Serpent Queen 2. In Love She Falls - Christina Hiemer - E-Book

Serpent Queen 2. In Love She Falls E-Book

Christina Hiemer

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Beschreibung

»Stärke allein kann auch eine große Schwäche sein. Keiner von uns ist unverwundbar. Wir alle müssen den Schmerz irgendwann zulassen, sonst verlieren wir das, was uns ausmacht.« Endlich herrscht Cahira über Veneria, das Reich der Schlangen. Doch damit ist der angestrebte Frieden zwischen den vier Reichen noch lange nicht besiegelt. Obwohl Fiona und Atlas als Verbündete hinter Cahira stehen, merken die beiden Thronerben schnell, dass etwas mit Cahira nicht stimmt. Eine dunkle Macht ergreift Stück für Stück Besitz von der jungen Königin und lässt sie grausam und kalt werden. Ausgerechnet ihre Erzfeindin Rhea, die Herrscherin von Carapaxia, bietet Atlas einen riskanten Ausweg, die Liebe der beiden zu retten. Dafür müssen sie auf die gefährliche Insel Nyrestia reisen. Kann Cahiras Herz von der Dunkelheit befreit werden, oder wird sie gemeinsam mit Atlas in den düsteren Schatten untergehen?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch

Endlich herrscht Cahira über Veneria, das Reich der Schlangen. Doch damit ist der angestrebte Frieden zwischen den vier Reichen noch lange nicht besiegelt.

Obwohl Fiona und Atlas als Verbündete hinter Cahira stehen, merken sie schnell, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Eine dunkle Macht ergreift Stück für Stück Besitz von der jungen Königin und lässt sie grausam und kalt werden. Ausgerechnet Cahiras Erzfeindin bietet Atlas einen riskanten Ausweg …

 

 

 

Manchmal muss man einen Kampf erst verlieren, um zu seiner wahren Stärke zu finden.

Auch wenn es wehtut, halte durch.

Es lohnt sich. Immer.

1. Kapitel

Atlas

Macht war etwas Eigenartiges. Von Geburt an hatte ich gewusst, dass ich sie früher oder später besitzen würde. Ich hatte sie für etwas Greifbares gehalten, etwas, das sich glatt und schwer anfühlte, das fest in der Hand lag und mir das Gefühl von Kraft und Stärke vermittelte. Dabei war Macht kein Gegenstand. Sie war nicht scharf wie eine Schwertklinge oder glänzte golden wie die Krone auf meinem Haupt. Macht bedeutete, dass man die Welt aus ihren Angeln heben konnte. Sie war intensiv wie ein Rausch, der Menschen wie eine Welle mitriss und ihnen die Sinne vernebelte wie aufwirbelnde Gischt. Sie war gefährlich wie ein Gift, das sich still und heimlich durch den Körper fraß.

»Sei nicht so hart zu dir, Atlas, du gibst dein Bestes. Könige wachsen an ihren Aufgaben«, sagte Nalini. Langsam gewöhnte ich mich an die Stimme meines Seelentieres in meinem Kopf. Ich hatte zwar keine Ahnung, wo Nalini sich gerade herumtrieb, aber egal, wo sie war, wir konnten einander immer hören. Die Wildkatze und mich verband mittlerweile ein festes Band, obwohl sie erst vor einigen Wochen erschienen war. Ich dachte an unsere erste Begegnung zurück. Nalini hatte mich übel zugerichtet, und ich hatte überhaupt nicht verstanden, was passierte. Erst später, im Kampf gegen Rhea, war mir bewusst geworden, dass dieses anmutige und majestätische Tier nun zu mir gehörte. Zum Glück waren Nalinis Wunden, die Avriels Soldaten ihr in der Gruft von Tebores zugefügt hatten, schnell verheilt, im Gegensatz zu meinen. Obendrein plagten mich düstere Albträume, die mir den Schlaf raubten. Aber auch tagsüber verfolgten mich Dinge, die mich nicht losließen …

»Atlas, alles in Ordnung?« Cahiras Stimme holte mich zurück ins Hier und Jetzt. Den drängenden, fordernden Unterton darin schlug sie neuerdings häufiger an.

Sie fixierte mich mit ihren dunklen Augen, und einmal mehr erinnerte ich mich daran, dass sich so vieles verändert hatte, seit sie Königin von Veneria war.

Wir hielten uns in dem wunderschönen Rosengarten des venerischen Schlosses auf. Der Garten umfasste die komplette Rückseite des Schlosses und zog sich bis in den Innenhof hinein. Der gusseiserne Pavillon, in dem wir auf einer breiten, gepolsterten Bank saßen, verschwand beinahe unter den dichten Rosenranken, und die dunkelroten, samtigen Blüten verströmten einen süßlichen Duft, der das ganze Schloss erfüllte.

»Ja, alles gut. Ich war nur in Gedanken«, sagte ich und schenkte Cahira ein Lächeln. Ich griff nach ihrer Hand und zog sie näher an mich heran, sodass sich unsere Beine berührten. Unwillkürlich erwachte das bekannte Kribbeln in meinem Bauch, das sich verstärkte, als mir ihr Geruch in die Nase stieg – eine süße Mischung aus Sandelholz und Jasmin. Sie schmiegte sich an mich und lehnte ihren Kopf an meine Brust. Seit sie auf dem Thron saß, waren solche Momente selten. Ständig tauchte jemand auf, der Cahiras Aufmerksamkeit beanspruchte. Ich strich ihr mit der Hand sanft über das pechschwarze Haar.

»Und woran hast du so intensiv gedacht?«, hakte sie nach. Sie hob den Kopf an, um mir einen fordernden Blick zuzuwerfen. Ich zögerte, denn einerseits wollte ich meine Gedanken für mich behalten. Andererseits wurde es langsam Zeit, über diese Dinge zu reden, auch wenn ihr wahrscheinlich nicht gefiel, was ich zu sagen hatte.

»Sei vorsichtig«, ertönte Nalinis Stimme in meinem Kopf.

Cahira strich sanft über meine Brust. »Sag schon.«

»Ist dir eigentlich aufgefallen, dass deine Augenfarbe sich verändert hat?«

Cahira hielt in der Bewegung inne. »Wie meinst du das?«

»Deine Augen waren giftgrün, als wir uns das erste Mal begegnet sind, und jetzt sind sie so dunkel, dass ich nicht einmal deine Pupillen erkennen kann.«

Cahira versteifte sich, ehe sie den Kopf hob, um mich anzusehen. Ihr Blick hatte sich verfinstert.

»Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was du meinst, Atlas. Meine Augen sahen schon immer so aus wie jetzt.«

Cahira rückte ein wenig von mir ab, sodass sich unsere Beine nicht länger berührten.

»Oh, das ist eigenartig«, sagte ich. »Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass sie grün waren.«

»Willst du etwa behaupten, ich wüsste meine eigene Augenfarbe nicht?« Sie klang aufgebracht, beinahe wütend. Beschwichtigend hob ich die Hände, doch sie war bereits aufgesprungen und sah auf mich herab.

»Ich hab keine Zeit für solche albernen Diskussionen, Atlas. Ich muss ein Königreich regieren!«

Ich auch, schoss es mir durch den Kopf. Doch ehe ich etwas erwidern konnte, hatte sie den Pavillon schon verlassen und stürmte in Richtung Schloss.

»Na, das hat ja nicht so gut funktioniert.«

»Danke, Nalini, ohne dich wäre mir das bestimmt entgangen«, murmelte ich.

In den letzten Wochen waren mir an Cahira nicht nur optisch Veränderungen aufgefallen. Auch ihr Verhalten, ihre Gangart, ihre Blicke wirkten anders, oftmals fremd. Genauso wie ihre Wortwahl. Anfangs hatte ich gedacht, dass ich mich nur in etwas hineinsteigern würde, dass ich Rheas Worten zu viel Gewicht einräumte, die vielleicht nur Zwietracht zwischen Cahira und mir hatte säen wollen. Doch je mehr ich mich darauf konzentrierte, desto mehr fiel mir auf, dass Cahira verändert war.

»Vielleicht ist es auch einfach ihr wahres Ich. Ihr habt euch schließlich unter außergewöhnlichen Umständen kennengelernt«, sagte Nalini.

Auch darüber hatte ich schon nachgedacht. Cahira und ich waren in kurzer Zeit von Feinden zu Verbündeten und von Verbündeten zu Liebenden geworden. Eine mehr als ungewöhnliche Beziehungsentwicklung. Daher beschlich mich immer wieder die Frage, ob ich sie jemals richtig gekannt hatte. Aber sie und ich hatten viel miteinander durchgestanden und unterschiedliche Seiten voneinander kennengelernt. Erst seit wir in Veneria waren, wirkte sie kühler und distanziert.

Ich blieb noch einige Minuten im Garten, ehe ich über die dunklen Granitplatten zurück zum Eingang des Schlosses schlenderte. Bald war Mittagszeit, und dann schien die Sonne so unerbittlich, dass es trotz Schatten spendender Pflanzen unaushaltbar unter dem Pavillon wurde. Ich hatte die Glastür noch nicht erreicht, da schallten aufgebrachte Stimmen zu mir herüber. Neugierig beschleunigte ich meine Schritte. Hinter der geöffneten Glastür stand Cahira im kleinen Foyer. Zusammen mit ihrem Freund Silas.

»Du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass das normal für einen Menschen ist«, rief Silas energisch.

»Jetzt fängst du auch schon mit diesem Unsinn an. Ich habe mich nicht verändert!«, schrie Cahira mit schriller Stimme, die so überhaupt nicht zu ihr passte.

Silas schnaubte. »Schau dich doch an – die Cahira, die ich kenne, würde niemals in so einem Aufzug herumstolzieren.«

Cahira strich mit den Händen über den glänzenden Stoff ihres dunkelroten Samtkleides und lächelte herausfordernd. »Die Cahira, die du kennst, existiert auch nicht mehr!«

Prompt ließ sie Silas wie mich zuvor stehen und lief davon. Silas fuhr sich mit der rechten Hand durch sein Haar, und als er mich erblickte, seufzte er leise.

»Wenn ich gewusst hätte, dass sie sich so verhält, wäre ich niemals hierhergereist«, murmelte er.

Ich könnte mich vielleicht irren, was Cahiras Verhalten angeht. Aber wenn selbst ihr Kindheitsfreund eine Veränderung an ihr bemerkt hat, dann …

»Hatte diese Rhea vielleicht recht mit dem, was sie gesagt hat«, sagte Nalini und beendete damit meinen Gedanken.

Silas sah mich erwartungsvoll an, aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Nach meinem Befehl, alle Soldaten hinrichten zu lassen, die Dienst in der Todesnacht meiner Eltern gehabt hatten, stand unser Verhältnis auf mehr als wackeligen Beinen. Mein Kommandant Morian hatte mich zum Glück davon abgebracht und so Schlimmeres verhindert. Dennoch hatten die Männer tage- und nächtelang in den düsteren und kalten Zellen der Burg verbracht, ehe sie auf meinen Befehl hin freigelassen wurden. Ein Vertrauensbruch, den ich vermutlich niemals restlos würde beseitigen können. Umso mehr hatte es mich gewundert, dass Silas auf mein Schreiben an ihn reagiert hatte und mit einigen Soldaten nach Veneria gekommen war. Doch offensichtlich bereute er es, meiner Bitte gefolgt zu sein.

»Ich wünschte, ich könnte dir sagen, was mit ihr los ist«, sagte ich. Obwohl ich einen Verdacht hatte, wusste ich nicht, ob dieser stimmte.

»Es ist so absurd. Im einen Moment war Cahira noch eine Ferum, im nächsten Moment hast du sie zum Tode verurteilt, und jetzt …« Silas stockte, und sein Gesicht war wie eine starre Maske. »Und jetzt seid ihr ein Paar, und Cahira ist Königin eines einst verfluchten Königreiches. Wie ist das alles nur passiert?«

»Die Ereignisse haben sich in letzter Zeit überschlagen. Vielleicht braucht sie einfach Zeit, um sich selbst wiederzufinden.« Ich wollte Silas aufmuntern, obwohl ich an meinen eigenen Worten zweifelte.

Er seufzte. »Es ist ja nicht nur ihr Verhalten, das sich verändert hat. Das letzte Mal, als ich Cahira gesehen habe, hatte sie Augen so grün wie die silvestrischen Wälder im Frühling. Ihr Haar war hellbraun und gewellt, jetzt ist es glatt, schwarz und … sogar ihre Narben sind verschwunden! Dabei erinnere ich mich noch genau an diesen grausamen Tag, an dem ihr Vater sie zurück in den äußeren Ring trug und sie sich einen blutigen Lappen aufs Gesicht drückte. Diese Narben waren ein Teil von ihr, untrennbar mit ihren Erfahrungen verbunden. Es ist schlicht unmöglich, dass ein Mensch sich so verändert.«

»Du solltest ihm von deiner Vermutung erzählen. Vielleicht kann er dir dabei helfen, die Wahrheit herauszufinden«, sagte Nalini.

Aus der Ferne ertönten Stimmen, vermutlich von Vipern.

Schnell beugte ich mich zu Silas vor. »Triff mich in einer Stunde in meinem Zimmer, dann reden wir in Ruhe weiter.«

Silas nickte und verließ das Foyer.

»Ich hoffe, das ist kein Fehler«, murmelte ich.

2. Kapitel

Cahira

Ich lief in meinem Arbeitszimmer auf und ab. Meine Absätze klackerten auf dem dunklen Holzboden in einem gleichmäßigen Rhythmus.

Du hast dich verändert. Atlas’ Worte gingen mir unentwegt durch den Kopf.

Wieso sagte er so was? Was bezweckte er mit diesen Worten?

Ich trat an den bodentiefen, mit goldenen Blüten verzierten Spiegel heran, der in einer Zimmerecke an der Wand hing. Sein Rahmen war dem Körper einer Schlange nachempfunden und glänzte im Sonnenlicht.

Die junge Frau, die mich aus dem Spiegel heraus anblickte, war zweifelsohne ich. Sie besaß die vertraute Stupsnase, die mir bekannten geröteten Wangen, volle Lippen und Augen, die wirkten wie zwei Kohlestücke. Nichts davon kam mir falsch vor. Mein glattes, glänzendes Haar fiel mir über die Schultern, und ich fuhr mit den Fingern hindurch, weil ich das weiche Gefühl liebte.

Ich war immer noch ich!

Ja, ich war Königin von Veneria, aber abgesehen davon war alles wie immer.

»Lass dich von diesen Worten nicht verunsichern«, zischte Natrix. Ich spürte seine Zunge auf meiner Haut, ehe er sich langsam über meinen Körper schlängelte, bis ich seinen Kopf auf meinem Oberarm entdeckte.

Noch immer musste ich den Drang unterdrücken, dem Schlangenabbild auf meiner Haut über den Kopf zu tätscheln. Natrix hasste es, wenn ich das tat, obwohl er beteuerte, dass er es nicht spüren würde.

»Natürlich hast du dich verändert, Cahira. Du bist über dich hinausgewachsen, hast die Vipern aus den Sümpfen von Carapaxia zurückgeholt und ein ganzes Königreich wiederbelebt. Es ist lächerlich, zu erwarten, dass du noch immer das unscheinbare Mädchen bist, dessen größter Wunsch es war, Soldatin des silvestrischen Königs zu sein.«

»Du könntest wenigstens so tun, als würdest du Atlas mögen«, sagte ich.

Natrix zischte bedrohlich. »Mir gefällt nur nicht, was er dir einzureden versucht. Er macht dich schwach.«

»Du irrst dich«, murmelte ich. Dabei glaubte ich meinen Worten selbst nicht ganz.

»Du solltest dich lieber mit wichtigen Dingen beschäftigen. Zum Beispiel der Ergreifung von Avriel und Rhea, die beide noch auf freiem Fuß sind.«

Bei der Erwähnung der beiden stieg heiße Wut in mir auf.

Avriel hatte sich mit Rhea verbündet und Atlas’ Eltern getötet. Beinahe wäre auch Atlas ihm zum Opfer gefallen. Rhea und Avriel waren eine Gefahr für mein Königreich und die Vipern. Sie mussten für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden.

Ich lief zu dem großen Holztisch, auf dem sich eine detaillierte Karte der vier Reiche erstreckte. Die Späher, die ich ausgesandt hatte, um Avriels Aufenthaltsort ausfindig zu machen, waren bisher erfolglos. Dabei hatten sie bereits zahlreiche Orte aufgesucht, die ich allesamt auf der Karte markiert hatte.

Leise klopfte es an der Tür.

»Herein!«, rief ich und studierte weiter die Karte. Die schwere Tür öffnete sich, und Fiona betrat den Raum.

»Darf ich dich kurz stören?«, fragte sie mit ihrer glockenhellen Stimme.

»Natürlich. Komm rein.«

Fiona ohne den weißen Falken auf ihrer Schulter zu sehen war ungewohnt, aber so wie Atlas und ich besaß auch sie eine magische Verbindung zu ihrem Seelentier, die es ihr ermöglichte, jederzeit mit Ciel zu kommunizieren.

Sie schloss leise die Tür hinter sich und trat zu mir an den Holztisch. Mit zusammengezogenen Brauen beäugte sie die Karte und die dort markierten Punkte.

»Vielleicht sollten wir die Suche nach meinem Bruder erst einmal abbrechen und uns stattdessen darauf konzentrieren, das Bündnis unserer drei Länder weiter zu stärken. Es bringt nichts, so viele Soldaten an diese Suche zu binden. Früher oder später wird Avriel wieder auftauchen, und dann ergreifen wir ihn.«

Sie strich mit ihrem linken Zeigefinger über eine der neuesten Markierungen auf der Karte, das Moriad-Gebirge, das sich direkt hinter der Gruft von Tebores erstreckte. Das Gelände war angeblich so unzugänglich, dass die Soldaten hatten umkehren müssen. In meinen Augen war das nur eine faule Ausrede.

»Es überrascht mich, das ausgerechnet aus deinem Mund zu hören. Immerhin ist deine Herrschaft am meisten durch Avriel bedroht«, entgegnete ich.

Fiona lächelte. »Ich denke, es liegt nicht an dir, das Verhältnis zwischen meinem Bruder und mir zu beurteilen.«

»Euer familiäres Verhältnis ist in der Tat eure Angelegenheit. Aber wenn du mir als Königin von Falconia ein Herrschaftsbündnis anbietest, dann ist es für mich als Königin von Veneria durchaus von Interesse, ob dein Bruder unserem Bündnis schaden könnte. Atlas will ihn in Ketten sehen, und wenn es nach mir ginge … würden wir ihn niemals wiedersehen.«

Fionas hellblaue Augen weiteten sich schreckerfüllt, ehe sie sich wieder fasste. »Es liegt aber nicht an dir allein, über meinen Bruder zu richten.«

»Was überaus bedauerlich ist«, zischte ich.

Verwandtschaft hin oder her. Wie konnte Fiona so einen kaltblütigen, grausamen Menschen vor seiner gerechten Strafe schützen wollen?

Meine Freundin runzelte bloß die Stirn, ehe sie sich über das graue Gewand strich. Seitdem sie offiziell zur Herrscherin von Falconia gekrönt worden war, trug sie nur noch schneidige Hosen und Hemden statt prunkvolle Kleider. Ihr Hemd besaß zwar eine feine silbrige Naht, und auf Höhe der Brust befand sich ein feines gesticktes Falkenemblem, aber ansonsten war ihre Kleidung erstaunlich schlicht. Ohne die Krone auf ihrem Kopf könnte sie sich als einfache Kriegerin der falconischen Armee ausgeben. Gerüchten zufolge war Fiona sogar eine exzellente Schützin und keinesfalls so schwach, wie ihr zierlicher Körper vermuten ließ. Ob sie Herrschaftsqualitäten besaß, würde sich vermutlich erst in nächster Zeit herausstellen.

»Ich bin mir sicher, dass bei ihr der Schein trügt.«

»Ich merke schon, dass wir in diesem Punkt unterschiedlicher Meinung sind. Aber ich bin aus einem anderen Grund hier«, sagte Fiona.

Sie ließ von der Karte ab und schlenderte zu den bodentiefen Fenstern, die die gesamte Frontseite meines Arbeitszimmers einnahmen und einen atemberaubenden Blick über mein Königreich und den Rosengarten gewährten.

»Ich bin zwar erst kürzlich angereist, werde aber in wenigen Tagen wieder nach Falconia zurückkehren. Mein Volk hat den Umsturz noch nicht verkraftet, und es gibt Gerüchte über eine Formierung, die mich vom Thron stürzen will. Mein Volk braucht mich.«

»Vielleicht ist sie doch nicht so stark wie vermutet«, stichelte Natrix.

»Das ist bedauerlich, aber wohl nicht zu ändern. Eine Königin sollte zuerst sicherstellen, dass ihr Platz auf dem Thron gesichert ist, bevor sie sich mit anderen Dingen beschäftigt. Du hast scheinbar bereits die Kontrolle verloren.«

Meine harschen Worte überraschten mich. Wieso bloß hatte ich das gesagt? Fiona war meine Freundin, und ich unterstellte ihr derart unverschämt, dass sie als Königin versagt hatte. Sie hatte mir den Rücken zugewandt, sodass ich ihre Reaktion auf meine Worte nicht sehen konnte.

»Wir bleiben über Ciel natürlich in Kontakt, und für den Fall, dass du entgegen meinem Ratschlag weitere Suchaktionen planst und noch mehr Soldaten brauchst, werde ich einige meiner Falkenkrieger in Veneria belassen. Sie haben den Befehl, deinen und Atlas’ Anweisungen zu folgen, damit unser Bündnis und der Frieden fortbestehen können. Immerhin war das unser oberstes Ziel – Frieden zu schaffen, damit die Menschen nicht länger leiden müssen.«

Sie warf mir einen Blick über die Schulter zu und schenkte mir ein Lächeln.

Ich nickte. »Danke, deine Krieger werden bei der Suche nach den Verrätern sicherlich eine große Hilfe sein.«

Nun wandte Fiona sich vom Fenster ab und musterte mich aufmerksam. »Du bist eine starke und mutige Frau, Cahira. Ich wusste das in dem Augenblick, als du mir von deinem Geheimnis erzählt hast.« Sie wies mit der Hand in Natrix’ Richtung, der nicht mehr länger unter Kleidung verborgen, sondern gut sichtbar war.

»Aber Stärke allein kann auch eine große Schwäche sein. Keiner von uns ist unverwundbar. Wir alle müssen den Schmerz irgendwann zulassen, sonst verlieren wir das, was uns ausmacht.«

»Und was soll das sein?«, fragte ich.

»Menschlichkeit. Pass auf, dass du bei deinem Durst nach Rache und Vergeltung nicht aus den Augen verlierst, weshalb du diesen Thron überhaupt besteigen wolltest.«

Fiona wandte sich von mir ab und ging zur Tür. Dort angekommen drehte sie sich ein letztes Mal zu mir um, und die Art, wie sie mich ansah, jagte mir einen Schauder über den Rücken. Es schien, als würde sie direkt auf meine blanke, ungeschützte Seele schauen.

»Mach’s gut, Cahira.«

3. Kapitel

Atlas

Das venerische Schloss glich einem riesigen Irrgarten und war deutlich größer als die Burg von Silvestria. Es war das beeindruckendste Schloss der vier Reiche, strotzte nur so vor Imposanz und architektonischer Finesse. Angefangen bei den glänzenden Marmorböden, die nie dreckig zu werden schienen, bis hin zu den Säulen, die das Schloss trugen und mit goldenen Ornamenten verziert waren. Sogar jeder Handlauf an den unzähligen Treppen war vergoldet. Aruna hatte im Reichtum gelebt, so viel stand fest.

Ich lief durch einen langen Korridor, an dessen hohen Säulen sich dunkelgrüne Ranken hinaufschlangen. Es war eigenartig, dass die Pflanzen im und um das Schloss herum prächtig gediehen, obwohl dieses Reich so viele Jahre verlassen gewesen war. Auf den Möbeln hatte sich nicht einmal ein Staubkorn befunden. Als wäre das Schloss nie verlassen gewesen.

»Ein Beweis mehr, dass es an diesem Ort nicht mit rechten Dingen zugeht. Du solltest zurück nach Silvestria reisen. Dein Volk braucht dich, und etwas Abstand täte dir und Cahira sicher gut.«

Ich wusste, dass Nalini recht hatte. Meine Abwesenheit dauerte schon viel zu lang an, und mit jedem Tag, den ich Morian die Führung überließ, schwächte ich meine Position – nicht nur bei meinem Volk, sondern auch bei meinen Soldaten und besonders bei den Ferum. Aber es fühlte sich falsch an, Cahira allein zu lassen.

Ich öffnete eine große, schwere Flügeltür und trat hindurch, woraufhin ich beinahe mit einer Person zusammenstieß. Im letzten Augenblick wich sie vor mir zurück. Als ich den Kopf hob, sah ich direkt in Fionas freundliches Gesicht.

»Entschuldige, bitte«, sagte ich schnell.

Fiona winkte ab. »Ist ja nichts passiert. Aber es trifft sich gut, dass wir uns über den Weg laufen. Ich wollte eh mit dir sprechen.«

Ihr Tonfall klang ernst, und ein Teil von mir ahnte, worum es ging.

»Ich bin gerade auf dem Weg in mein Zimmer. Möchtest du mich begleiten?«, fragte ich, und Fiona nickte.

Gemeinsam durchquerten wir einen kleinen Raum, der wie eine Empfangshalle aufgebaut war. An den Wänden hingen dunkle Banner, auf denen sich das venerische Wappen befand – eine Schlange. Es war kaum zu glauben, wie häufig ich dieses Tier im Schloss bei genauerem Hinsehen entdeckte.

»Ich habe gerade mit Cahira gesprochen und ihr mitgeteilt, dass ich in wenigen Tagen zurück nach Falconia reisen werde. Sie schien wenig begeistert zu sein.«

Ich verzog den Mund. »Ihre schlechte Laune ist wohl meine Schuld. Wir hatten vorhin eine kleine Auseinandersetzung. Und mit Silas hat sie sich auch gestritten.«

Als wir die Halle durchquert hatten und an einer Wendeltreppe angelangten, überlegte ich kurz, ob wir noch auf dem richtigen Weg waren. Kurzerhand entschied ich mich, die Stufen hinaufzusteigen. Ich war mir beinahe sicher, dass mein Zimmer in diesem Teil des Schlosses lag.

Fiona folgte mir. »Sie scheint sich noch in ihre Rolle als Königin einfinden zu müssen. Ich mache mir Sorgen, dass ihr die Macht etwas zu sehr zu Kopf steigt.«

Oben angekommen folgte ich dem Korridor nach rechts, vorbei an einem großen Gemälde, das mir vage bekannt vorkam. Es zeigte den Rosengarten bei Sonnenuntergang. Die sanften Sonnenstrahlen tauchten die Blütenblätter in ein warmes Licht, und zwischen den dunklen Blättern und spitzen Dornen entdeckte ich die schwarzen Schuppen von Dutzenden Schlangen. Sie schienen sich dort mehr als wohlzufühlen.

»Sie hat sich verändert, aber sie will es nicht wahrhaben«, murmelte ich.

Mein Blick fiel auf eine große, bodentiefe Vase, die mir bekannt vorkam. Mein Zimmer musste sich am Ende des Korridors befinden. Da entdeckte ich bereits Silas, der ungeduldig vor meiner Tür auf und ab ging.

»Ich bin anscheinend nicht die Einzige, die mit dir reden will«, sagte Fiona.

»Willst du ihr auch von deiner Vermutung erzählen?«

Ich kaute auf meiner Unterlippe. Im Gegensatz zu Silas kannte ich Fiona schon einige Jahre. Durch die Verbindung unserer beiden Königreiche und unserer Eltern waren wir uns in regelmäßigen Abständen immer wieder begegnet. Wären die Dinge anders gelaufen, wären wir miteinander verheiratet, was sich komisch anfühlte, wenn ich genauer darüber nachdachte. Doch ich vertraute Fiona, weil sie sich in derselben Situation befunden hatte wie ich. Wir hatten beide kein Mitspracherecht besessen, was unsere Zukunft anging. Jetzt war das zum Glück anders.

Ich schloss die Zimmertür auf und bat beide hinein. Der Raum war recht klein, aber reichte vollkommen aus. Cahira hatte mir angeboten, in ihr Zimmer zu ziehen, aber ich brauchte einen Ort, an den ich mich zum Nachdenken zurückziehen konnte. Auch dies war ein Streitpunkt zwischen uns.

Rechts neben der Tür befand sich das Bett, das mit dunkelgrüner Samtbettwäsche bezogen war. Der Fußboden bestand aus dunklem Holz, genauso wie sämtliche Schränke. Vor der großen Fensterfront befand sich eine Sitzgruppe aus zwei Sesseln, einem kleinen Tisch und einem Sofa, zu der ich Fiona und Silas führte. Als wir alle Platz genommen hatten, herrschte unangenehmes Schweigen.

»Na los, fang an!«, rief Nalini.

»Ich fürchte, wir sind alle wegen derselben Sache beunruhigt«, sagte ich nach einem Räuspern, woraufhin Silas die Stirn runzelte.

»Beunruhigt ist das falsche Wort. Cahira ist ein vollkommen anderer Mensch.« Er klang aufgebracht, was ich verstand, denn er kannte Cahira schon seit Kindertagen, während ich erst seit ein paar Wochen Teil ihres Lebens war.

Silas seufzte. »Irgendetwas hat sie verändert. Sie wirkt so viel düsterer, als würde sie permanent eine Art Schatten umgeben. Früher, da … da hat sie richtig gestrahlt.«

»Ihr Durst nach Rache und Vergeltung ist … besorgniserregend. Sie will Avriel um jeden Preis tot sehen, und Rhea ist ihr ebenfalls ein Dorn im Auge«, sagte Fiona. »Ich wünsche mir, dass die Reiche friedlich und in Sicherheit leben können. Rhea hat sich nur auf meinen Bruder eingelassen, weil er sie manipuliert hat. Ich glaube nicht, dass sie uns wirklich feindlich gesinnt ist. Wir sollten sie lieber als Verbündete gewinnen, damit wir eine starke Allianz bilden können. Ihr Tod würde doch nur noch mehr Unruhe bedeuten. Die Menschen in Carapaxia würden sich auflehnen. Viele würden sterben. Das sollten wir vermeiden.«

Ich nickte, denn obwohl ich im Kampf gegen die Königin von Carapaxia ebenfalls nach ihrem Leben getrachtet hatte, war mir mittlerweile klar, dass meine Eltern dadurch nicht wieder zurückkämen. Rhea regierte ihr Land mit Herzblut und hatte die Vipern in den Sümpfen lange Zeit in Ruhe gelassen, obwohl sie wusste, dass sie sich dorthin geflüchtet hatten. Sie war keine schlechte Herrscherin. Sie hatte nur dem falschen Mann vertraut und sich von ihrem Schmerz leiten lassen.

Ich wandte mich an Fiona. »Da stimme ich dir zu. Rhea zu entmachten dürfte ein schwerwiegender Fehler sein. Die Verluste auf allen Seiten stünden in keinem Verhältnis zu dem Gewinn. Wer soll das Reich regieren, und was wird das Volk tun, wenn wir das Land einfach für uns beanspruchen? Das würde nur noch mehr Chaos verursachen. Dennoch hat Rhea einen großen Verrat begangen. Vielleicht reicht es Cahira ja, wenn wir sie bestrafen.«

Silas schüttelte den Kopf. »Cahira war nie der Typ, der Menschenleben gefährdet. Bei der letzten Aufnahmeprüfung für die Ferum hat sie sogar einen der Teilnehmer gerettet, obwohl sie deshalb später im Ziel ankam. Sie ist kein egoistischer Mensch, das war sie nie …«

Silas’ Blick blieb an mir hängen, als ich schwieg. Er durchbohrte mich beinahe.

»Du weißt etwas, oder?«, fragte er.

Fiona beugte sich neugierig zu mir vor und stützte die Hände in das weiche Polster des Sofas, auf dem sie saß.

»Ich habe eine Vermutung, aber es ist … heikel.«

»Ihr zwei habt Seelentiere als Gefährten, und Cahira trägt eine lebendige Schlange auf ihrer Haut spazieren, ich denke, wir sind weit über den Punkt hinaus, dass uns noch irgendetwas schockieren könnte«, sagte Silas.

»In der Grotte in Carapaxia hat Rhea etwas gesagt, das mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Etwas, das Cahiras Verhalten erklären könnte.«

Ich brauchte einen Moment, um meine Gedanken zu ordnen. Für Silas und Fiona mussten sich diese Sekunden wie Stunden anfühlen, denn ich konnte ihnen die Ungeduld förmlich von der Nasenspitze ablesen.

»Rhea meinte, dass Natrix die Quelle allen Übels sei. Auch Aruna war ein völlig anderer Mensch, nachdem sie mit Natrix von dieser entlegenen Insel zurückgekehrt war.«

»Du willst also sagen, es liegt an dieser Schlange, dass Cahira sich so stark verändert hat?«, fragte Silas.

»Nicht jedes Seelentier tut seinem Träger gut. Es gab immer schon Herrscher, die mit der Macht nicht umgehen konnten, die von ihr verzehrt wurden …«, entgegnete Nalini.

Ein Klappern an der Fensterscheibe ließ mich aufhorchen. Fiona drehte sich zur Seite und erhob sich. Sie öffnete das Fenster, und Ciel, ihr Seelentier, schwebte ins Zimmer und ließ sich auf ihrer Schulter nieder. Er beäugte mich und Silas mit seinen schwarzen Augen, die einen starken Kontrast zu seinem hellen, leuchtenden Federkleid bildeten.

»Entschuldige die Unterbrechung.« Fiona ließ sich wieder auf dem Sofa nieder, und ich sprach weiter.

»Unsere Reise über hatte ich nicht das Gefühl, dass Natrix auf Cahira einen schlechten Einfluss hat. Zwar hat Natrix permanent beteuert, dass sie die Erbin des Schlangenthrons und als Einzige dazu in der Lage sei, in Arunas Fußstapfen zu treten. Er hat Cahira dazu gebracht, die Gruft von Tebores aufzusuchen. Doch ich befürchte, dass dieses Schwert der Grund ist, wieso Cahira sich verändert hat, und ich habe Angst, dass es noch schlimmer werden könnte.«

Ich seufzte. »Ich glaube, Natrix hat Cahira nur erwählt, weil er durch mich die Möglichkeit dazu bekam. Er befand sich in der Schlangengrube, in der ich sie … töten lassen wollte, und bemächtigte sich ihrer, um sie dazu zu benutzen, Veneria auferstehen zu lassen.«

Silas und Fiona ließen die Worte einen Moment sacken. Mir war bewusst, dass das alles nur Vermutungen waren, reine Spekulation, aber es gab jemanden, der mehr über all das wusste.

»Ich wünschte, ich könnte sagen, das klingt völlig absurd, aber … das tut es nicht.« Silas klang niedergeschlagen, und ich konnte es ihm nicht verübeln.

»Und was sollen wir jetzt tun? Ich werde Veneria in wenigen Tagen verlassen, weil ich in meinem Land genug eigene Probleme habe, denen ich mich zuwenden muss, wenn ich den Thron behalten möchte.«

»Ihr müsst zu Rhea. Sie scheint deutlich mehr über Aruna und diese düsteren Mächte zu wissen, die sie umgaben.«

»Wir sollten mit Rhea sprechen und mehr über diese Insel, die Waffe und Arunas Tod herausfinden. Rhea war damals ihre Freundin, sie muss etwas wissen.«

Silas nickte zustimmend. »Ich werde dich begleiten. Tatenlos herumzusitzen bringt mich noch um.«

Fiona suchte meinen Blick. »Glaubst du wirklich, dass Cahira euch einfach so zu Rhea, ihrer Erzfeindin, reisen lassen wird? Sie ist fest entschlossen, Rhea zu töten.«

»Wir müssen Cahira die Sache nur gut verkaufen«, entgegnete ich. Mir war bewusst, dass es schwierig werden würde, diese Reise vor Cahira zu rechtfertigen. Aber uns blieb nur diese Möglichkeit, wenn wir herausfinden wollten, was Cahira fehlte.

Plötzlich drang ein lauter Warnton durch das Schloss.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Silas, und Fiona sah sich hektisch um.

Ich wusste auch nicht, was das Geräusch zu bedeuten hatte, aber eine Sache stand fest – es war kein gutes Zeichen.

4. Kapitel

Cahira

Suchend blickte ich aus dem bodentiefen Fenster meines Gemachs. Leider erkannte ich nicht, wieso die Vipern Alarm geschlagen hatten.

»Vielleicht haben sie Neuigkeiten zu Avriels derzeitigem Aufenthaltsort?«, meinte Natrix.

»Gleich wissen wir es«, murmelte ich. Dann verließ ich mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir, bevor ich mich auf den Weg zum Thronsaal machte. Obwohl ich mich erst seit wenigen Wochen im Schloss aufhielt, war mir jeder Gang bekannt. Im Gegensatz zu Atlas, der ständig sein Zimmer oder den Thronsaal suchte und in den falschen Korridoren umherirrte. Für mich fühlte es sich an, als hätte ich schon immer hier gelebt.

»Das ist doch der eindeutige Beweis, dass du hierhergehörst.«

Zielsicher stieg ich die Stufen ins Erdgeschoss hinunter und hielt mich links, bis ich die großen Türen sah, die zum Thronsaal führten. Sie standen immer offen, weil sie derart schwer waren, dass ich nicht einmal sicher war, ob sie sich überhaupt schließen ließen.

»Meine Königin!«, rief jemand hinter mir. Ich drehte mich herum und sah eine der Vipern, die auf mich zueilte. Einige Strähnen hatten sich aus dem aufwendig geflochtenen Zopf gelöst und fielen ihr ins Gesicht. Ihre Wangen waren gerötet, was sicherlich der Eile geschuldet war. Wenige Schritte vor mir blieb sie stehen und keuchte kurz nach Luft, ehe sie weitersprach.

»Wir haben einen Gefangenen mitgebracht«, presste sie hervor.

Sofort beschleunigte sich mein Herzschlag.

»Wir …« Sie holte erneut Luft. »Wir glauben, dass er für Rhea spionieren sollte. Er trägt die klassische Rüstung ihrer Soldaten.«

Kribbelige Ungeduld erfasste mich. »Wo ist dieser Mann jetzt?«

»Ich bin vorausgeritten, um die Botschaft verkünden zu können. Die anderen Vipern sollten jeden Moment mit dem Gefangenen hier eintreffen.«

Die junge Frau kam langsam wieder zu Atem, während meine Gedanken sich unentwegt um den Spion drehten, den meine Vipern geschnappt hatten. Vielleicht kannte er Rheas Pläne und konnte uns ihre nächsten Schritte offenbaren.

»Bringt den Mann sofort in den Thronsaal, wenn er hier ist!«

Die Kriegerin verbeugte sich und nickte, ehe sie im Laufschritt aus meinem Blickfeld verschwand. Ich wandte mich ab und durchschritt den wohl imposantesten Raum des Schlosses.

Der schwarze Marmorboden glänzte, und meine Schritte hallten laut durch den leeren Thronsaal. Die Wände waren mit einer dunkelgrünen Samttapete verkleidet, die im Sonnenlicht glänzte. Davor befanden sich jeweils zu meiner Linken und Rechten zwei bodentiefe mattschwarze Banner mit dem venerischen Wappen darauf. Über meinem Kopf hing ein großer Kristallleuchter, der dem Thronsaal noch mehr herrschaftliches Flair verlieh. Anders als in Silvestria befand sich am Ende des Saals nur ein Thron und nicht drei.

Er stand erhöht, sodass ich auf den restlichen Saal hinunterblickte, sobald ich die wenigen Stufen hinaufgestiegen war. Dort angekommen setzte ich mich. Der venerische Thron war schwarz, mit feinen silbernen Ornamenten. Zwei Schlangenkörper bildeten die Armlehnen, und ihre Köpfe schauten mit tödlichem Blick in Richtung Saalmitte. Mit dem Finger fuhr ich vorsichtig über die fein gearbeiteten Schlangenschuppen, die ich deutlich spürte.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis die Vipern endlich den Saal mit dem Gefangenen betraten. Ungeduldig trommelte ich mit den Fingern auf der Lehne herum.

Zwei der Kriegerinnen hielten den Mann im festen Griff und schoben ihn mühsam nach vorn. Der Gefangene versuchte sich dagegen zu wehren, doch die Vipern ließen ihm keine andere Wahl, als sich ihrem und meinem Willen zu beugen. Grob stießen sie den Mann direkt vor die Stufen des Thrones, wo er liegen blieb und den Kopf senkte, sodass mir sein Gesicht verborgen blieb.

Seine Kleidung war dreckig, und einige der schützenden Schuppen seiner Rüstung hatten sich gelöst. Auf seiner zerrissenen Hose erkannte ich einen großen getrockneten Blutfleck.

»Ist wohl ein zäher Bursche«, zischte Natrix.

Nicht zäh genug, ging es mir durch den Kopf.

Hinter den beiden Vipern sah ich Taina, die zielstrebig auf mich zulief, neben den Gefangenen trat und sich kurz verbeugte.

»Cahira, dieser Mann lungerte versteckt an der Landesgrenze herum. Als wir versuchten, ihn zu ergreifen, leistete er heftigen Widerstand und verletzte zwei meiner Kriegerinnen schwer.«

Angewidert verzog ich das Gesicht. »Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen? Was hast du an der Grenze zu meinem Königreich getrieben? Bist du ein Spion von Rhea?«

Der Mann blieb am Boden liegen, hob nicht einmal den Kopf, als wäre er nicht in der Lage zu hören, was ich gerade gesagt hatte.

»Antworte, wenn die Königin dich etwas fragt!«, brüllte Taina und trat mit ihrem linken Stiefel gegen das verletzte Bein des Mannes.

Doch er regte sich nicht, und ich spürte das heiße Brennen in meiner Brust, das von meiner Wut stammte.

Ich erhob mich von meinem Thron, stieg die wenigen Stufen hinab, bis ich direkt neben dem Fremden stand. Mein bodenlanges Kleid raschelte leise, als ich mich zu ihm beugte und mit meiner linken Hand in sein gelocktes dunkelbraunes Haar griff. Dann zog ich seinen Kopf nach oben.

Der Mann keuchte überrascht, als ich ihm direkt in die hellbraunen Augen blickte.

»Ich wiederhole meine Fragen nicht noch einmal«, sagte ich mit drohendem Unterton. Ich zog noch fester an seinen Haaren, doch der Mann sah mich nur herausfordernd an. Mit einem Ruck ließ ich ihn los.

»Ihr habt ihm hoffentlich nicht die Zunge abgeschnitten?«, fragte ich Taina, die sofort den Kopf schüttelte.

»War er die ganze Zeit über so schweigsam?«

»Wir haben auch nichts aus ihm herausbekommen«, entgegnete sie.

»Aber die Vipern haben nicht die Werkzeuge, die du besitzt«, zischte Natrix.

Die da wären?, hakte ich in Gedanken nach.

Mittlerweile war es für mich selbstverständlich, dass ich in meinem Kopf Gesellschaft hatte und Natrix sich zu jedem meiner Gedanken äußern konnte, was er meistens auch tat.

»Wenn du willst, dass er dir antwortet, kannst du ihn leicht dazu bringen.«

Ja, nach drei oder vier Tagen im Kerker, ohne Licht und Nahrung, wird er vermutlich nicht mehr so schweigsam sein.

Aber das kostete mich wieder Zeit, die ich nicht hatte, wenn ich Rhea und Avriel voraus sein wollte.

»Das habe ich nicht gemeint.«

Und was dann? Lass dir doch nicht immer alles aus der Nase ziehen, Natrix.

»Du kannst ihn einfach zwingen, dir zu sagen, was er weiß.«

Ich schüttelte den Kopf, während Taina noch immer auf eine Reaktion von mir wartete.

Und wie soll ich das machen? Mit der puren Macht meiner Gedanken?

Natrix bewegte sich über meinen Rücken, und Tainas Augen weiteten sich, als sie ihn entdeckte. Noch vor wenigen Wochen hatte ich die Schlange versteckt gehalten, aus Angst, jemand könnte etwas von meinem Geheimnis erfahren. Jetzt trug ich Natrix voller Stolz auf meinem Körper.

»Spürst du dieses Brodeln in dir, wenn jemand etwas sagt, das dir missfällt? Wenn jemand dir widerspricht oder etwas tut, womit du nicht einverstanden bist? Diese Wut ist machtvoll, denn sie erlaubt dir, Menschen zu beeinflussen. Du kannst sie von ihren Plänen abbringen, sie dazu bringen, ihre Gedanken zu vergessen, selbst ihren eigenen Namen, wenn du das willst. Du bist jedoch auch in der Lage, tatsächliche Flammen heraufzubeschwören.«

Und wie soll mir das gelingen?, hakte ich nach.

»Du musst nur die Mauer einreißen, mit der du versuchst, deine Gefühle zu kontrollieren. Lass zu, dass dich diese heiße, brodelnde Welle der Wut mitreißt, lass sie dich führen und nimm ihre Kraft in dich auf.«

Ich lief die Stufen wieder hinauf und stellte mich neben den Thron, wobei ich den Mann im Auge behielt. Dann versuchte ich, in mich hineinzuhorchen und die Wut, die mich überrollt hatte, als der Fremde meine Frage ignoriert hatte, zu greifen. Es fühlte sich gefährlich an, als würde ich auf ein offenes, wild tanzendes Feuer zulaufen, um meine Hand hineinzuhalten und mich von den Flammen verzehren zu lassen. Doch mit jedem Schritt, den ich auf die Wut in meinem Inneren zulief, spürte ich eine mächtige Kraft, die mich durchströmte.

»Du darfst sie nicht länger bekämpfen. Sie ist ein Teil von dir. Begrüße deine neu gewonnenen Fähigkeiten, Cahira.«

Hitze durchströmte meinen Körper, und ich musste den Impuls unterdrücken, mir sämtliche Kleider vom Leib zu reißen.

»Konzentriere dich auf das, was du willst, und dann stelle ihm die Fragen noch einmal. Dann wird er antworten müssen.«

Ich hob meine rechte Hand und betrachtete meine Fingerspitzen. Ein grünliches Glimmen erschien zwischen ihnen, und feine Funken flogen durch den Saal. Ich dachte an zerstörerisches Feuer, an eine pulsierende heiße Flamme, die danach lechzte, sich von Schmerz zu nähren.

Taina sog geräuschvoll Luft ein, und der Mann hob ruckartig den Kopf an, wobei sein Blick ebenfalls auf das grüne Glimmen fiel, das auf meiner Handfläche pulsierte. Vorsichtig hob ich sie höher und konzentrierte mich auf den Soldaten.

»Was wolltest du an der Landesgrenze von Veneria? Bist du ein Spion von Rhea?« Die züngelnden Flammen in meinem Inneren waren so stark, dass ich kurz taumelte. Dann richtete ich meine Hand direkt auf den Mann und beobachtete, wie die grünen Funken auf ihn übersprangen. Sie umtänzelten seinen Körper, ehe sie in ihn eintauchten und verschwanden. Der Mann riss die Augen auf, ehe er sich vor Schmerzen auf dem dunklen Marmorboden wand. Er schrie, schlug mit den Händen immer wieder auf den Boden.

»Nein, nein, nein …«, schrie er, als würde er einen Kampf mit sich selbst führen. Dabei führte er ihn gegen mich. Von nun an wiederholte ich die Fragen in Gedanken, weil ich wusste, dass er sie in seinem Kopf hörte.

»Was geschieht mit mir?« Er winselte und versuchte, Abstand zwischen uns zu bringen, indem er auf dem Rücken liegend nach hinten robbte. Doch Taina stellte sich ihm sofort in den Weg. Er umfasste ihre Beine und flehte sie an, sie möge ihn retten. Doch Tainas Gesichtsausdruck blieb eisern. Langsam ging ich auf ihn zu, und mit jedem Schritt, den ich näher kam, spürte ich seine wachsende Angst.

Bist du ein Spion von Rhea?

Er wich meinem Blick aus.

»Ja«, presste er dennoch hervor. Als er begriff, was er gesagt hatte, riss er erneut die Augen auf.

»Was hast du in Veneria zu suchen?«

»Ich … Ich sollte ü…über besondere Aktivitäten im Schloss …berichten«, stotterte er. Sein Gesicht war vor Anstrengung rot, und über seine Haut hatte sich ein feiner Schweißfilm gelegt.

Das ist unglaublich!, sagte ich zu Natrix.

»Je mehr du diese Fähigkeit trainierst, desto machtvoller wird sie. Aruna konnte beinahe hundert Menschen gleichzeitig kontrollieren.«

Der Gefangene zitterte. Ob ich seine Qualen beenden sollte?

»Wieso willst du ihn verschonen? Er hat keine Gnade verdient.«

Da fiel mir noch eine weitere Frage ein, die ich diesmal laut aussprach. »Sind da draußen noch mehr Spione?«

»Ja«, stöhnte der Mann leise.

Triumphierend lächelte ich. »Ich frage mich, wie lange ein so schweigsamer Mann wie du die Luft anhalten kann.«

Sofort hörte er auf zu atmen. Die Sekunden verstrichen, und ich sah deutlich die Verzweiflung in seinem Blick. Obwohl er keinen freien Willen mehr besaß, war ein kläglicher Rest von ihm noch immer da. Er war ein Gefangener in seinem eigenen Körper.

»Cahira, was zur Hölle tust du da?«, schrie Atlas mir entgegen.

Als ich den Kopf hob, entdeckte ich neben Atlas auch Fiona und Silas, die in der großen Flügeltür standen. Sie sahen mich alle drei mit offenem Mund an.

Fast zeitgleich schlug der Kopf des Mannes auf den Boden, als dieser das Bewusstsein verlor.

5. Kapitel

Atlas

Ich spürte Fionas Hände auf meiner Schulter, doch ich schob sie beiseite und stürmte den Thronsaal entlang, direkt auf Cahira zu. Aus dem Augenwinkel erkannte ich die Vipern, die mich vom Rande des Saals aus beobachteten und vermutlich abwägten, ob sie einschreiten sollten oder nicht.

»Was ist nur los mit dir?«, schrie ich Cahira an. In diesem Moment war es mir egal, ob alle Anwesenden mitbekamen, dass ich ihre Taten missbilligte.

»Ich weiß nicht, was du meinst«, sagte sie ruhig und provozierte mich dadurch nur noch mehr.

»Dann helfe ich dir gern auf die Sprünge – das, was du da tust, ist Folter!«

Sie sah mich mit ihren pechschwarzen Augen an. Es schien, als würde ich in einen düsteren Abgrund blicken, der nur Tod und Verderben in sich barg.

»Ich habe den Mann nicht einmal angerührt«, antwortete sie mit Empörung in der Stimme und hob abwehrend die Hände in die Höhe.

Ich trat näher an sie heran, weil die folgenden Worte nur für sie bestimmt waren. »Wir wissen beide gut genug, dass du keine Berührungen brauchst, um großen Schaden anzurichten.«

Kurz flackerte etwas in ihrem Blick auf, doch es war so schnell verschwunden, dass ich nicht sagen konnte, ob es Verachtung oder verletzter Stolz gewesen war.

Sie hob die linke Hand und legte sie an meine Wange. Ihre Haut war eiskalt, weshalb ich schauderte. Dabei war es eine intime Geste, etwas, das mir sonst ein warmes Gefühl durch den Körper schickte, doch diesmal bekam ich Angst. Angst vor dem, was Cahira mir vielleicht antun würde, weil ich sie offen kritisiert hatte.

»Dieser Mann ist eine Gefahr für uns alle, Atlas. Er ist unser Feind, und ich tue alles, um die meinen vor noch mehr Schaden und Schmerz zu bewahren. Dazu gehörst auch du, Liebster.« Sanft streichelte sie über mein Gesicht, und ein zartes Lächeln huschte über ihre vollen dunkelroten Lippen. Doch es wirkte eher wie eine Drohung und nicht wie ein Zeichen von Zuneigung.

Obendrein klangen Cahiras Worte wie auswendig gelernt, eine Rechtfertigung des Grauens. Sie wurden nicht wahrer oder richtiger, nur weil sie sie mit sanfter Stimme aussprach.

Vielleicht konnte sie andere glauben lassen, sie hätte sich nur zu dieser Tat hinreißen lassen, um ihr Reich vor Schaden zu bewahren. Doch ich durchschaute ihr Spiel. Mein Vater hatte diese Art der Manipulation perfektioniert, war mit seiner Stimme, seiner Gestik und Mimik in der Lage gewesen, die Menschen für sich einzunehmen.

Anscheinend hatte Fiona sich geirrt – Cahira hatte sich sehr wohl an das Königinnen-Dasein gewöhnt, allerdings hatte sie sich dazu entschieden, all ihre Prinzipien über Bord zu werfen und Menschen zu foltern, wenn sie ihr nicht gaben, was sie von ihnen verlangte.

»Es gibt andere Wege, als jemanden zu Tode zu quälen. Atmet der Mann überhaupt noch?« Ich ging zu dem reglosen Körper und kniete mich neben ihn. Vorsichtig drehte ich ihn herum und hielt mein Ohr über seinen Mund, in der Hoffnung, ein Lebenszeichen zu vernehmen.

»Spielt es wirklich eine Rolle, ob er noch lebt? Er würde nicht zögern, dich oder mich im Kampf zu töten.«

»Und wessen Schuld ist das?«

Cahiras Gesicht verfinsterte sich. Ihr Blick wurde steinhart, und ich war mir sicher, dass es kälter im Saal geworden war.

»Schafft ihn weg und schließt die Tür hinter euch. Dieses Gespräch führen Atlas und ich allein!«, rief sie den Vipern im Saal zu.

Taina bedachte mich mit einem kurzen Blick, der wie eine Warnung wirkte, ehe sie gemeinsam mit einer weiteren Viper den leblosen Körper hochhob und den Saal gefolgt von den anderen Kriegerinnen verließ. Der Mann war tot, und Cahira trug die Schuld daran.

Mein Blick fiel auf Fionas und Silas ernste Gesichter, die den Saal ebenfalls räumten.

»Ich will mich nicht mit dir streiten, Atlas. Aber erkläre mir bitte, wieso du an allem, was ich tue, etwas auszusetzen hast. Glaubst du, du bist der Einzige, der weiß, wie man ein Land regieren kann?«

Sie sah mich offen an, doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass zwischen den Zeilen eine weitere Botschaft lauerte. War Cahira der Meinung, dass ich Silvestria schlechter führte als sie Veneria? Womöglich hatte sie recht, denn seit ich König war, regierte ich kaum. Stattdessen hatte ich mich auf der Flucht befunden, und jetzt war ich hier, um Cahira bei ihren Angelegenheiten zu helfen. Dabei brauchte mein Volk mich genauso vor Ort wie Fionas.

Ich trat einen Schritt auf Cahira zu. »Weißt du noch, als wir uns nach der Flucht aus Falconia im Wald verstecken mussten und diese beiden Soldaten aufgetaucht sind? Ich wollte sie um jeden Preis überwältigen, um an das Pferd und die Waffen zu kommen.«

»Die Erinnerungen an diese Zeit sind … verschwommen«, sagte sie.

Dabei wussten wir beide, dass sie log. Das Ereignis war erst wenige Wochen her, auch wenn es sich wie Jahre anfühlte.

»Du hast mich angefleht, sie am Leben zu lassen.«

Sie rümpfte die Nase. »Ich habe ganz sicher nicht gefleht.«

»Die Cahira, die ich kenne, wollte niemanden töten. Sie wollte Frieden und Sicherheit. Doch das, was du eben getan hast, ist das genaue Gegenteil davon.«

»Dennoch kann und werde ich nicht dulden, dass du mich vor meinen Leuten so bloßstellst, Atlas! Du bist Gast in Veneria. Also solltest du dich auch so verhalten.«

Ihre Worte versetzten mir einen unangenehmen Stich.

»Wenn wir nur Gäste sind, dann können wir auch zurück nach Silvestria reisen«, knurrte Nalini. Es war ein Wunder, dass sie so lange still gewesen war.

»Vielleicht sollte ich den Besuch in Veneria dann lieber beenden. Immerhin habe ich ein Volk, das auf mich wartet und meiner Führung bedarf.«

»Erst lässt Fiona uns im Stich, und jetzt willst auch du einfach verschwinden? Soll ich diesen Krieg etwa ganz allein gewinnen? Während ihr in euren Reichen die Füße hochlegen könnt? Ist es das, was ihr wollt?«, fauchte Cahira.

»Als Gast habe ich doch ohnehin nicht viel zu sagen. Es scheint, als hättest du schon längst entschieden, wie es weitergeht, völlig egal, was ich oder Fiona von allem halten. Dabei sollten wir als Verbündete eine gleichwertige Stimme besitzen.«

Cahira ballte die Hände zu Fäusten und rang sichtlich um Fassung. Die tiefe Falte auf ihrer Stirn zeigte sehr deutlich, dass sie wütend war.

»Ist das dein Ernst? Avriel hat deine Eltern getötet. Und dir scheint das vollkommen gleichgültig zu sein. Er muss für seine Taten büßen. Genauso wie Rhea. Bin ich die Einzige, die sieht, was für eine Gefahr sie für den Frieden sind?«

Unwillkürlich biss ich die Zähne zusammen. Cahira wusste ganz genau, wie sehr mich der Tod meiner Eltern getroffen hatte, und dass mir aufgrund der vielen Ereignisse kaum Zeit vergönnt gewesen war, um sie zu trauern.