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Das Leben ist kein Ponyhof und der Praxisalltag schon gar nicht. Viele Tierärzte/Tierärztinnen kämpfen mit Burnout und Depressionen. Doch was läuft falsch in der Tiermedizin und wie können Praktiker/-innen besser für sich sorgen? Das Buch "Bevor du vor die Hunde gehst" ist Ideenlieferant, Mutmacher und achtsamer Begleiter.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Ich widme dieses Buch meinen Freunden und Freundinnen aus der Praxis, die alles für ihre tierischen Patienten tun und deren Arbeit ich bewundere. Ich hoffe, ihr vergesst euch nicht. Denkt immer daran: Kranke Tiere brauchen gesunde Tierärzte.
Teil 1: Blick in die Tiermedizin: Überall arme Hunde?
Einleitung
Darum dieses Buch
Was läuft falsch in der Tiermedizin?
Bauplan Tierarzt – voller Kopf, großes Herz, perfektionistischer Geist.
Der Tierarztkopf
Der Tierarztkörper
Die Tierarztpersönlichkeit
Mentale Stolpersteine im Praxisalltag
Teil 2: Plötzlich selbst armer Hund
Herzklopfen und Atemnot: So mächtig kann Angst sein
Stecker gezogen, Freude verschwunden: Über De pressionen
„Die Akademiker Depression“
Erklärung: Traumata, Inneres Kind und Glaubens sätze
Absorbiert von Arbeit: Wie ein Burnout verläuft
Süchtig nach Arbeit – Workaholism und Burn On
Körperliche Warnsignale richtig deuten
Woran du merkst, dass du dich im Alltag überlastest:...
Teil 3: Schwarze Hunde aussperren: Was brauche ich, um mental gesund durch den Praxisalltag zu kommen?
Anker und Rettungsringe: Mentalen Erkrankungen vorbeugen
Selbstfürsorge und innere Zufriedenheit
Sport/Bewegung
Fünf Übungen für mehr mentales Wohlbefinden und eine Stärkung des Körpergefühls
Regelmäßig und vollwertig essen
Auf den Atem achten
Meditieren
Hypnotherapie ausprobieren
Besser schlafen
Abstand, Kraftorte, Kraftmenschen
Loslassen
Balance finden
Übungen und Gedanken zum Thema Selbstfürsorge
Grenzen
Kollegialer Austausch
Besserer Austausch – aber wie?
Selektive Authentizität nach Ruth Cohn
Das Kommunikationsquadrat nach Friedemann Schulz von Thun
Theorie nach Carl Rogers (humanistische Psycho logie)
Psychosoziale Fähigkeiten
Entscheidungen treffen, Probleme lösen
Kommunikation
Kritisieren, ohne zu kränken
Denkanstöße für ein wertschätzendes Miteinander
Manipulation – immer schlecht?
Kommunikation im Team
Kommunikation mit Tierbesitzern/-besitzerinnen – Sätze, die dir hoffentlich weiterhelfen können
Para- und nonverbale Kommunikation
Wertschätzung
Wie geht Wertschätzung?
Achtsamkeit
Wie kann Achtsamkeit im Praxisalltag gelingen?
Achtsamkeitsübung: Die 5,4,3,2,1-Methode
Resilienz
Das Selbstvertrauen stärken
Mindset
Eigenverantwortung
Ein positives Umfeld
Wie gehe ich mit Kollegen/Kolleginnen um, die in der Krise stecken?
Emotionale Intelligenz
Übung zum Thema emotionale Intelligenz
Gesunder Egoismus
Selbsterlaubnis
Was macht eine Tierarztpraxis authentisch?
Eine Anekdote und Übung zum Thema Selbst erlaubnis
Sicherheit
Werte
Rituale
Struktur
Die Bereitschaft, Dinge zu verändern, und mentale Gute Gewohnheiten
Teil 4: Schwarzer Hund zu Besuch: Wie komme ich aus der Krise?
Hilfe annehmen
Zehn Dinge, die du in mentalen Krisen verinnerlichen solltest:
Dos und Don’ts in mentalen Krisen
Klinik, Therapie, Coaching, Selbsthilfegruppe oder Supervision – was könnte das Richtige für mich sein?
Verhaltenstherapie
Psychoanalyse
Systemische Therapie
Psychiatrische (Tages-)Klinik
Selbsthilfegruppe
Coaching
Mediation
Mental belasteten Tierärzten helfen – Initiativen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
Wie kann ich mentale Belastungen reduzieren?
Ein persönliches Beispiel
Psychopharmaka
Die Bedeutung von Licht und Vitamin D
Pflanzliche Stimmungsaufheller
Teil 5: Entwickle dich!
Warum Persönlichkeitsentwicklung?
Spare deine Energie und verschwende sie nicht für
Die eigene Persönlichkeit besser kennenlernen – wie?
Übung: Welche (Tierarzt-)Persönlichkeit bin ich?
Übung: Hallo du!
Übung: Dein Umfeld
Übung: Trigger, Neid und Vergleiche
Übung: Deine Ressourcen
Übung: Das Innere entrümpeln
Übung: Stärken stärken
Übung: Erfolg neu definieren
Übung: Hilfe annehmen
In diesem Buch teile ich persönliche Erfahrungen, Learnings und Gedanken zum Thema mentale Gesundheit. Ich bin Tierärztin und keine Psychologin – die Dinge, die mir geholfen haben, sind kein Fahrplan, der sich via Copy und Paste auf jede mentale Krise oder Persönlichkeit übertragen lässt. Ich war und bin jedoch im stetigen Austausch mit Experten, Psychologen und Psychiatern. Im Buch geht es darum, aufzuzeigen, wie viel möglich ist, um Krisen vorzubeugen. Ich möchte klarmachen, dass sie jedem passieren können und dass sie vorübergehen.
Ich habe dieses Buch aus Sicht einer Tierärztin für Tierärzte/-ärztinnen geschrieben, da ich die Berufsgruppe sehr gut kenne. Falls Du TFA bist und dieses Buch liest – ich sehe dich und weiß, dass du noch ganz andere Probleme schulterst. Auch wenn ich TFA nicht explizit angesprochen habe, eignen sich alle Übungen in diesem Buch auch für sie. Mein Wunsch für die Zukunft ist jeoch, Angebote speziell für die Bedürfnisse dieser jungen Zielgruppe zu schaffen.
Mein Wunsch für euch ist, dass ihr weniger Gepäck durch den Alltag schleppt. Dafür dürft ihr aus diesem Buch die Kapitel, Gedanken und Übungen herauspicken, die genau da ansetzen, wo ihr momentan noch Defizite in eurer Lebenssituation seht. Im Gegenzug wünsche ich mir von meinen Leser/-innen Großzügigkeit und Wohlwollen, Offenheit und Neugier – euch selbst und meinem Text gegenüber.
Ich empfehle, die ersten zwei Teile dieses Buches am Stück zu lesen und ab Teil 3 selektiv vorzugehen. Der Text muss also nicht von vorne bis hinten durchgearbeitet werden – die Zeit fehlt Praktiker/-innen eh.
„Der Spiegel unserer Identität geht vorübergehend kaputt. Wir drehen uns im Kreis um uns selbst und alle unsere Makel treten Tango tanzend in den Vordergrund, während all unsere positiven Eigenschaften in tiefen Schlaf verfallen.“
Andrea Petcović
„In Tierarztpraxen sind die armen Hunde nicht unbedingt auf vier Pfoten unterwegs.“
Lisa
Ich war schon immer Hunde-Fan. Ob schwarz, weiß, gescheckt oder mausgrau, ob wuschelig oder drahtig. Bereits als Kind verbrachte ich viel Zeit damit, mit diversen Vierbeinern im Dreck zu liegen, und in Urlauben waren Straßenhunde (und ihre Flöhe!) meine besten Freunde.
Als ein schwarzer Straßenhund mein Herz eroberte, studierte ich gerade im fünften Semester Tiermedizin in Berlin und brauchte ordentlich Sitzfleisch, um Skripte der Dicke von Telefonbüchern auswendig zu lernen. Fari wurde nicht nur unser WG-Oberhaupt, sondern auch meine Therapeutin und Stressmanagerin, die mich für den Rest des Studiums jeden Tag vom Schreibtisch in den Wald trieb.
„Mein schwarzer Hund“ heißt ein Buch, in dem der Autor Matthew Johnstone seine Depressionen beschreibt. Der Hund steht in diesem Buch als Sinnbild für seine Erkrankung, die ihn immer wieder besucht und die Normalität des Alltags davonjagt. Leider kann diese Krankheit tatsächlich ähnlich anhänglich sein, wie unsere geliebten Hunde, wobei letztere eindeutig die besseren Wegbegleiter sind.
Auch ich hatte bereits Besuch vom schwarzen Hund Depression und habe in dieser Zeit noch mehr von meiner echten Hündin lernen können. Fari steht nämlich – wie es Tiere nun mal tun – stets für ihre Bedürfnisse ein, sie will sich bewegen, fressen, geliebt werden und das jeden Tag.
Ich kann ehrlich sagen, dass sie in Zeiten großer Veränderungen meine heilsame Konstante sowie in depressiven Episoden (m)ein Rettungsanker war. Danke Fari, dass du nicht nur meine Freundin, sondern auch mein Stück Heimat bist, das ich überall hin mitnehmen darf.
Leider spreche ich aus Erfahrung, wenn ich sage, dass jeder, der von mentalen Problemen betroffen ist, ein armer Hund ist.
Depressionen tauchen das saftigste Sommergrün in ein ewiges Grau und klauen dem Alltag Freude und Normalität. Ängste halten Betroffene an der kurzen Leine und schränken damit das Leben ein.
Tierärzte kennen Ängste, Erschöpfung und Depression und daher liegt der Gedanke nahe, dass in den Praxen die armen Hunde nicht nur auf vier Pfoten unterwegs sind, sondern häufig auch auf zwei Beinen.
„Ohne eine gesunde Psyche ist alles nichts.“
Lisa
Abbildung 1: Das Thema mentale Gesundheit ist in der Tiermedizin eines, in dem es noch weitere Ideen braucht, aus denen Lösungen erwachsen können.
Mental gesehen geht es den Tierärzten/-ärztinnen schlecht. Erschöpfungszustände, Depressionen, Ängste und Suizide treten häufig auf, deutlich häufiger als in anderen Berufsgruppen. Weltweit zeichnen Studien das gleiche Bild in dunklen Farben, ohne Licht am Horizont.
Das sind düstere Aussichten, die mich bedrücken. Und immer, wenn mich ein Thema beschäftigt, schreibe ich darüber. Ja, dieses Thema liegt mir am Herzen. Vermutlich, weil ich selbst eine Tierärztin bin, die zeitweise von mentalen Krisen in die Knie gezwungen wurde. Dabei war ich keineswegs eine Schwarzmalerin, sondern eher fröhlich und lebensbejahend. Mental zu erkranken fühlte sich demnach an wie ein Totalcrash ohne Airbag.
Obwohl ich nach dem Studium schnell das Stethoskop gegen den Stift getauscht habe, also von der praktischen Tätigkeit in den Journalismus gewechselt bin und als schreibende Tierärztin nicht mehr in der Praxis stehe, fühle ich mich stark mit den Praktikern verbunden. Weil sie, wie ich, ihre Passion leben. Für das Wohl der Tiere über ihre Belastungsgrenzen weit hinaus marschieren. Im Dauereinsatz sind, was zu selten gesehen und wertgeschätzt wird. Und, weil es kranken Tieren nicht gutgehen kann, wenn es den Tierärzten nicht gut geht.
Dabei ist die Berufsgruppe ein Sammelsurium lustiger Zeitgenossen. Immer wenn ich auf Kongressen beobachte, wie Tierärzte/-ärztinnen mit Hund, Kind und Kegel über die Industriemesse stolpern (und Kugelschreiber, Schlüsselanhänger und Hundefutter einsammeln), denke ich: „Was für ulkige, aber bodenständige Menschen!“ Ich bin froh, Tierärztin und damit Teil dieser Gruppe zu sein.
Durch meinen Beruf als Fachredakteurin für Tierärzte/-ärztinnen ist der Draht in die Praxis geblieben. Viele meiner Freunde und Freundinnen verbringen einen Großteil ihres Lebens dort und erzählen mir von all den Herausforderungen, die sie ins Straucheln bringen. Ihre Berichte zeugen von ganz viel Leidenschaft, aber auch von massiver Erschöpfung.
Tiermedizin ist kein Nine-to-five-Job, das erwartet auch keiner, doch die Auswirkungen des Berufsalltags auf Geist, Körper und Seele der Tierärzte/-ärztinnen treiben mir die Sorgenfalten auf die Stirn. Ängste und Sorgen rauben den Praktikern und Praktikerinnen ihre wertvolle Nachtruhe. Schlaf ist durch Schichtarbeit und Notfälle eh Mangelware. Für Sport oder anderen Ausgleich fehlt häufig die Zeit, genauso für die Beziehung, die Familie und Freundschaften.
Wie oft habe ich es erlebt, dass meine Freundin als selbstständige Gemischtpraktikerin vom (gerade fertig gekochten) Essen aufspringen musste, um einen Hund mit Bissverletzung zusammenzuflicken, oder ihre Dates verdattert im Café zurückließ, um einem Kalb auf die Welt zu helfen. Für mich war das o. k., für ihre Dates nicht immer.
Wenn ich höre, dass Tierärzte/-ärztinnen und TFAs nach einer durchwachten Nacht am Morgen wieder ins Auto steigen, vor ihrer Nachtdienstwoche regelmäßig mit Migräne kämpfen oder dauerhafte Schlafstörungen haben, dann sorge ich mich und möchte sagen: Bitte passt auf euch auf!
Denn obwohl ich einen weitaus weniger stressigen Berufsalltag lebe, der zu meiner introvertierten Persönlichkeit passt, war auch ich in der Vergangenheit gut darin, meine Grenzen zu ignorieren. Ich habe erlebt, wie es sich anfühlt, wenn einem die mentale Gesundheit die Rote Karte zeigt.
Nach besagtem Totalcrash, der mit Ängsten und einer mittelschweren Depression einherging und mich in eine Tagesklinik führte, habe ich einige Dinge in meinem Leben verändern müssen, professionelle Hilfe akzeptiert, viel gelesen und noch mehr gelernt. Ich habe mich zurück ins Alltags- und Berufsleben gekämpft und tue seither alles, um meine mentale Gesundheit zu beschützen.
Heute weiß ich, wo meine Grenzen liegen und wie wichtig es ist, diese zu wahren. Ich weiß, was mich stresst, wie sich ein chronisch erhöhter Cortisol-Level auf meinen Körper auswirkt und was ich tun muss, wenn er beginnt, mir Warnsignale zu senden.
All dieses Wissen möchte ich gern an meine Berufsgruppe weitergeben, die lernen muss, achtsamer mit sich selbst zu sein und ihre mentale Gesundheit zu priorisieren.
In diesem Buch werde ich weniger die Ergebnisse aus Studien wiederkäuen, denn die sind bekannt. Ihr wisst, wie Studienrecherche geht. Vielmehr möchte ich meine Erfahrungen und Learnings teilen, die ich während und nach meinen mentalen Krisen gesammelt und im Austausch mit Experten verinnerlicht habe.
Außerdem schreibe ich gegen die Scham und das ungute Gefühl an, das jeder kennt, der bereits psychische Probleme hatte. Denkt nicht, dass ihr mit euren Problemen allein seid bzw. dass es keinen Ausweg gibt. Helfende Hände sind immer da, wenn Ihr bereit seid, nach ihnen zu greifen.
Wie sagte meine Freundin aus der Tagesklinik? „Depressionen, dit is’ ’ne Erkrankung netter Menschen. Arschlöcher erkranken nicht, weil die sich eh um nichts scheren.“
Was ich entschieden sagen kann: Mentale Erkrankungen können jeden treffen (wobei ich meiner Freundin nicht widersprechen möchte) und sind (nicht nur bei Tierärzten/-ärztinnen) weit verbreitet.
Gesundheit – egal ob körperlich oder psychisch – ist eine Momentaufnahme, ein wertvoller Zustand, den wir meist erst richtig zu schätzen wissen, wenn er bereits die Koffer gepackt und sich verabschiedet hat. Deswegen mein Appell: Seid dankbar für gute Tage, haltet eure (mentale) Gesundheit nicht für selbstverständlich, beschützt sie, seid gut zu euch.
Für die Zukunft schöpfe ich langsam Hoffnung. Es tut sich etwas im Bereich psychische Gesundheit: Es gibt mehr Hilfsangebote für Tierärzte/-ärztinnen. Klinikchefs/-chefinnen und Praxisinhaber/-innen verstehen, dass sie ohne ihr Team verloren sind. Trotzdem braucht es wohl noch Zeit, bis Stigmata gegenüber psychisch kranken Menschen der Vergangenheit angehören. In der Hoffnung, weitere Stigmata und Vorurteile aufzulösen, schreibe ich diesen Text.
Ich wünsche mir, dass Tierärzte/-ärztinnen, die – wie ich weiß – ihren Job so lieben, nicht ihre Leidenschaft oder Freude verlieren – weder beruflich noch privat.
Vieles muss sich ändern, es ist allerhöchste Eisenbahn! Zum Glück ist der Zug noch nicht abgefahren.
Ich habe mich schon oft gefragt, wie es sein kann, dass ein Beruf, in dem vierbeinige „Feel-Good-Manager“ die Hauptrolle spielen und der für viele eine Berufung ist, so viele angeschlagene Psychen produziert.
Abbildung 2: Wenig wertschätzende Arbeitsbedingungen können den Selbstwert von Tierärzten/-innen zerstören.
Natürlich sind mentale Erkrankungen ein generelles Problem unserer heutigen modernen Gesellschaft und nicht nur Tiermediziner/-innen haben hier zu kämpfen. Doch leider scheint diese Berufsgruppe beim Sprint um ihre innere Zufriedenheit besonders weit abgeschlagen.
Was läuft also falsch in dieser Branche, die einer so sinnstiftenden Aufgabe nachgeht und doch gut darin sein müsste, die Seele zu beflügeln, statt sie zu verprügeln?
Zum einen ist da das Studium, das die oftmals sehr disziplinierten Studenten viele, aber keinerlei psychosoziale Kompetenzen lehrt. Als Tierärzte/-ärztinnen sind wir jedoch Dienstleister/-innen, die nicht nur mit Tieren, sondern auch mit Menschen zu tun haben. Da Tiere wertvolle Familienmitglieder sind, klettern die Erwartungen von Tierbesitzern immer schneller in die Höhe, während ihr Geduldsfaden kürzer und kürzer wird. Haustiere sind für Menschen wertvoll wie Kinder. Das ist schön, stellt aber für uns eine große Herausforderung dar.
Aber noch mal zurück zum Studium. In elf Semestern des stumpfen Büffelns, Auswendiglernens, Ausspuckens und anschließenden Vergessens von Wissensbergen wird dem Tierarztkopf abgewöhnt, Pausen zu machen und logisch nachzudenken oder Probleme zu lösen und Entscheidungen zu treffen. In der Lehre und anschließenden Prüfungen gelten klare Hierarchien, denn die Prüfer/-innen sitzen immer am längeren Hebel und entscheiden darüber, wie gut die Leistung und damit das Vorankommen im Studium ist. Das fördert nicht gerade den Aufbau von Selbstvertrauen – im Gegenteil.
Ebenso lernen die angehenden Praktiker/-innen nicht, wie man mit Kunden/Kundinnen kommuniziert, deren Liebe zum Vierbeiner beim Bezahlen endet. Sie bekommen auch nicht beigebracht, wie sie ihren Altruismus so weit beiseiteschieben können, dass dieser nicht beim Einläuten des pünktlichen Feierabends jedes Mal ein schlechtes Gewissen auslöst. Zwischenmenschliche Kompetenzen müssen selbst erlernt werden und auch das Thema Selbstführung findet sich nicht auf dem Lehrplan. So gibt es im Studium keine Persönlichkeitsentwicklungskurse, die angehenden Tierärzten/-ärztinnen aufzeigen, wo ihre Stärken liegen und wie man für sich einsteht.
Zwar bemühen sich die Universitäten langsam darum, betriebswirtschaftliche Kenntnisse zu vermitteln, doch die Kurse mit diesen Inhalten sind noch rar und meist freiwillig. Ohne wirtschaftliches Grundlagenwissen stolpern Tierärzte/-ärztinnen durch eine Gesellschaft, die nach „höher, schneller, weiter“ schreit.
Ohnehin werden immer noch in erster Linie Studienbewerber/-innen mit den besten Noten ausgewählt, anstatt dass Menschen mit viel Empathie, Resilienz oder Praxiserfahrung vorgezogen werden.
Nach dem Studium prallen die Berufsanfänger/-innen mit einem Kopf voll Theorie, einem kleinen Selbstbewusstsein und wenig praktischen Fertigkeiten im Chaos des Klinikalltages hart auf den Boden der Realität: Plötzlich sollen sie Verantwortung übernehmen und müssen permanent emotionale sowie weitreichende Entscheidungen treffen, bei denen es um das Wohl von Lebewesen geht. Bei den Entscheidungen geht es mitunter um Leben und Tod, und ja, Tierärzt/-innen sind auch häufig mit dem Thema Trauer konfrontiert.
Was Tiermediziner/-innen fehlt, ist der Vergleich, denn sie haben keinen Einblick, wie es in anderen Branchen und Unternehmen zugeht. Aus dem Studium wissen sie bereits, dass sie sich in einem Abhängigkeitsverhältnis befinden und wenig zu sagen haben. Deshalb werden auch schlechte Arbeitsbedingungen als normal angesehen. Wer ein guter Tierarzt / eine gute Tierärztin werden will, muss eben durch die harte Schule gehen.
Im Praxisalltag gibt es außerdem immer mehr zu tun, als Hände zur Verfügung stehen, sodass Pausen oft ins Wasser fallen. Zwar benötigt der dauerbeschäftigte Tierarztkopf Energie und Konzentrationsvermögen, kommt aber nur unregelmäßig zum Essen, zu Ruhepausen oder Nächten ohne Unterbrechung.
Den Patientenbesitzern/-besitzerinnen ist es herzlich egal, dass Personalmangel herrscht oder dass Tierärzte/-ärztinnen ihr Essen auf dem Gang hinunterwürgen müssen, weil das Wartezimmer einem Bienenschwarm gleicht. Sie wollen ihre Tiere behandelt sehen, und zwar zacki! Auch an Wochenenden wird eine heitere Dauerverfügbarkeit vorausgesetzt – besorgte Halter greifen zu jeder Tages- und Nachtzeit zum Telefonhörer.
In Teams, die häufig einer stetigen Fluktuation ausgesetzt sind, herrscht oft ein rauer Umgangston. Nicht alle Chefs/Chefinnen schaffen es, die Hierarchien (und ihren Puls) flach zu halten, und die wenigsten sprechen aus, wonach sich jede/-r Angestellte sehnt: Lob. Leider scheint Wertschätzung eine Fremdsprache zu sein, die auch für Klinikleiter/-innen und Praxisinhaber/-innen schwer zu erlernen ist.
Hierbei prallt die intrinsisch stark motivierte und perfektionistische Tierarztpersönlichkeit, die ihren Beruf als Berufung sieht und für das Wohl ihrer Patienten ihr letztes Hemd geben würde, auf ein Umfeld, das besagtes letztes Hemd in Fetzen reißt und sich selbst mit dem Dauereinsatz von Tierärzt/-innen nicht zufrieden gibt.
Da ein Großteil des Tierarztlebens in der Praxis oder Klinik stattfindet, fehlt es an Abstand zum täglichen Wahnsinn. Es gibt keine Möglichkeit, dem Kopf auch mal Durchzug, Abwechslung oder eine andere Thematik zu gönnen. Häufig werden auch nach Feierabend noch Fälle recherchiert oder Fortbildungen besucht. Dabei gibt es neben der Arbeit im besten Fall noch ein Privatleben, in dem oft Kinder und diverse Tiere Bedürfnisse anmelden und den Haushalt verwüsten, sodass ein Durchschnaufen nach der Praxis eher eine Wunschvorstellung bleibt.
Was die Beziehungen und Ehen angeht, so braucht es sehr geduldige und eigenständige Partner/-innen (und Freunde/Freundinnen!) mit viel Improvisationstalent und eigenen Interessen, die ihr Abendessen auch gern allein einnehmen. Im Falle von Tierarztpaaren besteht die Gefahr, dass neben den Spaghetti der Arbeitsfrust auf dem Abendbrottisch landet oder die Liebe von der mentalen Belastung platt getreten wird. Es fällt altruistischen Helferpersönlichkeiten außerdem nicht leicht, die eigenen Bedürfnisse zu kommunizieren. Hilfsbedürftig? Sind nur die anderen!
All das ist viel. Manchmal zu viel.
„Was Tierärzten fehlt, ist der Feierabend-Knopf.“
Lisa
Im Rahmen meiner Tätigkeit als Redakteurin habe ich mit den unterschiedlichsten Tierärzten/-ärztinnen Gespräche geführt. Außerdem habe ich auf Kongressen zahllose Begegnungen sowie Beobachtungen gemacht (und mache sie noch).
Abbildung 3: Wer so viel arbeitet, wie es Tierärzte/-innen tun, braucht einen Ausgleich.
Nach und nach hat sich daraus ein „Bauplan Tierarzt/-ärztin“ in meinem Kopf zusammengesetzt, der wie eine Art Persönlichkeitsbeschreibung funktioniert. Diese liefert mir (und damit auch dir) Ansatzpunkte für die Beantwortung der Frage, an welchen Stellen für die Berufsgruppe durch innere und äußere Faktoren Stress entsteht, der zu einer Belastung für die Psyche werden kann.
Natürlich wäre es vermessen, zu behaupten, dass alle Tierärzte/-ärztinnen gleich ticken. Doch gibt es Persönlichkeitseigenschaften, die sich zweifelsohne ähneln, und Herausforderungen, die alle Praktiker/-innen in gleicher Weise schultern müssen. Beides kann die Psyche zerfressen, die, wenn man nicht aufpasst, schnell einem Schweizer Käse ähnelt.
Ich bin gespannt, ob du dich beim Lesen der folgenden Kapitel wiedererkennst. Auch wenn es sich um ein ernstes Thema handelt, habe ich beim Schreiben den Grundsatz meiner Mama beherzigt: „Manchmal muss man in der Tragik die Komik sehen.“ Du darfst die folgenden Zeilen also mit einer Prise Humor würzen.
… ähnelt einem Bahnsteig in Shanghai. Er ist immer übervoll – vollgestopft mit medizinischem Fachchinesisch und unnützem Wissen, das in elf Semestern Studium tief in die Gehirnwindungen gehämmert wurde. Außerdem ist der Kopf gefüllt mit unzähligen To-dos und Fragen, die erledigt und geklärt werden müssen.
Der Tierarztkopf ist es gewohnt, abzuliefern, ohne in den Genuss von Akkuladezeiten zu kommen. Der Tierarzt/die Tierärztin hat den hohen Anspruch, seiner/ ihrer Verantwortung gerecht zu werden und alle Aufgaben gut zu machen sowie das Beste für die Patienten zu erreichen.
Im Gegensatz zu anderen Berufen wird nicht um eine bestimmte Zeit der Aus-Knopf bedient und die Festplatte geschont. Stattdessen wird ein dauerhafter Stand-by-Modus aufrechterhalten, der im Fall der Fälle ein sofortiges Wiederanspringen der Leistungsfähigkeit möglich macht. Aufgrund der emotionalen Bindung, die der Tierarzt/die Tierärztin zu seinen Patienten eingeht, sowie den Fehlern und Konflikten, die sich im Berufsalltag ergeben, kann es sein, dass Sorgen dauerpräsent sind. Schlaf kommt dann zu kurz und dem Tierarztkopf fehlt die nächtliche Entgiftung.
Auch wenn Tierärzte/-innen mit vielen dankbaren Kunden/Kundinnen verkehren, krallen sich vor allem die negativen Begegnungen ins Langzeitgedächtnis und fressen mitunter ein Loch ins Selbstwertgefühl. Häufig fehlt es den Tierärzten/-innen an schlichter Wertschätzung für ihre Mühen. Frust kann die Folge sein.
Nur ein kleiner Teil des Tierarztkopfes ist für Verpflichtungen reserviert, die sich z. B. um betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten oder das Lösen zwischenmenschlicher Konflikte drehen. Hier fehlt es häufig an Grundlagenwissen, Interesse und der Motivation, in der sehr begrenzten Zeit entsprechende Wissenslücken zu füllen.
Häufig hängt dieses leicht altmodisch eingerichtete, nur selten entrümpelte Oberzimmer an dem, was es kennt, und fühlt sich von modernen Entwicklungen und digitalem Technikkram überfordert. Allerdings steht die Medizin niemals still – hier ist mentale Flexibilität gefragt.
Blick in den Tierarztkopf – folgende Gedanken möchte ich mit dir teilen:
Emotionen, positive und negative, Ängste sowie (destruktive) Gedanken brauchen Raum und müssen angeschaut und besprochen werden.
Ein dauerhafter Stand-by-Modus des Dachstübchens ist nicht gesund. Der Kopf braucht Entspannung und Ruhepausen. Wenn nötig, bitte fest einplanen!
Anhaltendes Gedankenkreisen, Katastrophengedanken und eine ausschließlich negative Zukunftsperspektive können Symptome einer psychischen Erkrankung wie z. B. einer Depression sein.
Der regelmäßige und offene Austausch mit Kollegen und Kolleginnen bringt den Tierarztkopf nicht nur fachlich auf neue Ideen, sondern sorgt auch für das beruhigende Gefühl, dass alle im selben Boot sitzen und die Herausforderungen des Praxisalltages häufig sehr ähnlich sind.
Die durch Konflikte oder belastende Erlebnisse ausgelösten Emotionen sollten nie weggedrückt, sondern ernst genommen und angeschaut werden. Auch wenn der Kopf schon übervoll ist: Tierärzte/-ärztinnen brauchen zusätzliche Fähigkeiten, die das Studium nicht lehrt. Sie müssen lernen, klar zu kommunizieren und Grenzen zu setzen.
Abbildung 4: Blick in den Tierarztkopf.
… beherbergt ein großzügiges Herz, das in erster Linie für Tiere, mehr oder weniger für die dazugehörigen Menschen und kaum für die Buchhaltung schlägt.
Meist ist er früh auf den Beinen und von da an angehalten, auf Trab zu bleiben. Die meiste Zeit des Tages steckt er in Praxiskleidung, die zwar nicht einengt, aber häufig mit Blut, Pipi oder Ähnlichem verziert wird – das „Eau de Vet“ eben.
Eine gute Schlafhygiene kennt der Tierarztkörper genauso wenig wie eine regelmäßige Essens- und Wasserzufuhr oder planbare Erholungszeiten. Er ist es gewohnt, mehr zu geben, als zu nehmen und auch zu ungewöhnlichen Zeiten in den Arbeitsmodus zu springen.
Und bei der ganzen Arbeit muss der Körper funktionieren: Langes Stehen und eine gebückte Haltung – die Belastungen des Praxisalltags sorgen für Verschleiß. Der Tierarztkörper kann zwar vieles ab, muss aber dennoch gekräftigt und gepflegt werden.
Blick auf den Tierarztkörper – auch hier habe ich mir Gedanken gemacht und möchte sie mit dir teilen:
Es ist nicht gesund, dauerhaft unter Strom zu stehen oder innerlich angespannt zu sein. Genau wie der Kopf braucht der Körper Erholungsphasen und Abstand vom täglichen Hamsterrad.
Innere Themen, die verdrängt werden/wurden sowie psychische Be- und Überlastungen drücken sich häufig körperlich aus. Falls du wiederkehrende Beschwerden wie zum Beispiel Kopf-, Rücken- oder Magenschmerzen hast, lohnt es sich, immer auch ins Innere zu blicken. Gibt es etwas, das dich belastet bzw. Themen, die ungeklärt sind?
Lerne die Bedürfnisse deines Körpers kennen, versuche seine Sprache zu verstehen. Was braucht er von dir, wann sind Grenzen erreicht? Im Idealfall findest du hierbei die Balance aus Entspannung und Bewegung, Ruhe und Aktivität.