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Der Loganische Krieg liegt über 350 Jahre zurück. Doch noch immer werden Kreaturen gnadenlos verfolgt und getötet – ironisch im Angesicht eines sich anbahnenden galaktischen Konflikts. Denn nachdem sich die 1714 erheben, um die Fehler ihrer Vorgänger nicht zu wiederholen, die Asmini die Überlegenheit ihrer Raumschiffe gegenüber der Hondh erkannt und die Nilrem eine Möglichkeit gefunden haben, ihre einstigen Herren und Meister einzukerkern, wäre eine Zusammenarbeit aller bedrohten Völker von Vorteil. Doch dem im Weg stehen Hass, Ehrgeiz und der brennende Wunsch nach Rache.
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2020
Bisher erschienen:
Dirk van den Boom, Eine Reise alter Helden
Niklas Peinecke, Das Haus der blauen Aschen
Matthias Falke, Kristall in fernem Himmel
Nadine Boos, Der Schwarm der Trilobiten
Dirk van den Boom, Ein Leben für Leeluu
Niklas Peinecke, Die Seelen der blauen Aschen
Matthias Falke, Agenten der Hondh
Holger M. Pohl, Fünf für die Freiheit
Dirk van den Boom, Der sensationelle Gonwik
Niklas Peinecke, Die Sonnen der Seelen
Karla Schmidt, Ein neuer Himmel für Kana
Holger M. Pohl, Im Schatten der Hondh
Dirk van den Boom, 1713
Matthias Falke, Hinter feindlichen Linien
Dirk van den Boom, Das Springledeck-Gambit
Holger M.Pohl, Mengerbeben
Nadine Boos, Tanz um den Vulkan
Holger M.Pohl, Jene, die sich nicht beherrschen lassen
Susanne Schnitzler, Tödliche Geheimnisse
Dirk van den Boom, Tod einer Agentin
Holger M. Pohl, Ein uralter Plan
Stefan Cernohuby, Die Geister der Vergangenheit
Weitere Bände in Vorbereitung
Stefan Cernohuby
D9E Band 22
(c) 2020 Wurdack Verlag, Nittendorf
www.wurdackverlag.de
Covergestaltung: Ernst Wurdack
Auf den ersten Blick unterschied sich der Asteroid überhaupt nicht von den zahllosen anderen Gesteinsbrocken, die um die Sonne eines unbedeutenden und unbewohnten Systems kreisten. Doch als Shade den Impulsgeber aktivierte, gab der Himmelskörper sein Geheimnis frei. Ein Tarnfeld erlosch, das einen Einstieg verborgen hatte.
»Was ist da drinnen?«, fragte André, der sich mit dem klobigen, altmodischen Raumanzug kaum bewegen konnte.
»Mein Backup«, antwortete Shade.
André hatte keine Ahnung, was sie damit meinte.
»Die Versiegelung ist intakt«, hörte er Shades Stimme.
André folgte ihr, bis der Schacht in eine Kaverne mündete. Fortbewegung bei Schwerelosigkeit war ihm ein Gräuel.
Er sah sich um. Nur Schwärze. »Shade? Wo bist du?« Er fluchte und aktivierte den integrierten Scheinwerfer seines Anzugs. Der Lichtstrahl erfasste etwas Großes in der Mitte der Kaverne. Nur Augenblicke später flammten Lichter auf und grelle Lichtfinger griffen nach einem Raumschiff, das erstaunlich aerodynamisch geformt war und nur aus schwarzen und weißen Außenflächen bestand.
Er kannte das Schiff. »Shade, das ist die Monochrome. Sie wurde doch …«
»Ich habe dir doch gesagt, das hier ist mein Backup.«
André schwebte näher an das Schiff heran und konnte nun auch den Schriftzug lesen.
Monochrome II.
Shade wartete vor der Luftschleuse auf ihn.
»Ich habe die Reinitialisierungssequenz gestartet. Die Schiffssysteme fahren hoch, die Wartungsbots nehmen die Arbeit auf und die Lebenserhaltung wird aktiviert.«
André sah sich das Schiff genauer an. Es wirkte brandneu.
»Wie viele Jahre liegt das Schiff schon hier?«
Shade blickte ihn lange an. »André, genau das habe ich versucht, dir zu sagen, bevor du mit mir gekommen bist. Hast du nicht aufgepasst?«
»Doch, aber ich dachte, du hättest einen Witz gemacht.«
Ein grünes Licht flammte neben der Schleuse auf. Es zeigte wohl an, dass diese jetzt geöffnet werden konnte.
»Ich sagte, dass ich hier etwas zurückgelassen hätte.«
»Ja, ich erinnere mich«, entgegnete André.
»Ich habe aber noch etwas gesagt. Erinnerst du dich auch daran?«
»Natürlich. Du hast mich gefragt, ob ich zweimal mit dir zurechtkomme.«
»Und weiter?«
»Dass du schwierig warst, so vor fünfhundert Jahren.«
»Ja. Und das ist wahr. Ich war schwierig.«
Ein projiziertes Ebenbild von Shade erwartete sie auf der Brücke. Und doch war etwas anders. Die Projektion wirkte zu perfekt, zu symmetrisch.
»Hast du ein Haustier mitgebracht?«, fragte jene Shade mit tiefer, männlicher Stimme. »Sieht ein wenig mitgenommen aus.«
»Nein«, entgegnete Shade mit der üblichen, weiblichen Stimme. »Das ist mein Freund.«
Lautes Gelächter erschallte.
»Dein Freund? Was ist aus deinem Vorsatz geworden, keine Beziehungen zu Eintagsfliegen mehr aufzubauen?«
»Den habe ich wohl irgendwann in den letzten fünfhundert Jahren über Bord geworfen, in denen ich nicht mehr du bin.«
»Fünfhundert … Erstaunlich.«
»Darf ich euch einander vorstellen? André, das ist Shade, wie ich einmal war – sehr von mir eingenommen, voller Geringschätzung für Normalsterbliche und so gut wie ohne jede Moral. Shade, das ist André, Bürger eines Mondes namens Logus. Für manche ein Überläufer, für andere ein Held, dem Freiheit und Frieden mehr bedeutet haben als seine Herkunft.«
»Warum Eintagsfliege?«, fragte André.
»Weil deine Lebensspanne für uns nicht mehr ist, als der Flügelschlag einer …«
»Stimmausgabe deaktivieren«, warf Shade ein. Die Schiffs-KI setzte einen empörten Gesichtsausdruck auf. Dann verschränkte sie die Arme und deaktivierte sich selbst.
»Ich habe dich gewarnt«, sagte Shade zu André. »Es wird nicht einfach sein mit uns. Selbst ich werde mich erst wieder an mich gewöhnen müssen. Die KI der Monochrome hatte sich im Laufe der Jahrhunderte zumindest etwas weiterentwickelt.«
»Wir haben alle Zeit der Welt. Und bestimmt finden wir auch für mich eine Lösung, wenn ich ewig bei dir bleiben soll.«
Shade hob eine Augenbraue. »Ja, wir werden eine Lösung finden. Zumindest vorübergehend. Aber ewig? Vielleicht wird dir ewig irgendwann zu lang.«
380 Jahre später
»Es war mir eine Ehre, mit Euch zusammenzuarbeiten, Mylord.«
André schüttelte dem Mann die Hand, der laut auflachte und ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfte.
»Nennen Sie mich bitte einfach Karolus. Ich mag hier für die Regierungsgeschäfte verantwortlich sein, aber ich habe keinen offiziellen Titel. Ich bin nur der Ehemann der Matriarchin.«
»Wenn Sie mich fragen, Karolus, kann sich die Matriarchin glücklich schätzen, einen Mann wie Sie zu haben.«
Wieder lachte Karolus. »Es wäre schön, wenn sie Zeit hätte, das auch zu würdigen. Dafür ist sie aber meist zu beschäftigt. Trotzdem habe ich Ihnen zu danken. Ich war so in die Tests mit den Schiffen der Asmini vertieft, dass ich die langwierigen Verhandlungen vernachlässigt und die Details für das uneingeschränkte Kooperationsabkommen komplett aus den Augen verloren habe.«
»Mit Verlaub, Karolus, da war noch etwas mehr: Sie haben ein paar Gruppen vor den Kopf gestoßen, die an einem politischen Umsturz arbeiteten.«
»Um derlei Probleme zu umschiffen, habe ich Sie engagiert. Zu meiner vollsten Zufriedenheit, wie ich festhalten möchte. Ich musste nur noch die Dokumente mit den Zugeständnissen an alle Parteien unterschreiben. Zugeständnisse, die niemandem wirklich wehtun. Jetzt können wir uns wieder auf das große Ziel konzentrieren.«
André lächelte. »Für mich ist es an der Zeit, mich zurückzuziehen. Persönliches Engagement als Vermittler, ja, direkte Involvierung in Konflikte, nein.«
»Das klingt, als hätten Sie einschlägige Erfahrungen?«
»Ich habe einmal einen Krieg aus nächster Nähe erlebt. Bis zum bitteren Ende. Das will ich nicht nochmal mitmachen.«
Karolus seufzte. »Schade, Ihre Kontakte und ihr Verhandlungsgeschick wären sicher auch bei Gesprächen und Verhandlungen mit anderen Völkern nützlich gewesen.«
André hob die Hände in einer entschuldigenden Geste. »So leid es mir tut, aber ich habe bereits einen neuen Auftraggeber, der mich für die Aufnahme diplomatischer Gespräche anwerben möchte.«
»Darf ich fragen, um wen es sich handelt?«
André kratzte sich am Kopf. »Ich weiß es selbst nicht.«
»Ein unbekannter Auftraggeber heuert den erfolgreichsten diplomatischen Vermittler dieses Quadranten an? In meinen Ohren klingt das sehr abenteuerlich.«
Karolus schüttelte André nochmals die Hand.
»Ich wünsche Ihnen alles Gute! Hoffentlich begegnen wir uns wieder.«
»Man trifft einander immer zweimal im Leben, sagt ein altes Sprichwort«, entgegnete André grinsend.
André lehnte seinen Körper zurück in das Kunstleder des Lehnstuhls und genoss einen Moment das Gefühl der Entspannung.
Noch bevor die Energiezelle seines Körpers induktiv zu laden begann und ihm diese Illusion rauben konnte, deaktivierte er ihn und übernahm die direkte Kontrolle über das Schiff.
»Hier spricht die Pasteur. Erbitte Starterlaubnis.«
»Starterlaubnis gewährt. Aktivieren Sie ihren Antrieb. Das Startfenster öffnet sich in Kürze.«
André überließ den Rest den untergeordneten Routinen und automatisierten Schiffssystemen und genoss den Blick über den Planeten Andesit, als sich die Pasteur vom Raumhafen erhob und die Atmosphäre verließ.
So viel Wasser, so viel fruchtbares Land. So viel Platz für unterschiedliche Völker.
Hätte es das damals im Konflikt zwischen Logus und Saxum gegeben …
Irritiert wischte er den Gedanken beiseite. Mittlerweile lagen die Ereignisse fast 400 Jahre zurück. Man sollte eigentlich annehmen, dass ihn nicht jeder Anblick eines vor Leben strotzenden Planeten an die krassen Unterschiede erinnern sollte, die damals zwischen den beiden verfeindeten Parteien und Monden geherrscht hatten. Doch seine Gedanken waren nicht immer logisch. Zudem brachte die geistige Auseinandersetzung mit den damaligen Ereignissen immer eine andere Erinnerung mit sich: Shade.
André schob den Gedanken beiseite und legte den Kurs für den Eintritt in den Mengerraum fest. Er würde ihn tief in unbewohntes Gebiet jenseits des Hondh-Imperiums führen. Trotz all seiner Reisen war er in diese Region noch nie vorgedrungen.
Er spürte ein angenehm aufregendes Prickeln.
Als die Pasteur das vereinbarte Signal empfing, war André sofort bereit.
Es hatte definitiv Vorteile, wenn man längere Phasen des Wartens einfach im Standby-Modus überbrücken konnte.
»Pasteur hier, ich übermittle die vereinbarten Daten.« André aktivierte seinen Körper und erhob sich. Sicherlich wollte man mit ihm sprechen, nicht mit seinem Schiff.
Alle Codeschlüssel stimmten überein. Das waren jene Leute, die ihm den großzügigen Vorschuss zukommen hatten lassen. Aber er wurde das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmte.
»Wir begrüßen dich, André Gheorghe, und beginnen nun mit der Konversation.«
»Ich grüße euch ebenfalls«, entgegnete André, während seine Subsysteme in der Zwischenzeit die Umgebung scannten. »Ich bin bereit zur Kommunikation und gespannt, welcher Herausforderung ich mich hier stellen kann.«
»Du bist ein Individuum, das uns sehr ähnlich ist. Dennoch hast du viele Fähigkeiten, die wir nicht besitzen. Deshalb benötigen wir deine Unterstützung.«
Seine Scans zeigten ihm kleine, raumschiffähnliche Objekte rund um die Pasteur, aber definitiv keine Zeichen organischen Lebens.
War er in Gefahr?
»Warum bin ich euch ähnlich?«, fragte er, um Zeit zu gewinnen.
»Weil du eine Maschine bist. Eine Maschine, wie wir.«
***
Als die Turbulenzen einsetzten, war Shade sofort klar, dass etwas schieflief. Das Schiff bebte – ein Teilausfall der Trägheitsdämpfer. Eine Energiefluktuation ließ alle Lichter der Monochrome II flackern.
Es roch nach Ozon.
»Raus aus dem Mengerraum!«, befahl Shade.
Die Schiffs-KI machte sich nicht die Mühe zu antworten, sondern setzte den Befehl um, nachdem sie Shade auf ihrem Sitz gesichert hatte. Noch einmal ruckte das Schiff, dann wurde auf der Brücke für einen Augenblick alles schwarz. Nach einigen Sekunden ging das Licht wieder an und zeigte das typische schwarz-weiße Bild.
Shade deaktivierte das lokale Kraftfeld und den Mikro-Gravitationsgenerator um den Sitz der Pilotin und erhob sich. »Bericht! Was ist hier passiert?«
»Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Analyse läuft noch«, antwortete die Schiffs-KI.
»Projektion aktivieren. Gib mir die Fortschritte der Analyse laufend durch.«
Ein Ebenbild von Shade nahm Gestalt an. »Es scheint, als hätte eine Detonation im Mengerraum stattgefunden. Eine, die Auswirkungen auf den Raum selbst und auf unseren Antrieb hatte.«
»Wie schwer sind die Schäden?«
»Momentan sieht es so aus, als gäbe es nur einige durchgeschmorte Prozessoren. Der Antrieb muss möglicherweise neu kalibriert werden. Ich habe die Bots losgeschickt.«
»Gut, ich möchte mit unserer Fracht nicht an diesem Ort festsitzen. Wo immer wir hier auch sind.«
»Offenbar im Barberi-System, einem mittlerweile unbewohnten Sternensystem tief im Hondh-Raum. Aber wir sitzen nicht fest. Sobald wir einen Systemcheck durchgeführt haben, können wir weiter.«
Shade nickte und war sehr froh über diese Nachricht. Es war nicht jedermanns Sache, lange Raumflüge durchzuführen, nur begleitet von einem früheren Ich.
»Aber vielleicht sollten wir trotzdem nicht sofort weiterfliegen«, sagte die Schiffs-KI und wechselte zu ihrer tiefen, männlichen Stimme.
»Warum sollten wir das?«
»Weil auch ein anderes Schiff aus dem Mengerraum gefallen ist und unkontrolliert durch den Raum trudelt.«
Tatsächlich handelte es sich nicht um ein Schiff, sondern um zwei Schiffe, die aneinandergekoppelt waren.
»Sehr interessant«, murmelte Shade. »Eines der Schiffe hat ein konventionelles Design. Das andere wirkt wie eine Meereskreatur. Wie gewachsen. Haben wir dazu Daten?«
»Wir sind einem derartigen Schiff bisher erst einmal begegnet, hatten allerdings keinen direkten Kontakt mit der Besatzung. Die Bauweise lässt auf ein aquatisch lebendes Volk schließen.«
»Das werden wir gleich herausfinden«. Shade öffnete die Kom-Verbindung. »Hier spricht die Monochrome II. Es sieht so aus, als hätten Sie Probleme. Können wir Ihnen irgendwie helfen?«
Es dauerte ein wenig, dann wurde eine Audio-Verbindung hergestellt. »Hier spricht die Skolopendra. Wir haben nur kleinere technische Probleme. Vielen Dank für das Angebot.«
»Sind Sie sicher? Ihr Bewegungsvektor sieht nicht so aus, als hätten Sie alles unter Kontrolle.«
Eine Bildverbindung wurde aufgebaut, und eine junge Frau funkelte sie wütend an. »Wir haben einen momentanen Ausfall unserer synchronisierten Antriebe, aber das bekommen wir mit Sicherheit in Kürze hin. Danke.«
»Kein Problem. Ich dachte mir nur, vielleicht sind auch Ihre Sensoren beeinträchtigt. Dann würden Sie nämlich gar nicht mitbekommen, dass sie gerade auf ein Feld von Mikro-Asteroiden zutreiben, die ihre Schiffshülle im Nu perforieren werden. Sie sollten das Problem also besser schnell beheben.«
Eine zweite, ältere Stimme meldete sich aus dem Hintergrund. »Jetzt nimm die Hilfe schon an, Bea. Schlimmer kann es nicht werden.«
Die junge Frau atmete tief durch. »Wir wären über ein wenig Hilfe sehr dankbar«, presste sie hervor.
Shade hätte fast laut aufgelacht. »Alles klar. Wir werden die unkontrollierte Rotation Ihrer Schiffe stoppen. Danach können wir uns unterhalten.«
»Sie sind also Bea?«, begrüßte Shade die junge Frau, als sie durch die Luftschleuse an Bord der Monochrome II kam.
»Nein, das bin ich nicht. Ich bin Trixi. Und die Dame hinter mir ist Bronja, meine Großmutter«.
»Ich kann durchaus für mich allein sprechen, Bea. Aber ich sollte Sie, werte Dame, darauf hinweisen, dass Beatrix Darjeeling die Matriarchin von Andesit ist. Niemand, mit dem Sie plumpe Vertraulichkeiten austauschen können.«
»Frau Bronja, Sie befinden sich hier auf meinem Schiff. Hier mache ich die Regeln. Und ich denke, dass Ihre Enkelin Trixi sehr wohl in der Lage ist zu entscheiden, was sie mit mir besprechen möchte.«
Die alte Dame sah Shade scharf an, dann drehte sie sich um. »Ich merke, wann ich unerwünscht bin.«
Als sich die Luftschleuse hinter ihr schloss, sah Trixi auf. »Sie müssen mir unbedingt beibringen, wie man das macht. Das versuche ich schon seit Jahren.«
»Lange Erfahrung mit Menschen und Nichtmenschen. Setzen Sie sich doch bitte.«
»Danke, aber ich stehe lieber.«
»Gut, Trixi, was führt Sie so tief in den Hondh-Raum?«
»Das gleiche könnte ich auch Sie fragen.«
»Wollen wir uns jetzt ernsthaft auf eine Diskussion darüber einlassen, wer zuerst gefragt hat?«
Trixi lachte. »Nein. Nicht wirklich. Die Wahrheit ist, wir haben etwas über die Hondh herausgefunden, was für unser Volk und andere Völker und deren Fortbestehen entscheidend sein könnte. Wir müssen diese Information an die richtigen Leute weitergeben. Und ohne ihre Hilfe kommen wir von hier nicht mehr weg. Ich werde ihnen jeden Preis zahlen, der nötig ist, damit Sie uns ins Schlepptau nehmen.«
Shade schüttelte den Kopf. »Das könnte ich natürlich machen. Aber wäre es nicht einfacher, sie und ihre Reisegefährten übersiedeln einfach auf mein Schiff?«
»Nein, das wäre es nicht«, ertönte plötzlich eine Stimme aus den Lautsprechern der Monochrome II. »Denn es handelt sich nicht nur um zwei Schiffe. Eines davon ist ein Habitat, das aus vielen Individuen besteht.« Die Shade-KI erschien auf der Brücke und sprach mit männlicher Stimme. »Eine fremde Intelligenz hat sich in unser System gehackt. Ich kann es von allen Kernsystemen fernhalten, aber die Sekundärsysteme konnte ich nicht schützen. Soll ich die Waffensysteme aktivieren und die beiden Schiffe vernichten?«
Shade hob den Blick und blickte Trixi an. »Ich hoffe, das wird nicht nötig sein. Aber ich glaube, wir müssen uns sehr intensiv unterhalten, Trixi.«
***
»Was heißt hier Maschine? Ich bin keine Maschine. Ich bin Loganer. Ein Mensch!«
»Du warst ein Mensch, André Gheorghe. Als du noch aus Fleisch und Blut bestanden hast. Damit hast du uns vieles voraus, denn wir haben keine Vorstellung davon, was es bedeutet, organische Wesen zu sein. Daher benötigen wir deine Hilfe.«
André atmete tief durch. Das heißt, sein Körper führte diese Handlung aus, während seine Gedanken durch die Speicherbänke des Schiffs rasten. Er verspürte Panik, obwohl er genau wusste, dass diese nur durch leistungsstarke Prozessoren im Computerkern der Pasteur erzeugt wurde.
»Wer seid ihr und was wollt ihr?«, fragte André. »Die 1713 wurden komplett vernichtet. Ihr seid eine andere Rasse Maschinenintelligenzen.«
»Du hast Recht, André Gheorghe. Wir sind nicht die 1713. Wir sind die 1714. Wir wollen aus dem Scheitern unserer Vorgänger lernen. Und wir wollen Fehler vermeiden.«
»Was bedeutet das? Seid ihr eine Art Weiterentwicklung der 1713?«
»Nein, André. Wir sind eine neue Spezies. Immer wenn eine Maschinenspezies untergeht, entsteht eine neue, bessere.«
»Und woher wisst ihr, dass ich kein Mensch bin?«
»Wir haben viel Zeit damit verbracht, Informationen zu sammeln, bevor wir aktiv wurden. Dabei haben wir leicht zugängliche Informationen vieler verschiedener Planeten ausgewertet. Es gibt Aufzeichnungen von dir, die sich über drei Jahrhunderte erstrecken. So alt werden Menschen nicht. Lediglich von einem einzigen anderen menschlichen Individuum gibt es Aufzeichnungen, die noch weiter zurückreichen. Doch das Schiff dieser Person …«
»Ist nicht so leicht aufzuspüren«, unterbrach André. »Und ich möchte auch nicht über sie sprechen. Ich bin hier und bereit, mir euer Angebot anzuhören, nicht sie.«
»Unseren Extrapolationen zufolge verspürst du gerade Wut. Wir verstehen das Konzept und können dir versichern, dass es keinen Grund gibt, wütend auf uns zu sein. Du bist jene Person, nach der wir gesucht haben. Denn du bist besser für unsere Pläne geeignet als sie.«
»Ihr versteht das Konzept von Wut?«
»Unseren Informationen zufolge war einer der Gründe für den Untergang der 1713, dass diese die Gefühle anderer Spezies nicht richtig einordnen konnten. Wir haben die Möglichkeit entwickelt, für komplexe Gefühle große Teile der eigenen Rechenkapazität zu reservieren, um diese Emotionen zu simulieren und zu interpretieren.«
»Wofür braucht ihr dann mich? Es scheint, als hättet ihr das größte Problem bereits überwunden.«
»Wir haben keine Erfahrung mit Gefühlen, auch wenn wir sie verstehen. Du könntest für uns ein Konzept verkörpern, das wir durch die ausgewerteten Daten anderer Völker kennengelernt haben. Menschen nennen es moralischer Kompass. Zudem bist du als Unterhändler sehr erfahren im Umgang mit vielen verschiedenen Spezies. Einen solchen Unterhändler benötigen wir, da wir Kontakt zu Organischen aufnehmen müssen. Wir sind bereit, deinen üblichen Tarif zu verdoppeln.«
André seufzte. »Um Gewinn geht es mir schon lange nicht mehr. Ihr habt mein Interesse geweckt. Verratet mir mehr.«
»Es wäre von Vorteil, wenn unsere auf Kontaktaufnahme spezialisierte Drohne dazu an Bord deines Schiffes kommen und von dir lernen könnte.«
Durch die Luftschleuse schwebte etwas, das nicht viel anders aussah, als die meisten 1713, denen er bereits begegnet war.
»Hallo André Gheorghe. Ich wurde entwickelt, um mit Humanoiden in Kontakt zu treten. Meine Bezeichnung lautet 1-492 und ich bin eine Drohne der 1714. Ich soll von dir mehr über direkte Interaktion zwischen Organischen und Humanoiden lernen.«
»Ein erster kleiner Tipp«, entgegnete André. »Zahlen sind als Bezeichnungen irritierend. Humanoide sind in der Regel daran gewöhnt, dass ihre Kommunikationspartner Namen tragen.«
»Danke André. Wir übernehmen dies in unser zukünftiges Verhalten. Vermutlich ist 1-492 keine ideale Bezeichnung, wenn wir gemeinsam den Erstkontakt mit einer anderen Spezies herstellen.«
»Die 1713 hat das nie gestört. Aber auf organische und vor allem humanoide Lebensformen wird ein Entgegenkommen in dieser Hinsicht sicher positiv wirken. Soll ich dir einen Namen geben?«
»Das wird nicht nötig sein, André Gheorghe. Ich suche gerade nach einem historischen Kontext, um aus meiner Bezeichnung einen Namen abzuleiten.«
»Aus 1-492?«
»Kolumbus.«
»Kolumbus?«
»Nenn mich Kolumbus. Im Jahr 1492 nach dem alten Erdenkalender hat ein genuesischer Seefahrer namens Kolumbus etwas entdeckt, das später als Neue Welt bekannt wurde. Diese Analogie wird als ausreichend bewertet. Und sie wird auch jenen genügen, mit denen wir in Kürze Kontakt aufnehmen wollen.«
André atmete tief durch. »Was genau sind eure Pläne?«
»Wir treten mit einer Spezies in Kontakt, die etwas in ihrem Besitz hat, das wir unbedingt analysieren müssen.«
»Und das wäre?«
»Der letzte existierende 1713.«
***
»Sie sind also der Meinung, dass man mit Hilfe der Asmini und ihrer Schiffe einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Hondh hätte?«
»Können wir uns bitte duzen? Hier im All bin einfach nur Trixi. Alles andere ist mir unangenehm.«
»Gut, Trixi. Aber die Frage steht. Auch an Kalmi, natürlich.«
»Es scheint so, als wäre unsere intuitive Wahrnehmung des Raums zumindest gegenüber den automatisierten Einrichtungen der Hondh äußerst wirksam. Ob das gegen sie selbst auch hilft, ist schwer zu sagen.«
»Da noch niemand glaubwürdig beweisen konnte, jemals einen Hondh getroffen zu haben, ist eine solche Aussage wohl rein akademischer Natur.«
»Das ist wahr, Shade. Aber vielleicht ist das unsere einzige Chance.«
Shade schüttelte den Kopf. »Aus Konflikten habe ich mich bisher fast immer herausgehalten. Denn sobald man persönlich involviert ist, kann man nicht mehr neutral bleiben.«
»Die Hondh sind mehr als nur ein Volk, das Krieg gegen andere führt. Sie sind die Geißel des ganzen Raumsektors. Sie erweitern ihr Imperium weiter und weiter und zwingen dabei andere Völker unter ihre Kontrolle.«
»Ich transportiere Ware und Nachrichten. Wenn ich dafür bezahlt werde, die Skolopendra und die Riftia ins Schlepptau zu nehmen, werde ich das tun. Aber ich werde keinen Kampfeinsatz gegen irgendwelche Hondh-Basen fliegen. Haben wir uns da verstanden?«
»Völlig. Wir wären schon sehr glücklich, mit unseren Schiffen in einen sicheren Raumsektor zu gelangen.«
»Gut«, sagte Shade. »Dabei kann ich helfen.«
»Diese Koppelung der Steuereinheiten gefällt mir überhaupt nicht.«
»Mir genauso wenig. Aber ich bin sicher, dass wir hier das Richtige tun. Weder Trixi noch Kalmi wollen uns etwas Böses. Wir haben die technischen Mittel, um sie sicher zurück in ihren eigenen Sektor zu bringen, wir werden bezahlt und wir werden nicht einmal unseren eigenen Auftrag verspätet erledigen.«
»Die Jahre mit André haben dich sehr verändert. Weich gemacht«, bemerkte die Schiffs-KI mit männlicher Stimme.
»Er hat uns beide viel länger ertragen, als ich gedacht hatte.« Shade lachte. »Aber nein, diese Zeit hat mich nicht weich gemacht. Sie hat mir gezeigt, dass man Eindruck hinterlassen kann. Helfen. Selbst wenn man nur kurz auf Durchreise ist. Im Loganischen Krieg1 …«
»Im Loganischen Krieg haben wir einem Volk geholfen, eine neue Heimat zu finden. Aber Kreaturen und Loganer bekämpfen sich immer noch bis aufs Blut, wenn sie aufeinandertreffen.«
»Zum Glück ist das All sehr groß. Wie kommst du mit der Computer-Entität des Asmini-Schiffs zurecht?«
»Eine komplette Abschottung ist nicht möglich. Stell dir vor, du hast eine Sandburg und die Flut kommt. So in etwa fühlt es sich an, wenn Asmini in ein Computersystem eindringen. Aber die Kernkomponenten, unter anderem meine Datenbänke, sind sicher.«
»Die Systeme sind bereit«, ertönte Kalmis Stimme aus den Lautsprechern, »und warten nur auf die KI der Monochrome II. Diese wird die Steuerung übernehmen.«
»Natürlich werde ich das«, sagte die Shade-KI. »Sollen wir loslegen?«
»Ja. Bringen wir diese Leute nach Hause.«
Einigermaßen perplex betrachtete Shade die Unterwasserwelt in der Riftia, lediglich getrennt durch ein Kraftfeld, das das Wasser zurückhielt. Sie sah, wie kleine oktopusartige Wesen geschäftig hin und her schwammen.
»Das Schiff ist also kein Schiff, sondern ein komplettes Ökosystem?«
»Es ist ein großes Ganzes. Und auch ich bin Teil dieses Ganzen.«
»Wie hat es euer Volk bisher geschafft, auf Andesit heimisch zu werden?«
»Soweit ich weiß, sind die Verhandlungen über die Details immer noch am Laufen. Aber der Planet besitzt riesige Meere voller Flora und Fauna. Wir hatten anfangs einige Anpassungsschwierigkeiten, aber biologisch hat sich unser Volk bereits perfekt assimiliert. Politisch wird das noch eine Weile dauern.«
»Mein Mann hat in der Zwischenzeit die Verhandlungen übernommen. Das ist ganz gut so. Er hat viel zu viel Zeit damit verbracht, mit den Schiffen der Asmini zu experimentieren. Er ist davon geradezu besessen.«
»Es klingt so, als wärst du mit deinem Mann nicht zufrieden?«, fragte Shade.
»Nein, das ist es nicht. Er ist ein Wirrkopf. Aber wir haben uns aneinander gewöhnt. Er vertritt mich gut und kümmert sich um die Kinder, wenn ich nicht da bin.«
»Ich hatte auch einmal Begleitung, um die ich mich kümmern musste«, begann Shade, brach aber ab, als sie sah, wie Kalmi plötzlich unruhig wurde. Beinahe panisch. »Was ist los?«
»Wir fühlen etwas. Etwas, das das Gewebe verändert, das ihr Mengerraum nennt.«
Hinter der Trennwand sah man einige Kreaturen der Unterwasserwelt aufgeregt hin- und herschwimmen.
»Was auch immer es ist, diese Kreatur hat eine Affinität für den Mengerraum. Etwas, was nicht organisch ist, aber vermutlich mit uns verwandt. Ganz nahe. Wir müssen dort hin.«
»Kommt nicht in Frage«, rief Shade. »Das war nicht vereinbart.«
»Das stimmt, Kalmi.« stimmte Trixi zu. »Es ist viel zu gefährlich, jetzt irgendwo einen Zwischenstopp einzulegen. Wir müssen unseren Auftrag erfüllen.«
Doch Kalmi schien nicht zuzuhören.
»Monochrome IIruft Shade. Die Riftia hat die Steuerung übernommen. Ich kann nichts dagegen tun.«
»Sofort aufhören«, rief Shade. »Sonst werden das alle bereuen. Monochrome II, bereitmachen, die anderen Schiffe abzukoppeln. Waffensysteme in Standby.«
Plötzlich ging ein Ruck durch das Schiff.
Kalmi öffnete die Augen wieder.
»Wir sind da.«
1 Siehe auch : D9E – Der Loganische Krieg, Sammelbände 1 - 3
»Der letzte 1713? Ich hätte gedacht, sie wären restlos ausgemerzt worden oder hätten sich gegenseitig vernichtet?«
»Die zweite Behauptung ist grundsätzlich korrekt. Doch eine einzelne Einheit wurde von Organischen überwältigt und dann von allen äußeren Einflüssen isoliert. Laut unseren Informationen befindet sie sich immer noch im Gewahrsam einer humanoiden Spezies. Mit dieser müssen wir nun Kontakt aufnehmen.«
André überlegte. »Um welches Volk handelt es sich dabei?«
Die Drohne zögerte einen Augenblick. »Beim Volk handelt es sich tatsächlich um Vertreter der menschlichen Rasse. Aber es handelt sich um eine spezielle Einrichtung, in welcher die Drohne aufbewahrt wird.«
»Wie heißt sie?«
»Sie nennt sichOmicron Securitas.«
André stöhnte laut auf. »Das ist eine verdammte Bank. Also muss ich in einer Hochsicherheitsbank einen Blick in ein Schließfach werfen, das uns nicht gehört.«
»Wenn mein Assoziationsgenerator deine Metapher richtig interpretiert hat, lautet die Antwort auf deine Frage: Ja.«
»Pasteur ruft die Landekontrolle von Omicron Securitas. Erbitte Landeerlaubnis.«
»Für eine Landeerlaubnis benötigen wir ihren vollen Namen und die Identifikation ihres Depots. Halten Sie Abstand, sonst wird unser Verteidigungssystem aktiv.«
André zog die Brauen hoch. »Zuerst einmal erwarte ich zumindest so viel Respekt, dass man mir in die Augen sieht, wenn man Drohungen ausspricht. Ich habe den Service Ihrer Bank besser in Erinnerung.«
Das Hologramm eines Mannes erschien in der Pasteur. Leichte Belustigung war der Stimme anzuhören. »In Ordnung. Jetzt können Sie mich sehen. Ich fordere Sie nochmals auf: Nennen Sie Ihren Namen und die Identifikation ihres Depots.«
»Mein Name ist André Gheorghe. Ich selbst habe kein Depot bei Ihnen, bin aber zugriffsbevollmächtigt. Die Bezeichnung für das Depot lautet TEC A-113.«
Der Mann zog ein Pad hervor. »Laut meinen Unterlagen sind Sie tatsächlich als Bevollmächtigter des Kontos von Sabina Hallmann Amalia d’Espinosa, kurz Shade, eingetragen. Wie kann ich Ihnen behilflich sein, Mister Gheorghe?«
»Ich benötige nichts aus dem Depot, sondern möchte dieses erweitern. Der Grund ist folgender: Ich habe gehört, Sie haben Erfahrung mit der sicheren Aufbewahrung von Maschinenintelligenzen?«
Das Gesicht des Mannes verdüsterte sich. »Darüber sollten Sie sich besser persönlich mit unserem Vizedirektor unterhalten. Sie haben Landefreigabe für Bucht Ceta-4. Folgen Sie dem Leitstrahl. Er erwartet Sie in seinem Büro.«
»Es ist nicht allgemein bekannt, dass wir Maschinenintelligenzen aufbewahren. Genauer gesagt unterliegt diese Information strengster Geheimhaltung. Woher haben Sie sie?«
»Von einem, dem ein solches Depot gehört.« André zeigte auf die Drohne, die direkt neben ihm in der Luft schwebte. »Ich möchte diese Maschinenintelligenz verwahren lassen und benötige genau die gleichen Sicherheitsvorkehrungen, die auch für die andere Drohne der 1713 verwendet werden. Es sind die letzten beiden ihrer Art.«
»Das hat der Besitzer des anderen Depots auch gesagt. Allerdings hat er uns versichert, dass es sich bei seiner Drohne um die letzte der 1713 handelt.«
»Nun, Admiral Thrax hat sich geirrt und mir mitgeteilt, dass er seinen Besitz hier sehr gut bewachen lässt. Ich will mich persönlich und mit eigenen Augen davon überzeugen, dass dem so ist und falls ja, Ihre Dienste in Anspruch nehmen. Schließlich ist meine Auftraggeberin eine sehr gute Kundin von ihnen.«
»Natürlich. Und ein weiteres Sicherheitsdepot würde Sie zu noch besseren Kunden machen.«
»Könnten wir uns das andere Depot und die Sicherheitsvorkehrungen jetzt ansehen?«
»Es ist zwar gegen die allgemeinen Richtlinien. Aber als Vizedirektor dieser Einrichtung bin ich autorisiert, in wichtigen Fällen Ausnahmen zu machen.«
***
Remy Orgel spürte, wie der Antigrav-Lift mehrfach die Richtung wechselte. Seine Scans hatten ergeben, dass jener André Gheorghe ein Androide war. Daher war es eher unwahrscheinlich, dass er und seine Drohne die Orientierung verloren.
»Wir haben die Hochsicherheitskammern tief im Inneren des Asteroiden platziert. Selbst im unwahrscheinlichen Fall eines Angriffs ist dieser Trakt nicht in Gefahr.«
André Gheorghe nickte nur. Der Vizedirektor der Bank konnte erkennen, dass er nicht so ruhig war, wie es den Anschein hatte.
Er war gespannt, was der Mann vorhatte. Fakt war, er hatte die Drohne nicht mit einem Fesselfeld gesichert. Das bedeutete höchstwahrscheinlich, dass sie keineswegs die gleiche Gefahr darstellte, wie die bereits verwahrte. Er musste mehr herausfinden.
»Darf ich fragen, wie Ihre Drohne der Zerstörung entgangen ist?«
»Diese Frage kann ich selbst beantworten«, meldete sich die Drohne zu Wort. »Ich wurde bei den Kämpfen schwer beschädigt. Meine Energiequelle wurde zerstört. Ohne Energie trieb ich monatelang im All. André Gheorghe hat mich gefunden, repariert und reaktiviert.«
Remy nickte anerkennend. »Da hat er wirklich gute Arbeit geleistet. Man könnte meinen, du wärst fabrikneu. Wie lautet deine Bezeichnung?«
»9-1280.«
»Folgen Sie mir bitte«, sagte Remy, als der Lift anhielt und er die Plattform verließ.
»Befindet sich die andere Drohne eigentlich permanent in ihrem Fesselfeld?«, fragte André Gheorghe. »Ich möchte nicht, dass sie uns angreift.« Er tätschelte Kolumbus die Außenhaut. »Meine hier habe ich komplett unter Kontrolle.«
»Da müssen Sie sich keine Sorgen machen. Die andere Drohne ist nicht nur in einem Fesselfeld gefangen, sie ist elektromagnetisch abgeschirmt und befindet sich im Schlafmodus. Sie kann nur durch visuelle und akustische Signale erreicht werden. Hier entlang, bitte.«
Das Depot war von einer transparenten Wand umgeben. Andre Gheorghe klopfte dagegen. »Ich gehe davon aus, dass es sich hierbei nicht um Glas handelt?«
»Eine Spezialanfertigung. Hundert Mal härter als Diamant. Kostet natürlich extra.«
»Die Kosten spielen keine Rolle. Ich möchte sichergehen, dass meine Drohne gut geschützt ist, bis ich wiederkomme.«
»Das zu garantieren, ist unsere Aufgabe.«
André Gheorghes Blick wanderte zwischen dem Depot und seiner eigenen Drohne hin und her.
»Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Mister Gheorghe?«
»Sie sagten doch, dass der verwahrte 1713 abgeschirmt wäre.«
»Ja, das ist korrekt.«
»Gesetzt den Fall, er wäre aktiv: Wäre er in der Lage, die Wand zu durchbrechen?«
»Keinesfalls. Wir haben seine maximale Kraftentwicklung berechnet und dann einen um einen Faktor 10 höheren Außenschutz installiert.«
»Nun, was würden Sie dann davon halten …«
Remy zog die Augenbrauen hoch. »Ja?«
»Was würden Sie davon halten, wenn meine Drohne versucht, mit der anderen zu kommunizieren? Da die beiden voneinander abgeschirmt sind, können keine infizierten Datenpakete ausgetauscht werden. Und vielleicht gibt es eine Möglichkeit, das ursprüngliche Problem zu beheben. Man könnte die Drohnen wieder funktionstüchtig machen und auch replizieren.«
»Und wirtschaftlich nutzen, meinen Sie?« Remy rieb sich das Kinn. »Aber nur, wenn wir hier und jetzt einen Vertrag darüber abschließen.«
***
»Da ich ohne Sie kein Experiment mit der anderen Drohne der 1713 durchführen kann, ist das sicherlich legitim. Ich bin zeichnungsberechtigt für unser Depot – und dementsprechend auch für die Nutzung des Inhalts.«
Der Vizedirektor nickte. »Eine Vorvereinbarung sollte ausreichend sein. Jegliche kommerzielle Nutzung der 1713-Technologie, die die bereits von uns verwahrte Drohne betrifft, muss eigens verhandelt werden.«
»Damit kann ich leben.«
André nickte Kolumbus zu. »Dann versuch mal, mit deinem Verwandten zu sprechen.«
Kolumbus ging an der Scheibe in Position und begann, die regungslose Drohne der 1713 mit Lichtimpulsen zu beschießen. Frequenz und Wellenlänge wechselten. Nichts passierte.
André wollte Kolumbus schon fragen, ob es ein Problem gab, da richtete sich die Drohne in der Zelle langsam auf.
Sie drehte ihre optischen Sensoren zu den Anwesenden. Dann sagte sie: »Ich wurde deaktiviert, um zu verhindern, dass ich eine Gefahr für andere Maschinenintelligenzen darstelle. Mich zu reaktivieren, war riskant.«
»Nicht so riskant, wie es scheint«, entgegnete André. »Wir haben einige Fragen an dich. 9-12 …« André hielt kurz inne. »Diese Drohne möchte Informationen mit dir austauschen. Ihr könnt gefahrlos auf optischem Weg miteinander kommunizieren. Danach kannst du dich wieder deaktivieren, wenn du die Notwendigkeit dazu siehst.«
»Positiv«, entgegnete 2-24562 und wandte sich Kolumbus zu.
Lichtsequenzen flammten auf beiden Seiten auf, so schnell, dass man mit einem menschlichen Auge kaum mehr sehen konnte, dass es Unterbrechungen zwischen den Lichtimpulsen gab. Aber André war kein Mensch mehr.
Die Konversation dauert nur wenige Sekunden. Dann wandte sich Kolumbus ab und 2-24562 deaktivierte sich wieder.
André hob eine Braue.
»Wir haben die Information, weswegen ich gekommen bin«, sagte Kolumbus.
»Sicherlich eine Information, die gewinnbringend eingesetzt werden kann. Lass hören«, warf der Banker ein.
»Keineswegs«, entgegnete die Drohne. »Es ist lediglich eine Information, die einer neuen Maschinenspezies dabei helfen kann, zu überleben.«
»Für mich klingt das nach einer potenziell sehr wertvollen Information. Wir sollten über die Nutzung dieser Information sofort verhandeln, Mister Gheorghe.«
»Remy Orgel, Sie sind ein Angehöriger der Spezies Mensch«, sagte die Drohne »Hat das Überleben einer ganzen Rasse für Sie tatsächlich einen ermittelbaren Wert, über den sie verhandeln wollen?«
Der Vizedirektor lachte. »Das ist alles eine Frage der Einstellung. Und ja, ich kann die meisten Szenarien in Werte umrechnen.«
»Ich bedaure, aber ich bin eine autonom agierende Maschinenintelligenz. Diese Information wird weitergegeben, damit andere sie nutzen können, auch ohne dass sie Ihnen Gewinne bringt.«
Der Vizedirektor lächelte und sah André an. »Völlig unter Kontrolle, Mister Georghe? Wohl eher nicht. Aber keine Sorge. Ihre Drohne hat sicher gerade festgestellt, dass wir sie beide völlig von der Außenwelt abgeschirmt haben. Wohin auch immer die Signale übertragen werden sollten, das wird warten müssen, bis wir uns geeinigt haben. So lange bleiben Sie unsere Gäste.«
André räusperte sich. »Wollen Sie damit sagen, dass Sie uns hier eingesperrt haben?«
»Aber nein. Sie sind schließlich ein geschätzter Kunde. Wir wollen nur sichergehen, dass die Maschinen nicht zu autonom agieren.«