Redeemed - Lauren Asher - E-Book

Redeemed E-Book

Lauren Asher

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Beschreibung

Wenn aus einer Lüge Liebe wird ...

Nach einem Geburtstag mit viel Alkohol und erschütternden Familiengeheimnissen reist Chloe Carter nach Italien, um ihren lange verschollenen Vater zu finden. Dabei landet sie unversehens im Haus von Santiago Alatorre, den ein Fehler seine Formel-1-Karriere gekostet hat. In dem unerwarteten Besuch sieht er eine Lösung für sein Imageproblem: Er schlägt Chloe vor, eine Scheinbeziehung mit ihm einzugehen. Dass er dabei echte Gefühle entwickelt, war nie Teil seines Plans. Aber es gibt jemanden, der Santiago davon abhält, Chloe sein Herz vollkommen zu öffnen: er selbst. Hat er seinen Kampfgeist mit dem Ende seiner Rennfahrerkarriere endgültig verloren, oder kann Chloe ihn neu entfachen? Denn wenn er sie für sich gewinnen will, muss Santiago Gas geben ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 585

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Nach einem Geburtstag mit viel Alkohol und erschütternden Familiengeheimnissen reist Chloe Carter nach Italien, um ihren lange verschollenen Vater zu finden. Dabei landet sie unversehens im Haus von Santiago Alatorre, den ein Fehler seine Formel-1-Karriere gekostet hat. In dem unerwarteten Besuch sieht er eine Lösung für sein Imageproblem: Er schlägt Chloe vor, eine Scheinbeziehung mit ihm einzugehen. Dass er dabei echte Gefühle entwickelt, war nie Teil seines Plans. Aber es gibt jemanden, der Santiago davon abhält, Chloe sein Herz vollkommen zu öffnen: er selbst. Hat er seinen Kampfgeist mit dem Ende seiner Rennfahrerkarriere endgültig verloren, oder kann Chloe ihn neu entfachen? Denn wenn er sie für sich gewinnen will, muss Santiago Gas geben …

Die Autorin

Lauren Asher hat eine überbordende Fantasie und verbringt ihre Freizeit mit Lesen und Schreiben. Ihr Traum ist es, an all die Orte zu reisen, über die sie schreibt. Sie genießt es, Figuren mit Ecken und Kanten zu erschaffen, die man einfach lieben muss. Wenn sie nicht gerade schreibt, durchforstet Lauren YouTube, schaut alte Episoden von »Parks & Recreation« und sucht nach neuen Restaurants auf Yelp. Sie arbeitet am liebsten direkt nach ihrem Morgenkaffee und würde nie ein Nickerchen verweigern.

Lieferbare Titel

Dreamland Billionaires – The Fine Print

Dreamland Billionaires – Terms and Conditions

Dreamland Billionaires – Final Offer

Love Redesigned – Lakefront Billionaires

Love Unwritten – Lakefront Billionaires

Throttled

Collided

Wrecked

LAUREN ASHER

REDEEMED

Dirty Air

Band 4

ROMAN

Aus dem Amerikanischen von Melanie Fricke

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Die Originalausgabe REDEEMED erschien erstmals 2021 im Selfpublishing und 2024 bei Bloom Books, USA.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstausgabe 02/2025

Copyright © 2021. REDEEMED by Lauren Asher

The moral rights of the author have been asserted.

Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Redaktion: Anita Hirtreiter

Umschlaggestaltung: zero-media.net, München, nach dem Originalcoverdesign von Books and Moods

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-32859-7V001

www.heyne.de

Für alle, die selbst an ihren dunkelsten Tagen zu träumen wagen.

TRIGGERWARNUNG

PROLOG

Santiago

DREI JAHRE ZUVOR

Die tosende Zuschauermenge in der Ferne facht das Adrenalin an, das sich in mir aufbaut. Das Ampellicht beim Großen Preis von Großbritannien in Silverstone spiegelt sich auf der Karosserie meines roten Bandini-Rennwagens, und die Hitze des surrenden Motors hinter mir treibt mir Schweiß über den Rücken.

Ich atme tief ein und halte die Luft an, bis die fünf Lichter gleichzeitig erlöschen.

Vamos. Ich gebe Vollgas. Quietschend rast mein Wagen die erste Gerade entlang. Noah, mein Schwager und der weltbeste Formel-1-Fahrer, fährt an der Spitze. Seine hintere Stoßstange ist zum Greifen nah, als ich direkt hinter ihm um die erste Kurve biege.

Von dem Regen vorhin ist die Luft noch feucht, und mit jeder Runde beschlägt das Visier an meinem Helm stärker. Die rutschige Strecke treibt mich und meine Reifen bis zum Äußersten. Ich schiebe das Visier ein paar Zentimeter nach oben und lasse meinen heißen Atem durch die Lücke im Helm entweichen.

Mit jedem schweren Atemzug zieht sich meine Lunge weiter zusammen. Ich bezwinge meine Erschöpfung und versuche, Noah zu überholen, doch er hält sich in der Mitte der Strecke, sodass es mir unmöglich ist, ihn vom ersten Platz zu verdrängen.

»Krieg deinen Wagen in der vierten Runde besser unter Kontrolle. Wegen der ganzen Nässe fährst du total schlampig«, erklingt die Stimme von James Mitchell, dem Teamchef von Bandini, in meinem Headset.

»Verstanden.« Ich halte das Lenkrad fester und konzentriere mich auf die Fahrbahn.

Runde für Runde fahre ich genauso schnell wie Noah. Auch wenn er zur Familie gehört und mein Teamkollege ist, wollen wir einander so oft wie möglich übertrumpfen. Aber zusammen sind wir eine unaufhaltsame Bandini-Gewalt, die alle anderen in die Knie zwingt.

Noah braucht neue Reifen und fährt in die Boxengasse, sodass ich mich an die Spitze setzen kann. Das ist meine Chance.

Jetzt geht es um alles. Jeden Atemzug, jede Reifenumdrehung, jede einzelne verdammte Sekunde.

Mein Herz schlägt schneller, als ich erneut an einer verschwommenen Zuschauertribüne voll jubelnder Fans vorbeirase. Von diesem Energieschub geht ein Wummern durch meinen Körper. Nichts kommt an dieses Gefühl heran. Zwar war ich noch nie high, aber ich vermute, man fühlt sich dabei so ähnlich – lebendig, unverwundbar. Ich grinse unter meinem Helm und schieße an den Massen vorbei.

Mit voller Wucht kommt Noah von hinten angefahren und überholt mich auf der letzten Geraden. In der Kurve bremst er mit quietschenden Reifen ab.

Heftig drücke ich auf einen Knopf und wechsle den Gang. »Dieser Wichser! Ständig stiehlt er mir die Show.«

»Laut unseren Computern ist ein leichter Schauer im Anmarsch. Verdammte Scheiße, pass auf die Pfützen auf und krach nicht in Noah rein!« James’ Stimme hallt in meinen Ohren wider.

»Dürfen wir gleich auf Regenreifen wechseln?«

»Sollte jeden Moment durchgesagt werden. Halt durch.« James stellt sich stumm.

Noahs Reifen wirbeln einen Sprühnebel auf. Immer mehr Wasser spritzt gegen meinen Helm, und ich sehe zunehmend schlechter. Mit dem Handschuh wische ich mir die Feuchtigkeit vom Visier.

Jetzt, da ich wieder klare Sicht habe, packe ich mit beiden Händen das Lenkrad. Die Luft bleibt mir im Hals stecken, als ich über ein rutschiges Streckenstück fahre.

Ein Atemzug. Eine Umdrehung der Reifen. Eine Sekunde, in der ich alles verliere.

Mir entgleitet komplett die Kontrolle. Mein Wagen rast an der Kurve vorbei, an der ich hätte einlenken müssen, und während ich das nutzlose Lenkrad umklammere, bricht die Hölle über mich herein.

»Shit. Shit. Shit!« Ich trete die Bremse durch, aber es hilft nichts, mein Wagen wird nicht rechtzeitig langsamer.

»Santiago, fuck! Pass auf!« James brüllt noch etwas, doch mir rauscht das Blut so laut in den Ohren, dass ich ihn nicht verstehe.

Alles verschwimmt vor meinen Augen, und ich schieße mit mehr als dreihundertzwanzig Sachen über den Schotter. Ungebremst kracht mein Wagen gegen die Schutzbarriere. Der Frontflügel donnert gegen die Reifenstapel vor einer Betonblockade. In alle Richtungen fliegt Gummi, das den heftigen Aufprall nicht dämpfen kann.

Meine Kiefer krachen aufeinander, mein Körper wird herumgeschleudert. Stechend heißer Schmerz schießt mein rechtes Bein hoch. Mein Herz schlägt wie wild, und kurze, abgehackte Atemzüge entweichen mir. Mein ganzer Körper schmerzt. Ich blinzle die Tränen weg und halte zitternd das Lenkrad fest.

»Santiago, alles okay? Das Sicherheitsteam ist unterwegs!«, ruft James. Ich höre die Angst in seiner bebenden Stimme.

Fuck! Die Welt dreht sich um ihre eigene Achse, während das Ausmaß des Schadens zu mir durchdringt. Meine vordere Stoßstange ist nur noch eine völlig zerdrückte Metallkugel, die rechte Seite wurde am stärksten in Mitleidenschaft gezogen. Hinter mir quillt Rauch hervor und vernebelt mir die Sicht.

Ich will aufstehen, doch durch meinen Körper schießt ein so brennender Schmerz, dass ich mir auf die Zunge beißen muss. »Ich brauche einen Sanitäter, sofort!« Mehr als ein Stöhnen bringe ich nicht hervor.

James flucht in sein Mikro. »Schaffst du es allein raus?«

Ich versuche, meinen Sicherheitsgurt zu öffnen, doch wieder durchströmt mich der Schmerz, und ich stöhne auf. »Nein. Fuck! Ich kann nicht aussteigen.« Ich will die Zehen bewegen, spüre am rechten Fuß aber nichts. »Ich komme hier nicht raus! Ay, Dios. Fuck, fuck, fuck!«

Eine Befürchtung jagt die nächste und facht die wachsende Panik in mir nur noch weiter an. Warum kann ich mich nicht bewegen? Warum kann ich nicht aus diesem verdammten Wagen aussteigen? Steh auf! Mach was!

Auf jede meiner Regungen folgt ein weiterer stechender Schmerz. Meine Sicht verschwimmt, und Magensäure steigt mir in die Kehle.

»Santi, das Sicherheitsteam ist gleich bei dir!« Die Stimme meiner Schwester dröhnt in meinen Ohren, während sie zu der zerstörten Blockade läuft. Der Metallzaun darauf trennt uns voneinander. Ihr Blick ist wirr, als sie mich mit ihren braunen Augen anschaut und sich verkrampft an den Zaun klammert.

»Maya,no te preocupes!«, versuche ich sie zu beruhigen, reiße das Lenkrad vom Armaturenbrett und werfe es zum Frontflügel. Diese Bewegung lässt mich erneut erbeben, ein vernichtender Schmerz zieht sich durch meine rechte Körperhälfte.

»Sie holen dich da raus! Bleib ganz ruhig, beweg dich nicht!« In alle Richtungen schreit Maya nach dem nächstbesten Sicherheitsteam.

»Ich könnte nicht mal aussteigen, wenn ich wollte.« Hitze durchströmt meinen Körper, Schweiß rinnt mir über das Gesicht. Alles um mich herum verlangsamt sich, und ich versuche, die Schmerzen in meinem Bein zu verstehen. Fühlt sich so ein Schock an?

Das Adrenalin rauscht aus mir heraus wie Luft aus einem Ballon. Langsam wird mir schwarz vor Augen, aber ich gebe mir Mühe, bei Sinnen zu bleiben. Maya rauft sich ihre braunen Haare und versucht, meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch ich reagiere nicht. Es kostet mich Kraft, ihre Worte zu begreifen, mein Körper will nicht mehr.

Das Sicherheitsteam hetzt zu mir und bombardiert mich mit Fragen, was meine wachsende Unruhe nicht gerade lindert. Mit Mühe versuche ich zu erklären, was passiert ist, und sie schneiden mich frei.

Maya läuft zu mir und greift nach meiner Hand. »Es wird alles wieder gut. Der Krankenwagen ist schon unterwegs.« Tränen dringen aus ihren Augen.

»Es tut so scheiße weh. Ich glaube, ich falle in Ohnmacht.«

»Quédate conmigo.«

Während die Sanitäter mich aus dem Wagen ziehen, steigt die unkontrollierte Panik in mir immer weiter an.

»Maya«, krächze ich.

Jemand zwingt sie, meine Hand loszulassen, und ich werde auf ein Spineboard gehoben.

»Es wird alles wieder gut. Die kümmern sich um dich!«, schreit sie über das Brüllen der Mannschaft und die schrillen Sirenen hinweg.

Um mich herum blinkt das Blaulicht des Krankenwagens. Ich will nicht, dass die Dunkelheit mich überwältigt, doch der betäubende Schmerz in meinem Bein hat andere Pläne. Er raubt mir das Bewusstsein und damit auch meinen Traum, noch mal Weltmeister zu werden.

* * *

Als Erstes dringt der Geruch von Desinfektionsmittel zu mir durch. Von dieser Mischung aus Alkohol und Kiefernnadeln zuckt meine Nase, und meine Augen brennen, als ich das grelle Deckenlicht deutlicher sehe.

Ich brauche einen Moment, um meine Umgebung richtig wahrzunehmen. Maschinen piepen im Rhythmus meines Herzschlags. In meiner Hand steckt eine Injektionsnadel, die mit Beuteln voller Flüssigkeit verbunden ist.

Ich blinzle, bis ich endlich scharf sehe. Mein benebeltes Gehirn will nicht verstehen, wieso ich in einem Krankenhausbett liege.

»Ay Dios, ya estás despierto.« Meine Mutter steht von einem Stuhl auf und nimmt meine Hand in ihre. Ihr braunes Haar hat sie zu einem halbherzigen Knoten gebunden, und ihr Gesicht liegt in so tiefen Falten wie ihre knittrige Kleidung.

Maya und mein Vater stellen sich an die andere Seite meines Betts. Noah steht hinter meiner Schwester und hat die Arme um ihren Körper geschlungen.

»Mami? Papi? Was macht ihr hier?«, krächze ich.

Mein Vater fährt sich durch sein graues Haar, bis es in alle Richtungen absteht. In seinen braunen Augen liegt die gleiche Sorge wie bei den anderen.

Was ist hier los?

Die braunen Augen meiner Mutter glitzern, als sie mich ansieht. »Mi cariño.« Schluchzend wirft sie sich auf mich. Die plötzliche Bewegung erschüttert meinen Körper.

Was hat sie denn? So hat meine Mutter doch noch nie geweint. Nicht, als sie die Rechnungen kaum noch bezahlen konnte, nicht, als sie Jahr für Jahr an meinem Geburtstag arbeiten musste. Nicht einmal, als mein Vater seinen Job verloren hat und es mir damit fast unmöglich geworden ist, in einem Kartrennen anzutreten. Sie war schon immer eine Kämpferin.

Ich hebe meinen freien Arm und lege ihn um ihren zitternden Körper. »Estoy bien, mami. Das wird schon wieder. Es war nur ein Unfall.«

Maya legt mir ihre bebende Hand auf die Schulter. »Santi …« Sie sieht mich an, und mit einem Mal arbeitet die piepende Maschine auf Hochtouren. Als ich ihren Blick sehe, schrillt bei mir eine Alarmglocke, doch ich verstehe einfach noch nicht, wieso.

Im Schneckentempo kriecht mein Gehirn voran und versucht, das alles nachzuvollziehen. »Was ist denn los …«

Ein älterer Arzt betritt das Zimmer und unterbricht mich. Er blättert durch ein paar Dokumente auf seinem Klemmbrett. »Oh, gut. Es freut mich, dass Sie wach sind, Santiago.«

»Wer sind Sie?«

Er lächelt. »Ich bin Dr. Michaelson. Was für eine Erleichterung, dass Sie aufgewacht und ansprechbar sind! Wir haben uns solche Sorgen um Sie gemacht, vor allem Ihre Familie. Sie haben eine traumatische Erfahrung hinter sich.«

Ich runzle die Stirn. »Warum bin ich hier?«

Nach wie vor lächelt er breit und warm, aber das beruhigt mein wie irre schlagendes Herz überhaupt nicht. »Sie müssen sich von einer Operation erholen. Ich kümmere mich um Ihren Fall und möchte Ihnen in diesem ganzen Prozess zur Seite stehen.«

»Operation? Wieso das denn?«

Nach diesen Worten vergräbt meine Mutter die Finger in meiner Schulter, ihre Nägel bohren sich in mein Krankenhaushemd. Ein weiteres Schluchzen entfährt ihr, und dieses Geräusch trifft mich direkt in der Brust.

Der Arzt räuspert sich. »Sie haben heute einiges durchgemacht. Sie sind ganz offensichtlich hart im Nehmen. Haben Sie momentan Schmerzen?«

Schmerzen? In mir fühlt sich alles … taub an. Anders als nach meinen bisherigen Unfällen pochen weder meine Glieder noch mein Kopf. Als hätte jemand an meinem Körper den Reset-Knopf gedrückt, nur dass ich noch nicht richtig hochgefahren bin.

»Nein. Ich spüre überhaupt nichts.« Unter dem eindringlichen Blick des Arztes stehen mir die Haare zu Berge.

Wieder dieser Blick. Irgendetwas daran gefällt mir ganz und gar nicht.

Der Arzt begutachtet meinen Körper und lächelt dann wieder beruhigend. »Schade, dass wir uns unter diesen Umständen kennenlernen. Ich bin ein großer Fan von Ihnen.«

Das EKG piept immer schneller, während der Arzt von mir zu meiner Familie schaut. »Santiago, wenn es für Sie in Ordnung ist, würde ich gern kurz unter vier Augen mit Ihnen sprechen.«

Niemand sagt auch nur ein einziges Wort. Nicht einer von ihnen macht Anstalten, den Raum zu verlassen. Es ist so verflucht still, dass sogar der Tropf lauter ist als die Menschen um mich herum.

Der Arzt hat mir sicher ganz und gar nichts Gutes mitzuteilen. Fuck! Habe ich Krebs? Ist eines meiner Organe beschädigt? Warum habe ich überhaupt eine OP gebraucht?

Ich balle meine zitternden Hände zu Fäusten, unsicher, ob ich das allein durchstehe. »Alles, was Sie zu sagen haben, können Sie mir auch in Anwesenheit meiner Familie mitteilen.«

Dr. Soundso legt die Stirn in Falten und atmet tief durch. »Wir haben Ihnen eine hohe Dosis Schmerzmittel verabreicht, also entschuldige ich mich für die Verwirrung, die Sie im Moment vielleicht verspüren.«

Der Arzt stellt sich ans Fußende des Betts. Sein warmes Lächeln wird ein wenig schief, und das gefällt mir überhaupt nicht. Ich bin als armer Außenseiter aufgewachsen, daher erkenne ich Mitleid sofort. Es steht dem Arzt ins Gesicht geschrieben und erwischt mich auf dem falschen Fuß, das habe ich nämlich bereits lange nicht mehr erlebt. Nicht, seit ich erfolgreich bin und mir einen Namen gemacht habe. Nicht, seit ich meinen Traum lebe und allen, die an mir gezweifelt haben, zeigen konnte, dass sie sich geirrt haben.

Eine Schweißperle tropft von meiner Stirn. »Jetzt rücken Sie schon raus mit der Sprache. Sie machen mich nervös.«

Der Arzt runzelt die Stirn noch tiefer. »Es tut mir sehr leid, Santiago, aber Sie hatten einen äußerst traumatisierenden Unfall.«

»Ach was. Kommen Sie endlich zur Sache«, schnauze ich.

Zischend atmet Maya ein. »Santi.«

»Ist schon in Ordnung. Ich kann mir vorstellen, dass ich diese stressige Situation nicht gerade besser mache. Ganz davon abgesehen, sind Stimmungsschwankungen und Benommenheit nicht auszuschließen, wenn man so viel Morphium verabreicht bekommen hat wie Sie.« Sein Blick wandert von meinem Gesicht zu meinem Unterkörper.

Ich spanne die Muskeln an.

Zitternd atmet er aus. »Ich möchte ganz deutlich sagen, dass dieser Unfall nicht Ihre Schuld ist. Sie hätten nichts tun können, um das zu ändern, was heute passiert ist. Es tut mir sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir die Knochen unterhalb Ihres rechten Knies nicht retten konnten. Die Knochen und der Knorpel wurden beim Aufprall vollständig zerstört, sodass nichts mehr übrig war, womit wir bei der Operation arbeiten konnten. Wir konnten eine Notamputation durchführen und so den Rest Ihres Beins retten …«

Ich nehme überhaupt nichts mehr wahr. Das Rauschen der Maschinen. Das Schluchzen meiner Familie, die vor meinen Augen zusammenbricht. Die ganze verdammte Welt versinkt in einem dunklen, fast schwarzen Grau. Ein Wort knallt mir wie ein Rammbock gegen den Schädel.

Amputation.

Amputation.

Amputation?

Ich vergrabe die Hand in der Decke, die auf meinem Unterkörper liegt. Als sich meine Mutter laut schluchzend meinem Vater zuwendet, dreht sich mir der Magen um.

Am liebsten will ich meine Familie beruhigen und sagen, dass sich der Arzt bestimmt irrt. Er muss sich irren. Aber etwas hält mich davon ab, und ich hebe mit zitternden Fingern die Decke an.

Eine Sekunde, und die Welt zerfällt um mich herum. Eine Sekunde, und ich begreife, dass mein Leben vorbei ist, bevor es richtig losgehen konnte. Eine Sekunde, und ich wünschte, ich könnte alles rückgängig machen.

Ich starre an meinem Körper hinab. Mein rechtes Bein liegt in Bandagen und sieht falsch aus, so verdammt falsch, dass ich es kaum anschauen kann. Die Säure kriecht meine Kehle hoch, und ich wende den Blick würgend ab. Jemand hält mir einen Plastikbehälter vor die Brust, als die Galle aus meinem Mund dringt.

Solche Schmerzen habe ich noch nie erlebt. Solche emotionalen Schmerzen, die fast schon körperlich sind, als hätte jemand in meiner Brust eine Bombe gezündet.

Ich weiß nicht, wer die Decke wieder über mich wirft, aber ich bin der Person dankbar. Ich schließe die Augen und rede mir ein, dass das alles nicht real ist. Doch mein Kopf hat andere Pläne und zerrt meine Gedanken immer wieder zu meinem Bein.

Unterhalb meines rechten Knies fehlt mir alles. Der Fuß, mit dem ich Gas gebe. Die Wadenmuskeln, die ich jeden Tag im Fitnessstudio trainiere. Genau der Teil von mir, von dem ich bei jedem Rennen am stärksten abhängig bin, ist weg, als hätte es ihn niemals gegeben.

Meine Augen werden feucht. Ekelhaft, wie mir die Tränen über die Wangen laufen. Schnell wische ich sie weg, denn ich will nicht, dass jemand meinen Nervenzusammenbruch bemerkt. Nach wie vor ist alles gespenstisch still, während meine Welt komplett pulverisiert wird. Wo mein Herz vorher war, breitet sich eine Leere aus, eine Abwesenheit, die der meines fehlenden Körperteils alle Ehre macht.

Der Arzt durchbricht die Stille. »Es tut mir sehr leid, Santiago. Ich habe die Hoffnung, dass wir zu einer raschen Genesung beitragen können. Bei unseren Patienten kommt es häufig vor, dass sie der Schock überwältigt …«

»Der Schock? Wissen Sie, was für mich ein Schock war? Herauszufinden, dass meine Schwester ausgerechnet mit dem Kerl zusammen ist, den ich nicht in ihrem Leben haben wollte. Oder zu hören, dass mich das beste F1-Team nach nur ein paar Jahren Erfahrung unter Vertrag nimmt. Aber das hier? Das hier ist eine totale Katastrophe«, zische ich. »Also tun Sie gefälligst nicht so, als wäre das kein Todesurteil.« Ich starre den Arzt mit jedem Funken Hass an, den ich aufbringen kann. Hass ist besser als die Taubheit, die in mein Blut sickert und alles auslöscht, was mich einst ausgemacht hat. An Hass kann ich mich festhalten. Hass kann ich mir ins Gedächtnis rufen, wenn mir sonst nichts bleibt.

»Santiago«, sagt mein Vater kleinlaut. Er klingt nicht so selbstsicher wie sonst.

Es ist mir egal, ich kann mich nicht zu einer Entschuldigung durchringen. Ich kann mich zu gar nichts durchringen.

»Raus hier, und zwar alle«, sage ich leise, und doch haben diese Worte etwas Endgültiges.

Mami weint noch lauter, und papi zieht sie an seine Brust, wo sie ihr Schluchzen erstickt.

»Du solltest jetzt nicht alleine sein.« Maya klammert sich mit ihrer kleinen Hand an meine Schulter.

Noah hält sich hinter ihr wie ein verfluchter Schatten. Ich kann ihm nicht in die Augen sehen. Wenn ich anerkennen würde, dass er da ist, würde mich das an alles erinnern, was ich verloren habe. Innerhalb eines Tages hat sich mein gesamter Lebenssinn in Luft aufgelöst.

»Es ist alles weg. Eine falsche Bewegung, und schon ist mein Leben vorbei. Eine blöde Scheißbewegung am ungünstigsten Teil der Rennstrecke.« Ich vergrabe das Gesicht in meinen zitternden Händen. Keiner soll meinen Schmerz und meine Tränen sehen, denn das würde sich anfühlen, als würde man mir noch mehr entreißen. Meinen Stolz. Meine Männlichkeit. Meine Würde. Alles gestohlen, nach nur einem Fehler. Einem verheerenden Fehler, der meine Karriere beendet hat.

Scheiße noch mal.

Der mein Leben beendet hat. Mein Leben.

»Dein Leben ist nicht vorbei. Wir kriegen das schon hin«, sagt Maya laut über meine schweren Atemzüge hinweg.

Noah legt die Hand auf ihre und drückt meine Schulter etwas fester. »Dein Leben ist nicht vorbei. Ich lasse nämlich nicht zu, dass du dich einfach deinem Schicksal ergibst. Das ist noch nicht das Ende.«

Ich weigere mich, zu ihm hochzuschauen. Meine Familie ignoriert meine Proteste und bleibt bei mir, während ich still die Fassung verliere, mich von den emotionalen und körperlichen Schmerzen überwältigen lasse.

KAPITEL EINS

Chloe

GEGENWART

Ich öffne die Wohnungstür. »Hey, Mom. Das ist ja eine Überraschung! Brooke kommt heute erst gegen acht nach Hause.«

Meine Mutter betritt mein Apartment und streicht sich mit zitternden Händen über ihre schludrige Kleidung. Die dunklen, fettigen Haare kleben ihr an den Schläfen, was nur noch hervorhebt, wie blass sie ist. Sie sieht aus wie eine Leiche. Von ihrem hervorstehenden Schlüsselbein bis zu den eingefallenen Wangen wirkt es, als hätte ihr jemand komplett das Leben ausgesaugt.

Ihr starrer Blick macht mich nervös. So hat sie jedes Mal geguckt, wenn die Sozialarbeiterin uns dazu motivieren wollte, dass wir uns versöhnen, bis Mom es dann doch wieder verkackt hat. Die meisten Menschen haben einen Engel und einen Teufel auf den Schultern, doch meine Mutter hat bloß zwei Teufel, die auf ganzer Linie ihre Lieblingssünden unterstützen – Drogen und schlechte Entscheidungen.

»Mein Schätzchen, ich wollte dich eigentlich anrufen.« Von ihrem ekligen, honigsüßen Tonfall kriege ich eine Gänsehaut. Mit ihren hervorquellenden blauen Augen starrt sie mich an. »Ich weiß, wir hatten für heute Abend Pläne, aber ich muss absagen. Ich fühle mich nicht wohl.«

Besser gesagt: Sie fühlt sich nicht high. Ich verschränke die Arme vor der Brust und lehne mich gegen die Arbeitsplatte. Am besten bereite ich mich schon mal darauf vor, wie so oft enttäuscht zu werden. Ich dachte, diesmal würde es anders mit uns beiden laufen. Ich dachte, diesmal wäre sie anders.

Chloe, du blöde Kuh, wann kapierst du’s endlich?

Anscheinend interpretiert sie mein Schweigen als Zustimmung und quasselt weiter. »Ich hab’s gerade nicht leicht. Also, ich schulde Ralph Geld, und du weißt ja, wie er reagiert, wenn ich es ihm nicht zurückzahle.«

»Grob und übergriffig?«

Ralph ist der Grund, warum die Sozialarbeiterin meiner Mutter das Sorgerecht entzogen hat. Wenn ihr Freund sie nicht gerade herumkommandierte, war er mir gegenüber ein kompletter Creep. Die Sozialarbeiterin hat mich da rausgeholt und entschieden, dass Mom es ein paar Jahre später wieder versuchen dürfte, wenn sie an sich arbeitet und ihren Freund sitzen lässt. Aber Ralph hat sie zuverlässig mit Drogen versorgt, und das war für sie wohl mehr wert als die fetten Überweisungen, die sie vom Staat für ihre halbherzig gespielte Mutterrolle bekommen hat. Also wenn man es überhaupt als Mutterrolle bezeichnen kann, dass ich ganz alleine in einer von Kakerlaken bevölkerten Wohnung klarkommen musste.

Sie schnaubt. »Ich würde dich nicht um Geld bitten, wenn ich es nicht brauchen würde.«

»Doch, Mom. Du würdest mich trotzdem darum bitten. Genau das ist unser Problem. Jedes Mal, wenn ich dir Geld gebe, versprichst du mir, dass du dich zusammenreißt.« Und jedes Mal, wenn du behauptest, dass du einen Entzug machen willst, falle ich darauf rein, weil ich meine blöden Hoffnungen nicht ausschalten kann.

Sie beißt sich auf ihre rissige Unterlippe. »Tut mir leid. Du weißt doch, wie ich bin.«

»Verlogen?«

Ihr Lachen klingt fast schon wahnsinnig. »Ach, Chloe, sei doch nicht so!«

»Wie denn? Ehrlich?«

Offenbar rutscht ihre Stimmung in den Keller, denn ihr Blick verfinstert sich. »Mit bissigen Kommentaren kannst du vielleicht Jungs aufreißen, aber deine Mutter kannst du damit nicht beeindrucken.«

Angespannt atme ich aus. »Ich habe kein Geld.«

»Du lügst. Es ist Monatsende. Du zahlst deine Rechnungen immer pünktlich.«

Klar kommt sie am Zahltag. Wie konnte ich nur glauben, dass sie an meinem Geburtstag wirklich meinetwegen kommt? »Nein, das ist die Wahrheit.«

»Gib mir einfach dreihundert Dollar, dann bin ich weg. Mehr brauche ich nicht.« Sie kaut an einem zerbissenen Fingernagel.

»Nein!«

Der Blick meiner Mutter zuckt von mir zu meiner Handtasche, die an einem Haken neben der Tür hängt – und in der das Geld für die Monatsmiete steckt.

»Denk nicht mal dran«, will ich eigentlich keifen, aber aus meinem Mund dringt bloß ein raues Flüstern. Bitte, bitte bestiehl mich nicht. Ich bin gottverdammt noch mal deine Tochter. Bei dieser Vorstellung schnürt sich mir die Kehle zu.

»Du verstehst das nicht. Ohne meinen Stoff werden die Zuckungen schlimmer.« Sie klingt, als wäre eine Opiatsucht ungefähr so wie ein leichter Appetit auf Eis. So läuft das mit ihr. Nach Stoff hat sie sich immer schon mehr gesehnt als danach, eine Mutter zu sein.

»Du hast versprochen, damit aufzuhören«, sage ich heiser. Die Traurigkeit nagt an meiner gespielten Gleichgültigkeit.

Sie grinst höhnisch. Anscheinend verliert sie langsam die Geduld. »Na ja, das war gelogen. Tut mir leid. Ich hab’s versucht, aber es war furchtbar. Ich kann einfach nicht ohne.«

Auch wenn sie mir mein ganzes Leben lang zuckersüße Lügen und leere Entschuldigungen aufgetischt hat, zieht sich mir bei diesen Worten jedes Mal die Brust zusammen. Dann ist es so, als wäre ich wieder ein kleines Mädchen.

Tut mir leid, dass ich heute nicht bei der Therapie war, Chloe. Aber dann nächste Woche, versprochen.

Tut mir leid, dass Ralph einfach ins Bad gekommen ist, als du unter der Dusche warst. Du weißt doch, manchmal vergisst er eben zu klopfen.

Tut mir leid, dass ich Weihnachten dieses Jahr verpasst habe. Ich hatte so viel um die Ohren, aber nächstes Mal mache ich es wieder gut.

Mom nutzt meine Ablenkung und stürzt zu meiner Handtasche. Ich packe sie am Saum ihres Oberteils, um sie zurückzuziehen, und sie wirbelt herum. Die Wände, von denen die Farbe schon abblättert, werfen das Klatschen ihrer Handfläche auf meiner Wange zurück.

Sie hat mir doch ernsthaft eine Ohrfeige verpasst. Ich bin verdammt noch mal erwachsen. Ich trete einen Schritt zurück und drücke die Hand gegen meine brennende Wange. Das Blut rauscht und pulsiert in meinen Ohren, ich höre sie kaum noch.

Wie eine Besessene durchsucht Mom meine Handtasche. Sie wimmert, als sie mein Portemonnaie findet und die Geldscheine mit ihren knochigen Fingern herausfischt. Gierig umklammert sie mehr als dreihundert Dollar, aber ich versuche nicht, sie aufzuhalten. Ich bin fassungslos, in was für ein Tier sie sich auf Drogenentzug verwandelt. Wie hält sie es bloß aus, in den Spiegel zu sehen? Es wundert mich, dass ihre Haut nicht angewidert aufbegehrt und von ihrem Körper kriecht.

Mom lässt mein Portemonnaie auf den Boden fallen. »Tut mir leid, Kleine. Ich wünschte, es wäre alles anders. Irgendwann zahle ich dir alles zurück, versprochen.« Ihr starrer Blick ist genauso leer wie ihre Worte.

Ich hasse mich für den Wunsch, dass sie mir für ihr Verhalten auch nur ein klitzekleines bisschen Mitleid entgegenbringt. Tief in mir wandelt sich dieser Hass zu etwas Dunklem, Hässlichem. Eine toxische Wut kocht in mir hoch und droht, sich über ihr zu entladen. »Ich bin fertig mit dir. Mach dir nicht die Mühe, noch mal hier aufzukreuzen. Mach einfach, was du am besten kannst, und vergiss, dass es mich gibt. Und zwar für immer.«

»Das meinst du nicht ernst.« Sie hat doch tatsächlich die Frechheit, die Stirn zu runzeln.

»Raus hier!«, rufe ich und stürze auf sie zu.

Sie huscht aus meiner Wohnung. Als sie weg ist, fällt die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss.

In der Küche suche ich nach einem Kühlpack für meine brennende Wange.

Während ich mein Gesicht kühle, wird mir schlagartig bewusst, dass meine Mutter mir nicht einmal zum Geburtstag gratuliert hat. Nur aus dem Grund sollte sie doch überhaupt erst vorbeikommen. Nur aus diesem einen bescheuerten Grund habe ich sie eingeladen. Und das zum ersten Mal seit Jahren.

Das habe ich davon, wenn ich eher mit dem Herzen als mit dem Kopf denke. Jetzt bin ich schon wieder nur ein paar Cent von der Pleite entfernt, weil das Geld für die Miete weg ist.

Meine Mutter macht in meinem Leben immer bloß alles kaputt, und diesmal ist es schlimmer, weil es meine Schuld ist. Ich habe ihr geglaubt, als sie angerufen und gemeint hat, dass sie sich ändern will. Dass sie mit einer kostenlosen Entziehungskur angefangen hat, weil sie bereit ist, eine bessere Mutter zu sein.

Eine frische Welle der Traurigkeit verdrängt meine Wut. Die erste Träne rollt mir über die Wange, still und spöttisch. Sofort wische ich sie weg, weil ich es hasse, was für ein Jammerlappen ich werde, wenn es um meine Mutter geht. Ich bin doch kein verzweifeltes Kind mehr, das um Mamis Aufmerksamkeit bettelt.

Dieser Gedanke lässt die Tränen nur noch stärker fließen, anstatt sie zu trocknen. Schneller, als ich gucken kann, ist mein Gesicht angeschwollen und meine Nase verstopft. Ich weigere mich, ihrem Verrat noch mehr meiner Zeit einzuräumen, und widme meine Energie etwas anderem.

Positive Gedanken treiben mich an, und meine Beharrlichkeit gibt mir den Mut, für jeden weiteren Tag zu kämpfen, nach vorne zu schauen und ein neues Leben zu beginnen, zu tun, was mich glücklich macht.

Im Schlafzimmer nehme ich mein Wunschtagebuch vom Nachttisch. Das dicke Notizheft ist der einzige Gegenstand, den ich über die Jahre behalten habe und der mich von einer Pflegefamilie zur nächsten begleitet hat. Immer wenn ich mir etwas wünsche, schreibe ich das auf. Mit dem nächstbesten Stift kritzle ich das Erste hin, was mir einfällt.

Ich wünsche mir, dass ich jemanden finde, der mich zu schätzen weiß und mich nicht kaputt macht.

* * *

Bei Brookes mürrischem Blick bekommt die goldene Haut über ihren Brauen kleine Falten. Sie bindet sich die dichten braunen Haare halbherzig zusammen.

Bei dieser Geste krümme ich mich innerlich. Das macht Brooke nur, wenn sie sauer ist oder an ihrem neuesten Projekt für die Uni arbeitet. Normalerweise regt sie sich nicht über die Locken auf, die sie geerbt hat, von welchem unbekannten Elternteil auch immer. Und nach allem, was vorhin mit meiner Mutter ablief, fällt es mir gerade schwer, Brooke nicht darum zu beneiden, dass sie ihre Eltern nie kennengelernt hat. Mir persönlich würde das einiges an Leid ersparen.

Okay, es ist kacke von mir, dass ich das denke. Ich weiß, wie wütend Brooke auf ihre Versagereltern werden kann. Dafür mache ich ihr keinen Vorwurf. Wenigstens hatte meine Mom den Anstand, die Mutterschaft anzuerkennen. So viel Glück hatte Brooke nicht. Sie hat man als Baby einfach auf den kalten Stufen einer Feuerwache in Brooklyn ausgesetzt, zusammen mit einer Notiz auf Tagalog – das ist unser einziger Anhaltspunkt dafür, dass sie Philippinerin ist.

Brooke schaut mich mit ihren brandyfarbenen Augen an. »Versprich mir, dass du dich nie wieder mit ihr triffst. Sie ist toxisch.«

Ich senke den Kopf. »Ich weiß. Du hattest recht. Sie war doch nicht bereit, eine neue Beziehung zu mir aufzubauen.«

»Ich habe dabei echt ungern recht, aber du hast was Besseres verdient als die. Das war von Anfang an so, und daran wird sich auch nichts ändern.«

Meine Unterlippe bebt. »Diesmal breche ich den Kontakt ab, versprochen. Ernsthaft. Es war so schlimm mit ihr heute, ganz anders, als ich gehofft hatte. Sie hat schon immer viel gebrüllt und mich vernachlässigt, aber geschlagen hat sie mich nie. Das war mir eine Lehre.« Laut ausgesprochen klingen die Worte genauso jämmerlich wie in meinen Gedanken.

Hier sitze ich also, offiziell vierundzwanzig Jahre alt, und lasse mir von meiner Mutter trotzdem so eine Scheiße bieten. Ich dachte, wenn ich älter und unabhängig von Pflegefamilien bin, würde sie sich bestimmt ändern. Wie eine hoffnungslose Bekloppte habe ich mir unser Verhältnis jedes Jahr aufs Neue anders vorgestellt.

»Das ist alles nicht deine Schuld. Sie hat deine Hoffnungen ausgenutzt, aber jetzt hat sie halt Pech gehabt.« Brooke zieht mich in eine Umarmung.

»Was würde ich bloß ohne dich machen?«

»Weiß ich nicht. Dich wahrscheinlich ziemlich langweilen. Ich habe gehört, ich kann ganz schön erregend sein.«

Lachend löse ich mich aus der Umarmung. »Ist ja ekelhaft.«

»So habe ich das doch nicht gemeint, du Perverse!« Brooke streckt mir die Zunge raus. »Hast du einen Wunsch?« Sie reicht mir einen Teller mit einem einzelnen Cupcake, in dem eine Kerze steckt. Diese Tradition haben wir uns bewahrt, seit wir uns vor so vielen Jahren bei einer Pflegefamilie ein Zimmer geteilt haben.

»Ja.« Ich lächle.

»Immer noch denselben?«

Niemand kennt mich so gut wie Brooke. Als ich damals in derselben Pflegefamilie gelandet bin wie sie, haben wir uns sofort miteinander verbündet. Da sie als Baby ausgesetzt wurde und in diesem System aufgewachsen ist, konnte sie mich mit allem vertraut machen. Furchtbare Eltern sind jetzt wirklich nichts, was zwei Teenagerinnen zusammenschweißen sollte, aber unser Überlebensinstinkt hat das eben erfordert. Und gemeinsam haben wir nicht zugelassen, dass unsere Umstände uns kleinkriegen, sondern einander unterstützt und durch die dunkelsten Zeiten geholfen.

Dank der Freundschaft zu Brooke konnte ich tun, was andere sich nicht getraut haben. Ob es um meinen Geburtstag oder um einen Eintrag in mein Wunschtagebuch mitten in der Nacht ging: Ich habe mir so verdammt riesige Träume erlaubt, da wäre selbst Walt Disney eifersüchtig geworden.

Jahr für Jahr habe ich an jedem Geburtstag denselben Wunsch. Auch wenn er bisher nie in Erfüllung gegangen ist, hoffe ich jedes Mal aufs Neue, dass ich endlich herausfinde, wer mein Vater ist. Diesen Wunsch habe ich niemals aufgegeben. Nicht einmal, als meine Mutter zugegeben hat, dass sie keine Ahnung hat, wer mein Vater ist, weil sie bei meiner Zeugung komplett zugedröhnt war. Manche Mädchen kommen zur Welt, weil zwei Menschen sich sehr lieben. Mich hingegen hat eine Frau gekriegt, der die Drogen in ihrem Körper wichtiger waren als die Verhütung einer ungewollten Schwangerschaft.

Um diesen hässlichen Gedanken etwas entgegenzusetzen, die sich über die Jahre bei mir eingenistet haben, habe ich mir eine traumhafte Geschichte darüber ausgedacht, wer und wo mein Vater war. In meinem Kopf wurde er zu einem Helden, der keine Ahnung hat, dass es mich überhaupt gibt. Wenn er von meiner Existenz wüsste, könnte ihn nichts davon abhalten, mich zu suchen.

Brooke zündet die Kerze an und holt mich in die Realität zurück. »Dann blas sie aus und wünsch dir was, Chloe.«

Also schließe ich die Augen und streiche meine schwarzen Locken zurück, damit ich sie mir nicht verbrenne. Ich wünsche mir, dass ich dieses Jahr einen neuen Hinweis auf meinen Vater finde. Dann atme ich kräftig ein und puste die Flamme aus.

Brooke klatscht in die Hände, nimmt sich ein Messer, zerteilt den Cupcake und schiebt eine Hälfte über unsere knarzende Arbeitsplatte zu mir. Manche Leute würden über unsere wandschrankgroße Wohnung, eingerichtet im Fünfzigerjahrestil, bestimmt die Nase rümpfen. Brooke und ich sind stolz darauf, uns eine Wohnung in New York City leisten zu können, denn dafür arbeiten wir hart. Ich habe zwei Jobs, damit ich meinen Teil der Miete bezahlen kann. Morgens passe ich in einer Tagesstätte auf Kinder auf, abends schiebe ich in einem Restaurant so viele Schichten wie möglich. Im Gegensatz zu mir hat Brooke einen richtigen Lebensplan: Noch zwei Semester, dann hat sie ihren Abschluss im Fach Modejournalismus. Anders als Brooke gelingt es mir irgendwie nicht mal, den nächsten Monat zu planen, ganz zu schweigen vom Rest meines Lebens.

Brooke holt ein verpacktes Geschenk aus dem Gewürzschrank.

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. »Ernsthaft? Da drin hast du das versteckt?«

»Du bist halt so eine unglaublich schlechte Köchin, da dachte ich, dass dieser Bad Boy da ganz gut aufgehoben ist.« Zur Bekräftigung schüttelt sie das Päckchen, und es klappert.

»Ich hoffe, du hast mir nichts …«

»… Teures gekauft? Ich kenne doch die Regeln.« Spöttisch legt sie den Kopf zur Seite.

Ich schaue zu ihr hoch und lächle. »Du bist die Beste. Das ist dir klar, oder?«

»Mach schon auf!«, ruft Brooke.

Ich reiße das Papier ab und bringe zum Vorschein, was ich am allerwenigsten erwartet hätte.

»Ach, Brooke, ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, das nicht zu machen.« Mit einem zitternden Finger fahre ich über das DNA-Testset.

»Nein. Ich habe gesagt, dass ich das nicht mache. Du hast nur mir zuliebe zugestimmt. Aber ich habe beschlossen, dein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.«

Letztes Jahr haben wir beide überlegt, einen DNA-Test zu machen, waren dann aber doch zu feige, weil wir Angst vor einer Riesenenttäuschung hatten. Brooke war vehement dagegen, und ich wollte es nicht ohne sie machen.

War ja klar, dass mich meine beste Freundin besser kennt als ich mich selbst.

»Das wäre doch nicht nötig gewesen.« Das kommt davon, wenn man eine Träumerin ist. Alles ist schön und gut, bis man plötzlich auf Gewitterwolke sieben schwebt. Und der vernünftige Teil meines Gehirns sagt mir, dass dieser Traum schnell zu einem Hurrikan der Kategorie 5 werden könnte.

Doch mit diesem Testset ist das Ziel, meinen Vater kennenzulernen, zum Greifen nah. Nein, Chloe. Das ist nur wieder so ein Traum, der dir das Herz brechen könnte.

Brooke greift nach der Flasche mit billigem Wodka auf dem Kühlschrank. »Jetzt ist doch der perfekte Moment. Also, was hältst du davon: Spuck in das Röhrchen, schick es zurück, und dann können wir uns zur Feier des Tages mal so richtig schön besaufen?«

Dieser ganze Plan könnte so was von nach hinten losgehen. Entweder stehe ich am Ende mit einem leeren Stammbaum da, oder ich erfahre, dass mein Vater irgendein schrecklicher Kerl ist, der die ganze Zeit von mir wusste. Aber – und da mischt sich der unvernünftige Teil meines Gehirns ein – ich könnte auch einen Vater finden, der die ganze Zeit keine Ahnung hatte. Jemanden, der mich kennenlernen und als seine Tochter annehmen möchte. Einen Vater, der mich lieben und die verschwendeten Jahre wiedergutmachen will, und das nicht, weil er das muss, sondern weil er es möchte.

Der letzte Gedankengang gewinnt und verdrängt meine Sorgen.

Ich atme tief durch. »Dann mal los.«

KAPITEL ZWEI

Santiago

Über mir dreht sich der Deckenventilator und verschwimmt zu einem großen Kreis. Ich schaue noch mal auf die Uhr meines Handys. Seit dem letzten Mal sind erst fünf Minuten vergangen.

Das ist mein Leben. Eintönig. Isoliert. Finster.

Ich bin nur noch eine leere Hülle, denn das ist einfacher, als mich meiner aussichtslosen Zukunft zu widmen. Alles ist besser als das, selbst lähmende Traurigkeit.

Ich sollte meinen Therapeuten noch mal anrufen und einen Termin vereinbaren.

Ich sollte losfahren und meine Eltern besuchen.

Ich sollte etwas tun – irgendetwas –, aber ich habe einfach nicht die Kraft, den Nebel zu vertreiben, der mein Gehirn umwabert.

Mein Therapeut nennt das Depressionen. Ich nenne das mein Leben nach dem Unfall.

Diesen Artikel gestern Abend hätte ich nicht lesen sollen. Den, in dem zum dritten Jahrestag meines Unfalls noch mal detailliert über alles berichtet wurde. Das war ein Fehler. Die Hoffnung, in mein altes Leben zurückzukehren, wird mit jedem negativen Satz, jeder Schlagzeile ausgelöscht. Über meine erfolgreiche Genesung berichtet keiner. Oder darüber, dass ich wieder wie ein normaler Mensch laufen kann, auch wenn ich alles andere als normal aussehe.

Körperlich bin ich zwar fit, psychisch aber angeschlagen. Auch drei Jahre später klammere ich mich noch an die Geister der Vergangenheit. Das passiert eben, wenn man zum Nachdenken alle Zeit der Welt hat. Doch das ganze Grübeln führt auch dazu, dass ich mich in die Benommenheit flüchte. Es ist nämlich einfacher, mich an den Ort meines Verstandes zurückzuziehen, wo mir alles egal sein kann – wo ich meine Gefühle für diese Situation einfach ausschalten kann. Gleichgültigkeit ist für mich eine Rüstung gegen meine brutale neue Realität. Denn wenn mir nicht alles egal wäre, müsste ich mich mit dem konfrontieren, was in diesen schrecklichen Artikeln über mich steht.

Santiago Alatorres neues Dienstmädchen packt über seine Behinderung aus.

Lesen Sie jetzt alles über Santiago Alatorres Kampf mit der Morphinsucht, dem Alkoholismus und den Depressionen.

Zum ersten Mal seit Monaten geht Santiago Alatorre zu seinem Therapeuten. Exklusiven Quellen zufolge soll er hochgradig suizidgefährdet und ins Krankenhaus eingeliefert worden sein.

Die Schlagzeilen verschwimmen ineinander, aber eins steht fest: Die ganze Welt will mich scheitern sehen. Ich dachte immer, die Leute interessieren sich vor allem für Erfolg, doch in Wirklichkeit reizt sie mein Untergang viel mehr. Niederlagen generieren Schlagzeilen, Erfolge generieren Sponsorenverträge. Nicht, dass ich mit Letzterem noch irgendwas am Hut hätte. Erst haben sie mich in den Himmel gelobt, und jetzt haben sie höchstens Mitleid mit mir.

Eigentlich haben die Reporter recht. Ich bin nicht mehr derselbe. Sobald ich das Tempolimit übertrete, überkommen mich Übelkeit und lähmende Angst. Also ja, ich bin echt der letzte Rennfahrer, der auf einer F1-Strecke was zu suchen hat.

Mein Trauma ist die perfekte Ausrede dafür, mich zu verstecken. Nur ich und mein gigantisches Haus, einsam gelegen an einem See, in irgendeinem Ort in den Bergen Italiens. Ich nenne es meine persönliche Hölle, mitten im Paradies.

Mein Handywecker klingelt erneut. Ich drücke auf Snooze und ignoriere die leise Stimme in meinem Kopf, die mich anfleht, endlich aufzustehen. Der zurechnungsfähige Teil von mir drängt mich, mit dem Auto die gewundene Küstenstraße entlangzufahren. Meinen Bart abzurasieren, weil er ein sichtbarer Beweis für meinen Motivationsmangel ist. Mich bei meiner Familie zu melden und sie zu fragen, ob mich jemand besuchen möchte, da ich die Stille in meinem Haus keinen Tag mehr aushalte.

Nein. Alle anderen haben sich weiterentwickelt, und du bist ein Verlierer, gefangen in seinen Erinnerungen.

Die hoffnungsvollen Gedanken verziehen sich, und die Dunkelheit nimmt wieder überhand. Ich drehe mich in meinem Bett, sodass die Nachmittagssonne meinen Rücken wärmt. In meinem Blickfeld verblassen die Farben, als ich die Augen schließe und mich dazu zwinge, mich noch einen Tag in meiner grauen Welt zu verstecken.

KAPITEL DREI

Chloe

Ich starre auf die Log-in-Seite des DNA-Unternehmens. Der Mauszeiger liegt kurz auf dem Anmelden-Button, doch ich ziehe ihn zurück.

»Wolltest du jetzt den ganzen Tag auf den Bildschirm glotzen oder …« Brooke stützt sich neben mir auf die Arbeitsplatte.

»Ich habe Angst«, flüstere ich, als könnte der Computer das wahrnehmen.

»Hätte ich an deiner Stelle auch. Aber du hast doch jetzt sechs Wochen lang voll gespannt darauf gewartet.« Sie stupst mich mit der Hüfte an. »Wär’s einfacher für dich, wenn ich auf den Button klicke?«

Ich nicke und schließe die Augen. »Ja.« Es bringt ja nichts, wenn ich mich selbst belüge. Ich bin vielleicht optimistisch, aber nicht verblendet. Eigentlich gehe ich beinahe schon davon aus, dass nur ein leerer Test mit nutzlosen Infos vorliegt. Damit könnte ich umgehen. Die Alternative – also die mit der Hoffnung – ist total unrealistisch.

»Okay. Alles klar.«

Mein Herz nistet sich irgendwo in meiner Kehle ein, während Brooke auf den Button klickt.

»Oha, krass! Es hat geklappt!« Von Brookes Schrei platzt mir beinahe das Trommelfell.

»Was?« Ich reiße die Augen auf.

»Du hast ein Match!« Klatschend hüpft sie auf und ab. »Ja!«

Ich schaue blinzelnd auf den Bildschirm. Die Ergebnisse vor meinen Augen machen es mir fast unmöglich, etwas zu sagen, geschweige denn irgendwie zu reagieren. Zu meiner großen Verwunderung verbindet mich der Test mit einem Mann, mit dem ich beinahe fünfzig Prozent meiner DNA teile.

O mein Gott! Es hat wirklich geklappt.

Nach den ganzen Rückschlägen kommt es mir nun so vor, als hätte ich in der Genlotterie gewonnen.

»Du hast einen Dad!« Brooke nimmt meine Hand und dreht sich mit mir im Kreis.

Lachend schauen wir zur Decke und lassen unser kleines Apartment vor Hoffnung überschäumen.

* * *

»Hey, Chloe, würde es dir was ausmachen, den Rest meiner Schicht zu übernehmen? Das Trinkgeld kannst du natürlich behalten. Tut mir echt wahnsinnig leid, aber meine Mutter hat vergessen, die Medikamente gegen ihre Anfälle abzuholen. Ich muss schnell zur Apotheke, bevor sie zumacht.« Teri, eine der älteren Kellnerinnen, schaut zu mir hoch.

Am liebsten würde ich Nein sagen. Mir tun die Füße weh, weil ich schon in der Kindertagesstätte den ganzen Vormittag auf den Beinen war. Außerdem habe ich fürchterliche Kopfschmerzen. Mein Schädel pocht, sodass ich in der grell ausgeleuchteten Küche jedes Mal die Augen zukneifen muss. Ich will einfach nur schön heiß duschen, so viel Paracetamol nehmen, dass man damit einen Elefanten umhauen könnte, und mich dann ins Bett legen. Es mir einfach gemütlich machen.

Aber … Ich brauche das Geld. Jeder Dollar bringt mich dem Flug nach Italien und damit auch meinem Vater näher. Eine Google-Suche und Brookes FBI-mäßiges Durchforsten der sozialen Medien haben ergeben, dass Matteo Accardi, auch bekannt als mein verschollen geglaubter Vater, in irgendeinem kleinen italienischen Dorf an einem See das Leben in vollen Zügen genießt. Die Flüge sind so teuer, dass ich dafür glatt eine Niere verkaufen müsste. Das weiß ich, weil ich genau das in Erwägung gezogen habe, doch Brooke hat mir das leider ausgeredet. Sie meinte, ich soll geduldig sein und sparen. Aber sie hat leicht reden. Wie soll ich denn denken, geschweige denn Geld sparen, wenn mein Vater buchstäblich am Leben ist?

Brooke ist die Realistin von uns beiden, und sie hat meine Traumblase zum Platzen gebracht, ehe sie außer Kontrolle geraten konnte. Sie hat recht. Nieren sind wie Zwillinge. Die sind gemeinsam besser dran als getrennt. Also habe ich jetzt leider nicht nur beide Nieren in mir, sondern auch noch zermürbende Arbeitsstunden vor mir und muss jeden einzelnen Dollar sparen.

Der DJ in meinem Kopf spielt Work von Rihanna und segnet damit meine Entscheidung ab, mich für mehr Geld über meine Erschöpfung hinwegzusetzen.

Ich nicke. »Klar.«

»Super! Danke! Jamie gibt dir meine Tischnummern.« Sie rennt aus dem Raum.

Was bin ich doch mal wieder großzügig!

Ich frage Jamie nach Teris Tischen und mache dann fünf superkurze Minuten Pause. Manche Leute denken, dass ich rauche, aber eigentlich stehe ich bloß gern in der Gasse hinter dem Restaurant und atme die muffige Luft von New York City ein. Das ist für mich an meinem lärmigen Tag eine Insel der Ruhe.

Ich gehe in die Gasse raus und bleibe sofort stehen. Würg. Irgend so ein Pärchen besudelt meine Müllcontainer-Oase, der Kerl lutscht seiner Freundin quasi das Gesicht ab. Widerlich. Doch irgendwas an der Art, wie er sie begrabscht, entlockt mir ein seltsam fasziniertes Nicken. Warum sollte ein Pärchen denn neben einem Müllcontainer rummachen?

Weil die beiden sich so sehr nacheinander sehnen, dass sie nicht bis zu Hause warten konnten.

So eine Leidenschaft ist mir fremd. Das Einzige, was in meinem Leben so ähnlich ist, ist mein Arbeitseifer, durch den ich mir das Nötigste leisten kann. Ein fester Freund würde mich bloß davon ablenken und erfordert außerdem mehr Aufmerksamkeit als eine Zimmerpflanze. Für eine Beziehung habe ich weder Zeit noch Energie. Deshalb begnüge ich mich ab und zu mit bedeutungslosen Affären, um meine Bedürfnisse zu befriedigen. Davon mal abgesehen bin ich überhaupt nicht dazu in der Lage, jemandem so sehr zu vertrauen. Dafür hat meine Mutter gesorgt. Sie war vielleicht schrecklich, aber sie hat mir ein paar wertvolle Lektionen erteilt.

Keine Drogen nehmen.

Kein Sex ohne Kondom.

Keine Kinder kriegen, wenn ich nicht absolut, auf ganzer Linie, zu fünfhundert Prozent dazu bereit bin, weil man Kinder nicht einfach im nächsten Einkaufszentrum oder Supermarkt umtauschen kann.

Und vor allem: Sich niemals verlieben. Das ist nämlich etwas Verhängnisvolles, das einem den Blick vernebelt und eh in einer Katastrophe endet.

Ich drehe mich wieder zur Tür, damit die beiden Turteltauben ein bisschen Privatsphäre haben. Meine alten Sneakers quietschen, woraufhin der Mann zu mir schaut und mich anbrüllt.

»Hey! Verzieh dich, du Creep!«

Ich? Bin ich hier etwa diejenige, die neben dem Müll von gestern rumleckt? Ich schaue über die Schulter, um mich zu entschuldigen, doch da klappt mir die Kinnlade runter.

Diese verdammte Lügnerin! Teri holt gar nicht die Medikamente für ihre Mutter. Wie denn auch? Schließlich steckt dieser Typ ihr gerade die Zunge in den Hals. Ich gucke böse. Teri ist offiziell eine blöde Kuh, und wenn ich ihr Trinkgeld nicht wollte, würde ich aus Rache einfach ihre Tische nicht bedienen.

Warum lügen Leute ständig, um ihren Willen zu kriegen? Sie hätte mir doch auch einfach sagen können, dass sie ein Date mit Mr. Containerfetisch hat, und ich hätte trotzdem Ja gesagt. Ist doch echt unnötig, mir wegen der Medikamente für ihre Mutter was vorzulügen.

Menschen sind kacke. Na ja, das ist schließlich nichts Neues, aber jetzt gerade sind sie kacke hoch zehn.

Tief durchatmen, Girl. Du willst das Geld. Ist doch egal, dass dich jemand angelogen hat, den du kaum kennst, oder?

Aber es zerstört meine Hoffnung, dass es irgendwo da draußen noch anständige Leute gibt, die nicht verlogen sind.

Teri macht sich gar nicht die Mühe, mir das zu erklären, und ich will hier auch nicht auf eine Entschuldigung warten. Nur noch zwei Monate, dann breche ich aus dieser Stadt aus. Und dank Teri bin ich meinem Ziel schon ein paar Dollar näher.

Sagt Rihanna Bescheid, denn für dieses Girl heißt es jetzt: work, work, work, work, work, work.

KAPITEL VIER

Chloe

Gestern bin ich am Comer See angekommen. Nachdem ich mich in dem heruntergekommenen Hotel im Ortskern von einem schweren Fall von Jetlag erholt habe, gehe ich jetzt endlich die Hauptstraße des Dorfes hinab.

Die Gegend dort ist wunderschön. Die kleinen Dörfer am Ufer des Comer Sees sind umgeben von Bergketten, und die alten, stuckverzierten Gebäude und kopfsteingepflasterten Straßen könnten aus einem Geschichtsbuch stammen. In meinem reizenden vorübergehenden Zuhause leben weniger Menschen, als der Flughafen La Guardia an einem durchschnittlichen Dienstag empfängt. Ernsthaft, laut Google wohnen hier knapp zweitausend Menschen. Mal davon abgesehen, dass George Clooney hier eine Villa hat.

Ja. Der George Clooney.

War es ein Risiko, Matteo im Vorfeld nicht kontaktiert und ihm mitgeteilt zu haben, dass ich seine lang verschollene Tochter bin, die ihn nach all den Jahren kennenlernen will? Wahrscheinlich. Aber ich konnte es auch nicht darauf ankommen lassen, dass er sich mir gegenüber vielleicht verschließt und denkt, ich wäre irgendeine geldgierige Betrügerin. Stattdessen habe ich es also riskiert und beschlossen, mich auf die altmodische Weise vorzustellen – von Angesicht zu Angesicht, während ich mir vor Angst in die Hose mache. Doch zuerst muss ich herausfinden, wo er wohnt.

Entlang der Straßen stehen kleine Geschäfte, die Menschen winken sich zu, Kinder rennen durch die Gegend. Es macht mir Mut, dass die Leute hier einander nicht egal sind, sondern stehen bleiben und sich unterhalten wie im Märchen. Ihre Freundlichkeit gibt mir Hoffnung, dass jemand weiß, wer Matteo ist und wo ich ihn finden kann. Leider haben auch Brookes Stalking-Fähigkeiten ihre Grenzen. Matteos Adresse war nicht öffentlich, und das hat uns ganz schön frustriert.

Wie eine schlechte Vertreterin betrete ich mehrere Geschäfte und versuche herauszufinden, wo er wohnt. An vier verschiedenen Verkaufstresen führe ich in furchtbarem Italienisch das gleiche Gespräch, bis ich auf eine Goldader stoße.

»Sto cercando signore Accardi.« Ich frage nach Matteo und wedle mit der Requisite in meiner Hand herum. Brooke hat vorgeschlagen, dass ich so tun soll, als wäre ich eine Essenslieferantin.

»Signore Accardi è morto.« Die Eigentümerin runzelt die Stirn.

Accardi ist tot? Ich unterdrücke ein Lachen. Das kann nicht stimmen. Er hat doch gestern noch sein Facebook-Profilbild aktualisiert. Ich weiß nicht, welchen Accardi sie meint, aber ich denke mal, der Name kommt hier nicht gerade selten vor. »Morto? Nein. Sto cercando signore Matteo Accardi.« Sicherheitshalber spreche ich den Vornamen besonders deutlich aus.

Ihr Mund nimmt die Form von einem O an. Sie entschuldigt sich auf Italienisch und kritzelt Matteos Adresse auf einen Zettel.

Die Leute in Italien sind so nett. So vertrauensvoll. Die wahren, übersehenen Helden der Expedition Vatersuche.

Ich verlasse das Geschäft und werfe die leere Papiertüte in den nächstbesten Mülleimer. Auf dem ganzen Rückweg zum Hotel grinse ich die Dorfbewohner an wie eine Wahnsinnige.

Es wird höchste Zeit, dass ich den Mann kennenlerne, den ich mir mein Leben lang herbeigesehnt habe.

* * *

Das Quietschen der Autoreifen reißt mich aus meinen Gedanken.

»Da wären wir«, sagt der Fahrer mit einem starken italienischen Akzent.

Ich hebe den Blick von meinem Schoß und schaue aus dem Autofenster. Am Ende eines kurvenreichen Pfads steht ein malerisches Haus mit hohen Mauern und einem efeubedeckten Eingangstor. Die gelben Stuckwände heben sich vor dem Hintergrund des wunderschönen Sees deutlich ab. Ich wünschte, in diesem Haus wäre ich aufgewachsen.

Zitternd atme ich aus und wühle in der Vordertasche meines Rucksacks nach Geld.

Der Fahrer nimmt es grinsend an. »Grazie.«

Ich steige aus und schaue die Straße hinab. Hier stehen nur zwei Häuser. Das eine gehört Matteo, das andere sieht aus, als käme es direkt aus dem neuesten Horrorfilm. Das dunkle Anwesen steht am Seeufer, umgeben von hohen Bäumen. Turmspitzen aus dunklem Backstein ragen in den Himmel und erinnern mich an das Schloss eines Kinobösewichts. Hinter einem verrotteten Holzzaun wuchern verwahrloste Büsche und ein ungepflegter Garten.

Ich wende mich von dem verlassenen Haus ab und schaue wieder zu Matteos. »Du schaffst das«, spreche ich mir selbst Mut zu. Mit zitternden Knien gehe ich zu dem riesigen Eisentor vor Matteos Grundstück.

Irgendwo dahinter läuft laute Musik. Ich stecke den Kopf durch eine Lücke im Tor und sehe in der Auffahrt mehrere geparkte Autos. Shit! Wie blöd von mir, dass ich dachte, mein Vater wäre allein.

Ich schreibe Brooke, dass ich bei seinem Haus bin, aber nicht als Einzige. In diesem Moment bin ich ihr dankbar, dass sie für meine zwei Wochen in Italien unbedingt diese lächerlich hohe Servicegebühr bezahlen wollte. Ich brauche ihren Rat.

Das Geräusch eines Automotors am Ende der Straße zieht meine Aufmerksamkeit auf sich.

Kennt der Fahrer dieses Wagens Matteo? Fragt er mich nun, was ich hier an seinem Eingangstor zu suchen habe? Oder schlimmer: Zerrt er mich gleich rein und stellt mich vor Matteo als Stalkerin hin? Das alles wäre einem guten ersten Eindruck nicht gerade zuträglich.

Vor lauter Panik, dass mich ein potenzieller Besucher von Matteo erwischen könnte, während ich an seinem Grundstück rumschleiche, kann ich nicht mehr logisch denken.

Vielleicht bin ich einfach noch nicht bereit für dieses Familientreffen. Mein Blick huscht zu dem Loch im Zaun von nebenan. Gerade als die Scheinwerfer die Straße in ihr Licht tauchen, renne ich hinüber. Äste aus den Büschen zerkratzen mir Gesicht und Arme, doch ich ignoriere die Schmerzen. Die Neugier lockt mich tiefer auf das Grundstück.

In der Ferne erklingt ein Heulen, und ich erzittere. Gibt es in Italien Wölfe? »Shit! Wenn ich heute Abend sterbe, spuke ich für immer bei Brooke rum. Das Ganze war eine total bescheuerte Idee.«

Mit der Taschenlampe meines Handys bahne ich mir einen Weg durch das hohe Gras, das sogar der Serengeti Konkurrenz macht. Ich folge der Steinmauer, die das Grundstück meines Vaters von diesem hier trennt. Mehrmals bleibe ich mit meinen Sneakers an dicken Wurzeln hängen und fluche in die Nacht.

Nach fünf Minuten, in denen ich abgebrochenen Zweigen und gruseligen Dornen ausgewichen bin, erreiche ich den Teil der Mauer, hinter dem die Musik am lautesten ist. Gelächter und Gespräche lassen mein Herz auf Hochtouren klopfen. Das Verlangen, auf die andere Seite zu schauen, gibt mir Mut. Ich suche die Mauer nach Kerben ab, an denen ich hochklettern kann, aber die Steine sind völlig glatt.

»Nicht mal mit der Mauer klappt’s?« Ich sehe zu dem hohen Baum neben dem Zaun. Der sieht so stabil aus, dass ich da hochklettern könnte. »Wie in den guten alten Zeiten, Chloe.«

Das Smartphone, das ich in der Hand halte, klingelt und erschreckt mich. »Shit!«

Ich lausche, ob sich an der Musik und den Gesprächen etwas geändert hat, vielleicht haben sie mich ja gehört. Aber es wirkt nicht so, denn das Gelächter hallt immer noch von der Mauer wider.

Ich wische über das Display und gehe dran. »Brooke, du glaubst nicht, was ich gerade vorhabe.« Dann stelle ich auf Lautsprecher und klemme mir das Handy unter mein BH-Band, damit ich Brooke beim Klettern hören kann.

»Ich habe fast Angst zu fragen.«

»Also, ich klettere gerade auf einen Baum, so wie damals, als wir nachts wieder in unser Zimmer zurückgeschlichen sind«, sage ich leise, während ich nach einem niedrigen Ast greife und einen Fuß auf den Stamm stelle. Ich habe kaum Kraft in den Armen, doch ich beiße die Zähne zusammen und ziehe mich hoch.

»Du warst immer richtig kacke im Klettern, folglich heißt das nichts Gutes.« Sie schnaubt.

»Erinner mich nicht dran.«

In der Nähe knackt ein Zweig. Meine Arme zittern, und ich unterbreche die Kletterpartie.

Brooke durchbricht die Stille. »Aber weißt du noch, wie du mal in einen Haufen Hundescheiße gefallen bist?«

Ich ignoriere das Knacken, greife nach dem nächsten Ast und ziehe mich noch etwas höher. »Das werde ich wohl nie so richtig vergessen.«

»Verrätst du mir vielleicht, wieso du auf einen Baum kletterst?«

»Willst du die legale oder die illegale Version?«

»Auf jeden Fall die illegale.« Eine knurrende Stimme unterbricht unser Gespräch.

Ich kreische auf. Meine Finger rutschen ab, ich falle auf den Rücken. Ein deutlich hörbares uff entweicht meiner Lunge, als mir etwas Scharfes in meinem Rucksack in die Wirbelsäule sticht. »Autsch!«

»Chloe! Was ist passiert? O Gott, stirb doch bitte nicht irgendwo in Italien. Ich kann mir niemals ein Flugticket leisten, um dich zu suchen«, erklingt Brookes Stimme von etwas weiter weg.

»Brooke, ich lebe noch!« Ich suche in meinem BH nach meinem Handy, finde es aber nicht.

»Betonung auf noch.«

Als ich die Stimme des Fremden höre, läuft es mir eiskalt den Rücken runter, und ich vergesse mein Handy kurz.

Er steht im Dunkeln unter einem Baum. »Wollen Sie mir vielleicht verraten, wieso Sie auf mein Grundstück einbrechen?«

Ich kneife die Augen zusammen und versuche, sein Gesicht zu erkennen. Meine gruseligen Gedanken beruhigen meinen Puls nicht gerade. Ich bekomme eine Gänsehaut, während dieser Mann da im Dunkeln lauert und nicht ins Mondlicht tritt.

Wie der letzte Schwachkopf bleibe ich auf dem Boden liegen, reglos und wie versteinert. »Ich … Ähm … Also … Es ist so …«

»Wenn Sie für ein paar Wörter so lange brauchen, stehe ich hier noch die ganze Nacht«, sagt er knapp und verärgert mit einem leichten Akzent.

Okay, shit! Dieser Kerl ist ja echt ein Arsch.

»Wer hat Sie geschickt?«, keift er.

Wer mich geschickt hat? Für wen hält der mich? Für eine Auftragskillerin?

Etwas raschelt, als sich sein Umriss direkt auf mich zubewegt. Ein Windstoß weht seinen Geruch zu mir. Ein frischer, einladender Duft, nach dem ich den Hals recke.

»Ich rufe jetzt die Polizei. Die kümmert sich um Sie, genau wie um alle Ihre Vorgänger.« Er hält sich sein Handy ans Ohr. Das Licht vom Display lässt seine ausdrucksstarken Augen unheilvoll glühen.

Ich rapple mich aus meiner Reglosigkeit hoch und stehe zitternd auf. Eine Auseinandersetzung mit den Bullen kann ich gerade überhaupt nicht gebrauchen. Bei der Erinnerung an meine letzte Begegnung mit denen erschaudere ich. Ich halte die Hände hoch, um zu zeigen, dass ich keine Waffen dabeihabe. »Nein! Bitte nicht! Ich komme in Frieden.« Ich komme in Frieden? Für wen zum Teufel halte ich mich? Fucking ET?

Er rückt mir auf die Pelle. Die Wolken haben sich verzogen, und Mondlicht fällt ihm ins Gesicht. Schatten tanzen unter seinen markanten Wangenknochen und heben seine rauen Kanten und vollen Lippen hervor. Sein kräftiges Kinn ist von Bartstoppeln übersät, und mit seinen dunklen Augen schaut er mich durchdringend an. Etwas Wildes liegt darin, und mit derselben Wildheit betrachtet er mich. Das dichte dunkle Haar geht ihm bis zu den Schultern und regt sich im Wind.

Verdammt, dieser Fremde hat ein rohes Äußeres, das ich mir eigentlich mal genauer ansehen sollte! Es juckt mir in den Fingern, seinen kurzen Bart zu berühren, aber das lasse ich lieber.

»Genug geglotzt?« Mürrisch verzieht er das Gesicht.

Seine Gereiztheit schockiert mich und reißt mich von meinen unangemessenen Gedanken weg. Na toll! Du schmachtest einem verwirrten Kerl hinterher, der deinetwegen die Polizei rufen will. Ein ganz neuer Tiefpunkt, Chloe.

»Nein. Ja. Irgendwie schon?«, quietsche ich.

Er spannt die Kiefermuskeln an. »Geben Sie mir einen guten Grund, jetzt nicht die Polizei zu rufen, damit die Sie beseitigt.«

Ach du Scheiße! Mich beseitigen?