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Wem vertraust du, wenn du dir selbst nicht mehr trauen kannst? Was machst du, wenn du nach einem Autounfall ohne Erinnerungen am Rande einer Straße aufwachst? Was, wenn dich ein Mann, der sich als dein Vater ausgibt, von der Polizeistation abholen will? Er hat deine Dokumente, zeigt Familienfotos, alles passt so gut zusammen. Dein Name ist Mary. Das sagt er zumindest. Drew ist am Rande der Verzweiflung. Schon seit Wochen ist Lola verschwunden, und was läge da näher, als dass er, ihr Freund, sie ermordet hat?! Davon scheinen zumindest die Bewohner der Stadt überzeugt. Drew lässt nichts unversucht, seine Freundin zu finden. Denn es ist noch nicht alles verloren - oder? Ein Wettlauf um die eigene Erinnerung - Nervenkitzel bis zur letzten Seite! »Dieses Buch hat mich von Anfang an gepackt und bis zum unglaublichen Ende nicht mehr losgelassen. Die Geschichte ist temporeich, spannend und durchgehend intensiv. Ich weiß nicht wie Megan Lally dieses grandiose Debüt noch toppen will« - Goodreads Review, 27.07.2024
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Aus dem Englischen von Stefanie Frida Lemke
Wem vertraust du, wenn du dir selbst nicht mehr trauen kannst?
Was machst du, wenn du nach einem Autounfall ohne Erinnerungen am Rande einer Straße aufwachst? Was, wenn dich ein Mann, der sich als dein Vater ausgibt, von der Polizeistation abholen will? Er hat deine Dokumente, zeigt Familienfotos, alles passt so gut zusammen. Dein Name ist Mary. Das sagt er zumindest.
Drew ist am Rande der Verzweiflung. Schon seit Wochen ist Lola verschwunden, und was läge da näher, als dass er, ihr Freund, sie ermordet hat?! Davon scheinen zumindest die Bewohner der Stadt überzeugt. Drew lässt nichts unversucht, seine Freundin zu finden. Denn es ist noch nicht alles verloren – oder?
Ein Wettlauf um die eigene Erinnerung – Nervenkitzel bis zur letzten Seite!
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Danksagung
Viten
Für meinen Dad.
Du hättest dich so gefreut.
Ich werde dich immer vermissen.
Ich glaube, ich bin vielleicht tot.
Ich versuche, mich zu orientieren, aber ich kann nichts sehen. Ich spüre nichts. Noch nicht mal meinen Körper. Das Fehlen jeglichen Gefühls, diese erdrückende Stille … es ist unerträglich. Ich will, dass es aufhört …
Bis der Schmerz einsetzt.
Mit einem Mal spüre ich ihn am ganzen Körper. Ich versuche, den Ursprung zu benennen, aber es tut einfach alles weh.
Meine Hand zuckt und ich ertaste etwas Kratziges unter mir. Ich liege auf dem Bauch, irgendwas Spitzes sticht mir in die Rippen. Als ich den Unterkiefer bewege, fühle ich etwas Feuchtes an der Wange. Es riecht nach Verwesung und alten Blättern.
Die Angst lässt meinen Puls in die Höhe schnellen.
Ich befinde mich draußen? Wie zum Teufel bin ich hierhergekommen? Ich will mich umsehen, aber als ich versuche, die Augen zu öffnen, kratzen meine Augenlider darüber, als würden meine Wimpern aus Scherben und Nägeln bestehen. Reflexartig kneife ich die Augen zusammen, noch bevor ich die Chance habe, mich zu orientieren.
Ein Motor heult auf und ich verkrampfe, Schmerz schießt mir in die Arme. Die Haare wehen mir ins Gesicht, als ein Fahrzeug vorbeirast, dann ist es wieder still.
Ich liege also an einer Straße. Hat die Person im Auto mich nicht gesehen? Warum hat sie nicht angehalten? Wieder versuche ich, etwas zu erkennen. Meine Augen tränen. Blinzelnd schüttele ich mir die Haare aus dem Gesicht.
Verdammt. Es ist total finster.
Keine Straßenlaternen, keine Häuser. Noch nicht mal Sterne am Himmel.
Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Kein Wunder, dass das Auto nicht angehalten hat. Ich liege in einem Graben, zwischen lauter Blättern und Farn. Zweige ragen wie Klauen in die Luft. Der Graben befindet sich neben einer schmalen Schotterstraße, die von mir weg auf ein verschwommenes Gewirr aus Bäumen zuführt.
Die Panik schnürt mir den Hals zu, während mir noch mehr Fragen durch den Kopf gehen, auf die ich keine Antwort habe.
Wo zum Teufel bin ich?
Wie bin ich hierhergekommen?
Befinde ich mich in Gefahr?
Warum tut mir alles so sehr weh?
Ich muss aufstehen. Ich weiß zwar nicht, wo ich hinsoll, aber mich zu bewegen, kommt mir sicherer vor, als liegen zu bleiben. Ich bohre die Finger in die Erde und versuche, die Knie unter mich zu bekommen. Da merke ich erst, wie kalt mir ist. Ich spüre kaum meine Fingerspitzen.
Meine Arme geben fast nach, doch schließlich schaffe ich es aufzustehen und jaule unwillkürlich auf.
Es fühlt sich an, als hätte ich überall blaue Flecken. Einen Augenblick vergesse ich, wie atmen funktioniert. Der Schmerz ist überall. Der Herzschlag dröhnt mir in den Ohren und erst nach mindestens elf Ba-dums kann ich wieder Luft holen.
Die Tränen laufen mir übers Gesicht und meine Wangen brennen. Mit eisigen Fingern berühre ich meine Nase. Sie fühlt sich heiß an. Geschwollen. Als ich die Hand wieder senke, sind meine Finger dunkel und nass. Ich schmecke Blut.
Scheiße. Vielleicht ist meine Nase gebrochen.
Ich muss hier weg.
Auch die andere Richtung des Weges wirkt wenig vielversprechend, nichts als Schotter und Bäume. Langsam klettere ich aus dem Graben. Dornen zerkratzen mir die nackten Arme. Ich ducke mich unter einem Ast hindurch und die Zweige greifen nach mir wie Hände.
Ohne Vorwarnung taucht ein Bild vor meinem inneren Auge auf. Winzige quadratische Türen mit Schlüssellöchern in einem Kasten neben der Straße. Vielleicht ein Sammelbriefkasten? Eine defekte Straßenlaterne. Riesige Hände, die nach mir greifen.
Erschaudernd stolpere ich auf die Straße.
Mein Herz rast so sehr, dass mir schon die Rippenmuskeln wehtun.
Was zum Teufel war das?
Hat da eben wer nach mir gegriffen?
Einfache Fragen, aber mein Hirn rückt null Infos raus. Es stochert im Leeren. Als wäre da eine Mauer zwischen mir und dem Verstehen dessen, was gerade passiert. Ich beiße die Zähne zusammen und mache noch einen Schritt. Ich brauche Hilfe. Vielleicht kommt noch ein Auto vorbei oder ich finde ein Haus. Ich muss weitergehen.
Ich weiß nicht, wie lange ich so vor mich hin stolpere, aber es fühlt sich an wie Stunden. Ich verliere gedanklich ständig den Fokus, sodass ich mich irgendwann frage, ob ich dabei bin, das Bewusstsein zu verlieren.
Vielleicht ist es schon passiert. Vielleicht bilde ich mir die Vorwärtsbewegung nur ein und ich liege immer noch im Graben. Oder noch schlimmer, vielleicht bin ich tatsächlich tot und das hier ist die Hölle. Ein endloses Fegefeuer aus Schmerz und Einsamkeit, durch das ich bis ans Ende aller Tage wandeln muss, auf der Suche nach Hilfe, die nie kommen wird.
Da flackern hinter mir rote und blaue Lichter und färben die Straße ein. Die Sirene eines Polizeiautos erschreckt mich derart, dass ich fast umfalle, doch die Erleichterung ist stärker und hält mich aufrecht. Ich werde Hilfe bekommen. Mit knirschenden Reifen bleibt das Auto hinter mir stehen und im Scheinwerferlicht sehe ich meinen Schatten auf dem Schotter. Ich will mich umdrehen …
»Hände hoch! Keine Bewegung!«, ruft ein Mann.
Automatisch hebe ich die Hände und einen Moment später höre ich eine Autotür zuknallen.
Was ist hier los? Hab ich etwas getan? Bin ich deswegen hier? Laufe ich vor der Polizei weg?
Sollte ich jetzt laufen?
»Umdrehen!«
Ich tue wie befohlen. Im grellen Scheinwerferlicht des Streifenwagens muss ich blinzeln. Ein Polizist steht neben dem Auto, das Gesicht in Schatten, die Hand auf der Pistole im Holster. Ich spüre, wie mir das letzte bisschen Farbe aus dem Gesicht weicht, denn als ich im Scheinwerferlicht an mir selbst herabblicke, sehe ich nichts als Erde und Blut.
So viel Blut.
»Himmel, du bist ja noch ein Kind«, sagt der Polizist und nimmt die Hand von der Waffe. Er kommt langsam auf mich zu. »Was ist mit dir passiert? Hat dir jemand was getan?«
Ich öffne den Mund, um zu antworten, doch da geben die Beine unter mir nach, ich falle und reiße den Polizisten, der herbeieilt, um mich zu halten, gleich mit.
Er sagt etwas ins Funkgerät an seiner Schulter, doch durch das laute Rauschen in meinen Ohren verstehe ich ihn nicht. Ich starre auf meine Hände, meine Jeansleggins, mein hellgraues T-Shirt – alles ist voll von getrocknetem Schlamm und dunklen Blutrinnsalen.
Hände greifen nach meinen Schultern. Ich sehe den Polizisten an und durch den Nebel dringen seine Worte zu mir durch.
»Kannst du mich hören? Ein Krankenwagen ist auf dem Weg, aber ich muss wissen, wer du bist«, sagt er. »Wie heißt du?«
Wie ich heiße?
Blinzelnd sehe ich ihn an und will ihm antworten, doch egal, wie oft ich es versuche, ich stoße jedes Mal gegen diese Mauer in meinem Kopf. Wie heiße ich? Das ist doch an sich keine schwierige Frage. Ich versuche, ruhig zu atmen, aber es ist zu viel. Ich fange an zu hyperventilieren. Wieder treten mir die Tränen in die Augen.
Wie heißt du?
Ich greife mir an den pochenden Schädel. »Ich weiß es nicht!«
Die grauen Wände der Polizeistation sehen genauso leblos aus, wie ich mich fühle.
Am Tisch mir gegenüber sitzt der Streifenpolizist, der mich gefunden hat, Officer Bowman. Wir befinden uns in einem Besprechungszimmer – vielleicht ist es auch ein Verhörraum. Es gibt nur ein Fenster. Es zeigt zum Gebäudeinneren und ist verspiegelt. Officer Bowman hat die Tür allerdings offen gelassen, von daher bin ich wohl nicht eingesperrt. Wenigstens etwas.
Seit ich es abgelehnt habe, medizinisch versorgt zu werden, kaut Bowman unaufhörlich auf seiner Unterlippe.
Ich weiß vielleicht nicht, wer ich bin, aber ich weiß ganz genau, dass mich niemand zwingen kann, ins Krankenhaus zu gehen, wenn ich es nicht will. Grelle Lichter und laute Geräusche, noch mehr unbekannte Gesichter, keine Ahnung, wer eine Bedrohung darstellt und wer nicht … Nein danke.
Vor ein paar Stunden haben mir die Sanis das ganze Blut abgewaschen, das offenbar nur aus meiner Nase gekommen war. Sie ist geprellt, nicht gebrochen, trotzdem tut sie höllisch weh. Und ich habe eine Beule am Kopf. Die nächsten Tage soll ich auf Anzeichen einer Gehirnerschütterung achten. Die anderen Verletzungen sind nur oberflächlich, haben die Sanis gesagt und verpflastert, was ging.
»Du siehst schlimm aus«, sagte Officer Bowman, nachdem die Sanis ein letztes Mal vergeblich versucht hatten, mich zu überreden, ins Krankenhaus mitzukommen. »Wir müssen uns eigentlich an ein bestimmtes Verfahren, eine Vorgehensweise, halten. Du solltest dich von einer Ärztin untersuchen lassen. Bei Anzeichen für eine auf Vergewaltigung …«
Den Rest habe ich ausgeblendet. Über manches kann ich einfach nicht nachdenken. Nicht heute. Vielleicht auch nie. Und das gehört definitiv dazu.
Als sie schließlich einsehen mussten, dass ich nicht ins Krankenhaus mitkomme, wechselten die beiden Sanis und Officer Bowman einen kurzen Blick und ließen mich dann auf der Liege im Krankenwagen allein, um sich draußen zu unterhalten. Wenn sie nicht wollten, dass ich sie höre, hätten sie allerdings flüstern sollen. Diese unheimliche Straße war so ruhig wie ein Grab und nichts hielt ihre Stimmen davon ab, zu mir hereinzudringen.
»Die Blutergüsse sehen ziemlich neu aus. Ich würde sagen, sie sind aus den letzten zwei Stunden. Das sind frische Prellungen«, sagte der große, drahtige Sanitäter. »In Kombi mit den Verletzungen im Gesicht könnte das auf einen Aufprall hindeuten. Vielleicht einen Autounfall. Sie hat zwar keine Blutergüsse von einem Sicherheitsgurt, aber die Verletzung der Nase könnte von einem Airbag oder einem Lenkrad stammen. Die Schädelprellung links könnte darauf hindeuten, dass ihr Kopf gegen die Scheibe an der Fahrerseite geprallt ist. Aber das ist nur eine Vermutung. Wie auch immer, ihre Vitalfunktionen sind in Ordnung. Sie befindet sich nicht in akuter gesundheitlicher Gefahr.«
Ich klammerte mich an diese Version der Ereignisse, während ich die Hände in die Papierauflage der Liege krallte. Ein Autounfall war besser als die anderen, verstörenderen Möglichkeiten. Und erforderte keine wie nach Vergewaltigungen übliche Untersuchung.
Bowman machte sich Notizen, während der Große, Drahtige zurück in den Krankenwagen geklettert kam und mir ein neues Kühlpad reichte. »Alles Gute«, sagte er und half mir von der Liege.
Das Kühlpad liegt jetzt zwischen Officer Bowman und mir auf dem Tisch, inzwischen ist es warm. Ich bin schon seit Stunden hier. Officer Bowman sieht mich aus zusammengekniffenen Augen an, als warte er nur darauf, dass ich anfange zu schreien oder dass mein Kopf sich um 360 Grad dreht. Und wer weiß, vielleicht fehlt nicht mehr viel. Ich meine, ich bin praktisch eine Figur aus einem Teenie-Horrorfilm.
Mit Blut bedeckt? Check.
Voller Prellungen? Check.
Mitten in der Nacht verängstigt umhergeirrt? Check.
Neben dem zimmerwarmen Kühlpad steht ein dampfender Becher heiße Schokolade, doch ich greife nicht danach. Ich rühre mich nicht. Ich sage kein Wort. Und versuche auch nicht, nachzudenken, während ich dasitze, in die kratzige Decke gewickelt, die Officer Bowman mir um die Schultern gelegt hat. Denn die Alternative wäre, einen Weg um die Lücken in meinem Gedächtnis herum zu finden, und das schaffe ich gerade einfach nicht.
Officer Bowman lehnt sich vor und sein Stuhl quietscht. Er ist noch relativ jung. Vielleicht Mitte oder Ende zwanzig. Mit seinem Babyface und den erwartungsvoll dreinblickenden blauen Augen erinnert er an einen Lemuren mit Polizeiabzeichen. »Du musst was trinken«, sagt er und nickt in Richtung Becher. »Du stehst vielleicht unter Schock.«
Ich zucke die Achseln.
Nachdem die Sanis weg waren, hat Bowman seine Vorgehensweise geändert. Anscheinend will er nun alles tun, damit es mir besser geht. An die Fahrt aufs Revier kann ich mich kaum erinnern. Doch als wir hier ankamen und er meine dreckigen Schuhe bemerkte – keine Ahnung, welche Farbe sie vor dem Bad in Blut und Schlamm hatten –, hat er mir ein Paar sauberer schwarzer Socken aus seiner Arbeitstasche und ein Sweatshirt gegeben. Das Sweatshirt ist marineblau und rechts oben steht »Alton Police Department«. Es passt ungefähr so gut wie ein Duschvorhang, aber der Stoff ist weich und warm.
Als ich trocken war, lächelte Bowman freundlich. »Fühlst du dich besser?«
Das tat ich tatsächlich. Bis zu dem Moment, als ich mein Spiegelbild im dunklen Innenfenster sah und die Person, die mich daraus anstarrte, nicht erkannte. Jetzt will ich nicht mehr reden. Nie mehr. Ich habe ihm eh nichts mitzuteilen. Ich bin sogar für mich selbst eine namenlose Unbekannte mit dem Gesicht einer Fremden.
»Junge Dame«, sagt er. »Kannst du mich hören?«
Ich nicke.
»Junge Dame, du musst was trinken. Ich würde dich wirklich gern ins Krankenhaus bringen. Du bist sehr blass.«
Der Gedanke an die Notaufnahme ruft eine neue Welle der Angst in meinem Körper hervor. Blass sein ist die letzte meiner Sorgen. Ich schüttele den Kopf.
Officer Bowman seufzt. »Junge Dame …«
Ich funkele ihn an. »Hören Sie auf, mich so zu nennen.«
Er lehnt sich auf dem quietschenden Stuhl zurück. »Okay. Wie soll ich dich nennen?«
Verdammt gute Frage. »Keine Ahnung. Aber nicht so.«
Meine Stimme klingt weit entfernt. War das eines der Anzeichen für eine Gehirnerschütterung, vor denen mich der Sanitäter gewarnt hat? Ich hätte besser zuhören sollen.
Officer Bowman schiebt mir den Becher zu. »Ich schlage dir was vor. Du trinkst was hiervon und hilfst mir rauszufinden, woher du gekommen bist, und ich höre auf, dich junge Dame zu nennen, und ich nerve dich nicht mehr wegen des Krankenhauses. Fürs Erste.«
Ich beäuge ihn argwöhnisch.
»Du hast eine schlimme Beule, aber du bist wach und ansprechbar. Du kannst allein laufen und das Licht hier drin scheint dir nichts auszumachen. Solltest du aber anfangen, undeutlich zu sprechen, das Gleichgewicht verlieren, dich übergeben oder in Ohnmacht fallen oder irgendwelche anderen Anzeichen einer Gehirnerschütterung zeigen, bringe ich dich in die Notaufnahme. Jetzt hole ich dir erst mal ein neues Kühlpad und wir reden. Okay?«
Meinetwegen. Ich nicke und trinke einen Schluck.
Ich werde es ihm gegenüber nicht zugeben, aber die Wärme im Hals fühlt sich gut an. Der Kakao plumpst in meinen Bauch wie ein Stein in eine Grube und ich frage mich, wann ich zuletzt etwas gegessen habe.
Als Bowman den Raum verlässt, ziehe ich die Decke um meine Schultern zurecht. Die Wolle kratzt im Nacken, aber ich habe keine Energie, mich wirklich daran zu stören. Zwischen der Decke und dem Sweatshirt ist ein warmer Kokon um mich herum entstanden, trotzdem höre ich nicht auf zu zittern.
Bowman kommt mit einem frischen Kühlpad zurück. Vorsichtig drücke ich es mir an die Schläfe. Es brennt, stillt aber den pochenden Schmerz.
Er zieht sein Notizheft aus der Tasche und setzt sich. »Okay, dann reden wir mal. Ich will erst mal klarstellen, dass du nicht in Schwierigkeiten steckst. Ich will nur herausfinden, was mit dir passiert ist.«
Woher will er wissen, ob ich in Schwierigkeiten stecke oder nicht, wenn weder er noch ich einen blassen Schimmer haben, wo ich hergekommen bin? Ich könnte wem mit dem Messer ins Gesicht gestochen haben und er hätte keine Ahnung. »Da sind wir schon zwei.«
Er runzelt die Stirn. »Du hast wirklich keinerlei Erinnerung daran, was war, bevor du in dem Graben aufgewacht bist?«
Ich schüttele den Kopf. »Ich weiß noch, dass ich Hände nach mir greifen gesehen habe, aber das war vielleicht nur die Dunkelheit.«
Er schreibt etwas auf. »Weißt du, wie alt du bist?«
»Nee.«
»Was ist mit deiner Familie? Kannst du mir sagen, wer deine Eltern sind?«
Ich starre auf die Uhr an der Wand und sehe zu, wie der Sekundenzeiger immer weitertickt. »Nein.«
»Okay. Du gehst bestimmt noch zur Schule. Kannst du dich an den Schulnamen erinnern? Euer Maskottchen? Eine Telefonnummer? Irgendwas?«
Wieder zucke ich die Achseln. »Keine Ahnung.«
»Bist du abgehauen?«
»Weiß ich auch nicht.«
»Könnte es sein, dass du einen Autounfall hattest?«
Ich seufze schwer. Wie oft muss ich es noch sagen, bis er kapiert, dass ich mich nicht erinnern kann?
Als ich nicht antworte, runzelt er wieder die Stirn und tippt sich mit dem Stift ans Kinn. »Okay. Neuer Plan. Bin gleich wieder da.« Er verschwindet ins Hauptbüro und kommt kurz darauf mit einem Laptop zurück. »Ehrlich gesagt ist das hier weit jenseits meiner Gehaltsklasse. Eigentlich schreibe ich Knöllchen wegen Geschwindigkeitsüberschreitung. Ich habe meinem Chef eine Nachricht geschickt, aber wahrscheinlich meldet er sich erst morgen früh, wenn das Revier wieder öffnet, und so lange will ich nicht warten.«
Da bin ich ja mal gespannt.
»Wir können in der Zwischenzeit schon mal anfangen, die Vermisstenanzeigen durchzusehen, erst die der Stadt und dann in einem weiteren Umkreis. Irgendwer muss dich ja vermissen, vielleicht finden wir dein Gesicht hier in der Datenbank, zusammen mit deinem Namen und Kontaktinformationen deiner Familie. Das könnte eine Weile dauern, aber rauszufinden, wer du bist, ist der erste Schritt, um rauszufinden, was passiert ist. Wollen wir mal sehen, ob wir was finden?«
Ich nicke und er fängt an zu tippen.
Die nächste Stunde verbringen wir mit dem Durchforsten der Datenbanken. Die der Stadt haben wir sehr schnell durch, denn es gibt nur eine einzige vermisste Person, einen alten Mann, der aussieht wie der Weihnachtsmann, auf einer Kneipentour »verschwunden« ist und laut Bowman in zuverlässigen Abständen auf der städtischen Vermisstenliste landet. Schließlich geht er zur Datenbank des Countys über. Wie ich erfahre, liegt Alton ungefähr auf halber Strecke der Küstenlinie von Oregon.
Ich warte, dass sich irgendein Gefühl der Vertrautheit einstellt, vergebens. Ich kann Officer Bowman noch nicht mal sagen, ob ich in diesem Bundesstaat lebe. Wie seltsam ist das, bitte?
Ich sitze die meiste Zeit nur da und trinke meine heiße Schokolade. Er überredet mich noch zu einem zweiten Becher und schafft es schließlich auch, mir das Sandwich anzudrehen, das er für seine Nachtschicht dabeihat.
»Okay, du bist definitiv keine elf mehr, das Profil fällt also raus«, murmelt Bowman gegen halb zwei Uhr morgens. Er klickt weiter zum nächsten Eintrag und sieht blinzelnd auf den Bildschirm.
Ich frage mich, wie lange wir damit noch weitermachen. Irgendwann muss ich ja gehen, oder? Der Gedanke erfüllt mich mit Angst. Wo soll ich bloß hin?
»Was passiert, wenn wir nicht herausfinden, wer ich bin?«, frage ich.
Er sieht mich mit seinen freundlichen Lemuren-Augen an. »Du bist gut gekleidet – darüber täuscht auch das Blut nicht hinweg. Du trägst Markenschuhe. Du bist gesund. Du wirkst nicht so, als hättest du auf der Straße gelebt. Du musst irgendwo Familie haben. Entweder finden wir sie oder sie findet dich. Kann gut sein, dass wir dich morgen an ein besser ausgestattetes Revier übergeben können. Das hier ist schließlich eine ziemlich kleine Wache in einer ziemlich kleinen Stadt. Die größeren Reviere haben ganz andere Möglichkeiten. Ich dagegen muss diese Anzeigen alle einzeln durchgehen und habe noch nicht mal die Hälfte der Vermissten in unserem County durch. Vom Bundesstaat oder darüber hinaus ganz zu schweigen.«
Ich nicke. Das ergibt irgendwie Sinn. Diese Wache besteht praktisch aus einem offenen Raum mit zwei Schreibtischen, diesem Besprechungszimmer, einem kurzen Flur mit Toiletten, einem Pausenraum mit Kopiermaschine und einer Zelle.
Auf einmal ertönt im vorderen Bereich der Wache ein lautes Hämmern. Ich springe von meinem Stuhl auf und rette mich in die Zimmerecke.
Officer Bowman wirft einen prüfenden Blick durch den Türspalt und wendet sich mir mit erhobenen Händen zu. Eine Geste, die das verängstigte Tier vor ihm beruhigen soll. Erneutes Hämmern an der Eingangstür. »Du bist hier in Sicherheit. Niemand wird dir was tun.«
Ich nicke. Mein Schädel dröhnt, weil ich so schnell aufgesprungen bin, und mein Herz hämmert wie ein Refrain von Lizzo.
Ah, guck an. Ich erinnere mich an Lizzo. Wenn nichts anderes hierbei rauskommt, weiß ich zumindest, dass ich einen guten Musikgeschmack habe.
»Warte hier. Ich bin gleich wieder da«, sagt Officer Bowman. Er verschwindet über den Flur und dann höre ich, wie die Eingangstür geöffnet wird. »Kann ich Ihnen helfen?«
Aus diesem Winkel sehe ich ihn nicht mehr. Ich ziehe die Decke fester um mich und schleiche zur Tür. Wer bitte taucht so spät vor einem geschlossenen Polizeirevier auf?
»Oh, das hoffe ich«, sagt ein Mann. Seine Stimme ist viel tiefer als Bowmans, aber auch viel leiser. Ich muss mich vorbeugen, um ihn hören zu können. »Meine Tochter ist verschwunden. Sie geht nicht ans Handy und ich bin jetzt schon stundenlang umhergefahren, ohne sie zu finden. Ich glaube, ich muss eine Vermisstenanzeige aufgeben.«
Wow. Hat Bowman recht? Hat meine Familie mich etwa gefunden?
Ich gehe ein Stückchen weiter, bis ich gute Sicht auf den Flur habe. Bowman steht vor der Eingangstür, die nur einen Spalt weit geöffnet ist, und blockiert mir die Sicht auf den Mann vor ihm.
»Wie heißen Sie?«, fragt Officer Bowman.
»Wayne Boone.«
»Okay, Mr Boone. Wie alt ist ihre Tochter und wie sieht sie aus?«
»Sie ist siebzehn, kurze braune Haare, Sommersprossen, grüne Augen. Ungefähr eins fünfundsechzig groß.«
Bowman blickt sich um und gibt mir mit erhobenen Augenbrauen zu verstehen, dass ich mich wieder in den Besprechungsraum zurückziehen soll. Widerwillig ziehe ich mich zurück und widerstehe dem Drang, meine geschwollene Nase in der spiegelnden Fensterscheibe auf Sommersprossen zu überprüfen.
»Kommen Sie rein. Ich brauche einen Identitätsnachweis von Ihnen.«
Die Tür quietscht und kurz darauf höre ich, wie sie geschlossen wird. »Selbstverständlich«, sagt die tiefe Stimme, jetzt näher. »Ich habe auch Fotos von ihr, falls Sie die für eine Anzeige brauchen?«
»Tatsächlich habe ich hier eine Person, auf die Ihre Beschreibung zutrifft, und ich …«
»Sie ist hier?«, ruft der Mann. »Mary ist hier?«
Mary? Mein Lizzo-Herzschlag wird schneller. Bin ich das?
Wieder linse ich um die Ecke. Die beiden Männer stehen an der Eingangstür neben einer langen Holzbank. Mr Boone ist ein sehniger Typ. Seine Arme wirken etwas kürzer, als man bei seiner Größe erwarten könnte. Die Haare sehen aus, als würden sie darüber nachdenken zu ergrauen, hätten sich zum letzten Schritt aber noch nicht durchringen können. Um seine Ohren stehen ein paar silbrige Strähnen ab, doch die meisten hat er zurückgestrichen. Allerdings nicht mit Wachs oder Pomade. Es wirkt eher so, als wäre er sich so oft mit den Händen durch die Haare gefahren, bis sie irgendwann nachgegeben haben. Er trägt einen schwarzen Pulli und dunkle Jeans.
Ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals zuvor gesehen zu haben.
Aber was weiß ich schon?
»Vielleicht«, sagt Officer Bowman vorsichtig.
Mr Boone verschränkt die Arme, ungeduldig blickt er durchs Revier und dann sieht er mich. Er lässt die Arme fallen und sein Gesicht ist voller Erleichterung. »Mary?«
Ich erstarre.
Er will auf mich zukommen, doch Bowman hält ihn mit einer Hand auf seiner Brust davon ab. »Oh Gott. Ich habe stundenlang nach dir gesucht. Geht es dir gut? Was ist mit deinem Gesicht passiert?« Das alles sagt er in einem Atemzug. Jedes neue Wort panischer als das vorherige und ich zucke innerlich zusammen, denn ich weiß genau, was er meint.
Auch ich war schockiert von meinem Anblick. Ich sehe aus, als hätte ich einen Kampf mit einem Kantholz verloren.
Ich starre ihn an und warte … auf ein plötzliches Wiedererkennen? Dass auf einmal eine riesige Glühbirne über meinem Kopf aufleuchtet und mir durch die Benommenheit hindurch verrät, wer ich bin? Dass sein Gesicht irgendeine Erinnerung in mir wachruft? Doch nichts passiert. Er ist immer noch ein Fremder.
»Es geht ihr gut, sie hat nur ein paar Blutergüsse. Vielleicht auch eine Gehirnerschütterung«, sagt Officer Bowman, ihm weiterhin den Weg versperrend. »Ich muss Sie bitten, sich von ihr fernzuhalten, bis ich Ihren Ausweis überprüft und Ihre Identität festgestellt habe.«
Schließlich macht der Mann einen Schritt zurück. »Was soll das heißen? Sie ist doch hier. Sie kann Ihnen sagen, wer ich bin.« Er guckt mich an, als würde er nicht verstehen, warum ich nicht auf ihn zugelaufen komme.
»Sie kann sich an nichts erinnern, Mr Boone. Setzen Sie sich, bitte, und wir regeln das.«
Mr Boone sieht mich wieder an, seine Verwirrung verwandelt sich in Unbehagen. »Du erinnerst dich nicht an mich?«
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wie kann ich vor dem Mann stehen, der sagt, er sei mein Vater, und ihn nicht erkennen?
»Ich beweise es«, sagt er. »Ich kann beweisen, wer ich bin. Ich habe Fotos auf meinem Handy.«
Fotos? Ich mache instinktiv einen Schritt aus dem Besprechungsraum heraus auf den Flur. Das Versprechen auf Hinweise wirkt magnetisch. Mr Boone zieht sein Handy aus der Tasche und wischt darauf herum. Ich gehe weiter und bleibe schließlich hinter Officer Bowman stehen, während Mr Boone uns sein Handy entgegenstreckt.
Das auf dem Display bin ich. Dieselbe Fremde wie in meinem Spiegelbild, dasselbe Mädchen, das er in der Eingangstür beschrieben hat. Dunkelbraune kinnlange Haare, grüne Augen, die Nase voller Sommersprossen – auch wenn mein Gesicht eindeutig anders aussieht, wenn es nicht geschwollen und voller blauer Flecken ist. Auf dem Foto sitze ich auf einer gemauerten Stufe, lächle in die Kamera und strecke die Zunge heraus. Er wischt weiter und ich sehe mich mit einer Gruppe Jugendlicher in meinem Alter am Steg eines Sees oder Teichs stehen. Wieder wischt er und diesmal bin ich jünger, ich sitze in einem Restaurant, umgeben von Geschenktüten voller rosa Seidenpapier. Vor mir steht eine Geburtstagstorte mit bunten Streuseln, gekrönt von einer riesigen Kerze in Form einer 15, deren rosa Wachs auf die Torte tropft. Auf dem Foto ist auch Wayne, der grinst, als gäbe es einen Wettbewerb zu gewinnen.
Nichts an diesen Fotos wirkt vertraut … außer vielleicht die Kerzen? Ich kann nicht sagen, ob sie mir tatsächlich bekannt vorkommen oder ob ich es mir nur so sehr wünsche, dass meine Fantasie mit mir durchgeht.
Aber das auf den Fotos bin ich. Das ist offensichtlich.
»Du erinnerst dich wirklich an nichts?«, fragt der Mann.
Er wirkt so beunruhigt, dass ich fast das Bedürfnis habe, so zu tun, als ob, aber das würde auch keinem Menschen helfen. Als ich nichts sage, schüttelt er niedergeschlagen den Kopf. Dann weicht seine Trauer auf einmal einer Art … Entschlossenheit?
Er streckt mir die Hand entgegen. »Ich bin Wayne Boone«, sagt er. »Und du bist meine Tochter, Mary Boone. Du bist siebzehn Jahre alt. Du wirst sehr geliebt und … ich bin so froh, dich endlich gefunden zu haben.«
Ich sehe zu Officer Bowman. Er nickt und zögerlich ergreife ich Waynes Hand. Sie ist warm, wohingegen meine Hand aus Eis zu sein scheint.
»Wie wäre es, wenn wir uns hinsetzen und die Sache in Ruhe klären?«, schlägt Bowman vor und drängt sich subtil wieder zwischen uns. »Im Besprechungsraum?«
Ich nicke und schleppe mich zurück zu meinem Stuhl. Wayne setzt sich gegenüber von mir an den Tisch und Bowman nimmt links von mir Platz. Ungeniert starre ich Wayne an. Sein Gesicht wirkt wettergegerbt. Er ist sorgfältig rasiert, aber die Haut seiner Wangen ist rau, als wäre sie ständig dem Wind ausgesetzt. Wangenknochen, Nase und Kiefer sind kantig, wie aus Granit gemeißelt, als ob das Abrunden der Kanten vergessen worden wäre.
Er lächelt mich an und die Härte seiner Gesichtszüge wird etwas abgemildert.
»Fangen wir vorne an«, sagt Officer Bowman und tippt mit dem Stift auf sein Notizbuch. »Wann haben Sie Ihre Tochter das letzte Mal gesehen?«
Wayne beugt sich vor, die Unterarme auf dem Tisch. »Unser Haus wird gerade renoviert. Die Fußböden werden alle erneuert. Statt die ganze Zeit um Bodenbelag, Werkzeug, gestapelte Möbel und Staub herumzulaufen, wollten Mary und ich ein paar Wochen in meine Angelhütte ziehen, bis die Arbeiten am Haus erledigt sind. Daher habe ich meinen Van beladen und sie ihr Auto und wir wollten uns dort treffen. Nur ist sie nicht aufgetaucht.«
Ich starre ihn an. Nichts davon klingt richtig, doch falsch klingt es auch nicht.
»Wann war das?«, fragt Officer Bowman.
»Wir sind gegen vier heute Nachmittag aufgebrochen. Es ist nur eine einstündige Fahrt. Wir wohnen in McMinnville. Ich bin zuerst bei der Hütte angekommen, logisch, und um halb sechs wurde es dunkel und ich habe mir langsam Sorgen gemacht. Ich habe versucht, sie anzurufen, aber sie ist nicht rangegangen. Dann habe ich angefangen, sie zu suchen.«
»Wo ist die Hütte?«, fragt Bowman.
»Auf der Ridge Road. Von hier aus den Berg rauf.«
Bowman nickt, als wüsste er, wo das ist. »Ganz in der Nähe habe ich sie gefunden, sie kam zu Fuß den Berg runter.«
Der Wald flackert in meiner Erinnerung auf. Die Dunkelheit, die nach mir greifenden Zweige … Ich sehe auf meine zerkratzten Hände. Ich will, dass das alles zu Ende ist.
»Sie ist so den Berg runtergelaufen?« Die Angst in Waynes Stimme ist spürbar. Er zeigt auf mein übel zugerichtetes Gesicht. »Hat irgendwer mitbekommen, was mit ihr passiert ist? Wo ist ihr Auto?«
»Uns wurde kein Fahrzeug gemeldet. Als ich sie gefunden habe, war sie bereits verletzt und zu Fuß unterwegs.« Wayne wirkt, als wollte er noch mehr fragen, doch Bowman lässt ihm keine Chance. »Warten Sie. Wir bringen erst mal Ihre Aussage zu Ende, bevor wir vom Thema abkommen. Was ist passiert, nachdem Sie die Hütte verlassen hatten, um Ihre Tochter zu suchen?«
Wayne rutscht auf seinem Stuhl umher, es gefällt ihm ganz offensichtlich nicht, seine Fragen nicht loswerden zu können. »Ich bin zurückgefahren. Erst um den Berg herum und dann den ganzen Weg zurück nach McMinnville. Ich habe alle Abbiegungen und Geschäfte und Tankstellen abgeklappert. Ich habe bei den Krankenhäusern angerufen, aber sie war nirgendwo eingeliefert worden. Ich habe sogar hier angerufen. Zweimal. Ist aber keiner rangegangen. Ich bin jetzt nur hier, weil ich das Licht gesehen habe. Ich bin heute Nacht zigmal durch die Stadt gefahren.«
Officer Bowman runzelt die Stirn. »Das tut mir leid. Wir sind nur eine kleine Wache, zu klein, um rund um die Uhr besetzt zu sein. Normalerweise schließen wir um sechs, die Nachtschicht fährt nur Streife. Ich bin bloß ihretwegen hier«, sagt er und lächelt mich an. »Sie hätten 911 wählen müssen. Die hätten wen geschickt oder mich benachrichtigt.«
Wayne seufzt. »Ja, hätte ich wohl.« Er schüttelt den Kopf. »Ich konnte nicht klar denken.«
Er wirkt … fertig.
»Es hätte wahrscheinlich keinen Unterschied gemacht«, sage ich leise und beide sehen mich an. »Ich lag sowieso bewusstlos im Wald. Der Polizei wäre auch nichts anderes übrig geblieben, als die Straßen abzufahren. Ich wäre trotzdem nicht eher wieder zu mir gekommen. Kein Mensch hätte verhindern können, was passiert ist.« Vorsichtig berühre ich die geschwollene Haut unter meinen Augen.
Wayne sieht mich an. »Ja. Ja, vielleicht hast du recht.«
Bowman räuspert sich. »Können Sie sich den Zustand Ihrer Tochter erklären, Mr Boone? Sie hat eine Menge Verletzungen.«
Waynes besorgter Blick ruht die ganze Zeit auf mir. »Als ich sie zuletzt gesehen habe, ging es ihr noch gut. Wenn sie zu Fuß unterwegs war, als Sie sie gefunden haben, ist sie wohl mit dem Auto verunglückt. Das wäre die einzige Erklärung dafür, dass sie nicht bei der Hütte angekommen ist. Das Lenksystem hat in letzter Zeit etwas Probleme gemacht, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist. Vielleicht ist die Servolenkung ausgefallen und Mary hat die Kontrolle übers Auto verloren. Diese Bergstraßen sind voller gefährlicher Serpentinen.«
Während er redet, stelle ich mir kurvige Straßen und ein blockierendes Lenkrad vor. In einen Baum zu krachen. Mein Gesicht, das in einen Airbag knallt. Wie mein Körper im Auto durchgeschüttelt wird. Wie mein Kopf gegen das Fenster prallt.
Erleichterung durchströmt mich. Vielleicht war es tatsächlich ein Unfall.
»Was für ein Auto fährt sie?«, fragt Bowman.
»Einen 96er Oldsmobile-Kombi. Ein tolles Auto. Graublau mit rosa Sitzbezügen. Müsste inzwischen doch gefunden worden sein. Ist noch kein Unfall gemeldet worden?«
Bowman schüttelt den Kopf, während er alles notiert. »Meines Wissens nicht, aber ich sehe gleich noch mal nach.«
»Das wäre nett.« Wayne ertappt mich dabei, wie ich ihn anstarre, und zwinkert mir zu.
Ein unerwartetes Gefühl von Vertrautheit streift mich wie ein warmer Luftzug und ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück.
Vielleicht kann ich mich doch an ihn erinnern.
Wayne sieht hoch zur Uhr. »Entschuldigung, aber können Sie mir sagen, wie lange das hier noch dauert?«
Bowman zieht eine Augenbraue hoch. »Ich brauche noch ein paar weitere Infos von Ihnen. Haben Sie’s eilig?«
Wayne reibt sich das Gesicht. »Nein, natürlich nicht. Es ist nur unglaublich spät und …« Er deutet auf mich, als würde mein Gesicht seinen Satz beenden. »Sie hat heute Nacht ganz schön was mitgemacht, ich würde sie gern nach Hause bringen, damit sie sich ausruhen kann.«
»Das verstehe ich, Mr Boone. Wirklich. Aber ich kann eine Minderjährige, insbesondere eine Minderjährige mit Trauma, nicht einfach einem Fremden mitgeben.«
Wayne schließt die Augen. Sein Kiefer und seine Schultern spannen sich an. »Ich bin kein Fremder. Ich bin ihr Vater.«
»Können Sie das beweisen?« Officer Bowman sieht mich an und dann wieder zurück zu meinem Vielleicht-Dad. »Ich muss nicht nur feststellen, wer Sie sind, sondern auch, wer das Mädchen ist. Für die Sicherheit aller. Haben Sie eine Kopie ihres Führerscheins oder irgendein anderes Dokument, um ihre Identität zu beweisen?«
Wayne seufzt. »Ihr Führerschein wird in ihrem Portemonnaie sein, das wahrscheinlich im Auto liegt. Und sie hat seit der zehnten Klasse Heimunterricht, von daher gibt es keinen aktuellen Schulausweis.« Er zieht seine Brieftasche hervor. »Aber ich glaube, ich habe noch den aus der Neunten. Sie hat das Ding ständig verloren, deshalb habe ich ihn irgendwann für sie aufgehoben.«
Er schiebt eine unscheinbare laminierte Karte über den Tisch. Von einem McMinnville-Highschool-Ausweis blickt mir ein Gesicht entgegen. Braune, kinnlange Haare. Grüne Augen. Glückliches Lächeln. Rosa Shirt – rosa scheint hier ein wiederkehrendes Thema zu sein. Dieselbe Fremde von den Fotos auf seinem Handy, nur etwas jünger. Runder, weicher. Und sehr viel weniger blaue Flecken.
Und neben meinem Gesicht steht in Großbuchstaben Mary Boone gedruckt.
Ich forme den Namen mit den Lippen, gucke, ob die Aneinanderreihung der Silben eine Erinnerung wachruft.
Mary Boone.
Ich mag keine Erinnerung daran haben, was heute Nacht passiert ist, und mir tut alles höllisch weh, aber ich habe einen Namen. Und einen Vater, der sich an alles erinnert, was ich gerade nicht mehr weiß. Das ist schon sehr viel mehr als noch vor einer Stunde.
Wayne fährt fort: »Ich habe ihre Geburtsurkunde und Sozialversicherungskarte oben in der Hütte. Ich kann alles vorbeibringen oder Sie kommen mit uns hoch. So können Sie sich das Haus und ihre ganzen Dokumente ansehen und sicherstellen, dass alles seine Ordnung hat. Ich unterschreibe Ihnen alles, was Sie wollen. Sagen Sie mir, was ich machen muss, um zu beweisen, dass sie zu mir gehört.«
Officer Bowman zögert. »Ja, okay … das könnte funktionieren«, sagt er. »Wenn Sie die Dokumente haben, die ihre Identität beweisen, kann ich Sie in Ihre Obhut übergeben. Die Hütte sehe ich mir gerne an. Und morgen früh möchte ich ein Update zu ihrem Gesundheitszustand. Bevor Sie aufbrechen, müssen Sie aber noch eine vollständige Aussage zum Unfall und dem fehlenden Fahrzeug machen. Und wir brauchen Ihre Kontaktinformationen, Ihre Adresse und die Fahrzeugdaten Ihres Autos.«
Wayne nickt energisch. »Selbstverständlich. Alles, was Sie wünschen.«
Beide sehen mich an. Jetzt soll ich entscheiden?
»Kann ich die Fotos noch mal sehen?«, frage ich Wayne.
Er schiebt mir sein Handy zu. »Klar.«
Schweigend warten sie ab, während ich durch die Fotos swipe und mir jedes einzelne ansehe. Es sind Hunderte, manche sind über acht Jahre alt. Das Mädchen auf diesen Bildern ist so jung, sie wirkt fast wie eine andere Person. Während ich weiterwische, wird sie langsam älter und verwandelt sich in mich zurück. Es ist absolut seltsam, das eigene Gesicht nicht wiederzuerkennen. Doch hier ist der Beweis. Ihr Gesicht ist mein Gesicht. Auf vielen der Fotos lächelt Wayne mich an oder hat den Arm um meine Schultern gelegt oder ist lachend im Hintergrund zu sehen.
Eine gewisse Endgültigkeit setzt ein. Das bin ich.
Das hier ist mein Vater. Ich gehöre zu ihm und dieses Leben ist meins.
Ich bin Mary Boone.
Das Leben ist echt kacke, wenn alle glauben, du hättest deine Freundin umgebracht.
Wieder erscheint eine Fehlermeldung auf dem Kopierer und ich trete dagegen. Das scheppernde Geräusch hallt durch die Bibliothek und einer der älteren ehrenamtlichen Mitarbeitenden wirft mir aus der Reiseabteilung einen verärgerten Blick zu. Mal im Ernst, wie viele Fehlermeldungen kann dieses Ding innerhalb von zehn Minuten eigentlich produzieren?
Ich zeige auf den Kopierer, wie um zu sagen: Hey, dieser Kopierer ist Mist und das wissen Sie ganz genau. Der Alte sortiert kopfschüttelnd weiter Reiseführer und tut so, als wäre ich Luft.
Wie alle anderen auch.
Mit dem Zeigefinger drücke ich so lange auf den nicht reagierenden Touchscreen, bis endlich der »Copy«-Button aufleuchtet und mich gnädigerweise fragt, wie viele Kopien ich brauche.
Na also.
Ich ziehe ein gefaltetes Blatt Papier aus der Hosentasche und streiche es auf dem Kopierer glatt. Ihr Gesicht starrt mich an und auf einmal ist es viel zu heiß in dieser blöden Bibliothek. Stirnrunzelnd fahre ich mit dem Finger über den Knick auf ihrem Gesicht. Ich hätte den Flyer nicht falten sollen, aber ich wollte ihn in der Schule nicht verlieren, und wenn ich versucht hätte, das mit dem Kopieren noch vor dem Unterricht zu erledigen, wäre ich garantiert zu spät gekommen. Mal wieder.
Da die Polizei mich ohnehin schon jeden zweiten Tag aus dem Unterricht holt, um mir dieselben Scheiß-Fragen zu stellen, kann ich mir weitere Fehlstunden echt nicht leisten. Mein Anwalt hat der ständigen Fragerei inzwischen glücklicherweise ein Ende gesetzt, aber der Schaden ist da. Mein Abschluss steht auf der Kippe, doch außer meinen Eltern scheint das keine Sau zu interessieren.
Denn wenn deine Freundin auf einmal spurlos verschwindet, bist du schnell der Hauptverdächtige. Zumindest, was das Urteil der Öffentlichkeit angeht. Und vielleicht auch vor Gericht, wenn es nach Sheriff Roane geht.
Die Wut steigt in mir auf und pocht in meinen Ohren, aber die Kontrolle zu verlieren, würde alles nur noch schlimmer machen. Das würde weder Lolas Eltern noch die Stadt oder die Polizei dieses Kaffs davon überzeugen, dass ich nicht der Grund für ihr Verschwinden bin.
Ich lege den Flyer an die Markierungen und drücke die Knöpfe, bis da 200 Kopien steht. Nach kurzem Zögern prüfe ich, wie viel Geld ich überhaupt im Portemonnaie habe. Ich ändere die Anzahl auf fünfundsiebzig und stecke die Scheine in den Einzug, während ich meinen Drucker zu Hause verfluche, der ausgerechnet jetzt keine Tinte mehr hat.
Und die Leute auf der Straße, die mit dem Finger auf mich zeigen, sobald ich das Haus verlasse.
Und die Bullen, weil sie ihren Job nicht machen.
Und am allermeisten die ganze Welt, weil alle einfach so weitermachen wie vorher, als wäre es scheißegal, dass sie verschwunden ist.
Der Kopierer erwacht zum Leben und Lolas hübsches Gesicht wird mit einem riesigen GESUCHT darüber zig Male ins Auffangfach befördert. Wegen genau dieser fetten Großbuchstaben ist jetzt wahrscheinlich meine Tintenpatrone alle.
Von hinten tippt mir wer auf die Schulter und ich wirbele herum und knalle gegen den Kopierer. Vor mir steht nicht etwa ein ehrenamtlicher Bibliotheksmitarbeiter, sondern mein Cousin.
Max hält beschwichtigend die Hände hoch und weicht einen Schritt zurück. »Puh, entspann dich mal, Drew.«
Ich reibe mir übers Gesicht. »Verdammt. Schleich dich doch nicht so an.«
»Ich habe mich nicht angeschlichen. Ich habe zweimal deinen Namen gesagt.« Er wirft sich die lockigen schwarzen Haare aus der Stirn. Sie stehen in alle Richtungen ab, an manchen Stellen sind sie länger als an anderen, und ich frage mich, ob das das Werk meiner Tante ist. Sie war noch nie so gut im Haareschneiden, wie sie selbst glaubt, doch Max scheint es nicht zu stören. »Alles okay?« Er legt mir eine Hand auf die Schulter.
Ich schüttele sie ab. »Ja, klar.«
Max steckt seine Hände in die Hosentaschen und sieht mich an, als wollte er sagen: Du bist so was von fertig, Mann. Ich beachte ihn nicht weiter, drehe mich um und nehme meine Flyer. Das Foto von Lola nimmt den meisten Platz darauf ein – mein Dad hat es gemacht, als sie kurz vorm Grillfest ihrer Familie zum 4. Juli lächelnd auf ihrer Veranda saß. Die Informationen darunter habe ich so kurz und knapp wie möglich gehalten.
Name: Lola Elizabeth Scott
Alter: 17
Haarfarbe: dunkelbraun
Augenfarbe: grün
Zuletzt gesehen: 29. September, 22:55 Uhr am Willamette-River-Bootsanleger in Washington City
Und ganz unten in fetter Schrift: »Wenn Sie dieses Mädchen gesehen haben oder Informationen zu ihrem Aufenthaltsort haben, rufen Sie bitte an unter …« und meine Handynummer. Denn das Washington City Police Department scheint keinerlei Hinweisen nachzugehen. Ist auch unnötig, weil es ja schon einen Hauptverdächtigen gibt.
Mich.
Max linst über meine Schulter. »Noch mehr Flyer?«
Ich ordne den Stapel und gehe in Richtung Tür. Die Mitarbeiterin am Eingangstresen ignoriert mich, als ich an ihr vorbeigehe, und genauso ignoriere ich Max’ Frage, die eigentlich keine war.
Nicht, dass ihn das aufhalten würde. Max ist vieles, aber er ist keiner, der schnell das Handtuch wirft.
Draußen ziehe ich an den Schnüren meines Sweatshirts, um die kalte Novemberluft davon abzuhalten, mir den Nacken hinunterzukriechen, und mache mich auf die Schuldgefühle gefasst, die gleich in mir aufsteigen werden. Und tatsächlich höre ich zwei Sekunden später die Tür wieder aufschwingen.
»Warte doch mal«, ruft Max und läuft mir hinterher, bis er mich eingeholt hat. »Ich will mit dir reden. Ich will wissen, wie es dir geht.«
Ich gehe weiter. Mein SUV steht um die Ecke. Diese Seite der Stadt besteht aus nichts weiter als aus ordentlich in runde Gehweglöcher gepflanzten Bäumen und Wandmalereien von Kids aus der Mittelstufe. Selbst am Ende vom Herbst, wo alles tot ist, ist es hier zum Erbrechen bunt und lebendig. Ich konzentriere mich auf meine Füße und den gesprungenen Asphalt.
»Deine Dads machen sich total Sorgen um dich, Mann.«
Ah, da sind sie auch schon. Die Schuldgefühle. Ich bleibe stehen und lege den Kopf in den Nacken, sehe in den dunkler werdenden Himmel. Beim Ausatmen fühlt sich die Luft in meiner Lunge an wie Beton. »Ich weiß.«
»Dann bleib doch mal einen Moment stehen und lass uns reden. Wir versuchen, dir zu helfen.«
Ich senke den Kopf. »Alle wollen immer nur reden. Ich habe es satt, Max. Reden bringt sie nicht zurück.« Ich wedele mit den Flyern. »Die Polizei sucht kaum noch nach ihr. Das hier ist das Einzige, womit ich helfen kann, sie zu finden. Was anderes darf ich ja nicht machen.«
Er beißt sich auf die Unterlippe und ich seufze.
Okay, gut. Die Flyer haben bisher auch nicht geholfen. Ich hänge sie seit Wochen überall auf und habe genau zehn Anrufe bekommen. Neun waren Scherzanrufe und einer kam von einer alten Frau, die mir sagte, ich solle mich schämen. Aber ich weiß einfach nicht, was ich sonst tun soll.
Max’ freundliche braune Augen sind voller Trauer, niedergeschlagen sieht er mich an. »Sie ist jetzt schon so lange verschwunden …«
»Was soll denn das heißen? Meinst du etwa, ich soll aufgeben?«
»Nein, natürlich nicht. Aber vielleicht musst du akzeptieren …«
»Bitte, lass das. Ich mag dich wirklich gern und ich weiß, dass du nur helfen willst, aber ich kann nicht. Ich kann nicht aufhören, nach ihr zu suchen. Denn das würde bedeuten, dass sie vielleicht nie wiederkommt, und das wäre …«
… allein meine Schuld.
»Das wäre was?«, fragt Max und kommt einen Schritt näher.
Eine wilde Mischung aus Schuldgefühlen, Kummer und Wut schnürt mir die Brust zu und ich bekomme kaum noch Luft. »Das wäre unerträglich«, würge ich hervor.
Er nimmt mich in den Arm. Ich will mich von ihm lösen, allein sein, doch ich sage mir, dass diese Umarmung für ihn ist, nicht für mich.
Schließlich lässt er mich los und tätschelt mir lächelnd die Schulter. »Komm, fahren wir zu dir. Wir sind heute alle bei euch zum Familienessen. Deine Dads machen Hilachas. Was sagst du?«
Noch so eine Sache, die mich früher glücklich gemacht hat und jetzt nach einem absoluten Albtraum klingt. Aber das werde ich nicht sagen.
Meine Familie ist … ganz schön viel. Weiß auf Dads Seite, guatemaltekisch auf Papás, und sie lieben es, alle zusammenzukommen. Meine Väter haben mich, kurz bevor ich drei wurde, adoptiert, an die Zeit davor habe ich keine Erinnerungen, und so hat mein ganzes bisheriges Leben aus diesen großen Zusammenkünften bestanden. Alle mischen sich fröhlich in die Leben der anderen ein – genau wie Max. Was okay war, als sie mich noch drängten, Lola zu fragen, ob sie mit mir zum Schulball geht, oder sich um sie scharten, um ihr meine Zahnlückenfotos aus Grundschulzeiten zu zeigen, als sie irgendwann regelmäßig an unseren Familienessen teilnahm. Doch jetzt wird gezwungen gelächelt und strengstens vermieden, über das eine Thema zu reden, das mich innerlich auffrisst. Natürlich wollen alle helfen, aber sie können nun mal nichts tun.
Als ich nicht antworte, wird Max’ Lächeln breiter, so als würde er denken, dass ich gleich Ja sage.
»Tut mir leid, Max. Nächstes Mal bin ich dabei, okay? Heute passt es mir nicht. Ich habe noch was zu tun.«
Sein Lächeln verblasst, aber er nickt. »Oh, okay.«
»Sag meinen Eltern, dass ich nach Hause komme, sobald ich fertig bin, ja?« Ich drehe mich um und gehe mit meinen Flyern Richtung Auto.
Ich höre ihn seufzen. »Du fährst zum Fluss, oder?«
Ich bleibe stehen und drehe mich wieder um. »Warum sollte ich zum Fluss fahren?«
Er wird rot. »Ich meinte … zur Dairy Queen. Dem endlosen Fluss aus Milchshakes.«
Er weiß ganz genau, dass ich seit dem Abend, an dem Lola verschwunden ist, nicht mehr am Fluss war, warum sollte ich ausgerechnet heute dorthin?
»Was passiert heute am Fluss, Max?«, frage ich durch zusammengebissene Zähne. »Oder soll ich hinfahren und nachsehen?«
Panik zeichnet sich auf seinem Gesicht ab. Offenbar wurde ihm aufgetragen, genau das zu verhindern. Von meinen Eltern? Seiner Mom? Ihnen allen?
»Wenn ich es dir sage, versprichst du mir, es nicht zu tun?«
Ich funkele ihn an.
»Okay, okay. Also … Es sollte heute wohl noch mal nach ihr gesucht werden. Deine Eltern haben mich gebeten, aufzupassen, dass du nicht hinfährst. Inzwischen sind sie wahrscheinlich eh schon fertig, es hätte also sowieso keinen Zweck. Aber das weißt du nicht von mir.«
Mein Gehirn ist überfordert. »Aber das ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Warum sollten sie Lola hier am Fluss suchen, wenn sie den Wald schon zehnmal durchkämmt haben? Vor Wochen!?«
»Keine Ahnung.« Er zuckt mit den Schultern. »Ich habe keine weiteren Infos. Lass uns einfach so tun, als hätten wir nie darüber geredet, und bei dir zu Hause was essen. Ich bin am Verhungern.«
Unzählige Gedanken gehen mir gleichzeitig durch den Kopf. Lola ist vor fünf Wochen verschwunden, fast auf den Tag genau. Anfangs hatten alle noch Sorge, sie könnte weggelaufen sein, doch während der letzten Wochen hat sich der Fokus der Ermittlungen verschoben. Die Bevölkerung wurde in regelrechte Alarmbereitschaft versetzt. Die Polizei hat sämtliche Autos angehalten. Überall im County wurden Straßensperren errichtet, Lolas Foto wurde an die lokalen Nachrichtensender verteilt und in allen sozialen Medien gepostet. Sie wurde überall gesucht, angefangen beim Bootsanleger, dann wurde der Radius nach ersten Hinweisen auf mögliche Sichtungen immer größer, doch alle Spuren führten ins Leere und schließlich gab es keine mehr.
Cover
Megan Lally: That’s Not My Name
Wohin soll es gehen?
Widmung
1 – Mädchen
2 – Mädchen
3 – Drew
4 – Drew
5 – Mary
6 – Mary
7 – Drew
8 – Drew
9 – Mary
10 – Mary
11 – Drew
12 – Drew
13 – Mary
14 – Mary
15 – Drew
16 – Drew
17 – Mary
18 – Mary
19 – Drew
20 – Drew
21 – Mary
22 – Drew
23 – Mary
24 – Drew
25 – Mary
26 – Drew
27 – Mary
28 – Drew
29 – Madison
Epilog – Drew
Danksagung
Megan Lally
Stefanie Frida Lemke
Impressum