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Exklusiv im Winter-Bundle: 3 leidenschaftliche Winterliebesromane von der malerischen Ostsee zum Vorzugspreis: Winterliebe rostet nicht | Winterzauber in deinen Augen | Winterzauber und Herzklopfküsse ... Teaser zu Buch 2: Einen Fake-Freund für Weihnachten, engagiert von den eigenen Eltern? Gibt es etwas Demütigenderes? Ja, dieser Clay ist verdammt heiß! Aber er macht nur wegen des Geldes bei diesem Deal mit. Oder?
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Buch 1: Winterzauber in deinen Augen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Epilog
Buch 2: Winterliebe rostet nicht
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Buch 3: Winterzauber und Herzklopfküsse
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Epilog – Zwei Jahre später
Impressum
Nancy Salchow
Ostseewinterküsse
Sammelband mit drei Winterliebesromanen
Einen Fake-Freund für Weihnachten, engagiert von den eigenen Eltern? Gibt es etwas Demütigenderes?
Ja, dieser Clay ist verdammt heiß! Aber er macht nur wegen des Geldes bei diesem Deal mit.
Oder?
Es ist wieder so weit: Weihnachten steht vor der Tür und somit mehrere Tage, die Marcy bei ihren Eltern verbringen wird. Dass sie wieder mal ohne männliche Begleitung beim Familienessen auftauchen wird, stört sie selbst allerdings nicht so sehr wie ihre eigenen Eltern. Denn die haben es satt, ständig das Liebesglück des Nachbarsohnes – der gleichzeitig auch Marcys Ex ist – unter die Nase gerieben zu bekommen. Also haben sie kurzerhand einen Fake-Freund für Marcy engagiert, der mit ihnen die Feiertage verbringen wird.
Als Marcy davon erfährt, ist sie fassungslos. Hin- und hergerissen zwischen Wut und Demütigung ist sie fest entschlossen, die Feiertage lieber allein als bei ihrer Familie zu verbringen. Doch sie hat die Rechnung ohne das unvorhersehbare Winterwetter gemacht – und ohne den charmanten und extrem gutaussehenden Clay, der zwar nur wegen des Geldes ihren Freund spielt, sich aber als erstaunlich hilfreich herausstellt, um es ihren Eltern heimzuzahlen.
Das können ja nur verrückte Weihnachten werden! Oder vielleicht sogar romantische?
Anmerkung:Fleesenow ist eine von der Autorin erfundene Kleinstadt an der Ostsee, die immer mal wieder in ihren Büchern vorkommt. Angesiedelt wäre Fleesenow, gäbe es den Ort wirklich, vermutlich irgendwo in der Nähe der Insel Poel oder Wismar, der Heimat der Autorin.
Marcy
____________
Es gibt ja so Dinge im Leben, von denen man schon in dem Moment, in dem man sie tut, weiß, dass sie falsch sind. Man weiß es einfach – und man macht es trotzdem.
Seinen Ex (in meinem Fall: Elliot) auf Instagram zu stalken, ist einer dieser Fehler. Natürlich bin ich nicht so dumm, offiziell seine Followerin zu sein, aber es hindert mich trotzdem nicht daran, mindestens einmal am Tag vorbeizuschauen, ob er neue Fotos gepostet hat. Und das trifft meistens zu.
Deshalb weiß ich auch, dass er gerade mal wieder einen seiner ach so lustigen Familienausflüge ins Kinderparadies gemacht hat. Zusammen mit seiner ach so wunderschönen Ehefrau und den zwei bezaubernden Kindern, deren Gesichter er natürlich nicht auf Instagram präsentiert. Dass sie bezaubernd sind, weiß ich trotzdem, weil er – so wollte es wohl das Schicksal – nicht nur mein Ex, sondern auch der Sohn der direkten Nachbarn meiner Eltern ist. So haben wir uns nämlich damals kennen- und lieben gelernt.
Sechs Jahre waren wir zusammen. Sechs Jahre, in denen er nicht einmal auf die Idee kam, mir einen Heiratsantrag zu machen oder überhaupt so etwas Ähnliches wie Zukunftspläne mit mir zu schmieden.
Mit der Frau, Betty, gegen die er mich dann eines Tages ohne Vorwarnung ausgetauscht hat, schmiedete er hingegen umso leidenschaftlichere Zukunftspläne. Nicht mal ein Jahr später waren sie verheiratet, wenig später kamen die Zwillinge zur Welt. Das Traumhaus am Strand durfte natürlich auch nicht fehlen. Dort wohnt die perfekte Bilderbuchfamilie inzwischen, im selben Ort wie seine und meine Eltern.
Ich selbst bin mittlerweile in ein anderes Dorf gezogen, auch am Strand, nur nicht mehr in derselben Kleinstadt am Meer, dem idyllischen Fleesenow, in dem ich aufgewachsen bin und das ich eigentlich nie verlassen wollte. Damals wollte ich einfach nur weg. Weit weg von allem, was mich an Elliot erinnert.
Frustriert schließe ich die Instagram-App und werfe mein Handy aufs Sofa.
Warum tust du dir das nur immer wieder an? Du weißt, wie sehr es dich quält, seine Fotos zu sehen und doch machst du es jeden Tag aufs Neue.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass er die Fotos nur postet, um mich zu ärgern. Aber dann fällt mir ein, dass das ja bedeuten würde, dass ihn noch interessiert, was ich denke. Und wenn es etwas gibt, das mir inzwischen klar ist, dann die Tatsache, dass ich ihm mittlerweile völlig egal bin. Wer weiß, vielleicht war das sogar schon während unserer Beziehung so.
Ich schiebe die Hände in die tiefen Taschen meiner Jogginghose und gehe zum Fenster. Von hier aus kann ich zwar nicht das Meer sehen, so wie in Fleesenow, wo man praktisch von jedem Punkt aus auf die Ostsee blicken kann. Aber am Rande des Spielplatzes hinter dem Wohnblock, in dem ich eine Dachgeschosswohnung gemietet habe, kann ich auf die alten Eichen blicken. Durch ihre mächtigen Äste kann man mit viel Fantasie das Wasser des Meeres schimmern sehen.
Ja, auch hier in Listerow haben wir einen Strand. Und ja, auch hier ist es abgeschieden und ruhig. Und doch habe ich mich in den drei Jahren, die ich mittlerweile hier wohne, nie so heimisch gefühlt wie in meiner Heimatstadt Fleesenow.
Vor einigen Tagen hatten wir den ersten Schnee in diesem Jahr. Seitdem ist jeden Tag kontinuierlich ein bisschen Neuschnee hinzugekommen. Von meinem Fenster aus kann ich ihn auf dem Dach des Spielhäuschens und auf dem Klettergerüst sehen. Der gesamte Spielplatz liegt wie unter einem puderzuckerweißen Tuch.
Weiße Weihnachten, dieses Jahr scheint es damit wohl zu klappen. Und doch kann ich mich noch nicht so richtig auf die Feiertage freuen. Drei Tage bei meinen Eltern in Fleesenow. Dort, wo ich aufgewachsen bin. Dort, wo ich immer so glücklich war. Doch so sehr ich mich auf das leckere Essen und die Gemütlichkeit der Familienzeit freue, der Gedanke an die Nachbarn meiner Eltern wirft immer wieder Schatten auf meine Vorfreude.
Elliot!
Natürlich wird auch er dort sein, zusammen mit seiner bezaubernden kleinen Familie. Immerhin wohnen seine Eltern direkt neben meinen. Die Grundstücke sind nur durch einen flachen Holzzaun voneinander getrennt.
Ich werde sie sehen und hören können, wenn sie draußen im Schnee mit den Kindern spielen. Ich werde es mitbekommen, wenn sie fröhlich Glühwein und Kakao vor der Feuerschale trinken. Während ich noch immer frustrierter Single bin, weil ich ein lebendiger Magnet für Mistkerle zu sein scheine, werden sie ihr vollkommenes Familienglück zelebrieren. Direkt vor meiner Nase.
Und wenn ich einfach absage? Wenn ich vorgebe, krank zu sein und mich einfach über die Feiertage mit Netflix und Schokoeis ins Bett verkrieche?
In genau diesem Moment klingelt mein Handy, das ich gerade eben frustriert aufs Sofa geworfen habe. Als ich mich umdrehe, sehe ich das Wort "Mama" auf dem Display aufblinken.
Für einen flüchtigen Augenblick denke ich darüber nach, ihren Anruf zu ignorieren, aber dann wird sie sich wieder nur unnötige Sorgen machen.
„Hallo Mama“, seufze ich schließlich kurz darauf ins Telefon.
„Hey Schatz. Alles okay?“
„Ja, was soll nicht okay sein?“
„Du klingst so traurig.“
„Ach, das täuscht. Bin nur müde.“
„Aber ich dachte, du bist schon im Urlaub. Da solltest du doch ausgeschlafen sein. Immerhin ist es schon fast halb zehn.“
„Ich habe nur schlecht geschlafen, das ist alles.“
Das ist typisch für Mutter. Sie hört es mir sofort an, wenn etwas nicht stimmt. Dass meine schlechte Laune mit den bevorstehenden Feiertagen zusammenhängt, scheint sie jedoch nicht zu ahnen.
„Vielleicht sind die freien Tage eine gute Gelegenheit, noch einmal deine Jobwahl zu überdenken“, sagt sie wie aus dem Nichts.
„Jobwahl? Wieso denn das?“
„Ach, du bist immer so gestresst, Liebes. Vielleicht ist die Stelle im Büro doch nicht so gut für dich geeignet.“
„Die Einsicht käme aber ein bisschen spät, oder? Immerhin habe ich Bürokauffrau gelernt.“
„Ja, schon. Aber es gibt ja auch noch andere Arbeitgeber.“
„Und wieso sollte ich wechseln? Im Amt habe ich die perfekten Arbeitszeiten, meistens pünktlich Feierabend und außerdem ein echt gutes Gehalt.“ Ich seufze. „Ich glaube, du machst dir im Moment wieder mal unnötige Sorgen um mich und bist schon wieder dabei, Probleme zu erfinden.“
„Probleme erfinden?“, fragt sie überrascht. „Als hätte ich so etwas jemals getan.“
„Du hörst eben manchmal die Flöhe husten, Mama.“ Ich lache. „Das wissen wir doch beide.“
„Ach ja? Dass bei dir und Elliot was nicht stimmt, habe ich damals auch sofort gemerkt.“
„Boah, Mama, musst du jetzt ausgerechnet von Elliot anfangen? Das mit uns ist doch schon ewig her.“
Das Talent, ständig alte Wunden aufzureißen, beherrscht meine Mutter übrigens wie keine Zweite.
„Trotzdem“, zischt sie, „ich wusste schon Wochen vorher, dass er dich anders ansieht als früher.“
„Wie schön, dass du mich daran erinnerst.“
„Na ja“, seufzt sie, „ich fange auch deshalb davon an, weil er ja dieses Weihnachten auch wieder mit Kind und Kegel bei Anna und Julius sein wird.“
„Nicht gerade ungewöhnlich, oder? Sie sind immerhin seine Eltern.“
„Ja, ich weiß.“ Sie zögert einen Moment. „Ich finde es nur so nervtötend, dass Anna mir bei wirklich jeder Gelegenheit von Elliots ach so perfekter Familie vorschwärmt. Es wäre zur Abwechslung ganz schön, wenn ich auch mal etwas Spannenderes über meine Tochter erzählen könnte als die Tatsache, dass sie dieses Jahr einen höheren Weihnachtsbonus bekommt als sonst. Wann wird es in deinem Leben endlich mal wieder einen netten Mann geben? Vielleicht sogar einen, mit dem du eine Familie gründest?“
Typisch Mama! Ständig denkt sie darüber nach, was andere von ihr denken und merkt dabei noch nicht einmal, wie verletzend ihre Worte mir gegenüber sind.
„Tja, Mama“, fauche ich, „tut mir echt leid, dass ich so eine Enttäuschung für dich bin und dich im Wettbewerb mit Anna schlecht aussehen lasse. Vielleicht sollte ich dieses Jahr besser nicht zu euch kommen. Du kannst Anna ja stattdessen sagen, dass ich mit einem gutaussehenden Arzt auf den Malediven bin.“
Gerade als ich wütend auflegen will, überkommt sie wohl doch noch so etwas wie ein schlechtes Gewissen.
„Ach, Kind“, ruft sie, „nun sei doch nicht gleich eingeschnappt. Ist es so schwer nachzuvollziehen, dass dein Vater und ich uns Enkel wünschen?“
„Damit ihr mit ihnen vor den Nachbarn angeben könnt? Na, schönen Dank auch.“
„Natürlich nicht. Das hast du völlig falsch verstanden, Liebes. Ich wollte doch nur sagen, dass …“
„Ich bin 27, Mama. Ich habe noch alle Zeit der Welt, um den Richtigen zu finden.“
„Ja schon, aber …“
„Ich lege jetzt auf, Mama. Dir ist ja noch nicht mal klar, warum ich so enttäuscht bin.“
Ihr Atem beschleunigt sich. Ja, sie liebt mich, das weiß ich. Und ich merke es auch in diesem Moment. Trotzdem bin ich wieder mal restlos enttäuscht darüber, wo ihre Prioritäten liegen.
„Marcy“, fleht sie. „Du hast ja recht. So wie ich das eben rübergebracht habe, war nicht sehr geschickt. Tut mir leid.“
„Das Schlimme daran ist ja, dass das auch wirklich deine Gedanken sind: Was denken Anna und Julius von mir?“
„Blödsinn. Das ist nun wirklich maßlos übertrieben.“
„Wie auch immer. Ich muss jetzt eh noch ein paar Besorgungen machen. Wir sehen uns ja spätestens in drei Tagen. Es sei denn, ich lerne vorher tatsächlich noch einen Arzt kennen, der mich auf die Malediven entführt.“
„Ach, Schatz.“
Die Reue ist deutlich in ihrer Stimme zu hören.
„Grüß Papa von mir“, sage ich, dann lege ich auf, ohne eine Antwort von ihr abzuwarten.
Frustriert verlasse ich das Wohnzimmer und gehe ins Schlafzimmer, um in meinem Kleiderschrank nach öffentlichkeitstauglichen Klamotten zu suchen. Immerhin muss ich, trotz meiner lähmenden Lethargie, noch ein paar Geschenke besorgen, denn wie immer habe ich das auch in diesem Jahr bis zum Schluss aufgeschoben.
Doch anstatt die Schiebetür zu öffnen, bleibe ich einen Moment vor dem Ganzkörperspiegel stehen, der am Schrank befestigt ist und betrachte mich selbst.
Woran liegt es eigentlich, dass ich einfach nicht den Richtigen finde? Angebote und Anmach-Versuche bekomme ich eigentlich immer mal wieder, aber meist nur von Kerlen, die zu plump oder zu selbstverliebt sind. Und wenn mir tatsächlich mal einer gefällt, stellt er sich schon nach einigen Wochen als der größte Fehlgriff von allen heraus.
Ich versuche, mein eigenes Spiegelbild so neutral wie möglich zu betrachten. So unvoreingenommen, als wäre ich eine Außenstehende.
Kastanienbraune lange Locken, marineblaue Augen und eine schlanke Taille, für die ich noch nicht mal auf Süßkram verzichten muss. Die Figur habe ich offenbar von meiner Mutter geerbt.
Und doch bin ich nicht in der Lage, mich selbst als attraktiv zu bezeichnen. Vielleicht weil ich bisher noch nie den Einen getroffen habe, der mir das Gefühl gab, rundum perfekt zu sein.
Und wenn schon! Du muss dich selbst perfekt finden. Es kann niemals richtig sein, sich von der Meinung eines Mannes abhängig zu machen.
Genervt von meinen eigenen Gedanken öffne ich schließlich die Schiebetür und ziehe, ohne lange zu suchen, eine pastellblaue Bluse und eine Jeans heraus.
Weihnachtsgeschenke kaufen! Gibt es etwas Anstrengenderes? Aber ich bin ja selbst schuld. Hätte ich nicht wie immer bis auf den letzten Drücker gewartet, müsste ich mich jetzt nicht so beeilen.
Drei Tage später
Nachmittags
Clay
____________
„Und du bist die ganzen Feiertage über bei diesem sogenannten Auftrag?“
Clarissa steht hinter mir, sodass ich sie neben mir im Spiegel betrachten kann. Mit hochgezogenen Augenbrauen schaut sie mich an, während ich mein Outfit ein letztes Mal checke.
„Ja, bin ich“, antworte ich. „Weil es sich finanziell echt lohnt. Und weil ich es schon jetzt genieße, dass Mama und Papa dieses Jahr nur dich mit ihren Predigten nerven werden.“ Ich zwinkere ihr im Spiegel zu.
„Na, schönen Dank auch.“ Sie seufzt. „Ich dachte, als Zwillingsgeschwister ist es unser Schicksal, einfach alles zusammen zu machen.“
„Sorry, Schwesterchen, aber dieser Auftrag wird mein finanzielles Polster wieder für eine ganze Weile füllen. Das kann ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.“
„Ich wusste nicht, dass es zu deinem Job gehört, den Freund für irgendeine fremde Frau zu spielen.“
„Ich bin Schauspieler. Schon vergessen? Der Auftrag passt also perfekt in meine Referenzliste. Und vielleicht muss ich bald nicht mehr zusätzlich kellnern, wenn öfter solche lukrativen Angebote kommen.“
„Also, wenn du mich fragst, klingt dieser Auftrag ziemlich merkwürdig.“ Die Skepsis steht ihr noch immer ins Gesicht geschrieben.
„Klar ist er ungewöhnlich.“ Ich zupfe an meinem Hemdkragen. „Aber ich bin kuriose Aufträge gewohnt. Und wenn die Bezahlung stimmt, stelle ich keine Fragen.“
„Und was, wenn diese Frau dich für einen Callboy oder so hält?“
„Blödsinn.“ Ich lache. „Außerdem kam der Auftrag von ihren Eltern. Die werden wohl kaum einen Callboy für ihre Tochter engagieren.“
„Ihre Eltern haben dich engagiert?“
„Ja, aber nur, weil die Feierlichkeiten bei ihnen stattfinden.“
Clarissa verzieht die Lippen. „Klingt trotzdem alles ziemlich komisch.“
„Du hast doch nur keine Lust auf Weihnachten ohne mich.“ Ich streiche mein Hemd glatt und betrachte uns dabei beide im Spiegel.
Die dunklen Augen und das kaffeebraune Haar haben wir beide gemeinsam, auch unsere eher schmalen Lippen und die Nasen sind fast identisch. Zwillinge eben.
Nur dass ich mein Haar sehr kurz trage und es mit einem Hauch Gel fixiere, während Clarissa ihr schulterlanges Haar offen trägt.
„Findest du nicht, dass es mit 29 langsam mal Zeit für einen seriösen Job wird?“, fragt Clarissa.
„Du lässt echt nichts unversucht, um nicht allein zu unseren Eltern zu müssen, was?“ Ich drücke ihr einen Kuss auf die Wange.
„Nein ehrlich, Clay“, sie verschränkt die Arme vor der Brust, „zumindest in diesem Punkt muss ich Mama und Papa zustimmen: Dein Job hat einfach keine Zukunft. Es ist alles viel zu unsicher.“
„Kann sein.“ Ich zucke mit den Schultern. „Aber allein der Gedanke, wie du hinter einem Bankschalter zu sitzen, lässt mir die Haare zu Berge stehen.“
„Es muss ja nicht gleich ein Job in der Bank sein.“ Sie macht einen Schmollmund. „Und zufällig liebe ich meine Arbeit, klar?“
„Und ich meine.“ Ich zwinkere ihr zu. „Und jetzt entschuldige mich, aber ich muss langsam los. Bis nach Fleesenow ist es noch mal eine gute Stunde.“
„Fleesenow? Nie davon gehört.“
„Ich habe ein bisschen recherchiert, als ich den Auftrag bekommen habe.“ Ich gehe von Schlafzimmer in den Flur, um meinen Mantel von der Garderobe zu holen. „Eine kleine Stadt direkt an der Ostsee, nicht weit entfernt von hier.“
„Und du fährst jetzt direkt dorthin?“ Clarissa folgt mir zur Wohnungstür, wo ich in meine Winterschuhe schlüpfe.
„Ja, Clarissa, wie oft soll ich es dir noch sagen, bis du es mir glaubst?“
Seufzend lehnt sie sich gegen die Wand. „Na ja, dann werde ich mich wohl auf den Weg zu Mama und Papa machen. Allein.“
„Nett, dass du das Wort noch mal betonst.“ Ich ziehe meinen Schal von der Garderobe. „Aber mein Plan für Weihnachten steht fest. Tut mir leid.“
„Dann fahr wenigstens vorsichtig“, sagt sie. „Es schneit schon seit einer ganzen Weile.“
„Wozu gibt’s Winterdienste?“, frage ich. „Und das mit der Vorsicht gilt für dich genauso, Schwesterchen.“
„Ich fahre nur fünf Minuten.“
„Trotzdem.“ Ich lege die Hände auf ihre Schultern und drücke ihr einen Kuss auf die Wange. „Lass dich nicht ärgern. Du weißt, dass Mama und Papa nur unser Bestes wollen.“
„Ja ja“, sie rollt mit den Augen. „Deshalb vergraulen sie auch jeden meiner Verehrer.“
„Bleib tapfer.“ Ich ziehe den Schlüssel vom Schlüsselbrett. „Und jetzt raus hier, ich will los, du Nervensäge.“
„Ist ja schon gut.“
Sie verlässt die Wohnung mit mir zusammen. Dabei trägt sie noch immer dieselbe Winterjacke, die sie seit ihrer Ankunft vor zehn Minuten nicht ausgezogen hat.
„Warum bist du eigentlich hergekommen?“, frage ich, während ich die Wohnung von außen abschließe. „Du wusstest doch, dass ich nicht mit zu den Eltern komme.“
„Na ja, da war vielleicht noch ein letzter Funken Hoffnung, dass das mit dem Auftrag nur ein Scherz war.“
„Sorry, Schwesterchen.“ Wir gehen nebeneinander die knarrende alte Treppe herunter. „Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss.“
Als wir die Eingangstür des Mietshauses durchqueren und unsere jeweiligen Autos anpeilen, sehe ich, wie stark es tatsächlich in den letzten Stunden geschneit hat. Vom Fenster aus habe ich es gar nicht so extrem wahrgenommen.
„Oh.“ Ich öffne meine Kofferraumklappe. „Ich hoffe, ich habe meinen Handbesen noch irgendwo hier.“
„Also meiner ist definitiv da“, ruft Clarissa mir von ihrem Wagen aus zu.
„Meiner auch“, rufe ich zurück.
Tatsächlich finde ich das Teil, das Handbesen und Eiskratzer zugleich ist. Während ich es benutze, um meine Frontscheibe freizubekommen, wächst nun doch langsam der Respekt vor der bevorstehenden Autofahrt.
Hoffentlich geht alles gut.
Wenig später
Marcy
____________
Als ich meinen Wagen in der Einfahrt meiner Eltern zum Stehen bringe, ist es, als würde ich das erste Mal seit der gesamten Fahrt wieder ausatmen.
Von Listerow bis hierher ist es gar nicht so weit, aber die Strecke kam mir wie eine Ewigkeit vor, weil es einfach nicht zu schneien aufhören will. Trotz Schrittgeschwindigkeit bin ich einige Male ins Rutschen gekommen, ein zusätzlicher Stressfaktor waren Schneewehen mitten auf der Straße, die ich nur gerade so überqueren konnte.
Witzig, dass sich meine Eltern größere Sorgen darum machen, dass sie niemals Enkelkinder haben werden, als über die Tatsache, ob ich in diesem Schneechaos heil bei ihnen ankomme. Keine Nachricht wie „Fahr nachher vorsichtig“, auch kein Anruf.
Als ich aussteige und den Kofferraum öffnen will, um meine Tasche und die Geschenke herauszuholen, fällt mir der blaue Volvo etwas abseits auf dem Grundstück auf.
Wer zum Teufel ist noch hier? Und warum haben sie nichts davon erwähnt?
Einen Moment bleibe ich vor meinem Elternhaus stehen und betrachte die puderzuckerweiße Fassade, die nun dieselbe Farbe wie das Spitzdach hat, das bis auf den letzten Millimeter mit Schnee bedeckt ist. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, hatte ich hier eine wirklich glückliche Kindheit. Auch meine Eltern habe ich nicht als besonders anstrengend in Erinnerung. Erst mit dem Erwachsenwerden und meinem ersten dauerhaften Single-Dasein nach der Trennung von Elliot fing meine Mutter an, zur echten Nervensäge zu werden, die sich ständig in mein Leben einmischt. So, als wäre ich ein hoffnungsloser Fall, der immer wieder in die richtige Richtung gelenkt werden muss.
Aber all diese Dinge sind heute egal, hörst du? Es ist das Fest der Liebe und Besinnlichkeit, und weil du deine Eltern liebst, egal ob sie manchmal nerven oder nicht, bist du froh, hier zu sein. Immer dran denken!
Mit der Hand auf dem Türgriff bleibe ich noch einen Moment stehen, schließe die Augen und atme die kalte Winterluft wie eine Extradosis Energie ein, dann betrete ich schließlich das Haus.
„Halloohooo!“, rufe ich vom Foyer aus ins Haus hinein, während ich meine Winterstiefel auf der Fußmatte abstreife. „Mann, ist das ein Wetter! Ich dachte schon, ich komme niemals an.“
Ich lege meine Tasche und den großen Leinenbeutel mit den Geschenken auf die Schuhkommode.
„Marcy ist da!“, höre ich Papa rufen, der die Treppe herunterkommt und mich mit offenen Armen empfängt. „Da bist du ja, mein Schatz.“
„Hey Papa!“
Ich lächele, während er die Arme um mich legt und mich so fest drückt, als hätten wir uns Monate nicht gesehen.
„Schön, dass du da bist.“ Nur widerwillig löst er sich wieder von mir. „Deine Mutter hat so viel Kartoffelsalat gemacht, da könnte eine ganze Fußballmannschaft von satt werden. Ich hoffe, du hast Hunger mitgebracht.“
„Essen wir denn heute vor der Bescherung?“ Ich ziehe meine Mütze vom Kopf.
„Ich denke schon.“ Er kratzt sich nachdenklich am Kopf. „Haben wir doch die letzten Jahre auch so gemacht, oder?“
„Kann sein.“ Ich zucke mit den Schultern. „Ist ja auch egal.“
Papa lächelt, aber irgendwie wirkt er nervös. Eine Nervosität, die ich nicht so recht nachvollziehen kann und die auch nicht wirklich zu ihm passt.
„Alles okay, Paps?“ Ich beginne, meinen Mantel aufzuknöpfen.
„Klar.“ Sein Grinsen wirkt auf einmal so aufgesetzt. „Was soll nicht okay sein?“
Ich betrachte seinen Wohlfühlbauch, der in dem rot-grünen Elchpullover noch deutlicher zur Geltung kommt. Mit seinem dunklen Vollbart und dem leicht zotteligen Haupthaar, das an den Schläfen bereits grau wird, könnte er fast als eine jüngere Version des Weihnachtsmannes durchgehen.
In diesem Moment ertönt die Stimme meiner Mutter aus der Küche. Mit einem Geschirrtuch in den Händen kommt sie ins Foyer und strahlt bis über beide Ohren. Wie jedes Weihnachten hat sie eines ihrer festlichen Kostüme an, die ihre schlanke Taille betonen. In diesem Jahr ist es weinrot, reicht ihr bis knapp unter die Knie und bildet zusammen mit der schwarzen Strumpfhose das perfekte Outfit. Auch ihre silberblonden Locken, die ihr bis zum Kinn reichen, sind mit viel Mühe definiert und geföhnt worden. Passend dazu natürlich der weinrote Lippenstift. Kein Zweifel, mit ihren knapp 50 Jahren kann sich meine Mutter durchaus sehen lassen.
„Da bist du ja“, flötet sie gutgelaunt und umarmt mich ebenfalls, allerdings nur flüchtig. „Die Kälte steht dir. Deine Wangen sehen aus, als würdest du Rouge tragen.“
„Ähm. Danke.“
In diesem Moment kommen unweigerlich die Erinnerungen an unser letztes Telefonat hoch. Doch wieder versuche ich, mir den Gedanken an die Bedeutung von Weihnachten ins Gedächtnis zu rufen.
Das Fest der Liebe und Vergebung – richtig? Und so schlimm war das Gespräch nun auch wieder nicht. Einfach nur extrem nervig.
„Komm, zieh dich erst mal aus.“ Sie nimmt mir meinen Mantel ab. „Und dann gehen wir ins Wohnzimmer.“
„Also doch zuerst die Bescherung?“, frage ich. „Dann muss ich noch schnell meine Geschenke unter den Baum packen.“
„Eins nach dem anderen“, sagt sie mit vielsagendem Grinsen, während sie mir auch den Schal abzieht, als könnte ich das nicht allein.
Mein Blick wandert wieder zu Paps, der nun noch nervöser als eben wirkt und mit der Hand im Nacken etwas planlos neben uns steht. Umso fröhlicher, ja geradezu aufgeregt, wirkt Mama. So, als hätte sie die größte aller Überraschungen geplant.
„Warte“, Mama öffnet die Schuhkommode, „du brauchst noch ein paar Gäste-Pantoffeln.“
„Warum denn so ein Wirbel, Mama?“ Ich schlüpfe in die beigefarbenen Fell-Hausschuhe, die sie vor mir platziert. „Ich bin’s nur: Deine Tochter, nicht die Königin von England.“
„Tja, die ist ja leider bereits von uns gegangen, die Gute.“ Mama verzieht die Mundwinkel. „Aber weißt du, Schatz, um ehrlich zu sein, hatte ich seit unserem letzten Gespräch ein ziemlich schlechtes Gewissen.“
Ich schaue sie fragend an, antworte aber zunächst nichts. Zu groß ist die Neugier auf das, was sie zu sagen hat.
„Ich habe hin und her überlegt, wie ich das wiedergutmachen kann“, sie legt die Hand an meinen Rücken, „na ja, und da habe ich mir gedacht …“
Sie verstummt und schiebt mich mit leichtem Druck in Richtung Wohnzimmer.
„Oh mein Gott, Mama“, seufze ich, „nun mach es doch nicht so spannend. Du machst mich noch ganz nervös mit deinen seltsamen Andeutungen.“
Dass sie Gewissensbisse wegen unseres Telefonats hat, rührt mich mehr, als ich gedacht hätte. Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung für sie. Immerhin ist Einsicht ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung.
„Wie gesagt“, fährt sie fort, während wir, gefolgt von Papa, das Wohnzimmer betreten, „ich hatte ein schlechtes Gewissen, und deswegen …“, sie macht eine theatralische Handbewegung in Richtung Sofa, „darf ich vorstellen? Das ist Clay!“
In diesem Moment erhebt sich ein attraktiver, aber vollkommen fremder Mann und strahlt mich an, als wäre er mein persönlicher Hauptgewinn.
„Hallo Marcy“, er kommt direkt auf mich zu und streckt mir die Hand entgegen, „freut mich sehr, dich endlich kennenzulernen.“
Dass ich seinen Handschlag trotz meiner inneren Empörung erwidere, liegt entweder daran, dass ich mich für einen Moment in seinen wirklich hübschen Augen verliere – oder an der Tatsache, dass ich zu perplex bin, um das, was hier gerade geschieht, in vollem Umfang zu erfassen.
„Äh … ich …“, ich lasse meine Hand wieder sinken und schaue meine Mutter fragend an, „was wird das hier, wenn ich fragen darf?“ Ich atme tief durch. „Du hast doch nicht etwa vor, mich ausgerechnet an Weihnachten zu verkuppeln?“
„Oh nein“, sie winkt lachend ab, „so etwas haben wir gar nicht nötig. Es ist bereits alles mit Clay geklärt. Er ist über die Feiertage offiziell für dich da.“
Ihre Worte hallen noch eine Weile nach.
Er ist über die Feiertage offiziell für dich da.
„Für mich da?“ Ich schaue abwechselnd zu diesem Clay und zu meiner Mutter. „Was meinst du damit – für mich da? Was … was hat das zu bedeuten?“
„Na ja“, Mama faltet die Hände ineinander, „er wird dich überallhin begleiten. Wenn wir die Nachbarn an der Feuerschale auf einen Glühwein treffen – oder wenn wir einen Winterspaziergang durch den Ort machen.“ In ihren Worten schwingt die pure Begeisterung mit. „Clay ist dieses Weihnachten offiziell dein … tja, wie soll ich sagen?“ Sie strahlt den Fremden an. „Dein fester Freund.“
„Mein fester Freund?“, wiederhole ich ungläubig. „Das ist jetzt ein schlechter Scherz, oder?“
Mir klappt beinahe die Kinnlade herunter. Auch Papa wirft Mama nun einen skeptischen Blick zu. „Ich habe dir gesagt, dass das eine blöde Idee ist“, murmelt er ihr zu.
„Die Idee ist ganz und gar nicht blöd.“ Sie schlägt meinem Vater mit dem Handrücken gegen den Bauch. „Ich dachte, wir wären uns einig darüber, dass das ein toller Plan ist.“
„Na ja, einig würde ich das nicht gerade nennen.“ Papa kratzt sich am Hinterkopf.
„Also, nur noch mal für mein Verständnis.“ Ich hebe abwehrend die Hände. „Du hast einen Mann engagiert, der über die Feiertage meinen Freund spielen soll?“
„Ein sehr ungewöhnliches Geschenk, ich weiß.“ Mama legt die Hände auf meine Schultern. „Aber ich hoffe, wenn du den ersten Schreck überwunden hast, freust du dich. Ich finde die Idee nämlich nach wie vor prima. Wie gesagt, nach unserem letzten Telefonat hatte ich ein echt schlechtes Gewissen und …“
„Moment mal“, unterbreche ich sie, „ich fasse es noch mal für dich zusammen, Mama! Du hast dich in unserem Telefonat darüber beschwert, dass du vor Anna und Julius ständig schlecht dastehst, weil sie immer wieder von Elliot und seiner perfekten Familie schwärmen und du nichts hast, womit du angeben kannst. In dem Zusammenhang hast du mich gefragt, wann ich endlich mal wieder einen Mann kennenlerne, damit du auch etwas im Wettbewerb mit den Nachbarn präsentieren kannst.“ Ich hole tief Luft. „Und dass du mir jetzt einen Freund engagierst, damit die Nachbarn denken, ich wäre endlich mal wieder liiert, ist deine Art, dich bei mir zu entschuldigen?“
„Schatz“, antwortet sie seufzend, „so, wie du das gerade formulierst, klingt es so nach …“
„… der Wahrheit?“ Ich lache zynisch.
„Aber nein.“ Sie nimmt meine Hände. „Glaub mir, ich meine es wirklich nur gut.“
„Wohl eher gut mit dir selbst“, ich entreiße mich ihrer Berührung, „aber ganz bestimmt nicht gut mit mir. Wie soll ich mich bitteschön darüber freuen, dass dir mein Single-Status derart peinlich ist, dass du sogar einen fremden Mann dafür bezahlst, sich als mein Freund auszugeben?“
„Entschuldige, dass ich euch hier unterbrechen muss“, mischt sich nun dieser sogenannte Clay ein, den Blick auf meine Mutter gerichtet, „aber verstehe ich das richtig, dass Marcy gar keine Ahnung von diesem Deal hat? Davon war aber im Vorfeld nicht die Rede. Ich dachte, das Ganze wäre mit ihr abgesprochen.“
„Entschuldige, junger Mann.“ Mama wirft ihm ein bittersüßes Lächeln zu. „Aber dein Auftrag ist es, Marcys Freund zu spielen. Und an diesem Auftrag hat sich ja nichts geändert, nur weil das Ganze eine Überraschung für meine Tochter ist.“
„Eine Überraschung nennst du das?“ Ich wende mich fassungslos von den Dreien ab. „Nein, danke, aber auf so eine Art von Überraschung kann ich echt verzichten.“
In diesem Moment brechen so viele unterschiedliche Gefühle auf mich ein, dass ich sie kaum definieren, geschweige denn ertragen kann.
Demütigung, Wut, Fassungslosigkeit.
Wie betrunken von den eigenen Emotionen verlasse ich das Wohnzimmer, fast schon torkelnd, weiß aber selbst nicht genau, wohin ich will.
Nach oben ins Gästezimmer, das bereits früher mein Zimmer war? Oder besser gleich nach draußen in meinen Wagen, um so schnell wie möglich nach Hause zu fahren?
„Nun warte doch, Marcy“, ruft Mama mir hinterher. „Du kannst doch Clay nicht einfach so stehen lassen. Das ist unhöflich.“
„Unhöflich?“ Ich drehe mich empört zu ihr um. „Ich bin unhöflich? Ist das gerade echt dein Ernst, Mama?“ Ich balle meine Hand zur Faust und presse sie gegen meinen Brustkorb. „ICH bin unhöflich?“
Clay steht leicht verwirrt hinter ihr im Foyer, offenbar völlig mit der Situation überfordert. Papa hingegen scheint im Wohnzimmer geblieben zu sein. Sich vor stressigen Situationen zu drücken, ist nicht ganz untypisch für ihn.
„Ich weiß, das Ganze kommt ziemlich überraschend.“ Mama faltet die Hände ineinander und atmet tief durch. „Aber wenn du in Ruhe darüber nachdenkst, dann wirst du erkennen, dass wir alles es nur gut mit dir meinen. Wir wollten doch nur, dass du dich an Weihnachten nicht so allein fühlst.“
Besonders der letzte Satz brennt sich regelrecht in meinen Verstand.
Wir wollten doch nur, dass du dich an Weihnachten nicht so allein fühlst.
„Dass ich mich nicht so allein fühle?“ Ich werde lauter. „Weißt du, was dafür sorgt, dass ich mich allein fühle, Mama? Wenn ich auf diese Weise zu spüren bekomme, wie peinlich es meinen eigenen Eltern ist, dass ich seit drei Jahren Single bin. So peinlich, dass sie sogar einen Mann dafür bezahlen, meinen Freund zu spielen.“ Ich rede mich in Rage. „Weißt du, wie sich das anfühlt, wenn man den eigenen Eltern peinlich ist? Und das nur, weil man einfach noch nicht den Richtigen gefunden hat?“ Ich kämpfe gegen die Tränen an. „Aber weißt du was, Mama? Das sagt viel weniger über mich als über dich aus, weil es dir offenbar wichtiger ist, was andere Menschen denken als das, was deine eigene Tochter denkt und fühlt.“
„Aber Kind.“ Sie legt die Hände erneut auf meine Schultern. „Wir lieben dich. Das muss dir doch wohl klar sein. Ich habe das alles nur getan, weil …“
Wütend entreiße ich mich ihrer Berührung. „Ich will es nicht hören, okay?“
„Komm schon, Linda“, ertönt nun die Stimme meines Vaters, der aus dem Wohnzimmer kommt, „Marcy ist nicht ganz zu unrecht sauer. Ich hatte von Anfang an meine Zweifel, das weißt du.“
„Das ist nicht sehr hilfreich, Richard!“, zischt Mama ihn an. „Du weißt, dass wir das nur zu ihrem Besten getan haben.“
„Na ja, wenn du wir sagst“, antwortet er, „meinst du eigentlich wohl eher dich. Arrangiert hast schließlich du das alles.“
„Aber du hast mich auch nicht aufgehalten, oder?“
„Es ist mir egal, wessen Idee dieser alberne Scheiß war“, fauche ich. „Es ist einfach das Demütigendste und Bescheuertste, was ich je erlebt habe.“
Wie von selbst wandert mein Blick zu Clay, der wie ein Unbeteiligter etwas abseits steht und offenbar sehr peinlich berührt von diesem Familienkrach ist.
Am liebsten würde ich ihn ebenfalls anbrüllen, aber mir wird gerade noch rechtzeitig klar, dass er vermutlich am allerwenigsten etwas für diese seltsame Situation kann.
Clay
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Dass dieser so lukrativ klingende Auftrag so schnell und auf diese Weise enden würde, hatte ich echt nicht erwartet. Doch so sehr ich die Wut dieser Marcy auch nachvollziehen kann, stellt sich mir vor allem eine Frage: Platzt der Auftrag nun?
Nein! Ich habe das Geld bereits erhalten, sie haben den Vertrag unterschrieben. Das hier ist ein Fehler, den Marcys Eltern selbst zu verantworten haben. Ich trage keinerlei Schuld daran.
Und doch frage ich mich, wie es nun weitergehen soll. Kann ich das Geld wirklich behalten, also aus rein moralischen Gründen, wenn sich dieser Deal nun doch erledigt hat? Wenn ich jetzt hier abhaue, kann ich doch noch zu meinen Eltern fahren und gemeinsam mit ihnen und Clarissa die Feiertage verbringen. Alle wären zufrieden – aber ich auch?
Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber auch abseits des geschäftlichen Aspektes interessiert mich, wie es zwischen Marcy und ihren Eltern weitergeht. Denn wenn es wirklich stimmt, dass sie diesen Deal nur eingefädelt haben, um vor den Nachbarn besser dazustehen, ist das wirklich das Allerletzte.
„Na dann“, sagt Marcy plötzlich und blickt ihre Eltern abwechselnd an, „ich wünsche euch noch ein frohes Fest.“
Wütend wendet sie sich ab und zieht ihren Mantel von der Garderobe, den sie sich hastig über die Schultern wirft. Mit ihrem Schal und ihrer Mütze in der Hand geht sie zu ihren Stiefeln und schlüpft schnell hinein, dann greift sie nach ihrer Tasche.
„Den Beutel mit den Geschenken lasse ich euch als Erinnerung hier“, sagt sie zynisch, während sie die Haustür öffnet. „Aber vergesst nicht, sie nach dem Auspacken auch den Nachbarn zu zeigen. Vielleicht könnt ihr ja wenigstens bei dem Vergleich endlich einmal besser abschneiden.“
„Was hast du denn vor?“, ruft Richard, der ihr erschrocken zur Tür folgt.
„Na, wonach sieht es denn aus?“, entgegnet sie. „Ich fahre nach Hause. Lieber feiere ich Weihnachten allein als die Feiertage mit Menschen zu verbringen, die mich nicht so akzeptieren, wie ich bin.“
Eins muss man dieser Frau lassen, Temperament hat sie. Und wie sie auf das Verhalten ihrer Eltern reagiert, ist ziemlich beeindruckend.
„Schätzchen.“ Linda schiebt sich an ihr vorbei in den Türrahmen. „Hast du mal nach draußen geschaut? Bei diesem Schneechaos wirst du dich doch wohl nicht mehr hinters Steuer setzen?“
Und tatsächlich hat der Schneefall der letzten Stunden sogar noch weiter zugenommen. Neugierig trete ich ebenfalls zur Tür und schaue hinaus.
„Also, ich würde an deiner Stelle auch kein Auto mehr fahren“, sage ich zu Marcy.
„Lieber lande ich in einem Straßengraben“, zischt sie, „als den Abend hier zu verbringen.“
„Nun sei doch vernünftig“, fleht Linda ihre Tochter an, „ich verstehe ja, dass du wütend auf uns … auf mich bist, aber tu mir wenigstens den Gefallen und sei oben in deinem Zimmer wütend auf mich. Nicht beim Autofahren, ja?“
„Ach, jetzt auf einmal machst du dir Sorgen, dass ich bei dem Wetter unterwegs bin?“, fragt Marcy. „Vorhin hattest du doch auch keine Angst.“
„Vorhin hat es auch noch nicht so extrem geschneit wie jetzt“, antwortet Linda. „Außerdem war ich den ganzen Abend ziemlich abgelenkt, weil ich doch die Überraschung für dich vorbereiten wollte und … aber das ist ein anderes Thema. Jetzt will ich einfach nur, dass du vernünftig bist, okay?“
Marcy presst die Lippen fest aufeinander, während ihr Blick immer wieder hinaus in die kalte Nacht wandert. Im Schein der Hausbeleuchtung scheinen die Schneeflocken regelrecht zu tanzen. Ein eigentlich schöner und fast schon märchenhafter Anblick – allerdings nicht, wenn man sich noch hinters Steuer setzen will.
Marcy
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Auch wenn ich es nicht gern zugebe, Mama hat recht. Es wäre mehr als unvernünftig, sich jetzt hinters Steuer zu setzen. Hinzu kommt, dass ich wirklich nur sehr ungern im Dunkeln Auto fahre.
Was, wenn ich tatsächlich im Straßengraben lande? So unverwundbar und entschlossen ich mich gerade präsentiert habe, bin ich tief im Inneren nämlich ganz und gar nicht. Im Gegenteil, am liebsten würde ich mich einfach unter einer Bettdecke verkriechen und nie wieder herauskommen.
Was, wenn ich tatsächlich die Nacht hier verbringe und dann einfach morgen früh wieder aufbreche, wenn sich die Wetterlage ein wenig beruhigt hat?
„Bitte, Schatz“, sagt nun auch Papa, „bleib hier, ja? So seltsam die Überraschung deiner Mutter auch gewesen sein mag, sie hat es auf ihre ganz eigene Weise gut gemeint. Außerdem ist doch Weihnachten, da sollten wir nicht im Streit auseinandergehen.“
„Seltsame Überraschung nennst du das?“ Ich schiebe meine kalten Hände in die Manteltaschen. „Ich würde es eher die größte Taktlosigkeit aller Zeiten nennen.“
„Nenn es, wie du willst“, antwortet Papa, während er auf die Türschwelle tritt und nach meiner Hand greift, „aber bitte komm jetzt endlich wieder rein. Es wird noch ganz kalt im Haus. Außerdem erkältest du dich, wenn du noch länger mit offenem Mantel hier stehst.“
Nur widerwillig gebe ich seiner Bitte nach, vor allem, weil ich langsam selbst anfange zu frieren. Doch als er die Tür hinter mir schließt, habe ich das Gefühl, dass meine Wut sogar noch größer geworden ist. Gerade als ich meinen Gefühlen erneut freien Lauf lassen will, ist es ausgerechnet dieser Clay, der das Wort ergreift. Fast so, als würde er instinktiv spüren, dass eine Art Blitzableiter benötigt wird.
„Also, worauf auch immer das hier hinauslaufen wird“, sagt er mit breitem Lächeln, „ich wollte nur kurz klarstellen, dass ich für alle Schandtaten bereitstehe. Vielleicht kann meine Aufgabe hier ja anders aussehen als geplant.“ Er schaut meine Mutter, dann meinen Vater an. „Denkt einfach in Ruhe nach, wie ich euch helfen kann. Mein Geld habe ich ja bereits, aber ich bin da flexibel und passe mein Tätigkeitsfeld gern spontan an.“ Er presst die Handflächen aneinander. „Schließlich bin ich Schauspieler und bin es gewohnt zu improvisieren.“
Nun wandert sein Blick wieder zu mir. Dabei lächelt er so selbstbewusst, dass ich mich tatsächlich für einen winzigen Moment frage, wie es wäre, wenn er ein echtes Date wäre. Wenn wir zwei uns auf normalem Wege kennen- und mögen gelernt hätten.
Doch diesen Gedanken verwerfe ich so schnell wieder, wie er aufgekommen ist. Für Fragen dieser Art habe ich gerade einfach keine Nerven.
„Keine Sorge“, mault Mama ihn an, „du kannst dein Geld behalten. Vertrag ist Vertrag.“
„Darum geht es doch jetzt gar nicht.“ Er betrachtet sie mit charmantem Lächeln. „Ich glaube wirklich, dass ich hier eine gewisse Hilfe sein kann, in welcher Form auch immer. Möglicherweise helfen ja ein paar Rollenspiele, damit ihr euch als Familie wieder vertragt. Ich kenne da ein paar gute Strategien zur Konfliktbewältigung. So etwas haben wir im Theater schon oft gemacht und …“
„Oh, bitte nur so was nicht.“ Papa hebt flehend die Hände. „Können wir bitte einfach nur Kartoffelsalat mit Würstchen essen und diesen ganzen Falscher-Freund-Quatsch so schnell wie möglich vergessen?“
„War ja klar, dass du wieder nur ans Essen denkst“, faucht Mama.
„Also, mir ist der Appetit vergangen“, ist alles, was ich herausbekomme. Wütend streife ich meine Stiefel ab, werfe Mantel, Schal und Mütze auf die Schuhkommode und steuere direkt die Treppe an, um so schnell wie möglich nach oben zu verschwinden.
Clay
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„Tja, und wie geht’s jetzt weiter?“ Richard schiebt die Hände in die Hosentaschen, während er seine Frau hilfesuchend anschaut. „Die Bescherung und das gemeinsame Essen können wir jetzt wohl vergessen.“
„Wen interessiert denn jetzt das verdammte Essen?“, schimpft sie.
„Warum bist du denn jetzt bitteschön wütend?“, entgegnet er. „Das Ganze war doch deine Idee.“
„Und ich bin immer noch überzeugt davon, dass es eine gute Idee war.“ Sie verschränkt fast ein wenig eingeschnappt die Arme vor der Brust.
„Wie du siehst, bist du da die Einzige“, antwortet er und steuert das Wohnzimmer an, in dem es eine eigene Essecke gibt. Eine Ecke, in der die beiden heute Abend vermutlich allein essen werden.
Linda und ich bleiben allein zurück.
„Das ist typisch für meinen Mann“, sagt sie. „Hinterher tut er immer so, als wäre ihm das Problem bereits vorher bewusst gewesen.“
Ich schweige, weil ich nicht so recht weiß, was ich Sinnvolles zu dem Thema beitragen kann. Doch als die Stille zwischen uns eine Weile anhält, ergreife ich doch das Wort.
„Hör zu, Linda.“ Ich räuspere mich. „Irgendwie komisch, dich zu duzen. Aber du sagtest ja, dass euch das Du lieber ist, auch wenn wir uns im Grunde kaum kennen. Aber … na ja … was ich eigentlich sagen wollte: Vielleicht müssen alle nur mal eine Nacht drüber schlafen. Morgen sieht die Welt vielleicht schon ganz anders aus. Und da der Deal so oder so steht, stehe ich euch natürlich auch weiterhin für die Feiertage zur Verfügung, wofür auch immer. Ich passe mich wie gesagt auch gern neuen Gegebenheiten an.“
„Keine Sorge“, winkt sie ab, „ich hatte nicht vor, dich noch heute Abend aus dem Haus zu schmeißen, nur weil sich die Sache mit Marcy erledigt hat. Bei dem Wetter sollte niemand mehr Auto fahren.“
„Oh.“ Ich halte einen Moment inne. „Also, deswegen habe ich das mit dem Drüberschlafen jetzt aber nicht gesagt. Ich glaube wirklich, dass die Dinge morgen früh vielleicht schon ganz anders stehen.“
Dass mir mittlerweile eine ganz andere Idee in den Sinn gekommen ist, behalte ich dabei für mich. Dafür sind die Gedanken, die mir gerade durch den Kopf gehen, viel zu vage.
„Tut mir leid, Clay, dass mir gerade nicht nach reden zumute ist.“ Sie sieht mich gedankenverloren an. „Ich habe dir dein Zimmer ja bereits gezeigt. Das kannst du gern wie abgesprochen nutzen.“ Sie seufzt. „Tut mir leid, dass die Dinge nicht wie geplant gelaufen sind. Ach ja, hungern sollst du natürlich auch nicht. Entweder du nimmst dir etwas vom Abendessen mit nach oben aufs Zimmer oder du setzt dich“, sie zögert kurz, „mit zu uns an den Tisch.“
In diesem Moment fängt sie an zu schluchzen. Sicher weil ihr gerade bewusst geworden ist, dass sie das Abendessen mit einem fremden Mann verbringen werden anstatt mit ihrer eigenen Tochter. Oder trauert sie einfach nur ihrem missglückten Plan hinterher?
„Danke.“ Ich ringe mir ein höfliches Lächeln ab. „Aber ich habe keinen Hunger.“
Die Wahrheit ist, dass die Gedanken in meinem Kopf, die eben noch vage waren, mit jeder Sekunde konkreter werden.
„Ich werde wohl erst mal nach oben gehen“, sage ich freundlich.
„Tu das“, antwortet sie, fast ein wenig erleichtert. Dann dreht sie sich um und geht zu ihrem Mann ins Wohnzimmer.
Marcy
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Von wegen, Fest der Liebe. Als ich an diesem trostlosen Abend auf dem Bett liege und an die alte Holzdecke starre, fühle ich mich weiter von der Liebe entfernt als je zuvor.
Dabei ist die verrückte Idee meiner Mutter noch gar nicht mal das Schlimmste. Viel schlimmer ist die Tatsache, dass sie noch nicht mal ansatzweise versteht, warum ich so gekränkt bin.
Wie konnte sie nur so etwas tun? Und warum hat Paps sie nicht aufgehalten? Wie hat sie ihm diese absurde Überraschung überhaupt verkauft? Ist es möglich, diese Schnapsidee irgendwie in etwas Positives umzuwandeln? So, dass jemand tatsächlich annehmen könnte, sie wäre etwas Gutes?
Die Tränen auf meinen Wangen sind mittlerweile getrocknet, dafür ist die Wut in meinem Bauch noch stärker geworden.
Ausgerechnet in dem Moment meines allergrößten Zorns klopft es an der Tür.
Glaubt sie ernsthaft, dass ich noch einmal mit ihr darüber reden werde? Selbst auf ein Gespräch mit Papa habe ich gerade so gar keine Lust. Auch und gerade nicht an Heiligabend.
„Geh bitte wieder!“, rufe ich, als es erneut klopft. „Ich habe jetzt keine Lust zu reden.“
„Ich bin’s“, entgegnet jemand vor der Tür.
Clay.
Irritiert setze ich mich aufrecht. „Was ist denn?“
„Können wir kurz reden?“, fragt er.
Mein Instinkt bringt mich beinahe dazu, auch ein Gespräch mit ihm abzulehnen, doch mir fällt kein triftiger Grund ein. Er scheint bei dieser seltsamen Sache tatsächlich nur mitgemacht zu haben, weil er dachte, ich sei eingeweiht. Außerdem hat er die ganze Zeit über einen recht sympathischen Eindruck auf mich gemacht. Warum also nicht mit ihm reden? Rauswerfen kann ich ihn ja immer noch.
Ich stehe schließlich auf und öffne ihm die Tür. Und da steht er, die Hände lässig in den Hosentaschen, das Lächeln so breit, als wäre er mein persönlicher Hauptgewinn.
„Hey“, sagt er.
„Hallo“, antworte ich. „Was gibt’s denn?“
„Darf ich reinkommen?“
Wortlos halte ich ihm die Tür auf und schließe sie wieder, nachdem er das Zimmer betreten hat. Für einen Moment fühle ich mich in meine Kindheit versetzt, weil er auf der kleinen Schlafcouch Platz nimmt, die früher oft zum Bett umgebaut wurde, wenn ich Besuch von einer meiner Freundinnen hatte.
Ich selbst setze mich wieder auf mein altes Holzbett, falte die Hände ineinander und schaue ihn erwartungsvoll an, als läge der Ball nun ganz und gar auf seiner Spielseite.
„Hör mal, Marcy“, er spielt mit seinen Fingern, „es tut mir echt leid, wie das Ganze hier aus dem Ruder gelaufen ist. Ich schwöre, ich hatte keine Ahnung, dass du nicht eingeweiht bist. Dass die Frau, deren Freund ich an den Feiertagen spielen soll, selbstverständlich auch darüber Bescheid weiß, stand für mich außer Frage.“
„Schon okay.“ Ich winke ab. „Auch wenn ich ehrlich gesagt etwas überrascht bin, dass du das klarstellen willst. Kann dir doch eigentlich egal sein, was ich denke.“
„Im Grunde schon.“ Er zuckt mit den Schultern. „Deine Eltern und ich haben einen Vertrag, und aus rein finanzieller Sicht ist es eigentlich nicht mein Problem, dass das Ganze so aus dem Ruder gelaufen ist. Ich habe mein Geld“, er seufzt, „und könnte eigentlich sagen: Hey, was kümmert’s mich, wenn diese Familie sich streitet?“
„Und?“ Ich hebe die Augenbrauen. „Kümmert es dich?“
Ich lächele leicht, wenn auch etwas zurückhaltend.
„Na ja“, er sieht mich eindringlich ein, „mal ganz unter uns: Normalerweise stelle ich bei meinen Aufträgen kaum Fragen. Also, natürlich muss ich schon gewisse Informationen haben, um meine Rolle vernünftig spielen zu können. Also, so überzeugend wie möglich“, er lächelt frech, „na, du weißt schon. Aber ich mache mir für gewöhnlich keine Gedanken darüber, warum mich jemand braucht. Ich bewerte den Auftrag nicht, sondern führe ihn einfach nur aus. Aber die Sache, die deine Eltern hier mit dir abgezogen haben“, er räuspert sich, „die ist wirklich … tja, wie soll ich sagen …“
„Krass?“ Ich seufze.
„Das trifft es wohl ziemlich genau.“ Er verzieht die Mundwinkel. „Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es ihnen darum, dass es ihnen vor den anderen peinlich ist, dass du noch immer Single bist, richtig?“
Ich nicke frustriert. „Aber eigentlich ist der Mist vor allem auf meine Mutter gewachsen. Ich hatte mit ihr deswegen schon öfters Diskussionen. Sie will einfach nicht verstehen, dass es Dinge gibt, die sie nun mal nichts angehen.“
„Aber du bist doch noch so jung.“ Er betrachtet mich mit prüfendem Blick. „Warum ist es ihr denn so wichtig, ob du liiert bist?“
Dass er mich gerade als „so jung“ bezeichnet hat, schmeichelt mir auf ungeahnte Weise.
Moment mal, werde ich gerade rot?
Cool bleiben, Marcy.