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Als ihre Kernfamilie zerbricht, beginnt für das siebenjährige Mädchen ein Leidensweg: Trennungsschmerz. Verlustangst. Überforderung in der neuen Stieffamilie. Als Erwachsene scheitert sie selbst unvermeidbar in Beziehungen an den unverarbeiteten Gefühlen aus ihrer traumatisierten Kindheit und sie macht sich – schreibend – auf die Suche nach Heilung für ihre verletzte Kinderseele. Zela Sol reflektiert ungeschönt ihr Schicksal des „umverteilten“ Kindes und fordert einen konsequenten Blick auf die verschiedenen Wahrheiten im Patchworkgefüge.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Für MICH Für DICH
Die Wahrheit macht dich frei,aber vorher macht sie dich fertig.DAVID FOSTER WALLACE
ZELA SOL
Die Geschichte einesTrennungskindes
IMPRESSUM
Kristin Schmidt
Am Hügel 13 - 07318 Saalfeld / Saale
Zela Sol – Aufschrei
© 2020 Kamphausen Media GmbH, Bielefeld
Lektorat: Ina Kleinod, www.sinntext.de
Layout und Umschlaggestaltung: Tina Agard Grafik & Buchdesign, www.tina-agard.de
Druck & Verarbeitung: Westermann Druck Zwickau
Zitat S. 230: Doreen Virtue, Himmlische Führung – Kommunikation mit der geistigen Welt, © 2013 Koha Verlag
Zitat S. 289: Erich Fried, Aufhebung; aus: Beunruhigungen. Gedichte © 1984, 1997 Verlag Klaus Wagenbach, Berlin
ISBN E-Book: 9783759261533
1. Auflage 2020
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
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Prolog
Liebes Stiefkind
Liebe Stiefmutter
Lieber Stiefvater
Kein Rezept
Everybodys Darling
Der kleine Sonnenschein
Ich Glückskind
Mama
Papa
Das siebte Lebensjahr
Die Trennung
Fakten
Mein Bruderherz
Großmutterschutzraum
Der Ziehpapa
Plötzlich Patchwork
Besuch bei Papa
Geweihte Jugend
Erste Liebe
Versuche, erwachsen zu sein
Reich an Verlusten
In das „ER“ wachsen
Angst vor der Angst
Noch mehr Fakten
Vater-Komplex
Kleiner großer Tom
Das Schwiegermonster
Schmierentragödie
Nebenwirkung: Schmerz
Das Karussell dreht sich weiter
Nachspiel
Späte Dankbarkeit
Wieder Single
Die Schriftstellerin
Heile Welt
Interview mit dem inneren Kind
Mann mit Sohn
Gott ist alleinerziehend
Familienaufstellung
Meine Hochzeit
Die unendliche Geschichte
Von den Kindern
Muttersein als Heilung?
Der innere Kobold
Rote Couch
Gegenwart
Heilige Herkunft
Ganzheitlich betrachtet
Heilung als Selbstsache
Kontakt zu Papa
Kriegerin des Lichts
Gene im Garten
Ankommen im Jetzt
Kein Einzelfall
Pro Familia
Ent-Schluss
Aufhebung
Epilog
Danke
Wir lügen einander an, weil sich niemand für die Wahrheit interessiert. Weil keiner sie erträgt. Für mich als Trennungskind war die Lüge legitimiert. Warum? Ich durfte (not)lügen, um ein höheres Gut als die Wahrheit zu schützen: mein eigenes Kindeswohl. Das Durchschwindeln war mein Diener, um meinen Schutz zu wahren. Sonst tat das keiner. Vaterseelenallein hatte ich keine andere Wahl, als zu lügen. Die Wahrheit zu leugnen schien mir die einzige Option zu sein. Anpassung, Taktgefühl, Verdrängung und Lügen – willkommen im Leben eines Trennungskindes.
Ich habe geglaubt, dass die Lüge für mein Wohlbefinden sorgt. Ich habe geglaubt, dass der eheliche Streit meiner Eltern schlimmer für mich ist als ihre Trennung. Ich habe geglaubt, dass es mir erst dann gut geht, wenn es meinen Eltern gut geht. Ich habe fest geglaubt, dass ich nicht unter der Trennung meiner Eltern leide und auch „halb“ vollständig bin.
Ich habe aufgehört zu glauben.
Ich habe aufgehört, die Lüge zu füttern. Ich habe angefangen, die Wahrheit zu sagen. Kein Hexenwerk, sich der Wahrheit zu verpflichten. Nicht hier. Das Alphabet hütet die Beziehung zu meiner inneren Wahrheit. Meine Wahrheit. Ich behaupte, ich kann nur lügen, wenn ich die Wahrheit kenne. Aber was ist die Wahrheit? Ein Eid auf meine gegenwärtige Wahrnehmung? Meine Realität spiegelt meine Wahrheit permanent. Sind unterschiedliche Wahrnehmungen unterschiedliche Wahrheiten? Erlebt jeder Mensch eine andere Realität, eine andere Wahrheit? Dann gäbe es fast acht Milliarden Wahrheiten. Entsteht aus all diesen Wahrheiten Wirklichkeit?
Kann man Wahrheit konstruieren?
Ja. Ich kann.
Im persönlichen Blickwinkel ist sie immer subjektiv, und sie verändert sich, ist dynamisch. Das nennt man auch Leben.
In dieser Geschichte ist meine persönliche Betroffenheit die erzählende Instanz – das Produkt meiner Abstammung und Erfahrungen. Nicht mehr. Nicht weniger. Wahrheitsliebend, aber nicht auf Gedeih und Verderb. Andere Wahrheitsliebende zu finden treibt mich an den Schreibtisch.
Flagge zeigen!
Das spricht sich so leicht, revolutionär, dahin. Wahrhaftig sein! Das wird in unserer Gesellschaft nur zögerlich angestrebt und gehört nicht zu den lobenswerten Tugenden – vielmehr ist es nicht gewollt. Ehrlichkeit, wenn sie Kritik am System übt, stößt auf Widerstand. Es tendiert zum Wahnsinn, am hochgelobten Patchworkkonzept zu rütteln. Und nicht nur daran.
Federführer ist mein inneres Trennungskind. Sein Auftrag ist es, meine Wahrheit auszusprechen. Alle Anklagen und Bewertungen entspringen meiner Seelenwut und hatten zuzeiten eine Berechtigung, auch wenn sie inzwischen meinem persönlichen Entwicklungstand widersprechen. In keinem Fall aber ist meine Wahrheit eine Anklageschrift, die pauschal an Trennungseltern adressiert ist. Manchmal ist eine Trennung unvermeidlich. Kaum jemand muss noch in schmerzhaften Beziehungen ausharren. Wir haben fast alle das Privileg, ein eigenständiges Leben führen zu dürfen. Ich bin nicht in der Position, Trennungseltern zu verurteilen, ihre Gründe zu verharmlosen oder anzuzweifeln. Manche Trennungen sind notwendig, und ich gehe davon aus, dass beide sich bis dahin bemüht haben. Bis zum Ende ihres Lateins. Aber oft sind die Motive nach meinem Empfinden oberflächlich, lapidar. Wird die Entscheidung voreilig, kurzsichtig getroffen. Wirken die potenziellen neuen Glücksaussichten verblendend, die Konsequenzen geringfügig. Zu machbar.
Meine Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.
Wo liegt deine?
beinahe bist du eine Halbwaise, immer ein Flick- und Stückwerk, mehr bekannt als verwandt. Verhaftet in einem komplexen Verwandtschaftsgeflecht leidest du unter chronischen Definitionsproblemen. Dein Überfluss an Mamas, Papas, Omas, Opas und zahlreichen Tanten und Onkels ist weniger ein Genuss als mehr ein Schmerz der ganz besonderen Art. Diese fremden Menschen sind zwar das beliebteste Argument deines Zugewinns, um dir deine Zerstückelung schmackhaft zu machen. Du aber weißt es besser. Diese neu gewonnenen Familienmitglieder machen dein Leben leider nicht bunter, sondern komplizierter. Du weißt es besser, aber du hast den Zuständen stillschweigend zugestimmt und dich angepasst. Aus eigener Kraft schaffst du es nicht, dich aus der Patchworkverstrickung heraus zu entwickeln. Du fühlst dich wie in einem Karnevalsverein, in dem jeder seine Rolle besonders wichtig nimmt und du zum Statisten verdammt bist.
Ist dein Wasser schon dicker als dein Blut?
Manch einer wie du bleibt lebenslänglich gefangen in stieffamiliären Verhältnissen und deren langen Rattenschwänzen. Die Bevormundung von Menschen, deren Blut in anderen Bahnen weiterfließt, ist noch das geringste Übel für dich. Erzieherische Stimmungsschwankungen, unterschwellige Ablehnung und das Gefühl des Getrenntseins erduldest du mit einem dicken Stein auf deiner Brust und unterdrückter Wut im Bauch. Du möchtest nicht ständig der Zündstoff für den Streit deiner Eltern, deiner Bonuseltern sein. Also verhältst du dich ruhig und schwingst in den Launen der anderen mit. Dein Befinden spielt für sie kaum eine Rolle. Du sollst ein liebes Kind und ein noch lieberes Stiefkind sein. Brav sein wird zu deiner zweiten Natur, nur nicht anecken und die Missgunst des Stiefs erregen. Er mag dich so schon nicht.
Er liebt dich nicht.
Er interessiert sich auch nicht für dich.
Ja, nicht selten hasst er dich.
Er empfindet dich als störend.
Du bist im Weg und du weißt es.
Keine Menschenseele weit und breit, der du dich anvertrauen kannst. Du jammerst so viele Jahre in dich hinein. Du sehnst dich nach der Liebe des fehlenden Elternteils, willst ihr in Ruhe nachtrauern, stattdessen musst du dich wehren. Kämpfen gegen diesen Mann, diese Frau, die jetzt den leeren Platz am Frühstückstisch eingenommen hat und dich maximal duldet oder gleich ganz ablehnt. Mindestens weiß er oder sie nicht viel mit dir anzufangen. Du bist verzweifelt und versuchst, deine Position zu behaupten. Jedes Mittel ist dir recht, um Aufmerksamkeit zu erhalten und das Fehlen, die Lücke, auszugleichen. In deiner Not bist du einfallsreich, raffiniert und hinterhältig.
Du bist im Krieg.
Da ist alles erlaubt.
Du bedienst dich eines liebevoll angepassten Verhaltens oder wählst Aggressivität und Rebellion. Dein Waffenlager ist generalstabsmäßig gefüllt.
Du musst dich verteidigen.
Du hast keine Wahl, also kämpfst du.
Du kämpfst um Liebe, Geborgenheit und Schutz. Doch du musst dich selbst beschützen. Mehr als dein Geburtsrecht willst du nicht: eine liebende Mutter und einen liebenden Vater.
Beide.
Ich bewundere dich sehr für deine innere Kraft und deine starke Haltung. Gleichzeitig leide ich mit dir. Du hast dich nicht willentlich entschieden für diese familiäre Unordnung. Jetzt stehst du auf dem Patchworkspielfeld, nackt und ohne Schutzschild. Du trägst keine Schuld, hast nichts falsch gemacht. Die Umstände sind das Feld, die Verursacher die Spieler und du bist der Ball.
Mit jedem Jahr wird dir bewusster, was dir fehlt und all die Zeit über schon gefehlt hat: eine unbesiegbare Ritterburg, in der du der beschützte kleine Prinz, die liebevoll umsorgte Prinzessin sein kannst. Stattdessen humpelst du wie einbeinig und orientierungslos durch dein Leben. Du bist nur halb. Es gibt dich nur zu fünfzig Prozent. Du fühlst dich unvollkommen, müde und ausgelaugt. Du willst endlich Ruhe im Kopf, willst endlich ganz sein. Du beschließt, dass einzig Sinnvolle zu tun, um dich selbst zu schützen:
Dichtmachen.
Andererseits. Inzwischen. Du bist jetzt erwachsen, wirst reichlich beschenkt – mit Liebe, Zuneigung und Anerkennung – von deiner eigenen Familie und deinem großen Freundeskreis. In dem Glauben, die Liebe vieler anderer Menschen könnte dich tragen und heilen, hast du um jeden Schnipsel Aufmerksamkeit gekämpft, bis zur totalen Erschöpfung. Du bist am Ziel: Jeder liebt dich, doch du fühlst dich leerer denn je. Es reicht nie aus, um das Riesenloch zu stopfen, um den Mangel auszugleichen und das fehlende Stück zu ersetzen. Für die Abwesenheit eines leiblichen Elternteils gibt es kein seelisches Heftpflaster.
Auf meine Frage nach deinem Wohlbefinden weichst du mir selbstschützend aus, windest dich. Wie oft hast du schon behaupten müssen, du wärst im Frieden damit, dass dein Vater keinen Kontakt zu dir wünscht, obwohl er in derselben Stadt wohnt? Wie viele Male hast du formuliert, dass es dich nicht stört und auch in keinster Weise tangiert, dass du keine Verbindung zu deiner Mutter hast? Wie lange schon sagst du trotzig, dass es dir gleichgültig ist, wie es dem Elternteil geht, das dich verlassen hat? Wie lange willst du das selbst noch glauben? Schau mich an! Nein, natürlich schaust du mich nicht an.
Du schämst dich für deine einstudierten Ausreden. Verlegen blickst du zu Boden und bittest innerlich darum, dass ich aufhöre nachzufragen. Zu bohren. In deiner Wunde. Du weißt, ich sehe die quälende Traurigkeit in deinen Augen und spüre deine Verzweiflung. Meine leidgeprüften Sensoren empfangen deine Trotzsignale und aktivieren dein Schmerzpotenzial. Du willst dich verstecken. Flüchten. Wohin? In deine uneinnehmbare Isolationsfestung? Die ist längst abgebrannt und du schwimmst im Wassergraben um dein Leben.
Du kannst mich nicht ausstehen.
Ich soll weggehen. Weit weg.
Du hast Angst, dass ich an deiner Schutzmauer kratze. Die Angst freilege. Deine Angst vor Ablehnung. Deine Angst, verlassen zu werden. Du fühlst dich in jeder Sekunde, jeder Situation alleine. Egal wie schön es gerade ist. In den Armen deines Partners, beim Plaudern mit deiner Freundin, auf dem Festival, beim Abendessen mit deinen Kindern. Du fühlst dich trotzdem alleine. Du wünschst dir Zuneigung, traust ihr aber nicht, wenn sie da ist.
Schau mich an. Bitte. Eben schienst du noch so selbstbewusst und standhaft. Jetzt schwankst du wie ein dünnes Blatt an einem morschen Ast im Wind hin und her. Du verlierst an Bodenhaftung, das ist nicht schwer zu erraten, bei deinen kaputten Wurzeln. Lass dir nicht einreden, dass irgendetwas mit dir nicht stimmt. Bleib stark! Aber du bist nicht mehr stark, natürlich nicht. Auch wenn dein Herz Wahrhaftigkeit von dir fordert. Es wünscht sich, dass du offen und aufrichtig bist, nicht zwanghaft angepasst an ein ideales Patchworkbild, das nur in Köpfen existiert.
„Sei verletzlich!“, schreit dein Herz.
„Verletzlich? Ich? Aber ich bin doch schon verletzt!“, sagst du.
Gerade deshalb. Sei verletzlich, zeig deine tiefsten Gefühle. Trau dich! Sei der Erste, der zu dir sagt: Ich liebe dich. Sei der Letzte, der dir treu bleibt. Zwei Möglichkeiten: Selbstliebe oder Selbstzerstörung.
Du kannst mit vielerlei Ablenkungen die Realität verdrängen, bis das Loch in deiner Seele so tief und groß geworden ist, dass es dich verschlingt. Du kannst versuchen, mit variablen Süchten einen Ausgleich zu schaffen. Mit Zigaretten, Alkohol oder Drogen dein Hirn vernebeln bis zum Umfallen. Oder du arbeitest, verausgabst dich geistig und körperlich bis zum Burnout. Die grandiose Wirkung ist immer Betäubung. Zieh deine Turnschuhe an und renne, als wär der Teufel hinter dir her, damit du dein Herz schlagen hörst, um zu glauben, dass du am Leben bist. Kauf dir etwas Schönes, ein schickes Kleidungsstück, ein großes Auto oder ein neues Handy. Das wirkt für einen kurzen Augenblick wertsteigernd. Mach das! Bis der innere Schmerz wieder anklopft. Bis deine Verletzungen sich wieder melden, noch lauter und noch eindringlicher. Was dann? Du könntest auf eine Party gehen und dein routiniertes Lächeln präsentieren, ausschweifend tanzen und feiern. Ja, das tut gut. Das ist der Beweis: Es geht dir blendend. Es fühlt sich tatsächlich toll an. Auch alle anderen sehen, wie super es dir geht.
Glaubst du das wirklich?
Bist du dir sicher, dass keiner hinter deine affektierte Mir-geht-es-großartig-Maske blickt? Glaub mir, die meisten sehen dir deine Verwirrung an, glauben dir die strahlende Fratze nicht. Aber kaum einer will dir sein Mitleid antun. Schlechte Laune ist auch nicht in. Also lächeln sie zurück. Jetzt mach dich nicht lächerlich, du denkst wirklich, du könntest sie täuschen? Du hast ein großes Branding auf deiner Stirn: „Stiefkind – Zutritt nicht gestattet!“ Die ganze Welt weiß es. Nur du nicht. Du bist längst erwachsen und lässt immer noch zu, dass dein Trennungs-Patchwork-Stiefkind-Dasein dein Leben beherrscht. Du bist so stark damit identifiziert und so beschäftigt, es zu leugnen, dass du dich immer mehr darin verstrickst.
Du wünschst dir, dass es endlich einmal nur um dich geht?
Gut. Jetzt geht es um dich!
Wieso hast du dieses Buch in der Hand? Was erhoffst du dir davon? Wer bist du? Eines der seltenen Stiefkinder, Trennungskinder, Patchworkkinder, die in zusammengewürfelten Familienkonzepten ihr Glück und ihren Frieden gefunden haben? Nein. Wahrscheinlich nicht. Du erkennst dich in meiner Geschichte wieder, auf die eine oder andere Art. Und du hast es so satt! Du weißt, die Sache ist akut und wir müssen reden. Schönmalerische Ratgeber wurden schon genug geschrieben. Eltern und Bonuseltern, ein Plus. Fast ein Zuviel des Guten. Über unsere besondere Position wurde schon genug gesagt. Besonders? „Deine Kinder – meine Kinder: Wie Patchwork-Familien eine stabile Gemeinschaft werden.“ Kommen wir dabei etwa je zu Wort? Hat uns irgendjemand dazu befragt, wie wir uns fühlen? Nein, du und ich, wir bleiben in den Patchworkdebatten die Nebendarsteller. Gefangen in der stieffamiliären Zwangsjacke unter der Flagge des hochgelobten Kindeswohls.
Wer gibt uns eine Stimme?
Stillschweigen.
Sag jetzt bloß nichts, niemand will, dass du dich ernsthaft mitteilst. Keiner will es hören, sehen. Wissen. Am wenigsten will es jemand fühlen. Verhalte dich ruhig. Sei ein braves Kind. Dramatisiere nicht. Das ist doch schon so lange her. Ist das wirklich nötig? Wühle nicht in alten Geschichten. Du bist wirklich zu sensibel. Was jammerst du denn, du hattest doch eine Familie, immerhin.
Fühlst du dich privilegiert? Ich nicht.
Die Erwachsenen machten es damals unter sich aus – angepasst, gesellschaftlich und politisch korrekt. Für sie war die Trennung eine Befreiung, doch uns brachte die neue Unabhängigkeit unserer Eltern nicht nur kaschierende Leckereien. Wir sind die Leidtragenden – bewusst oder unbewusst. Was gravierend ist, entscheidet immer der, der darunter leidet. Kann sein, dass die Patchworkbefürworter gute Argumente haben, gute Absichten auch. Aber sie fragen nicht, warum wir so sensibel geworden sind. Sie sagen nichts zu unserem stillen Weinen. Ach, stimmt. Sie wissen es ja nicht. Zu den Interviews und den Studien haben sie uns nicht mit eingeladen.
Du suchst nach einer Matrix-Heilung. Die gibt es nicht. Du bist trotzdem müde. Den Schuldigen in der Gesellschaft zu suchen oder deine Eltern anzuklagen hat dich keinen Schritt weitergebracht. Was hast du schon alles ausprobiert, um dich wieder vollständig und ganz zu fühlen? Familienaufstellungen? Verhaltenstherapie? Schweigeseminar? Fühlst du dich jetzt besser?
Wer rettet dich? Wer fängt dich auf? Es ist ein dreckiges Schlamassel. Selbstbefreiung. Das kannst du nicht? Schaffst du nicht? Du weißt nicht wie?
Gemeinsam.
Du und ich.
Und all die anderen verwirrten Seelen. Wir können das. Uns gegenseitig stützen, uns anvertrauen und uns wieder zusammenflicken. Ein Leben führen, das frei ist von Verlustängsten, Verdrängungen, Aufmerksamkeitsdefiziten und dem ständigen Ringen um Liebe. Unsere Geschichte als das erkennen, was sie ist: eine Geschichte.
Selbstbestimmt und freudvoll leben klingt nach einem einfachen Spaziergang. Das ist es nicht. Wir springen gemeinsam in den tiefen Schlamm verdrängter Emotionen. Es kann uns nichts passieren, was uns nicht schon lange passiert ist. Lass uns loslaufen! Stell dich auf deine eigenen Füße und lauf! Die Stürme der So-gelingt-Patchwork-Inquisition werden ordentlich durch deine Gehörgänge pusten, gesellschaftliche Konditionierungen werden sich an deine Fersen haften wie Pech. Du musst mit Widerstand rechnen. Trotzdem: Raus aus den schweren Fesseln deines Opferbewusstseins! Schluss mit Selbstsabotage! Selber denken ist unbeliebt und Verantwortung übernehmen unbequem. Du brauchst Mut für neue Entscheidungen und Ausdauer bei der Umsetzung. Womöglich potenziert sich dein Leid. Für den Moment.
Erstverschlimmerung.
Kein leichter Weg.
Warum also jetzt mit der Ehrlichkeit anbändeln? Was gibt es zu gewinnen? Welches Geschenk wartet auf dich, wenn du dich deiner inneren Wahrheit verpflichtest? Und was passiert, wenn du es nicht tust? Was erwartet dich dann? Ein Leben unter der Fuchtel der Verlustangst und unerfüllte Beziehungen. Das latente Gefühl, nicht gut genug zu sein. Nicht gelebte Wut in Form von körperlichen Symptomen: unerklärliche Rückenschmerzen. Entzündeter Magen. Krebsgeschwüre. Herzinfarkt. Die Medizin ist ratlos. Diagnose „Austherapiert“. Für Seelen-Burnout gibt es gar keinen Eintrag im ICD-Klassifikationssystem. Depressionen? Panikattacken? Ist es das, was du willst? Muss dein Herz erst kollabieren, damit du dich öffnest?
Es ist nicht nur eine Entscheidung zu deinem Wohle, sondern auch zum Wohle der Institution Familie. Zum Wohle der Gesellschaft. Zum Wohle kommender Generationen. Ja, du prägst das psychische Profil einer ganzen Kultur mit – so oder so. Du trägst Verantwortung.
Du wirst hier gebraucht.
Du bist wichtig.
Du bist richtig.
erzähl mir von dir. Was beherrscht und bewegt dich? Sei ganz offen. Lass nichts aus. Ich bin nicht schockiert über die geballte Wut in deinem Bauch. Ich empfinde deine angriffslustigen Emotionen nicht als fremdartig. Ich verstehe dich. Ich interessiere mich für dich und deine Geschichte.
Ich kenne deine Verbitterung und dein Leid. Wie lange geht das jetzt schon? Seit wann hältst du durch? Erträgst dieses ganze Theater, in dem du immer nur das bedauernswerte fünfte Rad am Wagen bist. Die Schuldige. Ohne deren Anwesenheit alles besser wäre. Die Kinder müssten nicht mehr um ihre Vormachtstellung kämpfen. Dein Mann wäre nicht mehr in Loyalitätskonflikte verstrickt, müsste sich nicht mehr zerteilen. Und du, du müsstest nicht mehr die liebevoll aufopfernde Zweitmutter spielen, die du nicht bist. Nicht in diesem Familienkonzept.
Du wärst es so gerne: Mutter dieser Kinder. Du möchtest es von ganzem Herzen sein. Doch du kannst es nicht. Es sind nicht deine Kinder. Du liebst sie nicht. Nicht so. Vielleicht ein bisschen. Anders. Du magst sie ein wenig. Ein wenig mehr? Gut, lass uns verhandeln. Ab und zu bist du gerne mit ihnen zusammen, aber dann lehnst du sie wieder innerlich ab. Ohne sie wäre dein Leben leichter. Manchmal hasst du sie auch. Das ist in Ordnung. Sie sind dir im Weg, da können sie noch so niedlich sein. Sie kommen nicht aus deinem Bauch. In ihren Adern fließt das Blut einer anderen Frau.
Es zerreißt dich innerlich.
Dein Mann bekommt davon natürlich wenig mit, es wäre das Aus für eure Beziehung. So spielst du fleißig deine Rolle, bist verständnisvoll, bringst dich ganz ein. Gibst mehr, als du zu geben imstande bist. Du gibst dich auf. Erkennst dich selbst nicht mehr. Was ist aus dir geworden? Du hättest nie geglaubt, dass es böse Stiefmütter wirklich gibt. Ein Märchen. Ein Märchen?
Deine Realität.
Deine Stiefmütterlichkeit beschränkt sich auf Popos abwischen, Frühstücksbrote schmieren, Kinderzimmer aufräumen und den Hol- und Bringservice. Dafür bist du gerade gut genug. Das kann man dir als nicht leibliche Mutter zutrauen. Du bist die Haushaltsmanagerin. Du bist die Putzfrau ohne Weisungsbefugnis. Für alles andere fehlt dir die Nabelschnur. Ein Erziehungsmandat steht dir nicht zu. Deine Einmischung in das kindliche Benehmen ist unerwünscht. Deine Anregungen zur Entwicklung des Stiefkindes bleiben ungehört. Dein Mann will sein Kind vor deinen Erziehungsmaßnahmen beschützen. Du bist so streng, so laut, so ungehalten. Die Kinder können doch nichts dafür. Richtig, aber der Spruch quillt dir trotzdem aus den Ohren. Deine Stiefkinder mutieren zu wahren Kotzbrocken – sie können nicht anders, weil sie sich selber schützen und verteidigen müssen.
Sie tun dir leid.
Du tust dir aber auch leid.
„Du verstehst das nicht“, wiederholt dein Partner als Endlosschleife. Selbstverständlich verstehst du es nicht. Wie soll man diese unnatürliche Symbiose auch verstehen. Er versteht es auch nicht. Die Kinder verstehen es nicht. Keiner versteht diesen familiären Kokolores, dieses zerfetzte Durcheinander. Jeder kämpft mit seiner eigenen emotionalen Verwirrung. Jeder in dieser Fetzenfamilie hält sein Leid für das Wichtigste. Du auch. Du weißt es, aber du kommst auch nicht darüber hinaus. Schließlich hast du eigene Bedürfnisse.
Wo sind die eigentlich geblieben? Kannst du dich selbst noch spüren? Wer warst du, bevor du dich entschieden hast, Stiefmutter zu sein? Was ist aus deinem Traum von der eigenen kleinen Familie geworden? Was ist mit deinem Anrecht auf persönliches Glück? Was genau hat das Universum falsch verstanden? Du hast dich bis über beide Ohren verknallt, in diesen Mann – den Kindsvater. Den Mann mit Anhängsel. Ihr liebt euch. Natürlich liebt ihr euch. Die Liebe zu deinem Partner ist so stark, dass du, ohne groß darüber nachzudenken, in die Rolle der Bonusmutter geschlüpft bist.
Bonusmutter – eine unerträgliche Begrifflichkeit, findest du nicht auch? Sie beinhaltet, dass du für deine Rolle als Stiefmutter eine Treueprämie, einen Zuschuss für besondere Leistungen erhältst. Ein Profitgeschäft. Hast du deinen Zugewinn dieser zusammengewürfelten Gemeinschaft schon erkannt? Wann und wie wird dein Bonus ausgezahlt? Gibt es eine Sondervergütung für Patchworkgeplagte? Nichts dergleichen. Ein kleines Dankeschön und eine versöhnliche Geste wären dir ja auch schon Bonus genug. Ein einziger Mensch, der deine Bemühungen sieht und deine Haltung wertschätzt, der dich tröstlich und kraftvoll in den Arm nimmt und dir liebevoll ins Ohr flüstert: Ich verstehe dich, du bist nicht alleine damit, du schaffst das, du machst das prima, du gibst dein Bestes, ich sehe es, ich sehe dich, wäre der größte Bonus für dich.
Stattdessen weht dir aus dem Patchworknetzwerk ein kühler Wind entgegen. Keine oder wenige Umarmungen und noch weniger liebevolle Worte. Du fröstelst. Du wirst stiller und ziehst dich immer mehr zurück. Dein nächstes Wort könnte schon wieder als Schikane gedeutet werden. Alle Augen sind auf dich gerichtet und jede falsche Geste wird unverzüglich abgestraft. In den Augen der anderen bist du hartherzig, ihr Hirn ist auf „Böse Stiefmutter“ programmiert.
Die Messlatte liegt zu hoch.
Du kannst ihnen nicht gerecht werden, sie wollen dich so: böse. Eine gute Stiefmutter ist keine Option bei dieser toxischen Haltung. Sei dir dessen bewusst, du kannst es nicht gut machen. Dein Umfeld hat anders entschieden. Nach dem Vorbild à la Gebrüder Grimm bist du ein weiblicher Barbar. Böse, böser, am bösesten. Dieser Prototyp hat sich seit den Gute-Nacht-Märchen in den Köpfen festgesetzt. Textpassagen wie „Die Stiefmutter schlägt uns alle Tage. Und wenn wir zu ihr kommen, stößt sie uns mit dem Fuß fort“ aus dem Märchen Brüderchen und Schwesterchen oder „Was macht der garstige Unnütz in den Stuben, sagte die Stiefmutter, fort mit ihr in die Küche“ aus dem Märchen „Aschenputtel“ infizierten den Geist der Patchworkzeit.
Dreizehn skrupellose Stiefmütter kommen in den Hausmärchen der Grimms vor. Diese abschätzige Rolle scheint immer noch Anklang und Begeisterung zu finden. Die Rolle, die du dir gegenwärtig ausgesucht hast. Nur die Hexe ist noch schlimmer. Wobei diese wenigstens magische Fähigkeiten hat. Was ist deine Fähigkeit? Deine Qualität? Aushalten? Runterschlucken? Zusammenflicken? Wut speichern? Ablehnung ertragen?
Wie lange kämpfst du noch für etwas, das du nie wolltest? Wann hörst du endlich auf, die Anweisungen seiner Ex zu erdulden und deinem Mann dabei zuzusehen, wie er vor ihr zu Kreuze kriecht? Wie lange erträgst du diese Demütigungen noch? Wie hoch ist dein emotionaler Kredit? Hast du noch Kraft für dieses schlechte Schauspiel?
Du entscheidest.
Magst du dich weiterhin selbst stiefmütterlich behandeln und behandeln lassen oder beginnst du, fürsorglich und liebevoll mit dir selbst umzugehen? Opferhaltung oder Selbstliebe. Willst du der Hass oder das Herz der Familie sein? Wie geht Familie? Wie geht Patchworkfamilie? Was willst du? Wer bist du?
Ich erzähle dir von mir und du mir von dir. Du darfst dich an meiner Schulter ausweinen und wir halten und tragen uns gegenseitig im Herzen. Unbekannt und doch verbunden. Wenn wir gemeinsam gehen, wird der Weg leichter. Komm in meine Arme und lass dir liebevoll ins Ohr flüstern: Ich verstehe dich. Du bist nicht alleine damit. Du schaffst das. Du machst das prima. Du gibst dein Bestes. Ich sehe es. Ich sehe dich.
Du tapferes Mädchen.
Du beeindruckende Frau.
Du wählst: das alte Stigma der bösen Stiefmutter oder einen neuen Weg. Du entscheidest, jeden Tag.
ich habe eine klitzekleine Idee davon, wer du bist. Nicht im geringsten kann ich mir vorstellen, was du fühlst. Hinter deinem Panzer kann ich emotional kaum etwas von dir erkennen. Du versteckst dich. Du willst überhaupt nicht gefühlt oder gesehen werden. So wichtig bist du nicht. Es ist nicht notwendig, dich ins Rampenlicht zu stellen. Da gehörst du nicht hin. Wer interessiert sich schon für dich? Du hast dich gut im Hintergrund eingerichtet. Im Background hast du deine Ruhe. Fühlst dich ungestört. Ich soll nicht so viel Aufhebens machen um die ganze Sache. Das ist schon in Ordnung für dich. Du kommst klar, hast ja auch kaum Ansprüche. Erfüllung, Zusammengehörigkeit und Geborgenheit brauchst du nicht. Das alles ist nicht so wichtig, du hast deine Arbeit, dein Hobby, deinen Computer und deine Werkstatt. Damit bist du zufrieden.
Und dieser kleine Knirps.
Der bringt dich nicht aus der Ruhe. Dein Stiefkind. Halb so wild. Du kriegst das gebacken. Irgendwann muss es auch mal ins Bett, bleibt ja nicht ewig munter. Seit der Trennung seiner Eltern braucht dein Stiefkind noch mehr Aufmerksamkeit und stundenlanges Gutenachtgeschichten erzählen von seiner Mutter. Deiner Frau. Du begnügst dich derweil im Wohnzimmer mit dem Abendprogramm. Du hast Glück, es läuft eine Spielübertragung deines Fußballvereinfavoriten. Da bist du allerdings Fan. Sport magst du sehr. Es macht dir nichts aus, dass du allein auf dem Sofa liegst.
Im Gegenteil.
Später sinkt die Kindesmutter erschöpft in deine Arme und legt den Kopf auf deine Brust. Du genießt die zehn Minuten, bis sie einschläft. Zehn Minuten von 1440 Tagesminuten, das genügt dir.
Plötzlich steht dein Stiefkind in der Tür, es kann nicht einschlafen. Du sagst ihm ruhig und bestimmt: „Geh wieder ins Bett!“ Als trotzige Antwort bekommst zu hören: „Du hast mir gar nichts zu sagen, du bist nicht mein Vater.“ Aber das stört dich nicht. Das kennst du bereits. Es verletzt dich nicht, du bist der Fels in der Brandung. Unerschütterlich. Unverwundbar.
Ein unverletzlicher Magier.
Du liebst die Mutter dieses Kindes abgöttisch. Du musst der Zauberer sein, sonst verlässt sie dich. Und das macht dir allerdings etwas aus.
Also zauberst du: Du flickst kaputte Fahrradschläuche, machst deinen Computer kindersicher, spitzt Buntstifte und spielst Torwart auf deinem geliebten Rasen. Später: Früh halb drei stehst du mit dem Privattaxi vor dem Haus, in dem die Party läuft, auf der dein Stiefteenie rockt. Noch später sitzt er selbst am Lenkrad deines SUVs. Immer gibst du.
Forderst nichts.
Erzwingst nichts.
Verbietest nichts.
Du bist der Freizeitvater in Vierundzwanzig-Stunden-Bereitschaft, mal abgesehen von deinen zwei goldenen Händen. Du machst alles möglich, dreimal geschickter als der leibliche Vater. Aber dich liebt er nicht. Du bist der Auswechselpapa auf der Ersatzbank. Sofort zur Stelle, wenn Not am Mann, am Vater ist. Der große neue Kumpel, der alles macht für das Kind – als harmonisierender Beziehungspfleger.
Die Liste deiner selbstlosen Aktivitäten ist unendlich lang, dein Stiefvaterrucksack ist immer prallvoll. Du bist immer erreichbar, ständig belastbar. Verfügbar. Du ähnelst einem Blasebalg, dem nie die Luft ausgeht, auf dem aber jeder herumtritt. Aber dir macht das ja nichts aus. Du investierst gerne Zeit und Verständnis in deine stiefkindlichen Nachkommen. Vielleicht kommen ja noch eigene nach, mit deinem genetischen Abdruck. Das wünschst du dir, aber es muss auch nicht sein. So klar ist dir das nicht. Das Haus ist ja schon voll.
Früher standen deine Vorfahren auf dem Feld und haben Auge um Auge, Zahn um Zahn gegeneinander gekämpft. Dein Schlachtfeld, heute, ist inmitten deiner Familie ausgebreitet, die Kampftaktik ist subtiler, hinterhältiger und kränkender. Du duckst dich ab, gehst in die Defensive. Verhältst dich ruhig und harrst der Dinge. Du hast zähes Sitzfleisch, schließlich bist du Gast in deinem eigenen Heim. Existierst irgendwo am Rande des geflickten Geschehens und darfst dich in Einfühlung, Rücksichtnahme und Verzicht üben – allesamt weibliche Attribute. Die Eier in deiner Hose nützen dir nichts, wenn du abends in der Küche stehst, bekleidet mit einer rot-weiß karierten Schürze mit dem Aufdruck „Küchenfee“. Statt ein Machtwort zu sprechen in heiklen Erziehungsfragen, hörst du dem pädagogischen Gesäusel zu, das dir deine Partnerin für ihr Kind aus einem Elternratgeber vorträgt. Zuhörendes Mitwirken, ja. Mitspracherecht, definitiv nein. In deinem Oberstübchen hast du ihr Regelwerk zum Umgang mit deinem Stiefkind längst Wort für Wort abgespeichert.
Intimität, Zeit, Aufmerksamkeit und Fürsorge von deiner Liebsten zu bekommen existiert nur noch als schwache Vorstellung in deiner Fantasie. Zweisamkeit als Fremdwort. Die Zahl der Glücksmomente schrumpft, aber die Herausforderungen werden täglich größer. Viel zu viel wird von dir erwartet. Zu wenig bekommst du zurück. Allgegenwärtig das Argusauge, das dich ständig auf deine Kindertauglichkeit prüft. Ganz sicher ist sich deine Partnerin nicht, ob es eine gute Idee war, dich als Ersatzpapa auszusuchen? Sie kommuniziert es ständig: Ihr Kind ist ihr das Wichtigste.
Du kommst erst danach.
Aber dir macht das ja nichts aus. Da bleibt eben genug Freiraum für den kleinen Hobbykeller, wo du obendrein auch selbst bestimmen darfst. Wo du Chef bist. Wo dein Wort noch etwas gilt. Aber Vorsicht: Sobald du die Modelleisenbahn aufgebaut hast, kommt dein Stiefkind und setzt sich ans Pult. Nach drei Stunden darfst du auch mal fahren, aber nicht zu schnell und nicht überholen, sonst leidet der Selbstwert des Kindes. Du weißt doch, dass es sehr unter der Trennung leidet! Sei rücksichtsvoll, lass es gewinnen. Es braucht Zuspruch, das verstehst du doch.
Du verstehst es.
Du bist wirklich ein außerirdisches Wesen. Ich habe keinen Schimmer, wie du das schaffst. Wer spricht dir Mut zu? Wer sorgt sich um dich? Wer hört dir zu? Ziehst du jemals irgendwen ins Vertrauen? Ist da jemand? Verstehe, du machst das alles mit dir alleine aus. Frisst diese demütigende Position so, wie aufgetischt. Wie hoch ist eigentlich dein Aggressionspotenzial? Prüf doch mal deine Blutdruckwerte. Wie lange ist es her, dass du dich zufrieden, geliebt und geborgen gefühlt hast?
Wer liest hier noch?
Du bist ein Mensch, der helfen möchte, egal auf welcher Position du in diesem Spielfeld stehst. Du hast den starken Antrieb zu unterstützen. Tu es einfach! Halte dich nicht zurück. Hier, bei mir und all den anderen Stiefkindern, bist du damit wertvoll. Wir brauchen dich unbedingt. Wir schaffen das nicht alleine. Sei einfach da. Du wirst genau wissen, wie. Du bist eingeladen und herzlich willkommen, mich, dich oder andere zu begleiten. Wir schaffen es nur zusammen. Schön, dass du da bist, teilnimmst, mitfühlst … Du hast die vollumfängliche Erlaubnis, zu urteilen, zu bewerten und zu nörgeln. Selbstverständlich darfst du weinen, um dich, um andere oder um mich. Keiner sieht deine Tränen, außer mir. Ich bewahre dein Geheimnis.
So lange es nötig ist.
Der ursprüngliche Beweggrund, meine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen in diesem Buch herauszuschreien, wächst während des Schreibprozesses weit über jede Idee einer Selbsttherapie hinaus. Im Hinblick auf die Dringlichkeit und Aktualität dieses Themas scheint mein eigener Frieden zusehends eine fast untergeordnete Rolle zu spielen. Ein innerer Zwang, eine energische Aufforderung drängt mich dazu, dir meine Geschichte ganz zu erzählen, um dem einfallsreichen Schicksal einen Auftritt zu geben.
Seit sieben Jahren sammle ich fleißig die Flicken meiner Kindheit in wilden Textdokumenten – ein erzählerisches Konvolut von Wut, Angst, Verurteilungen und Selbstzerstörungssequenzen.
Kein Zuckerschmaus.
Verständnis ist nicht das Ziel meiner Geschichte. Verstehen findet im Kopf statt. Dein Verstand, mein lieber Leser, meine liebe Leserin, interessiert mich nicht. Wenn du mich fühlen kannst, wenn du dich fühlen kannst, kommen wir dem eigentlichen Anliegen gemeinsam näher. Weder habe ich den Anspruch an Vollständigkeit, noch ist es in meinem Sinne, die Sichtweisen aller an einem Patchworkprozess Involvierten einzunehmen. Ich lasse kurze Sequenzen der Empfindung anderer zu, zu mehr bin ich nicht bereit. Ja, auch ich habe egoistische Motive. Ich bin durchdrungen von der Idee, die Stimme der Trennungskinder zu sein oder wenigstens ihr unterdrückter Husten. Ich ermächtige mich selbst, ihre traurigen und gekränkten Seelen zu Wort zu bringen.
Freiheit erzeugt Trennung.
Jede Medaille hat zwei Seiten.
Ich konzentriere mich auf die, die im Schatten liegt.
In Anbetracht der Komplexität, individuellen Herausforderung und jeweiligen Ausformung der persönlichen Identität in verschiedenen Lebensphasen kann es gar keine allgemeingültige Aussage über die Empfindungen von Trennungskindern geben. Genauso wie es auch kein universelles Rezept für gesunde Ernährung, Glücklichsein oder den Umgang mit Schicksalen gibt. Kein Lebenslauf gleicht dem anderen. Jeder Mensch ist ein einzigartiger und unverwechselbarer Kosmos. Es gibt Unterschiede in den Ausgangssituationen, den Familienkonstrukten und den eigenen Wahrnehmungen.
Und doch: In meinem privaten Austausch mit Trennungskindern mache ich oft die Erfahrung, dass ihre Geschichten und Erlebnisse in verblüffender Weise meinen eigenen Empfindungen von Schmerz und Getrenntsein ähneln. Nach dem ersten Widerstand, sich zu offenbaren, folgen traurige Enthüllungen. Lange ging es den meisten von ihnen „gut“, sie waren „in Ordnung“, oder der getrennte Elternteil war ihnen „egal“ und der Umgang mit ihm „nicht wichtig“. Ein Blick in die Augen. Dumpf, traurig und erschöpft.
Man erkennt sich.
Eine empathische Tür zur Wahrheit öffnet sich. Zaghaft fallen die Masken und verdrängte Gefühle stürmen ins Bewusstsein. Trotz meiner Erfahrungen bin ich überrascht, wie groß die Verletzungen anderer Trennungskinder sind, jenseits meiner eigenen Geschichte. Die Resonanz ist umwerfend. Einer einfühlsamen Seite in mir und meinem Gespür für das Unbewusste offenbaren sich jedoch gegensätzliche Regungen in den noch nicht Ausgesöhnten. Traurigkeit und Verzweiflung kommen zwar zum Ausdruck, aber die Körpersprache zeigt mir auch, dass die kommunizierten Inhalte immer noch beschönigt werden. Dieses Versteckspiel der Verletzlichkeit ist mir vertraut. Erst wenn dann auch die letzten Flunkereien ihre Berechtigung verlieren, entstehen intensive Momente des Vertrautseins, basierend auf einem gegenseitigen Verständnis.
Tränenreich.
Ohnmächtig.
Gleichzeitig auch erfüllend, denn der mühsam versteckte Schmerz darf sich endlich doch zeigen und man ist mit seinen Empfindungen nicht mehr allein. Die Isolation entpuppt sich als fixe Idee und ist schnell durchbrochen. Es entsteht ein befreiender und befruchtender Austausch. Besonders die Ablenkungen, welche bis dahin die innere Leere ersetzen sollten, werden in ihrer Vielzahl und in ihrem Mechanismus sichtbar. Stummes Nicken. Erkenntnis. Hoffnungsschimmer.
Erkennst du dich?
Das Ende der Illusion, der Anfang von Heilung.
Kein Rezept.
Jeder Tag ist ein Kampf für mich. In mir tobt ein Krieg. Mein Widerstand richtet sich gegen mich selbst. Kraftlos schleppe ich mich durch mein Leben – wie blutlos. Ich kann nicht mehr.
Mein Vater ist nicht da. Seit Jahren fühle ich mich allein. Das Loch seiner Abwesenheit wird größer und tiefer. Ich gerate immer mehr ins Unendliche. Dort ist es rabenschwarz und keiner macht das Licht an.
Ich lasse los, gebe auf. Gebe die Hoffnung auf, jemals ein ganzer Mensch zu sein. Dann hört auch endlich das Leiden auf. Ein langer Schlaf scheint mir eine willkommene Lösung. Erlösung.
Meinetwegen.
Ich stimme zu.
Endlich Ruhe und Frieden.
Ich war ein strahlendes und lebenslustiges Kind: Susanne. Ich nenne mich Susanne, um eine Elle Abstand zwischen uns zu legen. Um mich selbst betrachten zu können. Erfüllt von der naiven Idee, die Welt sei ein vertrauensvoller Ort, eine sichere Bärenhöhle. Ich war frei und unbedarft. Die ursprüngliche Reinheit der Natur. Ein Quell an Kreativität und verrückten Ideen. Die Welt wartete darauf, von mir erobert zu werden. Nichts leichter als das, dachte ich. Schwerelos. Jetzt kann ich mich kaum noch an diesen seelenvollen Zustand erinnern. Es ist mehr ein Gespür.
Heute bin ich die Art Mensch, die die Einsamkeit der Begegnung mit Menschen vorzieht. Schreibend, statt schreiend, sitze ich auf einem weich gepolsterten Stuhl, an einem großen massiven Holztisch, vor einem traumhaft grünen Panorama auf meiner großen Südterrasse. Die Grillen zirpen und die Sonnenstrahlen streicheln meine Wangen.
Frieden.
Meine gewählte Einsamkeit habe ich mir nett eingerichtet, mit allen erdenklichen Bequemlichkeiten. Es gibt nur wenig gute Gründe, diese heilsame und schützende Obhut zu verlassen. Hier bin ich sicher und von mir selbst wohlbehütet. Draußen pfeift der Wind der Zurückweisung. Hinter jeder Ecke könnte mir die Verletzung auflauern, mich angreifen: Menschen sind nicht vertrauenswürdig. Ich bleibe daheim. Eine Eremitin.
Meine Freunde würden das bestreiten. Das dürfen sie. Aber ich weiß es besser. Nur wenige in meinem Umfeld erkennen hinter meinem herzlich extrovertierten Wesen die große Sehnsucht nach Ruhe. Versteh mich nicht falsch, ich bin kein Menschenfeind. Im Gegenteil, zwischenmenschlicher Austausch ist für mich so inspirierend wie notwendig. Ich bin ein Gemeinschaftstier. Aber ich brauche nach jedem Kontakt mit Menschen den elementaren Rückzug auf meine weiche Couch, wo ich eingehüllt in meine schützende Webpelzdecke und versteckt zwischen meinen samtigen Sofakissen verschwinde. Hier tanke ich Kraft. Die Kraft, die ich für den nächsten Umgang mit anderen brauche, die ich verschwenderisch verbrauche, weil ich gefallen, geliebt und auf keinen Fall abgelehnt werden will.
Harte Arbeit.
Mich aus dieser selbstverstellenden Konditionierung zu befreien ist Schwerstarbeit. Nur zögerlich gelingt es mir mit jedem Tag mehr, mich und meine Verletzlichkeit offener zu zeigen. Manchmal fühlt es sich nicht so schwer an, wie ich geglaubt habe. Auf jeden Fall lohnt es sich, da bin ich mir sicher. Ich habe genug Energie verpulvert für Maskeraden. Ich bleibe dran.
Viele Fakten sprechen dafür, dass ich nicht dieses entartete Wesen bin, für das ich mich halte. Glänzende Pokale, schulische Auszeichnungen und gebündelte Urkunden für sportliche Höchstleistungen könnten vermuten lassen, dass ich gut gelungen bin. Meine erfüllende Partnerschaft gibt mir Anlass zu der Annahme, glücklich zu sein. Meine berufliche Bilanz mit eigenem Unternehmen könnte den Anschein erwecken, ein erfolgreiches Leben zu führen. Ein beachtlicher Freundeskreis, eine innige Geschwisterliebe und ein liebevolles Verhältnis zu meiner Mutter könnten mich als integres und zufriedenes Mitglied unserer Gesellschaft kennzeichnen. Die starke Zuneigung zu meinem Stiefpapa lässt selbst den stärksten Kritiker verstummen. Wieso sollte mit mir irgendetwas nicht stimmen? Erfolg auf der ganzen Linie, alles erreicht – oder wie es mir gelang, mit vorgetäuschter Sonnenscheinmentalität „Everybodys Darling“ zu sein. Alles in bester Ordnung, nicht nur im grünen Bereich, vorbildlich.
Patchwork funktioniert also doch!
Ja, Patchwork kann auch funktionieren. Gemeinsam ist uns vieles gelungen. Glückliche Momente waren nicht selten, überhaupt habe ich viel Glück gehabt in meinem Leben und auch Erfüllung gefunden. Ich verdanke dem Umstand der Trennung meiner Eltern viele wichtige Erfahrungen und eine Steilkurve in der persönlichen Entwicklung. Offensichtlich wäre das in einer „ganzen“ Kindheit nicht möglich gewesen für mich. Aber noch schwebt der Schleier des Trennungsbewusstseins wie ein bedrohlicher Schatten über meinem Leben. Oder mehr denn je. Das innere Loch ist umso größer geworden, je mehr ich selbst geglaubt habe, ich wäre ein charismatisch-starker Berg. Paradox. Aber diese Welt ist per se voller Widersprüche. Die Wahrheit ist: Ich ertrinke an meiner Lebenslüge. Der Selbstverrat drückt mich auf allen Ebenen gefährlich nah an den Rand des Lochs. Meine Wunden sind ausgeleckt, sie glotzen mich erwartungsvoll an und fordern mich zum Handeln auf. Fordern mein Geständnis.
Die Maske fällt. Ich bin zutiefst erschrocken über das, was ich nicht sehen wollte, verdrängt und abgelehnt habe. Traurigkeit und Verzweiflung kriechen aus ihrem Versteck und lechzen nach meiner Aufmerksamkeit. Aus jeder Pore strömt der Rauch meiner emotionalen Verbrennungen. In jeder Zelle hockt das Ohnmachtsgefühl. Mein Rücken schmerzt unerträglich, Paniken attackieren mich scharf und mein überspanntes Nervensystem kracht in sich zusammen.
Ausdruck meiner zerfetzten Seele.
Den Löwenanteil meiner Leuchtkraft hat mein Vater mit sich genommen, als sich meine Eltern trennten. Da war ich sieben Jahre alt. Er hat mich einfach alleingelassen, zurückgelassen in einer Welt, die sich von der grausamen Seite zeigt, sobald die beschützenden Arme des Vaters fehlen. Bis dahin war ich seine Prinzessin gewesen. Danach spielte ich viel geringere Glanzrollen. Jetzt bin ich eine einsame Frau. Halb entwurzelt. Ich will nicht mehr halb sein. Lieber bin ich gar nichts. Lieber bin ich tot.
Mit der Zeit habe ich völlig vergessen, wie sehr ich dieses Leben liebe. Seit Jahren versuche ich, meine Strahlkraft zurückzugewinnen. Die Authentische. Der kleine Schatz, der ich einmal war. Das Licht dringt kaum noch in mein Herz, noch weniger Helles steigt daraus auf. Es ist dunkel, bitter und kalt. Ich bin in dem Loch gefangen und finde keinen Ausgang. In meiner Verlassenheit irre ich umher und versuche, die zerfledderten Teile meines Selbst wieder zusammenzuflicken. Es gibt natürlich auch lichtvolle Momente, in denen ich fest glaube, das Leid überwunden zu haben. An vitaleren Tagen fühle ich mich frei und unbeschwert – das nährt schon all die Jahre meine Hoffnung, irgendwann vollständig ganz und heil zu sein – und lege mein Urvertrauen in die Hände der seelestreichelnden Augenblicke. Ich werde nicht müde, sie auszukosten. Dann bricht das Dunkel wieder über mich herein, ausgelöst von einem Bild, einer Situation oder einem einzigen Wort. Dann bin ich wieder das kleine verletzte Kind. Loch.
Ich hasse es.
Die Identifikation mit meinem Trennungskind-Dasein ist so stark, dass ich mich selbst zerstöre. Nach vier Jahrzehnten lasse ich immer noch zu, dass sie mein Leben beherrscht. Egoistisch wälze ich mich in meinem Opfer-Sein, leide qualvoll, still und heimlich. Keiner soll wissen, wie elend es mir geht. Mitleid ist das Letzte, was ich jetzt noch ertragen kann. Es geht mir doch blendend. Schau mich doch an: täuschend echt. Bis ins kleinste Detail ausgefeilt. Tschakka.
Ja, ich darf behaupten, ich bin beliebt. Die Ursache ist mir schleierhaft. Das Ungleichgewicht zwischen meinem ausgeprägten Gemeinschaftssinn und dem Wunsch, mich der Herde auch schnellstmöglich wieder zu entziehen, macht mich nicht kategorisierbar für andere. Unberechenbar springe ich zwischen Exzentrik und Labilität hin und her. Sprühende Begeisterung. Hochsensibler Rückzug. Strukturlos und nicht zu greifen. Verwirrend für andere und für mich. Um mein vermeintliches Selbstbewusstsein und meine überschwängliche Lebensfreude beneidet, ziehe ich Menschen magnetisch an, die mich oft mit ihrer Liebe überschütten. Und genau das war ja auch mein Ziel: geliebt zu werden. Ich bin an meinem Ziel angekommen. Ich werde intensiv geliebt und gemocht. Leider bedeutet es mir zu wenig. Ich habe es erreicht, aber es erreicht mich nicht. Ich will nur diese eine Liebe – die ich nicht habe.
Meine fröhliche Fassade beginnt zu bröckeln, mein Schauspiel kotzt mich selber an. Ich kann es nicht mehr ertragen. Wenn ich in den Spiegel schaue, grüßt mich ein fremdes Gesicht. Die Maske. Wer bist du? Ich weiß nicht, welches Bild ich mehr hasse: das aufgesetzte Lächeln oder die leeren, verheulten Augen. Letzteres drängt immer stärker in den Vordergrund und lässt sich nicht mehr mit einem Fingerschnippen wegschalten. Es will sich zeigen. Die Trauer über meine gespaltene Kindheit nimmt mich immer mehr in ihren Besitz und ich kann ihr nichts entgegensetzen. Ich bin von Traurigkeit durchdrungen, auch wenn ich fleißig weiter darüber hinweglächle.
Der Ausbruch meiner unterdrückten Emotionen ist nicht aufzuhalten. Der Kessel brodelt. Die Lava rollt schon in meinem Innern und zerrt mich mit sich in Richtung dunkles Loch. Mein Kopf fühlt sich an wie ein qualmendes Epizentrum. Die Eruption steht kurz bevor. Ich habe Angst, mitgerissen zu werden. Ich habe Angst, unter meinen Gefühlen lebendig begraben zu werden. Nirgendwo Halt zu finden. Zu verbrennen. Im Schwarz zu verschwinden. Alle Welt spricht vom Loslassen, als wäre das ein Minimalausflug. Aber ich kann nicht loslassen. Ich weiß nicht, wo ich lande, wenn ich mich einfach ergebe.
Es ist zu ungewiss.
Viel zu riskant.
Ich habe Angst.
Ein kleiner Sonnenschein erblickt an einem warmen Sommertag das Licht der Welt. Ein Strahlekind. Gewollt. Geliebt.
Ein Wunschkind.
Susanne.
Voller Zuversicht und Optimismus bin ich in dieses Leben gepurzelt. Volle Kraft voraus! war schon als Baby meine Maxime. Meinem herzlichen und sonnigen Wesen gelang es sofort, die neue Umgebung zu erobern. Löwenkräftig und stolz präsentierte ich meine leuchtende Aura. Meine Wiege war prall gefüllt mit Lebensfreude und Selbstvertrauen. Und immer schon war da dieses gewisse Etwas – ein Strahlen, das jeden, den es erreichte, selbst zum Leuchten brachte. Wie pures Gold wurde ich mit günstigen kosmischen Kräften bedacht, geballter Energie und einer natürlichen Autorität.
Es ist kein Geheimnis: Ich ließ mich gerne und oft bewundern. Licht an! Hier bin ich! Schaut her! Platz da!
Ein Prachtkind.
Es gab viel Raum für meine frühkindlichen Entwicklungen, wenig Störungen und keine Geschwisterrivalität. Ich war die Erstgeborene. Geliebte Tochter von Mama und Papa. Geliebt und geborgen. Ich glaubte fest, das würde immer so bleiben. Wohlbehütet lag ich im Schoß meiner Familie.
Paradies auf Zeit.
Als Kind hatte ich ein natürliches Anrecht darauf, glücklich zu sein. Mein Geburtsrecht. Das Schicksal hatte andere Pläne mit mir. Es vertrieb mich unerwartet von der Insel der Seligen, aus dem heiligen Land, aus der schützenden Umarmung meiner Eltern. Es gab keine Anzeichen oder Vorahnungen. Ich war mit zwei liebenden Eltern gesegnet und strahlte im Kinderwagen mit vorübergehenden Passanten um die Wette. Auf Fotos aus meinen ersten Lebensjahren wirke ich aufgeweckt, pfiffig und lebenslustig. Der Schalk saß mir Nacken. Ein liebenswerter Frechdachs. Zuckersüß. Bestimmend. Eine kleine Kommandozentrale mit Charme – so ist es auch heute noch.
In dieser Babyzeit spürte ich viel Liebe und Wärme um mich herum. Meine Mama nahm ihre Mutterrolle im jungen Alter von zwanzig sehr ernst und steckte ihr ganzes Herzblut hinein. Liebevoll und einfühlsam schaffte sie mir ein harmonisches Heim, in dem ich geschützt wachsen und gedeihen durfte. In ihren Armen habe ich Kraft getankt für die große, weite Welt. Sie war mir Anker, Nest und Hafen. Ich war ihr persönlicher Fingerabdruck der Liebe.
Eine Bilderbuchmama.
Drei Jahre lang durfte ich die Welt unter ihrem Schutz erkunden. Eine Seltenheit zu dieser Zeit, zumal in der DDR. Meist gingen die Frauen nach knapp einem Jahr wieder arbeiten und die Kinder kamen in die Kinderkrippen. Aus der süßen Nacht gerissen. Morgens halb sechs im Fahrradkörbchen, Plastikvisier vor dem Gesicht, taumelnd. Das blieb mir erspart. Ich schlief selig, hatte Mama ganz für mich alleine. Zeiten der Ruhe, Wonnestunden, Gelegenheiten für Liebe. Wir haben gelacht und gekuschelt und unser Glück geteilt.
Heute, wenn der Schmerz übermächtig ist, sehne ich mich in meinem ganzen Sein in diesen mütterlichen Schutzraum zurück, eingehüllt in eine weiche Wolke aus Liebe und Verständnis. Besser noch zurück in den Mutterbauch, in die wohlbehütete Höhle mit bombensicherer Plazenta. Dann rolle ich mich auf der Couch zusammen wie ein Embryo, lege eine schwere dunkle Decke über mich und tauche ab in meinen hermetischen Unterschlupf. In diesem geschützten Raum erinnere ich mich an die ersten Jahre meines Lebens und meinen unerschütterlichen Glauben, die Welt sei ein guter Ort. Ich habe diesem Leben vertraut. Ich habe darauf vertraut, von meiner Mutter, meinem Vater und Gott beschützt zu werden. Ich war mir so sicher, dass es das Leben gut mit mir meint. Ich war ein Kind der Sonne. Ihr Schatten war groß. Mein stärkster Schutzschild war mein Vater.
War.
Ich war die Prinzessin meiner Eltern.
Wundervoller Eltern.
Eine Wohnung mit Fernheizung und Balkon in einer Neubausiedlung zu bewohnen war zu DDR-Zeiten ein Glücksgriff. Ein Sechser im Lotto. Meine Eltern hatten diese Chance und wir richteten uns gemütlich auf zweiundsechzig Quadratmetern Stahlbetonplatten ein. Sechs Stockwerke mit jeweils zwei Wohneinheiten und acht Eingängen. Fünfundneunzig Klingelschilder.
Gemeinsam teilten wir uns den Blick auf den gegenüberliegenden Betonkasten. Eine große Rasenfläche, ein Sandspielkasten und mehrere Wäscheplätze waren unser äußerer Lebensraum. Kastanien und Pappeln ergänzten den Neubaucharme. Grünflächen mit Sträuchern und Büschen waren liebevoll angelegt und harmonisierten das steinerne Grau. Wir Kinder brachten Farbe in diese Architektur. Die asphaltierten Straßen wurden mit bunten Zeichnungen überzogen: Hüpfevierecke. Wilde Tiere. Ferne Landschaften. Kreide machte uns Kinder zu kleinen Künstlern, sie war das einfachste Mittel, um uns auszudrücken. Und das taten wir viel, ständig und großflächig. Die gesamte Siedlung war ein großer Kinderabenteuerspielplatz. Wir tummelten und tobten überall. Es gab kein Fleckchen Erde, dass nicht von uns erobert und eingenommen wurde. Wir regierten die Neubausiedlung. Kinder an der Macht.
Hier war die Welt noch in Ordnung.
Die geringe Auswahl an Spielgeräten machte uns erfinderisch und schweißte uns eng zusammen. Jedes Kind hatte eine besondere Fähigkeit. Gemeinsam erschufen wir Abenteuer und erfanden kreative Freizeitbeschäftigungen. Wir bauten Rennkisten aus allen verfügbaren Materialien, pilgerten in den nahe gelegenen Wald und bildeten Banden – jede mit eigener Räuberhöhle und Anführer.
Einer der Anführer war ich.
Selbst die wildesten Jungs unterstanden meinem Kommando. Ein weiblicher Napoleon, der es verstand, sich durchzusetzen. Mit Charme oder Bestimmtheit, je nachdem. Außerhalb des eroberten Waldes waren wir friedliche Kameraden, genossen unser Beisammensein und unseren Zusammenhalt. Wir waren ein dynamischer Kinderhaufen, der sich die Zeit mit Tischtennis, Seilspringen, Federball, Versteckenspielen, Klingelsturm und allerhand Unfug vertrieb. Beliebt bei den Erwachsenen, die auch selbst wieder Kind sein durften.
Was mich betrifft, so wirbelte ich vergnügt über die bunten Asphaltstraßen, laut, wild und voller Tatendrang.
Unbeirrbar positiv.
Meine Spielkameraden folgten gerne meinen Visionen. Ich wusste, wo es langgeht, und an mir haftete ein treues Gefolge. Die kleine Königin des Plattenbaus. Schon als Kind hatte ich geniale Einfälle und Ideen und wurde so zur Spielführerin unserer Freizeitgestaltung. Ein Improvisationstalent, wie es den DDR-lern gerne zugesprochen wird. Wir hatten nichts und haben trotzdem das Beste daraus gemacht. Wir klagten nicht und kannten kein Mangelbewusstsein, sondern sahen die Welt mit kreativem Blick. Als Kinder hatten wir alles, was wir zum Glücklichsein brauchten. Die Welt außerhalb unserer Betonplatten kannten wir nicht, also vermissten wir auch nichts. Im Gegenteil. Für mich waren unsere Möglichkeiten endlos und die Zeit immer zu kurz. Aktivitäten fanden zum Großteil im Freien statt: Wir stromerten durch Wald und Flur, flitzten mit den Zweirädern zwischen den Wohnblöcken hin und her, spielten mit dem Ball, dem Seil, mit Murmeln. Stundenlang. Bei Schlechtwetter strapazierten wir Karten- und Brettspiele. Benötigten wir Abwechslung, kreierten wir einfach selbst ein neues Spiel oder bauten die Klassiker aus dem Westen nach. Kreatives Talent musste nicht extra gefördert werden. Wir übten tagelang Sketche ein oder probten Theaterstücke. Die ganze Siedlung war ein Spiel und wir Kinder führten Regie.
Einsamkeit war ein Fremdwort. Jeder kannte jeden. Alle wussten über alle Bescheid. Die Plattenbausiedlung war ein großes Familiennest. Eine Big-Family. Ich war glücklich.
Zum Abendessen wurden wir Kinder kollektiv an die Esstische gerufen. Von den Balkonen aus. Neunzehn Uhr war Abendbrotzeit und draußen wurde es für eine Stunde ganz still. Das Getuschel an den Küchentischen umso lauter: „Familie Bock hat sich nach achtzehn Jahren Wartezeit einen neuen Trabant 1.1 gekauft. Hellblau. Das neueste Modell, mit Viertaktmotor. Eine Sensation. Schräg gegenüber im dritten Stock gab es letzte Nacht lautes Geschrei. Mal wieder. Herr Richter hat einen Schluck Goldkrone zu viel getrunken.“ Die halbe Siedlung hatte aufrecht im Bett gesessen. Gespannt hatten alle Anwohner seine nächtlichen Ausführungen über unsere Genossen und Genossinnen verfolgt – lautstark hinausgeschrien in die sozialistische Nacht. „Im ersten Aufgang sind neue Nachbarn aus Asien eingezogen. Eine vietnamesische Familie mit zwei Kindern.“ Nichts ungewöhnliches, ausländische Werktätige waren keine Seltenheit. Die Menschen aus Russland, Polen, Ungarn, Kuba und Jugoslawien brachten Farbe und Abwechslung in unser Plattengrau. So gab es Abend um Abend viel zu berichten aus der Neubaugemeinde. Jeder guckte und horchte, selbst wenn er es vermeiden wollte.
„Stasi“ im harmlosen provinzbürgerlichen Sinne.
In der Neubaugemeinde standen die Türen für alle Kinder offen, aber jeder wusste, wo er hingehörte, wo sein fester Platz war. Ein paradiesischer Zustand für mein Kinderherz. Eine entspannte Obhut der natürlichen Ordnung. Nichts konnte hier die Illusion der heilen Familie erschüttern. Es wurde gestritten, geschrien und gezankt. Aber es gab eine Verlässlichkeit: Beim „Abendmahl“ waren alle Plätze in ihrer festen Verteilung belegt. Dieser Garant war eine Ladung geballter und zentrierter Kraft. Solche Abendessenszenarios haben mich nachhaltig geprägt: eine gedeckte Tafel in der Gesellschaft meiner geliebten Familie. Momente höchster Wunscherfüllung.
Die natürliche Synthese – nach diesem „Vorbild“ – ist wie eine seelische Rettungsinsel für mich. Heute noch. Ich installiere sie immer wieder aufs Neue und rufe sie herbei, um die Substanz zu wahren. Ein Tick. Ein Überlebenstick. Eine neurotische Macke, wie ich sie zahlreich besitze. Geringste Abweichungen im Prozedere machen mich mal traurig, mal zornig. Sie bringen mein Drachenblut zum Rauschen.
Viele Freunde meiner Eltern waren ebenfalls seltene Fernheizungsglückspilze wie wir, und oft war es ein wildes Kindsdurcheinander in den Familien. Manche Nächte verbrachte ich bei Tante Ines oder bei Tante Ute und deren Kindern. Auch unser Kinderzimmer bot genügend Platz für Auswärtsschlaflustige. Fast könnte man meinen, Patchwork sei genau hier in den Siebzigern entstanden – eine ständig wechselnde Mischung verschiedenster Familienmitglieder auf kleinstem Raum. Aufsicht und Verköstigung leiblicher und unleiblicher Kinder. Ein weitläufiges Netz mehrerer Elternteile. Zerstreute Erziehungsmandate. Ungeklärtes Umgangsrecht, bis jedes Kind wieder in den Schoß seiner Ursprungsfamilie gefallen ist.
Für uns Kinder war diese Familientauschbörse ein sozial flexibles Zubrot unserer gesellschaftlichen Entwicklung. Wir erkannten frühzeitig die Vorteile dieser Gemeinschaft. Währenddessen erreichten uns die wachsende Unzufriedenheit der Erwachsenen und ihre Missbilligung des politischen Systems nicht. Für unsere Kinderseelen waren es goldene Zeiten – voller Dankbarkeit blicke ich darauf zurück –, bis die ersten Wolken am Horizont aufzogen.
Unser kleines Beton-Domizil war das Herz der Siedlung und eine großzügige Auffangstation. Alle liebten meine Mama. Ihre Fürsorge reichte für alle Siedlungskinder. Sie schuf die Aura eines überfamiliären Klimas. Mama – Passion und Begabung – die Rolle, die ihr auf den Leib genäht war. Die Übermutter. Liebevoll streng, mehr liebevoll als streng. Verspielt, aber achtsam bei jedem Schritt ihrer geliebten Sprösslinge und Leihkinder. Lebensziel: Familien- und Gesellschaftsmensch.
Ein Sommertag ist tief verankert in meinem Herzen. Wir Kinder spielten unbeschwert in unserem Gemeinschaftsvorgarten Hüpfekästchen. Meine Mama kam mit einem Tablett voll beladen mit Nutellabrötchen zu uns und verteilte sie wie eine Königin, ganz selbstverständlich, unters Kindervolk. Alle stürzten sich auf die Leckereien. Wir liebten Nutella und meine Mama liebte leuchtende Kinderaugen. Win-win. Geben ist seliger denn Nehmen. Meine Mutter wusste um diese Schlaumeierei. Nutella war exquisit. Dank der Pakete unserer Westverwandtschaft war uns diese Delikatesse vergönnt – mir und der großen Kinderschar.
Meine Mutter wurde vergöttert und ich suhlte mich unter ihrem Heiligenschein. Ihre engelsgleichen Energien sind teilweise auf mich übergeschwappt und machten mich zur Geberin, zur Gönnerin. Großzügigkeit liegt in unserer Ahnenkette. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Motivationen. Auf den zweiten Blick sind die Erwartungen dahinter gleich: geliebt zu werden. Liebe geben und dafür Liebe erhalten.
Das Spiel des Lebens.
Jeder spielt es anders.
Mama war großartig. Dazu sah sie liebreizend aus und verströmte immer den Flair einer jugendlichen Unschuld. Ein bunter Schmetterling, der direkt in mein Tochterherz flatterte und dort Seelenbalsam verstrich. Ihre Gegenwart bedeutete Strahlkraft und hinterließ Feenstaub. Das Gegenüber war ihr wichtig. Nächstenliebe und Mitgefühl waren keine Phrasen für sie. Sie lebte beides und besaß die Gabe, andere zu inspirieren. Zu erheben, wenn sie sich niedergeschlagen fühlen. Eine Botschafterin des Himmels. Segensreich. Ätherisch schön, innen wie außen.
Wo ein Engel wirkte, steckte aber auch ein Teufelchen drin. Die Verwandlung geschah oft in aller Kürze. Eben sah ich noch die weißen Flügel am Mutterleib, als plötzlich zwei rote Hörner aus dem Schädel wuchsen. Alles in Deckung! Sie machte keine halben Sachen, fackelte nicht lange, wenn man ihre Großherzigkeit ausnutzte. Wer es dennoch wagte, wurde abgestraft. Ihr eigenes Kind wagte es nicht. Ich war mir der riskanten Stelle bewusst, wo der glänzende Horizont in die finsteren Tiefen stürzte. Mutig war ich, aber nicht dumm.
Mama in Feuerform. Das war nicht weniger beeindruckend als ihre Engelsgestalt. Sie konnte herrlich aufbrausend sein, immer mit dem Zepter fest in der Hand. Eine Frau mit Format. Ich gab ihr wenig Anlass, verärgert zu sein. Artig blitzten meine weißen Zähnchen, mit dem Ziel, ihr Strahlen zu locken. Und ich wurde oft und viel angestrahlt.
Mama.
Sie segnete meine Welt mit anmutiger Bemutterung.
