H. endlich zu einem Abschluss bringen konnten. Die neusten Entwicklungen im Bereich der DNA-Analytik haben dazu geführt, die Anwesenheit des Beschuldigten Robert P. am Tatort ohne jeden Zweifel zu belegen. Der Beschuldigte befindet sich mittlerweile in Untersuchungshaft. Für die Angehörigen ist es von enormer Bedeutung, nach all den Jahren der Unwissenheit endlich den Verantwortlichen für die Tat in Gewahrsam zu wissen. Obwohl der Verlust eines Kindes ein Ereignis ist, das niemals ganz überwunden werden kann, hilft ein solcher Ermittlungserfolg den Familien, mit der eigentlichen Tat abzuschließen.‹

Meine Damen und Herren, wieder einmal ist es mithilfe von technischem Fortschritt und hartnäckiger Polizeiarbeit gelungen, einen Fall zu lösen, der so lange als Cold Case galt. Die Evolution der Methoden und Möglichkeiten in der Polizeiarbeit zeigt, dass es für Verbrecher immer schwieriger wird, ungeschoren mit ihren Taten davonzukommen. Auch wenn es hin und wieder so erscheinen mag, als ob das Verbrechen einen Schritt schneller ist, die Ermittlerinnen und Ermittler der Polizei sind ihnen unmittelbar auf den Fersen. Erfolge wie die Festnahme im Fall Michelle H. lassen hoffen, dass es in Zukunft keine Frage mehr sein wird, ob ein Fall aufgeklärt wird, sondern wann.

Und jetzt kommen wir zu unserem ersten aktuellen Fall am heutigen Abend.«

Kapitel 3

»Hey, Yusuf, schieß. Nicht lange nachdenken, einfach draufhalten. Du kennst doch deinen Bruder. Wallah, der knallt sogar die Leute aus seinem eigenen Team ab, wenn er dadurch gewinnt. Und du überlegst noch, ob du nicht näher ran sollst? Vergiss es.«

»Weil du aus der Entfernung natürlich immer triffst. Bruder, ich schwör, du hast heute nicht einen von denen getroffen.«

»Wie auch, wenn wir ständig in einen Hinterhalt laufen oder unsere Chancen so vergeigen?« Tim riss sich die Paintballmaske vom Gesicht und atmete tief ein. Schweiß tropfte von seinem durchnässten Kopftuch und lief in kleinen Rinnsalen über Schläfen und Wangen, bevor er sich unter dem Kragen seines Protektorenshirts sammelte. Die Ziffern seiner Digitaluhr leuchteten hell in der Dunkelheit der Halle. 0:31 Uhr.

Yusuf trat neben ihn. Sein Atem ging schwerfällig, die Brille hinter seiner Maske war beschlagen.

»Kein Wunder, dass du nichts siehst«, knurrte ihn Tim patzig an. »Hol dir für die Matches Kontaktlinsen. Wie oft hatten wir das schon?«

»Ich schieß mit beschlagener Brille besser, als du es jemals getan hast, du Kek. Immer zweite Reihe, immer verstecken, immer große Fresse. Wo warst du eben, als wir sie fast hatten?«, fragte Yusuf, zog ebenfalls die Maske vom Kopf und hakte sie an eine Vorrichtung an seinem Gürtel.

Tim hielt den Lauf seines Markers, wie die Paintballpistole offiziell genannt wurde, in die Höhe und fuhr mit dem Handschuh daran entlang. Dann schüttelte er den Munitionsbehälter, der auf dem Marker montiert war und ihn mit Paintballs, den mit Lebensmittelfarbe gefüllten Gelantinekugeln, versorgte. »Hast du noch genug Munition, oder hebst du dir das als nächste Ausrede auf?«

Yusuf sah Tim herausfordernd an. Yusuf war sein bester Freund, aber immer wenn sie ein Paintballmatch austrugen, krachte es zwischen ihnen.

»Ich habe genug«, antwortete Tim. »Einer von uns muss ja Treffer setzen, während du die Wände hier neu streichst, so schlecht, wie du heute schießt.«

Ohne zu antworten, ließ Yusuf den Marker sinken und feuerte aus kürzester Distanz gegen Tims Brustschutz. Die Farbpatrone platzte, und grüne Flüssigkeit spritzte über seine Kleidung. Wie von einem Faustschlag getroffen, zuckte Tim zusammen und machte einen Schritt rückwärts.

»Also, ich treffe ganz gut, Bruder.« Yusuf grinste ihn an.

»Du Hu…«

Bevor Tim die Beleidigung aussprechen konnte, richtete Yusuf den Lauf seines Markers auf sein Gesicht. »Wie wolltest du meine Mutter nennen?«

»Alter, du bist wirklich ein …«

»Jetzt haltet beide die Fresse, oder wir können das Spiel komplett vergessen«, knurrte Manuel. Er und Kamal traten aus einer Tür am gegenüberliegenden Ende der kleinen Halle und kamen auf sie zu. Das Licht der Straßenlaternen, das durch die wenigen Fenster fiel, ließ sie wie wandelnde Schatten erscheinen. Es war hier unten ausreichend hell, um sich zu orientieren. Mehr auch nicht. »Wenn ihr noch lauter schreit, müssen wir uns gar keinen Plan mehr überlegen. Dein Bruder kesselt uns mit seinen Leuten ein und nimmt uns ins Kreuzfeuer.« Manuel nickte Yusuf zu, als er über dessen Bruder sprach, und betrachtete Tims farbverschmierten Brustschutz. »Ihr seid die größten Idioten, wenn ihr spielt.«

Tim wollte widersprechen, zog es allerdings vor, den Streit nicht eskalieren zu lassen.

»Okay, egal. Wir zerlegen jetzt zuerst deinen Bruder und sein Team, und mit den restlichen Kugeln färbe ich dich später ein«, raunte er in Yusufs Richtung und wischte einen Farbspritzer vom Sichtfeld seiner Maske.

Yusuf grinste triumphierend und kontrollierte seine Protektoren an Armen und Knien.

Tim sah sich in der Halle um und sondierte die Lage. »Okay, die anderen können mittlerweile überall sein. Entweder sind sie in die nächste Halle oder im Stockwerk über uns. Vielleicht sind sie sogar nach oben und im Treppenhaus hinter uns wieder nach unten, sodass sie uns aus einem Hinterhalt angreifen können.«

»Ich glaube nicht, dass sie zurück sind«, erwiderte Manuel. »Erste Regel, nicht auffallen. Wir sind hier illegal eingedrungen. Das Treppenhaus vorn ist zu nah an der Straße, da könnte man sie zu leicht entdecken. Und wenn uns eine Streife erwischt, sind wir alle gefickt. So blöd sind die nicht.«

»Glaube ich auch nicht«, ergänzte Kamal. »Ich denke, die sind auf der anderen Seite nach oben und erwarten uns dort am Treppenaufgang, oder sie lassen uns bis in die Räume über uns vorrücken und greifen vom Dach aus an. Die Fenster sind wie Schießscharten.«

Sie hoben alle den Blick, als könnten sie durch die hohe Decke ins Stockwerk über ihnen sehen.

»Gut, lasst uns hochgehen. Yusuf und ich über die hintere Treppe, Manuel und Kamal über die vordere. Ihr müsst unheimlich aufpassen, dass man euch von der Straße aus nicht entdeckt. Keinerlei Licht. Die anderen rechnen bestimmt nicht damit, dass wir von beiden Seiten angreifen.«

»Richtiger Arschloch-Move. Schön die Regeln verletzen. Klingt gut. Bisschen riskant, aber sollten wir hinkriegen«, sagte Kamal. Seine Stimme klang dumpf hinter der Schutzmaske, die neben Augen und Nase die komplette Mundpartie abdeckte.

Sie kontrollierten den Sitz ihrer Protektoren sowie den Zustand ihrer Marker und Munitionsbehälter und machten sich auf den Weg ins obere Stockwerk.

Tim und Yusuf bewegten sich schnell ans Ende der kleinen Halle und gaben sich gegenseitig Feuerschutz. Bevor sie den Flur betraten, der in den Treppenschacht zum Obergeschoss führte, rief sich Tim noch einmal den Grundriss ins Gedächtnis. Das weitläufige Gelände aus Lagerhallen und leer stehenden Bürogebäuden war einer ihrer bevorzugten Orte, um illegale Paintballmatches auszutragen. Mitten im Frankfurter Osthafen 2, östlich der Autobahn A 661 und zwischen Werksgeländen diverser Logistik- und Abfallentsorgungsunternehmen gelegen, war der verfallene Bau ein großartiger Austragungsort für ihre Duelle mit befreundeten Teams. Natürlich nur, sofern diese die Risiken eines illegalen Matches in Kauf nahmen.

Auf dem Gelände befanden sich neben zwei großen Lagerhallen und einem heruntergekommenen Bürogebäude diverse Freiflächen, auf denen ausrangierte Schiffscontainer vor sich hin rosteten. Alles an diesem Ort wirkte alt und verfallen. Die zweistöckige Lagerhalle, in der sie sich gerade befanden, grenzte an das der Straße zugewandte Bürogebäude. Dort und am entgegengesetzten Ende gab es ein Treppenhaus, das in die zweite Etage führte. Sie war kleiner als das untere Stockwerk, aber mit ähnlich vielen Holzpaletten und Müll zugestellt.

Die schmalen Fenster mit ihren verdreckten Scheiben hielten das wenige Licht der unzähligen Scheinwerfer im Hafengebiet mühelos davon ab, ins Innere des Gebäudes vorzudringen, was unweigerlich dazu führte, dass sie sich dort oben in einem Labyrinth aus Paletten, alten Maschinenteilen und Dunkelheit wiederfinden würden. Wenn man es genau betrachtete, war die Orientierung dort oben noch schwieriger als im unteren Stockwerk. Sie hatten den Ort selbst bereits mehrfach gewählt, um gegnerische Teams in einen spielentscheidenden Hinterhalt zu locken. So gut er den Ort auch kannte, so wenig gefiel es ihm, dort jetzt selbst auf dem Präsentierteller zu sitzen, sobald sie durch die Tür des Treppenhauses traten.

Tim atmete tief ein und gab Yusuf ein Handzeichen. Er duckte sich durch die offene Tür und verschwand in der Dunkelheit des Aufgangs. Für einen Moment lauschte Tim in die Stille, bevor er seinem Freund folgte.

Entgegen ihrer Erwartung waren sie im Treppenhaus und in dem schmalen Flur vor dem Eingang zur oberen Lagerfläche allein. Sie hatten sich leise und mit der antrainierten Präzision aus unzähligen Call-of-Duty-Matches nach oben gearbeitet, jederzeit bereit, in ein Feuergefecht verwickelt zu werden. Doch nichts war geschehen. Jetzt standen sie vor der offenen großen Flügeltür und versuchten vergeblich, in der Dunkelheit des Lagers etwas zu erkennen. Nach wenigen Metern verlor sich das wenige Restlicht hinter vollgepackten Paletten, mannshohen Holzkisten und Schwärze.

Lautlos traten sie über die Türschwelle. Die Halle lag in absoluter Stille vor ihnen. Yusuf stieß ihm gegen die Schulter und deutete auf einen schmalen Durchgang an der rechten Seite des Raums. Zwischen der Außenwand und einigen Holzkisten führte ein enger Weg ins Innere der Halle. Er deutete auf sich und anschließend auf die linke Hallenwand. Dort lagerten deutlich weniger Kisten, dafür umso mehr Paletten, die ein Vorankommen erschwerten. Tim nickte. Wenn sie nicht den breiten Hauptweg nehmen und sich somit als perfekte Zielscheibe präsentieren wollten, blieb ihnen ohnehin keine andere Option.

Leise und wachsam setzten sie sich in Bewegung. Als Tim den schmalen Spalt zwischen Wand und Kisten erreicht hatte, blickte er zurück zu Yusuf, der jedoch bereits zwischen den ersten Paletten verschwunden war. Tim mochte den Gedanken nicht, womöglich in einem engen Gang von oben herab ins Visier genommen zu werden. Andererseits musste er sich wohl oder übel mit der Situation arrangieren, wenn er vorankommen wollte. Er schaffte es schneller durch das Labyrinth, als er befürchtet hatte. Als er aus einer Nische zwischen zwei ausrangierten Metallschränken trat, öffnete sich der Raum vor ihm. Er befand sich noch ein gutes Stück abseits des Hauptwegs, was bedeutete, dass Yusuf zu weit entfernt war, um ihm im Fall eines Angriffs zur Seite stehen zu können. Er ging hinter zwei nach Altöl stinkenden Fässern in Deckung und spähte in den Raum.

Das wenige gelborangene Licht, das durch die Fenster drang, hüllte die Halle in einen vergilbten Nebel. Aus der Entfernung konnte er nicht erkennen, ob die Matratze in der Mitte der Freifläche weiß oder gelb verfärbt war. In jeden Fall hob sie sich so stark von der übrigen düsteren Szenerie ab, dass Tim zweimal hinsehen musste, um sie als solche zu erkennen. Obwohl zwischen ihm und der Matratze gut und gern zehn Meter lagen, erblickte er die Gestalt sofort, die reglos auf dem leuchtenden, fleckigen Stoff lag.

Schlagartig war er hellwach. Er hatte mit jeder Art des Hinterhalts gerechnet. Zu oft hatten sie bereits gegen Yusufs Bruder und dessen Freunde gespielt, um nicht auf alle erdenklichen Überraschungen vorbereitet zu sein. Aber so etwas hatte er in all der Zeit nicht erlebt. Was glaubten sie denn, würden sie damit erreichen? Keiner aus seinem Team wäre dumm genug, sich der Person zu nähern, um dann aus allen Richtungen beschossen zu werden. Und wenn die Person auf der Matratze ein paar Treffer abbekam, wäre sie automatisch aus dem Spiel. Würden seine Gegner wirklich so leicht einen von ihnen opfern?

Tim schaute sich um. Noch immer konnte er keine Anzeichen eines Hinterhalts ausmachen. Er musterte die den Freiraum umgebenden Paletten und prägte sich Nischen und mögliche Verstecke ein. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihm aus. So gut ein Hinterhalt auch geplant sein mochte, im Eifer des Gefechts konnte man sich darauf verlassen, dass es immer ein Teammitglied gab, das sich irgendwann verriet. Je länger man eine Situation beobachtete, desto sicherer war es, dass sich jemand kratzte, seine Stellung korrigieren oder schlicht furzen musste. Adrenalin war ein Garant dafür, jeden Hinterhalt mit der Zeit auffliegen zu lassen. Doch dieser Hinterhalt war ungewöhnlich.

Er wartete eine weitere Minute. Nichts rührte sich. Erst jetzt betrachtete er die Person auf der Matratze genauer. Die Gestalt war zierlich und trug Kleidung mit weiß-schwarzem Tarnmuster. Wenn man davon ausging, dass sie auf einer gewöhnlichen Matratze lag, konnte sie kaum größer als ein Meter sechzig sein. Und wenn dem so war, hatte er ein Problem. Niemand im Team von Yusufs Bruder sah annähernd so aus wie die Person auf der schmutzig gelben Unterlage. Er konnte keine Details erkennen, dennoch bezweifelte er immer mehr, dass es sich dort um ein Mitglied des gegnerischen Teams handelte. Je länger er den Körper musterte, desto größer wurden die Fragezeichen in seinem Kopf. Lag die Gestalt dort überhaupt mit dem Gesicht nach oben? Er konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen, doch es schien, als wäre der Hals seltsam verdreht. Es sah nicht nach einer bequemen Haltung aus.

Tim überlegte, was er tun sollte. Wenn er sich der Gestalt näherte und es sich tatsächlich um einen Hinterhalt handeln sollte, wäre er die längste Zeit im Spiel gewesen. Und … Scheiße. Erst jetzt kam ihm die zweite Option in den Sinn. Wenn es kein Hinterhalt war, lag dort … irgendwer. Fuck, auch das noch. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie bei einem ihrer Matches auf Obdachlose oder Ausreißer trafen. Aber bisher hatte sich nie einer von ihnen so präsentiert wie die Gestalt vor ihm. So ruhig. So unbeweglich. So totenstill. Eigentlich konnte das nur eines bedeuten. Vor ihm lag ein völlig zugedröhnter Junkie.

Er überlegte. Wenn er auf etwas überhaupt keine Lust hatte, dann auf einen Junkie, der sich im Moment zwischen Hier und Irgendwo befand. Wenn man wie er in Frankfurt aufgewachsen war und seine Jugend dort verbracht hatte, kam man unweigerlich mit den negativen Auswirkungen der Sucht in Berührung.

Unzählige Male hatte er Menschen gesehen, die sich zugedröhnt in einem der Bahnhöfe oder Parks der Stadt aufhielten. Die meisten waren friedlich. Einige verwirrt oder gar ängstlich. Andere suchten Streit oder erzählten wirres Zeug. Alles ungefährlich, solange man sie ihr Ding machen ließ. Allerdings gab es ein ungeschriebenes Gesetz. Reiße niemals einen Junkie abrupt aus einem Trip. Denn man konnte die Person gefährden. Angst, Panik, Ärger, Verwirrtheit oder Aggression waren bloß einige der möglichen Reaktionen. Selbst wenn die meisten Süchtigen nicht per se aggressiv waren und eigentlich nur in Ruhe gelassen werden wollten, bestand immer eine gewisse Gefahr, im schlimmsten Fall mit einer Spritze oder einem anderen Gegenstand selbst verletzt werden zu können. Und dieser Gefahr wollte er sich auf keinen Fall aussetzen. Wenn sich ein Junkie so weit entfernt von den eigentlichen Drogenhotspots der Stadt allein auf einen Trip begeben wollte, war es keine gute Idee, ihn zu überraschen.

Tim atmete tief ein und zog die Maske vom Gesicht. Die Schweißperlen auf seiner Oberlippe schmeckten salzig. Er sah sich erneut um. Die Paletten und Kisten um die freie Fläche waren so eng platziert, dass er seinen Weg nicht mehr an der Wand entlang fortsetzen konnte. Wenn er nicht umkehren wollte, gab es nur einen einzigen Weg. Und der führte an der Person vorbei und auf der gegenüberliegenden Seite durch einen schmalen Spalt zwischen zwei Kisten. Klasse. Genau das hatte er jetzt gebraucht.

Für einen Moment überlegte er, zurückzugehen und das Spiel Spiel sein zu lassen. Vielleicht konnte er es sogar unbeobachtet zurückschaffen. Wie es schien, hatten die anderen den Junkie ebenfalls übersehen. Andererseits, wenn der zugedröhnte Typ seit fast zehn Minuten reglos auf seinem Platz lag, warum sollte er ausgerechnet aufwachen, wenn er sich vorbeischlich? Vor allem, da er nicht einmal besonders nah an die Matratze herantreten musste. Er konnte mit Leichtigkeit zwei bis drei Meter Abstand zwischen sich und die Person bringen und trotzdem zu den Kisten gelangen.

Tim hatte keine Lust mehr, länger untätig herumzusitzen. Sein Entschluss stand fest. Er schob die Maske vors Gesicht, richtete den Marker zum Schutz auf den schlafenden Junkie und bewegte sich auf die gegenüberliegende Wand aus Kisten und Paletten zu.

Zwar hatte Tim gehofft, den Junkie ungesehen passieren zu können, dennoch erschien ihm die Situation immer merkwürdiger. Er stand jetzt gute drei Meter vor dem Fußende der Matratze. Er war so darauf bedacht gewesen, keinen Lärm zu erzeugen, dass er ausschließlich auf den Boden vor sich geachtet hatte. Jetzt blieb er stehen und lauschte. Nichts. Er hatte damit gerechnet, wenigstens ein Schnarchen oder Atmen wahrnehmen zu können. Doch er hörte nichts. Er drehte den Kopf und blickte auf die zierliche Gestalt, die auf dem weißen Stofflager kauerte. Nun konnte er sie ganz deutlich erkennen.

Er nahm den Schrei beinahe nicht wahr. Das Gebrüll und das Klacken der Schüsse waren nicht mehr als ein Flüstern hinter dichtem Nebel. Irgendwo von weit hinten in der Halle drangen Rufe und das Platzen von Farbpatronen an sein Ohr. Er glaubte, seinen Namen vernommen zu haben, war sich aber nicht sicher. Alles, was er hörte, war das Rauschen seines eigenen Bluts und das dröhnende Hämmern seines Herzens, als er die junge Frau vor sich betrachtete.

Sie trug keine Kleidung, dennoch sah sie aus, als hätte sie ebenfalls an einem Paintballmatch teilgenommen. Unzählige Flecke übersäten ihren nackten Körper. Der größte befand sich auf ihrem Bauch und hatte den Umfang eines Fußballs. Er versuchte, das Bild vor sich in seiner Gänze zu verstehen, als sich die einzelnen Fragmente in seinem Geist mit einem Mal zusammenfügten. Die Abdrücke von Zähnen im Fleisch und der aufgeschlitzte Bauchraum. Die herausgerissenen Gedärme neben der jungen Frau auf der Matratze. Der überdrehte Kopf und die ausdruckslosen, fast schwarzen Augen. Und das Gesicht. Oder das, was einmal ein Gesicht gewesen war. Das getrocknete Blut färbte ihren Hals bis hinab zu ihren Brüsten tiefschwarz. Noch nie hatte er einen herausgerissenen Unterkiefer gesehen. Doch da lag er. Unter dem riesigen Loch unterhalb der Nase der Frau, mitten auf ihrer Brust.

Kapitel 4

Marc Davids lehnte an der Fahrertür seines alten Opel D Kadett und schloss die Augen. Er hatte seinen Wagen ein Stück entfernt vom abgesperrten Einsatzbereich hinter einem großen Sattelauflieger geparkt und musste seine Gedanken sortieren. Als er das letzte Mal auf die Uhr gesehen hatte, war es fünf Uhr in der Frühe gewesen. Er wischte mit dem Handballen über einen Fleck auf dem Wagendach.

»Marc, verdammt, wie oft müssen wir das noch diskutieren? Ihre Scheißkarre ist kein Dienstfahrzeug, versicherungstechnisch eine Vollkatastrophe und außerdem uralt«, hallte die Stimme des Leiters der Abteilung Zentrale Dienste, die für das Fuhrparkmanagement verantwortlich war, in seinem Kopf wider. »Außerdem ist sie hässlich. Es ist mir völlig schleierhaft, warum Sie seit Jahren damit fahren. Was haben Sie gegen den Polizeipräsidenten in der Hand? Ernsthaft, kein anderer Beamter fährt seinen eigenen Wagen. Das ist verboten. Hören Sie? Verboten. Wir werden einen Weg finden, Ihnen einen Dienstwagen zur Verfügung zu stellen, nur entfernen Sie dieses rote Ding von den Einsatzorten. Haben wir uns verstanden?«

Die Antwort auf diese Frage war offensichtlich. Marc versuchte sich daran zu erinnern, wie oft er diese Diskussion geführt, oder besser, ausgesessen hatte. Er hatte aufgehört zu zählen. Der Wagen war großartig. Was hatten sie nur alle? Er rieb sich die feine Schmutzschicht von den Händen.

Mittlerweile drangen die Strahlen der aufgehenden Sonne durch die Lücken zwischen den Hafengebäuden. Wo der Asphalt nicht von den langen Schatten der Hallen und Büros verdeckt wurde, glänzte er wie ein mit unzähligen Edelsteinen besetzter goldgrauer Schleier. Der Schein der friedlichen Atmosphäre konnte nicht trügerischer sein.

Marc war nie ein Morgenmensch gewesen. Trotzdem begann sein Tag meistens kurz nach dem Morgengrauen. Obwohl er als Leiter der AS9, der Abteilung für Sonderermittlungen der Polizei Frankfurt, nicht zwangsläufig als Erstes im Büro sein musste, hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, wenigstens nicht der Letzte zu sein.

Als er den Entschluss gefasst hatte, konnte er nicht ahnen, dass seine Kollegen allesamt ausgesprochene Frühaufsteher waren. Besonders Zoé Martin, seine Partnerin und nach ihm ranghöchste Kommissarin der Abteilung, liebte die Ruhe des frühen Morgens. In all den Jahren hatte er es genau dreimal geschafft, vor ihr im Büro zu erscheinen. Zweimal hatte er die Nacht aufgrund umfassender Ermittlungen direkt im Präsidium verbracht, das andere Mal lag Zoé mit einer Grippe im Bett und hatte sich krankschreiben lassen. Die Umstände waren diskutabel, dennoch verbuchte er diese drei Male auf der Habenseite.

Er öffnete die Augen und wandte das Gesicht zur Morgensonne. Sofort spürte er die Wärme der Sonnenstrahlen auf der Haut. Als er sich auf den Weg zum Fundort machen wollte, fiel sein Blick auf das verzerrte Spielbild, das ihn aus den gläsernen Flügeltüren eines flachen Bürobaus anstarrte. Automatisch trat Marc einen Schritt darauf zu. Selbst in der schlechten Reflektion der Glasscheibe konnte er erkennen, dass er nicht mehr ganz so übermüdet aussah wie in den letzten Monaten.

Leider bedeutete das nicht, dass seine Angst- und Panikattacken, die ihn seit über anderthalb Jahren mit zunehmender Vehemenz heimsuchten, nachgelassen hatten, sondern nur, dass er eine Art, nun ja, Notausgang für sich entdeckt hatte. Auch wenn der ganz sicher keiner war, zu dem ihm Ärzte raten würden. Doch die mussten nicht regelmäßig aus Körperteilen Personen, Schicksale und ausgelöschte Leben rekonstruieren. Was wussten sie also schon? Er richtete den Kragen des Hemds über der dunkelgrünen Cargohose. Er schwitzte bereits unter der Lederjacke, legte sie aber nicht zurück in den Wagen. Er strich sich über den ordentlich getrimmten Dreitagebart und fuhr mit den Fingern durch die dichten braunen Haare, die an den Schläfen bereits grau schimmerten. Zumindest waren die Haare mittlerweile wieder dunkler als seine Augenringe. Das verbuchte er ebenfalls als Erfolg.

Der Komplex aus alten Lagerhallen und verfallenen Bürogebäuden war deutlich größer, als er sich ihn vorgestellt hatte. Er war nicht oft im Hafengebiet gewesen. Um ehrlich zu sein, hatte er bisher nicht einmal darüber nachgedacht, wie groß das Areal überhaupt war. Der Fundort lag im Osthafen 2, einem Gebiet im Frankfurter Ostend, das über zwei Hafenbecken verfügte, die unmittelbar in den Main mündeten und, soviel er auf der Fahrt hierher gesehen hatte, eine Vielzahl von Logistik-, Distributions- und Entsorgungsunternehmen beheimatete.

Lagerhallen wechselten sich mit Bürogebäuden und Lkw-Fuhrparks ab, die ihrerseits von Verladekränen, Silos und Containern eingerahmt wurden. Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Das Gefühl maritimen Flairs oder der salzige Geschmack der großen, weiten Welt ließen sich hier in jedem Fall nicht finden. Stattdessen umgab sogar den Hafen die besondere Atmosphäre Frankfurts. Anzugträger und Schichtarbeiter, Business und Bettler, Glasfronten und Ruinen. Über jeder verlorenen Seele ragte die Skyline. Und jeder Prestigebau war umgeben von verlorenen Seelen. Egal ob du nach Chanel oder Pisse riechst, die Stadt hat einen Platz für dich. Und den konnte man Menschen nicht immer so einfach zuordnen, wie man glaubte. Das wusste er nur zu gut.

In der Zufahrt des Fabrikgeländes parkten zwei Streifenwagen, deren Besatzung unaufgeregt hinter rotem Flatterband Stellung bezogen hatte. Nachdem er sich ausgewiesen hatte, erklärten sie ihm den schnellsten Weg zum Fundort der Toten. Je näher er kam, desto geschäftiger wurde das allgemeine Treiben. Neben den Kollegen der Tatortsicherung, die bereits vor dem Treppenaufgang zum zweiten Hallengeschoss mit dem Sichern von Spuren begonnen hatten, durchsuchten mehrere Teams das unübersichtliche Gelände. Besonders die Vielzahl an ausrangierten Frachtcontainern erschwerte die Arbeit immens.

Die Zeltaufbauten der Spurensicherung, unter denen sie normalerweise neben allerlei technischem Gerät und der überlebenswichtigen Kaffeemaschine auch die Kartons mit der Schutzkleidung unterstellten, waren nicht zu sehen. Irritiert suchte er die Umgebung ab. Ein junger Beamter, dem man nach wenigen Schritten anmerkte, dass er sich bisher nicht besonders oft in einen der weißen Schutzanzüge hatte zwängen müssen, trat aus einem nahe gelegenen grünen Container. Die abblätternde Farbe in Kombination mit den großflächigen Rostflecken sorgten für eine militärische Optik, die einzig von den unzähligen Gänseblümchen gestört wurde, die sich zwischen Containerboden und der staubigen Schotterpiste durch die trockene Erde gekämpft hatten. Der Mann nickte Marc freundlich zu, als er an ihm vorüberging und sich auf den Weg ins Treppenhaus machte.

»Ziehen Sie besser die Kapuze unter dem Kragen hervor, und setzen Sie sie korrekt auf. Spätestens wenn Sie sich so dem Fundort oben nähern, fangen Sie sich eine Rüge ein.«