Vanilleeis zum letzten Gruß - Andrea Franken - E-Book

Vanilleeis zum letzten Gruß E-Book

Andrea Franken

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Beschreibung

Wie gestalten wir Erinnerung?

Menschen sterben. Das gehört zum Leben. Genauso wie das Abschiednehmen. Und das Erinnern. Trauerrednerin Andrea Franken berichtet davon und ihre Geschichten machen Mut, unverkrampft mit dem Thema Bestattung umzugehen und die Abschiedszeremonie so zu gestalten, wie es zu der oder dem Gestorbenen passt: Wieso nicht die Lieblingsmusik zum letzten Geleit, auch wenn es nun mal „Heidewitzka, Herr Kapitän“ war? Wieso nicht der Oma dicke Socken anziehen, wo sie doch im Leben immer gefroren hat? Wieso nicht gemeinsam Vanilleeis zum letzten Gruß essen – Manfreds Lieblingssorte – und dabei nochmal an alle schönen Erlebnisse mit ihm denken? Eine gelungene Trauerfeier macht das Leben der Verstorbenen sicht- und spürbar und bringt tröstende Erinnerungen auf den Punkt. Wie das gelingt, abseits von strengen Regeln und quälender Unpersönlichkeit, zeigt dieses Buch.

Damit ist es vor allem eine Einladung für die Leserinnen und Leser, sich Gedanken zu machen – nicht nur über den Tod, sondern vor allem über das eigene Leben: Ist es in sich stimmig? Ist es von beglückenden Beziehungen geprägt? Wie würde die eigene Trauerfeier aussehen? Kann und möchte man diese Entscheidung den nächsten Angehörigen überlassen oder sollte man die Sache doch lieber selbst in die Hand nehmen?

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Wie gestalten wir Erinnerung?

Menschen sterben. Das gehört zum Leben. Genauso wie das Abschiednehmen. Und das Erinnern. Trauerrednerin Andrea Franken berichtet davon und ihre Geschichten machen Mut, unverkrampft mit dem Thema Bestattung umzugehen und die Abschiedszeremonie so zu gestalten, wie es zu der oder dem Gestorbenen passt: Wieso nicht die Lieblingsmusik zum letzten Geleit, auch wenn es nun mal »Heidewitzka, Herr Kapitän« war? Wieso nicht der Oma dicke Socken anziehen, wo sie doch im Leben immer gefroren hat? Wieso nicht gemeinsam Vanilleeis zum letzten Gruß essen – Manfreds Lieblingssorte – und dabei noch mal an alle schönen Erlebnisse mit ihm denken? Eine gelungene Trauerfeier macht das Leben der Verstorbenen sicht- und spürbar und bringt tröstende Erinnerungen auf den Punkt. Wie das gelingt, abseits von strengen Regeln und quälender Unpersönlichkeit, zeigt dieses Buch.

Damit ist es vor allem eine Einladung für die Leserinnen und Leser, sich Gedanken zu machen – nicht nur über den Tod, sondern vor allem über das eigene Leben: Ist es in sich stimmig? Ist es von beglückenden Beziehungen geprägt? Wie würde die eigene Trauerfeier aussehen? Kann und möchte man diese Entscheidung den nächsten Angehörigen überlassen oder sollte man die Sache doch lieber selbst in die Hand nehmen?

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit konnte eine gendergerechte Schreibweise nicht durchgängig eingehalten werden. Bei der Verwendung entsprechender geschlechtsspezifischer Begriffe sind im Sinne der Gleichbehandlung jedoch ausdrücklich alle Geschlechter angesprochen.

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Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Copyright © 2024 Kösel-Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

Umschlag: zero-media.net, München

Umschlagmotiv: © FinePic®, München

Konzept- und Textberatung: Dr. Bettina Burchardt

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-32228-1V002

www.koesel.de

Inhalt

Wenn ich mal in der Kiste liege …

Warum heute der Tod so viel Platz in meinem Leben einnimmt

»Jung, das war nicht so abgemacht!«

Vom Wert eines individuellen Abschieds

Liebe, Geldgier und verpasste Chancen

Warum es so wichtig ist, zu Lebzeiten aufeinander zuzugehen

Wenn das Sofakissen spricht

Was geliebte Dinge von Menschen erzählen

Sarg trifft Hühnerwiese

Warum auch für Abschiede gilt: Geht nicht, gibts nicht

Lüge, Wahrheit und gute Manieren

Über den Umgang mit schwierigen Charakteren und anderen Herausforderungen

Starke Worte, starke Taten

Was Trauernde einen Schritt weiter bringt

Irgendwas ist immer …

Wenn kleine Katastrophen Leben in die Bude bringen

Schockstarre

Wenn Kinder sterben oder Menschen Suizid begehen

Volle Tage, volle Freude

Über die Erfüllung, Menschen einen würdigen Abschied zu bereiten

Check-Liste

Ein großes Dankeschön

Über die Autorin

Wenn ich mal in der Kiste liege …

Warum heute der Tod so viel Platz in meinem Leben einnimmt

Alles begann damit, dass Hans-Theo starb. Opa Hans-Theo, so haben ihn alle genannt. Ich auch, dabei war er gar nicht mein Opa. Mit zehn Jahren hatte ich mit der Schule eine Klassenfahrt auf seinen Reiterhof gemacht. Ich war total begeistert gewesen und verbrachte seitdem meine Ferien und auch so viele Wochenenden wie möglich auf Opa Hans-Theos Reiterhof. Es war für mich das Paradies. Bald war ich alt genug, um das Reitgeld mit Ferienjobs zu verdienen. Auf dem riesigen Anwesen gab es immer genug zu tun – Kinderbetreuung, Stall- und Küchendienst, später auch Nachtdienste. Hans-Theo war der Senior, der alle Fäden in der Hand hielt, obwohl die nächste Generation schon auf dem Chefsessel saß. Zehn lange Jahre ging ich auf seinem Hof ein und aus, sah seine Enkel groß werden, wurde Teil der Familie.

Auch später, als ich längst als Ergotherapeutin arbeitete, blieb ich dem Reiterhof verbunden. An den Wochenenden war ich auf den Reit- und Springturnieren der Umgebung als Moderatorin unterwegs. Für jemanden wie mich, der gerne und viel redet, laut, schnell und fröhlich ist, war das genau die richtige Ergänzung zum Beruf. Ich führte durch die Turniertage, begrüßte die Reiter, nannte Ergebnisse, zelebrierte Ehrungen, sorgte für Stimmung und geordneten Ablauf. Opa Hans-Theo war wegen seiner Enkel immer dabei. Er kommentierte meine Leistung, kritisierte und lobte. Anfangs war sein Feedback für mich ein Graus, später sah ich es als ein Geschenk. Hans-Theo war mein Mutmacher. Er wusste sehr genau, was ich konnte und was nicht. Je älter ich wurde, desto mehr schätzte ich seine Direktheit, sein unbestechliches Urteil.

Einmal saßen wir wie so oft beisammen und unterhielten uns über alles Mögliche, da sagte er ganz unvermittelt: »Wenn ich mal in der Kiste liege, dann musst du ein paar Worte sprechen.« Ich antwortete nur: »Jaja.« Innerlich winkte ich ab. »Hat ja noch Zeit«, dachte ich. »Wieder mal so eine verrückte Hans-Theo-Idee.« Wie kam er nur darauf? Und auf einer Trauerfeier eine Rede halten – nichts für mich.

Und dann war Opa Hans-Theo plötzlich tot. Zwei Tage vor der Silberhochzeit seines Sohnes Hanno, die mit Hunderten geladenen Gästen gefeiert werden sollte. Die Vorbereitungen waren in vollem Gange, die Reithalle hatte sich schon in einen Festsaal verwandelt. Alle freuten sich auf das große Ereignis, dachten an Abendkleid-Auswahl und Friseurtermin. Und dann der Schlag in die Magengrube: Der Senior ist tot.

Die Party wurde abgesagt. Ich half der Familie, die Liste der Eingeladenen abzuarbeiten. Es war schlimm, im Fünf-Minuten-Takt am Telefon die Nachricht zu überbringen und immer wieder dem Entsetzen, dem Unglauben am anderen Ende der Leitung ausgesetzt zu sein. Dann endlich waren wir »durch«. Erst da begann ich zu realisieren, dass Opa Hans-Theo nicht mehr da war. In den vergangenen Stunden hatte ich bestimmt fünfzigmal am Telefon erklärt, dass der Senior tot sei und das Fest nicht stattfinden könne. Aber so richtig angekommen war es bei mir noch nicht.

Und da fiel mir sein Wunsch ein: »Wenn ich mal in der Kiste liege …« Erst dachte ich noch: »Weiß ja keiner. Hat keiner mitgehört.« Und so richtig versprochen hatte ich es ihm nicht. Hatte nur nicht »Nein« gesagt. Gilt ein »Jaja« als »Ja«? Zwei Nächte lang verfolgte mich Opa Hans-Theos Bitte bis in meine Träume. Sie ließ mir keine Ruhe. Ich hatte seine Stimme im Ohr, erinnerte mich genau an seinen Blick. Es war alles da. Und auf einmal wurde mir klar: »Du musst das tun. Das lässt dich sonst nie wieder los.« Ein Rückzieher war keine Option.

Am nächsten Morgen sagte ich zu Hanno: »Ich halte die Rede in der Kirche?« Mit Fragezeichen. Er war völlig überrascht: »Ja? Wieso? Toll! Wirklich?« Und dann: »Ja, kannst du das denn?« Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass mein »Jaja«, das ich so leicht dahingesagt hatte, ein Versprechen gewesen war. Und das wollte, musste ich halten.

Aber auf einer Trauerfeier reden? Da würden meine Qualitäten als Stimmungsmacherin nicht gefragt sein. Wie sollte das gehen? Heute bin ich dem Senior unendlich dankbar, dass er mich auf diesen neuen Weg schickte. Erst als ich die Rede für ihn vorbereitete, begann ich zu verstehen, wie wichtig und wertvoll ein würdiger Abschied ist.

»Wenn ich mal in der Kiste liege …« sind die Worte, die mein Leben nachhaltig veränderten. Als sinnvoll hatte ich es zuvor schon empfunden, als ich »nur« Ehefrau, Mutter, Ergotherapeutin und Moderatorin gewesen war. Doch nun bekam es eine Tiefe, von deren Existenz ich nichts geahnt hatte. Dass ich heute ein erfülltes Leben führe, verdanke ich nicht zuletzt Opa Hans-Theo.

In der Rede auf seiner Trauerfeier erinnerte ich daran, dass er uns immer aufgefordert hatte, bei Turnieren mit hohlen Händen zu klatschen, denn dann ist der Applaus lauter. Und die Zuschauer aus unserem Reitverein waren auch wirklich immer einen Tick lauter als alle anderen. Nein, vornehme Zurückhaltung war nicht Opa Hans-Theos Sache gewesen. Ich ließ auch das Bild in den Köpfen wieder aufleben, wie viel Wert er darauf gelegt hatte, dass die Reiter seines Vereins bei den schweren Spring-Turnieren in den traditionellen signalroten Reit-Jacketts antreten. Denn auch wenn Opa Hans-Theo oft einen Schritt weiter als alle anderen war, wenn es um die Einführung neuer Ideen ging, hatte er doch gleichzeitig unglaublich stur sein können, wenn es um Traditionen ging.

Opa Hans-Theos Abschiedsfeier endete mit Marschmusik. Es war der Marsch, zu dem die Pferde bei Turnieren und Meisterschaften zur Ehrenrunde antreten. Er hatte es geliebt, wenn sie erklang. Als die ersten Trompetentöne durch die Kirche zogen, war die Überraschung der Menschen, die sich in der brechend vollen Kirche in den Bänken drängten, mit Händen zu greifen. Aber dann nickten sie sich zu. Ja! Das passte zu Opa Hans-Theo.

So wollen wir ihn in Erinnerung behalten.

Opa Hans-Theo hat den Stein ins Rollen gebracht. Wir alle müssen einmal gehen und wir alle haben einen würdigen, individuellen Abschied verdient. Ich ließ mich zur Trauerrednerin und freien Rednerin ausbilden und begleite seither Menschen, die jemanden verloren haben. Ich helfe ihnen, ihre Liebsten so in Erinnerung zu behalten, wie sie gelebt haben. Und davon erzählt dieses Buch.

Menschen, die geliebt wurden.

Menschen, die andere liebten.

Menschen, die Spuren hinterließen.

Menschen, deren Fehlen erst auffällt, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind.

Sie alle sollen nicht vergessen werden. Ihr Leben soll gewürdigt werden. Die Erinnerung an sie soll nicht verblassen.

Am Ende geht es genau darum.

»Jung, das war nicht so abgemacht!«

Vom Wert eines individuellen Abschieds

Eine kleine einsame Straße im ländlichen Nirgendwo. Eine stille, dunkle Häuserzeile, nichts bewegt sich. »Sie haben ihr Ziel erreicht«, sagt das Navi. Echt? Hier? Der Blick auf die Uhr zeigt mir, dass ich zu früh bin. Muss auch so sein. Zu spät kommen zum ersten Termin mit Hinterbliebenen ist ein No-Go. Vom warmen Fahrersitz aus halte ich Ausschau, ob es auch das richtige Haus ist.

Jeder von uns kennt das: Du bist fünf Minuten zu früh vor Ort, und dann kommst du doch zu spät, weil die Hausnummer fehlt oder du den richtigen Eingang nicht findest. Okay, da ist die Haustür. Alles im grünen Bereich also und ein paar Minuten für mich, bis ich aus dem Auto steige. Ruhig werden. Alles, was mich in meinem eigenen Leben gerade bewegt, zur Seite schieben.

Jetzt wuchte ich meine Ledermappe vom Rücksitz nach vorne. Schweres Teil, immer dabei. Ich werfe noch mal einen Blick auf den Ausdruck des Bestatters. Der ist in diesem Fall mein Auftraggeber. Einige Vertreter dieses Berufs machen einen besonders guten Job und senden mir vorab einen Datenbogen: Wer ist tot? Wann geboren? Wann gestorben? Wo? Kirche? Familienstand? So eine Zusammenfassung ist praktisch, denn im Gespräch mit der Familie möchte ich einen tristen Faktencheck möglichst vermeiden.

Ich weiß also jetzt schon: Gestorben ist Fritz, geplant ist eine Bestattung im Begräbniswald, und die Frau, die ich gleich treffe, ist die Mutter des Verstorbenen. 57 Jahre ist ihr Sohn alt geworden. Ich schließe kurz die Augen. Eine Mutter verliert ihr Kind. Ich bin selbst Mama und mag mir gar nicht vorstellen, wie sich das anfühlen mag. Für Eltern bleibt ein Kind immer Kind, auch wenn es längst erwachsen ist. Es zu Grabe tragen müssen – unvorstellbar schlimm.

Durchatmen. Es geht hier nicht um mich und meine Ängste, sondern ganz allein um die Familie des Verstorbenen. Und darum, dass Fritz eine würdige Abschiedsfeier bekommt, in der seine Person und sein Leben mit allen Höhen und Tiefen gewürdigt werden. Bevor ich aus dem Auto aussteige: Handy stumm, Konzentration an. Jetzt bin ich gedanklich nirgendwo anders mehr. Nur hier. Und da ist er wieder – der Moment vor der Haustür. Hinter ihr wohnen Menschen, die gerade in einer fundamentalen Krise stecken. In so einer Situation möchte man eigentlich keinen Fremden ins Haus lassen. Jedes Mal, wenn ich vor so einer Türe stehe, bin ich mir des Vertrauensvorschusses bewusst, der mir entgegengebracht wird.

Eine Minute vor. Pünktlich. Passt. Ich klingele. Eine Frau Mitte 40 öffnet mir die Tür und stellt sich vor: Christina. Ah, denke ich, die Ex-Freundin des Verstorbenen. Wir hatten miteinander telefoniert. Offen und herzlich bittet sie mich herein. Im Flur treffe ich auf die Mutter des Verstorbenen, Helga. Mein erster Eindruck von ihr: gezeichnet vom Leben. Ende 70, Hände, die viel gearbeitet haben, schlichter Pulli, Pantoffeln, Kittel und eine Herzlichkeit, die mich sofort erreicht.

»Schön, dass Sie da sind, junge Frau. Haben Sie denn überhaupt Zeit für mich? Ist das denn in Ordnung mit dem Wald?«, sprudelt es aus ihr heraus. »Ich weiß gar nichts zu erzählen. Möchten Sie was essen?« Da ist alles auf einmal in ihr drin: Aufregung, Unsicherheit und der Wunsch, alles richtig zu machen. Am liebsten würde ich sie gleich in den Arm nehmen.

Fritz’ Mutter geht vor in Richtung Küche. Auf dem Weg durch den Flur informiert mich Christina, dass Helga, die »Mutt«, leichte Demenzerscheinungen hat und »mächtig neben der Spur« ist. Kein Wunder – ihr wird gerade doppelt der Boden unter den Füßen weggezogen. Wie muss das sein, wenn nicht nur dein Gehirn dich mehr und mehr im Stich lässt, sondern auch das Leben, weil es dir deinen Sohn nimmt!

Wir sind in der Küche angekommen, die »Mutt« ist immer noch aufgewühlt. Jetzt macht sie sich Sorgen, dass dies kein passender Platz für Besuch sein könnte. Ich kann sie beruhigen. Diese Küche ist ein perfekter Ort für gute Gespräche. Hellgrüne Fronten, Metallbeschläge, Pril-Blumen auf dem Durchlauferhitzer. Und das gewisse Etwas, das einem Besucher sofort klarmacht, dass hier seit Jahrzehnten das wärmende Zentrum der Familie ist.

In der Zwischenzeit ist auch Tanja – ebenfalls Mitte/Ende 40 – dazugekommen. Sie kenne ich noch nicht. Aber jetzt ist erst einmal Geduld gefragt. Zu viert sitzen wir am Küchentisch. Auf der abwischbaren Tischdecke unsere Kaffeetassen, eine brennende Kerze und ein kleines gerahmtes Bild des vor drei Tagen verstorbenen Fritz. Rechts neben Helga, der Mutt, sitzt Christina. Sie hat ihre Hand auf Helgas Hand gelegt. Auf der anderen Seite Tanja, Schulter an Schulter mit Helga. Die fühlt sich zwischen den beiden Frauen offensichtlich sicher und geborgen.

Es ist ein Moment der Stille, des Ankommens. Noch einmal durchatmen. Meine Aufgabe ist es nicht, zu trösten. Das würde ich mir nie anmaßen. Wenn es so kurz nach dem Tod eines geliebten Menschen überhaupt Trost gibt, dann können das die Angehörigen viel besser. Meine Aufgabe ist es, einen mir fremden Menschen kennenzulernen. Und weil der schon tot ist, geht das nur über diejenigen, die ihn gekannt haben. In langen Gesprächen mit ihnen mache ich mich auf die Suche. Ich will den Verstorbenen und sein Leben verstehen, damit ich beides in der Rede würdigen kann. Nicht nur das Gesagte hier am Küchentisch ist wichtig. Gerade die Informationen zwischen den Zeilen gilt es aufzusaugen. Ich bin hellwach und neugierig, und dort, wo ich noch nicht verstehe, frage ich behutsam nach, ohne Grenzen zu überschreiten.

Ich möchte mehr über die Frauen wissen, die mit mir hier am Küchentisch sitzen. Was genau verbindet sie? Und wie passt Tanja ins Bild? Diese Fragen sind immer ein guter Einstieg. »Wir sind die beiden letzten Freundinnen, die Fritz gehabt hat«, sagt Tanja. Und Christina fügt hinzu: »Er hat uns nur um eins gebeten: Kümmert euch um Mutt! Das tun wir. Wir sind da. Sie hat sonst niemanden.«

Wenn am Ende eines Lebens nur noch wenige Menschen übrig sind, die wirklich für die Familie da sind, dann liegt das oft an einem von zwei Gründen. Entweder war der Verstorbene kein einfacher Mensch oder seine Freunde und Bekannten sind auf einem langen Lebensweg nach und nach abhandengekommen. Manchmal ist es auch beides gleichzeitig. In Fritz’ Fall war es eine lange Leidenszeit.

Was muss er für ein toller Mensch gewesen sein! Fritz weiß, dass er sterben wird, und sorgt dafür, dass seine Mutter das nicht allein durchstehen muss. Noch zu Lebzeiten bittet er seine Freundinnen darum, sich zu kümmern. Und die beiden Frauen – klar, die sind auch besonders. Denn wenn dich ein sterbenskranker Mensch um ein Versprechen bittet und du ihm das Loslassen durch ein Kopfnicken leichter machen kannst, dann ist es nicht schwer, Ja zu sagen. Aber dann auch wirklich da zu sein, in der Küche zu sitzen und der Mutt die Hand zu halten, steht auf einem ganz anderen Blatt. Schon jetzt ziehe ich innerlich meinen Hut vor den beiden selbstlosen Frauen. Ich bin beeindruckt. Das sage ich ihnen auch.

Ich bitte darum, das Foto von Fritz genauer anschauen zu dürfen. So kann ich den Menschen, den ich hier am Küchentisch kennenlernen darf, vor mir sehen, obwohl er doch nicht mehr da ist. Das Bild brauche ich beim Zuhören und Nachdenken. Und auch später, wenn ich in meinem Arbeitszimmer nach den richtigen Worten für den Abschied auf dem Friedhof suche, werde ich Fritz’ Bild vor meinem Auge haben. Fürs Zwiegespräch mit ihm und fürs Kopfkino.

Hier am Küchentisch tauche ich ganz tief ein in das Gespräch mit den drei Frauen. Ohne Blick auf die Uhr. Nicht nur Fritz’ Leben nimmt vor meinen Augen Formen an, auch das von Helga, der Mutt. Ein einfaches Leben voller Arbeit und Verlust. Vor über zwanzig Jahren verliert sie ihren Mann. Kämpft sich allein mit drei Söhnen durch harte Jahre. Ihr ältester Sohn erkrankt schwer. Stirbt. Ihr mittlerer Sohn nimmt sich aus Liebeskummer das Leben. Und jetzt muss diese Frau ihren dritten und letzten Sohn zu Grabe tragen.

Wie kann ein Mensch das ertragen?

Helga spricht nicht von sich, sondern von ihrem Sohn. Ganz liebevoll. Ihre Demenz hat zur Folge, dass sie sich besonders an Fritz’ Kindheit ganz klar erinnert. Aus dieser Zeit beschreibt sie kleinste Details, immer wieder. Er war Mamas Liebling, der Jüngste der drei Söhne, der viel Nähe gesucht hat. Sein Leben lang ist Fritz nicht aus dem Hotel Mama ausgezogen. Er liebte Mutts Frikadellen, die gebügelte Wäsche und dass da jemand war, der sich um ihn sorgte. »Manchmal musste ich auch mit ihm schimpfen«, erzählt Helga mit strengem Blick. »Wenn er mit Zigarette und der Dose Bier im Bett lag, das geht doch nicht!«

Fritz war aber viel mehr als ein Muttersohn. Fleißiger Handwerker war er. Erst als Angestellter, dann selbstständig, und nach Feierabend nebenbei für Freunde. Ein Autoliebhaber, Motorradfan, Rocker und Frauentyp. Kein Kostverächter, erzählen Tanja und Christina und lächeln sich in der Erinnerung an verrückte, wilde Zeiten an. Doch seine Krankheit machte ihn eigenbrötlerisch.

Auf der Suche nach Anekdoten, die Fritz’ Persönlichkeit hervorleuchten lassen, tauche ich völlig ab. Mein Ziel ist nicht, über jede Station, jede Wohnung, jedes Arbeitsverhältnis alles im Detail zu erfahren. Denn Daten und Orte sind nicht entscheidend, sie bilden nur das Gerüst eines Lebens. Es sind ganz andere Dinge, die das Wesen eines Menschen ausmachen. War er freundlich oder zickig? Auf seinen Vorteil bedacht oder großzügig? Gerne in großer Runde unterwegs oder lieber allein? Immer mehr Geschichten aus Fritz’ verschiedenen Lebensphasen kommen auf den Tisch. Ich versuche, den Überblick zu behalten, die vielen Blätter vor mir auf dem Küchentisch sind nicht mehr blank und weiß, sie füllen sich mit meiner Schrift. »Sie schreiben aber viel. Lesen Sie das alles vor?«, fragt Helga irgendwann doch etwas besorgt.

Mutt entspannt sich. Die Stimmung am Küchentisch ist so gut, dass alle Emotionen Platz haben. Weinen, Schmunzeln und Lachen. Zum Glück. Wir reden ja vom Leben. Das Erzählen bringt so viel Leichtigkeit mit sich, dass die drei Frauen fast vergessen, dass Fritz nicht mehr da ist. Es tut gut, über frühere Zeiten zu sprechen. Manche Erinnerung zaubert ein Lächeln in die Gesichter. Und wenn Schweres und Trauriges aus vergangener Zeit zur Sprache kommt, ist das erträglich. Denn diese Dinge sind zwar nicht unbedingt abgeschlossen und weggepackt, aber doch irgendwie überstanden. Es ist das Heute, das einfach nur aus Schmerz und Verlust besteht.

Die drei Frauen aus der Vergangenheit in das Heute zu holen, fällt mir schwer. Doch damit ich einem Menschen in einer Rede gerecht werden kann, ist es auch wichtig zu wissen, wie seine letzten Monate und Tage aussahen. Ich atme durch, dann meine Frage: »Wie ist Fritz gestorben?« Helga wird aus ihren Erinnerungen gerissen, blinzelt zweimal, fasst sich. Auch Christina und Tanja brauchen einen Moment, um wieder in der Gegenwart anzukommen.

Es war eine Lungenkrankheit. Sie hat Fritz Stück für Stück Luft und Lebensqualität geraubt. »Die letzten Monate lebte er zwischen Bett, Sessel und Bad«, erzählt Tanja. »Von den vielen Freunden sind nur wir geblieben. Und Mutt.« Eine Träne kullert über ihre Wange.

Fritz gab sich auf. Immer tiefer versank er in Bitterkeit, weil seine Atemnot ihm das Arbeiten nicht mehr erlaubte. Er vernachlässigte seine Arzttermine und sich selbst. Jeder Aufmunterungsversuch, jeder Appell scheiterte. Er wollte sich nicht helfen lassen und wurde unleidlich und schwierig. Und doch war da immer noch der liebevolle und fürsorgliche Sohn in ihm. Ganz am Schluss noch hatte er ja Christina und Tanja das Versprechen abgenommen: »Bitte passt auf Mutt auf!«

Vier Frauen sitzen am Küchentisch und denken an Fritz. Den Mann, der das Leben einst liebte. Der erst seinen Vater, dann seine Brüder, seine Gesundheit und den Sinn seines Lebens verlor. Dem sein Leben in einem Alter abhandenkam, in dem andere noch nicht einmal an die Rente denken. Draußen ist es dunkel geworden, hier drinnen schauen wir in die kleine Kerzenflamme.

Einige Tage später dann der Tag des Abschieds. Ankommen auf dem Parkplatz am Waldfriedhof. Handy stumm. Aussteigen. »Die nette Frau vom Küchentisch!«, so begrüßt mich Helga am Andachtsplatz. Ich lächle. Sie hat unser Treffen also in guter Erinnerung. Wow.

Fritz hatte den Wunsch geäußert, in einem Bestattungswald beerdigt zu werden. Ohne Schnickschnack, ohne Tamtam. Keine Karten, keine Einladungen. Nur die Musik des Waldes und die Menschen, die ihm wichtig waren – und denen er wichtig war. Das sind nur wenige. Mutt, Tanja, Christina und einige Freunde, dazu etwas abseits der Förster. Er ist bei Begräbnissen in seinem Wald immer dabei.

Am Andachtsplatz werden die Abschiede gestaltet. Schlichte, im Halbkreis aufgestellte Bänke, auf denen die Zugehörigen sitzen, ein Pult für Redner und Rednerinnen, Stelen, auf denen eine Urne für die Dauer der Zeremonie abgestellt werden kann. Innehalten. Zur Ruhe kommen. Auf einem Baumstumpf steht das gerahmte Bild von Fritz, das ich vom Küchentisch her kenne. Um die Urne herum ein Naturkranz, den Fritz’ Mutter später mit nach Hause nehmen wird. Im Wald dürfen keine Kränze verbleiben. Hier übernimmt allein die Natur die Dekoration.

Es geht los. Während meiner Rede schaue ich in die Gesichter der Menschen und spüre: Meine Worte berühren. Ich höre Helga, die Tanja und Christina zuflüstert: »Ja – das stimmt.«

Ich schaue zum Förster. Er ist neu und ich kenne ihn noch nicht. Als wir uns vorhin begrüßten, machte ich mir noch Gedanken, ob er der Situation gewachsen ist oder ob er in diesen Part seines Jobs erst noch hineinwachsen muss. Aber meine Sorgen waren unbegründet. Er ist aufmerksam und wach. Meinen Blick deutet er ganz richtig: Wir gehen nun zum Grab. Der Förster trägt die Urne. Er geht in Helgas Tempo und stürmt nicht mit großen Schritten voran. Guter Mann!

Auf dem Weg zum Baum bitte ich ihn leise um einen Gefallen. Er möge die Urne vorm Absenken noch einmal der Mutter hinhalten. Der junge Förster schaut etwas fragend, nickt aber. Als wir an der Grabstätte stehen und die Urne in das Erdreich hinabgelassen werden soll, hält er wie abgesprochen die Urne noch einmal der Mutt hin. Es ist ganz still, nur das Rascheln der Blätter und das Singen der Vögel ist zu hören.

Dass die Hinterbliebenen noch einmal den Sarg berühren oder die Urne in die Hand nehmen, sieht man selten. Es kann aber ein bedeutender Moment sein. Wenn ich die Zugehörigen kennengelernt habe, kann ich mich auf meine Intuition verlassen, ob die Gelegenheit dazu in den Ablauf der Trauerfeier integriert werden sollte oder nicht. Nicht immer ist das im Vorfeld abgesprochen. Die Familie und die Freunde können erstaunt reagieren oder auch zurückhaltend. Aber noch nie habe ich erlebt, dass die Einladung zu dieser Geste schlecht aufgenommen wurde. Ganz im Gegenteil! Fast immer sind die Menschen im Nachhinein sehr, sehr dankbar, dass sie die Möglichkeit zu einer letzten Berührung hatten. Es gibt da kein Richtig, kein Falsch. Nur die ganz individuelle Entscheidung, was sich in dem Moment passend anfühlt.

Mutt hatte vorhin am Andachtsplatz und auch beim Gang zur Grabstelle einen etwas verwirrten Eindruck gemacht. Demenz und Verlust – eine furchtbare Mischung! Jetzt schaut sie erstaunt auf die Urne, die der Förster ihr behutsam entgegenhält. Es ist, als würde sich ein Nebel lichten. Mutt ist ganz klar, als sie ihre Hand zögernd auf die Urne legt. Es ist ein friedlicher Moment. Ganz von selbst kommen Worte, die sie ihrem Sohn noch sagen will, bevor sie ihn loslassen muss: »Jung. Das war nicht so abgemacht. Ich war doch dran!« Und dann fügt sie hinzu: »Sei mir schön brav da oben, mach keinen Blödsinn und warte auf Mutt.«

Als Helga ihre Hand von der Urne nimmt, ist es, als würde sie die Hand ihres Sohnes freigeben. Es ist ein Loslassen, ein Erlauben. Die Körper von Mutter und Sohn gehen nun getrennte Wege. Die physische Verbindung ist gelöst. Umso reiner und klarer können nun die Erinnerungen die Brücke schlagen. 

Fritz hat sich zu Lebzeiten um seine Bestattung gekümmert. Er legte fest, dass er verbrannt werden möchte. Und er ging zusammen mit dem damaligen Förster durch den Wald und suchte sich einen schönen Platz aus. Unter manchen Bäumen war kein Platz mehr frei; an jedem Baum darf nur eine bestimmte Zahl von Urnen beigesetzt werden. Aber gemeinsam fanden sie eine Stelle, die Fritz besonders gut gefiel. Wie mit Mutt verabredet, reservierte er gleich die Nachbarstelle mit. So werden er und seine Mutter, wenn es so weit ist, hier wieder zusammenfinden.

Mutt ist glücklich, weil sie weiß, was Fritz sich für die Zeit nach seinem Tod gewünscht hat. Er hat rechtzeitig all die Fragen beantwortet, über die sich Angehörige maßlos zerstreiten können. Feuer- oder Erdbestattung? Friedhof oder Bestattungswald? Großer Aufmarsch oder stiller Abschied? Welche Blumen im Kranz sind, hat Fritz nicht interessiert. Aber alles, was ihm wichtig war, hat er klar kommuniziert. So darf Mutt das Gefühl haben, alles richtig zu machen.

Nur selten treffe ich auf Familien und Freundeskreise, in denen offen miteinander gesprochen werden kann, wie es einmal sein soll, wenn sie sterben. Dass nicht nur die Alten, sondern auch die Jungen bei diesem Thema mitreden, ist wichtig. Denn der Tod hält sich nicht an Spielregeln – Sohn Fritz liegt nun unter einer Roteiche und Mutt lebt noch.

Leider komme ich viel häufiger in Häuser und Wohnungen, in denen sich alle vor diesem Gesprächsstoff drücken. Sogar dann, wenn Oma schon 102 ist. Wenn niemand weiß, was sich der oder die Verstorbene wünschte, werden Bestattung und Trauerfeier zur Herausforderung. Denn entweder weiß jeder besser als der andere, was der oder die Verstorbene »wirklich gewollt« hätte, und alle sind mit dem Kompromiss unzufrieden. Oder es ist ihnen allen egal, und ich stehe dann vor der Aufgabe, irgendwie herauszufinden, was der oder die Tote wohl gewünscht haben könnte.

Mein Horror ist es, dass jemand, der sich eigentlich eine Bestattung mit Arbeits- und Sportskolleginnen, mit Schul- und Chorfreunden gewünscht hätte, dem ein gut gepolsterter Sarg und »Over the Rainbow« wichtig gewesen wäre, im engsten Kreis sang- und klanglos verabschiedet wird. Oder andersherum: Jemand, der sich eine stille Feier wünschte, aber nie den Mut hatte, das auszusprechen, wird mit großem Pomp und vielen falschen Tränen zu Grabe getragen, nur »weil sich das so gehört«. Manche Leute denken ja, das wäre egal, Gestorbene bekämen ja sowieso nichts mehr mit. Aber zur Würde eines Lebens gehört auch die Würde seiner Bestattung. Wenn ein Mensch ein Leben lang übersehen und überhört wurde – sollte er dann nicht wenigstens bei seiner Bestattung die Hauptrolle einnehmen? Und wenn einer seine eigenen Wünsche oft hintenangestellt hat, dann dürfen die wenigstens auf seinem letzten Weg eine Rolle spielen.

Es geht um viel mehr als um die Trauerfeier an sich. Wenn wir uns an einen gestorbenen Menschen erinnern, dann sollten wir uns an den ganzen Menschen erinnern können, nicht nur an einen Bruchteil seines Lebens. Es ist von Bedeutung, wenn jemand als Kind mit der Mutter allein, frierend und voller Angst im Bunker warten musste, bis der Bombenangriff vorbei war. Wenn das Geld knapp war und die Not groß. Es ist von Bedeutung, ob jemand als Einzelkind in der Großstadt oder als eines von vielen Kindern auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen ist. Und es ist von Bedeutung, wenn jemand jahrzehntelang ehrenamtlich seine Gemeinde unterstützt hat. Es gibt so viele Facetten, die die Persönlichkeit eines Menschen ausmachen! Würde hat immer nur der ganze Mensch, nicht nur ein Fünftel oder ein Zehntel von ihm.

Wie wichtig die möglichst umfassende Würdigung der Gestorbenen ist, zeigt die nächste Geschichte.

»Kommen Sie«, mit diesen Worten öffnet mir ein Mann Anfang 40 die schwere Tür des Reihenhauses. Eigenheim. Gepflegt. Bevor ich ihm die Hand geben und mich vorstellen kann, hat er sich schon umgedreht und läuft voraus. Kein Name, kein Blickkontakt. Er biegt ins Wohnzimmer ab und setzt sich. Ich stehe einen Moment unschlüssig an der Zimmertür. Geredet wird hier wohl erst mal nicht. Das ist in Ordnung, Trauernde müssen sich nicht an alle Umgangsformen halten.

Die Atmosphäre des Raumes überträgt sich sofort auf mich. Eiche rustikal, alt, dunkel, massiv – und davon viel. Geschirr in den Vitrinen, Kristallgläser mit Schliff, Porzellanfiguren. Auch die schweren Polstermöbel passen ins Bild. Hier wurde Wert auf Qualität gelegt. Dieses Wohnzimmer ist nicht zum Wohnen da, sondern für den Sonntagsbesuch.

Ich setze mich auf einen der freien Sessel und warte. In eine Trauergesellschaft hineinplatzen und sofort das Ruder an sich reißen, das geht gar nicht. Erst mal schauen, wie die Gravitationswellen hier im Raum verlaufen. Um den halben Couchtisch sitzen aufgereiht die Angehörigen. Da ist Heinz, Ehemann der verstorbenen Elisabeth. Er ist 71. Dunkle Hose, Hemd, Pantoffeln. Seine Hände liegen gefaltet in seinem Schoß. Er wirkt müde, erschöpft, traurig. Daneben Maik, Sohn Nr. 1, gefolgt von Markus, Sohn Nr. 2, und Christian, Sohn Nr. 3. Nummer drei hatte mir die Tür geöffnet. Es vergeht eine halbe Minute, dann fragt Maik: »Was ist denn nun?«

Die Menschen, mit denen ich an diesem Couchtisch sitze, wissen, warum ich hier bin. Aber unsere Vorstellungen von diesem Treffen gehen weit auseinander. Ich möchte gerne mit der Familie den Abschied ihrer vor wenigen Tagen verstorbenen Mutter respektive Ehefrau planen, Details für den Ablauf der Beerdigung besprechen, die Rede, die ich halten werde, mit ihrer Persönlichkeit füllen. Das erfordert vom Witwer und den Söhnen Mitarbeit. Aber zumindest die Söhne sehen die Sache anders: Ich soll als Dienstleisterin gefälligst einen Dienst leisten, ohne die Familie zu nerven. 

Ich weiß aus Erfahrung, dass so ein Gespräch Zeit braucht. Erst mal warm werden. Ins Reden kommen. Es kann ein bisschen dauern, bis die Türen weit offen stehen und die Erinnerungen an fröhliche, an prägende und auch an schwere Zeiten ans Tageslicht kommen. Das ist fast immer so. Doch manchmal ist es eben auch anders. Dann starre ich in gähnende Leere.

»Also mir fällt zu Mutter nix ein«, äußert Christian, bevor auch nur drei Sätze gesprochen sind. Klare Info. Nix!

»Können Sie nicht eine Geschichte vorlesen von irgendwas?«, fragt Markus. So wie seine Brüder würde er dieses Treffen offensichtlich gerne kurz halten. Schnell rein, schnell raus. Den störenden Termin fix hinter sich bringen. Hat er Stress? Etwas Besseres zu tun? Kann auch er wirklich nichts zu seiner Mutter sagen?

Die Idee, einen Standard-Lückentext vorzulesen, ist sozusagen die Arme-Leute-Variante eines persönlichen Abschieds. »Arm« bezieht sich hier auf Gefühle, nicht auf Materielles. So etwas liegt weit entfernt von meiner Vorstellung eines würdevollen Abschieds.

Was stellt der Sohn sich vor?

Liebe Familie,

wir sind heute zusammengekommen, um E… auf dem letzten Wegstück zu begleiten. E… ist den Weg ihres Lebens gegangen. Sie hat Sonne und Regen erlebt. Auf ihrem Weg waren Begleiter an ihrer Seite …

Kurze Liste der Begleiter. Schluss. Das wars. Ich finde: So eine Rede geht gar nicht! Jeder Mensch hat den persönlichsten und damit würdigsten Abschied verdient, der möglich ist. Genau deshalb bin ich hier.

Oft wenden sich die Angehörigen direkt an mich, weil sie eine individuelle Ansprache wünschen. Manchmal ist der Bestatter mein Auftraggeber. Im Gespräch mit den Angehörigen fragt er oder sie (gut, dass es immer mehr Bestatterinnen gibt) die Familie nach Wünschen und Vorstellungen. Wenn der Verstorbene aus der Kirche ausgetreten ist oder geistliche Begleitung aus anderen Gründen nicht gewünscht ist, dann ist ein freier Redner, eine freie Rednerin eine Option. Ich begleite auch Abschiede von Menschen, die einen fest verwurzelten Glauben gelebt haben. Da darf dann auch die Einladung zum Gebet Platz haben. Aber immer steht die Persönlichkeit des oder der Verstorbenen an erster Stelle. Der von der Religion festgelegte Ablauf einer Trauerfeier, im Christentum ist das die Liturgie, tritt in den Hintergrund.