Warum wir (zu viel) essen - Andrew Jenkinson - E-Book

Warum wir (zu viel) essen E-Book

Andrew Jenkinson

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Beschreibung

Endlich Schluss mit Diät-Frust und Jo-Jo-Effekt! Lernen Sie Ihren Körper besser zu verstehen und Ihr Gewicht nachhaltig in den Griff zu bekommen. Wer kennt ihn nicht: den ewigen Kreislauf aus Hoffnung, Diät und Frust? Dieses Buch räumt mit Mythen auf und zeigt, warum der Schlüssel zum gesunden Abnehmen im Verständnis des eigenen Körpers liegt. Statt Kalorien zu zählen, lernen Sie, welche Prozesse tatsächlich über Gewichtszunahme oder -verlust entscheiden. Der Autor verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit praxistauglichen Tipps, Ernährungstabellen und einem realistischen Ansatz: Verstehen Sie Ihren Stoffwechsel, aktivieren Sie Ihre natürlichen Selbstregulationskräfte und finden Sie Schritt für Schritt zurück zu einem gesunden Gleichgewicht. Dieser wissenschaftlich fundierte Ratgeber deckt die wahren Ursachen von Übergewicht auf und zeigt, warum herkömmliche Diäten scheitern. Basierend auf neuesten Forschungsergebnissen erklärt der Autor, wie unser Körper durch einen individuellen „Gewichts-Sollwert“ gesteuert wird: und wie Gene, Hormone, Fette und Umweltfaktoren unseren Stoffwechsel beeinflussen.

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Seitenzahl: 539

Veröffentlichungsjahr: 2024

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WARUM WIR (ZU VIEL) ESSEN

,Ein fesselnder Blick auf die Wissenschaft von Appetit und Stoffwechsel' Vogue

,Cool, klar und sehr überzeugend ... Ein radikaler Ansatz zur Gewichtsabnahme' Sunday Times

,Dr. lenkinson will Lösungen, denn er weiß, wie aktuell und überwältigend das globale Gewichtsproblem ist ... Seine Botschaft richtet sich an Einzelpersonen, die Hilfe suchen, nicht an Ministerien oder Regierungen, die sich die Ohren zuhalten könnten. Es geht um Genuss, nicht um Entbehrung, zusammengefasst mit „mehr essen, mehr ruhen" ' Jenni Russell, The Times

, Es ist jedem zu empfehlen, der versucht, Gewicht zu verlieren. Es ist auch denjenigen empfehlen, die Schwierigkeiten haben, freundlich zu Menschen mit Adipositas zu sein.' The Times

,... das Buch von Andrew Jenkinson ist ein Meisterwerk. Ich werde es jedem meiner Kunden empfehlen, weil es so kluge und vernünftige Ratschläge zum Abnehmen gibt ... Es ist ein seltenes Vergnügen, wenn man auf ein Buch stößt, bei dem man bedauert, wenn es zu Ende ist, bei Sachbüchern ist das noch seltener. Dies ist wirklich das beste Buch, das ich seit langem über Gesundheit und Ernährung gelesen habe!' Kate Berkeley, reg. Ernährungstherapeutin

,Es wird jeden fesseln, der jemals mit Diäten zu kämpfen hatte, aber man muss nicht abnehmen wollen, um es zu lesen ...' Sunday Telegraph

faszinierende Wissenschaft ... Einer der britischen Top-Experten zur Gewichtsreduktion'

Inhalt

Teil I: Lektionen in Energie

1 Stoffwechsellehre für Anfänger

2 Die heilige Kuh

3 Diäten und die größten Verlierer

4 Warum wir essen

5 Der Vielfraß

6 Der letzte Ausweg

Teil II: Lektionen zur Adipositas

7 Der Chefkoch

8 Die Wurzel des Übels

9 Der Omega-Code

10 Die Zucker-Achterbahn

11 Das französische Paradox

12 Das Wunder-Diät-Buch

13 Äußere Einflüsse

Teil III: Der Weg zu einem gesünderen Gewicht

14 Vorbereitung zum Selbermachen

15 Mehr essen, mehr ruhen

16 Ihre persönliche „blaue Zone"

Epilog

Anhang 1

Anhang 2

Covid-19 und Adipositas

Literaturverzeichnis

Glossar

Bibliographie

Danksagung

Sach- und Personenverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abb. 1 Täglicher Energiebedarf bei sitzender Tätigkeit im Vergleich zu körperlicher Arbeit

Abb. 2 7.000 kcal entsprechen einer Gewichtszunahme von einem 1 kg

Abb. 3 Anstieg des Kalorienverbrauchs und der Adipositasrate ab 1980

Abb. 4 Stoffwechselveränderungen nach Gewichtszunahme und Gewichtsabnahme

Abb. 5 Der Gewichts-Sollwert

Abb. 6 Gewichtsverteilung in Jäger- und Sammlerpopulationen

Abb. 7 Gewichtsverteilung in bäuerlichen Populationen

Abb. 8 Anzunehmende Gewichtsveränderung, durch verarbeitete Lebensmittel wenn alle Menschen gleichermaßen betroffen sind

Abb. 9 Tatsächliche Gewichtsveränderung, durch verarbeitete Lebensmittel

Abb. 10 Ernährungsstatus während der Schwangerschaft und späteres Adipositasrisiko

Abb. 11 Stoffwechselveränderungen sechs Jahre nach der Show „The Biggest Loser"

Abb. 12 Wechseldiät, kontinuierlich fettarme oder hochkalorische Diät

Abb. 13 Spannbreite des Grundumsatzes bei Personen gleicher Körpergröße

Abb. 14 Die Appetit- und Sättigungshormone Leptin, PYY und Ghrelin

Abb. 15 Ghrelinspiegel vor und nach einer Diät

Abb. 16 Leptinwirkung auf Senkung des Sollgewichts

Abb. 17 Wie Leptin dem Gewichtsverlust durch eine Diät entgegen wirkt

Abb. 18 Der Weg zur Leptinresistenz

Abb. 19 Magenbypass und Schlauchmagen

Abb. 20 Nach einer Diät wird der Gewichts-Sollwert neu festgelegt

Abb. 21 Massenvergleich von Gehirn und Magen-Darm-Trakt

Abb. 22 Größenrelation von Gehirn und Magen-Darm-Trakt gleichgroßer Primaten

Abb. 23 Cro-Magnon Mensch:Torensische Gesichtsrekonstruktion

Abb. 24 Die (hypothetische) Ernährungspyramide der Jäger-Sammler – Epoche

Abb. 25 Zuckerverbrauch zwischen 1822 und 2000

Abb. 26 Vergleich der Sieben-Länder-Studie mit den fünfzehn anderen Ländern

Abb. 27 Konsum zugesetzter Fette und Öle zwischen 1970 und 2005

Abb. 28 Ernährungspyramide der Jäger und Sammler

Abb. 29 Moderne Ernährungspyramide

Abb. 30 Die Entwicklung der menschlichen Ernährung

Abb. 31 Adipositasraten in den USA 1960 – 2008

Abb. 32 Fettkonsum in den USA 1909-2009

Abb. 33 Kalorienzufuhr nach Lebensmittelgruppen in den USA: 1970 und 2010

Abb. 34 Aufbau der Fettmoleküle

Abb. 35 Aufbau einer gesättigten Fettsäure

Abb. 36 Aufbau der Omega-3. und Omega-6 Fettsäure

Abb. 37 Omega-3-und Omega-6-Gehalt in Speiseölen und Fetten

Abb. 38 Linolsäurekonzentration (Omega-6) im Unterhautfettgewebe

Abb. 39 Die entzündungs-relevanten Anteile von Omega-3 und Omega-6

Abb. 40 Pflanzenölkonsum und Adipositasraten in den USA, 1970-2010

Abb. 41 Die Blutzucker-Achterbahn

Abb. 42 Die fünf ursprünglichen „Blauen Zonen"

Tab. 1 Raucherguoten und Herzkrankheitsraten 1960-2000

Tab. 2 Krankheiten und Todesursachen in prähistorischer Zeit und heute

Tab. 3 Eigenschaften Omega-3 und Omega-6

Tab. 4 Verhältnis von Omega-6/Omega-3 in unterschiedlichen Populationen, Stand 2004

Tab. 5 Gewichtsverlust durch Diät oder durch Sollwert-Änderung

Tab. 6 Glykämische Last gängiger Lebensmittel

Einführung

Ambulanz für Adipositas-Chirurgie, London,

Dezember 2012

In diese Klinik kommen Menschen mit Übergewicht, um über eine Magenoperation zu sprechen.

Von meiner Praxis im ersten Stock des University College Hospital, habe ich dank der Panoramafenster einen großartigen Ausblick auf die Kulisse von London. Ich sehe die roten Busse und schwarzen Taxis auf der Euston Road und ich erinnere mich, dass ich einmal eine meiner Patientinnen beobachtete, wie sie sich langsam auf den Haupteingang des Krankenhauses zubewegte. Sie versuchte vergeblich, ihren massigen Körper im Sturm unter einem flatternden Regenschirm zu schützten und den Eingang trocken zu erreichen. Sie tat mir leid.

Wenige Minuten später trat sie ein, Furcht und Verzweiflung standen ihr ins Gesicht geschrieben. Sie hatte aufgegeben, die weiße Fahne gehisst und im Kampf gegen ihr Gewicht schließlich kapituliert: Der Diätkrieg war verloren. Nun sollte ich ihr den größten Teil ihres Magens entfernen. Sie ließ sich in unseren übergroßen Klinikstuhl fallen und erzählte unter Tränen von ihrem jahrelangen Diätversagen. Und während sie erzählte, hörte ich zu und lernte.

Das vorliegende Buch wurde von Patienten wie dieser Dame inspiriert – normalen Menschen, die jahrelang mit ihrem Gewicht kämpften; Menschen, die auf der Suche nach einer Behandlung zu mir kamen.

Meine Patienten ermutigten mich, dieses Buch zu schreiben. Ich hatte ihnen über die Jahre zugehört, und was sie sagten, stimmte nicht mit meinem eigenen Verständnis von Fettleibigkeit überein. Ich wollte die Lücke zwischen dem, was Wissenschaftler, Ärzte und Diätassistenten uns über die Krankheit und den Umgang mit ihr erzählten, und dem, was schwer übergewichtige Menschen tatsächlich selbst erlebten, schließen – denn diese beiden Geschichten passten nicht zusammen.

Wenn es so einfach wäre, durch Diäten und Sport abzunehmen, wie uns die Wissenschaftler sagten, und wenn die Vorteile dieser Gewichtsabnahme in Bezug auf Glück, Selbstvertrauen, Gesundheit und Finanzen so groß sind, warum schafften diese Menschen es dann nicht? In den folgenden fünf Jahren beschäftigte mich diese Frage: Warum kann sich etwas scheinbar so Einfaches in der Praxis als so schwierig erweisen? Warum schaffen es die Menschen nicht, ihr Gewicht dauerhaft zu reduzieren? Wie kann eine Gewichtsabnahme durch Diäten so schwierig sein, dass Menschen zu so extremen Maßnahmen wie einer Magenverkleinerung (oder Bypass-Operation) greifen?

Das University College London Hospital (UCLH) verfügt über eine fantastische Stoffwechsel-Forschungsabteilung, die von meiner Kollegin, Professor Rachel Batterham geleitet wird. Ihre Spitzenforschung verschaffte mir tiefe Einsicht und Verständnis dafür, wie unser Appetit durch Hormone (die im Magen und im Darm gebildet werden) gesteuert wird, die einen tiefgreifenden Einfluss darauf haben, was und wie viel wir essen. Der Appetit schien nicht unter bewusster Kontrolle zu stehen, sondern wurde von diesen neu entdeckten Hormonen gesteuert.

Meine Studien führten mich vom Appetit zum Stoffwechsel: Wie wird die Energiemenge, die wir verbrennen, gesteuert? Es schienen weitere Hormone beteiligt zu sein. Aber seltsamerweise wurden viele der bahnbrechenden Forschungsergebnisse, die unseren Stoffwechsel erklärten, von der Schulmedizin ignoriert. Warum war das so?

Wenn unser Appetit und unser Stoffwechsel von stark wirkenden Hormonen gesteuert werden, dann würde dies erklären, warum es meinen Patienten so schwerfällt, mit einfacher Willenskraft abzunehmen. Die hormonellen Auslöser, die unser Ess- und Ruheverhalten steuern, werden offenbar vornehmlich von unserer sich verändernden Umwelt beeinflusst.

In diesem Buch werde ich die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse über Stoffwechsel und Appetit nutzen und dieses Wissen mit dem zusammenführen, was uns fettleibige Menschen seit Jahren zu sagen versuchen. Ich werde darlegen, warum die meisten Dinge, die man Ihnen über Fettleibigkeit erzählt hat, Mythen sind, die auf schlechter Forschung und Eigeninteressen beruhen.

Sie werden erfahren:

Warum es so schwierig ist, Gewicht zu verlieren, wenn man die aktuellen Ratschläge von Medizinern und Ernährungsexperten befolgt

Wie einige dieser Ernährungsempfehlungen kontraproduktiv sein können und das Abnehmen noch schwieriger machen

Warum viele stark übergewichtige Menschen das Gefühl haben, in der Falle zu sitzen und nicht entkommen zu können, egal wie sehr sie sich bemühen.

Welche Strategien die besten für eine langfristige Gewichtsabnahme und Gesundheit sind, egal ob Sie 2 kg oder 30 kg abnehmen möchten

Nach der Lektüre dieses Buches sollten Sie besser verstehen, warum medizinische Fachleute mit ihren Ratschlägen zur Gewichtsabnahme über Jahre versagt haben, und, was noch wichtiger ist, Sie werden dieses Wissen zur Verbesserung Ihrer eigenen Gesundheit und Ihres Wohlbefindens nutzen können. Ich hoffe, dass Sie am Ende dieses Buches erleichtert sein werden, weil Sie endlich nicht nur eine Erklärung, sondern auch eine Lösung haben. Ich vermeide übermäßigen medizinischen Fachjargon (und erkläre alle Begriffe, die verwendet werden müssen) und präsentiere meine Ideen in einer zugänglichen, lockeren Art und Weise, die Sie zum Lesen anregen soll.

Doch zunächst einige Hintergrundinformationen. Ich bin Chirurg am University College Hospital in London. Meine Aufgabe ist es, Menschen zu behandeln, die mit Diäten nicht abnehmen können und am Ende ihres Weges angelangt sind. Sie haben akzeptiert, dass es für sie unmöglich ist, Gewicht zu verlieren und dieses Gewicht langfristig zu halten. Sie wissen, dass sie ihr Leben damit verbringen werden, unter Fettschichten gefangen zu sein und allmählich immer kränker, frustrierter und unglücklicher werden, wenn sie nicht etwas Drastisches unternehmen. In den letzten fünfzehn Jahren habe ich bestimmt über 2.000 Menschen in dieser Situation befragt.

Die Lösung, die meine Patienten suchen, ist eine Operation. Keine Maßnahme wie die „Liposuction", bei der das Fett abgesaugt wird, sondern eine Operation, bei der Magen und Darm so verändert werden, dass die Betroffenen leichter abnehmen können: die bariatrische oder auch Adipositas-Chirurgie. Vielleicht haben Sie in den Medien schon von dieser Art der Operation gehört. Eine beliebte bariatrische Operation ist das „Magenband". Dabei wird ein verstellbares Silikon-Kunststoff-Band um den oberen Teil des Magens gelegt. Das Band verhindert, dass man sehr schnell isst, so dass man sich schon nach einer sehr kleinen Mahlzeit satt (und manchmal unwohl) fühlt. Das Magenband wurde inzwischen von zwei anderen Verfahren in seiner Beliebtheit überholt: Bei dem einen wird der Magen vollständig umgangen (sodass die Nahrung nicht in den Magen gelangt), bei dem anderen werden drei Viertel des Magens vollständig entfernt, der verbleibende Rest hat dann die Form und Größe eines engen Schlauches. Dies wird als Sleeve-Gastrektomie (oder Schlauchmagen) bezeichnet (mehr dazu in Kapitel 6).

Meine erste Operation zur Gewichtsreduzierung war ein Magenbypass im Jahr 2004, bei dem die laparoskopische oder Schlüsselloch-Chirurgie zum Einsatz kam. Das ist ein ziemlich schwieriger Eingriff. Ich war gut ausgebildet, aber als der Morgen der Operation kam und ich meinen Patienten sah, hatte ich Angst um ihn. Er war ein Risikopatient: ein junger orthodoxer jüdischer Koch namens Jac mit einem Gewicht von 210 kg.

Die Operation verlief gut. Sie dauerte zweieinhalb Stunden, obwohl es gefühlt viel kürzer war. Wenn man einen Eingriff durchführt, konzentriert man sich so sehr, dass es einem vorkommt, als sei man in einer anderen Welt. Eine Operation, vor allem, wenn man damit vertraut ist, kann fast eine meditative, tief entspannende Erfahrung sein.

Jac erholte sich gut, und da es bei der Schlüssellochchirurgie keine großen Wunden in der Bauchwand gibt – nur kleine Einschnitte – sind die Schmerzen danach minimal. Erfreulicherweise konnte er das Krankenhaus schon bald nach der Operation schmerzfrei verlassen.

Viele meiner ärztlichen Kollegen halten bariatrische Eingriffe für unnötig und verstümmelnd. Sie denken oder sagen: „Warum können Ihre Patienten nicht einfach mit einer Diät abnehmen und ein bisschen mehr Willenskraft haben"? Und nicht nur Ärzte sind dieser Meinung. Auch viele Politiker und Journalisten, also Menschen, die Macht und Einfluss haben, sind der Meinung, dass diese Art von Chirurgie nicht wirklich notwendig ist. Ich bin der Meinung, dass sie sich irren. In diesem Buch geht es darum, unser grundlegendes Missverständnis über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Übergewicht aufzuklären. Genau wegen dieses fehlerhaften Denkens vieler Experten und Berater hat sich die Adipositas-Krise verschlimmert, und jeder, der davon betroffen ist, leidet darunter. Wenn wir als Gesellschaft die Fettleibigkeit verstehen und gemeinsam dagegen vorgehen würden, bräuchten wir weder meine noch die Dienste irgendeines Chirurgen für Gewichtsreduktion.

Nach meiner ersten erfolgreichen Operation im Jahr 2004 begann ich, immer mehr dieser bariatrischen Operationen durchzuführen: Magenbypass, Magenbänder und Sleeve-Gastrektomien. Mit zunehmender Erfahrung wurde das Homerton University Hospital, in dem ich als Facharzt anfing, zum meistfreguentierten Zentrum für bariatrische Chirurgie in London. Mit zunehmender Erfahrung verkürzte sich die Zeit, die ich für eine Operation benötigte, auf eine Stunde, und die meisten Patienten mussten nur eine Nacht im Krankenhaus bleiben und brauchten nur eine Woche Urlaub zu nehmen.

Im Laufe der Monate und Jahre wurde meine Ambulanz von immer mehr Patienten aufgesucht, die in unterschiedlichem Ausmaß an Adipositas litten. Ich sprach mit Hunderten von Patienten über ihre Ansichten und Erfahrungen mit dieser Krankheit. Dann hatte ich eine Art Offenbarung: Sie alle schienen mir immer wieder das Gleiche zu sagen – und es gab sicher keine Absprachen zwischen den Patienten. Ihre Ansichten und Erfahrungen mit dem Übergewicht standen im Widerspruch zu den konventionellen Ansichten von Ärzten, Diätassistenten und anderen Gesundheitsexperten. Während sie von ihren Erfahrungen berichteten, hörte ich genau hin und machte mir meine Gedanken.

Ich erinnerte mich an einen Satz von David Maclean, einem beeindruckenden Chirurgen, mit dem ich am Royal London Hospital zusammengearbeitet hatte und der im Alter von achtundsechzig Jahren noch über das Rentenalter hinaus arbeitete, weil man keinen adäquaten Ersatz für ihn fand. Er sah mich eindringlich an und sagte: „Hören Sie immer genau zu, was Ihre Patienten Ihnen sagen". Dieser Rat blieb mir im Gedächtnis – ich hörte zu. Dies waren einige der typischen Sätze, die ich immer wieder hörte:

„Ich kann abnehmen, Herr Doktor, aber ich kann es nicht halten. "

„Ich glaube, ich habe einen langsamen Stoffwechsel im Vergleich zu den Menschen, mit denen ich zusammenlebe."

„Ich glaube, Fettleibigkeit ist in meinen Genen" oder

„Diäten funktionieren bei mir nicht, ich habe sie alle ausprobiert und am Ende habe ich mehr zugenommen als zu Beginn der Diät"

„Ich brauche mir nur eine Sahnetorte anzusehen und schon werde ich fett!"

„Ich kann meinen Hunger nicht kontrollieren, ich fühle mich schwach, wenn ich nichts esse."

Als ich anfing, diese Eingriffe zu machen, verließ ich mich auf meine begrenzte Ausbildung in Adipositas, die ich an der Medizinischen Fakultät erworben hatte. Mittlerweile beherrschte ich die Operationen sehr gut, aber wie vielen Ärzten, die mit einem Patienten konfrontiert sind, der an Fettleibigkeit leidet, fehlte es mir an Empathie und Einfühlungsvermögen – ich konnte nicht wirklich nachvollziehen, was der Patient durchmacht. Für mich galt das einfache Prinzip der Energiebilanz: Wenn man mehr Energie in Form von (Nahrungs-)Kalorien aufnimmt, als man (durch Bewegung) verbrennt, dann speichert man diese zusätzliche Energie im Körper als Fett. Meiner Meinung nach war es daher sehr einfach, Gewicht zu verlieren. Man musste nur weniger essen und sich mehr bewegen – so verstanden wir Mediziner das, aber für meine Patienten war es nicht so einfach.

Was mir in diesen ersten Jahren der Adipositasbehandlung ebenfalls auffiel, war die Veränderung meiner Patienten nach der Operation. Ihr Leben hatte sich grundlegend gewandelt. Die Fettleibigkeit, mit der sie ihr ganzes Leben lang gekämpft hatten, war nicht mehr vorhanden. Viele sagten, sie seien wieder so wie früher – so, wie sie vor der Adipositas waren. Das Problem, das sie jahrelang mit einer Diät nach der anderen und einer Enttäuschung nach der anderen in den Griff zu bekommen versucht hatten, war nun verschwunden. Sie waren aus ihrer Adipositasfalle befreit.

Als ich bemerkte, dass jeder meiner Patienten mir praktisch dieselbe Geschichte vor der Operation erzählte, und dass sie nach der Operation andere Menschen geworden waren, stellten sich mir einige Fragen: War das, was die Patienten mir berichteten richtig und das, was wir Ärzte dazu sagten, war falsch? War unser herkömmliches Verständnis von Fettleibigkeit fehlerhaft? Handelte es sich um einen Zustand, der bei den Patienten auftrat, ohne dass sie irgendeine Kontrolle daüber hatten? Mit anderen Worten, handelte es sich eher um eine Krankheit als um einen selbst gewählten Lebensstil? Ich wollte Antworten auf diese Fragen.

Die Journalisten der Boulevardpresse, die Ärzte, die Entscheidungsträger, die Öffentlichkeit und die Politiker zeigten mit dem Finger auf meine Patienten und sagten: „Das ist euer Problem, ihr habt es verursacht, und wenn ihr genug Willenskraft hättet, könntet ihr es lösen". Aber die Patienten gaben mir eine andere Botschaft: Ich würde alles tun, aber ich sitze in der Falle. So entwickelte sich bei mir der Wunsch, die Wahrheit herauszufinden. Was wäre, wenn meine Patienten Recht hätten und das medizinische Establishment falsch läge? Ich griff wieder zu den Büchern und studierte und erforschte den gesamten Bereich des Stoffwechsels, der Gewichtsregulierung und des Appetits. Ich wollte das, was ich in den Jahren, in denen ich mit adipösen Patienten sprach und sie behandelte, gehört und gesehen hatte, mit den Ergebnissen der medizinischen Forschungsliteratur abgleichen. Ich begab mich auf eine weite Reise in die Tiefen der Stoffwechselforschung, in die Genetik und Epigenetik der Fettleibigkeit. Dabei erfuhr ich wie Anthropologie, Geografie und Wirtschaft unsere Lebensmittel beeinflussen und wie Wissenschaftler und Lobbyisten unsere Sicht manipulieren.

Nachdem ich meine Nachforschungen angestellt hatte, hatte ich meine Antwort. Den Patienten gefiel meine Art, ihnen genau zu erklären, warum sie in diesem Zustand gefangen waren. Dass das Gewicht nicht unter bewusster Kontrolle steht und daher nicht durch Diäten dauerhaft manipuliert werden kann. Und wie man den Körper dazu bringen kann, leichter sein zu wollen, indem man die täglichen Signale, die er empfängt, verändert. Dies ist die Grundlage von Warum wir (zu viel) essen.

Ich hoffe, dass dieses Buch von jedem gelesen wird, der daran interessiert ist, sein Gewicht zu kontrollieren, aber es leid ist, Diäten zu machen. Ich hoffe, dass Menschen, die Adipositas und Gewichtsregulierung wirklich verstehen wollen, dieses Buch in die Hand nehmen – jeder, der einen Freund oder Verwandten hat, der mit Übergewicht kämpft und sie nicht kontrollieren kann. Und schließlich hoffe ich, dass die Mächtigen – Politiker, Journalisten und sogar Ärzte – dieses Buch lesen werden. Es wird ihre Vorstellungen zur Fettleibigkeit verändern und vielleicht künftigen Generationen helfen, das damit verbundene Leid zu vermeiden.

Teil 1

Lektionen in Energie

Wie unser Körper das Gewicht kontrolliert