Das Totenschiff: Die Abenteuer des Thor Garson - Zweiter Roman - Wolfgang Hohlbein - E-Book
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Das Totenschiff: Die Abenteuer des Thor Garson - Zweiter Roman E-Book

Wolfgang Hohlbein

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Beschreibung

Das Grauen lauert im Eis: Der Mystery-Abenteuerroman „Das Totenschiff“ von Bestsellerautor Wolfgang Hohlbein jetzt als eBook bei dotbooks. Es ist ein Bild aus einem Fiebertraum … Im Nordpolarmeer wird 1937 ein riesiger schwimmender Eisberg entdeckt – darin eingeschlossen liegt ein uraltes Wikingerschiff. Ist es die legendäre Naglfar, das Totenschiff des altgermanischen Göttervaters? Der Reporter Thor Garson schließt sich einer streng geheimen Mission an, die das Schiff bergen soll. Doch zu spät erkennt er, dass die Expedition keinem wissenschaftlichen Zweck dient: Etwas Zerstörerisches liegt im Eis verborgen, das in den falschen Händen den Tod bringen kann. Doch kann ein Einzelner die Katastrophe verhindern? Packend, spannend, mysteriös – Die Kultserie für alle Fans von Indiana Jones und Lara Croft! Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der zweite Roman der Thor Garson-Serie „Das Totenschiff“ von Wolfgang Hohlbein. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 615

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Über dieses Buch:

Es ist ein Bild aus einem Fiebertraum … Im Nordpolarmeer wird 1937 ein riesiger schwimmender Eisberg entdeckt – darin eingeschlossen liegt ein uraltes Wikingerschiff. Ist es die legendäre Naglfar, das Totenschiff des altgermanischen Göttervaters? Der Reporter Thor Garson schließt sich einer streng geheimen Mission an, die das Schiff bergen soll. Doch zu spät erkennt er, dass die Expedition keinem wissenschaftlichen Zweck dient: Etwas Zerstörerisches liegt im Eis verborgen, das in den falschen Händen den Tod bringen kann. Doch kann ein Einzelner die Katastrophe verhindern?

Packend, spannend, mysteriös – Die Kultserie für alle Fans von Indiana Jones und Lara Croft!

Über den Autor:

Wolfgang Hohlbein, 1953 in Weimar geboren, ist Deutschlands erfolgreichster Fantasy-Autor. Der Durchbruch gelang ihm 1983 mit dem preisgekrönten Jugendbuch MÄRCHENMOND. Inzwischen hat er 150 Bestseller mit einer Gesamtauflage von über 44 Millionen Büchern verfasst. 2012 erhielt er den internationalen Literaturpreis NUX.

Die Romane der Die Abenteuer des Thor Garson-Reihe

Dämonengott Das Totenschiff Der Fluch des Goldes Der Kristall des Todes Das Schwert der Finsternis erscheinen bei dotbooks.

Wolfgang Hohlbein veröffentlicht bei dotbooks auch die folgenden eBooks:

Azrael Azrael – Die Wiederkehr Almanach des Grauens (mit Dieter Winkler)Fluch – Schiff des Grauens Das Netz Im Netz der Spinnen sowie die ELEMENTIS-Trilogie mit den Einzelbänden Flut, Feuer und Sturm und die große ENWOR-Saga

Die Jugendromane Nach dem großen Feuer, Der weiße Ritter: Wolfsnebel, Der weiße Ritter: Schattentanz, Drachentöter, Ithaka

und Kinderbücher Teufelchen, Saint Nick – Der Tag, den dem der Weihnachtsmann durchdrehte, NORG: Im verbotenen Land und NORG: Im Tal des Ungeheuers erscheinen ebenfalls bei dotbooks.

Wolfgang Hohlbein im Internet: www.hohlbein.de

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eBook-Neuausgabe Januar 2018

Copyright © der Originalausgabe 2007 by Verlag Carl Ueberreuter, Wien

Copyright © der Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (er)

ISBN 978-3-96148-201-6

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Wolfgang Hohlbein

Das Totenschiff

Die Abenteuer des Thor Garson – Zweiter Roman

dotbooks.

NORDATLANTIK 1937

84° 47' NÖRDL. BREITE, 75° 30' WESTL. LÄNGE

Weiß. So weit das Auge blickte, war dieses Weiß das Einzige, was er sah. Angefangen von der dünnen, wie mit einem Lineal auf den Horizont gemalten Linie der arktischen Eismasse, über den Himmel, der sich mit tief hängenden, bauchigen weißen Wolken überzogen hatte, bis hin zum Meer, das vom Packeis wie von einem gewaltigen, schimmernden Panzer bedeckt war; ein Puzzle aus Millionen und Abermillionen unterschiedlich großen, unterschiedlich geformten, unterschiedlich dicken Bruchstücken, das trotzdem so gefährlich wie eine einzige kompakte Masse war.

Vielleicht sogar gefährlicher, dachte Morton, während er das Fernglas absetzte und sich mit der dick behandschuhten Linken über die Augen fuhr. Bei einer kompakten Landmasse bestand nämlich nicht die Gefahr, dass man versehentlich hineinfuhr und bereits nach einer halben Meile oder auch nach fünf Meilen feststellte, dass man stecken geblieben war und nur noch vom Packeis zerquetscht werden oder erfrieren konnte.

Morton setzte den Feldstecher wieder an, aber was er sah, gefiel ihm noch weniger als vor zehn Sekunden. Dieses Packeis, das das Meer wie der zerschmetterte Panzer einer weißen Riesenschildkröte bedeckte, war eine einzige Falle und dieser riesige Brocken dort ...

Nicht zum ersten Mal, seit Morton seine behaglich geheizte Kapitänskajüte verlassen hatte, um auf das eisverkrustete, windige Vorderdeck der POSEIDON hinaufzuklettern, verharrte der Feldstecher für einige Augenblicke bei der schwimmenden Eisinsel. Morton hatte schon viele treibende Eisberge gesehen und es waren Giganten darunter gewesen, die fünfmal so groß waren wie dieser. Trotzdem: Irgendetwas an diesem Berg war anders.

Dabei war es Morton unmöglich in Worte zu fassen, was ihn an diesem Eisberg so erschreckte – oder faszinierte?

Er war ein Riese, gute drei Meilen im Durchmesser und eine Viertelmeile hoch. Und das wiederum bedeutete, überlegte Morton, dass sich weitere zwei Meilen dieses Giganten unter der Wasseroberfläche verbargen. Wahrscheinlich ein Gewirr von spitzen Eisnadeln und scharfkantigen Klingen, das nur auf einen Narren wie ihn wartete, um den Rumpf seines Schiffes aufzuschlitzen und das, was dann noch davon übrig war, zu zerquetschen und zu zermalmen.

Morton war gerade damit beschäftigt, sich die achte oder neunte originelle Todesart auszudenken, als die Stimme seines Ersten Offiziers in seine Gedanken drang.

»Sir?«

Morton ließ abermals das Glas sinken und blickte zu O'Shaugnessy hinauf, der auf der schmalen Galerie vor der Brücke stand, trotz der beißenden Kälte nur in seine weiße Offiziersjacke gehüllt. Weiß. Morton begann die Farbe Weiß allmählich zu hassen. Und außerdem war O'Shaugnessy verrückt.

»Durchfahrt voraus«, rief O'Shaugnessy, als Morton keinerlei Anstalten machte zu antworten. Sein ausgestreckter Arm deutete nach vorne zum Bug und ein wenig nach rechts.

Morton setzte den Feldstecher wieder an und sah in die gezeigte Richtung. Trotzdem dauerte es einen Moment, bis er entdeckte, was O'Shaugnessy von seinem erhöhten Beobachtungsposten auf der Brücke offensichtlich schon viel eher gesehen hatte: eine schmale, gezackte Durchfahrt zwischen den treibenden Schollen, wie ein silberner Blitz, der den weißen Panzer über der See spaltete und trotz seines scheinbar willkürlichen Hin und Her in fast gerader Linie auf die schwimmende Eisinsel deutete.

Kapitän Morton blickte lange, sehr lange auf die scheinbar aus dem Nichts aufgetauchte Durchfahrt im Packeis. Zumindest in einem Punkt glich sie allem, was er bisher hier gesehen hatte: Sie gefiel ihm nicht. Als Kapitän eines Forschungsschiffes, das nicht zum ersten Mal in die eisige nördliche See fuhr, hatte Morton eine gewisse Erfahrung mit Packeis. Obwohl die Durchfahrt breit genug schien, drei Schiffe von der Größe der POSEIDON passieren zu lassen, wusste er doch, wie täuschend dieses Bild sein konnte. Diese schmalen Gräben im Eis konnten ebenso schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht waren. Und die so trügerisch und zerbrechlich wirkenden Schollen waren in Wirklichkeit massiv genug, ein Schiff wie die POSEIDON binnen weniger Augenblicke zu zermalmen.

»Sir?«

Abermals war es O'Shaugnessys Stimme, die ihn aus seinen düsteren Überlegungen abrupt in die Wirklichkeit riss. Morton ließ den Feldstecher endgültig sinken, drehte sich herum und stapfte missmutig zu der schmalen Eisenleiter zurück, die zur Brücke hinaufführte. Mit Fingern, die trotz der gefütterten Handschuhe steif vor Kälte waren und schmerzten, griff er nach den rostigen Sprossen und kletterte hinauf.

O'Shaugnessy öffnete die Tür zur Brücke, trat einen Schritt beiseite, um ihn vorbeizulassen, und folgte ihm dann ohne Hast. In seiner weißen Offiziersuniform wirkte er beinahe lächerlich, aber in Morton löste der Anblick eher Ärger aus. Ein Ärger irrationaler, grundloser Art, den er gar nicht an sich kannte und der ihn für einen Moment verwirrte. Aber statt irgendetwas zu sagen, was ihm vermutlich im gleichen Moment schon wieder leidtun würde, drehte er sich herum, versuchte mit den Zähnen die Handschuhe von seinen steif gefrorenen Fingern zu zerren und sah wiederum O'Shaugnessy an, der nur mit dünnen Leinenhosen und einer Sommerjacke bekleidet auf der Galerie gestanden hatte, als herrschten da draußen hochsommerliche Temperaturen und nicht zwanzig oder auch fünfundzwanzig Minusgrade. Abermals erfüllte ihn der Anblick mit Ärger. Wieso fror dieser Kerl eigentlich nicht?

O'Shaugnessy schien zumindest zu spüren, was in seinem Kapitän vor sich ging, denn sein Lächeln wirkte mit einem Mal etwas unsicher. Er zog die Tür hinter sich zu, ging wortlos zu dem kleinen Bord neben dem Steuerpult und goss Kaffee aus einer zerbeulten Blechkanne in eine noch zerbeultere Blechtasse. Morton griff danach, verbrühte sich nacheinander Finger, Lippen und Zunge an dem kochend heißen Getränk und stellte die Tasse mit einem gequälten Lächeln wieder zurück ohne wirklich getrunken zu haben. Nicht dass er dabei das Gefühl hatte, irgendetwas versäumt zu haben – wenn es an Bord etwas gab, was er noch weniger mochte als O'Shaugnessy, dann war es O'Shaugnessys Kaffee.

»Ihre Befehle, Sir?«, fragte O'Shaugnessy.

Auch diesmal antwortete Morton nicht sofort, sondern drehte sich brüsk herum und blickte sekundenlang durch die beschlagene Scheibe des Steuerhauses nach Norden, wo sich die Durchfahrt im Packeis noch mehr geweitet hatte. Es sah aus wie eine Einladung, dachte er. Und aus irgendeinem Grund beunruhigte ihn der Gedanke noch mehr als der Anblick des eisbedeckten Ozeans und der schwimmenden Insel.

O'Shaugnessy räusperte sich gekünstelt und das Geräusch erinnerte Morton wieder daran, dass er der Kapitän dieses Schiffes war und sein Erster Offizier auf Befehle wartete.

»Alle Maschinen stopp«, befahl er.

»Schon geschehen, Sir«, erwiderte O'Shaugnessy. Es klang fast entschuldigend.

Morton schenkte ihm einen ärgerlichen Blick und fragte sich gleichzeitig insgeheim, ob sein Ärger wirklich O'Shaugnessy galt oder nicht vielmehr sich selbst. Und überhaupt: ob es nicht vielleicht eher Angst war.

Kapitän Morton fuhr seit elf Jahren auf der POSEIDON. Und er hatte in dieser Zeit Fahrten unternommen, die wirklich riskant gewesen waren. Es gab keinen Grund, Angst zu haben. Das Packeis dort vor ihnen war gefährlich, aber die POSEIDON war ein gutes Schiff mit einer guten Mannschaft und Morton war ein guter Kapitän. Und trotzdem hatte er das sichere Gefühl, dass es besser gewesen wäre, nicht hierherzukommen.

Vielleicht war es das, was ihn so verunsicherte. Kapitän Morton war ein Mann, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen stand und der prinzipiell nur an das glaubte, was er selbst sah. Er hatte niemals viel auf Gefühle oder gar Ahnungen gegeben, aber seit zwei Tagen ... Seit dem Moment, in dem der Funker der POSEIDON den verstümmelten Hilferuf empfangen hatte, sie daraufhin den Kurs änderten und statt nach Hause in die beinahe entgegengesetzte Richtung gefahren waren, plagte ihn diese gestaltlose Furcht, diese Ahnung, dass irgendetwas geschehen würde. Dass es besser wäre, besser für ihn, seine Mannschaft und das Schiff, den Spruch zu ignorieren und geradewegs nach Boston weiterzulaufen.

Aber dummerweise kümmerte sich das Seerecht herzlich wenig um Ahnungen, und Kapitän Morton hatte keine Lust, sein Kapitänspatent zu verlieren oder gar ins Gefängnis zu wandern, weil er aus einer Intuition heraus den SOS-Spruch eines in Seenot Geratenen ignoriert hatte. Und davon abgesehen: Er hätte niemals einen Menschen im Stich gelassen.

O'Shaugnessy räusperte sich zum zweiten Mal gekünstelt und etwas lauter als vorher. Und Morton verscheuchte auch diese Gedanken und deutete auf die Durchfahrt im Eis: »Also los.«

Verrückt oder nicht: O'Shaugnessy war ein guter Mann. Während Morton weiter wie gebannt auf das schimmernde Weiß vor dem Bug der POSEIDON blickte, gab er seine Befehle an den Maschinenraum und trat ans Ruder. Langsam, mit der täuschenden Schwerfälligkeit aller großen Schiffe, schwang der Bug herum und richtete sich pfeilgerade auf den gezackten silbernen Blitz im Eis aus. Die beiden schweren Dieselmotoren tief im Rumpf der POSEIDON begannen mit ihrem gewohnten dumpfen Hämmern, während das Schiff erst allmählich wieder rasche Fahrt aufnahm und die schwimmende Eismasse ansteuerte.

Morton war nicht einmal sicher, ob sie noch rechtzeitig kamen. Es war drei Tage her, seit sie den Spruch aufgefangen hatten – noch dazu verstümmelt und offensichtlich von jemandem aufgegeben, der nicht besonders viel vom Morsen verstand –, und wenn man das Wetter bedachte, das in den letzten beiden Tagen in dieser Gegend geherrscht hatte, dann war es nicht besonders wahrscheinlich, dass dort drüben überhaupt noch jemand am Leben war. Vielleicht hatten sie diesen sechstägigen Umweg in Kauf genommen, um ein paar steif gefrorene Leichen vom Eis zu kratzen, dachte Morton. Und dann ertappte er sich bei einem Gedanken, der ihn wirklich erschreckte: dass es nämlich vielleicht so das Beste wäre.

Mit einer ruckartigen Bewegung drehte er sich herum und trat neben O'Shaugnessy ans Ruder. Der Erste Offizier blickte ihn fragend an und hob die Hände von dem großen hölzernen Steuer, aber Morton schüttelte nur den Kopf. Er war durcheinander, verwirrt. Und es war ganz und gar nicht nur der Anblick dieses schwimmenden Eisgiganten dort draußen. Es war ...

Nein, Morton wusste einfach nicht, was es war. Er war gereizt und er war nicht einmal der Einzige an Bord, dem es so erging. Abgesehen von O'Shaugnessy, den wahrscheinlich nicht einmal das Auftauchen eines sechzehnarmigen Riesenkraken aus dem Ozean aus der Ruhe gebracht hätte, war die gesamte Mannschaft nervös. An Bord herrschte eine gereizte, fast aggressive Stimmung, die während der letzten beiden Tage immer schlimmer geworden war. Bisher hatte Morton dies einfach darauf zurückgeführt, dass die Mannschaft am Ende ihrer Kräfte – immerhin befand sich die POSEIDON jetzt seit siebeneinhalb Monaten auf hoher See – und über die neuerliche Unterbrechung der Heimfahrt alles andere als erfreut war, zumal bald Weihnachten vor der Tür stand und viele von ihnen Familie hatten. Aber das war es nicht. Es war irgendetwas an diesem Berg dort vorne. Irgendetwas an diesem weißen Giganten, der wie ein bizarrer, glitzernder Gott auf dem Meer dahintrieb. Er machte ihm Angst.

»Glauben Sie wirklich, dass wir dort Überlebende finden werden?«, fragte O'Shaugnessy.

Morton zuckte nur mit den Schultern, ohne den Blick vom Fenster zu wenden. Genau das fragte er sich seit dem frühen Morgen, seit sie den Eisberg das erste Mal gesichtet hatten. So verstümmelt der Hilferuf auch gewesen war, so eindeutig waren die Positionsangaben. Morton hatte sie fünfmal mit seinen Karten verglichen. Bedachte er die Größe dieses Eisberges, die in diesen Gewässern herrschende beständige Strömung und die Windgeschwindigkeit, die sich seit Tagen kaum geändert hatte, dann musste sich der Treibeisbrocken vor drei Tagen exakt an der Stelle befunden haben, von der der SOS-Ruf gekommen war.

Aber wie um alles in der Welt sollte irgendjemand dort hinaufkommen? Sie hatten den schwimmenden Gletscher zu zwei Dritteln umrundet, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatten, und zumindest auf diesen zwei Dritteln waren seine Flanken glatt wie Glas und beinahe senkrecht. Jemand, der dort hinaufwollte, musste entweder Flügel oder Saugnäpfe wie eine Fliege haben, dachte er.

»Wir werden es sehen«, antwortete er mit einiger Verspätung auf O'Shaugnessys Frage. »Vielleicht gibt es ja auf der Rückseite eine Möglichkeit hinaufzukommen.«

Wie üblich antwortete O'Shaugnessy überhaupt nicht, aber Morton konnte sein Achselzucken förmlich spüren.

Langsam näherte sich die POSEIDON dem Eisberg. Und je näher sie dem schwimmenden Giganten kamen, desto größer wurde Kapitän Mortons Angst.

Und er wusste immer noch nicht, warum.

Es gab eine Möglichkeit, auf die Oberfläche der Eisinsel hinaufzukommen. Und Kapitän Morton erschien sie beinahe zu einladend: Neun Zehntel des schwimmenden Eisbergs bestanden aus glatten weißen Wänden, die so unbesteigbar wie ein Spiegel und zehnmal so hoch wie die POSEIDON waren, aber auf der Rückseite – sie hatten den Berg fast zur Gänze umrunden müssen, um ihn überhaupt zu sehen – gab es einen natürlichen Hafen, einen schmalen, dreieckigen Spalt, der wie mit einer gewaltigen Axt in den Berg hineingeschlagen zu sein schien und wo aus unbesteigbaren Klippen ein flacher, einladender Strand wurde. Und direkt auf diesem Eisstrand, nur einen Steinwurf vom Wasser entfernt, stand ein Zelt.

Die Maschinen der POSEIDON waren verstummt und Morton war nicht mehr allein auf dem Vorderdeck. Jeder, dessen Tätigkeit es irgendwie zuließ, war heraufgekommen, um nach den Schiffbrüchigen Ausschau zu halten, und auf der anderen Seite des Schiffes, unter O'Shaugnessys Anleitung, waren drei oder vier Männer damit beschäftigt, das einzige Beiboot der POSEIDON seeklar zu machen.

Das Schiff war entschieden zu groß, um direkt am Eisberg anzulegen. Die POSEIDON hatte nicht einmal besonderen Tiefgang und das Wasser war hier, auf der windabgewandten Seite des schwimmenden Gletschers, so klar, dass kaum die Gefahr bestand, auf ein unter der Oberfläche verborgenes Hindernis aufzulaufen. Trotzdem hätte sich Morton entschieden wohler gefühlt, wäre die POSEIDON nicht fünfhundert Yards, sondern fünf Meilen von der schwimmenden Insel entfernt gewesen. Ein plötzlich aufkommender Sturm, mit dem man in diesen Breiten immer rechnen musste, eine winzige Änderung in der Strömung, der der schwimmende Berg folgte, und sie würden aus erster Hand erfahren, was es hieß, von einigen Millionen Tonnen gefrorenem Wasser gerammt zu werden.

Zum zigsten Mal an diesem Tag nahm Kapitän Morton den Feldstecher zur Hand und sah hindurch. Das Ergebnis war so enttäuschend wie zuvor: Der Eisstrand war menschenleer.

Auf der spiegelnden, nahezu kreisförmigen Eisfläche erhoben sich die zerfetzten Überreste eines Zeltes, daneben eine vom Eis überkrustete Ansammlung von Kisten, achtlos liegen gelassenen Kleidungs- und Ausrüstungsstücken und etwas, das Morton für eine improvisierte Funkantenne hielt. Aber es war keine Spur von Leben zu sehen.

Wahrscheinlich waren sie doch umsonst gekommen, dachte er. Und er bedauerte das nicht unbedingt, ganz im Gegenteil. Allein die Vorstellung, dass irgendetwas, das auf diesem Eisberg gewesen war, sein Schiff betrat, ließ ihn schaudern.

Irgendetwas Böses, Unheimliches umgab den schwimmenden Giganten. Und was oder wer immer ihn auch berührte, musste dieses Böse mit sich bringen wie ein schleichendes Gift.

Morton runzelte, verwirrt über seine eigenen Gedanken, die Stirn, setzte das Fernglas wieder ab und sah sich um. Er schien nicht der Einzige an Bord zu sein, der mit seinen Gefühlen nicht ganz im Reinen war. Auf den Gesichtern der meisten Männer zeigte sich – außer der in einer Situation wie dieser zu erwartenden Neugier – das gleiche, eigentlich irrationale Unbehagen, das auch er empfand, und ...

... Ja, dachte er – Furcht.

Es war keine Einbildung. Jeder einzelne Mann an Bord empfand die gleiche unbegründete Angst wie er. Und wenn es so war, dachte Morton, dann konnte das eigentlich nur eines bedeuten: dass die Angst eben nicht ganz so unbegründet war, wie er sich bisher einzureden versucht hatte. Vielleicht war dort drüben wirklich irgendetwas und vielleicht hatte der Hilferuf, der die POSEIDON hierher geführt hatte, einen völlig anderen Grund als bisher angenommen.

Kapitän Morton kam nicht dazu, den Gedanken weiterzuverfolgen, denn in diesem Moment wurden hinter ihm Stimmen laut. Erregte, zornige Stimmen. Und als er sich herumdrehte, sah er, dass sich die Aufmerksamkeit der Männer vom Eisstrand weg und zu einem Punkt dicht unterhalb der Brücke verlagert hatte. Offensichtlich war dort eine heftige Auseinandersetzung im Gange.

Er eilte hinüber. Die Stimmen wurden lauter, und noch ehe er die beiden Männer erreichte, erkannte er sie: Es waren Meyers, der Maschinist, und Pularski, der Küchenbulle. Morton stellte sich innerlich auf eine unangenehme Situation ein. Meyers und Pularski. Es war nicht das erste Mal, dass er schlichtend in einen Streit zwischen den beiden eingreifen musste, und auch nicht das erste Mal, dass einer – oder auch beide – ein paar Tage auf der Krankenstation verbringen musste, weil sie ihre Auseinandersetzung mit Worten begonnen und mit Fäusten zu Ende geführt hatten. Wären sie nicht beide, Meyers an seinen Maschinen und Pularski vor seinen Kochtöpfen, wahre Genies gewesen, hätte sich Morton längst von einem getrennt.

Morton kam nicht so schnell voran, wie er wollte, denn die Männer drängten sich so dicht um die beiden Streithähne, dass ein Durchkommen fast unmöglich war. Er musste zwei, drei Männer fast gewaltsam beiseitestoßen, ehe er den Kreis aus Neugierigen endlich durchbrechen konnte – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Pularski ein scharf geschliffenes Küchenmesser unter seiner Pelzjacke hervorzog. Sein Gesicht war rot, aber nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Zorn, und in seinen Augen glitzerte es mordlustig.

»Pularski! Sind Sie verrückt geworden?«

Morton hatte gewiss nicht leise gesprochen, aber Pularski reagierte nicht einmal. Mit einem Laut, der eher dem Knurren eines wütenden Hundes als einer menschlichen Stimme glich, hob er sein Messer und ging auf sein Gegenüber los.

Und obwohl Morton diese Bewegung hätte vorausahnen müssen, überraschte sie ihn vollkommen. Er stand einfach da wie gelähmt, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen oder gar einzugreifen. Pularski und Meyers waren zwar dafür bekannt, einander zu hassen, aber ihre Feindseligkeit war nie so weit gegangen, dass der eine versucht hätte den anderen zu verletzen oder gar umzubringen.

Doch es war nicht einmal das, was Kapitän Morton für Sekunden einfach lähmte.

Es war der Ausdruck auf Pularskis Gesicht. Das Glitzern in seinen Augen, das nur noch mit purer Mordlust zu beschreiben war, und die Entschlossenheit in seinen Zügen, die plötzlich eher einem wilden Tier als einem Menschen zu gleichen schien.

»Pularski!«, schrie Morton noch einmal und diesmal mit vollem Stimmaufwand. »Legen Sie das Messer weg!«

Tatsächlich zögerte Pularski für einen Moment – aber nur für einen Moment. Er ließ erneut diesen furchtbaren, knurrenden Laut hören, packte sein Küchenmesser nun mit beiden Händen und warf sich mit einem Schrei nach vorne. Auch Morton bewegte sich, aber er wusste, dass er zu spät kommen würde.

Meyers schrie auf, wich dem niedersausenden Messer im allerletzten Moment aus und stolperte ungeschickt ein paar Schritte vorwärts, bis er gegen die Brücke prallte. Mit einem zornigen Fauchen wirbelte Pularski herum, hob sein Messer ein zweites Mal in die Höhe – und brach plötzlich in die Knie.

Hinter ihm war eine hünenhafte, ganz in weißes Leinen gekleidete Gestalt aufgetaucht. O'Shaugnessy. Und anders als sein Kapitän verschwendete der Erste Offizier keine Sekunde damit, Pularski fassungslos anzustarren oder ihm Befehle zuzubrüllen. Er versuchte auch nicht, ihm die Waffe zu entringen, obwohl er einen guten Kopf größer und fast dreißig Pfund schwerer war als der Koch, sondern schlug Pularski kurzerhand die geballten Fäuste in den Nacken und trat ihm gleichzeitig so wuchtig in die Kniekehlen, dass der Koch einfach nach vorne stürzte. Das Messer flog klappernd gegen die Reling und verschwand über Bord.

Aber es war noch nicht zu Ende. O'Shaugnessy war ein wahrer Hüne und er hatte mit aller Wucht zugeschlagen, wie Morton sehr wohl gesehen hatte, doch Pularski kämpfte mit der Kraft eines Wahnsinnigen. Er blieb nur eine Sekunde liegen, dann stemmte er sich – zwar benommen, aber alles andere als außer Gefecht gesetzt – in die Höhe, schüttelte wie ein angeschlagener Stier den Kopf und fuhr herum, um sich auf den neu aufgetauchten Gegner zu stürzen. Offensichtlich war er in einem Zustand, in dem ihm völlig egal war, wen er angriff.

Aber O'Shaugnessy ließ ihm keine Chance.

Er wich dem ungestümen Angriff des Kochs mit einer fast eleganten Bewegung aus, streckte plötzlich das linke Bein vor und schmetterte Pularski mit aller Kraft den Ellbogen zwischen die Schulterblätter, als dieser erwartungsgemäß stolperte. Morton glaubte die Wirbelsäule des Kochs knacken zu hören, und aus Pularskis wütendem Gebrüll wurde ein schmerzerfülltes Keuchen, als er zum zweiten Mal binnen weniger Augenblicke in die Knie sank und vergeblich sein Gleichgewicht zu halten versuchte.

Und dann tat O'Shaugnessy etwas, was Morton beinahe noch weniger verstand als Pularskis Angriff auf den Maschinisten. Der Kampf war eindeutig vorüber. Pularski war auf die Knie gefallen und hatte kaum noch die Kraft, sich aufrecht zu halten. Sein Blick war leer. Das jedoch hinderte O'Shaugnessy nicht daran, ihm mit einem Sprung nachzusetzen, mit einer Hand brutal in sein Haar zu greifen und seinen Kopf herumzureißen. Seine Faust landete mit fürchterlicher Wucht in Pularskis Gesicht und ließ seine Unterlippe aufplatzen. Pularski schrie, fiel nach hinten und riss schützend die Arme vor das Gesicht, aber O'Shaugnessy hörte selbst jetzt nicht auf. Ein derber Fußtritt ließ Pularskis Nasenbein brechen und ein zweiter hätte ihn mindestens einige Zähne gekostet, wenn nicht das Genick gebrochen, hätte Morton nicht in diesem Moment endgültig seine Erstarrung überwunden und seinen Ersten Offizier mit einer wütenden Bewegung zurückgerissen.

»O'Shaugnessy!«, brüllte er. »Sind Sie wahnsinnig geworden?«

O'Shaugnessy schlug Mortons Arm beiseite und riss sich los. Und für einen Moment, einen winzigen Moment nur, aber deutlich, sah Morton in seinen Augen das gleiche irre Glitzern, das er vor Sekunden in denen Pularskis beobachtet hatte.

»O'Shaugnessy!«

Das Lodern in O'Shaugnessys Blick erlosch. Drei, vier Sekunden lang starrte der Erste Offizier Kapitän Morton an, und alles, was dieser jetzt noch in seinem Blick sah, war Verwirrung. Dann machte der Ausdruck einem grenzenlosen Erschrecken Platz.

»O'Shaugnessy!«, sagte Morton noch einmal, noch immer scharf und in befehlendem Ton, aber nicht mehr laut. »Was ist los mit Ihnen?«

»Ich ...« O'Shaugnessy hob verwirrt, ja beinahe hilflos die Hände und aus dem Schrecken in seinem Blick wurde fast so etwas wie Entsetzen. Doch so schnell, wie er die Beherrschung verloren hatte, fand er sie auch wieder.

»Es ... es tut mir leid, Sir«, sagte er. Seine Stimme war jetzt wieder so kalt und ausdruckslos, wie Morton es gewohnt war.

Kapitän Morton blickte seinen Ersten Offizier noch eine Sekunde lang gleichermaßen verstört wie erschrocken an, dann drehte er sich mit einem Ruck herum und ließ sich neben Pularski in die Hocke sinken. Der Koch stöhnte leise. Sein Gesicht war voller Blut und seine Hände zuckten unkontrolliert.

Er war bei Bewusstsein, aber als Morton vor seinen Augen die Finger von rechts nach links bewegte, folgten sie dieser Bewegung nicht, sondern starrten weiter ins Leere.

»Er ist schwer verletzt«, sagte Morton besorgt, stand auf und deutete wahllos auf zwei der Männer. »Bringt ihn in seine Kabine. Und ruft Doktor Pauly. Er soll sich um ihn kümmern.«

Die beiden Männer gehorchten widerspruchslos, aber Morton fiel auf, dass sie Pularski mit weit weniger Umsicht behandelten, als angemessen gewesen wäre. Doch er sagte kein Wort dazu, sondern deutete mit einer zornigen Geste nacheinander auf Meyers und O'Shaugnessy. »Kommen Sie mit!«

O'Shaugnessys Blick blieb neutral wie immer, aber Meyers starrte ihn beinahe herausfordernd an, und für einen Moment rechnete Kapitän Morton ernsthaft damit, dass sich der Maschinenmaat seinem Befehl einfach widersetzen würde. Dann verging der gefährliche Augenblick und Meyers senkte den Kopf und folgte ihm und O'Shaugnessy wie ein geprügelter Hund.

Sie stiegen zur Brücke hinauf. Morton gab O'Shaugnessy mit einem Wink zu verstehen, die Tür zu schließen, wartete, bis er es getan hatte, und trat dann ans Fenster. Sein Blick glitt über das Vorderdeck der POSEIDON.

Die Mannschaft hatte sich wieder zerstreut und die meisten Männer waren an ihre Plätze an der Reling zurückgekehrt, obwohl es dort absolut nichts anderes als noch vor zehn Minuten zu sehen gab. Der Eisstrand war weiterhin leer, und wäre es nach Morton gegangen, dann würde er das auch für die nächsten hundert Jahre bleiben. Er hoffte jetzt beinahe, dass sie dort drüben nichts fanden.

»Also?«, begann er. »Was war los?«

Die Frage galt Meyers. Und er konnte am Spiegelbild in der Fensterscheibe erkennen, dass sich der Maat unruhig bewegte. Aber er antwortete nicht.

Morton musste sich plötzlich mit aller Kraft beherrschen, um nicht herumzufahren und Meyers anzubrüllen oder ihn einfach am Kragen zu packen und so lange zu schütteln, bis er antwortete. Langsam drehte er sich um, sah den Maschinenmaat durchdringend an und fragte noch einmal: »Was war los?«

Meyers presste die Lippen aufeinander. Für einen Moment flammte es abermals trotzig in seinem Blick auf und diesmal war er dem Punkt, an dem er Morton nicht mehr gehorchen würde, schon ein ganzes Stück näher. Aber noch nicht nahe genug. Es war Kapitän Morton, der das stumme Duell gewann, denn nach einer weiteren Sekunde senkte Meyers doch den Blick und begann unruhig mit den Füßen zu scharren. »Ich habe keine Ahnung«, murmelte er.

»Keine Ahnung!!« Morton erschrak selbst, als er das Zittern in seiner Stimme hörte. Er sprach nicht sofort weiter, sondern zählte in Gedanken langsam bis zehn und zwang sich innerlich zur Ruhe.

»Keine Ahnung?«, sagte er noch einmal. »Halten Sie mich nicht für dumm, Mann! Was war los? Selbst Pularski geht doch nicht völlig ohne Grund mit einem Messer auf Sie los!«

Meyers schürzte trotzig die Lippen. »Offensichtlich schon«, antwortete er. »Ich habe jedenfalls keine Ahnung, was in ihn gefahren ist.«

»So?« Plötzlich wurde Mortons Stimme ganz kalt. Er war bei den Männern beliebt; ein Kapitän, der seine Autorität nur selten – und wenn, dann nur in wohlüberlegten Momenten – ausspielte, aber er wusste, dass er diesmal Härte zeigen musste. Etwas war anders an dieser Situation, anders als an allen anderen, die er jemals erlebt hatte.

»So«, meinte er noch einmal. »Sie wissen also nicht, was los war. Dann werde ich Ihnen ausreichend Gelegenheit geben, darüber nachzudenken. Gehen Sie in Ihre Kabine und warten Sie dort auf mich. Sie stehen unter Arrest.«

Meyers Augen wurden schmal. Irgendetwas flackerte darin, etwas, das Morton zutiefst erschreckte. Es war nicht einfach nur Zorn. Nicht einfach nur die Wut eines Mannes, der sich ungerecht behandelt fühlte – es war Hass. Purer, brodelnder, kaum noch beherrschbarer Hass.

»Verschwinden Sie endlich!«, sagte Morton scharf.

»Wieso?«, widersprach Meyers. »Ich habe nichts –«

»Sie sollen in Ihre Kabine gehen«, unterbrach ihn Morton. »Auf der Stelle!«

Diesmal hatte er wirklich geschrien. Er sah aus den Augenwinkeln, wie O'Shaugnessy leicht zusammenfuhr, aber der scharfe Ton half: Meyers hielt seinem Blick nur noch eine halbe Sekunde stand, dann drehte er sich auf dem Absatz herum und stürmte aus der Steuerkabine, wobei er die Tür so wütend hinter sich zuwarf, dass das Glas klirrte.

Morton atmete hörbar auf.

»Soll ich ihn zurückrufen, Sir?«, fragte O'Shaugnessy.

Wozu?«

O'Shaugnessy deutete auf die Tür. »Wollen Sie sich das gefallen lassen?«

»Nein«, antwortete Morton grob. »Aber das kläre ich später. Mit ihm. Und allein. Die Situation ist schlimm genug, auch ohne dass wir jede Kleinigkeit noch künstlich hochspielen. Finden Sie nicht auch?«

O'Shaugnessy zuckte schweigend mit den Schultern und blickte weg.

»Was ist los mit Ihnen?«, fragte Morton. Mit einer Kopfbewegung deutete er auf das Vorderdeck hinunter. »Haben Sie völlig den Verstand verloren?«

O'Shaugnessy sah ihn fragend an. »Sir?«

»Sie wissen sehr gut, was ich meine, O'Shaugnessy«, erwiderte Morton und er gab sich nicht einmal mehr Mühe, das zornige Beben in seiner Stimme zu unterdrücken.

»Was ist in Sie gefahren, so auf Pularski loszugehen? Wollten Sie ihn umbringen?«

»Er hatte ein Messer, Sir«, antwortete O'Shaugnessy. »Was sollte ich machen?«

»Ihm die Waffe wegnehmen, verdammt noch mal, aber ihn nicht halb tot schlagen!«, schrie Morton. »Sind Sie wahnsinnig geworden? Wenn ich Sie nicht zurückgehalten hätte, hätten Sie ihm sämtliche Knochen im Leib gebrochen!«

»Er war drauf und dran, Meyers umzubringen«, warf O'Shaugnessy ein.

»Ja«, sagte Morton grimmig. »Und Sie ihn.«

»Sir!«, widersprach O'Shaugnessy. »Ich denke, es –«

»Was Sie denken, Mister O'Shaugnessy«, unterbrach Morton ihn zornig, wobei er das Mister so betonte, dass es fast einer Beleidigung gleichkam, »interessiert mich im Moment nur am Rande. Verdammt, Sie wissen so gut wie ich, dass die Stimmung an Bord auf dem Siedepunkt ist. Die Männer sind am Ende ihrer Kräfte. Sie wollen nach Hause. Sie sind reizbar. Was, glauben Sie wohl, wird passieren, wenn nicht einmal wir als Offiziere uns mehr beherrschen?«

O'Shaugnessy schwieg, aber es war gerade dieses Schweigen, das Morton noch mehr in Rage brachte. »Noch eine solche Entgleisung, Mister O'Shaugnessy«, sagte er, »und Sie werden sich in einem Marinegerichtsverfahren verantworten müssen. Haben Sie das verstanden?«

O'Shaugnessy sagte immer noch nichts, aber er nickte.

»Dann ist es gut.« Morton drehte sich herum, trat wieder ans Fenster und starrte fast eine Minute lang durch die Scheibe nach draußen. Die Menge auf dem Deck hatte sich ein wenig zerstreut, aber er glaubte die Spannung, die zwischen den Männern herrschte, beinahe sehen zu können.

Hilflos schüttelte er den Kopf. Mehr zu sich selbst als an O'Shaugnessy gerichtet sagte er: »Was geht hier vor?«

»Wir waren alle zu lange unterwegs, Sir«, antwortete O'Shaugnessy. »Sieben Monate sind genug. Die Männer wollen nach Hause.«

»Nein.« Morton schüttelte abermals den Kopf. »Das ist es nicht.«

Sein Blick suchte den Eisberg, der weiß und gigantisch über der POSEIDON emporragte und das Schiff mit seiner bloßen Nähe zu erdrücken schien. »Es ist dieser Berg«, sagte er. »Es ist irgendetwas an ihm. Ich spüre es.«

Er drehte sich zu O'Shaugnessy um und sah seinen Ersten Offizier an, aber O'Shaugnessys Gesicht war wieder so ausdruckslos wie immer, und schließlich seufzte Morton tief und löste sich mit einer kraftlosen Bewegung von seinem Platz am Fenster.

»Ist das Beiboot bereit?«, fragte er.

»Jawohl, Sir.«

»Dann lassen Sie uns gehen.«

Vom Wasser stiegen feuchte Schwaden auf, die sich wie eisiges Glas auf die Haut legten, und das Tuckern des kleinen Außenbordmotors wirkte sonderbar verloren in der weißen Unendlichkeit, durch die das Beiboot glitt.

Mortons Augen schmerzten. Obwohl er eine Sonnenbrille aufgesetzt hatte, war das vom Eis reflektierte Licht noch so grell, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb, und seine Hände, die das Ruder hielten, waren trotz der dicken Handschuhe taub vor Kälte.

»Dort vorne!«

Paulsens Hand deutete nach links auf einen Punkt vielleicht dreißig Schritte westlich des Zeltes. »Ich glaube, da sind Spuren.«

Morton blickte angestrengt in die angegebene Richtung, konnte aber außer glitzerndem, blendendem Weiß nichts erkennen und nahm schließlich die Sonnenbrille ab. Das Licht wurde noch greller und ließ seine Augen noch mehr tränen, aber er sah immer noch nichts. Trotzdem korrigierte er den Kurs des Bootes um eine Winzigkeit, sodass sie nun in gerader Linie auf die Stelle zufuhren, auf die Paulsen gedeutet hatte. Als sie noch fünfzig Yards vom Eisberg entfernt waren, nahm er Gas weg, zögerte einen Moment und schaltete den Motor schließlich ganz aus.

Nachdem das Tuckern des Dieselmotors verstummt war, wurde es beinahe unheimlich still. Das Beiboot wurde langsamer, glitt jedoch weiterhin zielstrebig auf den flachen Eisstrand zu und erreichte ihn nach wenigen Augenblicken. Sein Rumpf fuhr scharrend über das Eis, das dicht unter der Wasseroberfläche lag, stieß gegen ein etwas größeres verborgenes Hindernis und zitterte noch einmal, bevor das Boot völlig zum Stillstand kam.

Morton unterdrückte einen Fluch. Er hatte sich verschätzt. Das Boot war nicht auf den Strand hinaufgeglitten, wie er es beabsichtigt hatte, sondern gut zehn Yards davor zum Stillstand gekommen. Das Meer war an dieser Stelle nur noch etwa knietief, aber sie würden trotzdem durch das eiskalte Wasser waten müssen, und das bei Temperaturen, die ihnen schon fast die Tränen auf dem Gesicht gefrieren ließen. Aber den Motor noch einmal zu starten und das Boot die letzten Meter auf den Strand hinaufzufahren hätte bedeutet, seinen Fehler quasi vor den Männern zuzugeben, und aus irgendeinem Grund war ihm dies im Moment zuwider. Dabei gehörte Kapitän Morton normalerweise nicht zu den Vorgesetzten, die sich für unfehlbar hielten, und schon gar nicht zu denen, die von ihren Männern verlangten, ihnen das Gefühl zu geben, es zu sein. Aber was war hier schon normal?

Er stand auf, gab Paulsen und den beiden anderen Männern, die ihn begleiteten, ein Zeichen, dasselbe zu tun, und sah noch einmal zur POSEIDON zurück.

Das Schiff wirkte irgendwie ... deplatziert. Als wäre dieser eisige, schweigende Gigant, der aus den kalten Meeren des Nordens hierhergetrieben war, Teil einer anderen Welt, in der Menschen und ihre technischen Errungenschaften nichts zu suchen hätten.

Der Gedanke verwirrte Morton. Es war jetzt das zweite Mal, dass ihm solche sonderbaren Gedanken durch den Kopf schossen, und das war wirklich ungewöhnlich, denn Kapitän Morton gehörte nicht zu den Menschen, die zum Philosophieren neigten, und schon gar nicht in einer Situation wie dieser. Andernfalls wäre er niemals Kapitän eines Forschungsschiffes wie der POSEIDON geworden.

Er wurde sich der Tatsache bewusst, dass Paulsen und die beiden anderen ihn anstarrten, verscheuchte seine Gedanken mit einem ärgerlichen Schulterzucken und sprang über Bord, ohne noch eine Sekunde zu zögern.

Das Wasser war nicht nur eisig, wie er erwartet hatte – es war mörderisch. Obwohl er wie alle anderen Gummistiefel und wasserdichte Überhosen angezogen hatte, drang die Kälte fast augenblicklich durch seine Kleidung und berührte seine Haut wie glühendes Eisen. Morton biss die Zähne zusammen, um ein Stöhnen zu unterdrücken, suchte auf dem glatten Untergrund aus Eis nach festem Halt und griff gleichzeitig nach dem zusammengerollten Tau, das im Bug des Beibootes lag. Ohne auf Paulsen oder die beiden anderen zu warten, watete er auf den Strand zu, wobei er das Tau hinter sich herzog. Das Boot bewegte sich nur unwillig. Es war schwerer, als er erwartet hatte, sehr viel schwerer, und als er sich umdrehte, erkannte er auch, warum das so war: Nur Paulsen war seinem Beispiel gefolgt und watete durch das Wasser, die beiden anderen standen reglos im Bug des kleinen Beibootes und blickten ihm und dem Maat unschlüssig nach.

Normalerweise hätte dieser Zwischenfall Morton höchstens geärgert. Jetzt erfüllte ihn der Anblick der beiden bewegungslos verharrenden Matrosen mit Wut, mit einem Zorn, so wie er ihn in Pularskis und für einen kurzen Moment sogar in O'Shaugnessys Augen gesehen hatte. Er musste sich mit aller Kraft beherrschen, um die beiden nicht anzubrüllen oder gleich das Tau fallen zu lassen und zurückzurennen, damit er sie mit bloßen Händen packen und aus dem Boot zerren konnte. Er ...

Morton atmete gezwungen tief und ruhig ein, schloss die Augen und zählte in Gedanken bis fünf. Was war nur mit ihm los?

Statt wütend loszubrüllen, was – zumindest seinem Blick nach zu urteilen – auch Paulsen erwartet hatte, drehte er sich wortlos herum, ergriff das Tau fester und zerrte das Boot mit seinen beiden Passagieren allein so weit den Strand hinauf, bis er sicher war, dass es nicht von einer Welle ergriffen und davongespült werden konnte. Erst dann ließ er das Tau fallen und ging bis zur Wasserlinie zurück. Die beiden Matrosen blickten ihm trotzig entgegen, sagten kein Wort und auch Morton verbiss sich jeden Kommentar und wiederholte nur seine auffordernde Geste.

Diesmal reagierten die beiden sofort. Stenton hob das Tau auf und schlug einen Haken ins Eis, um es daran festzumachen, während sich Coleman Paulsen und ihm anschloss. Von den Spuren, die Paulsen vom Wasser aus entdeckt haben wollte, war übrigens nichts zu sehen, aber daran verschwendete Morton nur einen einzigen Gedanken. Je näher sie dem Zelt kamen, desto weniger glaubte er ohnehin, dass sie Überlebende finden würden.

Seinem Aussehen nach zu schließen musste es schon lange hier stehen, sehr lange. Die Stangen waren schief und verbogen und an zwei Stellen durchgebrochen, und überall lagen achtlos zurückgelassene Ausrüstungsgegenstände herum: zerfetzte Kleider, ein Stück eines blauen Marineschlafsacks, leere Konservendosen, eine zerrissene Seekarte. Jetzt, als sie näher kamen, konnte Morton erkennen, dass das sonderbare Gebilde daneben tatsächlich eine improvisierte Funkantenne war. Irgendjemand hatte aus einigen Zeltstangen und gewickeltem Draht ein Dreibein zusammengebastelt, auf dessen Spitze die offensichtlich mit Gewalt abgebrochene Antenne eines tragbaren Funkgerätes befestigt war. Von dem Gerät selbst fehlte jede Spur wie auch vom Bewohner dieses Zeltes. Der Strand war so glatt, als wäre er sorgsam poliert worden.

Trotzdem bewegte sich Morton mit äußerster Vorsicht, als er sich dem Zelt weiter näherte. Es war nicht das erste Mal, dass er einen Schiffbrüchigen auflas, der tage- oder gar wochenlang auf Rettung gewartet hatte. Solche Leute waren manchmal unberechenbar. Hunger, Angst und Verzweiflung konnten einen Mann vergessen lassen, dass die, die kamen, nicht seine Feinde waren, sondern seine Lebensretter.

Aber das Zelt war leer. Sein Inneres bot einen noch chaotischeren Anblick als der Boden ringsum: Was einmal eine Zelteinrichtung gewesen war, bestand jetzt nur noch aus Trümmern. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, alles, aber auch wirklich alles zu zerschlagen, zu zerreißen, zu zerschneiden und kurz und klein zu hacken. Zerrissene Seekarten, zerfetzte Bücher, zerschnittene Kleider und die herausgerissene Daunenfüllung eines Schlafsacks bildeten ein wahres Tohuwabohu, in dem die dunklen, hässlich eingetrockneten Flecken im ersten Moment gar nicht auffielen.

Und Morton bemerkte sie auch erst, als er das Messer sah. Es war ein wirklich beeindruckendes Messer. Die Klinge war gut zwanzig Zentimeter lang, auf der einen Seite so scharf wie ein Rasiermesser geschliffen, auf der anderen Seite wie eine Säge gezackt. Sie steckte fast zur Hälfte im Boden des Zeltes, der aus Eis bestand; die andere Hälfte und ein Teil des Griffes waren über und über mit Blut beschmiert. Morton versuchte sich vorzustellen, welche Kraft nötig war, um ein Messer so tief ins Eis zu treiben, aber seine Fantasie reichte dazu nicht aus.

»Großer Gott«, stammelte Paulsen hinter ihm. »Was ist denn hier passiert?«

Morton zuckte nur stumm mit den Schultern. Ihm war nicht wohl dabei, dass Paulsen und die beiden anderen das Messer sahen – und die Blutflecken. Die Männer waren nicht dumm. Sie wussten so wenig wie er, was hier passiert war, aber sie konnten deutlich sehen, dass hier etwas passiert war. Und sie waren nervös genug.

»Ich weiß es nicht«, sagte er und richtete sich auf. »Trotzdem – seid vorsichtig.«

Er trat einen Schritt zur Seite, damit sich sein Umriss deutlicher vom weißen Eis abhob und man ihn von Bord der POSEIDON aus erkennen konnte, hob beide Arme und winkte zum Schiff hinüber. Einen Moment später antwortete eine der winzigen Gestalten auf dem Vorderdeck mit der gleichen Geste.

»Okay«, sagte Morton. »Coleman, Sie bleiben hier und halten Verbindung mit dem Schiff. Paulsen und Stenton, Sie kommen mit!«

»Wohin?«, fragte Paulsen.

Morton reagierte nicht. Er hätte eine Menge dafür gegeben, die Antwort auf diese Frage zu wissen. Der Eisberg war einerseits so abweisend und feindselig, dass es ihm unvorstellbar schien, irgendjemand könnte länger als ein oder zwei Tage in dieser Umgebung überleben. Andererseits war er groß genug, um einer ganzen Armee Versteck bieten zu können. Wenn sie den Mann, der den Hilferuf aufgegeben hatte – oder seine Leiche – nicht auf Anhieb fanden, blieb ihnen nichts anderes übrig, als diesen ganzen verdammten schwimmenden Klotz Meter für Meter abzusuchen. Und das wäre schon unter normalen Umständen eine Arbeit für Tage, wenn nicht Wochen gewesen. Bei der gespannten Stimmung, die an Bord der POSEIDON herrschte, der Kälte und dem Kurs, dem der schwimmende Eisberg folgte, war es schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit. Aber Morton wusste auch, dass man ihm Fragen stellen würde, sollte er es einfach dabei belassen, die Überreste des Zeltes und der Funkanlage einzusammeln und wieder abzufahren. Sehr unangenehme Fragen, auf die er keine Antwort hätte.

»Da drüben scheint es eine Stelle zu geben, an der man hochklettern kann«, sagte Stenton und deutete nach Westen. Morton beschattete die Augen mit der Hand und sah in die angegebene Richtung. Auch hier bildeten die Eiswände des Berges eine hohe, schier unüberwindbare Mauer, die den Eisstrand an drei Seiten umschloss. Aber Stenton hatte recht: Es gab einen schmalen, dreieckigen Spalt, fast wie ein Pass, der zur Oberseite des Berges hinaufführte. Dorthin zu kommen würde zwar eine halsbrecherische Kletterei bedeuten, aber es war immerhin möglich. »Okay«, seufzte Morton. »Versuchen können wir es ja.«

Sie brauchten allein zehn Minuten, um den Spalt zu erreichen, denn der Boden stieg immer steiler an und er war glatt wie Glas, sodass sie trotz der gerippten Sohlen ihrer Gummistiefel mehr als einmal ausglitten und ein Stück zurückschlitterten. Und aus der Nähe betrachtet wirkte ein Aufstieg im Eis nicht halb so einladend wie von Weitem.

»Unmöglich«, sagte Paulsen überzeugt. »Niemand kann da raufkommen.«

Stenton nickte bekräftigend. Morton schwieg. Paulsen wusste so gut wie er, dass es durchaus möglich war, dort hinaufzukommen. Und er musste so gut wie er die Spuren gesehen haben. Die Spuren schwerer, grobsohliger Stiefel und die kleinen ausgezackten Löcher, wo jemand Haken ins Eis geschlagen und hinterher wieder entfernt hatte.

Ohne ein weiteres Wort wagte Morton einen Schritt, dann noch einen und noch einen, wobei er sich mit beiden Händen an den nahezu senkrechten Wänden des Spaltes abstützte, um überhaupt von der Stelle zu kommen. Erst dann merkte er, dass die beiden anderen ihm nicht folgten. Ärgerlich blieb er stehen und drehte sich um. »Worauf wartet ihr?«

Paulsen zögerte noch einen Moment, ehe er ihm folgte. Stenton rührte sich nicht von der Stelle.

Wieder spürte Morton diese plötzliche, jähe Wut, die er kaum noch zügeln konnte. »Was ist mit Ihnen, Matrose?«, fragte er scharf. »Soll ich Ihnen den Befehl schriftlich geben?«

»Ich gehe da nicht rauf«, antwortete Stenton.

»Wie bitte?«

Stenton schürzte trotzig die Lippen und wich seinem Blick aus. Aber er rührte sich nicht von der Stelle. »Ich gehe da nicht rauf«, wiederholte er. »Das ist doch Selbstmord. Ich habe keine Lust, mir den Hals zu brechen.«

Morton schluckte die wütende Antwort, die ihm auf den Lippen lag.

»Gut«, sagte er kalt. »Dann bleiben Sie, wo Sie sind, Matrose. Aber wir unterhalten uns später darüber.« Er deutete mit einer Kopfbewegung zur POSEIDON hinüber. »An Bord.«

»Meinetwegen«, antwortete Stenton verstockt. »Immer noch besser, als mit gebrochenen Knochen hier zu verrecken.«

Morton sog scharf und hörbar die Luft ein, verzichtete aber auch diesmal darauf, Stenton anzubrüllen, sondern drehte sich mit einem Ruck herum und ging weiter. Die Wut, die heiß und fast unbezwingbar in ihm brodelte, half ihm, die ersten zehn, fünfzehn Meter des Aufstiegs mühelos hinter sich zu bringen. Aber der Weg stieg immer steiler an und Paulsen und er hatten noch nicht einmal die Hälfte geschafft, als es einfach nicht mehr weiterging. Es sei denn, sie hätten sich auf Händen und Knien bewegt und wären den Rest des Weges gekrochen.

Schwer atmend blieb er stehen, suchte mit der linken Hand Halt an der Wand und wandte sich an Paulsen. »Das hat keinen Sinn. Stenton hat recht. Es ist Selbstmord, ohne entsprechende Ausrüstung hier hochsteigen zu wollen.«

Er überlegte einen Moment, dann deutete er abermals auf die POSEIDON, die jetzt Meilen entfernt schien.

»Nehmen Sie Stenton und fahren Sie mit ihm zurück zum Schiff«, sagte er. »O'Shaugnessy soll sich um ihn kümmern. Und dann kommen Sie mit einem anderen Mann, einigen Seilen und Haken wieder. Und beeilen Sie sich. Ich habe keine Lust, länger als nötig –«

Er sah die Bewegung aus den Augenwinkeln, aber sein Schreckensschrei kam zu spät. Ein Eisbrocken von der Größe eines Kinderkopfes flog wie ein Geschoss auf Paulsen zu, verfehlte seine Schläfe um Haaresbreite und traf mit fürchterlicher Wucht seine Schulter. Paulsen trug wie er eine dicke, pelzgefütterte Jacke, sodass ihn der Eisbrocken nicht verletzte. Aber die Wucht des Aufpralls war groß genug, ihn aus seinem ohnehin unsicheren Gleichgewicht zu bringen. Er schrie auf, griff mit wild rudernden Armen um sich und stürzte nach hinten. Seine Hände suchten verzweifelt nach Halt, aber auf dem spiegelglatten Boden hatte er nicht die Spur einer Chance. Schreiend und immer schneller werdend schlitterte er den Weg zurück, den sie sich mühsam hinaufgekämpft hatten, prallte irgendwo auf halber Strecke gegen ein Hindernis und überschlug sich drei-, vier-, fünfmal hintereinander, bevor er wie ein lebendes Geschoss auf den Eisstrand hinausfegte und sich mit rasender Geschwindigkeit dem Wasser näherte. Morton sah, wie Stenton und auch Coleman plötzlich in Bewegung kamen und auf ihn zurannten, aber natürlich kamen sie zu spät. Paulsen schlitterte hilflos und mit gellenden Hilfeschreien an ihnen vorbei und versank im Wasser. Mit einer verzweifelten Bewegung richtete er sich wieder auf und machte einen einzelnen, taumelnden Schritt. Dann blieb er stehen, brach im Zeitlupentempo abermals in die Knie und stürzte ein zweites Mal. Und diesmal blieb er liegen, obwohl sich sein Gesicht unter Wasser befand.

»Holt ihn raus!«, schrie Morton, so laut er nur konnte. Gleichzeitig rannte er los.

Wie Paulsen vorhin, so verlor auch er auf dem spiegelglatten Boden fast augenblicklich den Halt. Aber er war darauf vorbereitet; er schlitterte zwar wie der Maat hilflos durch den engen Spalt zurück, brachte aber irgendwie das Kunststück fertig, seine Geschwindigkeit nicht so groß werden zu lassen, dass er sich verletzte oder völlig die Kontrolle verlor.

Unten angekommen richtete er sich vorsichtig wieder auf, verlor natürlich das Gleichgewicht und fiel erneut auf die Knie. Aber dann kam er endgültig auf die Füße und lief auf den Strand zu.

Stenton und Coleman hatten Paulsen erreicht und aus dem Wasser gezogen, als er bei ihnen anlangte. Paulsen war bei Bewusstsein, doch seine Augen waren weit und starr und er zitterte so heftig, dass Stenton seine Hände festhalten musste. Seine Lippen bewegten sich. Er versuchte etwas zu sagen, brachte aber nur hilflose, wimmernde Laute hervor. Sein Bart und seine Haare färbten sich vor den Augen der Männer weiß, weil das Wasser in der eisigen Luft beinahe augenblicklich gefror. Seine Kleider knisterten wie steifes Papier, als Morton ihn anfasste.

»Schnell!«, befahl Morton. »Zieht ihm die nassen Kleider aus!« Während die beiden Matrosen darangingen, Paulsen aus den völlig durchnässten Kleidern zu schälen, rannte Morton zum Zelt zurück, raffte die erstbesten Stoff- und Kleidungsfetzen an sich und zerrte auch den zerfetzten Schlafsack aus dem Durcheinander heraus. Er trug alles zu Paulsen zurück, half den beiden anderen dabei, den Maat ganz auszuziehen, und benutzte die blutbesudelten Überreste eines Hemdes, um Paulsens Oberarme und Schultern trocken zu reiben. Stenton und Coleman taten es ihm nach. Paulsen stöhnte. Offensichtlich bereitete ihm die Berührung Schmerzen. Schwach versuchte er ihre Hände beiseite zu schieben, aber hatte kaum noch die Kraft, die Arme zu heben. Sein Gesicht war bleich wie das eines Toten und seine Lippen hatten eine dunkelblaue, fast schon schwarze Färbung angenommen.

»Stenton!«, befahl Morton. »Binden Sie das Boot los, schnell! Coleman, Sie helfen mir!«

Während Stenton mit fliegenden Fingern an dem Tau zu zerren begann, hüllten Morton und Coleman den zitternden Maat in den zerrissenen Schlafsack. Dann hoben sie ihn gemeinsam hoch und trugen ihn ins Boot. Morton startete den Motor und machte eine befehlende Geste zu Coleman.

»Sie bringen ihn zurück, schnell«, sagte er. »Und dann kommen Sie wieder. Erzählen Sie O'Shaugnessy, was hier passiert ist. Er soll drei oder vier Mann mit einer entsprechenden Ausrüstung schicken. Und sie sollen Waffen mitbringen.«

Coleman sah überrascht auf und starrte ihn an und auch Stentons Kopf flog mit einem Ruck in den Nacken.

»Waffen?«, vergewisserte sich Coleman.

»Ja, verdammt noch mal!«, knurrte Morton. »Und jetzt fahren Sie schon los! Wir haben keine Zeit zu verlieren!«

Er sprang auf den Strand zurück. Stenton und er schoben das Boot weit genug ins Wasser, damit es freikam, und Coleman ließ den Motor aufbrüllen. In einer Fontäne spritzenden Wassers wendete das Beiboot fast auf der Stelle und jagte zur POSEIDON zurück. Rasend schnell wurde es kleiner und näherte sich dem wartenden Schiff. Coleman holte das Letzte aus dem Motor heraus.

Trotzdem hatte Morton das Gefühl, dass die Zeit nur noch im Schneckentempo verging. Dabei war jede Sekunde wichtig, vielleicht lebenswichtig für Paulsen. Er wusste, dass sich der Maat beim Sturz nicht schwer verletzt haben konnte, aber bei diesen Temperaturen ins Wasser zu fallen konnte tödlich sein. Selbst wenn es Coleman gelang, ihn rechtzeitig an Bord der POSEIDON zu bringen, war noch lange nicht gesagt, dass er auch überleben würde. Der Eisberg hatte sein erstes Opfer gefordert.

»Waffen?«, fragte Stenton noch einmal.

Morton drehte sich um und blickte zum Spalt im Eis hinüber, ehe er antwortete.

»Ja, Waffen«, sagte er. »Wissen Sie, Stenton, vielleicht hatten Sie vorhin gar nicht so unrecht.«

»So?« Der Matrose blickte ihn misstrauisch an. »Wie meinen Sie das?«

Morton deutete mit grimmigem Gesichtsausdruck zu der Gletscherspalte hinauf. »Damit, dass es Selbstmord wäre, dort hinaufzusteigen«, antwortete er. »Dieser Eisbrocken ist nicht von selbst heruntergefallen«, meinte er. »Jemand hat ihn geworfen.«

Es verging fast eine halbe Stunde, bevor das Boot zurückkam. Coleman war nicht mehr an Bord, aber dafür brachte das kleine Schiff mehr als ein Dutzend Männer an Land, die mit Seilen, Steigeisen und Gewehren ausgerüstet waren – und O'Shaugnessy höchstpersönlich, was Morton mit einem leisen Gefühl von Verärgerung registrierte.

Und als hätte sich zu allem Überfluss nun auch noch die Natur gegen sie verschworen, begann das Wetter umzuschlagen: Von Westen her schoben sich dunkle Wolkengebilde über den Himmel, vereinzelt und scheinbar langsam. Aber Morton hatte genügend Stürme auf hoher See erlebt, um zu wissen, dass diesen ersten Wolken bald eine massive Wand folgen würde und dass ihre Bewegungen nur durch die große Entfernung langsam wirkten. In einer Stunde, spätestens zwei würden sie einen ausgewachsenen Polarmeersturm erleben. Der Wind hatte bereits aufgefrischt. Und Morton würde alles in seiner Macht Stehende tun, damit sie dann nicht mehr hier waren.

Er verscheuchte den Gedanken. Ungeduldig ging er dem Boot entgegen und fuhr O'Shaugnessy an, noch bevor dieser einen Fuß auf das Eis gesetzt hatte: »Wieso kommen Sie mit? Ich hatte Ihnen das Kommando über die POSEIDON gegeben.«

O'Shaugnessys Lippen pressten sich zu einem dünnen, ärgerlichen Strich zusammen. Aber seine Stimme war beherrscht wie immer, als er antwortete: »Stevens hat das Kommando. Ich denke, er kann so gut wie ich auf ein Schiff aufpassen, das ohne Fahrt vor Anker liegt.«

Morton starrte seinen Ersten Offizier fassungslos an. O'Shaugnessy hatte sehr ruhig gesprochen, doch das, was er gesagt hatte, trieb ihm schon wieder die Zornesröte ins Gesicht. Aber er beruhigte sich ein wenig. Rein logisch betrachtet hatte O'Shaugnessy durchaus recht. Dass das, was er getan hatte, jedoch verdächtig nahe an eine glatte Befehlsverweigerung herankam, würden sie später ausmachen. Nicht jetzt und vor allem nicht hier.

Mühsam beherrscht fragte er: »Wie geht es Paulsen?«

O'Shaugnessy hob die Schultern. »Er lebt. Doktor Pauly kümmert sich um ihn, aber es sieht nicht gut aus.« Er sah Morton eine Sekunde lang durchdringend an, dann deutete er mit einer Kopfbewegung auf die Gewehre in den Händen der Männer. »Wozu die Waffen?«

Diesmal dauerte es einen Moment, bis Morton antwortete: »Das war kein Unfall.«

»Was war kein Unfall?«

»Paulsen ist nicht einfach abgestürzt.«

»Ich weiß.« O'Shaugnessy nickte. »Ein Eissplitter hat ihn getroffen.«

»Ja«, sagte Morton düster. »Aber nicht einfach so, wissen Sie. Jemand hat das Ding geworfen.«

»Geworfen?« Der Zweifel in O'Shaugnessys Stimme war nicht zu überhören.

»Und zwar gezielt«, fügte Morton hinzu. »Ich weiß nicht, wen er treffen wollte, ob Stenton oder mich – aber das Ding ist ganz bestimmt nicht von selbst heruntergefallen.« Er zögerte einen kurzen Moment. »Und da ist noch etwas«, sagte er. Mit wenigen knappen Worten, bei denen er sich bemühte, so sachlich wie möglich zu bleiben, erzählte er dem Ersten Offizier von dem verwüsteten Zelt und dem blutigen Messer, das er darin gefunden hatte.

O'Shaugnessy schwieg noch eine ganze Weile, nachdem Morton zu Ende gesprochen hatte. Seine Augen wurden schmal, als sie die messerscharf gezogene Kante des Eisplateaus sechshundert Fuß über ihnen absuchten. Auf seinem Gesicht machte sich ein sehr besorgter Ausdruck breit. »Sie glauben, dass es einer der Überlebenden ist?«

Morton nickte. »Vermutlich«, sagte er. »Wäre nicht das erste Mal, dass einer den Verstand verliert, wenn er zu lange auf Rettung wartet.«

»Ist irgendetwas in dem Zelt, was uns weiterhilft?«

Morton schüttelte den Kopf. »Nein. Jemand hat sich große Mühe gemacht, alles kurz und klein zu schlagen.«

»Und jetzt wollen Sie dort hinauf?«

»Es sei denn, Sie liefern mir einen triftigen Grund, es nicht zu tun«, sagte er. O'Shaugnessy wollte widersprechen, aber Morton fiel ihm rasch und mit erhobener Stimme ins Wort: »Verdammt, O'Shaugnessy, ich habe genauso wenig Lust dazu wie Sie. Aber ganz davon abgesehen, dass wir verpflichtet sind, diesem Hilferuf nachzugehen – ich würde nie einen Mann hier draußen im Stich lassen. Wenn Sie jedoch anderer Meinung sind«, fügte er böse hinzu, »können Sie das gerne sagen. Ich trage es dann ins Logbuch ein, sobald wir zurück an Bord sind.«

Für eine Sekunde war er beinahe sicher, dass O'Shaugnessy erneut widersprechen würde. Es war wie vorhin auf der Brücke: O'Shaugnessy sagte kein Wort, aber ihre Blicke lieferten sich ein kurzes stummes Duell, das Morton auch jetzt gewann – aber vielleicht zum letzten Mal. Dann drehte sich der Erste Offizier mit einem Ruck um, rammte die Hände in die Taschen seiner pelzgefütterten Jacke und ging zu dem zerstörten Zelt hinüber. Morton widerstand der Versuchung, ihm zu folgen, um ihn zur Rede zu stellen. Es war nicht allein O'Shaugnessys Schuld, vielleicht überhaupt nicht seine Schuld. Irgendetwas ging hier vor. Etwas, das ihn von Sekunde zu Sekunde mehr mit Angst erfüllte.

Er winkte einen Matrosen herbei und ließ sich ein Gewehr geben. Anders als sonst üblich erfüllte ihn das Gewicht der Waffe nicht mit einem Gefühl der Sicherheit, sondern bewirkte eher das Gegenteil. Die Situation war absurd, dachte er, während er sich einmal um seine eigene Achse drehte und den Blick über das halbe Dutzend bis an die Zähne bewaffneter Matrosen schweifen ließ, die das Boot gebracht hatte. Sie waren etliche hundert Meilen hierhergefahren, um einem Hilferuf zu folgen, aber im Moment sahen sie eher aus wie Männer, die in den Krieg zogen. Und obwohl keiner der Männer ein Wort sprach, glaubte er die gereizte Stimmung regelrecht zu spüren.

O'Shaugnessy kam zurück. Er wich seinem Blick aus, stellte aber zwei Männer dazu ab, das verwüstete Zelt und die Überreste der Funkanlage ins Beiboot zu schaffen, und er schärfte ihnen ein, auch nicht die winzigste Kleinigkeit liegen zu lassen. Morton fügte der langen Liste von Minuspunkten, die er in Gedanken über O'Shaugnessy angelegt hatte, einen Pluspunkt hinzu: Wenn sie den Mann, der den Hilferuf aufgegeben hatte, nicht fanden, dann brauchten sie jeden gottverdammten Beweis, den sie bekommen konnten.

O'Shaugnessy und er bildeten die Spitze, als sie sich ein zweites Mal dem Spalt im Eis näherten. Auf Mortons Befehl hin blieb einer der Männer am Fuß zurück, um die Kante der Hochebene im Auge zu behalten und sie bei einem eventuellen Angriff rechtzeitig warnen zu können. Oder ihnen Deckung zu geben, je nachdem.

Aber diese Vorsichtsmaßnahme erwies sich als überflüssig: Der Aufstieg war so mühsam wie vorhin, als er ihn zusammen mit Paulsen und Stenton versucht hatte, sogar noch etwas mühsamer. Der Wind wurde immer eisiger und zerrte wie mit unsichtbaren Krallen an ihren Kleidern. Dazu kam, dass sie kaum noch etwas sehen konnten, denn der Sturm überschüttete sie zu allem Überfluss mit einem Hagel mikroskopisch feiner Eissplitter und gefrorenem Schnee, der wie Nadeln in die Augen der Männer stach. Und auch diesmal ging es nicht ohne Stürze und Flüche und blaue Flecken ab, aber vom Himmel regnete es keine Eisbrocken mehr und sie wurden auch sonst in keiner Weise angegriffen. Nach gut zwanzig Minuten, die Morton vorgekommen waren wie zwanzig Stunden, erreichten sie das Ende des Spaltes und damit das Plateau.

Der Wind sprang sie an wie ein Raubtier, das nur darauf gewartet hatte, dass sie sich aus ihrer Deckung herauswagten, um dann mit aller Kraft über sie herzufallen. Im ersten Moment sah Morton überhaupt nichts, denn das grelle Licht der Sonne, das vom Eis gebrochen und zigfach verstärkt zurückgeworfen wurde, war hier oben ungleich intensiver als unten. Es gab keine Schatten, keinen Widerstand, keine Unebenheiten, nichts, woran sich das Auge festhalten konnte. Nur dieses erbarmungslose kalte Licht und das Heulen des Sturms.

Es dauerte mehrere Minuten, bis sich seine Augen so weit an die quälende Helligkeit gewöhnt hatten, dass er seine Umgebung wieder einigermaßen klar erkennen konnte.

Was von Bord der POSEIDON und auch vom Eisstrand aus ausgesehen hatte wie eine vollkommen waagrechte Ebene, das erwies sich jetzt als ein unangenehm steil abfallender Hang, der sich über sicherlich zwei, wenn nicht drei Meilen erstreckte, ehe er abbrach und in eine lotrechte Wand überging, die am anderen Ende des Eisbergs ins Meer hinabstürzte. Zur Linken gab es eine Anzahl hoch aufgetürmter, bizarr geformter Gebilde aus glitzerndem Eis, die wie verwunschene Schlösser aussahen, und in einiger Entfernung teilte ein gewaltiger gezackter Riss die Oberfläche des Eisbergs, aber der allergrößte Teil der schwimmenden Insel bestand aus nichts als schimmernder Glätte, auf der jeder Schritt zu einem lebensgefährlichen Abenteuer werden musste, vor allem bei diesem Sturm. Morton blickte besorgt in den Himmel, dann wieder auf das Eis hinab. Ein Fehltritt und sein Leben würde mit einer drei Meilen langen Rutschpartie und einem fünfhundert Fuß tiefen Sturz ins eisige Wasser des Nordatlantiks enden.

»Sehen Sie etwas?«

Morton drehte sich um, schüttelte den Kopf und sah voller Schadenfreude zu, wie O'Shaugnessy schnaubend über die Kante des Plateaus kroch und vor Schreck bleich wurde, als er sah, was vor ihnen lag.

»Nein«, sagte er. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich jeden Eid schwören, dass hier oben niemand ist.«

O'Shaugnessy antwortete nicht, sondern verwendete seinen verbliebenen Atem lieber dazu, sich ganz aus dem Spalt herauszuarbeiten und Platz für den nächsten Mann zu machen. Als er sich aufrichtete und auf Morton zutrat, tat er es sehr vorsichtig, mit umständlichen, fast schon albern aussehenden winzigen Schritten und schräg gegen den immer heftiger tobenden Sturm gestemmt. Seine gewohnte Selbstbeherrschung und Sicherheit hatten beim Anblick der tödlichen Eisbahn, die vor ihnen lag, einen gehörigen Knacks bekommen, dachte Morton, nicht ohne einen abermaligen Anflug von Schadenfreude.

Sie warteten, bis sich auch die anderen Männer zu ihnen hochgekämpft hatten, dann deutete Morton mit dem Lauf seines Gewehrs auf die gezackte Eisformation zur Linken. »Wenn hier überhaupt jemand ist, dann dort«, sagte er. »Zwei Mann bleiben hier und sichern unseren Rückzug. O'Shaugnessy und die anderen kommen mit mir.«

Sehr vorsichtig gingen sie los. Die Entfernung betrug nur etwa hundert Meter, aber sie brauchten trotzdem gute zehn Minuten, um sie zurückzulegen, denn jeder unaufmerksame Schritt konnte der letzte sein. Hinzu kam, dass der Sturm noch an Heftigkeit zunahm, wie um ihnen auf diese Weise zuzuschreien, dass sie hier oben nichts verloren hatten. Dies war das Reich der Kälte, der Stille; Menschen hatten hier nichts verloren. Kapitän Morton war felsenfest davon überzeugt, dass es so war. Und dass sie für ihr unbefugtes Eindringen in diese eisige weiße Welt würden bezahlen müssen.

Und er sollte recht behalten.

Die Höhle war gigantisch. Morton schätzte ihren Durchmesser auf gut anderthalb bis zwei Meilen, und ihre Decke, die von einem Gewirr mannsdicker Stalaktiten bedeckt war, musste sich gut fünfzig Fuß über ihren Köpfen befinden. Hier und da schimmerte trübes Licht durch das Eis, und an zwei oder drei Stellen sah er sogar dünne gezackte Linien in Grau und Blau. Die Höhlendecke war geborsten und dort, wo sie noch nicht gespalten war, nicht besonders dick. Nicht mehr