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Kalina ist ein künstlich erschaffenes Halbwesen, das in eine wohlhabende Familie hineingeboren wurde. Ihre Eltern Royce und Esteban haben alles für die Zukunft ihrer Tochter vorausgeplant, sogar ihre Hochzeit samt Bräutigam. Kalina hasst ihr Leben im goldenen Käfig und wünscht sich nichts mehr, als diesem entfliehen zu können. Eines Abends lernt sie auf einem Maskenball den mysteriösen Uri kennen. Er ist frei, unabhängig, und ein Nomade. Sein wurzelloses Dasein zieht das Mädchen an und Kalinas Freunde versuchen, ihr das Leben mit Uri zu ermöglichen. Doch bevor das frisch verliebte Paar ihren Weg gehen kann, kommen Kalinas Eltern dahinter und entlarven Uris Geheimnis. Kalina ist hin und her gerissen zwischen der Liebe zu Uri und den Enthüllungen ihrer Väter. Mit wem findet sie ihr Glück? War Uris Liebe echt? Die Zeit zwingt sie zu einem Urteil, das sie unmöglich fällen kann. Und doch muss sie sich entscheiden– nur für wen?
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Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Impressum:
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Veröffentlicht von Danae Michaelis
30.03.2025
2. Auflage
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2024 Danae Michaelis
Texte: © Copyright by Danae Michaelis
Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Coverdesign: TomJay-bookcover4everyone/www.tomjay.de
Lektorat/Korrektorat: Feder und Flamme Lektorat
Coverdesign: TomJay-bookcover4everyone/www.tomjay.de
Bildnachweis: Lilie (©Istock-Biljana Cvetanov) Ranke (©Istock Luplupme) ©fxquadro / Depositphotos.com, ©Lemon Seed / Depositphotos.com, ©yuliang11 / Depositphotos.com
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Never say
always
and
forever
Des Schicksals Begegnung
Danae Michaelis
Danksagung
Als Erstes danke ich meiner Mutter.
Dafür, dass sie sich jedes Mal wieder mit einer riesigen Geduld all meine Ideen anhört. Sich dann meine unfertigen Manuskripte durchliest und durch meinen Gedankenwirrwarr kämpft, bis es eine fertige Geschichte ergibt.
Dann danke ich allen, die mich von Anfang bis Ende bei der Fertigstellung unterstützen. Dazu gehören meine Lektorin/Korrektorin und Klappentextgestalterin, sowie meine Zweitkorrektorin, mein Coverdesigner und natürlich alle Blogger und Leser, die mich immer supporten!
Ohne euch wäre ich niemals so weit gekommen!
„Etwas
Einzigartiges.“
Prolog
Kaum ein Mensch kann sich an den Tag erinnern, als Forscher es das erste Mal geschafft hatten, eine männliche Stammzelle in eine weibliche umzuwandeln.
Wer kann es ihnen verübeln?
Der gängige Sterbliche hat kaum etwas mit der Wissenschaft zu tun. Es interessiert ihn nicht, bis zu dem Moment, wenn er etwas Neues in den Nachrichten erfährt. Dann wird eifrig über dieses Thema diskutiert.
Ist so was wirklich möglich?
Wird dieser Schritt die Zukunft verändern?
Ist es moralisch richtig, was da gerade passiert?
Zu schnell vergeht jedoch die Zeit, und ehe man sich versieht, sind andere Themen wieder relevant. Nur die wenigsten begeistert die Materie Forschung.
Dabei ist es so interessant.
Oft liegt es daran, dass die Bevölkerung sich nicht weiter mit der Wissenschaft befasst, weil sie sich darüber im Klaren ist, dass sie nie mit der neusten Erfindung zu tun haben wird.
Dies ist zum Beispiel so, wenn es um ein neu gefundenes Medikament gegen Krebs geht. Die Menschen klammern sich an die Hoffnung, dass es ihnen helfen wird, doch dies wird niemals geschehen, dass weiß jeder. Denn oft ist es so, dass neue Forschungsergebnisse nicht für die Menschheit zugelassen werden. Wäre es nämlich so, dass Krebs oder andere Erkrankungen heilbar sind, könnte man kein Geld mehr an den Kranken und Sterbenden verdienen.
Ein Gedanke, den viele Menschen hegen und vollkommen richtig mit ihm liegen.
Ich weiß durch meine Väter, dass es einige Lösungen für Erkrankungen gibt, die kaum jemand kennt. Sobald ein Forscher solch einen Weg in der Vergangenheit gefunden hatte, wurde das neue Mittel für die Menschheit unzugänglich gemacht. Allerhöchstens die Reichen und all diejenigen, die als hohe Tiere eingestuft werden, dürfen diese Medikamente nutzen.
Aber der null-acht-fünfzehn Sterbliche?
Nein, er dient dazu, eine lange Zeit krank zu sein und dem jeweiligen Staat weiter Geld in die Tasche zu stecken.
Die medizinische Forschung ist ein teurer Zweig, sehr interessant, aber auch voll tiefer Geheimnisse. Es gibt aber eine Abteilung, die noch weitaus interessanter ist und sich mit der Ergründung von menschlichen Genen und der Erschaffung von Lebewesen befasst.
*
Meine Väter, Esteban Montoya und Royce Tahar, sind in diesem Bereich seit ewigen Jahren bekannt (im wahrsten Sinne des Wortes) und haben sich ein Imperium aufgebaut, bei dem so mancher Neureicher blass wird vor Neid.
Sie leben in einer Welt, in der die Perfektion über alles herrscht. Nichtsdestoweniger blieb ihnen eine Sache in all ihren erreichten Zielen immer unerfüllt. Der Wunsch nach einem Kind.
Als meine Väter es vor Jahren in Japan das erste Mal schafften, männliche in weibliche Stammzellen umzuwandeln, waren sie hellauf begeistert von ihrem Erfolg.
Esteban, Royce und einem Team aus korrupten Wissenschaftlern gelang es, die Gene einer Maus so zu bearbeiten, dass der Nachwuchs (erschaffen durch die Gene zweier männlicher Mäuse) auch nach der Geburt lebensfähig blieb.
Die Tiere wuchsen und gediehen, und als sie die Anfangsphasen überlebten, bei der die anderen Versuchstiere gestorben waren, da wussten meine Väter, es war so weit.
Sie experimentierten weiter und acht Jahre nach dem gelungenen Experiment wollten sie es wagen, einen Menschen aus umgewandelten Stammzellen zu erschaffen. Wohlgemerkt aus den Zellen sowohl von Royce als auch Esteban selbst. Sie und ihr Team fackelten nicht lange.
*
Die Samenzellen von Royce Tahar wurden umgewandelt.
Es dauerte erneut eine ganze Weile. Viele Misserfolge pflasterten ihren Weg, bis sie endlich erfolgreich waren. Erneut wurden mehrere künstlich hergestellte Eizellen von Royce mit den Stammzellen von Esteban Montoya befruchtet und abermals schafften es die meisten nicht. Aber diesmal blieb eine erhalten.
Eine Eizelle aus Test-Retorte K begann, sich zu teilen und konnte erfolgreich in einen weiblichen Wirt eingepflanzt werden. Und dann?
Na ja, neun Monate später kam ich auf die Welt. Ich wurde in eine angesehene Familie geboren. Ihren Namen kannte jeder auf diesem Planeten, egal ob bei den Sterblichen oder nicht.
Ja, ihr lest richtig allen voran bei den Unsterblichen. Denn meine Väter sind Vampire. Sie schafften es nach vielen Versuchen, dass ich, wie andere Halbvampirkinder, halb sterblich und halb unsterblich wurde.
Wie sie das schafften?
Sie haben es mir dutzende Male versucht zu erklären, aber ich muss zugeben, ich bin nicht so ein Genforschungsfreak wie meine Väter.
Tatsache ist allerdings: Ich existiere und habe zwei unsterbliche, männliche Elternteile.
Die Namen meiner Schöpfer sind allen Vampiren bekannt. Selbst in der sterblichen Politik und Medizin kennt man sie und in diesen mächtigen Titel wurde ich hineingeboren. Mit Verpflichtungen, Regeln und jeder Menge Augen, die darauf achten, ob ich mir einen Fehltritt erlaube.
Es ist nicht immer einfach, das möchte ich nicht abstreiten. Denn ich konnte mein vorbestimmtes Leben noch nie leiden. Die vornehme Gesellschaft, die Regeln, welche einen einengen.
All die Leute um einen herum, die prüfend darauf achteten, wie man sich bewegte oder sprach. Tagtäglich die gleichen geistlosen, langweiligen Gespräche des unsterblichen Adels. Feine Kleider tragen, Bällen und Veranstaltungen beiwohnen mit langweiliger, altmodischer Musik. Dies alles bestimmte meinen Alltag. Von dem Moment an, als ich auf die Welt kam.
Sicher, ich liebe meine Väter und sie wollten immer nur das Beste für mich. Aber ich sah nicht das Beste in ihrer Perfektion, den Sitten und Gebräuchen und den eng zugeknöpften Kontakten.
Im Gegenteil, ich sehnte mich nach Freiheit, Unabhängigkeit und endlich ein Leben zu führen, das nicht bis auf jedes kleinste Atom in mir (wortwörtlich) vorherbestimmt wurde. Dieser Wunsch nach Freiheit wuchs an jenem Abend noch mehr in mir an.
Der Tag, an dem ich ihn traf.
Mein Name ist Kalina und dies ist meine Geschichte von Verantwortung, Vernunft, Regeln und der Entscheidung zu sich selbst stehen, oder das tun, was andere für richtig halten.
„Das Lächeln
hinter
der Maske.“
Maskenball
Ein Ball.
Ich kann nicht sagen, der wievielte es in meinem kurzen Leben schon war. Es müssen hunderte … tausende gewesen sein. Von einer Gala, einer Veranstaltung, einem Fest, wurde ich zum anderen geschleppt. Mein Leben bestand aus Regeln, Sitten und Gebräuchen. Einfach alles war vom ersten Tag meiner Existenz an geplant. Egal was.
Ja, sogar mein Geschlecht und wie ich aussehen würde, all das stand von vorneherein fest. Meine Haar- und Augenfarbe waren bestimmt worden, bevor ich überhaupt lebte. Nichts hatte man dem Schicksal überlassen. Rein gar nichts.
Ich sollte perfekt werden, um in das makellose Leben meiner Väter zu passen.
Ein wunderschönes Püppchen, das man überall mit hinnahm, damit alle es bewunderten, und gelobt werden konnte, in welch hübsche Kleidchen es gesteckt worden war. Die kreisenden Stimmen in meinem Kopf, wie schön das Püppchen heute wieder lächelte und wie ungemein charmant und attraktiv es erneut aussah, durchzogen mein Leben wie ein fetter, roter Faden der Penetranz.
Nichts an mir wurde dem Leben und der schicksalhaften Entwicklung überlassen, die jeder normale Mensch von dem Moment seiner Zeugung an machte. Aber was sollte ich sagen?
Ich war eben nicht normal.
Meine Eltern waren zwei Männer.
Reich, wohlhabend und Vampire.
Mein Vater Esteban leitete zusammen mit meinem Vater Royce ein Forschungslabor hier in Sydney. Sie hatten es gegründet, nachdem sie als Forscher genug Geld verdient hatten, um sich selbstständig zu machen. Zum Zeitpunkt der Gründung waren meine Väter schon seit unzähligen Jahren zusammen. Ein eingespieltes, unzertrennliches, stur auf Perfektion achtendes Team. Schließlich waren sie Vampire, unsterbliche Wesen. Kreaturen, die sich solch menschlichen Dingen wie Fehler oder vorgeschriebene Entwicklungen nicht annehmen durften.
Somit wurde ich aufs Genauste geplant.
Jahrelange Forschungen und zehn Jahre Experimente lagen hinter meinen Vätern, bis ich auf die Welt kam. Ihr kleines Vorzeigepüppchen.
Nun schien ihr Leben perfekt.
Aber war es das?
Und vor allem … war ich das?
*
Mit gelangweilten grünen Augen sah ich mich im Ballsaal um.
An den Rändern meiner Sicht konnte ich deutlich die Umrisse meiner Halbmaske erkennen. Sie störte mich und drückte gegen meine Wangen, allerdings musste ich sie tragen. So wie jeder Vampir in diesem Raum. Meine Väter arbeiteten sehr viel, aber der alljährliche Maskenball in dieser Metropole musste stattfinden, denn er diente dazu, dass meine Väter angeben konnten, wie reich sie waren.
Ich sah zu meinen Eltern rüber. Sie hatten sich schon dem ersten Gast gewidmet und in ein Spinnennetz aus Endlosgesprächen gefangen.
Ich blickte auf Royce, dessen charismatisches Lachen durch den sich langsam, aber stetig füllenden Saal hallte. Royce war ein begnadeter Forscher, groß gewachsen und gutaussehend.
Sowohl jede Frau als auch jeder homosexuelle Mann verlor sich in seinen strahlend grünen Augen, die aus seiner dunklen Haut herauszuschimmern schienen. Sein mittellanges, schwarzes Haar war immer galant nach hinten gekämmt. Heute trug er einen schicken, bordeauxfarbenen Anzug, natürlich modern und teuer. Gut gelaunt stand er neben meinem anderen Vater, Esteban.
Etwa einen Kopf kleiner, stand er neben Royce und schmunzelte über einen blöden Witz des Gastes, mit dem sie gerade sprachen. Seine olivfarbene Haut war ein starker Kontrast zum beigen Anzug, den er trug. Mit tiefbraunen Augen sah er zu mir, und als sie weiter gingen, hüpften seine goldblonden Locken bei jedem Schritt auf und ab. Selbst die Bewegungen seiner Haare schienen perfekt. Die makellosen Gesichter meiner Väter wurden zur Hälfte von bunten, glitzernden Masken verdeckt. Natürlich wusste ich, wie sie darunter aussahen, schließlich musste ich jeden Tag in diese Gesichter schauen.
Ich seufzte leise und ging zu meinen Vätern, als Royce mich mit einem Winken zu ihnen rief.
Tief im Innern herrschte der unterdrückte Drang in mir, zu schreien und zu fluchen. Das Bedürfnis, das dämliche Rüschenkleid von meinem Körper zu reißen, diese doofen, piekfeinen Schühchen auszuziehen (Royce hatte sie extra für mich anfertigen lassen) und durch den Saal zu schmeißen, wuchs mit jeder Sekunde mehr und mehr in mir an. Ich wollte nicht mehr brav lächeln. Ich wollte diese dämliche Maske, welche die Hälfte meines Gesichtes abschnürte, am liebsten anzünden. Zusammen mit diesem unbequemen Kleid. Alles in mir rebellierte, aber äußerlich blieb ich ruhig. Ich behielt die Kontenance und lächelte lieblich.
»Darling, komm hierher«, ertönte die tiefe, melodische Stimme von Royce. Ich trat neben ihn.
»Ja?«, kam es brav von mir und ich legte dabei den Kopf leicht schief. Etwas, wovon alle immer hin und weg waren, denn ich sähe in dem Moment so unfassbar niedlich aus. Schrecklich, wenn ihr mich fragt, denn wer wollte mit sechzehn schon niedlich aussehen?
»Schätzchen, erinnerst du dich noch an Thomas Jackson?«, fragte Vater Royce mich und deutete auf einen attraktiven Mann vor uns. Er trug eine grüne, schimmernde Halbmaske. Sein Körper war in einen beigen Anzug gehüllt und ich erkannte, dass der Stoff seidig war.
Natürlich erinnerte ich mich an Thomas Jackson. Er war der wohl bekannteste Anwalt in der Vampirwelt, und wenn ich eins musste, dann war es alle wichtigen Namen von hohen Tieren auswendig lernen. Egal ob in der Welt der Menschen oder Schattenwesen. Ich kannte alle Anführer der Vampire, Gestaltwandler, Meermenschen, normalen Menschen und so weiter. Somit nickte ich und deutete einen Knicks an.
»Natürlich erinnere ich mich. Es ist mir eine Ehre, Sie wiederzusehen, Mr. Jackson«, sagte ich freundlich und spürte den Blick von Esteban im Nacken, der darauf achtete, dass ich nichts falsch machte.
Ob ich aufs Titelblatt der Zeitung kommen würde, wenn ich Mr. Jackson hier und jetzt meinen Orangensaft ins Gesicht schütten würde?
Sicher, der Gedanke war unfair, das wusste ich. Thomas Jackson konnte nichts für meine Gefangenschaft, wie ich sie immer nannte, aber der Drang, auszuflippen und dem Vogelkäfig zu entfliehen, wurde mit jedem Tag stärker.
Thomas erwiderte mein Lächeln. Er nahm kurz meine Hand und hauchte einen kaum spürbaren Kuss auf meinen Handrücken. Ganz der vornehme Herr eben.
»Seit unserer letzten Begegnung sind Sie ein ganzes Stück gewachsen und noch schöner geworden, Miss Montoya-Tahar«, sprach er freundlich aus, was ich nur mit einem erneuten Lächeln und einem »Dankeschön«quittierte.
Offenbar spürte Thomas, dass ich nicht wirklich gesprächig war.
»Meine Enkelin Alice und ihr Partner Light sind heute ebenfalls hier. Sie waren nur wenig älter, als Sie es jetzt sind, als sie verwandelt wurden. Vielleicht trefft ihr euch später. Es macht sicher mehr Spaß, mit Gleichaltrigen zu reden als mit uns alten Hasen«, scherzte er freundlich.
Ich runzelte die Stirn und blickte durch die Menge. Tatsächlich sah ich die beiden ganz in der Nähe an einem Tisch stehen. Sie beobachteten uns. Ich hatte Alice und Light schon einmal getroffen, da war ich elf.
Damals wie heute empfand ich nicht den Drang, mich mit ihnen zu unterhalten.
»Ja, vielleicht«, sagte ich nichtsdestotrotz freundlich und trat neben Esteban, welcher eine Hand an meine Schulter legte und sich dann mit Thomas und Royce in einem Gespräch verlor.
*
Geschlagene zwanzig Minuten stand ich dort und hörte mir das geschäftliche Gefasel der Erwachsenen an, als eine altbekannte Stimme mich aus meinen Gedanken, ob ich es schaffen würde, mich im Wein zu ersäufen, befreite.
»Du siehst gelangweilt aus«, drang die wunderschöne Stimme an mein Ohr. Kaum, dass ich sie erkannte, wirbelte ich herum und meine Augen erblickten ihn ...
Joshua.
Ich begann, zu strahlen, und mit drei großen Schritten war ich bei dem Jungen, sprang in seine Arme und schlang die meinen um seinen Hals. Das warme Lachen Joshuas drang an mein Ohr, während er sich einmal um sich selbst drehte, mit mir im Arm.
»Ich freue mich auch, dich zu sehen, Kleine«, sagte er amüsiert und setzte mich wieder ab. Kurz strich Joshua mit der Hand über meine Wange, ehe er sich meinen Vätern zuwandte.
»Guten Abend, Mr. Tahar und Mr. Montoya«, begrüßte er erst Royce und dann Esteban. Seine blauen Augen strahlten durch eine schwarze, paillettenbestückte Maske zu meinen Eltern rüber.
»Guten Abend, Joshua«, sagte Esteban und nahm die Hand des Jungen entgegen.
»Bist du etwa allein hier?«, wollte Royce überrascht wissen und Joshua schüttelte lachend den Kopf, sodass seine dunkelbraunen Locken hin und her hüpften.
»Nein, nein. Mutter und Vater sprechen nur gerade mit Aleron Lancaster. Sie werden sicher gleich zu uns stoßen«, teilte er mit. Ich schaute über die Leute, die schon anwesend waren und fand, wen ich suchte. Joshuas Eltern standen bei einem attraktiven Vampirmann. Verwandelt in den Zwanzigern und Leiter des indischen Hauptzirkels. Natürlich hatte ich schon von Aleron Lancaster gehört. Wer hatte das nicht?
Die tragische Geschichte um ihn und seine Partnerin kannte jeder in der Vampirwelt.
Meine Augen blieben an einem jungen Mann direkt neben Mr. Lancaster hängen. Er sah dem Zirkelleiter unbeschreiblich ähnlich. Es war Eric, Aleron Lancasters Sohn. Er war groß und attraktiv, wie sein Vater. Eric und seine Geschwister waren ebenso ohne eine Mutter aufgewachsen wie ich.
Wie es seinen Schwestern wohl geht?, fragte ich mich und kaute nachdenklich auf meiner Lippe. Eric bemerkte, dass ich ihn beobachtete. Er wandte den Kopf zu mir, hob grüßend eine Hand und lächelte, was ich nur halbherzig erwiderte.
Dann widmete ich mich wieder meinen Vätern und Joshua. Ich versuchte, die Geschichte rund um Aleron und seiner Partnerin zu verdrängen.
Denn diese war nicht gerade die Liebesgeschichte, die man sich selbst erhoffte.
Meine Väter unterhielten sich kurz mit Joshua, ehe sie ihm vorschlugen, mich zum üppigen Buffet zu begleiten, damit ich etwas essen konnte.
Dies ließ er sich nicht zweimal sagen. Er bot mir seinen Arm, ich hakte mich ein und zusammen gingen wir durch die immer größer werdende Menge.
*
»Es gefällt dir nicht, hier zu sein, habe ich recht?«, fragte er und ich bemerkte, wie seine blauen Augen mich von der Seite her musterten.
Sofort schlich sich ein leichter Rotschimmer auf meine Wangen. Joshua kannte mich zu gut. Er wusste über meine innigsten Gedanken Bescheid. Über all meine Wünsche, Sehnsüchte, was mir durch den Kopf ging oder wie mein Empfinden war.
Kein Wunder, wenn man bedachte, dass er mich kannte, seitdem ich in diese Welt getreten war.
Joshua war, so wie alles in meinem Leben, perfekt in meinen Lebenslauf hineingeplant worden. Kaum dass man festgelegt hatte, dass ich geboren werden sollte und, dass meine Väter mich planten, ein Mädchen, eine kleine Tochter, wurde auch schon mein Ehemann bestimmt.
Dies war Joshua.
Als er gefragt wurde, ob er mich heiraten würde, wenn ich erwachsen wäre, willigte er seinen Eltern zuliebe ein, obwohl er mich noch nicht einmal kannte. Dies geschah bereits Monate vor meiner Geburt. Von der Sekunde an, als ich das Licht der Welt erblickte, war Joshua nicht mehr von meiner Seite wegzudenken. Er wurde alles für mich. Ein Bruder, ein Lehrer, ein Beschützer und für die Welt des unsterblichen Adels war er mein Verlobter.
Je älter ich wurde, umso mehr bemerkte Joshua, dass ich mit diesem Leben nicht zufrieden war. Er war derjenige, der mich davon abhielt, komplett zu rebellieren. Denn eine Party mit Alkohol, lauter Musik und wild feiern würde ich immer solch einem langweiligen Ball wie diesem hier vorziehen, das wusste er. Aus dem Grund bemerkte Josh sofort, wie mir dieser Abend hier missfiel.
*
Langsam wandte ich mich meinem Verlobten zu.
Einem wunderschönen, perfekten Jungen, mit dem ich noch perfektere Enkel zeugen sollte.
Und wenn es auf natürlichem Weg nicht klappen sollte, na ja, wir wissen alle, wo ich herkam.
Im Augenwinkel bemerkte ich, wie die anderen Gäste immer wieder zu uns sahen. Der bildhübsche Junge und seine wunderschöne Verlobte. Das Traumpaar bei jeder Veranstaltung. Es kostete mich alles an Mühe, nicht mit den Augen zu rollen. Sie wollten sehen, wie wir etwas Skandalöses taten.
Vielleicht eine kleine Szene, ein Streit?
Oder wie einer von uns in ein Fettnäpfchen trat.
Sie wollten etwas vor die Augen bekommen, was unser perfektes Leben nicht mehr vollkommen wirken ließ. Etwas, worüber sie sich ihre reichen Mäuler zerreißen konnten, aber dies würde nicht passieren. Josh war genauso dazu gedrillt, auf alles zu achten, wie ich.
»Ich hasse es hier«, gab ich flüsternd zu und ließ ein Seufzen erklingen. Joshua zog mich enger an sich und legte den Arm um meine Hüfte. Sofort kitzelte sein teures Aftershave sanft in meiner Nase.
Kaum, dass er mir so nahe war, begannen einige Mädchen und Damen im Umkreis, angeregt zu flüstern und zu kichern. Sie alle wünschten sich, in den Armen von Joshua zu sein und so an ihn gedrückt zu werden.
Josh zwinkerte den Ladys kurz zu, was diese fast ihn Ohnmacht fallen ließ, als Vampire wohlgemerkt, dann wandte er sich wieder mir zu. Er wusste genau, wie charmant er auf andere wirkte. Verübeln konnte ich es ihm nicht.
»Das habe ich mir gedacht, meine Kleine. Aber du weißt auch, wie wichtig all das für deine Väter ist. Halte noch ein wenig durch. Wenn die Zeremonie vorbei ist, gehen wir rüber, dann wird es lustiger, versprochen«, versuchte er, mir gut zuzureden und pflanzte einen Kuss auf meine Stirn. Ehe er sich dem Büfett zuwandte, mir einen Teller reichte und ein paar Speisen darauflegte.
*
Missgelaunt ließ ich Joshua machen.
Ich wusste, er meinte es gut und natürlich hatte er recht. Dieser Ball einmal im Jahr war meinen Vätern wichtig und teuer organisiert. Es lief immer so ab, dass die meisten reichen Vampire hierher eingeladen wurden. Erst begrüßten sich alle, und irgendwann würden die Anwesenden zu feiern beginnen.
Ein Maskenball, wunderschön, oder?
Ja, das denkt ihr jetzt noch.
Am Anfang war er wahrlich wunderschön, wenn man es von außen betrachtete. Die Gäste redeten, lachten und tanzten miteinander. Sie aßen und tranken. Die meisten Getränke wurden mit Blut gemischt, um sie auf den großen Showdown geschmacklich einzustimmen. Nach einer Hauptzeremonie würde aus dem pompösen Maskenball jedoch etwas anderes werden. Was genau?
Das werdet ihr noch früh genug erfahren.
Jedenfalls, sobald die Hauptshow endete, würden die meisten Vampire zu geschäftlichen Gesprächen übergehen. Dies bedeutete für uns Jüngere Party machen! Ein Saal direkt neben dem Ballsaal war für diese Feier vorgesehen. Diese Treffen waren das Einzige, worauf ich mich immer freute. Feiern, eskalieren und endlich kein Püppchen mehr sein.
*
Aus dem Grund stimmten Joshuas Worte mich ein wenig milder.
»Ich freue mich schon darauf«, gab ich ehrlich zu und mein Verlobter sah mich kurz mit einem breiten Grinsen an.
»Ich glaube, wenn deine Väter wüssten, wie du wirklich tickst, sie wären schockiert«, murmelte er, sodass wirklich nur ich es hören konnte. Schließlich wollten wir keine schlechten Geschichten von uns in die Welt der Vampire setzen.
Ich hob ebenso grinsend eine Augenbraue.
»Stille Wasser sind tief sagen die Menschen doch, oder? Es gibt mich eben in zwei Variationen. Die, für die mich alle halten, mit dem Leben, in das ich hineingeboren wurde, und meine Seite, wie ich gerne wäre.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
Josh zuckte mit den Schultern.
»Lass dich nur nicht erwischen, du weißt, dass es sonst Ärger gibt«, mahnte er mich und machte sich selbst einen Teller fertig. Ich rollte mit den Augen. Joshua tat so brav, dabei war er selbst das genaue Gegenteil von dem, was er anderen andauernd vorspielte. Dies wollte ich gerade bissig erwidern, als ich etwas spürte. Ich hob den Kopf und ließ meine Augen über die Menge huschen, denn ich bemerkte, wie mich jemand beobachtete. So was war ich gewohnt, dennoch fühlte es sich diesmal anders an. Zu meiner Verwunderung bemerkte ich, dass uns ausnahmsweise keiner anstarrte.Du wirst schon paranoid von all den Bällen und dem Starren, Lina, mahnte ich mich selbst.
Gerade, als ich mich wieder meinem Verlobten zudrehte, erblickte ich ihn. Eine Person stand in der Menge, etwas abseits an der Wand. Der junge Mann trug eine Maske wie alle anderen hier. Diese war lila und hatte bunte Federn an den Seiten. Die stechend braunen Augen des Fremden schauten zu mir herüber.
Ganz im Gegensatz zu all den vornehmen gekleideten Vampiren in diesem Saal trug er nur eine Jeans, die an den Knien Löcher hatte und voller Öl und Dreck beschmiert war. Ein schlichtes, weißes Shirt schmiegte sich an den Oberkörper des Fremden. Ich konnte Tattoos an seinen Armen und am Hals erkennen.
Sofort zog mich dieser nicht hierher passende Aufzug des Jungen in den Bann.
Wir sahen uns in die Augen.
Nicht eine Sekunde rührte sich einer von uns, als auf einmal das maskierte Gesicht von Josh sich vor meinen Blick drängte.
»Hallo?«, kam es fragend von meinem Verlobten. Ich blinzelte ein paar Mal und sah Joshua an.
»Bitte?«, nuschelte ich verwirrt.
Dieser hob eine Augenbraue.
»Ich fragte, ob wir zurückgehen sollen?«, wiederholte er.
»Ist alles okay?«, wollte er wissen.
Ich brauchte kurz, um mich zu fassen.
»Ja, alles gut, ich habe mich nur gewundert, wer das–«
Ich sah zu der Stelle, wo der mysteriöse junge Mann gestanden hatte, allerdings war er verschwunden. Schnell suchten meine Augen die Gäste ab, doch ich fand ihn in dem Gewühl nicht mehr.
»Ja?«, kam es unsicher von Josh.
Ich bemerkte, wie er mich skeptisch musterte.
Schnell zwang ich mich zu einem Lächeln.
»Ach, nichts, schon okay. Ich habe nur nachgedacht und freue mich auf später. Lass uns zurück zu unseren Eltern gehen, schließlich konnte ich deine noch nicht begrüßen«, sagte ich und schnappte Joshuas Hand. Dieser schien zu zögern, aber da er ein solch seltsames Verhalten von mir auf langweiligen Veranstaltungen gewohnt war, nickte er. Zusammen gingen wir durch die Menge zurück. Ich kam nicht umhin, mich trotzdem immer wieder umzusehen. Auf der Suche nach braunen Augen von diesem mysteriösen Jungen.
*
Zwanzig Minuten später standen Josh und ich an einem Tisch mit Light und Alice, der Enkelin von Thomas Jackson.
Sie kamen zu uns und begannen ein Gespräch, das wir aus Höflichkeit nicht ablehnen konnten.
Gerade hatten Light und Joshua sich ein wenig über Fußball unterhalten, als mir ein anderer Gedanke durch den Kopf ging.
»Warum seid ihr eigentlich hierhergekommen? Ich habe gehört, dass Mr. Jackson nicht wirklich begeistert von diesem Ball sein soll?«, fragte ich an Alice gewandt. Es war bekannt, dass Thomas Jackson die Hauptshow nicht gut fand, im Gegensatz zu den anderen Vampiren hier.
Alice sah verzwickt drein.
»Thomas muss hierherkommen. Er ist der bekannteste Anwalt in unserer Welt. Wenn jemand Großes wie deine Väter so was veranstalten, kann es dem eigenen Namen schaden, wenn man nicht auftaucht«, erklärte sie und ich verstand. Thomas Jacksons Name war in aller Munde, er musste es tun, damit er seine Klienten behielt. Egal, wie abgeneigt er war. In der Vampirwelt hieß es, fressen oder gefressen werden, und wenn die Reichen oder gar die Hauptanführer riefen, dann folgte man. Auch jemand mit größerer Moral wie Thomas Jackson.
»Verstehe«, sagte ich nachdenklich und nippte an meinem Wein, der mit Blut gemischt war.
»Und er hat euch trotzdem erlaubt, hierherzukommen?« Ich wusste aus Erfahrung, wenn meine Väter einmal nein sagten, dass ich daran nicht mehr rütteln konnte.
Light mischte sich in das Gespräch ein.
»Alices Eltern waren nicht begeistert. Da wir aber anfangen wollen, in Thomas Kanzlei zu arbeiten, fand er es wichtig, dass wir viele Vampire kennenlernen und hier kommen eben alle Hauptzirkelanführer und andere hohe Unsterbliche her. Aus dem Grund stimmten sie zu. Zudem, ich wollte dieses Highlight, von dem Thomas immer sprach, selbst sehen«, fügte er hinzu. Ich musterte Light. Er klang aufgeregt und innerlich grinsend fragte ich mich, ob er das nach der Show immer noch sein würde.
Ich lächelte brav.
»Dann hoffe ich, es wird euch gefallen«, sagte ich wissend. Joshua und ich wechselten einen amüsierten Blick. Schließlich wussten wir, was auf uns zukam. Dann wandte ich mich wieder Alice zu.
»Ich habe gehört, du hast an Amnesie gelitten und Hörgeräte getragen vor deiner Verwandlung. Es muss seltsam sein, wenn plötzlich alles anders ist, oder?« Ich weiß, es klang neugierig, aber ich konnte es mir nicht vorstellen, wie es sein sollte, wenn man erst rein menschlich war und plötzlich mit stärkeren Sinnen und anderen Fähigkeiten aufwachte.
Alice nippte an ihrem Saft.
»Ich muss zugeben, in der Anfangszeit nach unserer Verwandlung war alles ein wenig befremdlich. Es fiel mir schwer, neben dem Blutdurst zusätzlich mit all den neuen Eindrücken zurechtzukommen. Meine Neugeborenenzeit war sehr anstrengend für mich. Aber es ging, ich hatte und habe eine großartige Familie an meiner Seite sowie meinen Partner.« Alice nahm die Hand von Light und beide sahen sich verliebt an.
Sofort empfand ich Neid. Alice sah glücklich aus. Ich wettete, ihre Eltern führten sie nicht vor oder sperrten sie in einen goldenen Käfig ein und allen voran … sie durfte sich einfach verlieben.
Einen Jungen finden und Gefühle für ihn entwickeln. Frei und unabhängig, so wie das Schicksal es brachte. Nichts war geplant bei ihr.
»Ihr seht wunderschön zusammen aus.« Diese Worte waren schneller draußen, als ich darüber nachdenken konnte. Sofort fingen meine Wangen an, zu glühen.
»Verzeihung, das war unangebracht.«
Light hob eine Hand und winkte ab.
