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Was würdest du tun, wenn eines Tages plötzlich alle Menschen verschwunden sind? Keine Geräusche, keine Stimmen – nur absolute Stille. Genau in dieser Situation findet sich Elias wieder. Als er eines Morgens aufwacht, ist die Welt, wie er sie kennt, nicht mehr da. Strom, Internet und Mobilfunknetz funktionieren nicht, die Straßen sind leer, und kein einziges Zeichen von Leben ist zu entdecken. Die menschenleere Welt, durch die Elias streift, ist verstörend und faszinierend zugleich. Verlassene Städte, leere Supermärkte und eine unheimliche Stille begleiten ihn auf seiner Reise. Aber ist er wirklich allein? Seltsame Lichtquellen, unerklärliche Geräusche und scheinbare Spuren anderer Lebewesen lassen ihn zweifeln. Sind es Überlebende, oder spielt sein Verstand ihm einen Streich? „Das Ende der Stimmen“ ist eine packende Mischung aus Mystery, Psychodrama und schwarzem Humor. Eine ebenso düstere wie faszinierende Reise durch eine menschenleere Welt, die noch lange nachhallt.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Vielen Dank, dass Sie meinen Kurzroman gekauft haben. Nein, wirklich, ich freue mich darüber. Dies ist das erste Buch, das ich je geschrieben habe – ehrlich gesagt, es ist sogar das erste Mal, dass ich mehr als 100 Wörter am Stück zu Papier gebracht habe. Ich hoffe, Sie haben beim Lesen genauso viel Freude wie ich beim Schreiben. Und vielleicht sehen Sie mir kleinere Fehler nach.
Die Geschichte von Elias kannte ich selbst nicht, bevor ich anfing, sie aufzuschreiben. Die Idee einer menschenleeren Welt war für mich immer nur ein Gedankenexperiment – ein Szenario, über das ich hin und wieder nachgedacht habe. Aber ich kam in meiner Fantasie nie über die ersten Stunden von Tag 0 hinaus. Die Idee, daraus ein Buch zu machen, kam mir nie.
Vor ein paar Wochen saß ich im Bad und sinnierte wieder einmal darüber nach, wie es wohl wäre, wenn ich der letzte Mensch auf Erden wäre und was ich wohl als Erstes tun würde. Dabei beobachtete ich meine kleine Spinne hinter der Milchglasscheibe (die lernen Sie später noch kennen. Keine Angst, sie ist ganz klein). Plötzlich hatte ich zwei Sätze im Kopf: „Du machst dir Gedanken um das Wohlergehen dieser kleinen Spinne, wobei es dir egal ist, dass draußen alle Menschen verschwunden und vielleicht tot sind. Naja, die Spinne hat mich auch noch nie genervt.“ Der Satz saß! Ich fand ihn perfekt als Einstieg in eine Geschichte. An diesem Nachmittag setzte ich mich an mein MacBook, öffnete Word und schrieb die Sätze auf. Als ich das nächste Mal auf die Uhr sah, war es 3 Uhr morgens, und vor mir lagen 10 Seiten. Ich las sie durch und dachte mir: „Da könnte ich vielleicht mehr draus machen.“ Die ursprünglichen zwei Sätze änderte ich allerdings im Laufe der Zeit leicht ab und verschob sie weiter nach hinten.
Was dann folgte, war eine Woche im Ausnahmezustand. Elias und seine menschenleere Welt ließen mich nicht mehr los. Mein erster Gedanke am Morgen war: „Wie geht es mit ihm weiter?“ Zeit und Raum verschwanden beim Schreiben, ich saß jeden Tag bis zum frühen Morgen am Rechner und tippte. Ich habe sogar vergessen, regelmäßig zu essen – was dazu führte, dass ich fast drei Kilo abnahm (die sind mittlerweile übrigens wieder drauf).
Elias hat tatsächlich einige Ähnlichkeiten mit mir. Der Van, den er fährt, ist identisch mit meinem (Sie sehen ihn auf dem Cover dieses Buches). Die Reisen, die er unternimmt, habe ich selbst auch erlebt. Auch der 3-in-1-Instantkaffee mit einem extra Löffel Kaffee schmeckt mir genauso gut wie ihm. Er hat sogar einen ähnlichen Job wie ich. Es steckt ein Stück von mir in Elias. Das macht ihn für mich real und greifbar, so dass es mir leichtfiel, seine Gedanken und Herangehensweisen nachzuvollziehen und aufzuschreiben.
Dann war die Geschichte erzählt. Für Elias gab es nichts Neues mehr zu entdecken, und alle weiteren Erlebnisse wären bloß Varianten und Wiederholungen des bereits Geschehenen gewesen. Es war zwar zu kurz für einen richtigen Roman, aber alles Weitere hätte die Geschichte einfach nur künstlich in die Länge gezogen – und das hätte weder Ihnen noch mir Freude bereitet. Ich war also fertig.
Es folgte eine weitere Woche, in der ich versucht habe, meine Sätze lesbarer zu machen und alle Logikfehler auszubügeln. In der ersten Fassung sieht Elias beispielsweise ein Auto und stellt aus der Entfernung (!) fest, dass es abgeschlossen ist. Er geht zu diesem Auto … und öffnet die Beifahrertür. Ja, ich weiß, das ergibt zweimal keinen Sinn. Ich selbst wäre beim Lesen über so etwas gestolpert – und Sie sicherlich auch. Ich finde solche Fehler in Büchern immer irgendwie schade. Das wertet ein Buch etwas ab. Aber ich will mich mal lieber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, sicher finden Sie auch noch ein paar Schnitzer auf den folgenden Seiten.
Ich denke, Elias behauptet sich ganz gut in seiner neuen Welt. Manche seiner Entscheidungen werden Ihnen vielleicht nicht gefallen. Und einige seiner Schlussfolgerungen mögen Ihnen unrealistisch erscheinen. Aber bitte geben Sie ihm eine Chance – es ist schließlich seine erste Apokalypse. Er übt noch.
November 2024
Daniel van Hoogen
Prolog
Elias öffnet die Wohnzimmertür und tritt in den Flur. Der beißende Verwesungsgeruch, den er schon beim Betreten des fremden Hauses wahrgenommen hatte, schlägt ihm hier mit voller Wucht entgegen. Die verglaste Haustür lässt blasses Licht herein und beleuchtet eine schlichte Garderobe links von ihm. Dort hängen Jacken, einige davon klein genug, um Kindern zu gehören. Darunter stehen Schuhe – kleine Kinderschuhe. „Oh mein Gott, bitte… bitte nicht“, flüstert Elias, kaum hörbar.
Ein beklemmendes Gefühl der Unwirklichkeit breitet sich in ihm aus, als würde er durch einen Albtraum wandeln. Rechts von der Haustür führt eine Holztreppe in den ersten Stock. Der schwere, faulige Gestank – süßlich und zugleich beißend – brennt Elias in der Nase. Er weiß, dass die Quelle oben liegen muss. Langsam, wie in Trance, setzt er einen Fuß vor den anderen. Das Knarren der Stufen unter seinem Gewicht wirkt viel zu laut in der unwirklichen Stille des Hauses. Mit jedem Schritt wird der Geruch intensiver, unerträglicher.
Er spürt, wie seine Bewegungen mechanisch werden, als er Stufe um Stufe hinaufsteigt. Es gibt keinen Zweifel: Die Ursache des Gestanks wartet oben auf ihn.
Erste Anzeichen
4 Tage zuvor.
Ich wohne in einer 2-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss eines Komplexes aus Eigentumswohnungen. Von den fünf Wohnungen auf meiner Etage sind nur zwei bewohnt, meine eingeschlossen. Im ersten Stock scheint niemand zu leben – ich höre jedenfalls nie Schritte, Stimmen oder irgendein Geräusch, das auf menschliche Präsenz hindeuten würde. Im zweiten und obersten Stockwerk gibt es wenigstens zwei Wohnungen, die dauerhaft bewohnt zu sein scheinen.
Seitdem ich mir angewöhnt habe, den Fernseher abends konsequent um 22 Uhr auszuschalten – anstatt die halbe Nacht durch langweilige Programme zu zappen – und stattdessen mit meinem E-Reader ins Bett gehe, schlafe ich deutlich besser.
Meist lese ich noch ein oder zwei Stunden, bevor ich einschlafe. Nicht, dass es wirklich wichtig wäre oder ich morgens Termine hätte, aber ich bin trotzdem nie später als 8 Uhr wach. Meine morgendliche Routine läuft fast immer gleich ab: Ich schalte mein iPad ein und öffne erstmal meine Nachrichten-App, um zu sehen, was es Neues gibt. Ich scrolle durch die Headlines und schaue, was gerade so läuft. Danach checke ich meine E-Mails und sehe nach, ob was Wichtiges reingekommen ist. Manchmal ist es nur ein schneller Blick, aber manchmal bleibe ich auch länger dran und beantworte alles, was ansteht.
Heute läuft allerdings alles anders, denn ich habe kein Internet. Das passiert etwa ein- bis zweimal im Jahr. Normalerweise genügt es, den Router neu zu starten, und alles funktioniert wieder. Also steige ich aus dem Bett, gehe in den Flur, ziehe den Stecker des Routers, zähle bis 15, stecke ihn wieder ein und mache mich erst mal auf den Weg zur Toilette. Zurück im Flur werfe ich einen kurzen Blick auf den Router. Fünf grüne LEDs sollten leuchten. Stattdessen: Dunkelheit. Das Ding hat keinen Strom. Hatte es vorhin Strom, als ich dachte, es neu gestartet zu haben? Ich überprüfe das Kabel. Es ist korrekt eingesteckt. Auch die Verteilersteckdose müsste leuchten – sie hat eine kleine LED, die anzeigt, ob sie Strom hat. Aber auch hier: nichts. Mit einem gefauchten „Fuck“ drehe ich mich vom Router weg und gehe in die Küche. Na gut, dann eben erstmal einen Kaffee.
Doch: Kein Strom, keine Kaffeemaschine. Verdammt. Also ist wohl die Sicherung raus. Ich gehe in den Hausflur und öffne den Sicherungskasten. Alles sieht normal aus, keine Sicherung ist draußen. Seltsam. Noch seltsamer: Die automatische Lampe im Flur bleibt aus. Normalerweise geht sie immer an, selbst bei einem kurzen Stromausfall. Wie weit reicht der Ausfall?
Ich gehe hinunter in die Tiefgarage. Auch hier sollten die Bewegungsmelder die Lampen einschalten. Doch egal, wie wild ich herumhüpfe, die Dunkelheit bleibt und macht sich über mich lustig. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich nur in Shorts und T-Shirt herumrenne und wie ein Idiot durch die Gegend springe. Also wieder zurück nach oben, ich sollte erst mal etwas anziehen. Was zur Hölle ist hier los?
Vielleicht ist es ja nur ein Problem in unserem Haus. Ich beschließe, die Nachbarn gegenüber zu beobachten. Deren Haus ist durch einen Rasen und einen Flechtzaun von meinem getrennt. Es hat zwei Stockwerke, mit identischen Wohnungen wie bei uns. Pro Stockwerk gibt es vier Wohnungseingänge. Links von den Türen befinden sich die kleinen Fenster der Gäste-WCs, rechts müssen die Küchen sein, jedenfalls soweit ich das erkennen kann. Da es bereits hell ist, brennt sowieso nirgendwo Licht – ob sie Strom haben oder nicht, bleibt ein Rätsel. Was jetzt?
Ich könnte natürlich wie ein Verrückter zum Telefon greifen und versuchen, jemanden zu erreichen, um herauszufinden, was los ist. Aber ehrlich gesagt: Ich könnte mich auch einfach wieder ins Bett legen, meinen Kindle schnappen und lesen, bis sich irgendjemand anderes um das Problem kümmert. Der Kindle gewinnt haushoch.
Mein iPhone hat noch 91% Akku, aber auch hier: kein Internet. Die Hausleitung ist ausgefallen, und offenbar funktioniert auch das 4G- und 5G-Netz nicht. Es scheint ein umfassender Stromausfall zu sein, der nicht nur mich betrifft. Also wird sich schon jemand darum kümmern. Ich muss nicht der sechshundertste aufgeregte Bürger sein, der heute Morgen die Stadtwerke anruft, um ihnen zu erzählen, dass der Strom weg ist. Die werden das vermutlich schon selbst gemerkt haben – auch ohne meine wertvolle Unterstützung.
Gegen Mittag wird es langsam nervig. Wie schwer kann es sein, den Strom wiederherzustellen? Es gibt schließlich Leute mit Kühlschränken und Tiefkühltruhen! Und warum beschwert sich niemand? Keine aufgeregten Menschen auf der Straße, die lautstark ihrem Unmut Luft machen? Ich wohne direkt in der Nähe der Innenstadt – da müsste doch irgendetwas zu hören sein. Aber nichts. Kein Tumult, keine Stimmen, nichts. Jetzt, wo ich darauf achte, fällt mir etwas anderes auf: Auch Autos höre ich keine. Die Straßenbahn scheint nicht zu fahren, und von Autos ist ebenfalls keine Spur. Ist heute ein Feiertag? Warum interessiert es niemanden, dass der Strom weg ist?
Am frühen Nachmittag überprüfe ich erneut mein iPhone. Kein Internet, weder WLAN noch 5G. Wie nutzlos so ein Gerät doch ohne Internet ist. Aber telefonieren sollte doch noch funktionieren – das ist schließlich der ursprüngliche Zweck eines Handys, oder? Ich beschließe, meinen Vermieter anzurufen, um mich bitterlich zu beschweren. Normalerweise reagiert er auf jede Anfrage in Rekordzeit und kümmert sich um alles, was seine Mieter stört. Ob er allerdings einen stadtweiten Stromausfall beheben kann, sei mal dahingestellt.
Ich wähle. Nichts. Kein Freizeichen, keine Ansage, nur ein leises, monotones Rauschen. Na gut, dann eben doch die Stadtwerke. Die Nummer müsste auf irgendeiner Rechnung stehen – gespeichert auf meinem MacBook. Aber leider liegt diese Rechnung in der Dropbox. Und Dropbox ohne Internet? Vergiss es. Vielleicht die Auskunft anrufen? Ich versuche es, aber wieder nur Rauschen. Kein Signal. Ich versuche es bei Melanie. Ich hoffe, ich erreiche sie und wir können uns zusammen über den Stromausfall lustig machen.
Melanie ist meine Exfrau. Vor etwa drei Jahren haben wir uns scheiden lassen – und das auf die denkbar entspannteste Art. Es war ein sonniger Sonntagmorgen im September, wir saßen auf dem Balkon, frühstückten, plauderten und machten Witze – wir haben denselben Humor. Und dann, aus heiterem Himmel, kamen wir zu dem Schluss: “Eigentlich sollten wir uns scheiden lassen.” Kein Drama, kein Streit, sondern einvernehmliches Kopfnicken. Wir waren – und sind – enge Freunde, aber für eine Ehe hat es einfach nicht gereicht. Die Liebe war nicht da. Die Scheidung verlief genauso unkompliziert wie die Entscheidung dafür: ein gemeinsamer Anwalt, keine Güter zu teilen, und nach dem Trennungsjahr war alles amtlich. Unsere Freundschaft hat das alles nicht im Geringsten verändert. Wir sind uns immer noch nah – nur eben ohne Trauschein. Manchmal denke ich, das hier ist die perfekte Partnerschaft. Besonders dann, wenn ich in Restaurants Paare beobachte, die stumm aneinander vorbeischauen, als hätten sie ein einvernehmliches Schweigegelübde abgelegt. Da fühle ich mich mit unserer Freundschaft, die von Leichtigkeit und echten Gesprächen geprägt ist, ziemlich gut aufgehoben.
Melanie geht nicht ran. Wie auch, mein Anruf erreicht sie anscheinend gar nicht erst. Mir müssen also eigene Witze einfallen.
Ich versuche es auch bei Timmy und Fabi, meinen Kumpels, mit denen ich mehr als nur die Leidenschaft fürs Kajakfahren teile. Im Sommer machen wir gerne mehrtägige Touren auf dem Wasser – natürlich immer mit reichlich Bier für die Nächte bestückt. Im Winter sind unsere Gänge auf den Weihnachtsmarkt legendär. Timmy ist wie ich selbstständig und verkauft Küchenartikel auf Amazon und eBay, während Fabi als stellvertretender Filialleiter bei unserem Rewe die Stellung hält. Aber heute? Beide sind ebenfalls wie vom Erdboden verschluckt. Unerreichbar.
Ich rufe ein paar weitere Nummern aus meinen Kontakten an – Freunde, Familie, Verwandte, aber überall das Gleiche. Strom weg, Internet weg, Mobilfunk tot. Das ist ein kompletter Blackout! Wenn es nicht die Russen waren (ein Scherz), was dann? Vielleicht eine Sonneneruption? Ich meine, ich habe mal gelesen, dass so etwas alles lahmlegen könnte. Oder ein elektromagnetischer Impuls? Ich habe keine Ahnung, was das genau ist, aber in irgendeinem Film kam das mal vor. Aber Moment mal. So etwas wie die Sonne oder elektromagnetische Impulse bringt doch keine Menschen dazu, sich plötzlich totzustellen oder zu verschwinden. Was zur Hölle passiert hier?Der Nachbar. Er müsste eigentlich daheim sein. Gestern spät abends habe ich noch seinen Fernseher gehört – und er ist sowieso fast immer da. Ich gehe rüber und klopfe. „Sascha? Bist du da? Elias hier!“ Auf den Lippen habe ich noch die völlig überflüssige Frage, ob bei ihm auch der Strom weg ist. Keine Antwort. Der kann doch mittags um halb zwei nicht noch schlafen.
Ich klopfe noch einmal, diesmal lauter. Nichts. Gut, dann eben mit Nachdruck. Ich hämmere mit der Faust gegen die Tür, bereit, ihn so sauer zu machen, dass er wutentbrannt herausgeschossen kommt. Aber nichts passiert. Nicht einmal der Einsatz meiner Fersen bringt irgendeine Reaktion. Stattdessen erinnere ich mich daran, dass ich vielleicht endlich mal richtige Klamotten anziehen und meine Füße beschuhen sollte.
Ein paar Minuten später, frisch angezogen, aber mit noch ungeputzten Zähnen, marschiere ich in den zweiten Stock. Ich lausche an den Türen. In einigen Wohnungen müsste doch irgendetwas zu hören sein – ein leises Summen, Schritte, irgendwas. Aber da ist nichts. Absolute Stille. Ich klopfe an jede Tür, der Reihe nach. Keine Antwort. Ich starte eine zweite Runde, diesmal etwas lauter. Wieder nichts. Also noch eine Runde, diesmal mit einem kräftigen Tritt gegen jede Tür. Kein Erfolg. Ich könnte jetzt noch den Feueralarm aktivieren, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich der Einzige wäre, den das Gepiepe dann nervt.
Zurück in meiner Wohnung setze ich mich auf die Couch und gieße mir ein Glas Milch ein. Während ich trinke, lasse ich alles noch einmal Revue passieren. Es könnte durchaus sein, dass wegen eines massiven Stromausfalls das Internet nicht funktioniert. Die Sendemasten sind schließlich offline. Funktioniert GPS? Die GPS-Satelliten hängen nicht an unserem Stromnetz. Nicht, dass ich wüsste, wie ich das überprüfen sollte – oder was mir das bringen würde.
Nichts funktioniert. Niemand ist da. Und es ist totenstill.
Na gut, ich sollte mich nicht verrückt machen. Es gibt offensichtlich einen größeren Stromausfall, der sogar das Mobilfunknetz lahmgelegt hat. Was genau los ist, erfahre ich schon früh genug. Straßenbahnen laufen nun mal mit Strom – ich erinnere mich jedenfalls nicht, jemals eine mit einer Diesellok vorneweg gesehen zu haben. Die können also gar nicht fahren. Und die Autos? Vielleicht höre ich die nicht, weil die Stadt irgendwo eine Baustelle eingerichtet und den Verkehr umgeleitet hat. Oder es ist irgendein autofreier Aktionstag. Warum auch immer.
Dass die Nachbarn nicht reagieren, macht vielleicht auch Sinn. Da steht ein Irrer auf dem Flur, der zunehmend aggressiver an Türen hämmert. Im zweiten Stock wohnen eine Studentin und eine ältere Dame, soweit ich weiß. Kein Wunder, dass die nicht öffnen. Ich hätte an ihrer Stelle auch keine Lust, einem Typen die Tür zu öffnen, der wie ein Wahnsinniger randaliert.
Es gibt sicherlich Menschen, die gerade deutlich schlechter dran sind als ich: Daytrader ohne Internet, Eltern mit Babys, überforderte Techniker bei den Stadtwerken – und Aktionäre von Vodafone. Ich sollte mich entspannen und das Einzige tun, was ich gerade tun kann: lesen. Solange der Akku meines Kindles hält. Zum Glück habe ich noch eine Powerbank im Schrank und ein paar weitere im Van. Damit komme ich locker bis morgen Abend aus, und bis dahin wird der Stromausfall hoffentlich behoben sein. Passenderweise lese ich gerade einen historischen Roman. Da kommen keine Smartphones und keine Kaffeemaschinen vor – nichts, was mich an meine aktuelle Situation triggert. Perfekt.
Aber ich kann mich nicht auf das Buch konzentrieren. Es ist mittlerweile halb sechs, und draußen ist es bereits dunkel. Im Haus gegenüber brennt noch immer kein Licht. Ich erwarte keine Flutlichtscheinwerfer, aber es wäre doch realistisch, dass jemand mal mit einer Taschenlampe durchs Haus läuft oder eine Kerze anzündet, um in der Küche zu hantieren. Doch dort drüben gibt es keinerlei Lebenszeichen.
OK, Moment. Wenn jemand meine Wohnung beobachten würde, würde er genau dasselbe denken. Ich sitze hier zwar mit dem schwachen Licht meines Kindles, aber ich renne ja auch nicht gerade mit einer Taschenlampe oder Kerze wedelnd durch die Wohnung.
Vielleicht sollte ich genau das tun?
Statt herumzuwedeln, stelle ich eine LED-Kerze mit Farbwechsel ins Schlafzimmerfenster. Falls dort drüben jemand ist und Lust hat, aus dem Fenster zu schauen, könnte er das sehen und mir vielleicht ein Zeichen geben. Um sicherzugehen, nehme ich zusätzlich eine Taschenlampe und platziere sie aufrechtstehend auf der Terrasse. Sie leuchtet hell nach oben – sollte also gut zu sehen sein. Mein Part ist erledigt. Jetzt seid ihr dran.
Die Stunden vergehen. Nichts. Keine Reaktion auf meine Lichtshow. Kein Fenster öffnet sich, kein Gegenzeichen. Es gibt nicht mal Insekten, die um den Lichtstrahl der Taschenlampe schwirren – aber gut, es ist Mitte November. Von der Natur erwarte ich momentan auch nicht besonders viel.
Gegen 23 Uhr beginnt das Licht der Taschenlampe zu flackern. Mit einem Augenverdrehen wechsle ich die Batterien und stelle sie wieder auf die Terrasse. Das sollte jetzt bis zum Morgen halten. Immer wieder lasse ich meinen Blick über die Fenster des Hauses gegenüber schweifen, doch da rührt sich nichts. Kein Licht, keine Bewegung.
Plötzlich fällt mir ein, dass ich vielleicht herausfinden kann, seit wann es keinen Strom – und damit auch kein Internet – mehr gibt. Normalerweise bekomme ich permanent Spam-E-Mails. Die meisten landen direkt im Papierkorb, ein paar schaffen es immer in meinen Posteingang. Vielleicht kann ich darüber etwas herausfinden.
Ich öffne meinen Posteingang. Die letzte Nachricht ist von 1:36 Uhr. Ein Spam-Angebot, das ich sofort lösche – irgendein kostenloses Angebot, das nur noch heute “ganz exklusiv” verfügbar ist. Im Papierkorb finde ich eine weitere Nachricht, die um 2:09 Uhr eingegangen ist. Sie verspricht mir 10% Rabatt für irgendetwas, aber so weit lese ich gar nicht.
Also gab es heute Nacht um 2:09 Uhr definitiv noch Internet. Spam-Mails trudeln regelmäßig ein, aber nicht minütlich. Eine Stunde Abstand ist realistisch. Ich schätze also, dass das Internet bis etwa 3 Uhr in der Nacht noch funktionierte. Aber was bringt mir diese Information? Genau: nichts
Es ist 4 Uhr morgens. Ich habe die Couch an die Terrassentür gezogen und liege jetzt dort, mit Blick auf die Fenster des Hauses gegenüber. Ich kann nur den ersten und zweiten Stock sehen, der Blick auf das Erdgeschoss wird mir von dem Flechtzaun versperrt. Zweimal war ich draußen, habe von der Terrasse aus nach oben in die Fenster über mir geschaut: keine Lichter. Zweimal bin ich in den oberen Stock gegangen, habe an allen Türen gelauscht. Doch es war nichts zu hören. Ich habe mir ein nächtliches Randalieren, also ein erneutes Treten gegen die Türen, gespart. Wäre sowieso sinnlos gewesen, wenn man bedenkt, dass ich nicht einmal sicher weiß, in welchen Wohnungen überhaupt jemand wohnt. Aber selbst wenn – hinter keiner Tür gab es ein Geräusch.
Ich kann mir einfach nicht erklären, was hier passiert. Wurde die Stadt etwa still und heimlich evakuiert, ohne dass ich etwas davon mitbekommen habe? Das erscheint mir unwahrscheinlich. Ich schlafe zwar gut, aber so tief nun auch wieder nicht. Im Moment bin ich ratlos. Auch wenn ich die Situation zunehmend unheimlich finde, bin ich von Panik noch weit entfernt. Zur Ablenkung lasse ich leise meine Spotify-Playlist über mein iPhone laufen und behalte die Fenster gegenüber im Auge.
Ein Spaziergang wäre eine Möglichkeit. Vielleicht könnte ich in anderen Häusern nach Lichtern Ausschau halten. Doch ehrlich gesagt, fühlt sich die Vorstellung gerade nicht besonders angenehm an. Es ist stockdunkel draußen, keine Straßenlaternen, und die Stille ist erdrückend. Sobald es hell wird, werde ich zumindest den Parkplatz ansteuern. Dort steht mein Van, und ich hole auf jeden Fall den Gaskocher. Schon gestern Morgen war es ohne Kaffee schlimm genug. Heute brauche ich dringend welchen.
Kurz nach sieben. „Im Westen nichts Neues“, denke ich, während ich die Taschenlampe ausschalte. Die Häuser gegenüber liegen tatsächlich im Westen. Es wird bald hell. Ich ziehe mich warm an, auch wenn es nur 100 Meter bis zum Parkplatz sind. Im Wohnzimmer war es heute Nacht schon spürbar kalt. Ohne Strom funktioniert offenbar auch die Fußbodenheizung nicht. Hoffentlich kriegen die Stadtwerke diesen Mist bald in den Griff.
Mein Van ist ein schwarzer Ford Transit Custom aus dem Jahr 2018. Ich habe ihn zu einem Camper umgebaut: hinten die Sitzbänke raus, dafür ein Bett, einen kleinen Schrank mit Spüle, eine Sitzbank und einen Kompressor-Kühlschrank rein. Zwei Autobatterien, die beim Fahren aufgeladen werden. Auf dem Dach habe ich zwei Solarpanels installiert – autarker Strom. Heute Morgen interessieren mich aber nur der Gaskocher und die Powerbanks, die ich dringend brauche.
Ich gehe durch den Hausflur und will hinaus auf die Straße. Doch die Haustür lässt sich nicht öffnen. Sie wird elektrisch entriegelt, und dafür bräuchte ich Strom. Kein Strom, keine Haustür. Ohne lange zu überlegen oder mich darüber aufzuregen, öffne ich das Fenster neben der Haustür und steige hindurch. Elegant ist anders, aber es funktioniert.
Ich habe nichts anderes erwartet: geparkte Autos, keine Menschen. Auch keine Baustelle. Die Straße ist kurvig, daher kann ich weder nach links noch nach rechts besonders weit sehen. Ich gehe um die Hausecke in die nächste Straße. Dort liegt der Parkplatz auf dem mein Van steht. Diese Straße ist wesentlich übersichtlicher – ich kann fast bis zur Innenstadt blicken. Doch auch hier: geparkte Autos, keine Menschen, keine Baustelle.
Der Van lässt sich sofort öffnen. Dabei fällt mir auf, dass die Elektrik im Fahrzeug einwandfrei funktioniert. Ein elektromagnetischer Impuls hätte vermutlich alles lahmgelegt – auch die elektrische Zentralverriegelung, Spotify auf meinem iPhone und wahrscheinlich sogar meinen Kindle. Doch all das funktioniert. Nur der Strom aus der Steckdose fehlt. Ich nehme diese Information zur Kenntnis, aber sie bringt mich nicht wirklich weiter. Ob meine Kenntnisse über elektromagnetische Impulse, sofern es die überhaupt gibt, korrekt sind? Keine Ahnung. Die Fernsehsendung, die ich dazu gesehen habe, erwähnte auch Außerirdische, die die Pyramiden gebaut haben sollen. Na ja.
Im Van ist es eiskalt. Er ist nicht isoliert und stand die ganze Nacht draußen, bei etwa drei Grad. Ich setze mich auf die Bank, von der aus ich die gesamte Straße überblicken kann. Der Van hat rundum Fensterscheiben, und hier habe ich einen besseren Blick als durch das Fenster meiner Terrasse. Außerdem zieht mich nichts in meine Wohnung zurück. Also entscheide ich, hier zu bleiben und mir meinen Kaffee direkt im Van zu kochen.
Ich stelle den Campingkocher auf, fülle Wasser in den Kessel und zünde den Brenner an. Zum Glück habe ich immer ein paar Liter stilles Mineralwasser in Flaschen im Van, die bei der Kälte letzte Nacht natürlich noch nicht gefroren sind. Als das Wasser kocht, gieße ich es in der Kaffeetasse über ein Tütchen 3 in 1, eine Instantkaffeemischung mit Milch und Zucker.