Das geheime Leben der Tiere (Savanne) - Erdmännchen, Wächter der Savanne - Kira Gembri - E-Book

Das geheime Leben der Tiere (Savanne) - Erdmännchen, Wächter der Savanne E-Book

Kira Gembri

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Beschreibung

Die Savanne ist wunderschön und voller Geheimnisse. Doch das Leben der Tiere dort ist auch gefährlich. Komm mit auf eine Reise ins weite Grasland. Das Erdmännchen Wolke wird als Jüngste im Clan der Sandtänzer geboren. Wolke ist viel zarter als ihre Geschwister, lernt aber, dass man nicht immer besonders stark und laut sein muss. In der Savanne zählen auch Wachsamkeit und Witz! Als Wolke aus ihrem Clan verstoßen wird, schließt sie sich mit zwei frechen Rumtreibern zusammen. Doch es ist nicht leicht, sich zwischen Räubern und feindlichen Clans, bei Dürre und Unwetter zu behaupten ... Aufregende Abenteuer, erstaunliche Wunder der Natur und das spannende Leben der Tiere – diese Kinderbuch-Reihe entführt Jungen und Mädchen ab 8 Jahren in die verschiedenen Lebensräume der Erde. Ob im tiefen Meer, im dichten Wald oder in der weiten Savanne: In diesen Geschichten erleben Tiere wunderschöne und zugleich bewegende Abenteuer. Die Kinder tauchen in die Welt der Tiere ein, werden für die Vielfalt der Natur begeistert und lernen viel Neues auf den Wissensseiten. Mit berührenden Schwarz-Weiß-Illustrationen. Lehrreich wie ein Sachbuch und berührend wie ein Disney-Klassiker! Für Fans von Peter Wohlleben und Karsten Brensing. Die Titel sind auf Antolin.de gelistet.

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EPUB
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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

1. Kapitel: Stimmen im Sand

2. Kapitel: Ab nach oben

3. Kapitel: Das Glück der Schreihälse

4. Kapitel: Ein unfreundlicher Lehrer

5. Kapitel: Ein falscher Kampf – und ein echter

6. Kapitel: Tausend Gefahren

7. Kapitel: Der allernervigste Wurm

8. Kapitel: Die Neuen und die Fremden

9. Kapitel: Vier kleine Leben

10. Kapitel: Alles verändert sich

11. Kapitel: Blüte

12. Kapitel: Ein verhängnisvoller Fehler

13. Kapitel: Alleine in der Wüste

14. Kapitel: Ein neues Ziel

15. Kapitel: Wolkes Überraschung

16. Kapitel: Alles andere als perfekt

17. Kapitel: Der große Regen

18. Kapitel: Kein Zuhause

19. Kapitel: Ganz hoch hinaus

20. Kapitel: Immer der Hoffnung nach

21. Kapitel: Die Schlacht

22. Kapitel: Zweiundreißig Beine

Vielleicht möchtest du noch gerne wissen …

1. Kapitel

Stimmen im Sand

Die Wüste war wie ausgestorben.

Natürlich war sie das – wer würde hier schon leben wollen? So weit das Auge reichte, sah man nur rötlichen Sand und dazwischen ein paar magere Dornensträucher. Zugegeben: Die Kalahari ist eigentlich eine Savanne. Ganz selten regnet es, dann verwandelt sich der staubige Boden in ein Meer aus Gras. Aber nun herrschte Trockenzeit, und niemand konnte sich Gras auch nur vorstellen.

Außerdem war sowieso niemand da.

Oder …?

„Ist es endlich so weit?“, quiekte plötzlich eine Stimme durch die nächtlichen Dünen. Genau genommen quiekte sie unter den Dünen, in einer Höhle tief im Sand.

„Noch nicht“, kam es zurück. „Riechst du ja selber.“

Für die Dauer einiger Herzschläge blieb es still. „Und jetzt?“, fragte Scharrer.

„Nein!“, kläffte Dreifuß. „Aber nerv nur so weiter, dann bekommt die Chefin ihre Babys sicher besonders schnell!“

„Echt?“

„Na klar. Damit sie etwas hat, das sie nach dir werfen kann!“

„Ruhe, ihr zwei!“, befahl der General, und Scharrer rollte sich beleidigt zusammen. Er lag in einem Knäuel aus krallenbewehrten Pfoten, langen Nasen und zuckenden dünnen Schwänzen. Normalerweise schliefen die Erdmännchen um diese Zeit, doch jetzt waren sie viel zu aufgeregt. Auch der General konnte die Geburt seiner Babys kaum erwarten, obwohl er sich das nicht anmerken ließ. Im Clan der Sandtänzer hatte es seit Monaten keinen Nachwuchs gegeben, und sie brauchten dringend Verstärkung. Hoffnungsvoll spähte der General durch die Dunkelheit zu seiner Partnerin hinüber, aber die ließ sich von nichts und niemandem hetzen.

Die Chefin stand schon seit fünf Jahren an der Spitze des Clans und hatte in dieser Zeit eine Menge Würfe gehabt. Fast alle Sandtänzer waren ihre Kinder! Sie wusste also ganz genau, was zu tun war. In aller Ruhe brachte sie die Kleinen zur Welt und biss die Nabelschnüre durch. Dann putzte und beschnupperte sie ihren Nachwuchs, um ihn kennenzulernen. Es waren drei mickrige Würmchen mit geschwollenen, fest verschlossenen Augen. Ihre rosafarbenen Nasen waren lächerlich kurz, und ihre Ohren erinnerten an verschrumpelte Blütenblätter. Piepsend krabbelten sie durcheinander, auf der Suche nach Wärme und Milch. Während die Chefin sie zu säugen begann, dachte sie über passende Namen für diesen Wurmhaufen nach.

Erdmännchenbabys sind nie sonderlich beeindruckend, aber für den Clan haben sie eine gewaltige Bedeutung. So gewaltig wie das erste Gewitter zu Beginn der Regenzeit! Außerdem hatte die Chefin das seltsame Gefühl, dass sie nicht mehr viele Würfe haben würde, und deshalb waren ihr die prächtigsten Namen gerade gut genug. „Donner und Blitz“, pfiff sie in Richtung ihrer beiden Söhne – dann zögerte sie. Eigentlich war ihr noch Sturm in den Sinn gekommen, aber diesen Namen verwarf sie gleich wieder. Das Mädchen war sogar mickriger als seine Brüder, und ein Sturm hätte es glatt davongeweht.

„Was ist?“, quiekte Scharrer. „Willst du jetzt wirklich mit einem von denen nach dem guten Scharrer werfen? Das darfst du natürlich; du darfst alles. Aber es wäre doch recht schade drum …“

Die Chefin würdigte ihn keines Blickes. Sie schnupperte noch einmal an dem Mickerling, dann fasste sie einen Entschluss. „Wolke“, verkündete sie und lehnte sich aufatmend gegen die Höhlenwand. Das war gut, das gefiel ihr. Manche Wolken blieben klein und unscheinbar, aber andere brachten Regen und schafften es, die Welt auf erstaunliche Weise zu verändern. Die Chefin würde gespannt beobachten, wie es mit ihrer Tochter weiterging.

2. Kapitel

Ab nach oben

Wolke hatte die Nase voll. Sowohl von dem Staub, der im Tunnel hochgewirbelt wurde, als auch vom Gequengel ihrer Brüder.

„Warum müssen wir denn nach oben?“, beklagte sich Donner mit seiner lauten, durchdringenden Stimme. „Hier unten ist es doch so gemütlich!“

„Ist es oben auch gemütlich?“, ergänzte Blitz sofort, noch lauter als sein Bruder.

„Nein“, antwortete die Chefin, die ihre drei Kinder durch den Tunnel führte. „Oben ist es oft sehr heiß oder sehr kalt und immerzu gefährlich.“

„WAS?“ Die Brüder blieben wie angewurzelt stehen. Wolke hörte das beschwichtigende Gurren der Chefin, während sie selbst einfach weiterlief. Drei Wochen hatte sie es jetzt im Bau ausgehalten, obwohl sie längst ahnte, dass die Welt viel größer war. Die Chefin verschwand nämlich jeden Morgen und nahm fast alle anderen Sandtänzer mit! Nur ein oder zwei Mitglieder des Clans blieben zurück, um auf den Nachwuchs aufzupassen. Das war eigentlich ganz nett, denn diese Babysitter bemühten sich sehr um ihre Schützlinge. Die fürsorgliche Clanschwester Flimmer schaffte es sogar, Milch zu geben. So mussten Wolke, Donner und Blitz keinen Hunger leiden, bis abends die Chefin nach Hause kam … Aber Wolke genügte das alles nicht mehr. Sie hatte inzwischen ihre Augen geöffnet und gelernt zu hören. Sie war größer geworden (wenn auch nur ein bisschen), und Donner und Blitz gingen ihr auf die Nerven. Also war sie jetzt bereit für Oben! Auf wackeligen Beinen legte sie das letzte Stück des Weges zurück, dann hielt sie verblüfft inne.

Da war ein Loch, und durch dieses Loch strömte … etwas Rötliches. Etwas Helles. Es war nicht zu beschreiben! Zum ersten Mal begriff Wolke, wozu ihre Augen eigentlich fähig waren. Tief unten im Sand hatte sie sich fast nur auf ihre Nase verlassen. Sie hatte gute und schlechte Gerüche kennengelernt, aber keiner war so wunderschön gewesen wie dieses warme rote Glühen.

„Was ist das?“, quäkte Donner, der sich neben sie drängte. „Es ist grell.“

„Es ist gruselig!“, übertrumpfte ihn Blitz.

„Das“, sagte die Chefin feierlich, „ist die Morgensonne. Sie ist unsere Freundin, im Gegensatz zur heißen Mittagssonne. Geht hinaus, und seht sie euch genauer an!“

Das musste man Wolke nicht zweimal sagen. Mit pochendem Herzen schob sie sich ins Freie und merkte kaum, dass einer ihrer Brüder sie vor Aufregung in den Schwanz zwickte. Sie spürte plötzlich nur, dass sie winzig war. Natürlich hatte sie das schon geahnt, wenn sie beim Gerangel um die besten Trinkplätze immer den Kürzeren zog. Doch hier, im gewaltigen, grenzenlosen Oben, kam sie sich geradezu verschwindend klein vor! Atemlos schaute sie sich um, und ihr Blick traf auf ein paar seltsame Gestalten. Es waren die anderen Mitglieder des Clans, Wolke erkannte sie an ihrem Duft – aber ihr Benehmen war ausgesprochen verwirrend. Hoch aufgerichtet standen sie da, mit hängenden Vorderpfoten, die Schwänze fest auf den Boden gestützt. Das Morgenlicht sammelte sich in ihrem aufgeplusterten Fell und verwandelte es in lauter Strahlenkränze.

Mittlerweile hatten sich auch Donner und Blitz nach draußen gewagt. Im Gegensatz zu Wolke schien sich keiner von ihnen sonderlich klein zu fühlen. „He“, zirpte Donner stolz, „alle begrüßen uns!“

„Nett von euch“, piepste Blitz. „Guten Morgen, zusammen! Hallihallo, General!“ Schwankend richtete er sich auf und warf dabei einen Schatten über den Bauch seines Vaters.

Der General zuckte irritiert mit seiner langen Nase. Wolke ahnte, dass ihr Bruder gegen irgendeine Regel verstoßen hatte, wofür er eigentlich ermahnt werden musste. Aber wenn es um die Babys ging, zeigte selbst das ranghöchste Männchen besonders viel Geduld. „Positioniere mich neu!“, kläffte der General nur, ehe er ein paar Schritte zur Seite rückte. Dann streckte er sich wieder der Sonne entgegen, und sein Pelz leuchtete sogar noch heller als zuvor.

„Wir sammeln Wärme“, erklärte die Chefin. Sie gähnte und stellte sich ebenfalls auf die Hinterfüße. „Es gibt nichts Besseres, um den Tag zu beginnen!“

„Wärme? Wo?“, fragte Blitz und schauderte. Auch Wolke spürte jetzt, wie kühl die Luft hier draußen war. Angestrengt versuchte sie, die Sonnenstrahlen einzufangen, aber für dieses Kunststück brauchte man wohl mehr Bauch – und sehr viel mehr Balance. Schon im nächsten Moment verlor Wolke das Gleichgewicht und landete wieder auf allen vieren. Beeindruckt schaute sie sich unter den großen Sandtänzern um. Sie alle standen so unbeweglich, so wunderbar stramm!

Nur nicht Clanbruder Scharrer. „Bin gaaar nich“, seufzte er, während ihm der Kopf auf die Brust sank, „… müde.“ Kurz konnte er sich noch zusammenreißen, dann plumpste er in den Sand.

Wolke wusste sofort, was sie zu tun hatte. Mit einem begeisterten Fiepen stürzte sie los und krabbelte auf Scharrers Rücken. Das war eine Wärmequelle, die auch sie nutzen konnte! Wohlig drückte sie ihren kleinen, fast kahlen Bauch an den älteren Bruder. Donner und Blitz machten es ihr nach, und ausnahmsweise störte es Wolke nicht, dass die beiden einfach über sie hinwegtrampelten. Mitten im Kuschelhaufen hatte sie es eindeutig am wärmsten!

„Wie ich sehe, übernimmt Scharrer heute den Babysitterdienst“, stellte die Chefin fest. „Jedenfalls, sobald er richtig wach geworden ist.“

„Scharrer schläft nich“, nuschelte Scharrer mit geschlossenen Augen. „Scharrer denkt.“

„Und woran denkt er, wenn ich fragen darf?“

„Ans Schlafen.“ Scharrer rekelte sich genüsslich, doch Wolke bohrte den Kopf schnell wieder zwischen ihren Geschwistern hervor.

„Wieso Babysitter?“, piepste sie, so laut sie konnte, damit man sie nicht überhörte. „Dürfen wir denn nicht mitkommen?“

Die Chefin blinzelte belustigt. „O nein. Erst müsst ihr noch jede Menge über die Welt hier draußen lernen.“

„Wir wissen doch schon, dass die Sonne oben ist!“, protestierte Wolke.

„Und der Sand unten“, kam Donner ihr überraschend zu Hilfe.

„Mehr gibt’s ja wohl nicht zu lernen“, fasste Blitz zusammen.

Aber da tat die Chefin etwas absolut Erstaunliches. Offenbar hatte sie genug Wärme gesammelt, denn sie ließ sich auf den Boden sinken, schnüffelte kurz und begann zu graben. Hinter ihr stieg eine Sandwolke in die Luft, und vor ihr entstand nach und nach ein tiefes Loch. Die Chefin schob ihre Vorderpfoten hinein, dehnte und streckte sich. Sie war bereits bis über die Schultern im Sand verschwunden, als sie etwas zu fassen bekam. Mit ihren langen Klauen zerrte sie es heraus und biss zu.

Die drei Jungen hockten starr vor Verblüffung übereinander. Sie hatten eben zum allerersten Mal die Sonne gesehen, aber ihre erste Begegnung mit einem Skorpion beeindruckte sie fast noch mehr. Dieses Wesen sah gefährlich und boshaft aus – und auf seltsame Weise köstlich.

„Kann ich …“, fing Donner an, aber es war schon zu spät. Der Chefin baumelten nur noch die Scheren aus dem Maul.

„Bald“, sagte sie und schluckte. „Das Lernen fängt gerade erst an.“

3. Kapitel

Das Glück der Schreihälse

Von diesem Tag an verließen Wolke und ihre Brüder den Bau jeden Morgen. Sie lernten, den älteren Clanmitgliedern nicht im Weg zu sein: weder beim Sonnenbaden noch beim darauffolgenden Hausputz. Während der Tunnel von losem Sand freigeräumt wurde, bekam man schnell eine Ladung ins Gesicht! Doch vor allem lernten die Jungen, dass die Chefin immer das Sagen hatte. Sie entschied, wann es Zeit zum Aufbruch war und in welche Richtung es gehen sollte. Wenn sie ihr typisches Abmarsch!-Kläffen ausstieß, durfte sich kein Sandtänzer widersetzen, auch nicht der General. Er war zwar das wichtigste Männchen, aber die Chefin war die Wichtigste von allen. Gehorsam stürmten die Sandtänzer ihr hinterher, und Wolke hätte sich der Gruppe zu gerne angeschlossen. Es war nicht besonders spaßig, den ganzen Tag mit zwei Brüdern zu raufen oder Fangen zu spielen, die stärker und schneller waren als man selbst. Außerdem begriff Wolke nicht, warum die Großen überhaupt davonlaufen mussten.

„Sie suchen Futter, oder?“, fragte sie Clanschwester Flimmer, die an diesem Tag auf die Jungen aufpasste. „Krabbeldinger, hab ich recht? Aber von denen gibt es hier mehr als genug!“

Flimmer saß zurückgelehnt im Sand, während Donner und Blitz bei ihr tranken. Sie sah hungrig aus, und das Thema Krabbeldinger entlockte ihr ein sehnsüchtiges Seufzen. „Leider nicht“, antwortete sie. „In dieser Gegend wurde schon fast alles weggefuttert.“

„Der Bau ist doch voll davon“, widersprach Wolke. „Da! Sogar auf dir hopsen ein paar herum!“

Etwas verlegen kratzte Flimmer sich am Hals. „Tja, das sind Flöhe. Keine Leckerbissen, sondern Bluträuber. Die haben sich hier mächtig vermehrt, weil wir so lange nicht umgezogen sind.“

„Und warum sind wir nicht …“, begann Wolke, aber die Antwort lieferten bereits ihre Brüder. Wegen der kurzen Unterbrechung quietschten sie jämmerlich drauflos und drängten sich wieder an Flimmers Bauch. Die schloss ergeben die Augen und schien den Gedanken an köstliche Krabbeldinger weit von sich zu schieben. Es lag ganz bestimmt am Nachwuchs, dass die Sandtänzer länger als sonst am selben Ort ausharrten! Wie sollte man auch mit drei hilflosen kleinen Babys die Behausung wechseln?

Wolke hatte keine Lust, sich jetzt zwischen ihre Brüder zu schieben. Gedankenverloren scharrte sie im Sand, und auf einmal hatte sie ihr allererstes Loch gebuddelt. Verblüfft über diesen Erfolg, schnupperte Wolke darin herum. Es war nicht besonders groß und nicht besonders tief, aber einwandfrei lochig. Kein hilfloses Baby hätte ein solches Meisterwerk geschafft! Leider wartete nirgendwo ein Skorpion, der gerne verspeist werden wollte, aber das Loch war so etwas wie ein Zeichen. Wenn die Sandtänzer weiterziehen wollten, dann wäre Wolke bereit!

… Das dachte sie jedenfalls. Trotzdem fühlte sie sich ebenso überrumpelt wie Donner und Blitz, als eines Morgens kein Babysitter am Bau zurückblieb.

„Die haben uns vergessen“, sagte Donner entgeistert.

„Wie kann man nur?“, stöhnte Blitz, der sich eindeutig für unvergesslich hielt.

Wolke starrte dem Clan hinterher. Dank der dunklen Flecken um ihre Augen konnte sie problemlos ins grelle Sonnenlicht blicken, und ihr entging nicht, dass die Sandtänzer langsamer liefen als sonst. Einige von ihnen drehten sich immer wieder um und stießen lockende Rufe aus. Wolke dämmerte, was das zu bedeuten hatte: Die aufregendste Zeit im Leben der Babys war gekommen.

„Wartet auf uns!“, quietschte Wolke und flitzte los, so schnell ihre Beine sie trugen. Was, um ehrlich zu sein, nicht besonders schnell war. Es ging an Dornensträuchern und Termitenhügeln vorbei, dann eine hohe Düne hinauf und wieder hinunter. Schon nach kurzer Zeit war Wolke völlig außer Puste. Donner und Blitz hatten ihre Schwester rasch eingeholt, aber sie wirkten ebenfalls erschöpft wie sie.

„Doofe Idee!“, beschwerte sich Blitz und blieb stehen.

„Ich hab eine bessere“, sagte Donner und rollte sich zusammen. Die aufregendste Zeit seines Lebens konnte ihm gestohlen bleiben. Er schien drauf und dran, unter freiem Himmel einzuschlafen! Als die Großen das sahen, kamen sie zurück und keckerten laut durcheinander. Dann ließ Flimmer etwas vor Donner in den Sand fallen. Schlagartig war er hellwach. Der überraschende Duft ließ ihn sogar dermaßen zappelig werden, dass er aus Versehen in Flimmers Pfote biss. Geduldig machte sie sich von ihm los und stupste mit der Nase gegen das Futter, bis Donner zu fressen begann.

Auch die anderen Welpen bekamen Geschenke. Fasziniert schnupperte Wolke an der halb zerkauten Made, die die Chefin ihr überlassen hatte. Sie roch aufregender als Milch, aber sanfter als Skorpion. Wolke biss hinein und spürte, wie die Müdigkeit ihrer Beine an Bedeutung verlor. Alles, was jetzt zählte, war dieser Leckerbissen! Gierig kaute und schluckte sie, aber die Brüder waren mal wieder schneller.

„Bitte mehr“, verlangte Donner. „Bitte, bitte, biiiitte!“ Er wackelte Flimmer hinterher, und bei seinem schrillsten Bettelruf passierte es: Flimmer machte ihm bereitwillig ein weiteres Geschenk.

„Fuper, daf funkfioniert!“, jubelte Donner, während er den dicken Käfer zerknurpste.

„Bitte, bitte!“, kreischte Blitz sofort. Er schob sich an Wolke vorbei und belagerte die Chefin, die wieder zu graben begann. Kurz darauf wurde er mit einer appetitlichen Spinne belohnt.

Hektisch schaute Wolke sich um. Bei wem sollte sie ihr Glück versuchen? Alle Clanmitglieder wirkten nun furchtbar geschäftig, und niemand achtete auf sie. Mit zögernden Schritten näherte sie sich einer jungen Sandtänzerin, die in ihrer Nähe buddelte. „Ähm … bitte?“

Die Clanschwester tat, als hätte sie nichts gehört. Wolke stellte fest, dass sie noch keine sehr guten Löcher graben konnte. Wahrscheinlich hatte sie genug damit zu tun, selbst satt zu werden. Enttäuscht lief Wolke zurück zur Chefin, doch Blitz wehrte sie mit gebleckten Zähnchen ab. „Stopp! Hier sag ich bitte. Geh gefälligst woandershin zum Bittesagen!“

Mittlerweile schmerzte Wolkes hungriger Magen noch mehr als ihre Füße. Ihr Herz vollführte einen Satz, als sie in der Nähe vorfreudiges Gemurmel hörte: „Scharrer hat gleich was, Scharrer riecht was gaaanz Tolles …“

Wolke holte tief Luft. „Scharrer, bitte!“

Der Kopf des älteren Bruders tauchte aus einem Loch auf. Er hatte jede Menge Sand an den Augenbrauen – und eine prächtige Eidechse im Maul. Zwar wirkte er nicht begeistert, aber nach kurzem Überlegen trottete er auf Wolke zu.

„Sieht lecker aus, hm?“

Wolke fuhr herum. Hinter ihr stand das halbwüchsige Mädchen, das sie vorhin beim erfolglosen Buddeln beobachtet hatte. „O ja“, sagte Wolke aufgeregt, während ihr bereits der Duft der Eidechse in die Nase stieg. „Das schmeckt bestimmt morgensonnengut!“

„Ein Baby müsste man wieder sein“, fuhr die Clanschwester sehnsüchtig fort. Dann stockte sie und legte den Kopf schief. „Zum Glück kann man das ja. Willst du mal sehen?“ Und in genau demselben Tonfall wie Blitz und Donner quiekte sie: „BITTE!“

Scharrer zuckte zusammen. Unschlüssig schaute er zwischen den beiden hin und her, während er offensichtlich dachte: hungriges Baby – noch hungrigeres Baby. Im nächsten Moment musste Wolke mitansehen, wie er die Eidechse vor der Halbwüchsigen in den Sand warf und davonflitzte.

„Du“, japste Wolke fassungslos. „Du bist … oberfies gemein!“

„Irrtum. Ich bin Blüte“, entgegnete die Ältere höhnisch. „Aber in einem Punkt hast du recht: Das schmeckt bestimmt morgensonnengut!“

Dann verzog sie sich mit der Eidechse unter einen Strauch, und Wolke hörte nur noch ihr Schmatzen.

4. Kapitel

Ein unfreundlicher Lehrer

Wolke war daran gewöhnt, um Nahrung zu streiten.