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Seine Fähigkeiten sind außergewöhnlich. Das ist Cain sofort klar, als er Garett das erste Mal sieht. Genauso klar ist Garetts Widerwille, für Cain und das Kaiserreich zu arbeiten. Dabei sind seine Fähigkeiten unverzichtbar im Kampf gegen den tödlichen Kriegsnebel, der weite Teile der Welt bedeckt. Weniger klar ist Cain seine wachsende Faszination für Garett. Doch als eine Bedrohung aufzieht, die größer ist als alles, was sie sich je vorgestellt haben, weiß Cain eine Sache genau: Er wird Garett um jeden Preis beschützen. Eine slow burn gay romance in einer dystopischen SciFi-Welt, ca. 180.000 Wörter. Alle Bände aus dem Claimed-Multiversum sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Claimed
Mahlstrom
Gabriel Adams
2. Auflage, 2024
© 2024 Gabriel Adams – alle Rechte vorbehalten.
Gabriel Adams
c/o Block Services
Stuttgarter Str. 106
70736 Fellbach
Cover: Colors of Cronos
Abbildung: Karte erstellt mit Inkarnate Pro
ISBN print: 9783757990008
ISBN eBook: 9783757989408
www.gabrieladams.de
Buchbeschreibung:
Garetts Fähigkeiten sind außergewöhnlich. Das ist Cain sofort klar, als er sie das erste Mal sieht. Genauso klar ist Garetts Widerwille, für Cain und das Kaiserreich zu arbeiten. Dabei sind seine Fähigkeiten unverzichtbar im Kampf gegen den tödlichen Kriegsnebel, der weite Teile der Welt bedeckt.
Weniger klar ist Cain seine wachsende Faszination für Garett. Doch als eine Bedrohung aufzieht, die größer ist als alles, was sie sich je vorgestellt haben, weiß Cain eine Sache genau: Er wird Garett um jeden Preis beschützen.
Über den Autor:
Gabriel Adams schreibt seit vielen Jahren. Neben Büchern gilt seine Leidenschaft dem Gaming, True Crime und Heavy Metal.
Impressum
Das Kaiserreich
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Garett
Cain
Wir trinken unser wässriges Bier in der düsteren Taverne aus und machen uns dann auf den Weg zurück zu unserem Truck, den wir vor dem Palisadenzaun, der die gesamte Stadt umgibt, zurückgelassen haben und der von meinen Soldaten bewacht wird. Die Stimmung ist gedrückt, unsere Ausbeute ist mies. Selbst Rodrick, der sonst in einem fort plappert, schweigt, während wir durch enge Gassen gehen, die an schief zusammengezimmerten, schäbigen Hütten vorbeiführen. Wahrscheinlich denkt er, wie Scar und ich auch, an unsere Wette mit Nero, die wir sicherlich verlieren werden. Es ist dunkel und kühl, der Frühling hat gerade erst begonnen und die Nächte sind noch kalt. Wir lassen das heruntergekommene Viertel hinter uns und nähern uns dem Marktviertel, in dem rund um die Uhr etwas los ist. Da spüre ich es: ein schwaches Aufblitzen der Spur. Ich bleibe stehen, Rodrick läuft fast in mich hinein, und drehe langsam den Kopf. Man kann die Spur weder sehen noch hören, es ist mehr ein Gefühl, eine Ahnung, die einen Tank überkommt, wenn ein Heiler in der Nähe ist.
»Irgendwo hier ist noch einer«, sage ich leise.
Die Spur muss zu einem Heiler gehören, den wir noch nicht eingefangen haben. Denn die, die wir gesammelt haben, tragen Halsbänder, die unter anderem die Spur unterdrücken, um mich bei meiner Arbeit nicht zu stören.
Scar sieht sich wachsam um. An der Straßenecke vor uns haben sich ein paar abgerissene Gestalten um ein Feuer in einer Metalltonne versammelt, aber sie sind zu nah und die Spur zu schwach. Von ihnen kann es keiner sein.
»Tiefer im Marktviertel«, sage ich. Alle meine Sinne sind darauf ausgerichtet, denjenigen zu finden, zu dem die Spur gehört. Er muss noch ziemlich weit weg sein, die Spur ist kaum wahrnehmbar. Die Gassen von eben haben sich zu dreckigen Straßen verbreitert und wir gehen an von Fackeln und Kerzen erhellten Ständen vorbei, an denen Handwerker und Händler ihre Waren feilbieten. Die Spur ist immer noch seltsam schwach und fern, obwohl wir uns langsam nähern. Meine beiden Kämpfer halten die Augen offen. Wenn man weiß, wonach man Ausschau halten muss, kann man einen Heiler oftmals erkennen, ohne ein Tank zu sein und die Spur wahrnehmen zu können. Es ist weniger etwas Körperliches, obwohl viele Heiler recht klein sind, sondern vielmehr ihre Ausstrahlung. Sie wirken immer etwas verloren, beinahe schutzbedürftig, wenn sie versuchen, sich unsichtbar zu machen und nicht aufzufallen.
Das ist auch der Grund, warum er mir später auffällt, als er sollte. Warum ich ihn beinahe übersehen hätte. Er geht ein Stück vor uns die Straße entlang, trägt dunkle Kleidung, schwere, geschnürte Stiefel, hat sich einen Rucksack über eine Schulter gehängt und sein hellblondes Haar leuchtet immer wieder im Feuerschein auf. Außerdem ist er schlank, sehnig und groß, nur wenig kleiner als ich und größer als meine beiden Kämpfer. Er ist zielstrebig unterwegs, hat für die Auslagen kaum einen Blick übrig. Obwohl wir inzwischen so nah sind, ist seine Spur immer noch schwach. Wäre ich nicht so gut in dem, was ich tue, hätte ich sie gar nicht wahrgenommen. Oder sie nicht ihm zugeordnet. Er entspricht in nichts den Heilern, die wir bisher eingesammelt haben.
»Da vorn, der Blonde«, sage ich leise zu meinen beiden Kämpfern und sie sind nicht weniger irritiert als ich. Wir beschleunigen unsere Schritte und bemühen uns, weiterhin unauffällig zu sein. Aber ich bin ein Tank, ein tödlicher Krieger, und meine Präsenz ist nicht unbedingt dazu geeignet, sich unbemerkt einem Ziel zu nähern. Blicke folgen mir. Der Händler, an dessen Stand der Blonde gerade vorbeigeht, sieht zu mir. Das ist der Moment, in dem der Heiler realisiert, dass etwas nicht stimmt. Er dreht sich um und erfasst in einem winzigen Augenblick die Situation. Sein Blick wandert blitzschnell über uns, bleibt eine halbe Sekunde an mir hängen. Dann lässt er seinen Rucksack fallen und rennt los. Wir sprinten hinterher. Wenn er zu viel Abstand bekommt, verliere ich die Spur.
Er schlägt einen Haken um eine kleine Gruppe Menschen, die vor einem nach Fleisch und Kohle riechenden Imbissstand stehen, stößt einen Passanten aus dem Weg und biegt in eine schmalere Gasse ein. Unsere Füße trommeln auf den Boden, zahlreiche Blicke folgen uns. Natürlich wissen sie, was gerade passiert. Wir schlittern um die Ecke, ich bin ein paar Schritte vor Scar und Rodrick. Ich folge der Spur, die sich langsam im Gewirr der Gässchen verliert.
»Schneller«, treibe ich uns an, Adrenalin rauscht durch meine Adern und ich biege zuerst links und dann rechts ab. Auf einem kleinen Platz, in den drei schmale Straßen münden, stoppen wir. Er ist verschwunden und ich muss mich konzentrieren, um die Spur erneut aufzuspüren. Wie ein schwaches Echo seiner Präsenz hängt sie in der Luft.
»Da lang.« Ich deute auf das Sträßchen zu unserer Linken und wir verfallen in einen schnellen Laufschritt. Die Spur wird etwas klarer, er muss in der Nähe sein. Die kleine Straße ist auf der einen Seite von steinernen Überresten des alten Aldertowns gesäumt, die mehrere Meter in die Höhe ragen und wahrscheinlich unter einem zusammenbrechen würden, wenn man versuchen würde, darüber auf die andere Seite zu klettern.
Also richten wir unseren Blick auf die andere Seite, wo sich ärmliche Hütten in die Überreste der alten Stadt kauern. Es ist dunkel, hier brennt kein Licht und wir hören kaum ein Geräusch. Ich gehe voraus und biege als Erster um die Kurve, die die Straße beschreibt. Sie endet nur ein Stück weiter vorne in einem großen Schutthaufen, der das Weitergehen unmöglich macht. Scheinbar ist ein alter Torbogen zusammengebrochen und niemand hat sich die Mühe gemacht, den Schutt wegzuräumen.
Zu unserer Linken ragen die alten Mauern auf, rechts von uns noch mehr Hütten in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Es riecht nach modrigem Holz, brackigem Pfützenwasser und dreckigen Menschen. Ich sehe ihn nicht, aber seine Spur ist nah. Er kann nicht weit weg sein. Und er hat sich blöderweise für die Straße entschieden, die ihm eine Flucht unmöglich macht. Was bedeutet, dass er wahrscheinlich nicht von hier ist. Ich bedeute meinem Trupp, die Hütten zu durchsuchen, sicher, den Heiler dort aus irgendeinem Versteck zu ziehen.
Das ist der Moment, in dem er angreift. Er hat sich in einer von unserer Position aus nicht einsehbaren Nische einer halb zerfallenen Hütte versteckt und geht jetzt mit einem Messer auf Scar los, der ihm am nächsten ist. Scar reißt seinen Arm nach oben und die Klinge, die eigentlich sein Gesicht hätte treffen sollen, wird von dem ledernen Armschutz abgelenkt und ritzt ihn nur leicht am Oberarm. Der Blonde lässt sich davon nicht abhalten, stößt Scar beinahe gleichzeitig mit dem Arm, der kein Messer hält, gegen die Brust und rennt in die Richtung zurück, aus der wir gekommen sind. Ich renne ebenfalls los, überhole Scar und bin dem Blonden dicht auf den Fersen, aber er ist flink und gewinnt mehr Abstand. Rodrick wirft mir nach einer kurzen Warnung einen faustgroßen Stein zu, den er vom Boden aufgelesen hat. Ich bremse ab, fange, hole aus und werfe den Stein dem Flüchtenden nach. Er trifft ihn in den Rücken und der Schwung schleudert ihn mitten im Lauf nach vorne. Er streckt die Hände aus, um sich abzufangen, stürzt zu Boden und schlittert ein Stück über die dreckige Straße. Er will aufspringen, aber da sind wir bei ihm, ich stürze mich auf ihn, drücke ihm mein Knie in den Rücken und packe sein Handgelenk so fest, dass er das Messer loslassen muss, wenn er nicht will, dass ich es breche. Mit einem wütenden, schmerzerfüllten Keuchen öffnet er die Hand, Rodrick tritt die Waffe aus seiner Reichweite und Scar gibt mir ein paar Handschellen, mit denen ich ihm die Hände auf den Rücken fessle. Er versucht die ganze Zeit, sich unter mir hervorzuwinden oder mich abzuwerfen, aber wir haben ihn. Die Handschellen rasten mit einem metallischen Laut ein und ich stehe auf. Sofort richtet er sich ebenfalls auf.
»Gunag«, zischt er mich an. Ein Westländer vielleicht, geht es mir durch den Kopf. Das Wort wird vor allem in den Westlands benutzt und kann wohlwollend mit Hund übersetzt werden, was noch eine der netteren Bezeichnungen für uns Tanks ist. Seine Augen in dem scharf geschnittenen Gesicht sind grau und funkeln mich voller Wut an. Ich ziehe ihn auf die Beine, schiebe dann einen Arm unter seinem Oberarm durch und lege ihm meine Hand in den Nacken. Durch die Hebelwirkung, die ich nun auf seine Arme und Schulter auswirken kann, muss er gebückt gehen, wenn er nicht will, dass ich ihm die Schulter auskugle. Meine Hand in seinem Nacken lässt mich ihn gut lenken und ich muss nur einmal meinen Arm nach oben reißen, kurz vor der Stelle, an dem ihm das Gelenk aus der Schulter springen würde und er gibt seinen Widerstand auf.
»Scar, alles in Ordnung?«, frage ich und mein Fährtenleser bestätigt, dass es nur ein kleiner Kratzer ist. Ich führe den Heiler die Straße zurück, Rodrick verschwindet und kehrt nur wenig später mit dem Rucksack des Blonden zurück.
»Ein Haufen wertvolles Zeug«, sagt er und schüttelt den Rucksack ein wenig durch. Ich spüre, wie der Blonde sich noch mehr anspannt, und ziehe warnend seine Arme nach oben. Er presst die Lippen zusammen, dennoch kann ich ihn schmerzerfüllt einatmen hören.
Wir verlassen Aldertown durch eines der vier bewachten Tore in der massiven Holzpalisade und brauchen weitere zehn Minuten zum Truck. Drei Soldaten bewachen das große Fahrzeug. Seine Reifen reichen mir bis an die Brust, in der Fahrerkabine haben locker acht Personen Platz und oben auf der Gitterkonstruktion, die den gesamten Laderaum umspannt, sind zahlreiche Solarmodule angebracht. Eine Plane über der Gitterkonstruktion schützt das Dutzend Heiler, die im Laderaum untergebracht sind, vor der Witterung. Sie werden von zwei weiteren Soldaten bewacht und wir bringen sie nach Imperatoria, in die Hauptstadt des Kaiserreichs.
Rodrick holt eines der Halsbänder aus der Fahrerkabine. Es ist aus massivem Metall und etwa eine halbe Hand breit. Es unterdrückt die Spur und hindert denjenigen, der es trägt daran, sich weiter als dreißig Meter vom Fahrzeug zu entfernen. Es ist Alte Technologie und macht das Einsammeln der Heiler recht unkompliziert.
Ich ringe den Blonden auf die Knie. Das feuchte Gras durchnässt seine Hosen dabei und wir legen ihm zu dritt das Halsband an. Er wehrt sich, hat aber keine Chance. Dann verladen wir ihn zu den anderen hinten in den Truck und fesseln ihn zur Sicherheit mit hinter dem Rücken verschränkten Händen an eine der Metallstreben.
»Wir fahren«, gebe ich den Befehl. Die Soldaten nehmen ihren Platz bei den Gefangenen ein, Scar setzt sich ans Steuer und Rodrick und ich steigen in die Fahrerkabine. Dort wartet Athos auf uns. Er ist ebenfalls ein Heiler, aber bereits aufgebrochen und steht seit knapp zwei Jahren im Dienst des Kaiserreichs. Ich habe ihn für diese Mission geclaimed. Er ist zwar nur ein T5, aber wir sind hauptsächlich auf den großen Straßen unterwegs und bisher war es nur in wenigen Fällen nötig, seine Fähigkeiten zu nutzen.
»Dreizehn Stück, das ist wenig«, merkt Rodrick an, nachdem Scar den Motor hat aufheulen lassen und wir auf die Straße Richtung Süden rollen.
In knapp sieben Tagen werden wir Castrum Silva erreichen, weitere vier Tage später die Hauptstadt. Dann werden wir sehen, ob sich die Sammelaktion trotzdem gelohnt hat. Ich hoffe, dass wir wenigstens einen Heiler dabei haben, der ein T5 ist. Besser wäre natürlich ein T6 oder T7, aber die sind äußerst selten. Der Gedanke an Kyron versucht sich in meinen Verstand zu schieben, doch ich verdränge ihn und zwinge mich zum Einschlafen.
Kurz vor der Morgendämmerung werde ich wieder wach. In der Ferne zu unserer Rechten ist der dunkle Wald der Woodlands zu erahnen. Es wird heller und an einer geeigneten Stelle befehle ich Scar anzuhalten. Wir rasten und lassen die Heiler aussteigen, damit sie sich die Beine vertreten können. Einer der Soldaten verteilt Wasser, ein anderer kleine Tuben mit Nährpaste. Ich klettere in den Laderaum, der nach Schweiß und Angst riecht, und öffne die Handschellen des Blonden. Stumm verzieht er das Gesicht, als er seine Schultern ausrollt und mit steifen Gliedern aus dem Truck klettert.
Ich lasse den Blick über meine Beute schweifen. Mit einer blonden Ausnahme macht keiner von ihnen den Eindruck, Probleme zu bereiten. Zwölf junge Männer, manche von ihnen beinahe noch mehr Kind als Erwachsener, deren Fähigkeit erst vor kurzem zu Tage getreten ist und die gehorsam unseren Befehlen folgen. Manche von ihnen haben wir aufgespürt und eingefangen, manche wurden uns von ihren Familien oder von auf eine Belohnung bedachten Fremden verkauft. Jeder weiß, dass das Kaiserreich so viele Heiler wie möglich besitzt und Tanks in unregelmäßigen Abständen in die Provinzen schickt, um dort weitere Heiler einzusammeln.
Zu unserem Bedauern habe ich dieses Mal die Woodlands abbekommen, wo es außer Wald, einer einzigen großen Stadt und wenigen Dörfern nur eine Handvoll winziger Siedlungen mitten in den Wäldern gibt, die abzufahren sich nicht lohnt. Heiler sind recht selten und es wäre unnötige Zeitverschwendung, darauf zu hoffen, dass wir dort einen Heiler finden. Wir zahlen gut, daher werden uns viele Kandidaten gebracht. Wenn einer von ihnen die Spur hat, kaufen wir ihn. Woher jemand, der kein Tank ist, weiß, wer ein Heiler ist? Heiler können als einzige den Kriegsnebel sehen, der das Alte Volk ausgelöscht und die Welt verseucht hat. Wenn jemand also einen roten Nebel wahrnimmt, den andere nicht sehen können, ist er mit aller Wahrscheinlichkeit ein Heiler.
Ich drücke mir den Inhalt einer der Tuben in den Mund. Es schmeckt okay, versorgt einen einmal täglich mit allen wichtigen Nährstoffen und spart eine Menge Platz, weil man keinen verderblichen Proviant mitnehmen muss. Dennoch bin ich jedes Mal froh, wenn wir nach einer Sammelmission endlich richtiges Essen in Imperatoria bekommen.
Wir laden die Heiler wieder ein, Rodrick übernimmt das Steuer, ich und ein weiterer Soldat bewachen im Laderaum die Gefangenen und die anderen Soldaten und Scar schlafen in der Fahrerkabine. Ich weise dem Blonden den Platz zu, der am weitesten vom Eingang weg ist, und frage ihn, die Handschellen in der Hand haltend: »Benimmst du dich?«
Er starrt auf den Boden, hat die Hände zwischen die Knie geklemmt und nickt beinahe unmerklich.
Ich setze mich auf meinen Platz am hinteren Ende des Laderaums, dem anderen Soldaten gegenüber. Die Waffen liegen griffbereit auf unseren Oberschenkeln, falls wir uns gegen Plünderer wehren müssen, aber bis zum Abend begegnen wir niemandem. Eine weitere kurze Rast, eine weitere Ration Wasser, dann sind wir wieder unterwegs. Je länger wir an einem Ort bleiben, desto höher wird das Risiko eines Überfalls. Wir haben wertvolle Beute geladen und manche Plünderer schrecken nicht davor zurück, eine Einheit des Kaiserreichs anzugreifen.
Am nächsten Morgen rasten wir in der Nähe eines schmalen, schnell fließenden Flusses. Es gibt Wasser und Nährpaste.
»Ausziehen und waschen«, befehle ich den Heilern. Manche von ihnen haben wir in Bleakwood eingesammelt und schon über eine Woche bei uns und langsam beginnen sie zu riechen. Der Truck steht so nah am Wasser, dass sie trotz der Halsbänder in den Fluss steigen können. Die Soldaten haben Stellung bezogen und behalten die jungen Männer im Blick. Ich stoße Rodrick an, der neben mir steht, und gebe ihm unauffällig zu verstehen, dass er zu dem Blonden sehen soll. Er macht den Eindruck, als würde er den anderen zum Wasser folgen, aber ich spüre, dass er etwas anderes vorhat. Rodrick sieht es auch.
»Das wird lustig«, sagt er und behält recht. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite beginnt hügeliges Gelände, das immer wieder von kleinen Wäldchen und Dickichten durchzogen ist. Der Blonde geht richtig in der Annahme, dass wir ihm dort mit dem Truck nicht folgen können und hofft vermutlich, dass wir mit den anderen zu beschäftigt sind, um ihn lange zu verfolgen. Er vergewissert sich, dass niemand zu ihm sieht, und Rodrick und ich tun so, als wären wir in eine Unterhaltung vertieft. Dann rennt er los. Er erreicht die Straße, jetzt sehen Rodrick und ich ihm ganz offen dabei zu. Wir bewegen uns nicht, er kommt nicht weit. Er hat die Straße halb überquert, als es so aussieht, als würde ihn eine riesige unsichtbare Hand mitten im Lauf stoppen. Das ist das Halsband. Er hat die dreißig Meter überschritten. Benommen geht er zu Boden. Ich weiß, wie schmerzhaft das ist. Mein bester Freund Xal und ich haben das zum Spaß mal ausprobiert. Allerdings nur ein einziges Mal. Es ist weitaus unterhaltsamer, es bei anderen zu sehen als es selbst zu spüren. Rodrick grinst und ich gehe zu dem Blonden hinüber, der unsicher auf die Beine kommt und ungläubig nach dem massiven Halsband tastet. Ich bin bei ihm, lege meine Hand in seinen Nacken und führe ihn zum Truck zurück.
»Der Fluss ist auf der anderen Seite«, sage ich zu ihm. Keine Ahnung, ob er mich versteht, bis auf die Beleidigung hat er noch nichts gesagt, aber sein Blick spricht Bände. Wir behalten ihn im Blick, als er sich auszieht und in den Fluss steigt. Scar gesellt sich zu uns.
»Ich wünschte, es gäbe mehr weibliche Heiler. Dann hätte ich auch mal was zum Gucken, und nicht nur du«, sagt Rodrick derweil zu mir und seufzt leise.
Niemand weiß mit Sicherheit, woher die Fähigkeiten der Heiler und Tanks kommt. Die Aufzeichnungen des Alten Volkes darüber sind lückenhaft. Die vorherrschende Meinung der Archivare ist, dass das Alte Volk kurz vor seiner endgültigen Vernichtung eine Möglichkeit gefunden hat, diese Fähigkeiten in Menschen zu wecken, um die Auswirkungen ihres Krieges zu beseitigen. Aber da war es schon zu spät. Andere behaupten, es sei eine willkürliche Genmutation, die sich in den letzten Jahrhunderten entwickelt hätte. Ich glaube eher an ersteres, denn Xenos hat mir diverse alte Aufzeichnungen gezeigt. Außerdem ist da noch die Technik des Aufbrechens. Es ist einfach so, wie es ist. Es weiß auch niemand, warum Heiler fast immer männlich sind. Ich kenne nur eine weibliche Heilerin. Bei den Tanks ist das Verhältnis recht ausgeglichen. Eines von vielen Geheimnissen, die wir vielleicht nie lösen werden.
Ich fessle den Blonden wieder an eine Metallstrebe der Gitterkonstruktion im Laderaum. Nicht, weil er tatsächlich abhauen könnte, das kann er nicht, wie wir gerade gesehen haben, sondern um ihm zu zeigen, dass seine Handlungen Konsequenzen haben und wir bisher ziemlich nett zu ihm waren. Die anderen Heiler benehmen sich gleich noch ein Stückchen besser und als ich den Blonden zur abendlichen Pause losmache, sieht er keinen von uns an. Ich fessle ihn danach wieder und weiß, dass er so wenig Schlaf finden wird. Nach kurzer Zeit krampfen seine Muskeln und er versucht möglichst unauffällig, seine Schultern zu entlasten. Er nickt immer wieder ein, aber jede Unebenheit der Straße, von denen es zahlreiche gibt, schickt Schmerz durch seine verspannten Arme und weckt ihn auf. Zwei Tage später sieht er ziemlich fertig aus und ich bin neugierig, was er tun wird. Ich kann nicht genau sagen warum, aber irgendetwas fasziniert mich an ihm. Ich schätze ihn auf etwa achtzehn oder neunzehn, also rund fünf Jahre jünger als ich und damit gut zwei bis drei Jahre älter als die anderen Heiler im Truck. Das ist schon recht erstaunlich, da die meisten Heiler eingesammelt werden, kaum dass ihre Fähigkeiten erwachen. Ich frage mich, ob es damit zu tun hat, dass seine Spur so schwach ist und irgendwie fände ich es schade, wenn seine Fähigkeiten unter dem T3-Level liegen würden. Aber das werde ich erst in Imperatoria erfahren.
»Bitte nicht«, sagt er am Abend zu mir, als ich ihn nach der Pause wieder festmachen will. Ich kann mir ein fieses Grinsen nicht verkneifen, also versteht er uns doch.
»Warum?«, will ich provokant von ihm wissen. Er ringt mit sich. Ich bin ziemlich sicher, dass er mir am liebsten ins Gesicht schlagen würde. Aber er weiß, dass er keine Möglichkeit hat, von hier zu entkommen.
»Alles tut weh«, gibt er widerwillig zu.
»Denkst du nicht, dass du das verdient hast?«
Ich will diesen Bastard verrecken sehen. In den letzten Tagen habe ich mir wieder und wieder ausgemalt, wie er auf möglichst qualvolle Weise zugrunde geht. Ich habe mir keine allzu großen Sorgen gemacht, als sie mich in Aldertown geschnappt haben. Das war zwar nicht optimal, aber ich dachte, ich könnte in einem unbeobachteten Moment wieder abhauen. Doch dieses verdammte Halsband hat mehr als nur den Zweck, uns zu kennzeichnen. Dabei war mein Plan simpel: Abhauen, später irgendwie das Halsband loswerden. Dass es dafür sorgt, dass ich einen bestimmten Umkreis um das Fahrzeug nicht verlassen kann, damit habe ich nicht gerechnet.
»Nein«, sage ich möglichst unterwürfig. Das habe ich nicht verdient. Alles tut weh, mein Rücken, meine Arme, meine Schultern, sogar meine Beine und mein Kiefer. Ich würde ihm gerne noch mehr sagen, aber er hat mir in den letzten Tagen deutlich gemacht, dass er hier das Sagen hat. Umgeben von einem Haufen Speichellecker mit Waffen und rückgratlosen Heilern fühlt er sich wohl unbesiegbar. Wenn ich nur an eine der Waffen gelangen könnte. Dann könnte ich sie dazu zwingen, mir das Halsband abzunehmen. Aber sie sind wachsam und geübt. Ist wohl nicht das erste Mal, dass sie so was machen.
Hätte ich gewusst, dass gerade ein Tank in Aldertown ist, hätte ich die Stadt gemieden bis sie wieder verschwunden wären. Aber ich habe den Truck nicht gesehen und auch kein Gerücht darüber gehört. Ich habe nicht gut genug aufgepasst.
Er lacht. Der Bastard lacht mich aus. Unbewusst balle ich meine Hand zur Faust und zwinge mich, weiter auf den Boden zu starren, weil er sonst die Wut in meinen Augen sehen könnte.
Scheinbar bemerkt er sie aber auch so, denn er greift nach meinem Arm und sagt: »Netter Versuch.«
Dann kettet er mich wieder an das Gitter des Laderaums und nur wenig später stehen alle meine Nerven erneut in Flammen. An Schlaf ist auch die dritte Nacht kaum zu denken. Die kurzen Augenblicke, in denen mir die Augen zufallen, scheinen mich eher noch müder zu machen als mir die dringend benötigte Erholung zu bringen.
Wir sind Tag und Nacht unterwegs, sie wechseln sich ständig ab und diese seltsame Paste, die es jeden Morgen zum Essen gibt, widert mich jetzt schon an. Die Überheblichkeit des Tanks macht mich rasend, die anderen Heiler sind allesamt feige Schwächlinge, die sich, wenn überhaupt, nur flüsternd unterhalten und teilweise sogar froh sind, gefangen genommen zu werden. Weil sie jetzt nicht mehr alleine für sich verantwortlich sind. Weil jemand anderes Entscheidungen für sie trifft und auf sie aufpasst.
Der Tank, einer seiner Speichellecker hat ihn Cain genannt, lässt uns nach der morgendlichen Pause wieder in den Truck steigen.
»Ich hab's kapiert. Du hast gewonnen«, versuche ich es erneut. Ich weiß nicht, ob ich einen weiteren Tag diese Schmerzen ertrage, ohne zu schreien. Die beiden kurzen Pausen am Tag helfen kaum, meine Muskeln so weit zu lockern, dass ich wenigstens ein paar Stunden den schlimmsten Schmerz ertragen kann ohne das Gefühl zu haben, gleich durchzudrehen. Zusammen mit dem fehlenden Schlaf hat er mich damit tatsächlich fertig gemacht. Mein Denken ist wirr und ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen.
»Bitte«, sage ich nochmal, obwohl das Wort wie Säure in meinem Mund brennt.
»Cain«, hänge ich seinen Namen leise dahinter.
Er verschränkt die mit verschlungenen Ranken und Totenschädeln tätowierten Arme vor der muskulösen Brust und mustert mich abschätzig. Sein Gesicht ist kantig, er hat einen Drei-Tage-Bart und das dunkelblonde Haar ist an der Seite seines Kopfes über den Ohren und im Nacken ausrasiert. Nur oben auf seinem Kopf ist es etwas länger. Er wirkt kalt und hat diese brutale militärische Ausstrahlung, die jeden vor ihm den Schwanz einziehen lässt. Typisch Tank. Er ist nicht der erste Tank, den ich sehe, aber seine Präsenz wirkt bedrohlicher und stärker als die der anderen, die ich in meinem Leben bereits gesehen habe. Aber vielleicht liegt das daran, dass ich ihm so nahe komme. Worauf ich wirklich verzichten könnte.
Er sagt nichts, lässt mich aber tatsächlich ungefesselt im Laderaum sitzen und ich bin trotz des Geholpers innerhalb kürzester Zeit eingeschlafen.
Der Truck kommt unsanft zum Stehen und ich schrecke hoch. Draußen sind Stimmen und Schritte zu hören, aber die Wachen am Ende der Ladefläche sind nicht beunruhigt, es scheint kein außerplanmäßiger Halt zu sein. Etwa eine halbe Stunde später wird die Plane zurückgeschlagen, die den Metallkäfig bedeckt, der uns im Truck festhält. Wir steigen aus und müssen uns in einer Reihe aufstellen. Wir befinden uns in einem großen, von hohen Mauern umgebenen Innenhof. Vor uns ragt ein massiver Turm in den langsam dunkler werdenden Himmel, eine Handvoll Soldaten beobachtet unsere Ankunft.
Rodrick, der Kleine mit dem schulterlangen hellbraunen Haar aus Cains Trupp und derjenige, der immer unglaublich viel redet, legt uns Handschellen an, die anschließend mit einer stabilen Kette verbunden werden. Ich komme mir vor wie ein Tier in der Falle, als sie uns erst die Halsbänder abnehmen und durch die dicke Holztür in den Turm führen. Es geht eine Treppe hinunter, einen düsteren, kühlen Gang entlang, dann betreten wir einen fensterlosen Gewölbekeller. Wie Tiere ketten die Soldaten uns einzeln an die hintere Wand, in die zahlreiche Metallringe eingelassen sind, an denen kurze Ketten mit weiteren Halsbändern daran hängen. Es ist stockfinster, als sie die Tür hinter sich schließen. Angsterfülltes Flüstern dringt durch die Dunkelheit, jemand schluchzt.
Ich schließe die Augen und versuche diese absolut beschissene Situation, in der ich mich befinde, zu verdrängen. Ich vermute, dass wir Castrum Silva erreicht haben, das etwa drei Tage vor Imperatoria liegt und einzig zum Schutz der Hauptstadt erbaut wurde. Ich war noch nie so tief in den Heartlands, aber ich kenne die Geschichten, die darüber erzählt werden, was das Kaiserreich mit seinen Heilern macht. Vieles davon stimmt wahrscheinlich nicht, aber in jedem Gerücht steckt ein Körnchen Wahrheit und das Letzte, was ich will, ist es, das Principium kennen zu lernen. Aber ich sehe keine Möglichkeit zur Flucht. Ich zerre an dem Halsband, das mich an die Wand kettet, aber es rührt sich so wenig wie dasjenige, das mich in der Nähe des Trucks hält.
Frisch gewaschen verlassen wir zwei Tage später Castrum Silva. Noch drei Tage, dann erreichen wir Imperatoria. Rodrick bequatscht mich so lange, bis ich mit ihm wette, wie unsere Ausbeute aussieht. Scar steigt ebenfalls mit ein. Es ist Glückssache, ob man richtig liegt. Bevor das Aufbrechen nicht abgeschlossen ist, weiß man nicht, wie stark die Fähigkeiten der einzelnen Heiler sind.
Die nächsten Tage vergehen ohne Schwierigkeiten. Ich bin beinahe überrascht, dass wir den ganzen Weg geschafft haben, ohne von Plünderern angegriffen zu werden, denn die Provinzen außerhalb der Heartlands sind gefährlich. Und sogar der Blonde hat zwischenzeitlich Ruhe gegeben und nicht nochmal versucht, zu fliehen. Hat scheinbar eingesehen, dass es keinen Sinn macht. Ich habe ihn weiter im Auge behalten und hoffe immer mehr, dass wir ihn nicht entsorgen müssen.
Wir erreichen Imperatoria kurz vor dem Mittag am vierten Tag nach unserem Aufbruch vom Castrum. Scar musste das Tempo etwas drosseln, weil die letzten Tage regnerisch und trüb waren und die Solarmodule nicht genügend Leistung erzeugt haben, um schneller zu fahren. Deswegen warten wir mit den Sammelmissionen meistens bis in den Sommer hinein, aber im Winter gab es mehrere Rückschläge und dabei haben wir einige gute Heiler verloren. Unter anderem Kyron, den ich für beinahe drei Jahre geclaimed hatte. Ich bekomme den Gedanken an seine sanfte Art und die Augen, die mich voller Liebe angesehen haben, eine ganze Weile nicht aus meinem Kopf. Es tut weh, an ihn zu denken. Aber es ist nun beinahe ein halbes Jahr her und ich weiß, dass ich mir langsam einen anderen Heiler suchen sollte, der mich dauerhaft begleitet. Nicht nur temporär, so wie Athos es im Moment tut. Vor allem, wenn ich nach dieser Sammelmission wieder meiner eigentlichen Aufgabe nachgehe. Ich habe das hier nur getan, weil Xal mich darum gebeten hat. Wahrscheinlich wollte er mich von meinem Verlust ablenken, auch wenn er nicht nachvollziehen kann, wie viel Kyron mir bedeutet hat. Für ihn sind die meisten Menschen Mittel zum Zweck.
Scar lenkt den Truck über die breiten Straßen der Kaiserstadt und wir passieren etwa eine halbe Stunde später den inneren Verteidigungsring, der den Kaiserpalast und mehrere gut erhaltene oder wiederaufgebaute Einrichtungen des Alten Volkes schützt. Das Principium, zu dem wir auf dem Weg sind, liegt in der Nähe des Palastes auf dem Gelände der Garnison, wo die kaiserliche Armee stationiert ist. Die massive Mauer des inneren Verteidigungsrings wird regelmäßig von Türmen unterbrochen, auf denen die Luft- und Bodenabwehrgeschütze des Behemoth Colossus Systems installiert sind, deren immense Feuerkraft die Stadt schon mehrmals vor einer feindlichen Übernahme bewahrt hat.
Wir passieren einen von Soldaten und Mechs bewachten Checkpoint, dann erreichen wir das Garnisonsgelände und schließlich das an dessen Nordende gelegene Principium. Es ist ein großes, schwer bewachtes und äußerst gut gesichertes Gebäude, in dem die ungeclaimten Heiler des Kaiserreichs untergebracht sind.
Nur wenige wichtige Tanks haben dauerhaft einen Heiler an der Seite. Die meisten holen sich hier mit einem Claim zeitweise einen, wenn sie auf einen Auftrag geschickt werden, der einen Heiler erfordert.
Scar parkt mehr oder weniger direkt vor dem Eingang zum Principium, mehrere Soldaten kommen angelaufen und umstellen das Fahrzeug. Ich steige aus, denke für einen Augenblick an Kyron, der ein T7 und dauerhaft an meiner Seite war, dann hebe ich den Arm und begrüße Xal, der mit seinem Heiler Saren, ebenfalls ein T7, zu uns herüberkommt. Er wirft seine halb gerauchte Zigarette auf den Boden und wir klopfen uns zur Begrüßung auf den Rücken.
»Und, wie viele hast du?«, will er wissen und verzieht enttäuscht das Gesicht, als ich »Dreizehn« sage.
»Naja, sehen wir mal, was sie taugen. Nero ist noch nicht zurück und Kjell auch nicht.«
Ich lasse die Heiler aussteigen, sie sehen nervös aus. Xal mustert sie ausgiebig. Ich weiß, dass er zu gerne selbst einmal Sammeln gehen würde, aber sein Vater lässt ihn nicht. Es hat nicht nur Vorteile, der erstgeborene Kaisersohn zu sein. Ich löse den Claim von Athos, der sich vor Xal verbeugt und dann ins Principium verschwindet.
»Der Doc ist schon unten, wir können sofort anfangen«, sagt Xal und ich lasse die Heiler fesseln, ihnen die Halsbänder abnehmen und sie von den Soldaten ins Gebäude eskortieren.
Zur Sicherheit gehe ich direkt neben dem Blonden her, der sich in den letzten Minuten zu interessiert umgesehen hat. Er zieht die Schultern nach oben und die Handschellen klirren leise. Wir bringen sie ins Untergeschoss und lassen sie unter den wachsamen Blicken von einem halben Dutzend Soldaten zurück, während Xal und ich den ersten von ihnen ein paar Räume weiter bringen. Der Raum ist weiß gefliest und von grellen Neonröhren erleuchtet. In der Mitte steht ein an den Boden geschraubter Metalltisch, auf dem ein Mensch fixiert werden kann, an den beiden Wänden der Tür gegenüber zahlreiche Geräte auf weißen Tischen.
Der Doc ist kein echter Doktor, sondern ein Wissenschaftler, der die Kunst des Aufbrechens perfektioniert hat. Er hat kurzes graues Haar, trägt eine Brille und ist äußerst effizient. Ich nicke ihm zu. Ich gehe ihm oft zur Hand, denn ich bin der Tank, der das Aufbrechen am schnellsten durchführen kann, und ich habe bisher keinen einzigen Heiler dabei verloren. Seit Xal aus Versehen einen umgebracht hat, lässt der Doc ihn nur noch zuschauen.
Ich nehme dem Heiler die Handschellen ab und reiche ihm weiße Shorts.
»Anziehen, dann leg dich auf die Liege«, sage ich.
Der Doc ist zwanghaft reinlich und lässt nicht zu, dass einer der Heiler in seiner eigenen Kleidung mit dem Tisch oder anderen Dingen hier in Berührung kommt. Das macht uns eine Menge mehr Umstände, aber als ich mal erwähnt habe, wie sinnlos das ist, hat er beinahe einen Anfall bekommen.
Mit zitternden Fingern nimmt der Heiler mir das Kleidungsstück ab und kommt meinem Befehl nach. Er schluckt nervös, als Xal und ich ihn auf dem Metalltisch festschnallen. Eine Gänsehaut breitet sich aus, als er das kühle Metall berührt. Der Doc flößt dem Heiler etwas ein, das ihm die Prozedur leichter macht, Xal setzt sich auf eine freie Stelle auf einem der Tische an der Wand und sieht uns zu. Ich stelle mich direkt neben den Heiler.
Vor wenigen Jahrzehnten haben Wissenschaftler herausgefunden, wie man die Fähigkeiten eines Heilers kategorisieren kann. Es gibt eine Skala von 1 bis 10. Alle Heiler, die einen Wert zwischen 1 und 3 erreichen, können den Kriegsnebel sehen, aber nichts dagegen ausrichten. Sie werden nach dem Aufbrechen aussortiert, weil sie für uns nutzlos sind und der Kaiser nicht will, dass ein Feind durch sie einen Vorteil gewinnen könnte. Xal übernimmt die Aufgabe, sie umzubringen, für meinen Geschmack ein bisschen zu gern, aber ich kenne ihn nicht anders.
Alle Heiler ab dem Wert 4 können den Kriegsnebel sehen und sich selbst mit einem Schild vor der tödlichen Wirkung schützen. Ein Tank kann den Schutz des Schildes auf andere verteilen, dafür ist zunächst das einmalige Aufbrechen und dann ein Claim nötig. Sobald ein Schild auf einen wirkt, kann man wie ein Heiler den Kriegsnebel sehen.
Je höher der Wert, desto stärker und länger der Schutz. Die stärksten Heiler, die wir im Moment haben, haben den Wert 7 auf der Skala erreicht. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich Heiler gibt, die eine 8 oder mehr erreichen, gehört habe ich davon noch nicht.
Das Aufbrechen ist ein komplexer Vorgang, der sowohl Technologien des Alten Volkes benötigt wie auch die Fähigkeit eines Tanks, die Spur wahrzunehmen.
Über einen Claim stellt ein Tank eine dauerhafte Verbindung zu einem aufgebrochenen Heiler her, die es ihm ermöglicht, die Fähigkeiten des Heilers zu nutzen, also Schilde auf sich oder andere Personen zu verteilen und den Kriegsnebel dadurch sichtbar zu machen. Ohne ein Schild kann jemand, der kein Heiler ist, den Kriegsnebel nicht sehen. Und Heiler können nur sich selbst schilden.
Für einen Claim reicht es, wenn ein Tank mit einem aufgebrochenen Heiler Körperkontakt herstellt. So lässt sich ein Claim herstellen und wieder lösen. Daher bin ich ziemlich sicher, dass diese Fähigkeiten wissentlich vom Alten Volk entwickelt wurden. Nur dass es sie nicht mehr vor ihrem selbst herbeigeführten Untergang bewahrt hat. Ihr Krieg hat große Teile der Welt unbewohnbar gemacht, ihre Zivilisation in Schutt und Asche gelegt und nur wenige Technologien haben die letzten Jahrhunderte überdauert. Wie die Archivare glaubt der Doc, dass das Alte Volk die Gene geeigneter Personen verändert hat und dass dieses Erbe bis heute überlebt hat.
Das Zeug, das der Doc dem Heiler gegeben hat, wirkt und er schaltet seine Maschinen ein. Ein unangenehmes Summen füllt den Raum. Zahlenkolonnen und Liniendiagramme erscheinen auf mehreren Bildschirmen und geben allen einen kränklichen Anschein. Der Doc behält die Werte im Blick, sie sind stabil und gibt mir sein Okay. Ich konzentriere mich. Ich könnte nicht sagen, woher ich weiß, wie es funktioniert, aber es ist wie mit der Spur: Ich nehme es wahr und weiß genau, wo ich ansetzen muss. Ich lege dem Heiler meine Hand auf die bloße Brust, sein Atem geht hektisch. Und dann stoße ich zu. Mental. Als würde ich meinen Geist in eine winzige Lücke in seiner Spur zwängen und sie dann mit einem Stemmeisen aufhebeln. Oder aufbrechen, daher auch der Name.
Der Heiler verkrampft, ich setze zum finalen Schlag an, dann bin ich drin. Und sehe direkt, dass er niemals die 3 überschreitet. Seine Kraft schwebt wie eine kleine Kugel über ihm, nicht einmal walnussgroß, die nur ich sehen kann. Und eine der Maschinen, die sie auf der Skala einordnet. Wenn ich wollte, könnte ich in diesem Moment ohne einen Claim seine Kraft nutzen. Das ist der einzige Moment, in dem das möglich ist. Ich könnte meine Hand an die Kugel legen, durch ihre durchsichtige Hülle greifen und mir seine Kraft zu eigen machen, so lange diese Verbindung besteht.
»Ein T2«, sagt der Doc und schaltet die Maschine ab. Ich nehme meine Hand weg und das Bild seiner Kraft verblasst vor meinem geistigen Auge. Einmal aufgebrochen, verschwindet die Spur eines Heilers endgültig, daher muss man sie danach gut im Auge behalten.
Wir schnallen ihn los, ein Soldat nimmt ihn mit und bringt den nächsten, der sogar nur ein T1 ist. Der Nachmittag vergeht, Saren bringt uns in einer kurzen Pause Verpflegung und zum ersten Mal seit Wochen gibt es endlich wieder etwas anders als Nährpaste. Bis zum Abend habe ich zwei T4 aufgebrochen, einen T5, drei weitere T2, zwei T1, einen T3 und dann endlich einen T6.
Dann bringen sie den Blonden herein, er ist der Letzte. Sowohl er als auch der Soldat sehen aus, als hätte es einen Kampf gegeben. Ich ziehe die Augenbraue nach oben.
»Er wollte abhauen, Sir«, gesteht der Soldat. »Gybson ist ziemlich schlimm verletzt, wir mussten ihn ins Lazarett bringen.«
Xal steht von seinem Beobachtungsposten auf und kommt herüber. Er greift dem Blonden unters Kinn und betrachtet die Stelle an dessen Kieferknochen, wo sich ein frischer Bluterguss gebildet hat.
»Gunag«, zischt der Blonde ihn an und ich habe ein kleines Deja vu.
Xal rammt ihm dafür seine Faust in den Bauch und er krümmt sich schmerzerfüllt zusammen, versucht wahrscheinlich, nicht zu kotzen. Xal muss noch dreimal zuschlagen, ehe er still hält und wir ihn aus seinen Klamotten schälen und schneiden und ihm die Shorts anziehen können. Dann bugsieren wir ihn auf den Metalltisch und machen zuerst seine Beine fest, wobei er versucht, Xal zu treten, und dann seinen Oberkörper, ehe wir die Handschellen lösen und seine Arme an der Seite des Tisches fixieren.
Der Doc wartet schweigend, bis wir fertig sind. Ich frage mich, ob sich der Ärger überhaupt lohnt. Seine Spur ist schwach, kaum wahrnehmbar. Vielleicht muten wir uns den ganzen Aufwand für einen weiteren T1 zu. Der Soldat verlässt erleichtert den Raum und Xal setzt sich wieder auf den Tisch.
»Fick dich«, schnappt der Heiler und ruckt seinen Kopf nach oben, als der Doc versucht, ihm die Flüssigkeit einzuflößen.
»Dann ohne«, sagt der Doc, der gerade noch einer Kollision mit der Stirn des Heilers entgehen kann. »Das hier hätte es ein bisschen erträglicher für dich gemacht, aber wenn du nicht willst...«
Er geht zu seinen Maschinen und Geräten zurück, wartet mit verbissenem Gesicht auf meine Bestätigung und dann fangen wir an. Er schaltet die Maschinen ein und ich taste nach einer Lücke in der Spur. Es dauert weitaus länger als sonst, bis ich eine finde. Xal fragt währenddessen, ob ich mir sicher bin, dass er ein Heiler ist. Die Lücke ist winzig und ich muss mein ganzes Können aufbringen, um mich daran festzuhalten. Ich setze mein mentales Stemmeisen an und der Körper des Heilers bäumt sich auf. Erst denke ich, er simuliert, aber als er anfängt zu schreien, als ich die winzige Lücke verbreitere, verliere ich beinahe die Verbindung, bin mir aber sicher, dass er echte Schmerzen hat. Er zittert, seine Muskeln krampfen, ich kann das Weiße in seinen Augen sehen, als ich weitermache.
»Aufhören, hör auf«, keucht er mit Schmerz in der Stimme und für einen winzigen Augenblick überlege ich, ob ich gerade dabei bin, ihn umzubringen. Aber dann ist die Lücke so groß, dass ich zum finalen Schlag ansetzen kann. Ich breche durch seine Spur, er schreit erneut. Das Geräusch gellt in meinen Ohren, wird von den gefliesten Wänden zurückgeworfen und ich kann nicht glauben, was ich vor mir sehe. Seine Kraft, die über ihm schwebt, ist beinahe so groß wie mein Oberkörper. Die Kugel ist gewaltig. In ihrem Inneren tobt ein Sturm. Rote Partikel wirbeln wütend darin herum. Ich lege meine Hände an die Kugel, aber es ist, als wäre sie von dickem, undurchdringbarem Glas umgeben. Ich bin für einen Moment wie erstarrt, kann den Blick nicht abwenden, so viel Kraft habe ich noch nie bei einem Heiler gesehen. Und dann spüre ich, dass er auch hier ist. Mental. In Wirklichkeit liegt er immer noch auf dem Metalltisch und ich stehe regungslos daneben, eine Hand auf seiner blassen Brust. Aber er steht auch auf der anderen Seite der Kugel und seine hellgrauen Augen bohren sich in meine. Er entblößt seine Zähne zu einem bösartigen Grinsen.
Das Glas verschwindet, die Partikel ziehen sich zu einer dichten Wolke zusammen und rasen einem Maul voller Zähne gleich auf mich zu. Die Maschine des Docs gibt ein Schrillen von sich, ich zucke zurück, verliere die Verbindung zu ihm und mache einen erschrockenen Schritt rückwärts. Die Maschine knirscht, dann ist es plötzlich still. Die Bildschirme flackern und erlöschen. Adrenalin rast durch meine Adern. Habe ich das wirklich gesehen?
Der Doc murmelt vor sich hin und drückt hektisch auf Tasten und Knöpfen herum.
»Das Spektrometiv ist kaputt. Das... wie kann das sein? Es gibt kein Ergebnis, es hat sich mitten im Prozess abgeschaltet. Und jetzt geht es nicht mehr an.«
Ich sehe den Blonden an, aber er liegt völlig still auf dem kalten Tisch und sieht langsam blinzelnd an die Decke. Xal wartet auf eine Erklärung. Ich habe keine. Noch nicht.
»Ich claime ihn«, höre ich mich sagen. Der Gedanke an seine Kraft lässt mich nicht los. Kyron war stark, ein T7. Ich habe ihn vor etwa vier Jahren aufgebrochen und das war das erste Mal, dass ich eine Fähigkeit gesehen habe, deren Manifestation die Größe eines Kopfes oder einer großen Melone hatte.
»Nicht hier drin«, sagt der Doc sofort und klingt immer noch fassungslos. Ich hoffe, unsere Verzauberer können seine Maschine reparieren, bevor Nero und Kjell mit ihrer Beute zurückkommen, verdrehe aber innerlich die Augen. Ein Claim ist schnell durchgeführt und macht keinerlei Sauerei. Und so wie es aussieht, gibt es nichts mehr, was dabei noch kaputt gehen könnte. Außer den Neonröhren an der Decke sind alle Geräte ausgefallen.
Ich lasse einen Soldaten kommen und zu dritt, Xal geht mir wieder zur Hand, holen wir den Blonden von dem Tisch herunter. Hätten wir ihn nicht festgehalten, wäre er sicher gestürzt. Seine Beine tragen ihn nicht. Er stolpert, der Soldat fasst nach, um ihn vor einem Sturz zu bewahren. Dann geht alles ganz schnell. Plötzlich hat der Heiler die Waffe des Soldaten in der Hand und drückt ab. Der Soldat wird nach hinten geschleudert, Blut spritzt aus einer Wunde. Ein zweiter Schuss lässt den Doc zusammenbrechen und meine Ohren klingeln. Jetzt richtet der Heiler die Waffe auf Xal, aber ich werfe mich mit meinem ganzen Gewicht auf ihn. In einem Gewirr aus Gliedmaßen gehen wir zu Boden und ich begrabe ihn unter mir. Ich bekomme seinen Arm zu fassen, der die Waffe hält, und drücke ihn von mir weg. Er drückt ab, der Schuss bohrt sich in die Wand und Fliesensplitter fliegen durch die Luft. Jetzt ist Xal bei uns und tritt ihm die Waffe aus der Hand. Hässliche rote Flecken haben sich auf dem sonst so blassen Gesicht des Blonden ausgebreitet, er hat die Zähne gebleckt und versucht, sich unter mir hervorzuwinden.
»Ich habe ihn«, sage ich zu Xal. »Sieh nach dem Doc.« Wahrscheinlich spreche ich zu laut, aber meine Ohren sind nach dem Lärm beinahe taub.
»Lass mich los«, wütet der Blonde unter mir. Zumindest glaube ich, dass er das sagt. Sein Mund bewegt sich, aber das Dröhnen in meinen Ohren, nachdem er so nah neben meinem Kopf abgedrückt hat, ist noch nicht abgeklungen. Ich packe seine beiden Arme fester und mache mich ein bisschen schwerer. Er schnappt nach Luft. Der Lärm hat weitere Männer angelockt. Die Tür springt auf, zwei Soldaten sichern den Eingang.
»Holt einen Arzt. Der Doc ist verwundet, lebt aber noch«, befielt Xal.
»Ja, Sir!«, ruft einer und rennt davon. Der andere kommt herein und geht mir dabei zur Hand, den Blonden auf den Bauch zu drehen und ihm die Hände auf den Rücken zu fesseln. Und egal was der Doc gesagt hat, ich lege dem Heiler die Hand in den Nacken, ignoriere seine wütend ausgestoßenen Drohungen und stelle einen Claim her. Er erstarrt und keucht erschrocken auf, als mein Wappen einem Brandzeichen gleich auf seinem Rücken erscheint. Ich sehe dabei zu, wie die Linien auf seiner Haut auftauchen, die, als sie fertig sind, eine Dornenranke darstellen, die eine Faust umschlingt. Das Wappen bleibt für immer auf seiner Haut, auch wenn ich den Claim wieder löse. Mit Hilfe des Claims kann ich ihn über das Wappen überall aufspüren und seine Fähigkeiten nutzen. Mit den Fähigkeiten werde ich mich später beschäftigen, im Moment geht es mir nur darum, ihn auffindbar zu machen, nachdem die Spur verschwunden ist. Er ist gefährlich und wir müssen ihn verdammt gut im Auge behalten.
Ein paar Minuten später kommt der Soldat zurück und hat mehrere Ärzte und Sanitäter dabei, die zunächst den Doc auf eine Liege schnallen und mitnehmen, ehe sie sich dem Toten widmen und ihn wegbringen. Dann sind nur noch Xal und ich da, und der Blonde, der gefesselt auf dem Boden liegt, seinen Widerstand aufgegeben hat und sich nicht rührt.
»Also?«, will Xal wissen und kommt zu uns herüber. Er hat Blut an den Händen und einen grimmigen Ausdruck im Gesicht.
»Bin noch nicht sicher, aber ich kümmere mich drum«, sage ich.
»Besser wär's. Er hat beinahe den Doc umgebracht.« Dafür tritt er dem Blonden mit seinem Stiefel in die Seite. Der ächzt, sagt aber nichts.
»Ich kümmere mich um die Nutzlosen, und morgen will ich wissen, was hier passiert ist.«
Ich nicke und gemeinsam stellen wir den Heiler auf die Beine. Wie in Aldertown schiebe ich meinen Arm unter seinem Oberarm durch und führe ihn gebückt die Stufen nach oben.
Es ist dunkel, weit nach Mitternacht, als wir das Principium verlassen. Scar lehnt an der Motorhaube eines Wagens. Er hat den großen Truck in den Fuhrpark zurückgebracht und wartet darauf, mich zum Palast zu bringen. Er wirft mir einen verwunderten Blick zu und deutet auf den halbnackten Blonden. Ich schüttle den Kopf, dafür ist später Zeit, und gemeinsam laden wir ihn auf die Rückbank und fesseln seine Hände an den Türgriff.
»Sei vorsichtig, er hat gerade einen Soldaten umgebracht«, sage ich zu ihm, als wir um den Wagen herumgehen und vorne einsteigen. Scar nickt und fragt nicht weiter nach. Er weiß, dass ich ihm nachher alles erzählen werde.
Imperatoria besteht aus mehreren Ringen, die durch zahlreiche Verteidigungssysteme geschützt sind. Je reicher oder mächtiger man ist, desto weiter innen lebt man. Wenn wir in der Hauptstadt sind, bewohnen mein Trupp und ich meistens ein paar Zimmer im Kaiserpalast im innersten Ring. Und dorthin sind wir nun auf dem Weg. Während wir über die leeren Straßen rollen, funken wir Rodrick an, dass er im Palast zu uns stoßen soll. Wir passieren mehrere Sicherheitsschleusen und werden trotz meines Ranges beim Betreten des Palastes kontrolliert. Der Kaiser hat viele Feinde und ist sehr auf seine Sicherheit bedacht.
Wir parken den Wagen, holen den Blonden vom Rücksitz und gehen durch stille Gänge. An den hohen Wänden, die sich über uns in der Dunkelheit verlieren, hängen immer wieder restaurierte Gemälde des Alten Volkes. Der Palast ist ein riesiger Gebäudekomplex, der der Kaiserfamilie als Herrschersitz dient, seit ein Urahn von Xal damit begonnen hat, die alte Technologie nutzbar zu machen und erst die Heartlands und dann die Provinzen erobert und geeint hat.
Unsere Schritte hallen laut durch die nächtliche Stille, die bloßen Füße des Heilers patschen auf den Marmorboden und gehen in unseren bestiefelten Schritten unter. Er hat kein Wort mehr gesagt und ich bin froh darüber. Er hat versucht, meinen besten Freund zu erschießen. Und er hat mir einen Schrecken eingejagt, als er seine Kraft auf mich losgelassen hat. Das nehme ich ihm ziemlich übel.
Wir erreichen mein Zimmer, ich schließe die Tür auf und wir treten ein. Lampen flackern auf und verbreiten ein warmes, gemütliches Licht in dem großen Raum. Wir lassen den Blonden in einer fensterlosen Kammer zurück, die sich neben dem Badezimmer an mein Zimmer anschließt und wahrscheinlich ein begehbarer Schrank ist, den ich noch nie benutzt habe. Zur Sicherheit fesseln wir die Knöchel des Blonden und verbinden sie mit einer kurzen Kette mit den Handschellen auf seinem Rücken. So kann er sich kaum mehr rühren. Ich schließe die Tür ab und atme tief durch. Bis Rodrick auftaucht, gönne ich mir eine kurze Dusche und frische Kleidung. Scar und ich machen es uns auf den Sofas vor dem großen Fenster gemütlich, ich schenke uns Met ein.
Unter uns in der Dunkelheit erstreckt sich die Stadt. Elektrisches Licht erhellt die breiten Straßen, die sich in jede der vier Himmelsrichtungen ziehen. Soldaten bewachen die Übergänge zwischen den durch unüberwindbare Mauern getrennten Ringen. Je weiter man sich nach außen bewegt, desto weniger Licht brennt. In den Randgebieten der Stadt gibt es kaum Elektrizität und die Armen müssen wie in den Provinzen Kerzen und Feuer zum Heizen und als Lichtquelle nutzen. Suchscheinwerfer schwenken in unregelmäßigen Abständen über die Straßen und das Behemoth Colossus Systems blinkt auf seinen großen, schwer gesicherten Türmen in der Nacht. Innerhalb eines Sekundenbruchteils kann es die Luft- und Bodenabwehr aktivieren, die gesamte Stadt abriegeln und zum Gegenangriff übergehen. Ich habe bisher nur einmal gesehen, wie es zum Leben erwacht ist, aber das war wirklich beeindruckend. Die Explosionen haben damals die Nacht zum Tag gemacht, die Erde hat gebebt, die Sirenen heulten und die mechanisch klingende Stimme hat Warnungen ausgesprochen, die nur diejenigen verstehen konnten, die die Sprache des Alten Volkes studiert haben.
»Was ist los? Wer hat unsere Wette gewonnen?«, will Rodrick sofort wissen, als er eine halbe Stunde später die Tür hinter sich schließt. »Und warum kann das nicht bis morgen warten, ich hatte gerade eine nette Begleitung gefunden.« Er grinst vielsagend.
Ich gehe nicht weiter darauf ein, drücke ihm ein Glas Met in die Hand und bringe sie auf den neuesten Stand. Als ich fertig bin, herrscht für einen Moment Schweigen.
»Du hast einen unkategorisierten Heiler geclaimed, der versucht hat, euch umzubringen?«, will Scar dann wissen.
»Ja. Ich bin sicher, dass er die Maschine des Docs absichtlich zerstört hat.«
»Und was hast du jetzt vor? Du hast gesagt, du konntest seine Kraft nicht benutzen?«, fragt Rodrick.
»Ich werde es später nochmal probieren. Immerhin ist er jetzt durch den Claim mit mir verbunden.« Ich mache eine Pause. »Ihr habt es nicht gesehen. Seine Kraft ist riesig. Und wenn ich sie nutzen kann, können wir vielleicht Kyrons Opfer einen Sinn geben. Da weitermachen, wo wir aufgehört haben.«
Ich spreche nicht gerne über Kyron, weil ich dann immer sehe, wie er seine letzte Kraft gibt, um uns zu retten. Sein Leben. Er hat mich geliebt. Und er ist für mich gestorben.
Scar und Rodrick schweigen. Ich spreche nicht oft über meinen ehemaligen Heiler und sie wissen nicht, was sie dazu sagen sollen. Was ihnen zusteht, zu sagen. Wir sind zwar Freunde, aber ich bin auch ihr Kommandant. Und sie mochten Kyron ebenfalls. Er war beinahe drei Jahre an meiner Seite.
»Ich spreche später mit ihm, mache ihm seine Optionen klar. Dann sehen wir weiter. Xaldan erwartet morgen meinen Bericht«, sage ich und sie nicken.
Ich schlafe gut und lange in dem bequemen Bett und lasse mir am nächsten Vormittag Zeit, ehe ich zu dem Blonden gehe. Inzwischen müssen seine Muskeln ziemlich brennen und er ist vielleicht zugänglicher als gestern. Ich öffne die Tür, er dreht leicht den Kopf zu mir. Seine Muskeln zittern und er hat die Zähne fest aufeinander gebissen.
»Ich mache dich los. Nebenan ist das Badezimmer. Und anschließend unterhalten wir uns. Wenn du nicht kooperierst, waren die letzten zwei Wochen ein Spaziergang im Vergleich zu dem, was dann passiert. Okay?«
Er zögert. Aber ihm ist sicher klar, dass ich einfach wieder gehen und ihn hier liegen lassen kann. So lange, bis jede Sekunde sich anfühlt wie eine Stunde voller Höllenqualen, bis er sich einpisst oder irgendwann verdurstet. Die Schrammen an seinen Handgelenken und Knöcheln zeugen deutlich davon, dass er versucht hat, sich zu befreien und es nicht geschafft hat.
»Okay«, sagt er, als die Stille beginnt sich auszudehnen und ich kurz davor bin, wieder zu gehen. Ich gehe hinter ihm in die Hocke und öffne die Fesseln. Mühsam rollt er sich auf den Rücken und versucht, keinen Laut von sich zu geben, als das Gefühl langsam in die verspannten Glieder zurückkehrt. Ich stehe auf und gebe ihm die Zeit, die er braucht, um von selbst auf die Beine zu kommen. Dabei fällt mir erneut die Narbe kurz über seinem Herzen auf, die ich zum ersten Mal gesehen habe, als er nach seinem missglückten Fluchtversuch im Fluss gebadet hat. Sie ist knapp handbreit, hat gezackte, weiße Ränder und ich frage mich, was so eine Verletzung wohl verursacht hat. Die Prellung an seinem Kinn hat sich lilablau verfärbt und auf seinem definierten, muskulösen Oberkörper prangen mehrere Blutergüsse. In einem davon ist Xals Stiefelprofil zu sehen.
Er steht ungelenk auf und ich bringe ihn ins Bad nebenan. Das Fenster ist zu schmal, um zu fliehen und außerdem zu weit vom Erdboden entfernt, um einen Sturz oder Sprung zu überleben. Ich lasse ihn alleine und warte. Scar und Rodrick kommen wie vereinbart vorbei. Sie sind neugierig. Und mein Back Up, falls er doch eine Dummheit versucht. Der Blonde lässt sich Zeit. Nicht provokant, ich vermute, dass er das Unvermeidliche einfach ein bisschen länger hinauszögern will. Oder das heiße Wasser genießt. Vielleicht hat er aber auch nur keine Ahnung, wie man die Armaturen der Dusche bedient, die Provinzen sind teilweise wirklich rückständig.
Wir sitzen am Tisch und unterhalten uns, als er, nur mit einem Handtuch um die Hüfte, aus dem Bad kommt. Unsere Köpfe drehen sich zu ihm und ich winke ihn zu uns herüber. Vielleicht bekommt er später seine Kleidung zurück, aber nachdem ich gestern gesehen habe, wie kaltblütig er einen Menschen ermordet hat, ist mir im Moment jede Methode recht, ihm zu zeigen, dass alles, was er tut, Konsequenzen hat. Und dass es nicht gut für ihn aussieht.
»Wie heißt du?«, will ich wissen, als er sich zu uns gesetzt hat. Sein Haar ist leicht feucht und sein Blick huscht für einen Moment zu dem Essen, das auf dem Tisch steht, ehe er seine Knie fixiert. Ich mache mir nie die Mühe, die Heiler nach ihren Namen zu fragen, solange sie nicht aufgebrochen sind.
»Garett yae Elvetham«, antwortet er mir. Also tatsächlich ein Westländer, denn in den Westlands ersetzt der Herkunftsort den Nachnamen. Ich beobachte ihn ganz genau und ich weiß, dass Rodrick und Scar das Gleiche tun. Er sieht immer noch niemanden an. Es ist offensichtlich, dass er lieber überall anders wäre als hier. Aber wir achten mehr auf die Kleinigkeiten, die einem nicht sofort ins Auge springen. Normalerweise ist das nicht nötig, ich hatte noch keinen Heiler, der nicht freiwillig kooperiert hat, aber bei ihm ist es anders. Ich hatte auch noch nie einen Heiler, der einen Soldaten erschossen hat.
»Also, Garett, du stehst jetzt im Dienst des Kaiserreichs und des Kaisers Xordan Aphaeleon. Spürst du das?«, frage ich und aktiviere das Wappen auf seinem Rücken, das mir jederzeit seinen Aufenthaltsort verrät. Kyron hat mir das Gefühl, das ein Heiler spürt, wenn der Tank das Wappen benutzt, als Kribbeln oder leichtes Pochen beschrieben.
Er schreckt zusammen und seine Hand zuckt in Richtung seines Rückens, ehe er sie zwischen seine Knie steckt. »Ja«, sagt er und starrt weiter auf seine Knie.
»Weißt du, was das ist?«
Er schüttelt den Kopf.
»Damit kann ich dich überall finden. Ich weiß immer, wo du bist.«
Jetzt sieht er mich doch an. »Das ist ein Witz, oder?«, will er fassungslos wissen.
Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen schüttle ich den Kopf. »Nein. Ich habe dich geclaimed.«
»Du hast was?« Er klingt irritiert. Und wütend. Mein Trupp ist bereit, sofort einzugreifen.
»Weißt du, was ein Claim ist?«
Er zögert, schüttelt dann aber erneut den Kopf. Es ist ihm sichtlich unangenehm, das zugeben zu müssen.
»Ein Claim ist eine Verbindung zwischen einem Tank und einem Heiler. Du trägst mein Wappen, über das ich dich jederzeit finden kann. Und ich kann deine Fähigkeiten benutzen. Du gehörst jetzt mir. So lange ich will«, erkläre ich ihm.
»Mach es rückgängig«, fordert er sofort.
»Nein. Und es liegt an dir, wie es jetzt weitergeht. Du kannst weiterhin so widerspenstig sein wie in den letzten Tagen. Ich verspreche dir, dass du das nicht lange wirst aushalten können. Oder du kooperierst. Es hat Vorteile, für das Kaiserreich zu arbeiten.«
Er sieht mich immer noch mit seinen stahlgrauen Augen an, dann wandert sein Blick kurz zu Rodrick und Scar, als würden er hoffen, dass sie ihm irgendwie zur Seite stehen würden. Sie erwidern seinen Blick, sagen aber nichts.
»Was für Vorteile?«, will er wissen.
Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück. »Alles mögliche. Privilegien, Annehmlichkeiten, richtiges Essen, ein gesichertes Auskommen.«
Es ist für einen Moment still, dann stößt er ein hartes Lachen aus. »Du entführst mich und jetzt willst du mich mit Dingen ködern, die ich längst hatte? Und wenn ich nicht zustimme, lässt du mich foltern? Oder legst du dann selbst Hand an, hm? Macht dich das an, ja? Weißt du, Cain, es sah gestern nicht so aus, als könntest du meine Fähigkeiten nutzen. Und lass mich raten, der Claim endet, wenn du es willst... oder wenn du tot bist.«
Sein Tonfall ist bösartig und ich muss mich beherrschen, ihm nicht ins Gesicht zu schlagen, aber dann hätte er mit seiner Provokation gewonnen. Und ich dachte wirklich, er hätte in den letzten Tagen etwas gelernt. Stattdessen droht er mir ganz offen.
Ich lehne mich bedrohlich zu ihm hinüber und er lenkt ein. Wahrscheinlich ist ihm aufgegangen, was er da gesagt hat. »Nein, warte... ich hab's nicht so gemeint.«
Wir wissen alle, dass er es genau so gemeint hat.
»Ich helfe dir bei deinem nächsten Auftrag. Unter einer Bedingung.«
Er sieht mich an und ich lasse es mir zwar nicht anmerken, bin von seiner Dreistigkeit aber ziemlich verblüfft. Er hat keinerlei Verhandlungsgrundlage, alles spricht gegen ihn. Und trotzdem versucht er, einen Deal auszuhandeln. Als ich nichts sage, spricht er weiter.
»In Eshon wurde vor etwa einem halben Jahr jemand verhaftet und in eines der Straflager gebracht. Ich will, dass er frei kommt und alle Einträge über ihn gelöscht werden. Er heißt Lelouch Taliesin.«
Ich ziehe die Augenbraue nach oben, er erwidert meinen Blick gelassen und macht nicht den Eindruck, als würde er daran zweifeln, dass ich seiner Bedingung nachkomme. Ich habe keine große Lust, ihm recht zu geben, aber es würde uns einiges an Zeit sparen, wenn wir den Blonden nicht erst in wochenlanger, für ihn schmerzhafter Arbeit zur Zusammenarbeit bewegen müssten. Und er sorgt sich um eine Person, also hätten wir ein Druckmittel gegen ihn in der Hand.
»Ich denke drüber nach«, sage ich. »Scar bringt dich solange ins Principium. Du benimmst dich besser.«
»Ja, Sir«, sagt er spöttisch und ich bin wirklich ganz kurz davor, ihm eine reinzuhauen.
»Bekomme ich meine Sachen wieder?«, fragt er dann und deutet auf das Handtuch um seine Hüfte.