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Norderney 1950: In der Nachkriegszeit übernehmen Ludwig und Hilde Washeimer das »Kurhotel am Meer«. Ihre erwachsenen Kinder Paul und Rita helfen tatkräftig mit, genauso wie das engagierte Zimmermädchen Charlotte. Norderney ist britisch besetzt, und Soldaten sowie einige wenige Urlauber logieren im Hotel. Die zielstrebige Rita verliebt sich in den geheimnisvollen Peter, der gerade aus dem Krieg zurückgekehrt ist, während Charlotte heimlich Gefühle für Ritas Bruder Paul hegt. Als Intrigen und gefährliche Pläne das Hotel bedrohen, muss die Familie zusammenhalten ...
Eine bewegende Geschichte über Mut, Zusammenhalt und den Wunsch nach einer besseren Zukunft. Der dritte Band der großen Saga rund um das Kurhotel auf Norderney.
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Seitenzahl: 463
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Grußwort des Verlags
Über dieses Buch
Titel
Widmung
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
Epilog
Nachwort
Über die Autorin
Weitere Titel der Autorin
Impressum
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Norderney 1950: In der Nachkriegszeit übernehmen Ludwig und Hilde Washeimer das »Kurhotel am Meer«. Ihre erwachsenen Kinder Paul und Rita helfen tatkräftig mit, genauso wie das engagierte Zimmermädchen Charlotte. Norderney ist britisch besetzt, und Soldaten sowie einige wenige Urlauber logieren im Hotel. Die zielstrebige Rita verliebt sich in den geheimnisvollen Peter, der gerade aus dem Krieg zurückgekehrt ist, während Charlotte heimlich Gefühle für Ritas Bruder Paul hegt. Als Intrigen und gefährliche Pläne das Hotel bedrohen, muss die Familie zusammenhalten ...
Claudia Schirdewan
Das Kurhotel auf Norderney – Wellen der Hoffnung
Für Ute
Düsseldorf, im Februar 1940
Das kleine Mädchen drückte sich so fest an die Mauer, als wollte es sich zwischen den Steinen auflösen und für immer verschwinden. Frost hatte sich in den Fugen verfangen, und die Kälte kroch durch den fadenscheinigen Mantel der Kleinen. Er war einmal königsblau und elegant gewesen, doch nun war er schmuddelig, für Charlotte, die alle nur Lotte nannten, viel zu kurz und an den Nähten mehrmals geflickt.
Sie vergrub ihr Gesicht in dem staubigen Fell des Stoffbären, den sie in den Armen hielt. Er trug noch das feine weiße Kleidchen, das einst der Puppe ihrer Schwester gehört hatte. Maria hatte gar nicht an Spielzeug gedacht, als sie hatte gehen müssen. Mit ihren elf Jahren sei sie ohnehin zu alt dafür, hatte sie gesagt, doch Lotte wusste, dass sie in Wirklichkeit Angst gehabt hatte, dass man ihr die Puppe wegnehmen würde.
Ein paar Tage nach Marias Abreise hatte das Kleidchen noch nach der Schwester gerochen. Nach etwas saurer, viel zu stark verdünnter Milch und Steckrübensuppe. Nicht besonders gut vielleicht, aber trotzdem vermisste Lotte den Duft.
So war es zu Hause gewesen. Dieser Geruch hatte zwischen den Möbeln und Vorhängen gehangen, seit Lotte denken konnte, auch wenn ihre Mama manchmal mit hängenden Schultern am Küchentisch gesessen und geklagt hatte, weil ihr der Duft der alten Zeit nach Hefe, Butter und selbst gekochter Marmelade so fehlte.
Wie es Maria wohl in den Bergen gefiel? Ach, warum hatten sie nicht zusammenbleiben dürfen? Mama hatte gesagt, dass Lotte noch zu klein war. Für die jüngeren Kinder war die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt zuständig. Ein Name, den Lotte kaum aussprechen konnte, über den sie immer wieder stolperte, als weigerte ihre Zunge sich, die Silben zu bilden.
Um Marias Unterbringung hingegen hatte sich die Hitlerjugend gekümmert. Für sie ging es in ein »KLV-Lager«, wie man sagte. »Kinderlandverschickung« hieß das, hatte der Lehrer in der Schule erklärt, als er in den höchsten Tönen angepriesen hatte, wie großartig es dort war.
Klaus Zurbruck, der in der Bank hinter Lotte saß, hatte gekichert und geflüstert, dass sie für die Reise vermutlich alle in Kartons verpackt würden, wie die Päckchen für die Soldaten. Dafür hatte er mit dem Rohrstock eins auf die Finger bekommen.
Lotte wäre auch lieber in so ein Lager gefahren, wenn sie schon wegmusste. Ihre Schwester durfte dort zumindest mit anderen Kindern zusammenbleiben, während auf sie selbst eine Gastfamilie wartete. Der Gedanke wog schwer. Was, wenn die Leute nicht freundlich waren? Vielleicht würden sie sie ja sogar schlagen oder ihr nichts zu essen geben ...
Eine Frau trat zu ihr und nahm ihre Hand. »Nun komm schon, die Eisenbahn fährt gleich ab. Siehst du nicht, dass die anderen schon einsteigen?«
Lotte blickte sich um. Das Getümmel auf dem Bahnhof löste sich allmählich auf. Koffer wurden durch Fenster und Türen in die bereitstehende Bahn gehievt. Ein paar Frauen winkten mit Taschentüchern, Kinder weinten und jammerten. Ein Mann in Uniform trieb die Jungen und Mädchen zur Eile an.
Lotte senkte den Kopf und starrte auf ihre Schuhspitzen. Sie hatte sich immer gewünscht, einmal mit der Eisenbahn zu fahren. Aber doch nicht so. Nicht alleine.
»Wo ist Mutti?«, fragte sie, obwohl sie die Antwort kannte.
»Nach Hause gegangen. Wenn alle Eltern noch winken, gibt es hier viel zu viele unnötige Tränen.« Die Frau griff nach dem abgewetzten Koffer, der neben Lotte auf dem Boden stand. Viel war nicht darin. »Nun komm. Hab dich nicht so, du bist doch schon eine von den Großen, oder etwa nicht? Sei ein Vorbild für die Jüngeren!«
Lotte drückte den Teddy noch fester an sich. Ihre Schultern bebten, und sie schluckte schwer gegen die Tränen an, die ihr den Hals zuschnürten.
Die Frau seufzte und strich ihr unbeholfen über die geflochtenen Zöpfe. »Na, na. Du kommst ja wieder. Bis dahin gibt es frische Luft und gutes Essen. Ist das etwa nichts? Deine Mutti wird sich freuen, wenn du rund und rotbackig wieder vor der Tür stehst. Also los, sei nicht so undankbar! Immerhin darfst du ans Meer.«
»Meine Schwester ist in den Bergen«, flüsterte Lotte.
»Am Meer ist es schöner«, sagte die Fremde entschieden. »Norderney! Da war ich früher mal zur Sommerfrische. Warte nur ab, wie gut dir die salzige Seeluft tun wird.«
Sie drängte Lotte in Richtung des Zuges und schob sie in ein Abteil, in dem noch genau ein Platz frei war. Fünf Kinder hockten dort bereits und starrten vor sich hin. Sie schienen gar keine Notiz von Lotte zu nehmen. Ein kleiner Junge, trotz des Winterwetters in kurzen Hosen und Kniestrümpfen, schniefte und erntete dafür einen strafenden Blick von Lottes Begleitung.
»Benehmt euch«, forderte sie und hievte Lottes Koffer in die Hutablage. »So. Nun gute Reise und vergesst nicht, brav zu sein!« Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte sie sich um und verließ das Abteil.
Lotte setzte sich auf den freien Platz am Fenster und hob ihren Teddy hoch, damit sie gemeinsam durch die Scheibe auf den Bahnsteig hinaussehen konnten, der sich inzwischen ganz geleert hatte. Ein einsamer Bahnsteig in einer Stadt, die nun wohl beinahe ohne Kinder war. Ein Pfiff ertönte. Langsam setzte sich das eiserne Monstrum, das sie ans Meer bringen würde, in Bewegung.
Mit jedem Meter, den die Bahn zurücklegte, wurde Lotte kleiner und leiser. Noch bevor die Nordsee in Sicht kam, hatte sie sich ganz tief in sich selbst zurückgezogen.
Norderney, 1950
Mit konzentrierter Miene maß James Roberts Teeblätter mit einem Löffel ab und übergoss sie mit dem sprudelnd heißen Wasser, das er in einem Kessel auf dem Herd zum Kochen gebracht hatte. Er durfte nicht vergessen, später Holz nachzulegen, sonst würde es mit dem warmen Mittagessen nichts werden. Der Mai stand vor der Tür, aber die Luft war noch empfindlich kühl, und James war froh über die Wärme, die das klapprige Metallding spendete. In einem unbeobachteten Moment hatte er sogar seinen Schreibtisch näher an den Herd herangerückt.
Der Zweiundzwanzigjährige ließ den Tee noch einen Moment ziehen und nutzte die kurze Pause, um aus dem Fenster zu sehen. Die Bäume auf der Luisenstraße bogen sich im Wind. Es sieht eher nach Herbst als nach Frühling aus, dachte James und rieb sich den Nacken, der von den langen Stunden schmerzte, die er gebückt am Schreibtisch zubrachte und penibel über seinen Listen brütete.
Er ging zurück zum Herd und seihte die Teeblätter durch ein Sieb, bevor er einen Schuss Milch in die Tasse gab. Major Hampstead hatte sehr genaue Vorstellungen davon, wie man einen anständigen Tee zubereitete, und nach fast zwei Monaten in seinen Diensten hatte James den Dreh allmählich raus.
Er nahm die Tasse und brachte sie vorsichtig, damit nichts überschwappte, in das Zimmer nebenan, das seinem Vorgesetzten als Büro diente. Früher, das wusste James inzwischen, war der Raum die gute Stube der Familie Washeimer gewesen. An dem langen Tisch, an dem nun der Major seine Angelegenheiten regelte, hatten sie zu hohen Festen oder bei wichtigen Besprechungen zusammengesessen.
James konnte sich vorstellen, dass es für Ludwig und Hilde Washeimer, die das Kurhotel am Meer durch die Kriegsjahre geführt hatten, nicht leicht war, dass nun ein fünfzigjähriger britischer Major hier das Sagen hatte. Genauso wenig wie es Ludwigs Eltern Clara und Arthur gefallen konnte. Die beiden hatten sich weitestgehend in ein Nebengebäude zurückgezogen, das ihnen schon seit ein paar Jahren als Wohnsitz diente, und ließen sich im Hotel nur noch selten blicken.
Obwohl James Verständnis dafür hatte, dass die Situation für die Washeimers schwierig war, hielt sich sein Mitleid in Grenzen. Schließlich hatten die Engländer den Krieg nicht angefangen. Im Gegenteil. Wie viele seiner Landsleute hatten ihr Leben lassen müssen, um die Nazis zu stoppen! Wie immer, wenn er an das dachte, was in Deutschland geschehen war, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Diese Bilder aus den Konzentrationslagern verfolgten ihn häufig bis in den Schlaf. Angeblich hatte niemand etwas gewusst, war niemand ein Nazi gewesen. Von wegen.
James erinnerte sich noch gut daran, wie er vor rund zwei Jahren in Köln angekommen war. Er war zwar Soldat, hatte aber nicht an die Front gemusst, dafür hatte sein Vater gegen James' Willen gekämpft.
Asthma, ein nervöser Hautausschlag, Nackenprobleme. Alles, was ihm eingefallen war, hatte Steven Roberts vorgebracht, sodass James die entscheidenden Kriegsjahre in einem Büro in Oxford verbracht und dort Briefe getippt hatte, bis er endlich als Dolmetscher angefordert und zunächst in Köln stationiert worden war. Auch, wenn alles in ihm danach gedrängt hatte, endlich eine wichtige Aufgabe zu übernehmen, hatte er damals mit einem mulmigen Gefühl deutschen Boden betreten.
Keine Verbrüderung, hatte die Devise gelautet. Achtsam sein, keine Geschichten glauben, die einem die angeblich Unschuldigen erzählen. Und keinesfalls mit einem deutschen Fräulein anbändeln. Nun, das hatte er gewiss nicht vorgehabt.
James wusste noch zu gut, wie überrascht er gewesen war, als er die ersten Deutschen getroffen hatte. Wie normal sie aussahen. Viele wirkten ausgemergelt, ja, aber sie sahen aus wie die Menschen, die auch in England über die Straßen schlenderten. Er hatte erwartet, dass man sie erkennen würde, die Nazis. Dass ihre teuflischen Gedanken sich irgendwie in ihre Gesichtszüge gebrannt hatten. Wie tückisch, dass es nicht so war!
Umso mehr war James von Anfang an auf der Hut gewesen und hatte nur die nötigsten Worte mit den Einheimischen gewechselt. Lediglich mit den Kindern hatte er wie so viele andere Soldaten auch Mitleid gehabt und ihnen immer mal etwas Schokolade oder ein paar Kaugummis zugesteckt.
Hampstead telefonierte gerade und sah kaum von seinem Notizblock auf, als James den Tee servierte, sodass der junge Sekretär sich schnell wieder in die Küche zurückzog. Der Raum war natürlich nie für Schreibarbeiten gedacht gewesen, aber James hatte sich arrangiert. Er hatte ein paar Regale für seine Akten aufstellen lassen, und den großen Küchentisch schätzte er als praktischen Schreibtischersatz.
Die Küche, in der Bernhard Washeimer, der jüngere Bruder von Ludwig, als Koch werkelte, wurde nur noch in Absprache mit James benutzt, denn seine Arbeit ging vor. Das Kurhotel am Meer war wie so viele andere Einrichtungen auf der Insel beschlagnahmt worden, und obwohl es inzwischen wieder Gäste beherbergte, bei denen es sich vorwiegend um Soldaten der britischen Rheinarmee oder polnische Kurzurlauber und deren Angehörige handelte, diente das Gebäude in erster Linie der Verwaltung.
Dennoch zuckte James zusammen, als die Tür aufgestoßen wurde.
»Entschuldigung, ich wollte klopfen, aber Sie sehen ja ...« Gerade noch hatte er an ihn gedacht, da stand Bernhard schon vor ihm, eine Kiste mit runzligen, offenbar überlagerten Äpfeln in den Händen. Bernhard war Anfang vierzig, seine kurzen braunen Haare waren am Ansatz schon etwas grau. Er war groß und kräftig gebaut, eine imposante Erscheinung. James hatte sich fest vorgenommen, es sich nicht mit ihm zu verscherzen.
Darum winkte er nun ab. »Schon gut. Ich hatte mich nur erschreckt.«
Im Gegensatz zu Hampstead sprach James ein beinahe akzentfreies Deutsch. Dass er es überhaupt gewagt hatte, die Dolmetscherprüfung anzutreten, verdankte er neben einem guten Lehrer in der Schule vor allem Walter, dem alten Bibliothekar aus dem Nachbardorf. James hatte viele Stunden in der Bibliothek verbracht. Er hatte die Ruhe dort ebenso sehr geliebt wie die vielen Geheimnisse, die es da zwischen Buchdeckeln zu entdecken gab.
Walter hatte eine deutsche Mutter gehabt und obwohl er in England aufgewachsen war, hatte sie immer mit ihm in ihrer Muttersprache gesprochen. Aus einer Laune heraus hatte Walter James, als dieser noch keine sechs Jahre alt gewesen war, einmal ein deutsches Kinderbuch gezeigt, und sofort war das Interesse des kleinen Jungen geweckt gewesen. Von diesem Tag an hatte Walter ihm die Sprache beigebracht, wann immer er etwas Zeit erübrigen konnte.
James' Deutschkenntnisse waren natürlich der Hauptgrund, warum er Hampstead als Sekretär zugeteilt worden war. Nach allem, was man hörte, hatte James' Vorgänger den Job eher schlecht als recht erledigt und so manches Missverständnis verursacht.
»Was haben Sie vor, Apfelkuchen backen?«
Bernhard schüttelte den Kopf und stellte die Kiste auf der Arbeitsfläche neben dem Herd ab. »Ich habe zu wenig Zucker, und die Butter ist auch knapp. Das wird ein schlichtes Kompott. «
»Klingt lecker.« James lächelte.
»Ich hoffe doch. Ich will Sie aber nicht stören. Ich dachte, Sie hätten heute einen Auswärtstermin. In der Milchbar ...?«
James sah ihn einen Moment ratlos an, dann begriff er. »Ach, im Tea and Coffee Room? Ja, aber das ist erst heute Nachmittag.«
Bernhard kratzte sich am Kopf und sah sichtlich verunsichert auf die Äpfel.
»Wissen Sie was?« James stand auf und sammelte die Unterlagen zusammen, die vor ihm lagen. »Machen Sie ruhig. Ich freue mich auf das Apfelmus, und dann hat Major Hampstead auch gleich einen schönen Nachtisch. Ich muss gerade ein paar Schreiben übersetzen, und das kann ich ebenso gut in meinem Zimmer tun.«
»Sind Sie sicher?«
»Natürlich. Sagen Sie Major Hampstead bitte, wo ich bin, falls er mich sucht? Er telefoniert gerade, da will ich ihn nicht stören.« James griff nach der Uniformjacke, die über der Stuhllehne hing, warf sie sich über den Arm und nickte Bernhard noch einmal zu, bevor er die Küche verließ und mit der freien Hand die Tür hinter sich zuzog.
Bernhard bemühte sich offenkundig, nicht allzu oft mit ihm zusammenzutreffen, und auch James war es lieber, nicht mit ihm in einem Raum zu sein. Dabei gingen sie höflich miteinander um, aber es lag ein beredtes Schweigen zwischen ihnen, wenn sie beide alleine in der Küche waren. Ein Schweigen, das so laut war, dass James' Ohren von dem Krach zu rauschen begannen und er sich kaum konzentrieren konnte.
Man hatte ihn in einem der Gästezimmer im oberen Stockwerk untergebracht, und James musste den Empfangsbereich durchqueren, um zur Treppe zu gelangen. Wie fast immer, wenn er hier vorbeikam, hielt er kurz inne, um das Bild zu betrachten, das an der Wand gegenüber der Rezeption angebracht war. Ein Gemälde, das bessere Zeiten zeigte. Ein junges Paar, das am Strand tanzte. Ein heimliches Rendezvous zu später Stunde möglicherweise. Die beiden hatten einander die Köpfe zugewandt und hielten sich in den Armen. Der Rock der Frau schwang im Seewind, sie wirbelten ausgelassen durch den Sand.
James neigte den Kopf zur Seite. Paul Washeimer, Ludwigs Sohn und genauso alt wie James, hatte ihm einmal verraten, dass das Bild seine Großeltern zeigte. Clara und Arthur. Das war noch vor dem Ersten Weltkrieg gewesen. Für einen Moment tat das junge Paar auf dem Gemälde ihm leid. Sie sahen so unbeschwert aus, voller Vorfreude auf die Zukunft. Bestimmt hätten sie sich niemals träumen lassen, was sie noch erwartete. Vielleicht würde er sie irgendwann einmal danach fragen.
Seufzend wandte James sich ab und machte sich daran, die Treppe hochzusteigen. Die Holzstufen knarzten, denn der einst meerblaue Teppich, der sie bedeckte, war längst nicht nur gräulich geworden, sondern auch so dünn und zerschlissen, dass er das Geräusch von Stiefeln kaum noch dämpfte. James kramte den Zimmerschlüssel aus der Tasche seiner Uniformjacke, als er bemerkte, dass die Tür zu Nummer zwei offen stand.
Natürlich, damit hätte er rechnen müssen. Das Zimmermädchen war sicherlich davon ausgegangen, dass er wie immer um diese Zeit in seinem improvisierten Büro in der Hotelküche saß. Er rückte seine Unterlagen noch einmal zurecht, räusperte sich und klopfte dann an den Türrahmen.
Eine schmale, beinahe schon magere Frau stand mit dem Rücken zu ihm vor dem Schrank, der an einer der Wandseiten angebracht war. Sie balancierte auf den Zehenspitzen, um mit dem Staubwedel hoch genug zu reichen. Auf sein Klopfen hin drehte sie sich um und ließ das Putzzeug sinken. »Mr. Roberts«, grüßte sie und senkte den Kopf. »Guten Morgen!«
»Guten Morgen«, gab er zurück. »Nennen Sie mich James. Bitte.«
Sie errötete nur noch mehr. »Verzeihen Sie ... James. Ich dachte, Sie wären in der Küche ... in Ihrem Büro, meine ich.«
»Ja, das war ich auch, aber Bernhard hat Apfelkompott in Aussicht gestellt.« Er schmunzelte. »In der Hoffnung, etwas abzubekommen, habe ich entschieden, dass ich genauso gut in meinem Zimmer arbeiten kann.«
James deutete mit der freien Hand auf die Papiere. »Das muss alles übersetzt werden, das kann ich hier genauso gut erledigen.«
»Oh.« Die junge Frau warf einen Blick hinter sich, wo ein Eimer mit Seifenwasser und Putzlappen bereitstand. »Ich ... Ich bin noch nicht ganz fertig, fürchte ich.«
»Ach, nein?« James riss die dunklen Brauen übertrieben hoch und sah sich um. »Ehrlich gesagt, Charlotte: Was wollen Sie denn hier noch putzen? Man kann doch vom Boden essen, so sauber ist es.«
Lotte Werner starrte auf ihre Zehenspitzen und schien sich zu fragen, ob James sich über sie lustig machte. Dabei hatte er sie gar nicht in Verlegenheit bringen wollen.
»Wirklich«, bekräftigte er. »Das Zimmer ist makellos. Sie können es ruhig für heute gut sein lassen. Und ich bedanke mich, dass Sie sich so sorgsam um meine Unterkunft kümmern.«
Lotte antwortete nicht. Sie rückte ihre weiße Haube zurecht, unter der ein paar kastanienbraune Haarsträhnen hervorlugten, und nickte James zu. Dann nahm sie den Eimer und machte sich eilig von dannen.
Der Soldat trat an das Fenster und sah auf die Luisenstraße hinaus. Eine Familie lief vorbei, die Köpfe gesenkt. Vermutlich Flüchtlinge. Es hatte so viele nach Norderney verschlagen, dass er sich manchmal wunderte, dass die Insel vom schieren Gewicht all der Menschen, die auf ihr herumirrten, nicht schon untergegangen war. Er ließ den Blick zum Himmel wandern. Noch immer zogen graue Wolken vorbei, aber am Horizont traute sich ein kleiner Sonnenstrahl hervor. James lächelte. Ein wenig wie zu Hause. Wenigstens ein wenig.
Lotte trug den schweren Eimer die Treppe hinunter und leerte ihn in der Waschstube aus, die sich in einem kleinen Anbau befand. Früher hatte hier eine Krankenschwester gewirkt, wie das Zimmermädchen aus Clara Washeimers Erzählungen wusste. Clara war inzwischen Mitte sechzig und hatte nach langen Jahren die Hotelleitung an ihren Sohn Ludwig übergeben. Eine Freundin von Clara war das gewesen, Helene. Sie hatte kleine Wunden und Malaisen der Gäste gleich hier vor Ort behandelt und sich auch mit Umschlägen und Wärmeanwendungen ausgekannt. Clara hatte erwähnt, dass sie mit dem Apothekenhelfer verlobt gewesen war, einem Wilm Janssen, doch der war schon vor dem ersten großen Krieg verstorben. Herzstillstand, ganz plötzlich.
»Helene war am Boden zerstört«, hatte Clara Washeimer mit gesenktem Blick geflüstert, als sie Lotte davon erzählt hatte. »Wie hat sie gelitten! Eine Zeit lang war es, als hätte man ihr das Herz herausgerissen und zusammen mit dem armen Wilm beerdigt. Doch dann, als der erste Krieg kam und schließlich der zweite, waren wir irgendwann zusammen auf dem Friedhof und haben ihm ein paar Margeriten auf sein Grab gelegt, die mochte er immer so gern. Da sagte Helene, dass der frühe Tod ihm vielleicht einiges erspart hat, und ich glaube, da hatte sie recht, Lotte. Da hatte sie recht!«
Bald nach Kriegsbeginn hatte Helene die Insel jedoch verlassen, um ihrer Mutter beizustehen, und seitdem gab es von ihr wohl keine Spur mehr. Die alte Frau Washeimer tat Lotte immer fürchterlich leid, wenn sie von der Krankenschwester erzählte. Dann verdunkelten sich ihre Augen vor Sorge, und ihre Hände begannen zu zittern.
Obwohl der Raum mit dem schlichten Fliesenboden und den grauen Wänden so einfach wirkte, stand hier eines der wertvollsten Stücke des Hauses. Lotte schmunzelte, als ihr Blick auf die Miele fiel. Der verzinkte Bottich der Waschmaschine erinnerte sie immer an einen Suppentopf. Obwohl in das wundersame Ding nicht viel Wäsche passte und Lotte noch oft genug mit dem Waschzuber hinter dem Hotel anzutreffen war, wo sie die Bettwäsche mit einer Bürste bearbeitete, strahlte Hilde Washeimer immer über das ganze Gesicht, wenn sie jemandem erzählte, wie modern ihr Hotel ausgestattet war.
Es war seltsam, dass die Briten dieses Ding noch nicht beschlagnahmt hatten. Vermutlich hatte es damit zu tun, dass Major Hampstead selbst im Kurhotel am Meer residierte und keinen Hehl daraus machte, wie sehr er makellose Wäsche zu schätzen wusste. Mehr als einmal hatte er ihr abends einen Stapel Kleidung in die Hand gedrückt und sie gebeten, die Sachen noch schnell für ihn in Ordnung zu bringen.
Lotte putzte ihren Eimer aus und hängte den ausgespülten Lappen zum Trocknen über die Leine, die quer durch den Raum gespannt war. Mit dem Handrücken wischte sie sich ein paar Schweißperlen von der Stirn. Hoffentlich hatte James Roberts ihr keine Falle gestellt! Was, wenn er sich beschwerte, dass sein Zimmer nicht ordentlich war?
Andererseits wirkte er nicht wie jemand, der mit dem Zeigefinger über Türrahmen fuhr und akribisch nach Staubkörnern Ausschau hielt. Die meiste Zeit schien er am Schreibtisch zu sitzen, die Nase in Büchern oder Unterlagen vergraben, Tintenflecken an den Fingern.
Wenn sie durch das Hotel wirbelte, hatte sie schon häufiger beobachtet, wie er aus dem Fenster hinaus auf die Straße starrte. Ob er dann über seine Arbeit nachdachte? Über schwierige Schreiben oder Übersetzungen, an denen er womöglich zu verzweifeln drohte? Oder sehnte er sich danach, die Uniform gegen ein Hemd und kurze Hosen zu tauschen und sich vom Seewind die Haare zerzausen zu lassen? Möglicherweise war es aber auch Heimweh, das seinen Blick so oft abwesend werden ließ? Dafür hätte niemand mehr Verständnis als sie.
»Lotte!«
Das Zimmermädchen zuckte zusammen, als sich von hinten zwei Hände auf ihre Schultern legten. Sie fasste sich an die Brust und fuhr herum. »Herrje, Rita! Du sollst mich doch nicht immer so erschrecken!«
»Buh!« Rita hob die Hände und zog eine Grimasse, die wohl gruselig sein sollte, Lotte aber zum Lachen brachte. »Hüte dich zu lachen«, sagte Rita mit düsterer Stimme, »denn ich bin der Geist der Waschküche.«
»Der Geist der Waschküche kann sich gern schon einmal um das Bügeln kümmern.«
Lotte deutete mit dem Kopf in die Zimmerecke, wo sich frisch gewaschene Laken in einem Korb stapelten.
Rita verdrehte die Augen. Die neunzehnjährige Tochter des Hauses sah wie immer blendend aus und hatte gewiss nicht die Absicht, sich der Leinen anzunehmen. Zu einer weißen Bluse, die ihre zarte Bräune betonte, hatte sie einen modischen Bleistiftrock kombiniert, der jeden Blick auf ihre schlanken Beine zu lenken verstand. Die blonden, schulterlangen Locken hatte sie sich aus der Stirn frisiert, und ihre grünen Augen blitzten fröhlich.
»Brauchst du denn noch lange? Ich dachte, wir könnten ins Wellenbad gehen.«
Lotte zögerte. Sie ging gern schwimmen, aber um sich das Eintrittsgeld zu sparen, stürzte sie sich normalerweise in die Nordsee. Allerdings war auch ihr das Meer jetzt, zu Frühlingsbeginn, noch zu kalt. Im Wellenbad war sie jedoch erst ein- oder zweimal gewesen.
»Ich lade dich ein.« Rita schien ihre Gedanken wie so oft zu erraten.
»Das sollst du nicht. Du hast mir erst gestern eine Limo spendiert.«
Rita schwang sich auf ein hüfthohes Schränkchen, in dem die Putzmittel verwahrt wurden, und ließ die Beine baumeln, so gut der enge Rock es erlaubte. Sie verzog die vollen Lippen. Lotte war sicher, dass sie sich geschminkt hatte. Das würde Ritas Mutter, Hilde Washeimer, gar nicht gefallen.
»Wenn meine Eltern dir zu wenig zahlen, spreche ich mit ihnen. Junge Frauen müssen auch mal ins Wellenbad gehen können.«
Lotte machte sich daran, die Miele mit ein paar Geschirrtüchern zu beladen. Die Washeimers waren ihre Arbeitgeber, und auch wenn sie sich im Lauf der Jahre mit der nur wenige Monate älteren Rita angefreundet hatte, würde sie nicht vergessen, welche Stellung sie hatte. Zwar blühte Norderney langsam wieder auf, und sie würde bestimmt auch in einem anderen Hotel Arbeit finden, aber sie fühlte sich im Kurhotel am Meer wohl. Alle waren freundlich zu ihr, und wer wusste schon, wie es anderswo zuging?
»Es sind ja auch keine leichten Zeiten für deine Eltern«, sagte Lotte leise. »Selbst wenn allmählich wieder Gäste eintrudeln, ist es noch lange nicht so wie früher.«
Früher.
Eigentlich wusste Lotte gar nicht, wie es früher hier gewesen war. Vor dem Krieg. Sie selbst war auf die Insel gekommen, als die Welt schon im Chaos versank, und hatte einige Jahre bei einer Familie in der Tannenstraße gelebt. Die Larsens hatten sie freundlich aufgenommen, waren aber natürlich nicht glücklich darüber gewesen, dass sie neben den eigenen drei Kindern noch ein viertes durchfüttern mussten, wo es doch ohnehin von allem zu wenig gab.
Lotte hatte sich bemüht, sich nützlich zu machen und ansonsten möglichst wenig aufzufallen. So wenig, bis das kleine Mädchen, das sie war, beinahe mit der Wand zu verschmelzen schien. Stumm, blass, kalt. Vielleicht hatte es auch damit zu tun gehabt, dass sie doch immer ein Löffelchen weniger auf dem Teller gehabt hatte als die Kinder der Familie.
Beinahe hätte man sie 1941, als Norderney bombardiert wurde, evakuiert. Aller Angst zum Trotz hatte Lotte ihren Teddy schon reisefertig gemacht und in das Puppenkleidchen gesteckt, das er auch bei der Anreise getragen hatte. Vielleicht werde ich ja endlich Maria wiedersehen!, hatte sie gedacht, aber irgendwie war Lotte in all dem Durcheinander durch das Raster gefallen. Dann waren alle Schiffe mit den Kindern, die in Sicherheit gebracht werden sollten, fort gewesen, und Lotte hatte ausharren müssen.
Inzwischen wusste sie, dass neben ihren Gastgeschwistern auch Paul und Rita damals evakuiert worden und ein paar Monate bei entfernten Verwandten irgendwo in Norddeutschland untergekommen waren. Einsame Monate waren das gewesen, allein mit Bertha, ihrer Gastmutter, die meistens mit hängenden Schultern am Küchentisch gesessen und in ein altes Taschentuch geweint hatte. Ihre Kinder waren fort, in einer Sicherheit, von der niemand wusste, ob sie echt war, und der Mann längst an der Ostfront.
Seit ihrem vierzehnten Geburtstag arbeitete und wohnte Lotte im Hotel der Washeimers, und oft kam es ihr so vor, als könnte man in den Ecken den Glanz alter Zeiten schimmern sehen. Ob es jemals wieder so sein würde wie in den Erzählungen der alten Clara?
»Gehen wir denn nun oder nicht?«, hakte Rita nach, ohne auf Lottes Einwand einzugehen. »Paul kommt auch später nach.«
Lotte ließ beinahe das Tuch fallen, das sie gerade in die Waschmaschine legen wollte. Sie senkte den Kopf, als studierte sie angestrengt die Knöpfe und Schalter des Gerätes, damit Rita nicht sah, wie ihr Gesicht rot anlief. Paul! Wie immer, wenn sein Name fiel, lief ein seltsames Kribbeln durch ihren Körper. Ein Kribbeln, das ihr Herz freudig höherschlagen ließ und über das sie sich gleichzeitig ärgerte. Immerhin war Paul niemand Geringeres als Ritas älterer Bruder. Der zweiundzwanzigjährige zukünftige Hotelier, einziger Sohn des Hauses.
Wenn er von Lottes kindischen, ja geradezu irrwitzigen Fantasien wüsste, würde er bestimmt verwundert die dunklen Brauen hochziehen und sich eines jeden Kommentars enthalten. Ihn konnte sie sich kaum woanders vorstellen als hinter der Rezeption. Kerzengerader Rücken, ein verbindliches Lächeln auf den schmalen, aber fein geschwungenen Lippen und in einen perfekt sitzenden Anzug gekleidet, auf dessen Stoff sich niemals eine Fluse zu verfangen schien.
Und ausgerechnet Paul wollte ins Schwimmbad gehen?
»Er beißt nicht«, neckte Rita sie. »Und seine Freunde auch nicht.«
»Aber ... wer passt denn dann auf das Hotel auf?«
Rita zuckte mit den Schultern. »Mein Vater natürlich. Und wenn er nicht kann, sollen die Briten selbst zusehen, wie sie klarkommen. Ist doch kaum ein Gast da, der nicht zur Armee gehört.«
»Rita! Wenn dich jemand hört.«
»Dann ist es so. Ich lasse mir doch nicht den Mund verbieten.«
Lotte sah sie ernst an. »Ich wäre vorsichtig.«
»Du bist zu vorsichtig, meine Liebe. ›Obacht‹ ist quasi dein zweiter Vorname.«
Rita ließ sich von dem Schränkchen gleiten und ging zur Tür. »Ich nehme das als ein Ja, einverstanden? Wir treffen uns in einer Stunde vor der Tür.«
Sie warf Lotte noch eine Kusshand zu und verließ dann die Waschküche. Vermutlich, um ihren neuen knallroten Badeanzug noch einmal vor dem Spiegel anzuprobieren. Lotte lächelte. Sie konnte Rita einfach nie böse sein, auch wenn sie sich wieder einmal von ihr überrumpelt fühlte. Sie startete die Waschmaschine und holte dann das Bügeleisen aus dem Schrank. Wenn sie sich beeilte, würde sie es schaffen. Neben Paul im Salzwasser toben, mit ihm durch die künstlichen Wellen hüpfen ... ach, was für ein Unsinn! Das würde sich nicht schicken!
Dennoch huschte ein Lächeln über Lottes Gesicht, als sie nach dem ersten Laken griff. Natürlich würde sie sich beeilen. Wenn die Arbeit erledigt war, hatten die Washeimers bestimmt nichts dagegen, dass auch Lotte sich ein paar vergnügliche Stunden gönnte.
Hand in Hand eilten Rita und Lotte bald darauf die Luisenstraße entlang und überquerten schließlich den Kurplatz, hinter dem das Schwimmbad lag.
»Komm schon, Lotte. Das Bad hat nur bis sechs Uhr auf. Lass uns die Zeit nutzen.«
Rita warf den Kopf in den Nacken. Die Sonne verfing sich in ihren blonden Locken und ließ die Strähnen glänzen, die vorwitzig unter dem Tuch hervorschauten, das sie sich um den Kopf geschlungen hatte. Ihre Füße steckten in roten Schuhen mit hohen Absätzen, und obwohl es noch kühl war, trug sie zu dem weiten Rock, der über ihren Knien endete, nichts weiter als echte Nylons.
Ritas Mutter durfte nie erfahren, wie sie darangekommen war. Die Strümpfe hatten sie nicht nur einen Tanz, sondern auch alle Regeln ihrer Küsskunst gekostet, dann endlich hatte der Soldat sie rausgerückt. Seine Lippen waren irgendwie fischig gewesen, und er hatte nach schalem Bier geschmeckt, aber das war es allemal wert gewesen. Lieber ein paar Sekunden die Augen schließen und an etwas anderes denken, als zu betteln oder vergeblich auf Geschenke zu warten, wie es so viele taten.
Rita erinnerte sich nur zu gut daran, wie es mit den Lebensmittelmarken gewesen war. Sie hatte neben ihrer Mutter im Laden gestanden, und Mama hatte dem Verkäufer die Karten für Milch und Fett hingehalten. Der hatte nur müde gelächelt und alles einem anderen gegeben. Einem Kunden, der etwas Besseres zu bieten hatte als Papierfetzen, nämlich Zigaretten und eine Taschenuhr.
Den Ausdruck auf dem Gesicht der Mutter würde sie nie vergessen. Resigniert, müde. Mutlos. Und Rita war es genauso gegangen, als der Mann mit den Vorräten, die eigentlich den Washeimers zugestanden hatten, den Laden verlassen hatte, ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. Er hatte sie nicht einmal angesehen. So wollte Rita sich nie wieder fühlen müssen. Man schubste sie nicht einfach beiseite, man nahm ihr nicht weg, was ihr zustand!
Rita fühlte sich besser, wenn sie chic war. Wenn Männer ihr wohlwollend nachsahen, wusste sie, dass sie auf dem richtigen Weg war. Schließlich konnte sie nicht ewig im Kurhotel ihrer Eltern bleiben. Das Haus würde irgendwann Paul gehören, und sie hatte nicht vor, unter der Knute ihres Bruders Böden zu fegen oder Betten zu beziehen. Oft genug kam Paul ihr so vor, als hätte er einen Besenstiel verschluckt.
Sie dachte an den knallroten Badeanzug, der in ihrer Tasche steckte. Der würde sich an einem Strand in Italien auch gut machen, nicht nur im Norderneyer Wellenbad!
»Wann kommen Paul und seine Freunde nach?«, wollte Lotte wissen.
»Er muss noch Rechnungen durchgehen, sagt er.« Rita zuckte mit den Schultern. »In einer halben Stunde vielleicht.«
Sie reihten sich in die Schlange der Besucher ein, die vor dem Bad darauf warteten, sich in die künstlichen Wellen zu stürzen. Hinter der Kasse saß eine alte Frau mit gekrümmtem Rücken, der es sichtlich schwerfiel, bei dem Ansturm nicht die Nerven zu verlieren. Das Wellenbad wurde nachmittags nur für zwei Stunden betrieben, sodass sich fast alle gleichzeitig einfanden.
Auf einmal ging ein Raunen durch die Menge. Köpfe verrenkten sich, jemand stieß einen kleinen Schrei aus. Rita fuhr herum und stellte sich auf die Zehenspitzen, um zu sehen, was diesen kleinen Aufruhr verursacht hatte.
»Was ist los?«, fragte Lotte. Obwohl sie etwas größer war als Rita, konnte auch sie offenbar nichts erkennen.
Ein junger Mann, der in der Schlange direkt vor den Freundinnen stand, wandte sich zu ihnen um. »Das gibt's nicht. Da vorne steht der Vissing!«, raunte er.
Rita schluckte schwer. Konnte das wirklich wahr sein? Jetzt noch? »Ich kann nichts sehen.«
»Kennen Sie ihn denn?«
»Natürlich. Von früher, meine ich. Als wir Kinder waren ...« Rita brach ab und hatte offenbar verzweifelt genug geklungen, denn der Mann kratzte sich kurz am Kopf und bot dann seine Hilfe an.
»Ich könnte Sie hochheben. Räuberleiter?« Schon faltete er die Hände. Rita stellte ihren Fuß darauf und hievte sich an seiner Schulter hoch.
»Rita!« Lotte klang ehrlich entsetzt. »Was machst du denn?«
»Ist ja schon gut.« Sie sprang zurück auf den Boden, wobei sie beinahe auf ihren hohen Schuhen ins Straucheln geriet, und strich sich die Haare glatt. Mit einem Lächeln bedankte sie sich bei dem Fremden. Seine Ohren waren feuerrot, und Rita fragte sich, ob es an der Anstrengung oder an dem Körperkontakt lag. Sie schenkte dem Mann noch ein kokettes Lächeln, dann wandte sie sich von ihm ab und hakte sich bei Lotte unter.
»Ist alles in Ordnung?«, raunte die Freundin, doch Rita schüttelte den Kopf.
»Gleich.«
Endlich standen sie vor der Kassiererin. Rita bezahlte den Eintritt für beide, wobei sie Lottes Protest mit einem Schulterzucken abtat. Dann liefen sie in Richtung der Umkleidekabinen. Bis sie auf nackten Füßen in die Schwimmhalle traten, schwiegen sie, und Rita war dankbar, dass Lotte nicht mehr nachfragte.
Vissings Peter war wieder da. Wie alt war er jetzt? Um die vierundzwanzig. Im Winter 1943 war er eingezogen worden, mit gerade einmal siebzehn, als er fast mit seiner Lehre zum Bäcker fertig gewesen war. Seine Mutter hatte geweint, als der Einberufungsbescheid gekommen war. Als Bäcker war er doch eigentlich unabkömmlich. Aber er war ja nur ein Lehrling gewesen, für das Brot konnte doch der Meister sorgen.
»Mehl hat der Peter noch an den Händen gehabt, als er fortmusste. Und jetzt? Trägt er anstelle eines Brotlaibs ein Gewehr.«
Rita schauderte, als sie an die Worte von Grit Vissing zurückdachte. Von Peter hatte man nie wieder etwas gehört. Und irgendwann hatte man auch nicht mehr nach ihm gefragt. Jeder wusste, was los war, und alle schwiegen. Selbst seine Mutter. Wo er wohl herkam? So spät noch ... Es waren doch ganz neue Zeiten angebrochen. Es musste sich seltsam anfühlen, wenn man auf einmal wieder da war und nicht einmal ahnte, wie das Leben auf der Insel sich inzwischen entwickelt hatte. Eiscreme, flotte Musik und fliegende Röcke – all das kannte Peter doch gar nicht!
Sie hatte nicht viel von ihm sehen können, dazu war er zu weit weg gewesen, aber erkannt hatte sie ihn dennoch. Die strohblonden Haare, die sehnige Statur, wenn auch schmaler als früher. Natürlich war das Peter. Wenn sie das ihrem Bruder erzählte!
Sie setzte sich an den Beckenrand. Lotte hatte dort bereits Platz genommen und ließ die Beine in das Salzwasser baumeln, mit dem das Bad befüllt war. Die Wellenmaschine dröhnte, und johlende Badegäste warfen sich in die Fluten. Einige Ungeübte schafften es kaum, gegen den künstlichen Sog anzuschwimmen.
Lotte hatte die Arme eng um die Brust geschlungen, als genierte sie sich in ihrem blauen Badeanzug. Dabei, dachte Rita, hat sie eine hübsche Figur. Es gab überhaupt keinen Grund für Lotte, immer so schrecklich schüchtern zu sein. Auch jetzt flackerten ihre Augen unruhig von links nach rechts, als suchte sie nach einem Ausweg, damit ja niemand sie länger als nötig im Badezeug sah.
Rita versuchte wieder und wieder, Lotte einen Schubs zu geben, damit sie sich endlich mal traute, nicht nur ins Wasser, sondern auch ins Leben einzutauchen, doch richtig erreichen konnte sie die Freundin fast nie. Aber darum ging es jetzt auch nicht. Sie schuldete Lotte noch eine Erklärung.
»Peter Vissing ist vor sieben Jahren weg von Norderney, da war er erst siebzehn. Wir dachten alle, dass er längst tot ist.« Sie hielt inne. »Da warst du doch auch schon hier auf der Insel. Ist er dir nie begegnet?«
Lotte schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht«, sagte sie leise. »Da war ich ja noch nicht bei euch im Hotel, und gespielt habe ich, wenn überhaupt, nur mit den Kindern meiner Gastfamilie.«
Gelächter hallte von den hohen Wänden der Schwimmhalle und dröhnte in Ritas Ohren.
Lotte schwieg. Rita ahnte, was ihr im Kopf herumging. Hätte sie die Aufregung vor der Tür nur nicht mitbekommen. Rita hätte bestimmt nichts erzählt, denn auch Lotte hatte nie wieder von ihrer Familie gehört. Alle Briefe an ihre Eltern waren unbeantwortet geblieben, und wie oft sie versucht hatte, den Verbleib ihrer älteren Schwester zu ermitteln, wusste Rita gar nicht zu sagen.
Maria war in einem KLV-Heim irgendwo in Bayern gewesen, und dort verlor sich ihre Spur. So viele Briefe hatte Lotte im Lauf der Jahre geschrieben. An Behörden, entfernte Verwandte. An Pfarrämter, Kinderheime und Krankenhäuser. Immer waren, wenn überhaupt, nur bedauernde Antworten gekommen. Leider könne man ihr nicht weiterhelfen.
Irgendwann hatte das brennende Schweigen, das über ihnen allen lag, Lottes Tränen getrocknet. Rita zupfte an ihrem Daumennagel. Es brachte doch auch nichts. Diese Gespräche führten immer nur zu düsterer Stimmung, und davon sollten sie eigentlich alle miteinander die Nase voll haben. Ihr Vater war ja auch an der Front gewesen. Kurz, dann hatte man ihm das linke Bein weggeschossen. Aber er kam gut zurecht mit den Krücken.
Gleich würden Paul und seine Freunde kommen. Das Bad hatte nur bis sechs Uhr geöffnet, der Nachmittag war kurz. Sie hatte kein Eintrittsgeld bezahlt, um am Beckenrand zu sitzen und Trübsal zu blasen. Der junge Kerl, der die Räuberleiter für sie gemacht hatte, stand auf der anderen Seite des Beckens und musterte sie mit einem amüsierten Blick.
Entschlossen stieß Rita sich vom Beckenrand ab, glitt in das Wasser und quiekte, als es ihre Hüften umspülte. Mit beiden Händen spritzte sie Lotte nass. »Komm rein! Wir sind zum Schwimmen hergekommen, oder?«
Die Freundin lachte und ließ sich ebenfalls in das Becken gleiten. »Richtig!«
Es war zu voll für ein Wettschwimmen, also planschten Rita und Lotte mit den anderen Gästen durch die Wellen. Hüpften hoch, wenn eine heranrollte und juchzten. Rita achtete darauf, die Augen zu schließen, wenn sie in eine Welle sprang. Sie hatte nicht die Absicht, gleich auszusehen wie ein rotäugiges Kaninchen.
»Rita! Lotte!«
Die Freundinnen sahen sich um. Paul stand am Beckenrand, zusammen mit seinen Freunden Mattis, der in der Inselapotheke arbeitete, und Fred, einem Kellner aus der Milchbar.
Rita schwamm zu den dreien hinüber. Dass Lotte nur grüßend genickt und dann den Blick gesenkt hatte, war ihr kaum aufgefallen.
Fred und Mattis stürzten sich gleich in die Wellen, während Rita ihrem Bruder mit einer kurzen Handbewegung bedeutete, dass sie ihm etwas sagen wollte.
Mit gerunzelter Stirn ging Paul am Beckenrand in die Hocke. »Was ist los?«
»Als wir gekommen sind, ist jemand auf dem Kurplatz aufgetaucht.« Sie riss die Augen auf, doch Paul zuckte ratlos die Schultern. »Ja, und? Wer denn?«
Rita legte die nassen Hände an die Ohren ihres Bruders und beugte sich vor. »Peter! Peter Vissing.«
»Was?«
Für einen Moment schien sie ihren älteren Bruder tatsächlich aus der Fassung gebracht zu haben. Er ruderte mit den Armen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und wie ein nasser Sack ins Wasser zu plumpsen. »Bist du sicher?«
Peter Vissing war knapp drei Jahre älter als Paul. Als sie klein gewesen waren, hatten sie häufig miteinander gespielt, Sandburgen gebaut, Muscheln gesammelt oder sich in den Dünen versteckt. Peter war lange Zeit ein Vorbild für Paul gewesen. Er hatte den Ton angegeben, in der kleinen Bande der Inseljungen die Entscheidungen getroffen. Irgendwann war er dann zu alt geworden, um noch mit Paul zu spielen. Zumindest hatte Peter selbst das wohl so empfunden.
Obwohl sie in den Jahren danach nicht mehr viel Kontakt gehabt hatten, war es für Paul ein Schock gewesen, als Peter eingezogen worden war. Und das nicht nur, weil damit die Möglichkeit, auch selbst an die Front zu müssen, beängstigend nahe gekommen war. Ein weiterer Grund war, dass er sich sorgte, das hatte er Rita einmal anvertraut. Peter war das Gesicht der Inselkindheit gewesen. Wenn er nicht mehr da war, brach dann nicht alles weg? Jede kleine Erinnerung an die Welt, als sie scheinbar noch in Ordnung gewesen war?
»Ziemlich sicher«, antwortete Rita nun.
»Wie sah er aus?«
Sie dachte nach. Die letzten Jahre hatten viele neue Gesichter nach Norderney gebracht. Flüchtlinge, Heimkehrer.
Die meisten ausgemergelt und mit grauer Haut. Viele von ihnen hatten einen Ausdruck in den Augen, der Rita Angst machte. So trüb. Leblos.
»Ich habe ihn ja nur aus der Entfernung gesehen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Er ist schmal geworden, aber das sind sie ja alle.«
»Ob er in Gefangenschaft war?« Paul streckte einen Fuß in das Wasser und bewegte ihn nachdenklich vor und zurück, bevor er seine Frage selbst beantwortete. »Das muss er wohl. Wo sollte er sonst jetzt noch herkommen? Mein Gott. Was wird seine Mutter sagen?«
Ritas Miene hellte sich auf. »Na, die wird jubeln und dem Herrgott danken, was sonst?« Sie stieß sich vom Beckenrand ab. »Und jetzt komm! Wir sind zum Schwimmen hier!«
Lotte stand in der Mitte des Beckens und achtete kaum noch auf die Wellen. Immer wieder glitt ihr Blick zu Rita und Paul, die am Rand miteinander sprachen.
Paul sah so ernst aus. Beinahe, als wäre er nicht im Wellenbad, sondern immer noch hinter der Rezeption des Hotels. Nur, dass er statt eines Anzugs eine modisch hoch geschnittene, blaue Badehose trug. Sie ertappte sich dabei, wie ihr Blick auf seinen Oberkörper fiel, auf die wenigen dunklen Haare auf seiner Brust. Schnell sah sie wieder weg und spürte doch, dass ihr Gesicht rot anlief. Sie hätte sich von Rita nicht überreden lassen sollen mitzukommen. Paul war ihr Vorgesetzter, und es gehörte sich nicht, dass sie einander in Badekleidung sahen, fand sie.
Endlich glitt auch Paul ins Wasser und folgte seiner Schwester mit kräftigen Armzügen durch die Wellen. Wenigstens verbarg das Wasser jetzt den Großteil seines Körpers. Lotte merkte, dass sie fröstelte, und begann, auf und ab zu hüpfen. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie Pauls Freunde ihn zu sich winkten, während Rita zu ihr zurückschwamm. Die jungen Frauen nahmen sich bei den Händen, und Lotte ließ sich von Ritas Fröhlichkeit anstecken.
Als es sechs Uhr wurde und die Badeaufsicht energisch das Ende der Schwimmzeit verkündete, verließ sie das Becken mit schrumpeliger Haut zwischen den Fingern, aber angenehm erschöpft.
Paul wartete am Rand des Kurplatzes auf sie, auf dem ein paar Jungen sich einen Ball zuschossen.
»Die anderen sind schon weg«, erklärte er. »Die wollten noch etwas trinken gehen. Aber ich habe von Mutter streng eingebläut bekommen, euch sicher zurück ins Hotel zu bringen.«
Er zwinkerte und winkelte einladend die Arme an, sodass die jungen Frauen sich bei ihm unterhaken konnten.
»Gefällt dir das Wellenbad, Lotte?«, erkundigte er sich, während sie nebeneinanderher in Richtung Promenade liefen, denn Rita hatte darauf beharrt, dass ein kleiner Umweg am Strand entlang ihnen allen guttun würde.
Lotte zuckte zusammen, als er sie ansprach. Sie war ganz in Gedanken gewesen. Obwohl, nein, gedacht hatte sie eigentlich nicht. Gefühlt wohl eher. Ihr Ellbogen an seinem Arm. Den Stoff seines Hemdes, als er ihre Haut streifte. Und sein Duft! Diese Mischung aus einem herben Rasierwasser, Seife und dem salzigen Wasser des Wellenbades. Sie senkte den Blick. Bestimmt war sie feuerrot.
»Lotte?« Paul sah sie von der Seite an, als sie noch immer nicht antwortete. »Geht es dir gut?«
»Ja. Entschuldige. Ich ...«
»Lotte steht noch ganz unter dem Eindruck des Bades«, fiel Rita ihr lachend ins Wort. »Sie geht zu selten ins Schwimmbad, nicht wahr, Lotte?«
»Das stimmt. Eigentlich bade ich lieber im Meer, aber es war trotzdem schön. Die Wellen sind schon fein.« Lotte drückte den Rücken durch und lächelte, wobei sie tunlichst jeden Blickkontakt mit Paul vermied. Stattdessen betrachtete sie die Spaziergänger am Strand.
Nur wenige Mutige hatten sich bei dieser Witterung in die Nordsee getraut, die meisten gingen in Sommermänteln spazieren. Ein paar Meter weiter schlang ein junges Mädchen eilig ein Kopftuch um ihre drapierten Locken, damit der Seewind die aufwendige Frisur nicht in Unordnung brachte.
Sie erreichten die Kaiserstraße. Hier war es deutlich belebter. Ein Durcheinander von Deutsch und Englisch tönte über die Straße und vermischte sich zu einem Singsang, von dem kaum ein Wort zu verstehen war. Wie von selbst verlangsamten sich die Schritte der jungen Leute, und Paul ließ die Frauen los, sonst wären sie ständig mit anderen Passanten zusammengestoßen.
Lotte sah sich um. Ein paar junge Frauen waren in kleinen Grüppchen unterwegs und hatten sich chic gemacht. Man sah enge Bleistiftröcke und weit schwingende Petticoats. So etwas besitze ich überhaupt nicht, dachte Lotte mit einem kleinen Seufzen. Andererseits wollte sie sich auch nicht so aufführen wie diese Frauen. Sie strichen sich die Haare aus dem Gesicht, stellten sich in Positur, wann immer ein Soldat vorbeikam, und kicherten wie Backfische, wenn es ihnen gelang, Blicke auf sich zu ziehen oder wenn ihnen ein frecher Kommentar zugerufen wurde.
Männer in Uniform saßen auf Bänken und schienen den Abend und den Anblick dieser jungen Frauen zu genießen, einige hatten sogar Gläser in der Hand und prosteten einander zu. Ein paar Kinder spielten am Rand der großzügigen Rasenfläche mit gläsernen Murmeln. Sie tuschelten miteinander und warfen immer wieder sehnsuchtsvolle Blicke zu den Soldaten hinüber, bis einer sich erbarmte und etwas aus seiner Jacke holte.
»You guys want some chocolate?«, rief er.
Chocolate, Schokolade.
Das verstand jedes Kind. Die Murmeln waren vergessen, als sie auf den Soldaten zustürmten und ihm die köstlichen Riegel beinahe aus den Händen rissen. Die Jungs machten einen Diener, die Mädchen deuteten einen Knicks an, doch der Mann, der bestimmt schon um die fünfzig war, wie seine grau melierten Haare verrieten, winkte ab und sah den Kindern schmunzelnd nach. Ein Junge blieb kurz stehen, um einen heruntergerutschten Kniestrumpf wieder hochzuziehen, dann rannte er den anderen hinterher, offenbar voller Angst, ein Stück der Leckerei zu verpassen.
Paul schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, ob mir das gefällt«, murmelte er.
»Wieso?« Rita hob überrascht die Brauen und sah ihren Bruder an. »Gönn den Kindern doch eine Süßigkeit. Ist nett von den Engländern, dass sie ihnen etwas geben.«
Pauls Miene verdüsterte sich, aber er sagte nichts, sondern zuckte nur mit den Schultern.
Rita ließ sich nicht einschüchtern. »Ich hätte selbst auch nichts gegen ein Stück Schokolade einzuwenden.« Sie zwinkerte Lotte zu, die warnend, aber beinahe unmerklich den Kopf schüttelte.
Paul wandte sich Rita ruckartig zu. Seine Stimme war ein leises Zischen, und er warf einen Blick über die Schulter. Was er zu sagen hatte, durfte offenbar niemand hören. »Untersteh dich! Rita, wenn du anfängst, dich wie ein leichtes Mädchen zu verhalten und dich den Engländern für eine kleine Gabe an den Hals zu werfen, vergesse ich mich. Man ist nie unbeobachtet, hörst du? Denk an den Ruf des Hotels.«
Lotte zuckte zusammen. Paul ging eilig voran, und die Mädchen hatten Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Sie tauschten einen Blick. Rita verdrehte die Augen und streckte ihrem Bruder hinter seinem Rücken die Zunge raus. Dann hakte sie sich bei Lotte unter und beugte sich zu ihrem Ohr. »Ich sag es ja immer. Steif wie ein Besenstiel, oder? Meine Güte, der Krieg ist vorbei. Man darf doch wohl etwas Freude haben. Paul verhält sich wie ein Achtzigjähriger. Und überhaupt – als würde ich mit jedem gleich ins Bett hüpfen.«
»Rita!« Lotte legte einen Finger an die Lippen. »Rede nicht so, bitte.«
»Lotte, jetzt werde du nicht auch noch so eine Gouvernante.«
Die Hotelierstochter zog einen Schmollmund, doch das Funkeln in ihren grünen Augen verriet, dass sie ihre gute Laune keineswegs verloren hatte.
Natürlich nicht, fuhr es Lotte durch den Kopf. Hatte Rita sich jemals von etwas beeindrucken lassen, was ihr Bruder von sich gab? Egal, ob es um nicht erledigte Aufgaben oder gutes Benehmen ging: Rita war der Ansicht, dass Paul ihr gar nichts vorzuschreiben hatte. Dabei meinte er es gut, daran zweifelte Lotte nicht, und sie verstand seine Bedenken durchaus. Die Mädchen, die eben an ihnen vorbeistolziert waren, sahen auf den ersten Blick nach Lebensfreude aus, nach Aufbruch in eine neue Zeit voller Freiheiten. Aber war der Schein nicht trügerisch?
Lotte hatte nichts gegen die Engländer, und es half ja auch alles nichts: Deutschland hatte den Krieg verloren, wofür man im Grunde genommen dem Herrgott dankbar sein musste, denn je mehr ans Licht kam, desto mehr ließen die Leute die Schultern hängen. Desto weniger konnte man noch so tun, als wäre alles nicht so schlimm gewesen. Nein, sie waren dabei gewesen, die Hölle auf Erden zu erschaffen, und es war nur gut, dass diesem grausigen Treiben ein Ende gesetzt worden war.
Die Engländer hatten jedes Recht, hier zu sein und dafür zu sorgen, dass eine neue Ordnung einkehrte. Und doch war Lotte davon überzeugt, dass diese jungen Dinger einfach ausgehungert waren. So ausgehungert, dass sie vielleicht zu weit gingen. Sie konnte sich ja selbst kaum davon freisprechen. Wer sehnte sich nicht nach Ablenkung, nach Normalität?
Aber es war noch nie gut gewesen, als Frau zu viel Haut zu zeigen, zu sehr zu kokettieren. Da ging es nicht um Engländer oder Deutsche, sondern um Männer. Lotte zog die Schultern hoch, als es sie auf einmal fröstelte. Sie hatte es oft genug erlebt: Blicke, wenn sie die Zimmer herrichtete, Berührungen, die vorgeblich nur Ungeschicklichkeit waren, ein reines Versehen, natürlich. Sie wünschte, es wäre nicht so, aber Paul hatte recht. Man musste als Frau auf sich achtgeben. Und als Mädchen!
Lotte war noch ein Kind gewesen, als sich das erste Mal eine grobe Hand auf ihren Po gelegt hatte. Zum Glück war ihre Gastmutter Bertha damals dazwischengegangen und es war nichts passiert. Nur, dass die Familie Jansen einen vermeintlichen Freund verloren hatte, denn er hatte von Bertha eine ordentliche Ohrfeige kassiert und war mit der Aufforderung vor die Tür gesetzt worden, sich nie wieder blicken zu lassen.
Ob nun Krieg herrschte oder Frieden, es gab immer genug Kerle, die ihre Finger nicht bei sich behalten konnten, und da man ihnen auf den ersten Blick nicht ansah, zu welcher Fraktion sie gehörten, war es gewiss ratsam, lieber nichts herauszufordern.
Sie waren in die Friedrichstraße abgebogen und hielten sich dann rechts in die Luisenstraße. Sie schlugen den direkten Weg zurück zum Hotel ein, ohne ein Wort über die gewählte Abkürzung zu verlieren. Nach Ritas Zurechtweisung durch Paul stand wohl keinem von ihnen mehr der Sinn nach einem ausgedehnten Spaziergang.
Als das Hotel in Sicht kam, erblickten sie James Roberts. Der Sekretär saß auf den Stufen vor der Eingangstür und hielt eine Zigarette zwischen den Fingern.
»Guten Abend«, grüßte der Soldat.
»Guten Abend«, erwiderte Lotte, und die Geschwister nickten dem Mann zu. Rita mit einem freundlichen Lächeln, Paul etwas reservierter.
»Schnell rein mit Ihnen!« James stand auf und gab den Weg frei. »Sie frösteln ja. Der Abend ist noch kühl, nicht wahr?«
Rita schüttelte ihre Locken, die tatsächlich noch feucht waren. »Ach was. Wir sind doch hier an der See. Da ist man ganz anderes Wetter gewohnt. Warten Sie mal ab, bis die ersten Herbststürme kommen. Haben Sie schon einmal eine Sturmflut erlebt, James?«
Der junge Brite schmunzelte. »Ja, indeed. In der Tat. Stürme kenne ich. Meine Mum betreibt ein Bed and Breakfast an der Küste. In Cornwall, das ist im Süden von England. Da geht es auch manchmal rau zu, die Wellen schlagen teilweise bis hoch zu unserem Grundstück. Meine Mum flucht wie ein alter Fischer, wenn ihr ein Unwetter wieder einmal die Rosen ruiniert.« Er lachte, aber um seine grünen Augen lag ein Schatten, der eben noch nicht da gewesen war.
»Mütter!« Rita zog eine Grimasse. »Meine ist genauso. Sie hätten erleben sollen, was sie für ein Gezeter gemacht hat, als sie den Ziergarten aufgeben musste, um Gemüse anzupflanzen. Dabei hätten wir von ihren Tulpen wohl kaum überleben können.«
James senkte den Blick, und Paul stieß seine Schwester mit dem Ellbogen an.
»Was ist denn ein Bed and Breakfast?« Lotte wollte ablenken und wagte sich an diese schwierigen Wörter. »Ein Hotel?«
»Eher ein Logierhaus. Eine Pension«, erklärte James mit einem Schulterzucken.
Rita riss die Augen auf. »Wirklich? Dann sind Sie ja vom Fach. Das haben Sie nie erwähnt.«
James zuckte mit den Schultern, doch bevor er antworten konnte, ging die Tür auf, und Ludwig Washeimer erschien auf dem Treppenabsatz. Er schob seine Krücken über die Türschwelle und zog sein rechtes Bein nach. Da, wo das linke sein sollte, war die wollene Hose umgeschlagen und auf Höhe des Oberschenkels umgenäht. Er war erst knapp über vierzig und bewegte sich wie ein alter Mann.
Hilde hatte die gesamte Garderobe ihres Mannes umgeschneidert, als er aus Frankreich zurückgekommen war. Seitdem sahen alle Ludwig nur noch in die himmelblauen Augen. Kein Blick fiel auf seine Beine, und er selbst erwähnte mit keinem Wort, was ihm widerfahren war. Als hätte es dieses linke Bein, das ihn jahrzehntelang durchs Leben getragen hatte, niemals gegeben.
»Wer ist vom Fach?«, fragte der Hotelier und sah zwischen den jungen Leuten hin und her.
»James Roberts' Familie hat eine Pension in England«, erklärte seine Tochter.
»Tatsächlich?« Ludwig hob die Brauen.
James nickte und wirkte beinahe schüchtern. »Nicht zu vergleichen mit Ihrem Kurhotel, Sir. Es sind nur ein paar Zimmer, und die Verpflegung übernehmen meine Eltern selbst.« Er neigte den Kopf zur Seite. »Wobei man sagen muss, dass mein Vater die wohl besten Eier weit und breit brät.«
Rita lachte. »Lassen Sie das ja nicht meinen Onkel Bernhard hören, sonst ist er in seiner Ehre als Koch gekränkt.« Sie hatte sich auf das eiserne Treppengeländer geschwungen und ließ die Beine baumeln. Ihr weiter Rock schwang hin und her, und die weiße Spitze ihres Petticoats lugte darunter hervor.
Aus dem Augenwinkel bemerkte Lotte, wie Paul seiner Schwester mit einer Handbewegung vergeblich bedeutete, von dem Geländer zu klettern. Sie unterdrückte ein Schmunzeln. Rita hatte schon recht, wenn sie sich darüber beschwerte, dass Paul sich aufführte, als wäre er für ihre Erziehung zuständig. Allerdings kam das auch nicht von ungefähr. Zum einen wirkten Ludwig und Hilde Washeimer oft so, als ginge ihnen viel zu viel im Kopf herum, als dass sie noch Zeit fänden, über ihre Kinder nachzudenken. Zum anderen konnte man nicht abstreiten, dass Rita dazu neigte, über die Stränge zu schlagen.
Auch Lotte versuchte oft genug, ihr vorsichtig Einhalt zu gebieten. Aber es war jedes Mal das Gleiche: Rita hörte zu, lächelte freundlich und tat dann, was immer sie für richtig hielt. Egal, wie viele Sorgen sie den anderen damit auch bereitete. Sie meinte es nicht böse, daran bestand kein Zweifel.
Rita hatte es verstanden, nach dem Krieg alle Erinnerungen abzustreifen. Kaum jemand wirkte so bereit wie sie, in die Zukunft aufzubrechen und neu zu beginnen. Lotte wusste, wie wichtig das ihrer Freundin war. Sie wollte ihr Leben genießen, denn lange genug hatte sie keines gehabt. Konnte das so falsch sein?