Wo kommt ihr denn wech? - Peter Schulte - E-Book

Wo kommt ihr denn wech? E-Book

Peter Schulte

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Beschreibung

Ostwestfalen in den siebziger Jahren. Die Industrialisierung, Migarationsbewegungen und sozialer Wandel verändern das traditionelle Erscheinungsbild einer Kleinstadt, welche sich im Wesentlichen aus Bauern, Handwerkern, Kirche und Schützenwesen zusammensetzt. Der Autor beschreibt retrospektiv seine Erlebnisse und Erfahrungen in diesem ostwestfälischen Mikrokosmos. Wie waren die Menschen dieser Zeit? Was hat sie beschäftigt und welche Wünsche hatten sie? Wie gingen sie miteinander um? In diesem Buch wird versucht, eine Antwort darauf zu finden.

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Seitenzahl: 228

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Inhalt

In eigener Sache

Erste Orientierung

Harsewinkel for Beginners

Ostwestfälische Lebenswelten

Die 1960er Jahre

Jugendliche Lebenswirklichkeiten

Kinder am Rövekamp

Die Schulzeit

Sommerfreuden im Freibad

Musik meiner Jugend

„Wolle, Wolle, Hacke, Hacke“ – Tanzkurs bei „Poppi“

Kirche und Glaube

Politik und politische Einstellungen

Wirtschaftsleben in Harsewinkel

Kulturarbeit auf Ostwestfälisch

Hopp hopp rin in Kopp – Feste und Gebräuche

Aus dem Nähkästchen geplaudert

Geschichte trifft Gegenwart – der Harsewinkler Friedhof

1. In eigener Sache

Zu meinen schrecklichsten Kindheitserinnerungen gehören Roy Black, Bata Illic und Mireille Mathieu. Nichts auf der Welt verursacht mehr Traumata als der deutsche Massengeschmack, besonders dann, wenn er ziemlich seicht daherkommt. Meine Tante stand auf Michael Holm. Auf ihrem Polterabend tanzte sie allein zu seinem Lied Barfuß im Regen („und wir tanzen und tanzen und tanzen“). Da war ich neun Jahre alt.

Auch Ostwestfalen blieb von den musikalischen Quälgeistern dieser Zeit nicht verschont. Die Schlagermusik der 1970er Jahre war die moralische Instanz des deutschen Kleinbürgers, auch wenn es niemand zugibt. Wenn Heintje im Fernsehen auftrat, wurde es meist eigenartig still. Warum so viele Deutsche diesem Schlagerhype verfielen, lässt sich nur erahnen. Offenbar drang diese Art von Musik in die tiefsten Bereiche der menschlichen Psyche vor und wirkte wie eine Depotspritze. Roberto Blancos Prophezeiung „Ein bisschen Spaß muss sein, dann kommt das Glück von ganz allein“ war der ultimative Freifahrtsschein zum Abfeiern unter dem Deckmantel bürgerlicher Geselligkeit. Das war fast schon revolutionär.

Die Jungen in unserer Straße hießen Klaus, Christian, Peter, Markus, Harald oder Heinz. Haartechnisch orientierten wir uns an dem Standard-Poposcheitel der 1970er Jahre, so wie ihn zum Beispiel Jürgen Marcus trug – ja, genau der, welcher ständig in der ZDF-Hitparade verkündete: „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben – nananananana“.

Die Mädchen hießen Pia, Hildegard, Christiane, Annette, Monika, Birgit oder Elisabeth. Bei ihnen waren Zöpfe angesagt, an denen wir gerne mal zogen. Auch Agnetha von der schwedischen Kultband ABBA trug gelegentlich Zöpfe und konnte uns Jungs ganz schön verwirren.

Meine erste Freundin lernte ich im Sandkasten kennen. Sie wohnte mit ihren Eltern direkt über uns im gleichen Haus. Sie war das hübscheste Mädchen in unserem Viertel und strotzte nur so vor Selbstbewusstsein. Ihr schönes Gesicht wurde durch das Tragen zweier riesiger silberner Ohrringe noch hübscher, und wenn sie mich mit ihren strahlend weißen Zähnen anlächelte, war das mehr als nur eine Offenbarung. Der Zauber der Jugend – wir sollten ihn hüten wie einen Schatz und ihm gelegentlich etwas Zeit widmen.

Meine erste Langspielplatte hieß Harvest von Neil Young. Die Aufnahme stammt von 1972. Darauf ist auch einer seiner bekanntesten Songs zu hören, Heart of Gold. Clemens „Clem“ aus Harsewinkel brachte ihn mir im damaligen Jugendzentrum Jonasbau auf der Gitarre bei. Doch dazu später. Mit einer Gitarre kam man bei den Mädels damals besser an als mit einer dicken Brieftasche (besser wäre natürlich beides gewesen).

Die Partnerwahl hängt aber nicht nur davon ab, ob du eine Liebste mit einer Gitarre beeindruckst oder gar verzauberst – das ist wohl eher selten der Fall –, sondern von einer Menge anderer Faktoren. Darauf kann ich hier nicht weiter eingehen. Nur so viel möchte ich anmerken: Nur „reich im Herzen“ zu sein war zu wenig, um eine Frau zu erobern. Als armer Schlucker hat die Gesellschaft keinen Platz für dich am reich gedeckten Tisch der Freuden des Lebens reserviert. Du kannst nett, freundlich und liebevoll sein, aber wenn es ums Ganze geht, dann treten eigenartige Gesetze zutage, Gesetze, die sich auf das Haben und nicht auf das Sein beziehen. Aber wie sagt meine Mutter immer treffend: „Das Leben ist kein Wunschkonzert.“

Doch zurück zu meiner ersten Langspielplatte von Neil Young. Leider kam mir diese nach mehrmaligem Verleihen abhanden (hallo Oliver, ich hoffe, du hattest viel Freude damit). Doch alles Schlechte hat auch etwas Gutes: Im Jahr 2014, 42 Jahre nach der Veröffentlichung von Harvest, erfüllte ich mir einen Jugendtraum und fuhr gemeinsam mit meinem alten Freund Rainer zum Neil-Young-Konzert nach Mönchengladbach. Da stand er vor mir, der Godfather of Grunge, wie er heute zuweilen genannt wird – etwas gealtert, aber immer noch mit der gleichen Magie und dem unverwechselbaren Sound, der mich bis heute berührt.

Literatur hatte in meiner Jugend keinen Stellenwert. Sicher, es gab Märchenbücher, Pipi Langstrumpf, den Räuber Hotzenplotz oder Winnetou, aber ehrlich gesagt haben mich die Verfilmungen dieser Bücher stets mehr angesprochen. Das erste Buch, das ich von Anfang bis Ende gelesen habe, war Pippi in Taka-Tuka-Land von Astrid Lindgren. Oder auch Fünf Freunde von der englischen Schriftstellerin Enid Blyton. Aber das war es dann schon auch. Bei uns zu Hause gab es meist die Hörzu und die Bild am Sonntag. Das reichte für die ganze Woche.

2. Erste Orientierung

August 2019. Ich besuche die Stadt meiner Kindheit und Jugend. Ich war lange nicht mehr hier und trotzdem kommt es mir so vor, als wäre ich nie weg gewesen. Mitte der 1960er Jahre, da war die Droste-Hülshoff-Straße mein Lebensmittelpunkt, der Ort, wo alles stattfand, das Zentrum meiner kleinen und bescheidenen Welt.

Das Haus mit der Nummer 13 sieht noch genauso aus wie vor 50 Jahren: ein schlichter Ziegelbau mit vier Wohneinheiten, ausgerichtet für Familien mit vielen Kindern. Der kleine Vorgarten mit den dekorativen Sträuchern wurde inzwischen durch pflegeleichte Fassaden ersetzt – man geht ja mit der Zeit. Hinterm Haus sieht es immer noch so aus wie vor 50 Jahren: eine große Rasenfläche, die fast bis an die Bundesstraße 513 heranreicht.

Als wir Mitte der 1960er Jahre unsere Wohnung in diesem Haus bezogen, wurden im Garten noch Parzellen für den Obst- und Gemüseanbau angelegt, hauptsächlich für Rhabarber, Erdbeeren, Kartoffeln, Erbsen und Bohnen. Mittlerweile sind diese verschwunden. Die Zeiten ändern sich – wer braucht heute noch einen eigenen Garten? Bei Lidl und Co. gibt es doch alles zu fast jeder Tageszeit zu kaufen.

Nun stehe ich also vor dem Haus meiner Jugend und versuche, mich an früher zu erinnern und mir die damit verbundenen Erlebnisse ins Bewusstsein zu holen. Es herrscht eine eigenartige Ruhe, niemand kreuzt meinen Weg. Ich fühle mich fremd am Ort meiner Kindheit. Wo sind nur die Vitalität und die Lebensfreude meiner Kindheit geblieben, die ich an diesem Ort erleben durfte?

Ich schließe die Augen und warte, was passiert. Die Stille erzeugt eine eigenartige Stimmung in mir. Es zwitschern keine Vögel, es schreien keine Kinder, selbst die Glocken der nahegelegenen St.-Paulus-Kirche sind verstummt. Man könnte auch einfach sagen: Hier herrscht tote Hose.

In 50 Jahren hat sich viel verändert, nicht nur hier in der Straße meiner Kindheit, sondern auch in meinem Leben. Trotzdem gibt es Vertrautes, Erinnerungen, die starke Gefühle auslösen und mich eine Weile in diesem Zustand verharren lassen.

Neulich las ich in der Regionalzeitung einen Artikel über einen Bewohner dieser Straße, dessen bekannter Vater schon lange verstorben ist. Interessant war das veröffentlichte Bild des Sohnes. Darauf sah er wie sein Vater aus und ich hatte plötzlich das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. Wer in den 1970er Jahren ein großes Namensschild mit seiner Berufsbezeichnung (zum Beispiel Arzt, Architekt oder Rechtsanwalt) an seinen eigenen vier Wänden anbrachte, der gehörte nicht mehr zum Durchschnitt der Bevölkerung, sondern repräsentierte eine Welt, die vielen von uns verborgen blieb – nicht unbedingt die Welt der Reichen und Schönen, sondern die Welt der Privilegierten, eine Bildungsschicht, die ganz andere Zugänge zum gesellschaftlichen Leben hatte und entsprechend agieren konnte.

Ich sehe die Bilder der Vergangenheit an mir vorbeiziehen: Es ist Weihnachten 1968, der Winter zeigt sich von seiner schönsten Seite mit Sonne und viel Schnee. Heiligabend bekommen wir Kinder Miniskier geschenkt und probieren sie gleich am nächsten Tag draußen aus. Wir halten uns zu viert an der Stoßstange eines VW Käfers fest, und der Fahrer zieht uns ein Stück die Droste-Hülshoff-Straße hinauf. Alle sind glücklich und zufrieden. Die großen und kleinen Sorgen sind für einen Moment vergessen – schön, dass die Weihnachtsferien gerade erst angefangen haben.

Die heile Welt der Kindheit, hier an diesem Ort durfte ich sie erleben, ein einfacher Kosmos mit einfachen Regeln und einer überschaubaren Ordnung. Der Sinn des Lebens bestand hauptsächlich darin, ein waches und neugieriges Kind zu sein und die Welt aus dieser Perspektive wahrzunehmen.

Eine kleine Straße in einer ostwestfälischen Kleinstadt – das war das Zentrum meiner Kindheit und Jugend. Für viele Menschen ein unbedeutender Ort, aber für mich und viele andere Kinder aus der Gegend der Mittelpunkt der Welt.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zogen viele Menschen weg von hier, in einen anderen Stadtteil, in eine andere Stadt oder in die weite Welt hinaus, wo sie nie mehr gesehen wurden. Doch manche Gesichter tauchen nach 50 Jahren einfach wieder auf: in der Kneipe, im Stehcafé, beim Friseur, an der Kasse bei Penny oder gelegentlich im Restaurant. Dann steht plötzlich und unerwartet ein Mensch vor dir, den du Jahrzehnte nicht mehr gesehen hast, und du erkennst auf Anhieb seine unveränderlichen Charakteristika, die dir stets im Gedächtnis geblieben sind.

Es ist schon eigenartig, wie sehr uns plötzlich wieder uralte Geschichten zu einem Menschen einfallen, den wir seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen haben und der plötzlich vor uns steht. Als kleine Jungs sahen wir uns zum letzten Mal – und nach 50 Jahren begegnen wir uns wieder und sind sprachlos, weil diese Begegnung so überwältigend ist.

Ich gebe es zu: Manchmal ist so eine Begegnung mit eigenartigen Verhaltensweisen verbunden: Man weiß nicht genau, wie man sich dem anderen gegenüber verhalten soll. Plötzlich wirst du unruhig und zappelig, du möchtest dich – aus welchen Gründen auch immer – dieser Begegnung nicht stellen und siehst zu, dass du die Fliege machst. Eine Begegnung ist mit Gefühlen verbunden, und manchmal können wir sie nicht zulassen oder akzeptieren, weil sie so intensiv in uns arbeiten.

3. Harsewinkel for Beginners

Harsewinkel ist eine Kleinstadt in Ostwestfalen-Lippe und zählt rund 25 000 Einwohner. Landschaftlich gesehen zählt sie zum Münsterland, dennoch gehört Harsewinkel seit 1973 zum Kreis Gütersloh. Die angrenzenden Dörfer Marienfeld und Greffen gehören – politisch gesehen – ebenfalls zu Harsewinkel. Harsewinkel liegt an der Bundesstraße 513 zwischen Gütersloh und Sassenberg.

Auf der offiziellen Internetseite der Stadt Harsewinkel werden folgende Sehenswürdigkeiten aufgezählt: Heimatmuseum Marienfeld, Klosteranlage Marienfeld, Motorradmuseum Beckmann, Museum im Turm der St.-Lucia-Kirche, Naturschutzgebiet Boomberge, das Hühnermoor und die Sägemühle Meier-Osthoff. Wer also einen entspannten Urlaub in Ostwestfalen verbringen möchte, der sollte einmal nach Harsewinkel kommen, allzu großes Touristengedrängel ist bei besagten Sehenswürdigkeiten kaum zu erwarten. Dafür erwarten den Besuchern in Harsewinkel noch folgende Freizeitangebote: Frei- und Hallenbad, Fitness-Center, Golfplatz, Ikarus-Flugplatz für Modellflugzeuge, MSC-Stadion mit Kart-Verleih, Radwege (Europaradweg R1, Emsradweg, BahnRad-Route Hellweg-Weser), Reiterhöfe, Schießsportanlagen, Stadtführungen, Tennisplätze, Wanderwege (Prälatenweg, X19 von Münster nach Bielefeld, Jakobsweg). Ein ordentliches Kulturzentrum oder ein Kino gibt es nicht, für Freunde des schnellen Imbisses im Stil von McDonald’s oder Burger King sei auf die nächste Kreisstadt Gütersloh verwiesen. Auch Kauf- oder Möbelhäuser scheinen in Harsewinkel niemanden zu interessieren; dafür dominieren Penny, Rewe, Aldi und Lidl.

Übrigens hat Harsewinkel nichts mit Hasen zu tun, wie manch einer meint, sondern der Name ist eine vom Englischen ins Deutsche übersetzte und transformierte Definition des Wortes „horse“, also Pferd. Pferde waren in der ostwestfälischen Provinz weit verbreitet und sind es auch heute noch.

Und dann ist ja auch noch das Wort „winkel“ involviert. Was hat es damit auf sich? Ist das irgendeine Bezeichnung, die sich aus der altdeutschen Sprache ableiten lässt? Möglicherweise habe ich bei der Beantwortung dieser Fragen in der Schule gefehlt.

Wichtiger erscheint mir die historische Tatsache, dass Harsewinkel seit Weihung der Klosterkirche Marienfeld im Jahr 1222 bis 1770 vom Klerus dominiert wurde. Erst 1770, nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen, wurden die Einwohner von Harsewinkel aus der Eigenhörigkeit des Klosters entlassen. Dafür mussten sie aber eine jährliche Ablösesumme an das Kloster entrichten. 1803 wurde das Fürstbistum Münster, zu dessen Gebiet Harsewinkel bisher gehört hatte, in das Königreich Preußen eingegliedert. Neuer Landesherr der katholischen Harsewinkler wurde der evangelische preußische König, was eine Säkularisierung des Klosters Marienfeld zur Folge hatte.

Die Chronik der Stadt Harsewinkel beschreibt das Stadtwappen wie folgt:

„Der Pferdekopf steht für Harsewinkel, der Kamm für Greffen und der Löwe für Marienfeld. Der Pferdekopf war bereits das Wappensymbol der alten Stadt Harsewinkel, als dieser 1909 erstmals ein Wappen verliehen wurde. Man orientierte sich an der etymologischen Erklärung des Ortsnamens Harsewinkel als ‚Horsewinkel‘, also ‚Pferdewinkel‘. Der Kamm, der aussieht wie ein Pferdekamm, geht auf einen aus dem 14. Jahrhundert überlieferten Siegelabdruck der ausgestorbenen Sassenberger Burgmannsfamilie de Grevene zurück. Der im unteren Wappenfeld abgebildete Löwe ist das Wappentier des Edelherrn Widukind von Rheda, der 1185 zu den Gründern des Klosters Marienfeld gehörte“.

Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit und des politischen Willens, bis im Stadtwappen von Harsewinkel der Pferdekopf durch das Symbol eines Mähdreschers ersetzt oder ergänzt wird, denn die Identität der Stadt ist heutzutage nicht mehr durch Pferde gekennzeichnet, sondern durch die technologischen Fortschritte des letzten Jahrhunderts, wie zum Beispiel die Geschichte der Firma Claas zeigt. Die Symbole auf dem Harsewinkler Stadtwappen stammen aus einer Zeit, in der die Identität und der Lebensrhythmus der Menschen von Kirche, Bauern und Handwerkern geprägt wurden und nicht durch die Stechuhren der Firma Claas.

Zu meiner Grundschulzeit verwiesen die Lehrer noch auf die frühere Bedeutung von Pferdezucht, Handwerk, Ackerbau sowie Flachsernte und -verarbeitung. Das war in den 1970er Jahren. Im Jahr 2013 genehmigte das nordrhein-westfälische Innenministerium Harsewinkel die Zusatzbezeichnung „die Mähdrescherstadt“. Wer sich die Idee mit der Zusatzbezeichnung ausgedacht hatte, würde mich brennend interessieren. Dabei war diese Bezeichnung eher als Kompromiss gedacht, denn ursprünglich hieß es im Antrag „Europas Mähdrescherstadt“.

Das Wahrzeichen von Harsewinkel ist der Spökenkieker, ein lebensgroßer Schäfer aus Stein, der direkt vor dem Rathaus steht und in die Ferne blickt. Der Legende nach hatte er übernatürliche Fähigkeiten, denn angeblich konnte er nahendes Unheil vorhersagen. Zu seinen Füßen weiden Schafe, die von einem Hund beschützt werden. Mit seinem linken Arm stützt sich der Spökenkieker auf seinem Schäferstab, während er, die andere Hand über seine Augen haltend, weit in die Ferne schaut, um das Unheil vorherzusagen. Ein stiller Zeitzeuge, der vermutlich nicht ohne Grund direkt vor dem Eingang des Harsewinkler Rathauses steht.

Ob er wusste, dass eines Tages eine Frau Bürgermeisterin wird? Ich glaube eher nicht. Zur Entwicklung der AfD in Harsewinkel schwieg er bisher, gegen den Abriss des historischen Feuerwehrhauses konnte er nur wenig Menschen mobilisieren, und dass das Reetdach des Heimathauses durch ein Dach aus Ziegeln ersetzt wurde, das hätte uns der weise Schäfer nun wirklich früher sagen können. Vielleicht sollte er umgedreht werden, damit er das Geschehen im Rathaus beobachten kann und uns rechtzeitig darüber informiert, wenn von dieser Seite aus Ungemach droht.

Manchmal kommt es mir vor, als wenn die Harsewinkler Einwohner auch einige Eigenschaften des Spökenkiekers aufweisen. Die direkte Art ist nicht des Ostwestfalen Natur, das kann man wirklich nicht behaupten. Vielmehr scheint es so, als wenn auch sie gerne das Treiben in ihrer Heimatstadt aus sicherer Distanz heraus beobachten. Was kann aufregender sein, als das Verhalten anderer Menschen aus der Ferne zu betrachten? Ein Aspekt, der oft unterbewertet wird.

Natürlich sind nicht alle Menschen so. Es wäre unfair, ihnen überwiegend Neugier und Intriganz zu unterstellen, denn Menschen haben viele Persönlichkeitseigenschaften und sollten nicht auf eine davon reduziert werden. Und wie in jeder anderen Kleinstadt in Ostwestfalen auch, sind die Menschen so unterschiedlich wie auf der ganzen Welt: Es gibt Bauern und Handwerker, Arbeiter und Angestellte, Geschäftsleute und Versicherungsvertreter, Beamte und Lehrer, Hausfrauen mit und ohne Kinder genauso wie diejenigen, die abseits des bunten Treibens nie eine Chance auf ein halbwegs selbstbestimmtes Leben hatten.

Seit meiner Kindheit bin ich mit dieser Stadt verbunden, und obwohl ich schon seit vielen Jahren nicht mehr dort lebe, zieht es mich immer wieder an diesen Ort zurück. Manchmal weiß ich nicht, ob die Sehnsucht nach Harsewinkel reine Nostalgie und Gefühlsduselei ist oder ob es sich hierbei um echte Heimatverbundenheit handelt. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken, denn seit 25 Jahren lebe ich in Österreich und in dieser Zeit konnte ich mir viele Gedanken über meine alte Heimat machen.

Erst wenn du weggehst, verstehst du, was dieser Begriff bedeutet – zumindest war es bei mir so. Du hast das Vertraute verlassen, um dich einer neuen Herausforderung zu stellen. Erst in der Fremde wurde mir bewusst, was es bedeutet, wenn du ganz auf dich allein gestellt bist und du niemanden kennst, mit dem du zusammen ein Bier trinken kannst. Vermutlich ist das das Schicksal all derjenigen, die sich auf ein Abenteuer fernab der Heimat einließen. Niemals dachte ich, dass mir so ein provinzielles und spießiges Kaff wie Harsewinkel einmal abgehen wird: Die eigenwilligen Bewohner mit ihren großen und kleinen Sorgen, das Schwätzchen im Supermarkt oder Eiscafé, das gemeinsame Mittagessen im Gasthaus oder ein Spaziergang durch die Stadt haben für mich heute eine andere Bedeutung als früher. Ich kann den Moment jetzt viel intensiver wahrnehmen und genießen als in meiner Jugend.

Beim Friseur erfährst du vieles. Diese Zunft ist – neben Gastwirten, Taxifahrern und Ärzten – Träger und Hüter vieler Geheimnisse, die ihnen anvertraut wurden. Dies wird leider viel zu wenig anerkannt. Ein Friseur deines Vertrauens ist gelegentlich mehr wert als ein hochqualifizierter Psychologe mit zehn Zusatzausbildungen. Die Dauerwelle von früher war mehr als nur handwerkliche Friseurkunst, sondern auch eine samstägliche Selbsterfahrung für weibliche Kunden. Der Friseursalon ist ein geschützter Raum, wo miteinander kommuniziert wird und Erfahrungen ausgetauscht werden, und wenn er bereits seit 30 oder 40 Jahren existiert, ist das ein Zeichen von Wertschätzung, Vertrauen und Anerkennung. Und wo bitte schön gibt es noch den „Herrentag“, wenn nicht in Harsewinkel, meist am Wochenanfang, wenn sowieso nicht viel los ist.

Gelegentlich fragen mich Freunde und Bekannte, wie ich Harsewinkel und die dort lebenden Menschen beschreiben würde. Ich muss dann immer lange überlegen, wie ich ihnen in wenigen Worten unverkennbare Merkmale dieser ostwestfälischen Kleinstadt nahebringen kann, ohne sie damit zu überfordern.

Die einfachste Antwort ist der Verweis auf das in Harsewinkel ansässige Unternehmen Claas, einen der größten Landmaschinenhersteller in Europa. Wer hat nicht schon einmal eine grüne Erntemaschine mit der Aufschrift Claas gesehen? Fast überall auf der Welt sind diese gigantischen Erntehelfer präsent. Seit Jahrzehnten ist die Firma Claas einer der größten Arbeitgeber der Region und sorgt für das Auskommen vieler dort lebender Menschen. Claas ist Familie, ist Religion und Sinnstifter zugleich – was wäre Harsewinkel ohne dieses Unternehmen? Mittlerweile verstehe ich auch die Antwort einiger Harsewinkler auf meine Frage, wie es denn so geht, wenn sie mir entgegnen: „alles Claas“. Es zeigt, wie tief das Unterbewusstsein vieler Menschen von dieser Firma besetzt ist.

Auch in Tirol, wo ich momentan lebe, sehe ich manchmal grüne Erntemaschinen der Firma Claas, und kann dann sagen: „Hey Leute, dieser Mähdrescher kommt aus Harsewinkel!“ Das kommt an, das macht Eindruck, das ist mehr als verständlich.

Harsewinkel ist die Stadt meiner Jugend. Hier bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen, und obwohl ich schon viele Jahre nicht mehr dort lebe, ist sie immer noch ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich verbinde mit dieser Stadt ein besonderes Lebensgefühl: Immer wenn ich nach Harsewinkel komme, will es an die Oberfläche.

Schon bei der Autobahnabfahrt Kassel Richtung Paderborn meldet es sich schon kurz einmal an, und wenn ich dann die Kreisstadt Gütersloh passiere und das Schild Richtung Harsewinkel sehe, ist vieles auf einmal wieder so wie früher. Ich fahre mit meinem Auto in der Stadt herum und schaue, ob alles noch an seinem Platz ist: die Schule, die Kirche, die Feuerwehr, das Rathaus, die Eisdiele, die Buchhandlung, die Kneipen usw. All diese Orte haben eine Bedeutung für mich, sie lösen in mir Gefühle aus, ohne dass ich sie genau beschreiben könnte – dieser Zustand fühlt sich vertraut und wohltuend an. Die Bilder meiner Jugend und das damit verbundene Lebensgefühl – hier in dieser Stadt wurden sie geprägt und haben sich tief in mein Unterbewusstsein eingegraben.

Vor einigen Wochen war ich wieder mal in der Gegend, und als ich nach einem ausgiebigen Frühstück mit meiner Mutter, die noch immer dort wohnt, beschloss, mir die Haare schneiden zu lassen, da konnte ich es beim Friseur wieder spüren, dieses unverwechselbare Gefühl von Heimat und Vertrautheit. Neben mir warteten ein älterer Herr und vermutlich seine Tochter, und sofort fingen sie ein unverbindliches Gespräch mit mir an, so als ob man sich schon seit vielen Jahren vom Sehen her kennt. Und auch für die Friseurin war ein Schwätzchen mit mir etwas völlig Selbstverständliches.

In Harsewinkel lebt noch ein Teil von mir – irgendwie bin ich hier immer noch zu Hause. Gelegentlich sitze ich auch mit Freunden und Bekannten im Eiscafé Rialto in der Harsewinkler Innenstadt. Wer etwas über Harsewinkel wissen möchte, was nicht in der Zeitung steht, kommt meist hierher. Gelegentlich kreuzen dann auch Menschen meinen Weg, die ich von früher her kenne, die ich aber jahrelang nicht mehr gesehen habe. Manchmal bleibt einer oder eine von ihnen stehen und wir quatschen ein bisschen, manche grüßen mich beim Vorbeigehen, und manche gehen einfach an mir vorbei, so als ob sie mich noch nie gesehen haben – möglicherweise arbeitet da auch eine Unsicherheit in ihnen, weil sie nicht wissen, wie sie mit jemandem umgehen sollen, den sie viele Jahre nicht gesehen haben. Das kann ich gut verstehen, mir geht es ja in solchen Momenten nicht viel anders.

Doch noch einmal zurück zu der Frage, was eine ostwestfälische Kleinstadt wie Harsewinkel ausmacht und welche Besonderheiten es dort gibt: Ich meine ja immer noch, dass von allen Frauen dieser Welt die schönsten in Harsewinkel zu finden sind. In der Bäckerei, hinter der Wursttheke im Supermarkt, hinterm Bankschalter oder ganz profan im Café – überall sind sie anzutreffen und es fällt schwer, diese hübschen Geschöpfe der Natur zu ignorieren.

Ich fasse also zusammen: Einem Nicht-Harsewinkler den Ort seiner Jugend zu erklären bedeutet in erster Linie, auf das damit verbundene Lebensgefühl zu verweisen, auf den ständig präsenten Landmaschinenhersteller Claas und auf die vielen hübschen Frauen, die aus Harsewinkel kommen. Eine bessere Werbung kann es für Harsewinkel doch nicht geben!

Natürlich haben die Einheimischen auch ihre Eigenarten: Zum Beispiel fahren sie unter der Woche gern mit dem Fahrrad durch die Stadt, meist bestückt mit einem Einkaufskorb, der entweder auf dem Gepäckträger oder vor dem Lenkrad befestigt ist. Die Drahtesel sehen meist gleich aus – ein Hinweis auf den einheimischen Zweiradmechaniker, der in der August-Claas-Straße seine Werkstatt betreibt. Waren unsere Eltern hier schon Kunden, so machen es ihnen die Kinder nach. Harsewinkler zeigen ihre Zufriedenheit durch jahrelange Treue.

Wenn du zum Beispiel an einem frühherbstlichen Sonntagnachmittag einen Spaziergang durch die Innenstadt machst, Richtung Rövekamp, am Schwanenteich und am Freibad vorbei, die Sürenbrede querend bis hin zur Goethestraße, dann wirst du verwundert feststellen, dass zu dieser Zeit fast niemand auf der Straße zu sehen ist – ein Phänomen, das mir in Erinnerung geblieben ist. Die Stadt wirkt wie ausgestorben – das Leben findet an solchen Tagen in den eigenen vier Wänden statt. Und wenn an solchen Tagen dann doch mal Bekannte deinen Weg kreuzen, wirst du mit der Frage begrüßt: „Na, alles gut?“ – als ob ein Spaziergang an einem Sonntagnachmittag etwas Ungewöhnliches ist.

Falls du dich zufällig in Ostwestfalen aufhalten solltest und möglicherweise erwägst, Harsewinkel zu besuchen, erscheint es sinnvoll, nach bestimmten Zeichen Ausschau zu halten, die dich direkt in die Mähdrescherstadt führen. Zur Heuernte ist der Ort leicht zu finden, denn in den Harsewinkler Bauernschaften und auf den Feldern wird gemäht, was das Zeug hält, und natürlich sind alle Erntemaschinen im Ort gebaut worden, wie es sich für eine Stadt gehört, welche die Zusatzbezeichnung „die Mähdrescherstadt“ führt.

Ganz richtig bist du, wenn du vor der Harsewinkler Gesamtschule mit dem Namen „August-Claas-Schule“ stehst. Natürlich gibt es auch eine August-Claas-Straße mit der dazugehörigen August-Claas-Villa, mitten im Zentrum von Harsewinkel. Wer zum Beispiel von Sassenberg nach Gütersloh fährt, wird vermutlich die Bundestraße 513 nutzen, die direkt durch Harsewinkel führt. Schon bei der Ortseinfahrt fallen einem die vielen abgestellten Landmaschinen der Firma Claas auf, die auf den Transport im nahegelegenen und eigens dafür angelegten Claas-Verladebahnhof warten.

Etwas weiter und ebenfalls auf der rechten Seite zu sehen sind die Werkshallen, die sich von der Ortseinfahrt bis auf Höhe des Rathauses hinziehen und einen ersten Eindruck von der Größe dieses Landmaschinenherstellers hinterlassen. Am Ende der Werkshallen befindet sich das Verwaltungsgebäude, natürlich mit einem modernen Mähdrescher im Vorgarten, den jeder Autofahrer, der auf der Bundesstraße 513 unterwegs ist, bestaunen kann. Und um die Firma Claas endgültig im Bewusstsein zu verankern, wird der Autofahrer, der Richtung Gütersloh fährt, beim Kreisverkehr am Ortsende noch einmal mit einem großen Schild daran erinnert, das Harsewinkel „die Mähdrescherstadt“ ist. Hier hat sich jemand besonders viel Gedanken darüber gemacht, wie man Wissen auf moderne Weise vermittelt.

Ein sichtbares Zeichen der Harsewinkler Lebenskultur sind eigenartige Plakatankündigungen von Veranstaltungen, die auf den ersten Blick etwas verwirrend wirken. Wer versteht auf Anhieb ein Ankündigungsplakat mit dem Titel „Westfälisches Frühstück im Himmelbett“? Hat da etwa wieder ein Puff auf dem Land aufgemacht? Den erkennt man in Ostwestfalen übrigens daran, dass er weit und breit das Einzige ist, was ab Anbruch der Dämmerung bis in den Morgen hinein leuchtet. Für alle anderen gilt: Licht aus! Aber mit dem Frühstück im Himmelbett ist wohl eher ein Frühstücksangebot im edlen Ambiente gemeint. Da sind Hinweise wie „Café im Hühnerstall“ oder „Café im Kuhstall“ doch etwas verständlicher, auch wenn sie nicht gerade der Brüller in der Caféhausszene sind.

Weitere Erkennungsmerkmale des ostwestfälischen Lebensgefühls sind Veranstaltungsankündigungen von Stimmungsbands wie „Die Landeier“ oder Kabarettgruppen wie „Die Bullemänner“. Auf so einen Namen wie den Letzteren muss man erst mal kommen! Dazu gehört wirklich viel Kreativität. Überhaupt gehört das Kabarett zu Ostwestfalen wie der Mähdrescher auf das Kornfeld: Was der Ostwestfale denkt, sich aber nicht zu sagen traut, das wird in solchen Veranstaltungen auf ein höheres Niveau gehoben und zum regionalen Kulturgut erklärt. Jedes Dorf, jede Stadt und jede Region haben ihren eigenen Klüngel. Jau, das sach auch man …

Letztendlich sind es Umgangsformen, Sprache, Dialekt und Redewendungen, welche die ostwestfälische Mentalität kennzeichnen. Mein damaliger Schwiegervater in spe zum Beispiel kam aus der Steiermark, und im Rahmen seiner Arbeit als Außendienstmitarbeiter eines großen Tiroler Unternehmens hatte er gelegentlich in Ostwestfalen zu tun. Gerne erzählte er die Geschichte, dass er vor einigen Jahren in einem westfälischen Gasthaus in der Nähe von Warendorf einkehrte, um dort etwas zu essen. Auf die Frage, ob es noch etwas zu Essen gibt, erwiderte der Hauswirt, dass die Küche schon geschlossen sei. Also bestellte Schwiegervater nur etwas zu trinken. 45 Minuten später kam der Herr des Hauses zurück und erklärte, dass er eventuell noch „ein paar Schnittchen“ servieren könnte. Alles braucht eben seine Zeit, und möglicherweise wurde es dann noch so richtig „muckelig“, wie man in Ostwestfalen zu sagen pflegt, wenn es gemütlich wird.

Eine meiner Lieblingstanten kam aus der Gegend von Unna. Wenn sie uns mit ihrem neuen VW Käfer in Harsewinkel besuchte, lud sie uns Kinder meist auf eine Spritztour in ihrem Kugelporsche ein. Entweder fuhren wir in eine Eisdiele, besorgten Kuchen in einer Konditorei oder fuhren einfach nur so in der Gegend herum.

Und irgendwie hatte unsere Tante es mit Nummernschildern: Wenn sie ein Auto sah, dessen Nummernschild mit „WD“ begann (was damals das Zeichen für Wiedenbrück war), klärte sie uns Kinder mit lauter Stimme auf: „Kuckt mal – wieder’n Doofer.“ Und Doofe entdeckte sie viele.

Für manch einen sind solche Ereignisse wohl „Kinkerlitzken“, also unbedeutend, aber für mich sind sie bis heute in Erinnerung geblieben.

4. Ostwestfälische Lebenswelten