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Plötzlich wurde es sehr kalt, und Jill fröstelte. Auch Raff fror und zog sich den schwarzen Trenchcoat noch enger um den dürren Körper. Ihre Schritte hallten im Tunnel wider, und Jill griff ängstlich die Hand ihres Mannes. Sie presste sich fest an Raff, was ihm lästig war. Das Licht des Mondes war verschwunden, aber er hatte eine Taschenlampe dabei.
»I – gitt!«, schrie Jill, als eine fette Ratte über ihren Schuh lief. Auch Gert ekelte sich, denn drei andere liefen zwischen seinen Beinen hindurch. »Lass uns abhauen – bitte!«, wimmerte Jill. Sie zog an Raffs Jacke wie eine Ertrinkende. »Das ziehen wir durch. Ihr zwei könnte ja alleine nach Hause gehen.« Er grinste, denn die Beiden hätten vor Angst den Rückweg nicht gefunden.<
»Hier atmet etwas«, sagte Gert und hörte sich nicht gut an …
Das ist ein Ausschnitt aus der Erzählung ›Die Insel der Furcht‹ in diesem Band – Stephan Peters war gerade in seinen Lesungen für seine kriminell-schwarzhumorigen, bitterbösen, morbiden und gruseligen Stories und Novellen bekannt. Bärenklau Exklusiv präsentiert in mehreren Bänden das ganze erzählerische Werk des Autors.
In diesem Band sind folgende Geschichten enthalten:
› Todesschatten
› Darkroom – Im Namen des Vaters
› Meine Jahre mit Anna
› Das appe Bein
› Wir ziehen nach Bali und züchten Kakadus
› Wie sehr es kompliziert ist, nach Köln zu kommen
› Meine Nächte in El Paso
› Die Insel der Furcht
› Mein lieber René
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Stephan Peters
Das appe Bein
und andere
makabre Geschichten
Phantastische Erzählungen
Copyright © by Author/Bärenklau Exklusiv
Cover: © by Steve Mayer, mit einem eigenen Motiv von eedebee (KI), 2024
Korrektorat: Ilka Richter
Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang
www.baerenklauexklusiv.de / info.baerenklauexklusiv.de
Die Handlungen dieser Geschichte ist frei erfunden sowie die Namen der Protagonisten und Firmen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.
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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Das appe Bein und andere makabre Geschichten
Todesschatten
Darkroom – Im Namen des Vaters
Meine Jahre mit Anna
Das appe Bein
Wir zieh’n nach Bali und züchten Kakadus
Wie es sehr kompliziert ist, nach Köln zu kommen
Meine Nächte in El Paso
Die Insel der Furcht
Mein lieber René,
Plötzlich wurde es sehr kalt, und Jill fröstelte. Auch Raff fror und zog sich den schwarzen Trenchcoat noch enger um den dürren Körper. Ihre Schritte hallten im Tunnel wider, und Jill griff ängstlich die Hand ihres Mannes. Sie presste sich fest an Raff, was ihm lästig war. Das Licht des Mondes war verschwunden, aber er hatte eine Taschenlampe dabei.
»I – gitt!«, schrie Jill, als eine fette Ratte über ihren Schuh lief. Auch Gert ekelte sich, denn drei andere liefen zwischen seinen Beinen hindurch. »Lass uns abhauen – bitte!«, wimmerte Jill. Sie zog an Raffs Jacke wie eine Ertrinkende. »Das ziehen wir durch. Ihr zwei könnte ja alleine nach Hause gehen.« Er grinste, denn die Beiden hätten vor Angst den Rückweg nicht gefunden.
»Hier atmet etwas«, sagte Gert und hörte sich nicht gut an …
Das ist ein Ausschnitt aus der Erzählung ›Die Insel der Furcht‹ in diesem Band – Stephan Peters war gerade in seinen Lesungen für seine kriminell-schwarzhumorigen, bitterbösen, morbiden und gruseligen Stories und Novellen bekannt. Bärenklau Exklusiv präsentiert in mehreren Bänden das ganze erzählerische Werk des Autors.
In diesem Band sind folgende Geschichten enthalten:
› Todesschatten
› Darkroom – Im Namen des Vaters
› Meine Jahre mit Anna
› Das appe Bein
› Wir ziehen nach Bali und züchten Kakadus
› Wie sehr es kompliziert ist, nach Köln zu kommen
› Meine Nächte in El Paso
› Die Insel der Furcht
› Mein lieber René
***
Als Turau diesen neuen Stadtteil entdeckte, entdeckte er mit ihm die Schatten. Er entschlüsselte die Schatten und mit ihnen den Tod. Doch bis es soweit war, zog er es vor, sich in der flachen Welt des Raumes zwischen den Schatten zu etablieren: der Welt des Profanen. Gemeinsam mit seiner Frau Pauline, der Frau, die seinen häufig bedeckten Augen – wie er es nannte – das Licht in dieser profanen Welt wenigstens zeitweilig zurückgab, ihm damit Augenblicke der Wärme schenkte.
Bevor er sie kennenlernte, war sein Interesse eher auf Alpträume gerichtet, die ein Gutteil seiner Nächte und sogar Tage ausmachten. Turau träumte von blau-schwarzen Monolithen, die sich auf die kleine Stadt senkten, um alles zu begraben – ihn zuletzt – oder er hatte Visionen von großen Vögeln, deren lange, schwarze Schwingen die Sonne verdunkelten, so dass die Menschen unter ihr erfroren. Träumte er nicht, war sein Interesse zersplittert wie ein Stück Eis, das von einem rostigen Hammer zertrümmert wurde. Alles und doch nichts regte seine Aufmerksamkeit an; er huschte mit den Augen von hier nach da und versuchte manchmal, die Splitter mit den Händen aufzufangen um sie dann zu einem begreifbaren Bild zu gestalten. Welches Bild war gleichgültig. Wichtig war überhaupt ein Bild, mit dem Turau so einigermaßen leben konnte. Aber Pauline machte aus seinem Flutlichtbewusstsein einen Punktstrahler, in dessen Mitte sich die beiden befanden. Alles Störende, alles Zuviel an Leben, wurde ausgeblendet.
Von Pauline begleitet unternahm Turau zum ersten Mal lange Spaziergänge, zum ersten Mal las er Bücher, anstatt stundenlang auf die Straße zu starren, um das Unkraut zwischen den Steinen zu zählen. Er war in der Lage, Menschen direkt in die Augen zu sehen. Wohlwollend. Ab und zu sogar ein Lächeln auf dem Gesicht. Turau war Straßenbahnschaffner. Und seit seiner Heirat mit Pauline waren die Schienen vor ihm und die Stromleitungen über ihm nicht verstörende, sinnlose Stränge in einen Abgrund, sondern Wege nach oben, dorthin, wo es immer klarer wurde. Sechs Jahre durfte er schon in dieser Klarheit leben, bis Turau beschloss, einen für ihn neuen Stadtteil aufzusuchen. Ein Unternehmen, das ihm vor dieser Zeit noch unmöglich gewesen wäre. Die Straßenbahngleise, die Vielzahl der Gassen und Menschen, hielten ihn damals von neuen Unternehmungen ab, die schwere Einbrüche in sein Realitätsbewusstsein bedeutet hätten, das er sich täglich neu und unter Mühen gestalten musste.
Aber nun war alles anders. Sein Weg führte ihn an alten Häusern vorbei, zwischen denen Müllcontainer standen. Wie alte, seltsame Tiere sahen sie aus, so, als wären sie aus einem Fantasy-Film entsprungen. Verrottete Autos davor glichen radioaktiven Kälbern, die auf den Tod warteten. Fabrikhallen befanden sich neben Patrizierhäusern, aus deren Fenstern Unkraut wucherte. Die dunklen Fensterscheiben waren eingeschlagen, und Türen knirschten und klapperten in den Angeln. Es war an einem späten Nachmittag im Oktober. Die Straßenbeleuchtung, die in den defekten Laternen sowieso keine Chance hatte, war ausgefallen. In den Auslagen der Fenster schien es nur Dinge zu geben, die vor zwanzig Jahren einmal aktuell und modisch waren. Staub zwischen den Artikeln, der Fernseher in einem Radiogeschäft war ein Schwarz-Weiß-Gerät und wurde als Neuheit angepriesen. Es waren alles kleine, mickrige Läden. Kein einziges Kaufhaus oder SB-Geschäft. Nur wenige Passanten waren unterwegs, die die Mantelkrägen im Herbstregen hochschlugen. Turau trat auf dickes Laub, das Jahre alt zu sein schien. Überhaupt war alles alt, kein einziges Kind auf den schmutzigen Straßen. Zum ersten Mal seit sechs Jahren kam er sich wieder verlassen und desorientiert vor. Er dachte an Pauline, die jetzt so weit weg war – ob es sie überhaupt gab? – dachte an seine Wohnung, in die sie so viel Licht und Wärme gezaubert hatte. Zudem war er zu dünn angezogen und zog fröstelnd die Schultern hoch, und Tausende von kleinen Regenaugen auf dem dünnen Mantel blickten ihn fragend an. Wie die Augen von toten Fischen sahen sie aus und kullerten herunter. Angewidert wischte er die restlichen weg, um zugleich Platz für neue zu machen.
Turau wollte zurück, bekam auf einmal Panik. Ein alter Mann auf der anderen Straßenseite winkte ihm langsam zu, verbeugte sich linkisch und verschwand um die Ecke. Der Regen hatte zugenommen, und glitt schweigend wie ein Stück altes Tuch an den Häusern vorbei. Turau hielt sich an einer Hauswand fest. Er fühlte sich elend und nicht mehr in der Lage, ohne zu schwanken über die Straße zu gehen. Seine Finger gruben sich in dem regennassen Mörtel ein, rutschten tiefer und wurden von einem Messingbeschlag gestoppt, an dem er sich beinahe geschnitten hätte. Der Messingbeschlag bildete die Worte: GBF. Daneben eine große Haustür aus morscher Eiche, die offen stand. Unter Mühen gelang es Turau, den marmornen Eingang zu durchqueren, wobei er sich an den Seitenwänden mit Stuck festhielt. Vor ihm erstreckte sich ein mit gelblichem Licht beschienener Flur. An einer alten Jugendstil-Garderobe hingen nasse billige Mäntel und Schals. Turau schnüffelte wie eine Katze, um den modrigen Geruch des Hauses zu identifizieren: eine Mischung aus Keller und faulendem Laub. Ein langer Schatten glitt die brüchige Marmortreppe hinunter. »Guten Abend!«, sagte eine leise Stimme, die zu einem älteren, dürren Mann gehörte, der einen braunen Anzug anhatte, der vor zehn Jahren einmal modern gewesen war. Der Mann hatte eine Halbglatze, und einige Haare hingen ihm wirr in die Stirn. Seine Nasenflügel vibrierten etwas, als läge er auf der Lauer. Er war klein und blickte Turau mitleidig an.
»Wie ich sehe, mein Herr, geht es Ihnen nicht so gut. Ich darf die Türe schließen …? Aber kommen Sie doch nach oben. Dort warten gute Freunde auf Sie. Allesamt Menschen, denen es auch einmal nicht so gut ging. Doch bei uns ist noch jeder genesen, der sich in einem desolaten Zustand befindet. Röder mein Name, wenn ich so frei sein darf.« Röder legte eine kalte Hand auf Turaus Schulter und geleitete ihn die Treppe hinauf. Turau fühlte, wie durch die Kälte der Berührung wieder etwas Leben und Stärke in ihn strömten.
»Der Kerl ist ein alter Schleimer«, hörte er Pauline flüstern. Aber sie war nicht da, und Wärme und Stärke bekam er diesmal von einem anderen geschenkt … Trotzig ging Turau mit. Ein paar wenige Stufen nur nach oben, dann waren sie angekommen. Röder öffnete eine weitere Tür, und sein Begleiter fand sich in einem Saal wieder, in dem klapprige Stühle herumstanden, einige davon Küchenstühle, auf denen ein gutes Dutzend älterer Herren herumsaßen und in Bücher vertieft waren. Turau fiel ein riesiger Kachelofen auf, der die ganze hintere Ecke einnahm. Die großen Eisenfüße hatten Gesichter von Löwen, die die Zähne fletschten. Zwei Mitglieder hockten auf ihm, in irgendeiner Lektüre vertieft. An der Rückwand zwei hohe, neoklassizistische Fensterbögen, die den Blick auf unzählige Schienen und Gleise freigaben, die am Horizont im Oktoberregen verschwanden, als hätte ein Maler, weil ihm das Bild nicht gefiel, mit dem Pinsel ungeduldig darübergewischt. Auf ihnen fuhren windschiefe Züge, Vögel hockten auf Signalmasten, als seien sie mit ihnen verwachsen. Sie ähnelten in ihrer Haltung einigen Mitgliedern dieses Clubs. Turau starrte auf die Gleise und fühlte sich in die schlimmsten Tage seiner Schaffnerzeit zurückversetzt. Er griff zitternd zur Scheibe, um wie ein Dirigent in einem sinnlosen Unterfangen die Schienen zu einem Punkt zu vereinigen. Er selber kam sich wie eine Spinne vor, aus deren Leib die zahllosen Schienen wuchsen wie ein riesiges Netz. Röder nahm ihn beim Arm. Durch seinen Mantel hindurch glaubte Turau jeden einzelnen Handknochen zu spüren.
»Haben Sie Geduld, mein Herr. Hier oben bei uns herrscht völlige Stille. Bei uns werden die Koordinaten Ihres Lebens wieder zur Ruhe kommen, sobald Sie erst zu Ihrem Ursprung zurückgefunden haben.«
»Aber bis vor drei Stunden noch war bei mir alles in Ordnung!« Turau sah ihn traurig an.
»Nun, Herr Turau, das glaubt man letzthin immer. Doch irgendwann stellt man fest, dass man sich etwas vorgemacht hat, so wie in einer Bauernkomödie. Dann kommt man wieder zu dem zurück, was man eigentlich wirklich sucht. In Ihrem Falle ist es ein neuer Stadtteil, und alles was vorher war, ist vergessen, so schnell, wie die Liebesschwüre in der Jugend.« Er blickte Turau fast zärtlich an.
»Aber seien Sie nicht ohne Hoffnung! Die GBF ist Hort für Menschen wie Sie. Mir liegt es ob, die Wünsche des Herzens mit denen der eigentlichen Bestimmung zu vereinen. Zu uns finden in Sonderheit Zeitgenossen, die ihre innere Stimme verloren haben und auf äußerliches Geplänkel lauschen. So kann man mit Fug und Recht behaupten, dass wir auf Sie bereits ungeduldig gewartet haben.«
Er verstand von alledem nichts. »Was heißt eigentlich: GBF?«, erkundigte er sich stattdessen. »Gemeinschaft der Bücherfreunde! Wir sind der Punkt, den Sie seit sechs Jahren verlassen haben, und den Sie seither suchen.« Turau wollte sich nach dem Wissen um seine Person erkundigen. »Ist Ihr Verein eher eine religiöse Gemeinschaft?«, begann er.
»Man könnte es glauben. Aber es ist nicht an dem. Von einem existentiellen Standpunkt aus ist er es philosophisch betrachtet.«
Ein Mann um die siebzig, bekleidet mit einer Wollweste und Kordhosen, gab: »Pssst!« von
sich. Mürrisch widmete er sich wieder seiner Lektüre. Turau verzichtete auf weitere Fragen, um alte Ölgemälde zu betrachten: Männern mit nichtssagenden Gesichtern und leeren Blicken. Dann nahm er den billigen, teilweise abgewetzten PVC wahr, die Farbe an den Wänden war stellenweise abgebröckelt. Eine dicke Kugellampe an der Decke verbreitete diffuses Licht. Er kniff die Augen zusammen. Dann sah er an der hinteren Wand, die bestimmt sechs Meter lang war, Schatten, die sich dort breitgemacht hatten.
»Oh! Wundern Sie sich bitte nicht«, kam Röder seiner Frage zuvor. »Alles Ruß von draußen. Komischerweise zieht er immer in diese Ecke hinein.«
›Sieht aus wie ein Scherenschnitt. Silhouetten von Menschen‹, dachte Turau. Er ging zur rechten Seitenwand, an der meterlange Regale angebracht waren, in denen sich Bücher zuhauf stapelten. »Ist bestimmt was für Sie dabei«, bemerkte Röder. Unschlüssig starrte er auf fast unleserliche Buchrücken. Mit den meisten Titeln und Autorennamen konnte er nichts anfangen. Wahllos griff er eines heraus, setzte sich hin und versuchte in dem trüben Licht zu lesen. Es herrschte völlige Stille. Nicht einmal der Lärm der Bahnen drang durch die dünnen Scheiben. Sein Nebenmann stierte in ein Buch mit altdeutscher Schrift und schlecht gestalteten Zeichnungen, die Maschinenteile darstellten. Seine Augen klebten auf einem einzigen Absatz und bewegten sich nicht mit, als sähe er etwas, was sich hinter dem Buch befand. Sein Unterkiefer mahlte leicht, und Turau erblickte ein paar stumpfe, gelbliche Zähne.
Draußen war es nun endgültig dunkel geworden, nur ein paar Zugsignale ragten wie Galgen in die Finsternis. Es roch modrig und leicht nach Schweiß, als sei schon lange nicht mehr gelüftet worden. Auch Röder war in ein Buch vertieft und hatte sich damit auf ein klappriges Podest gesetzt, wie ein Lehrer. Ein Stuhl knarrte, und jener, der auf ihm saß, wurde mit ungehaltenen Blicken bedacht. Eine runde Bahnhofsuhr an der Wand zeigte auf einundzwanzig Uhr.
Turau blätterte vorsichtig die Seiten seines Buches um, und las Sätze wie: ›Wer aber wären die Töchter Mesopotamiens, oh Allwissender, die faules Fleisch ihr Eigen nennen, wenn nicht die Fleischlichen und die Verrückten, die Angelegenheiten des Weltkreises, die, mit denen sich die toten Seelen an diesem Ort beschmutzt haben, als sie von ihnen Brot nahmen, als sie Wein nahmen, als sie Knochen nahmen, als sie Kleidung nahmen, und auch den Putz und Tand, der außen rings um den Leib hängt, wovon sie glaubten, sie seien ihnen nützlich.‹
Er blätterte ratlos weiter und wurde dann über einen gewissen Ludwig Quidde aufgeklärt, der von 1914 bis 1929 Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft war und seit 1933 in Genf lebte. Dann hieß es: ›Das fünfte Reich aber sagt: Es gibt ein unterer Äon, darin wir Blumen pflücken. Der Tod ist vom Himmel gefallen und wurde in die Schlangenhöhle hinabgeführt.‹ »Das ist doch alles Schwachsinn!«, hörte er Pauline rufen. Doch er fühlte sich gar nicht so schwachsinnig. Eher müde und abgespannt, gähnte verhalten, und stellte trotz allem eine schwere Ruhe in sich fest, eine Ruhe, die er selbst bei Pauline nicht finden konnte. Von wegen schwachsinnig! Entspannt ließ er die Schultern hängen, und ihm war, als hörte er ein schweres Gewicht leise zu Boden fallen. Seine Hände waren in den letzten Stunden zu Fäusten geballt, nun hatte er sie entspannt geöffnet, da nichts mehr festzuhalten war. Er empfing irgendetwas, hatte sie gelöst auf den Oberschenkeln ruhen. Turau hörte ein verhaltenes Räuspern. Herr Röder hatte sich erhoben und stand mit gefalteten Händen auf dem Podest.
»Sehr verehrte Herrschaften, die Lesestunde neigt sich dem Ende zu, wollen wir uns nun etwas stärken.« Man klappte aufgeschlagene Bücher zusammen, hüstelte und stellte die Stühle zurecht. Ein nach vorne gebeugter Herr brachte einen Teewagen herein. Der Wagen knarrte und quietschte. Darauf Aluminium- und Keramikkannen mit Tee und Kaffee. Etwas Gebäck daneben. Der Bucklige lud Turau mit unbeholfener Geste zum Imbiss ein. Die doppelten Manschetten ragten viel zu weit über seine Hand, die auf dem Rücken wie eine alte Landkarte aussah. Die Herren bequemten sich dazu, knabberten an dem Gebäck und schlürften Getränke, stellten sich mit linkischen Gebärden dem Neuankömmling vor.
»Ich hoffe sehr, unsere Lesestunde hat Ihnen gefallen«, meldete sich Röder, indem er sich einen Kekskrümel von der Lippe putzte. »Nicht viele finden zu uns, doch die uns finden, bleiben für immer. Ich kann mir vorstellen, dass Ihnen die Lektüre eher verworren vorgekommen ist; so geht es allen. Aber, möchte ich sagen, der Buchstabe tötet, und der Geist macht lebendig. Es kommt letztlich nicht auf das an, was man liest, sondern wie und wo, und vor allem mit wem man liest. So wird sich eines Tages auch ein verschlüsseltes Buch dem Leser öffnen. Aber ich bin ein alter Schwätzer! Greifen Sie nur zu!«
Turau betrachtete während der langatmigen Rede wieder die Schatten aus Ruß an der Rückwand. »Seltsam, nicht?«, kommentierte Röder wieder, der mittlerweile an einer dicken Zigarre kaute. »Die Rußflecken erinnern einen an Landschaften.«
»Oder an flüchtende, verängstigte Menschen«, fügte Turau hinzu. »Sehen Sie: da eine Hand, dort unten ein Fuß. Hier ein Gesicht, das schreit.«
»Ohhh! Ein Mann mit Fantasie!«, entgegnete Röder begeistert, dem die Zigarrenasche auf das altertümlich breite Revers fiel. Die Fliege auf seinem Hemd war verschmutzt und wirkte wie angeklebt. »Die Mitglieder unseres Vereines sind letzthin alle verwitwet oder ohnehin alleinstehend, haben dem Ehestande entraten. Sie, Herr Turau, leben nicht allein, wie mir zugetragen wurde?«
»Wer hat Ihnen das gesagt?«
»Nun, unsere Stadt ist klein, und die Mitglieder des Vereins erfahren …« Röder blickte geistesabwesend über die Bahngleise. »Wir treffen uns täglich. Die Mitgliedschaft ist ebenso offen wie gleichzeitig verpflichtend. Den treuesten unserer Freunde gewähren wir sogar eine kleine Wohnung im Hause sowie ein geringes Taschengeld.