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London, 1922: Überraschend wird die junge Sarah Piper beauftragt, den Geisterjäger Alistair Gellis bei seiner Arbeit zu unterstützen. Gellis untersucht derzeit einen höchst mysteriösen Fall: Maddy Clare, ein 19-jähriges Dienstmädchen, erhängte sich in einer Scheune. Angeblich sucht die Tote jetzt die Lebenden heim … Anfangs glaubt Sarah nicht an den Spuk. Doch schon bald muss sie feststellen, dass Geister tatsächlich existieren – und tödlicher sind als in ihren schlimmsten Albträumen! Simone St. James verbindet meisterhaft den Nervenkitzel des Gothic-Horrors mit einer Liebesgeschichte. Ein Roman, den man nicht aus der Hand legen will. Deanna Raybourn: »Unheimliche Spannung: Lies es, genieß es – aber lass das Licht an!« Kirkus Reviews: »Fans des modernen Gothic-Romans werden gruselige Stunden verbringen.« The Book Review: »Das ist die Geistergeschichte, nach der ich schon seit Ewigkeiten gesucht habe!« The New York Post: »Ein erschreckendes Erlebnis!« Stephen King: »Wir brauchen Geistergeschichten, weil in Wahrheit wir selbst die Geister sind.«
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Seitenzahl: 446
Veröffentlichungsjahr: 2022
Aus dem Amerikanischen von Alexander Amberg
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe The Haunting of Maddy Clare
erschien 2012 im Verlag Berkley Books.
Copyright © 2012 by Simone Seguin
Copyright © dieser Ausgabe 2022 by Festa Verlag GmbH, Leipzig
Veröffentlicht mit Erlaubnis von Berkley, ein Unternehmen der
Penguin Publishing Group/Penguin Random House LLC.
Titelbild: Matt Seff Barnes – www.mattseffbarnes.com
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-98676-009-0
www.Festa-Verlag.de
Für Adam
1
London, 1922
An dem Tag, an dem ich Mr. Gellis begegnete, ging ich im Regen spazieren.
Da ich mich nicht in der Lage sah, einen weiteren Tag allein in meiner Wohnung zu ertragen, wanderte ich am Morgen durch das Gewühl von Piccadilly, den Kragen meines dünnen Mantels hochgeschlagen.
Die Luft war erfüllt von Nieselregen, der einen wie Watte umgab, ohne ganz zu Boden zu fallen, sich mir auf Wangen und Wimpern legte. Grell leuchteten die Lichter von Piccadilly unter den düsteren Wolken; die Rufe der Touristen waren laut gegen das grimmige Schweigen der Geschäftsleute und das Gemurmel der über den Platz flanierenden Paare.
Ich blieb, solange ich konnte, beobachtete das Auf und Ab der Regenschirme. Niemand nahm Notiz von einem blassen Mädchen mit kurz geschnittenem Haar unter einem billigen, unmodernen Hut, das die Hände in den Taschen vergraben hatte. Schließlich löste sich der Nebel in Regen auf, und selbst ich wandte meine Schritte widerstrebend wieder nach Hause zurück.
Es war zwar erst Mittag, doch der Himmel war beinahe dunkel, als ich das Tor öffnete und den Weg zu meiner kleinen, schäbigen Pension entlangeilte. Ich stieg die schmale Treppe zu meinem Zimmer hinauf und zitterte, als die Feuchtigkeit in meine Strümpfe drang, sodass meine Beine ganz taub wurden. Mit klammen Fingern tastete ich nach meinem Schlüssel und dachte an eine Tasse heißen Tee, als die Vermieterin auf der Treppe zu mir nach oben rief, dass jemand für mich am Telefon sei.
Ich machte kehrt und stieg wieder hinab. Bestimmt war die Agentur am Apparat, die Arbeitskräfte auf Zeit vermittelte – sie waren die Einzigen, die meine Nummer kannten. Seit fast einem Jahr arbeitete ich für sie, und sie schickten mich hierhin und dorthin, um Anrufe entgegenzunehmen oder in schlecht beleuchteten Büros mit niedriger Decke Aufzeichnungen zu transkribieren. Trotzdem war die Arbeit in den letzten Wochen versiegt, und ich litt unter schmerzlicher Geldknappheit. Was für ein Glück ich hatte! Wäre ich nur fünf Minuten später nach Hause gekommen, hätte ich ihren Anruf verpasst.
Im Flur des Erdgeschosses stand auf einem kleinen Regal das einzige Telefon des Hauses, der Hörer abgehängt daneben, wo die Zimmerwirtin ihn hingelegt hatte. Am anderen Ende hörte ich bereits den Widerhall einer ungeduldigen Stimme.
»Sarah Piper?«, meldete sich eine weibliche Stimme, als ich den Hörer ans Ohr hob. »Sarah Piper? Sind Sie dran?«
»Ich bin hier«, sagte ich. »Legen Sie bitte nicht auf.«
Es war die Agentur, wie ich vermutet hatte. Das Mädchen klang nervös und ungeduldig, während sie erklärte, was sich ergeben hatte. »Ein Schriftsteller«, erklärte sie mir. »Er schreibt wohl irgendein Buch – und braucht eine Assistentin. Möchte heute noch ein Treffen mit jemandem. Er will unbedingt eine Frau.«
Ich seufzte, musste an dicke, verschwitzte Männer denken, die gerne eine ganze Abfolge junger Damen beschäftigten. In der Regel wurde ich einfach in ein Büro geschickt, um direkt mit der Arbeit zu beginnen, nicht zu einem persönlichen Treffen. »Ist er Stammkunde?«
»Nein, er ist neu. Möchte sich noch heute Nachmittag mit jemandem treffen.«
Ich biss mir auf die Lippe, während mir ganz flau im Magen wurde. Als Aushilfskraft war man ein leichtes Opfer für jedwedes Verhalten eines Mannes, und wir konnten uns so gut wie nicht wehren, sonst wurden wir gefeuert. »In seinem Büro?«
Sie schnaubte vor Ungeduld. »In einem Café. Er machte unmissverständlich klar, dass er sich an einem öffentlichen Ort treffen möchte. Werden Sie hingehen?«
»Ich weiß nicht«, sagte ich.
»Hören Sie!« Ihre Stimme klang verärgert. »Ich habe noch andere Mädchen, die ich anrufen kann. Gehen Sie jetzt hin oder nicht?«
Mich mit einem Mann allein in einem Café treffen? Andererseits war meine Miete in der Pension seit zwei Wochen überfällig. »Bitte«, sagte ich. »Das hier ist doch keine Heiratsvermittlung.«
»Was haben Sie schon zu verlieren?«, erwiderte sie. »Wenn es Ihnen nicht zusagt, gebe ich den Auftrag dem nächsten Mädchen.«
Ich blickte aus dem Fenster, wo jetzt der Regen herunterprasselte. Ich stellte mir das Mädchen am anderen Ende der Leitung vor, gelangweilt, dreist, furchtlos. So ein Mädchen musste nicht lange nachdenken. Es waren Mädchen wie ich, die sich alles zweimal überlegten – ob sie in ihren einzigen guten Kleidern noch einmal ausgehen sollten, ob sie an Orten, die sie nicht kannten, fremde Männer treffen sollten. Über alles musste ich mir Gedanken machen.
Ich atmete tief durch. Ich könnte in meine feuchte kleine Wohnung zurückgehen, mich ans Fenster setzen, nachdenken und endlose Tassen Tee trinken. Oder ich könnte rausgehen und mich im Regen mit einem Fremden treffen.
»Ich werde da sein«, sagte ich.
Sie gab mir die Daten und legte auf. Ich blieb noch einen Moment stehen, lauschte dem Wasser an den Fenstern und dem derben Gelächter in einem der Zimmer im Erdgeschoss. Dann ging ich wieder hinaus auf die Straße.
»Ich nehme an, die haben Ihnen nicht viel gesagt«, meinte der junge Mann mir gegenüber, während er sich Tee einschenkte. »Ich habe ihnen so wenig wie möglich erzählt.«
Er war ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt hatte: jung, vielleicht 25, so alt wie ich. Sein dunkelblondes Haar war nicht mit Pomade nach hinten gekämmt, wie es Mode war. Er trug es ziemlich lang, und es war vom Wind zerzaust, so als würde er sich morgens kämmen und dann nicht mehr daran denken. Seine grauen Augen, der ironische Gesichtsausdruck und die gewandten Handbewegungen verrieten eine rasche Auffassungsgabe. Das Kaffeehaus, in das er mich gebracht hatte, lag in Soho, und die bohemehafte Atmosphäre passte zu seinem Stil – ein olivgrünes Jackett aus weicher, abgetragener Wolle über einem weißen Hemd, dessen oberster Knopf offen stand. Er fiel kein bisschen auf an diesem Ort mit den unkonventionellen Gemälden und dünnen, missmutigen Kellnerinnen.
Ich war diejenige, die hier fehl am Platz war. Ich war noch nie in Soho gewesen, es stand in einem zu ungezügelten, künstlerischen Ruf für mich. Doch als ich Kaffee trank, dessen Aroma mir im Mund brannte, und Mr. Gellis’ faszinierendes Lächeln betrachtete, machte es mir gar nichts mehr aus. Ich legte meine kalten Hände um die Tasse, krallte meine durchnässten Zehen in meinen billigen Schuhen zusammen und es gelang mir, sein Lächeln zu erwidern.
»Nicht viel«, pflichtete ich ihm bei. »Die sagten, Sie seien Schriftsteller.«
Er lachte. »Ich hoffe, Sie waren nicht zu begeistert. Ich schreibe keine reißerischen Bücher oder Derartiges. Lediglich trockene, akademische Bücher.«
»Ich lese keine reißerischen Bücher.«
»Dann werden Sie auch nicht enttäuscht sein.« Er ließ ein Stück Zucker in seine Tasse fallen. »Eine Lady, die keine reißerischen Bücher liest, ist vielversprechend. Ich habe nach jemandem gefragt, der intelligent ist.«
Ich kniff die Augen zusammen. Die Agentur hielt mich für intelligent? Das bezweifelte ich; wahrscheinlich hatten sie mich ausgewählt, weil ich gerade verfügbar war. Dennoch wurde mir bei dem Kompliment ganz warm. Ich nahm meinen Hut ab und fuhr mir mit den Fingern rasch durch mein bis zu den Ohrläppchen reichendes Haar, das sich in der Feuchtigkeit ein wenig kräuselte. »Benötigen Sie eine Sekretärin? Ich kann stenografieren.«
Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Davon könnte es einige geben.« Er tippte mit den Fingern auf die Tischplatte und sah aus dem Fenster, so als dächte er nach. Ich beobachtete sein glattes, lässig-elegantes Profil und allmählich wurde mir ganz warm ums Herz. Seine Gegenwart war so angenehm, so ungezwungen, dass ich plötzlich froh war, dass ich gekommen war.
Erneut trommelte Mr. Gellis mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte und drehte sich zu mir um. Er schien ständig in Bewegung, so als kämen seine Gedanken nie zur Ruhe. »Ich gestehe, ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich das angehen soll. Was ich verlangen muss, mag ziemlich sonderbar klingen.«
Ein Teil meines Glücksgefühls verflog. »Sonderbar?«
»Ich treffe mich aus einem bestimmten Grund in der Öffentlichkeit mit Ihnen«, fuhr er fort. »Ich brauche speziell eine Frau, und ich wollte nicht, dass Sie sich unwohl fühlen, wenn Ihnen etwas unterbreitet wird, das Ihnen vielleicht Angst einjagt.«
Nun war mir kalt. »Wie bitte?«
Er wurde rot. »Es tut mir furchtbar leid. Das kam falsch heraus. Wissen Sie, ich komme gesellschaftlich nicht viel herum.« Er seufzte. »Am besten erklären meine Aufzeichnungen das Ganze.«
Er zog ein großes Notizbuch aus der Ledertasche, die über der Stuhllehne hing, und schob es mir über den Tisch zu. Es war ziemlich abgenutzt und voll. Ich konnte umgebogene Ecken sehen, die Kanten eingeklebter Zeitungsausschnitte, zusätzliche Blätter, gefaltet und zwischen die Seiten gesteckt.
Ich schlug die erste Seite auf. Sie enthielt einen Zeitungsausschnitt über ein Spukhaus in Newcombe. Am Rand neben dem Ausschnitt befanden sich fein säuberliche handschriftliche Notizen. Ich blätterte zur zweiten Seite und fand weitere Anmerkungen in einer sorgfältigen Handschrift, die eckig, ausgeprägt und maskulin war.
Ich las die Notizen für einen langen Moment; dann blickte ich auf. »Das ist …«
»Ja.«
»… ein Augenzeugenbericht über eine Geistererscheinung.«
»Ja.«
Ich spürte seinen Blick auf mir, während ich weitere Seiten durchblätterte. Es war ein Notizbuch voller Spukgeschichten, eine nach der anderen. »Sie erforschen also … Geister?«
»Ich dokumentiere sie.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Nun, was wissen Sie? Ich bin schon so daran gewöhnt, dass ich eigentlich gar nicht mehr darüber nachdenke. Aber es klingt seltsam, wenn man es laut ausspricht, nicht wahr?« Erneut kramte er in seiner Tasche und reichte mir noch etwas – ein Buch. Ich nahm den schmalen Band und las den Titel.
Berichte über Spukhäuser in Nordengland von Alistair Gellis. Ich sah zu Mr. Gellis auf, der bescheiden nach unten starrte und mit einem Löffel seinen Tee umrührte. »Sie sagten, Sie schreiben trockene akademische Bücher«, meinte ich vorwurfsvoll.
»Ich versuche es jedenfalls.« Er zuckte die Achseln. »Ich reise an verwunschene Orte und überprüfe die Richtigkeit der Behauptungen. Ich verwende modernste Technik, um sie zu dokumentieren oder zu entlarven, je nachdem, wie es die Situation erfordert. Dann trage ich all meine Schlussfolgerungen in Büchern voller Zitate und Fußnoten zusammen. So trocken, wie ich es nur machen kann, wirklich.«
Das war alles zu wirr für mich, um es zu begreifen. »Glauben Sie denn daran?«, fragte ich, ohne zu überlegen.
Er legte die Stirn in Falten, und ich wünschte, ich hätte meine Worte heruntergeschluckt. Natürlich glaubte er an Geister, sonst würde er ja nicht über sie schreiben. »Eigentlich ist es keine Glaubensfrage«, sagte er. »Ich glaube, was ich sehe.«
»Aber einiges davon ist doch sicherlich Schwindel?«
Er verzog den Mundwinkel. »Ja, einiges davon sicherlich. Eigentlich vieles. Der Schwindel findet sogar Eingang in Bücher. Aber manches …« Er hielt inne, zuckte erneut die Achseln. »Was soll ich sagen? Manches ist eben kein Schwindel.«
Ich legte das Buch auf den Tisch. Das war bestimmt der seltsamste Auftrag, den ein Mädchen, das als Aushilfskraft arbeitete, je bekommen hatte. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Mr. Gellis schien jung, intellektuell, sogar exzentrisch: genau der Typ Mensch, der Scharlatanen zum Opfer fallen konnte, dachte ich.
Mir war nicht entgangen, dass seine Kleidung bei all ihrer lässigen Eleganz teurer war als die aller anderen hier im Raum. Wahrscheinlich zog er Hochstapler an wie ein Magnet.
»Sie halten mich für einen Spinner.« Als ich aufblickte, lächelte er, amüsiert und ein wenig betrübt. »Sie können es ruhig sagen. Sie glauben, ich habe nicht mehr alle Tassen im Schrank. Das denken die meisten Frauen.«
»Nein«, widersprach ich. »Nein.«
»Also halten Sie mich für einen Lügner.«
Ich war schockiert. »Nein! Natürlich nicht.«
»Na gut! Sie glauben einfach nicht an Geister.«
»Ich …« Ich schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Ich habe nie darüber nachgedacht. Ich weiß nicht, was ich glauben soll.« Ich holte tief Luft und fuhr mit dem Finger die Kante des Büchleins nach, das vor mir lag, bemüht, in Worte zu fassen, was mich beschäftigte. »Ich habe keine Meinung zu Geistern. Ich nehme an, es sind die Menschen, an die ich nicht glaube.«
»Was für eine ungewöhnliche junge Frau Sie doch sind.«
Überrascht blickte ich auf. Mr. Gellis nippte an seinem Tee, gelassen beobachteten mich seine Augen über den Rand der Tasse hinweg. »Also … der, äh, Job«, sagte ich vor lauter Verwirrung. »Ich nehme an, Sie brauchen jemanden, der Ihre Notizen organisiert?«
»Jaja.« Er setzte seine Tasse ab und beugte sich vor. »Ich habe einen Assistenten. Er macht Aufzeichnungen und ordnet alles für mich. Das hier ist sein Notizbuch.«
Er deutete auf das dicke Notizbuch, das auf dem Tisch zwischen uns lag, und ich stellte mir einen ernsten Mann mit Brille vor, der akribisch alle Zeitungsausschnitte von Mr. Gellis ordnete und in dieser sauberen, sicheren Handschrift seine Anmerkungen machte.
»Er heißt Matthew Ryder«, fuhr Mr. Gellis fort. »Aber er ist diese Woche nicht da. Er besucht seine Schwester, sie bekommt gerade ein Baby. Normalerweise würde ich keinen Ersatz für ihn brauchen, aber diese Woche schon, musste ich feststellen.«
Ich nickte. Notizen machen, Zeitungsausschnitte ordnen – das war ziemlich einfach. »Natürlich helfe ich Ihnen.«
Er hob einen Finger. »Ah … Ich bin noch nicht fertig. Sagen Sie noch nicht Ja. Sie sagten, Sie haben keine Meinung zur Existenz von Geistern.«
»Jedenfalls habe ich noch nie einen gesehen«, räumte ich ein.
Als er lächelte, war es, als bräche die Sonne durch die Wolken. »Dann haben Sie Glück. Denn diese Woche werden Sie einen sehen. An meiner Stelle.«
2
Am Nebentisch wurde laut gelacht, doch ich nahm es kaum wahr, während ich Mr. Gellis anstarrte. »Sie möchten, dass ich eine Geistererscheinung miterlebe?«
»Ich hoffe doch«, antwortete er, als sprächen wir über Alltäglichkeiten. »Sofern der Hinweis, den ich habe, glaubwürdig ist. Und ich mache das schon lange genug, um anzunehmen, dass er das ist.«
Mir wurde ganz flau im Magen. Eine Kellnerin kam vorbei und Mr. Gellis bestellte eine weitere Tasse Tee. Als sie sich mir zuwandte, schüttelte ich verlegen den Kopf, da wir nicht besprochen hatten, wer zahlen sollte, und ich nicht genug Geld für eine zweite Tasse Kaffee hatte. »Ich verstehe nicht ganz«, sagte ich, nachdem sie gegangen war.
»Dann lassen Sie es mich Ihnen erklären.« Mr. Gellis rieb sich die Hände, ein Funke Begeisterung glomm in seinen Augen. »Ich nehme an, Sie kennen die berühmten Geister Englands nicht?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Natürlich nicht. Wie Sie hier sehen, habe ich viele davon dokumentiert. Es gibt zahllose Geister in England. Aber es gibt auch einige Leute, die solche Bücher schreiben wie ich, und wir neigen dazu, denselben Bereich abzudecken. Es ist unvermeidlich. Die Herausforderung besteht darin, etwas Neues zu finden – einen noch nie da gewesenen Spuk, über den noch nie zuvor geschrieben wurde. Und erst diese Woche bin ich endlich auf einen gestoßen.« Hastig trank er seinen Tee, stürzte fast die Hälfte des heißen Tasseninhalts hinunter, und ich stellte fest, dass er wirklich aufgeregt war. »Vor ein paar Tagen meldete sich ein Pfarrer bei mir. Er wohnte in einer kleinen Stadt namens Waringstoke. Dort bat ihn eine einheimische Familie, einen Exorzismus vorzunehmen. Das ist jetzt einige Monate her. Der Exorzismus schlug mit Pauken und Trompeten fehl – der Geist verschwand nicht, nein, nach Aussage dieses Pfarrers griff er ihn auch körperlich an. Ein physischer Angriff, Miss Piper! Das ist absolut außergewöhnlich.«
Es war das erste Mal, dass er meinen Namen sagte. Ich senkte den Blick auf den Tisch, verlegen, weil es mir aufgefallen war. »Was für ein physischer Angriff war es denn?«
»Hauptsächlich wurden Dinge herumgeworfen. Schwere Dinge. Er sagte mir, er habe die Störung fast auf Anhieb gespürt; er beschrieb es als ein Gefühl der Wut. Er sagte, er habe so etwas noch nie gespürt und hoffe, er müsse es auch nie wieder.«
»Und weshalb hat er Sie kontaktiert?«
»Nun, ich biete natürlich Geld dafür, dass mir jemand einen Hinweis gibt.«
Ich sah wieder auf. Mr. Gellis machte eine wegwerfende Handbewegung. Da war mir klar, dass er zu jenen Leuten gehörte, die mit Geld geboren wurden, so ohne jede Anstrengung damit ausgestattet, dass es ihm nichts bedeutete.
»Aber das ist ohne Belang. Das Erlebnis nahm ihn so mit, dass er sich eine neue Stelle suchte und wegzog. Er hat immer noch Albträume davon. Im Laufe meines Lebens sind mir schon zahllose Schwindler begegnet, aber ich glaube nicht, dass er einer ist. Ich schrieb umgehend die Familie an, die in dem Haus wohnt, und bat sie zu gestatten, dass ich vorbeikomme. Sie stimmten zu, allerdings unter zwei Bedingungen.«
»Und die sind?«
»Erstens dass wir tun, was wir können, um mit dem Geist in Kontakt zu treten und ihn zum Gehen zu bewegen. Ich bin zwar kein Priester. Aber Derartiges hat man auch früher schon von mir verlangt, und ich kann versprechen, es zu versuchen. Und zweitens …« Er beugte sich zu mir herüber, und ich konnte die dunklen Wimpern um seine Augen sehen, die glatt rasierte Haut seiner Wangen. »Anscheinend ist die Familie rückblickend der Meinung, dass es ein Fehler war, den Pfarrer kommen zu lassen. Mittlerweile glauben sie, dass ihr Geist keine Männer mag. Darum werden sie nur einer Frau gestatten, sie zu sehen.«
Während ich ihn mit offenem Mund anstarrte, trank er den Rest seines Tees aus und sah aus dem Fenster. »Es hat aufgehört zu regnen. Vielleicht können wir ein bisschen spazieren gehen, dann werde ich Ihnen den Rest erklären.«
Der Regen hatte tatsächlich aufgehört, auch wenn die Straßen trüb und schmuddelig waren, als wir uns durch die Berwick Street schlängelten. Es war kurz vor dem Abendessen und die Gesichter, die an uns vorübergingen, sahen erschöpft und gehetzt aus, bleich vom Regen. Mr. Gellis hatte die Rechnung in dem Café übernommen und die Münzen auf den Tisch geworfen, ohne sie zu zählen. Nun schob er die Hände in die Jackentaschen und fuhr mit seiner Geschichte fort.
»Der Geist in Waringstoke ist weiblich«, erklärte er. »Sie war anscheinend ein Dienstmädchen, das für die Familie arbeitete. Sie war 19 Jahre alt, als sie sich in der Scheune erhängte.«
»Wie traurig.«
»Ja. Dem Pfarrer zufolge war sie ein merkwürdiges Mädchen, nicht ganz richtig im Kopf. Sie verließ nur selten das Haus. Mrs. Clare – die Dame des Hauses – sagte mir, das Mädchen habe Angst vor Männern gehabt und war jedes Mal ganz verstört, wenn ein Mann in der Nähe war. Mrs. Clare hatte nicht gedacht, dass der Geist des Mädchens ebenfalls Anstoß an Männern nehmen würde – wer kann so etwas schon vorhersehen? Auf jeden Fall will Mrs. Clare keinen Mann mehr in die Scheune lassen, in der sich der Spuk ereignet. In diesem Punkt ist sie eisern. Und wenn ich dieses Gespenst dokumentieren möchte, bevor jemand anders es tut, muss ich wohl zustimmen.«
»Das kommt mir alles sehr eigenartig vor«, sagte ich. »Aber wahrscheinlich haben Sie ständig mit solchen Situationen zu tun.«
»Keineswegs! Es ist geradezu verrückt. Vielleicht lügt Mrs. Clare ja, oder sie ist genauso übergeschnappt wie mutmaßlich ihr Dienstmädchen. Aber der Spuk spielt sich auf Privatgelände ab, und ich muss ihn sehen. Was kann man da schon machen?«
Ich biss mir auf die Lippe. »Und da komme ich ins Spiel?«
»Ich nehme an, das schreckt Sie ab?«
»Was, wenn …«
Ich kam mir komisch vor, es überhaupt laut auszusprechen, so als wäre es etwas ganz Alltägliches, wegen eines Geistes Bedenken zu haben. »Was, wenn sie ebenso auf mich losgeht wie auf den Pfarrer? Was, wenn ich in Gefahr bin?«
Er legte die Stirn in Falten, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Nun, darauf habe ich wohl keine Antwort. Haben Sie Angst, dass sie mit etwas nach Ihnen wirft?«
»Ich weiß nicht. Es klingt albern, Angst davor zu haben, dass ein paar Sachen nach mir geworfen werden. Was, wenn sie mir wirklich wehtun will?«
»Es ist unwahrscheinlich, dass Sie wirklich in Gefahr sind.« Er hielt den Kopf gesenkt, während wir gingen, und überlegte. »So wie es sich anhört, glich das, was der Pfarrer erlebte, eher einem Wutanfall als einem echten Angriff. Ich habe gesehen, wie Poltergeister sich so verhielten. Es ist eher ein Energieausbruch als echte Bosheit.« Er zuckte die Achseln, eine fließende Bewegung im Takt mit seinem lässigen Gang, und sah mich an. »Allerdings kann ich nichts garantieren. Immerhin haben wir es hier mit dem Paranormalen zu tun. Sie müssen bereit sein, das Risiko einzugehen.«
Wir schlenderten auf einen kleinen, von Bäumen gesäumten Platz. Mir fiel auf, dass er beim Gehen mit dem linken Bein leicht hinkte. Der Große Krieg war erst seit vier Jahren vorüber, und Mr. Gellis war in seinen Zwanzigern. Mein ganzes Erwachsenenleben lang hatte ich in einer Welt voller Männer mit Verwundungen gelebt; lediglich alte Männer und kleine Jungen waren im damaligen London ohne Narben. Anscheinend hatte die Tatsache, dass er ein reicher, charmanter Exzentriker war, Mr. Gellis nicht davor bewahrt, wie jeder andere auch in den Krieg zu ziehen. Ich dachte darüber nach, es änderte meine Meinung über ihn. Natürlich fragte ich nicht danach – so etwas machte man einfach nicht. Doch als Mr. Gellis den Mundwinkel verzog und sein Gesicht vor schleichendem Schmerz erstarrte, wirkte er überhaupt nicht mehr wie ein liebenswürdiger Exzentriker.
Ich blieb stehen, und er tat es mir gleich. Lange stand ich so da, die Hände in den Taschen meines dünnen Regenmantels, und spürte, wie mich ein Schauer überlief, der vom Scheitel bis in die Magengrube wogte. Wir alle hatten in unserem Leben so viel durchgemacht, so viele Menschen sterben sehen. Das war ein echtes Mädchen, ein echter Selbstmord und – womöglich – ein echter Geist. Und er verlangte, dass ich diesen Geist aufsuchte.
»Ich glaube, das kann ich nicht.«
Er drehte sich zu mir um. »Miss Piper«, sagte er leise. »Haben Sie keine Angst.«
»Falls das kein Scherz ist, falls es wahr ist, dann verlangen Sie von mir, dass ich … dass ich ein totes Ding aufsuche.« Ich hörte selbst, wie meine Stimme bebte.
Er blickte von mir weg, hoch zum Himmel. Wir waren von kleinen, zweifellos teuren Stadthäusern umgeben. Hinter niedrigen schwarzen Eisenzäunen erstreckten sich die Fußwege dorthin. Der Lärm der Stadt reichte nicht bis hierher. Die Wolken über uns wollten sich nicht auflösen; wie eine niedrige, dunkle Decke hingen sie dort und wirbelten über den Himmel. Die nassen Bäume rauschten im Wind. Irgendwo schrie ein einsamer Vogel und verstummte.
»Ich habe schon viele Geister gesehen«, sagte Mr. Gellis schließlich. »Es ist schwer zu erklären. Wir haben Angst vor ihnen, aber die meisten sind einfach nur – verloren.«
Mit leerem Gesichtsausdruck starrte ich auf die Häuser. Ohne dass ich es wollte, musste ich an meinen Vater und meine Mutter denken. Mir war speiübel, ich war den Tränen nahe. Es war so furchtbar peinlich, anscheinend hatte ich meine Gefühle auf einmal nicht mehr unter Kontrolle.
»Die Toten sollten tot bleiben.« Ich schob den Gedanken an meine Eltern weg. »Der Tod ist weder ein Spaß noch ein Zeitvertreib.«
»Miss Piper.« Seine Stimme war warm und klangvoll. »Schauen Sie mich an.«
Ich hob den Blick, sah ihm in die Augen. Da stand er vor mir, die Hände in den Hosentaschen, der feuchte Wind fuhr ihm sacht durchs Haar. Der Humor aus dem Café war längst verflogen, sein Gesicht nach wie vor grimmig. »Meinen Sie, ich wüsste nicht, was der Tod bedeutet?«
Ich musste an sein Hinken denken und war beschämt.
»Ich werde da sein«, fuhr er fort. »Sie sind nicht allein. Wir arbeiten als Team. Mir ist klar, dass wir uns heute zum ersten Mal begegnet sind, aber Sie sind die richtige Person dafür. Das weiß ich. Und Sie ebenfalls.«
Ich hätte weinen können. Ich konnte mich nicht erinnern, wann das letzte Mal jemand fürsorglich oder freundlich mit mir gesprochen hatte. Ungesehen, unbemerkt war ich durch die Straßen dieser Stadt gelaufen, von Job zu Job getingelt, jeweils für eine Woche. Ich hatte weder Freunde noch Verwandte, es gab keine Männer, die mich beachteten. Ich sollte Nein sagen; es war gefährlich. Und doch: Nun, da ich ihn kennengelernt hatte, war der Gedanke, in meine Wohnung zurückzukehren, einfach mein Leben weiterzuleben, unerträglich. Ich wollte dort sein, wo er war.
Ich hielt die Tränen zurück und atmete tief durch. Ich musste das Risiko eingehen, so wie er sagte. Ich konnte es.
»Wann fange ich an?«, fragte ich.
3
Drei Tage später nahmen wir unsere Fahrt nach Waringstoke in Angriff. Das Juniwetter war klar und frisch, ein Hauch von Wärme lag in der Luft. Glitzernd brach sich der Sonnenschein in den Fenstern der Gebäude Londons und im Chrom der Automobile auf den Straßen. In mein winziges Zimmer drang die Sonne gerade so weit, um die staubigen Schlieren an den Fenstern hervorzuheben und den Schimmel, der hinter der Tapete meiner Küche dunkle Flecken bildete.
Die meisten meiner Kleidungsstücke packte ich in einen kleinen Handkoffer. Nur die schäbigsten Stücke ließ ich zurück, deren Nähte sich nicht wieder flicken ließen und deren Flecken nicht herausgingen. Ich trug meinen besten Rock, den ich am Abend zuvor sorgfältig gebürstet hatte, und die neueste Bluse, die ich besaß. Am Zustand meines Mantels konnte ich nichts ändern, aber Mr. Gellis hatte ihn ja bereits gesehen. Da ich keinen anderen hatte, musste er es eben tun.
Mr. Gellis schätzte, dass wir eine Woche lang weg sein würden. Er meinte, außer meinen Sachen bräuchte ich nichts mitzunehmen. Aber ich hatte das Bedürfnis, ein bisschen von meinem noch verbliebenen Geld für ein leeres Notizbuch und einen neuen Stift auszugeben. Ich fühlte mich eher wie eine Assistentin, wenn ich auch darauf vorbereitet war, tatsächlich zu arbeiten. Ich steckte das Notizbuch und den Stift in meine Handtasche zu den anderen Sachen, und schon fühlte ich mich besser. Eine berufstätige Frau auf dem Weg zur Arbeit.
Ich sah mich noch ein letztes Mal in meinem Apartment um, ehe ich die Tür hinter mir schloss. Die Gummifliesen auf dem Boden, das durchgelegene Sofa – und dahinter das winzige Bett, ordentlich gemacht, auch wenn die abgewetzten Laken nicht zusammenpassten. Zahllose Stunden hatte ich hier allein zugebracht, aus dem Fenster geschaut und so getan, als läse ich ein Buch, oder einfach nur geschlafen. Jetzt war ich versucht, Aufregung zu empfinden, so als würde ich als eine andere zurückkommen – als neuer Mensch. Vielleicht, flüsterte meine Aufregung mir zu, würde ich ja gar nicht zurückkommen. Doch das war natürlich Dummheit. In einer Woche würde ich wieder zurück sein und so wie sonst aus dem Fenster auf die Welt schauen.
Mr. Gellis besaß ein eigenes Automobil. Ich war davon ausgegangen, dass wir den Zug nehmen würden. Ich hatte so gut wie noch nie in meinem Leben in einem Automobil gesessen, und ganz bestimmt hatte ich noch nie ein so schönes gesehen wie dieses. Kaum wagte ich, die saubere, weiche Lederpolsterung des Beifahrersitzes zu berühren. Hier befanden sich keine Schlieren an den Fenstern. Ich konnte London sehen, wie es vor meinen Augen verschwand, als die Straße sanft unter uns dahinglitt. Ich senkte den Blick auf meine Hände, die sich auf meinem Schoß verkrampften, auf die ausgefransten Ärmelaufschläge meines Mantels, und dachte mir, dass ich wohl armselig und schäbig aussah.
Nachdem wir uns begrüßt hatten, fuhr Mr. Gellis schweigend los, die Sonne zeichnete ihm Strähnen ins Haar. Lange sah er nicht zu mir. Schließlich meinte er: »Machen Sie sich keine Gedanken.«
»Wie bitte?«
»Der Wagen«, sagte er. »Mein Vater ist ’16 gestorben. Als ich nach Hause kam, stellte sich heraus, dass ich auf einmal ziemlich viel Geld hatte. Niemand hatte das weniger erwartet als ich.«
Als ich nach Hause kam – aus dem Krieg selbstverständlich. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, darum schaute ich aus dem Fenster.
»Meine Bücher verkaufen sich zwar ganz gut, aber ich könnte nicht davon leben, wenn ich es müsste.« Er schien in der Stimmung, zu reden, ohne dass ich viel zu sagen brauchte. »Mein Vater war im Bankwesen. Ich verspürte nie den Drang, mich ebenfalls damit zu befassen. Darum habe ich, fürchte ich, keine Ahnung, wie er so viel Geld verdienen konnte. Trotzdem, ich hatte Glück. Ich bin mir nicht sicher, wie ich mich angestellt hätte, hätte ich versucht, einen Beruf zu finden.« Er ließ ein Lächeln aufblitzen. »Das Einzige, was mich je wirklich interessiert hat, sind Geister.«
Ich wandte mich ihm wieder zu. »Wie kommt das?«
»Weshalb Geister, meinen Sie?«
»Ich frage mich, wie es kommt, dass Sie sich für etwas so Morbides interessieren.«
Er blickte auf die Straße vor sich. Er schwieg für einen langen Moment, und ich glaubte schon, dass er gar nicht antworten würde. »Nun«, sagte er schließlich. »Es begann mit einem Erlebnis. Das ist oft so bei derartigen Obsessionen.« Er nahm eine Hand vom Lenkrad, fuhr sich damit durchs Haar und legte sie wieder zurück.
»Ich war 16. Weg von zu Hause, im Internat. Ich verbrachte die Weihnachtsferien bei einem Freund, Frederick Wheeler.« Er schüttelte den Kopf. »Der gute alte Freddy – ich frage mich, was wohl aus ihm geworden ist. Damals waren wir gute Freunde, so wie es bei Jungs eben ist. Er war ein guter Kerl. Er hatte eine blonde Haarsträhne, die ihm immer geradewegs übers Auge fiel, ganz gleich wie sehr er sie glättete – es machte ihn verrückt. Wir wollten unser Haar natürlich lang tragen, weil wir dachten, das gefalle den Mädchen.«
Er warf mir einen Blick zu. Irgendetwas musste er wohl in meinem Gesicht sehen, denn er bedachte mich mit einem warmen, aufrichtigen Lächeln. »Keine Sorge, diese Geschichte geht nicht schlecht aus, weder für Freddy noch für mich. Unser unglückliches Ende bestand lediglich darin, dass die Mädchen keine Notiz von uns nahmen.«
Ich ertappte mich dabei, wie ich lächelte. »Ein Schicksal, schlimmer als der Tod.«
»In der Tat!« Er hatte sich wieder der Straße zugewandt. »Ich war schon ein paar Tage dort und trieb mich mit Freddy und seinen Eltern in dem großen, zugigen alten Haus herum. Es gab nicht viel zu tun, aber wir hatten unseren Spaß. Schlittschuhlaufen auf dem Teich, aufs Dach des alten Turms klettern, alles aufessen, was wir in die Finger kriegten – solche Sachen, Sie wissen schon. Nun, eines Nachts weckte mich etwas – ich bin mir bis heute nicht sicher, was es war. Aber ich träumte von Schritten, einem verstohlenen Schlurfen, und während ich so dalag, dachte ich, vielleicht hatte ich ja wirklich etwas gehört. Ich dachte mir, Freddy sei vielleicht wach. Also stand ich auf und ging den Flur entlang zu seinem Zimmer.«
Erneut warf er mir einen Blick zu, vielleicht um zu sehen, ob ich noch zuhörte. Als könnte ich etwas anderes tun als ihm bei dieser Geschichte an den Lippen zu hängen.
»Freddys Tür war nur angelehnt.« Mr. Gellis wandte sich wieder der Straße zu. »Ich spähte hinein und dachte mir, vielleicht schläft er ja noch. Und das tat er auch. Er lag in seinem Bett und schlief, und an seinem Bett stand etwas und starrte auf ihn hinab.«
Mir entfuhr ein leises »Nein«.
»O doch! Es war eine Gestalt – da stand jemand, dachte ich, allerdings war er verschwommen. Reglos stand er da, den Kopf nach unten geneigt. Mit Sicherheit sah er ihn an, starrte auf ihn hinab.«
»Was haben Sie gemacht?«
»Lange stand ich nur da, wie erstarrt. Ich bekam keine Luft mehr, sage ich Ihnen, so erschrocken war ich. Das Ding bewegte sich nicht. Anscheinend hatte es mich nicht gesehen, aber vielleicht war es ihm auch egal. Alles, wofür es sich interessierte, war Freddy. Es starrte ihn bloß an, die Hände an den Seiten. Ich konnte seine Beine sehen, darum hielt ich es für männlich. Es sei denn, es war eine Frau, die Hosen anhatte.
Ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Am liebsten wäre ich weggelaufen. Aber was, wenn das Ding Freddy etwas tun wollte? Sollte ich Freddy wecken und ihm sagen, er solle weglaufen? Das Ding irgendwie selber verjagen? Vor lauter Angst war ich wie gelähmt. Als ich so dastand – es können bloß Sekunden gewesen sein, obwohl es mir viel länger vorkam –, wandte das Ding sich ab und verschwand.
Nicht ein einziges Mal sah es mich an, nicht ein Mal sah ich sein Gesicht. Es drehte sich einfach um und war weg. Ich zwang mich, meine Beine in Bewegung zu setzen, und kehrte eher stolpernd in mein Zimmer zurück.
Den Rest der Nacht lag ich wach, starrte an die Decke, schwitzte und zuckte bei jedem Geräusch zusammen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Morgen dämmerte. Mittlerweile war ich fast davon überzeugt, dass die Gestalt zurückkommen würde, dass ich Freddy einem schrecklichen Schicksal überlassen hatte und wir ihn tot in seinem Bett finden würden. Aber dann kam er ausgeruht und putzmunter zum Frühstück herunter.«
»Haben Sie ihm von Ihrem Erlebnis erzählt?«
»Ich konnte nicht. Ich schämte mich zu sehr. Ich war mir sicher, dass alle es für Einbildung halten würden. Niemand schien im Geringsten beunruhigt. An diesem Tag fing es an zu schneien, ein fürchterlicher Schneeregen, und wir mussten drinnen bleiben. Wir tobten im Haus herum, und in einem der Korridore, in dem ich vorher noch nicht gewesen war, stieß ich auf ein Gemälde. Es war das Porträt eines jungen Mannes mit einem widerspenstigen blonden Schopf, so wie Freddy, und ernstem Gesichtsausdruck. Freddy sagte, es sei sein älterer Bruder. Vor drei Jahren, mit 17, war er gestorben, als er vom Dachboden in der Scheune fiel.
Irgendetwas daran erinnerte mich an die Gestalt, die ich gesehen hatte, auch wenn ich nicht zu sagen vermochte, was. Und plötzlich wurden mir zwei Dinge klar. Erstens: dass ich Freddys toten Bruder gesehen hatte, der auf Freddy aufpasste, während er schlief. Und zweitens: dass ich mehr wissen wollte. Woher der Geist gekommen war, wohin er gegangen war, warum er hier war. Was konnte er mir sagen? Ich hatte zwar nach wie vor Angst, aber ich war auch fasziniert.
So fing es an. Natürlich nicht sofort. Erst beendete ich die Schule, auch wenn ich alle Bücher über Geister stibitzte, die ich finden konnte. Danach ging ich nach Frankreich.« Vielsagend zuckte er mit der Schulter, während sein Mundwinkel sich nach unten verzog. »Ich schätze, man könnte meinen, dort drüben hätte ich genug vom Tod gesehen. Aber was ich hier tue, ist anders. Es ist schwer zu erklären. Außerdem wusste ich nicht, was ich mit mir anfangen sollte, nachdem ich nach Hause gekommen war. Das ist das Einzige, was ich tun möchte.« Erneut sah er mich an. »Nun, ich denke, jetzt wissen Sie alles über mich.«
»Ja«, erwiderte ich.
»Und was meinen Sie?«
Ich biss mir auf die Lippe.
Er wandte sich wieder der Straße zu, doch nun lächelte er. »Kommen Sie schon, Sie können es mir sagen.«
»Es ist nur …« Unruhig rutschte ich auf meinem Sitz herum. »Ich kann mir nicht helfen, aber ich muss mich wundern – Sie sagten, Sie hätten das Porträt nie zuvor gesehen. Aber immerhin waren Sie seit einer Woche in dem Haus. Was, wenn Sie es doch gesehen hatten und sich nur nicht daran erinnern konnten? Was, wenn Sie in jener Nacht daran dachten, als Sie in Freddys Zimmer gingen?«
»Hoppla!« Er klopfte mit den Fingern aufs Lenkrad. »Ich hatte es nicht gesehen. Aber tun wir mal so, als hätten Sie recht. Nehmen wir an, ich hätte das Porträt gesehen. Ich wusste nicht, um wen es sich handelte. So viel steht fest. Warum sollte ich ihn dann in Freddys Zimmer sehen?«
»Das ist leicht. Sie sagten, er sah aus wie Freddy. Es wäre einfach, anzunehmen, dass es sich bei dem Porträt um ein Familienmitglied handelt. Und wenn es modern war, wäre das ein weiterer Hinweis. Außerdem räumen Sie ja ein, dass Sie das Gesicht der Erscheinung nicht sahen.«
»Also fabrizierte mein Unterbewusstsein das Ganze?«
Mit einem Mal wurde mir klar, was ich da sagte. Ich schlug die Hand vor den Mund. Was war bloß in mich gefahren? Dies war seit Wochen der erste Job, den ich hatte, und Mr. Gellis war einfach nur nett. Wie konnte ich meiner Zunge nur freien Lauf lassen und ihn so vor den Kopf stoßen? Er konnte mich auf der Stelle feuern und den Wagen wenden, wann immer er wollte. »Es tut mir leid. Wirklich. Ich bin wirklich gedankenlos. Ich habe doch gar keine Ahnung von diesen Dingen.«
Doch er lachte nur. »Schon in Ordnung! Sie machen das wirklich gut, Miss Piper. Ich finde es zweckdienlich, jemanden zu haben, der den äußeren Anschein infrage stellt, zumal wenn wir eine Sichtung untersuchen wollen. Ich bin es gewohnt, dass Matthew diese Rolle einnimmt.«
Ich musste an den Assistenten denken, den ich ersetzen sollte, den Mann mit der gestochenen Handschrift. »Demnach ist er also ein Skeptiker?«
Abermals lachte Mr. Gellis. »Ich bin mir nicht ganz sicher, was Matthew ist, aber wenn ich es herausfinde, lasse ich es Sie bestimmt wissen.«
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, darum sagte ich: »Trotzdem sollte ich besser meinen Mund halten.«
»Schon verstanden«, sagte Mr. Gellis. »Aber, Miss Piper, ich poche darauf. Ich weiß, was ich gesehen habe. Ich weiß es einfach. Sollten Sie jemals eine Erscheinung sehen, eine richtige, werden Sie wissen, was ich meine.«
Mittags hielten wir in einem kleinen Dorf an einem Pub, wo Mr. Gellis uns Sandwiches und ein paar Flaschen Milch kaufte. Wir aßen schnell, da wir zurück auf die Straße mussten, wie Mr. Gellis sagte, um es bis zum Abend nach Waringstoke zu schaffen.
Beim Essen dachte ich darüber nach, was er gesagt hatte, dass die Geisterjagd das Einzige sei, was er tun wolle. Er hatte die Freiheit, alles zu tun, was er mochte. Wenn ich die Muße hätte, alles zu tun, was ich wollte, was wäre es wohl? Mir wollte nichts einfallen.
»Sie wirken nachdenklich«, sagte er, als wir fertig waren. »Bereuen Sie unsere Vereinbarung?«
»Nein. Entschuldigen Sie.« Ich stand auf und strich mir die Krümel vom Rock. Wie selbstsüchtig von mir, herumzusitzen und dumpf vor mich hin zu brüten. »Ich bin Gesellschaft nicht so gewohnt.«
»Ich auch nicht.«
Er lächelte mich an. Tatsächlich benahm er sich so viel ungezwungener als ich, dass es gut und gern eine Lüge sein konnte. Doch tief unter der Oberfläche spürte ich eine gewisse Unbeholfenheit in ihm und wusste, dass er die Wahrheit sagte. »Insbesondere weibliche Gesellschaft nicht. Männer neigen dazu, ihren Schliff zu verlieren, wenn sie ausschließlich unter anderen Männern sind.«
»Sie machen das perfekt«, sagte ich wahrheitsgemäß, während wir wieder zum Wagen gingen. »Ich bin diejenige, die sich an ihre Manieren erinnern muss. Sagen Sie mir, teilt Mr. Ryder Ihre Leidenschaft für Geister?«
»Niemand teilt so ganz meine Leidenschaft für Geister, Miss Piper.« Er half mir in den Wagen und schloss die Tür, ging um das Automobil herum zum Fahrersitz und stieg ein. »Aber Matthew ist ein wertvoller Assistent. Es sind nicht nur die Notizbücher. In der Regel kümmert er sich um die gesamte Logistik derartiger Reisen. Mit Karten kenne ich mich absolut nicht aus. Außerdem kümmert er sich um die technische Ausrüstung.«
Ich setzte mich aufrechter hin. »Die technische Ausrüstung?«
»Um die Kamera. Den Film. Wir versuchen, jede Manifestation zu dokumentieren, auch wenn es nahezu unmöglich ist, einen Geist zu fotografieren. Wussten Sie das?«
»Ich kann es mir vorstellen, nehme ich an.«
»Trotzdem versuchen wir es. Matthew ist gut mit der Kamera. Außerdem bedient er das Tonaufnahmegerät.«
Ich starrte ihn an. »Das Tonaufnahmegerät?« Ich erschrak. So ein Gerät hatte ich noch nie gesehen. Ich hatte keine Ahnung, wie man es bediente. Wie es aussah, würde ich schon schlimm genug mit der Kamera herumhantieren.
Mr. Gellis lächelte. »Es ist ein kolossaler Apparat – hat mich ein Vermögen gekostet. Habe ihn extra anfertigen lassen. Ich habe keine Ahnung, wie er eigentlich funktioniert. Matthew weiß es. Gleich am ersten Tag, als ich ihn bekam, hat er ihn auseinandergenommen und wieder zusammengebaut. Ich glaube, ich habe ihn noch nie so aufgeregt gesehen.«
»Mr. Gellis, ich kenne mich wirklich nicht … Ich weiß nicht …«
»Machen Sie sich bitte keine Sorgen.« Er nahm eine Hand vom Lenkrad und schwenkte sie in meine Richtung. »Ich erwarte von Ihnen nicht, dass Sie sich damit auskennen. Matthew hat mir genug beigebracht, dass ich den Apparat zumindest ansatzweise für diese eine Aufgabe zum Laufen bringen kann. Ich kann Ihnen zeigen, wie man ihn ein- und ausschaltet – denn Sie werden diejenige sein, die versucht, den Geist von Falmouth House aufzunehmen, nicht ich.
Auch wenn die Ausrüstung bisher keine große Rolle gespielt hat.« Er seufzte. »So gerne ich auch einen echten Spuk aufzeichnen würde, ist es uns doch nie gelungen. Alles, was ich mit diesem Ding je aufgenommen habe, sind statisches Rauschen, Windgeräusche und meine eigene Stimme.«
»Vielleicht klappt es ja diesmal«, meinte ich.
Darüber musste er lachen. »Lassen Sie das bloß nicht Matthew hören. Er wollte diesen Auftrag auf keinen Fall verpassen – wenn Sie in Ihrer ersten Woche in dem Job einen Spuk aufzeichnen, wird er Sie womöglich erwürgen.«
»Kennen Sie Mr. Ryder schon lange?«, fragte ich.
Er warf mir einen Blick zu. »Sie stellen ganz schön viele Fragen über ihn, wissen Sie das?«
Lächelnd schüttelte ich den Kopf. »Mir gehen bloß die unterschiedlichsten Bilder durch den Kopf. Ist er ein junger Mann oder alt? Dick oder dünn?«
»Er ist in meinem Alter – fast zwei Jahre jünger. Weder dick noch dünn. Und ja, er interessiert sich sehr für Geister. Obwohl ich denke, vielleicht aus anderen Gründen als ich.«
Ich hatte keine Zeit, ihn darum zu bitten, mir das näher zu erklären, da er begann, mir einige seiner Erlebnisse auf der Geisterjagd zu erzählen. Er war ein ausgezeichneter Geschichtenerzähler. Er hatte ein Talent, seine Geschichte aufzubauen, gerade genug Details preiszugeben, um die Spannung zu halten, damit sein Publikum interessiert blieb. Ich lehnte mich in meinem Sitz zurück, lauschte und dachte mir, ich müsste ihn doch irgendwann mal fragen, ob er mir nicht Exemplare seiner Bücher zum Lesen geben könne. Er war bestimmt ein geschickter Schriftsteller.
Die Geschichten selbst waren furchtbar traurig. Ein Kind, das bei einem Kutschenunglück ums Leben kam. Ein junger Mann verschwand in den Sümpfen, seine Leiche wurde nie gefunden. Eine alte Frau, die ihren letzten Wohnsitz heimsuchte und die gleichen einfachen Aufgaben ausführte, die sie zu Lebzeiten immer und immer wieder verrichtet hatte, so als wüsste sie nicht, dass sie tot war. Die meisten Geistergeschichten, so schien es mir, waren nicht nur Geschichten vom Tod, sondern auch von unermesslichem Leid und Verzweiflung. Glückliche Menschen hinterließen keine Geister; oder vielleicht hinterließen sie stille Geister, die in ihren Lieblingsecken saßen oder an den Ufern ihrer Lieblingsflüsse umherschweiften, ohne die Lebenden zu stören. Es war zutiefst merkwürdig, solchen schaurigen Geschichten über Hoffnungslosigkeit und Schmerz zu lauschen, während ich auf meinem bequemen Beifahrersitz saß und zusah, wie der perfekte englische Tag in einen warmen, glühenden englischen Sonnenuntergang überging.
»Haben Sie denn nie Angst?«, fragte ich, als die Sonne hinter dem Horizont versank und die Dämmerung uns einzuhüllen begann.
»Nein!« Sein Gesichtsausdruck war aufrichtig. »Geister, Miss Piper, jagen einem anfangs Angst ein – immerhin sind es ja unsere Toten. Aber Geister sind hilflos. Sie können physische Dinge berühren – Türen zuschlagen, Geschirr zerbrechen, Wasserhähne auf- und zudrehen. Es gab sogar mal einen Geist, den ich aufsuchte, der nachts, während die Lebenden schliefen, die Bettdecken von den Betten zog – eine schrecklichere Erfahrung kann man sich kaum vorstellen. Aber sie sind gefangen, vollführen immer wieder die gleichen Handlungen, unfähig zu denken oder zu kommunizieren. Haben sie ein echtes Bewusstsein? Traf Freddys Bruder die freie Entscheidung, dort zu sein, oder folgte seine Seele einem niederen, unausweichlichen Zwang? Sind Geister die Spuren derer, die von uns gegangen sind – wie ein Schatten oder ein Echo? Die Antwort auf diese Frage treibt mich seit fünf Jahren um. Wenn ein Geist existiert, der Bewusstsein besitzt, möchte ich ihm begegnen.«
»Und Sie glauben, dass Sie ein derartiges Wesen in Falmouth House antreffen werden?«
Er lächelte. »Ich hoffe es, Miss Piper – ich hoffe es jedes Mal. Aber ich ziehe erst Schlussfolgerungen, wenn ich den Beweis sehe. Und wo wir vom Teufel sprechen – wir nähern uns gerade Waringstoke.«
In der Dämmerung sah ich nur wenig von Waringstoke: ein paar kleine Häuser, eine Kirche und einen Friedhof. Die Straße, auf der wir nun unterwegs waren, war schmal und holprig. Nirgends eine Spur von anderen Automobilen oder sonstigen Fahrzeugen. Die wenigen Häuser waren alt und lagen an kurvenreichen Auffahrten weit von der Hauptstraße entfernt. Sie waren klein, aus Holz und Stein, gepflegt, warmes gelbes Licht schien aus den Fenstern. Wir befanden uns in einem sehr alten, wenn auch nicht unbedingt wohlhabenden Teil Englands. Es war ein krasser Kontrast zu London mit seinem Glas und Metall. Hinter dem winzigen Dorf sah ich grüne Hügel, auf denen sich Felder erstreckten, und dichte Wälder.
Schließlich hielt Mr. Gellis. Er kam herum und öffnete mir den Wagenschlag. Ich stieg aus und unterdrückte ein Stöhnen, als meine Beine sich von der langen Fahrt verkrampften. Da stand ich in der plötzlichen Stille und blickte mich um.
Wir waren im Hof eines kleinen Gasthauses. Auf dem Schild über der Tür erkannte ich einen Schwan, auch wenn ich im Dunkeln nicht zu lesen vermochte, was darauf stand. Das Gasthaus hatte zwei Stockwerke, eines über das andere gesetzt, mit schräg abfallenden Giebeln und zweigeteilten Fenstern, aus denen schwaches Licht fiel. Durch meine dünnen Schuhsohlen hindurch spürte ich den Schotter. Die Stille war vollkommen. Kein Laut war zu hören, nur das leise Rauschen einer Brise in den Baumwipfeln und der ferne Ruf eines Vogels. Nach dem Lärm Londons, dann den ganzen Tag über das Rumpeln des Automobils, klingelten mir die Ohren, und als sich das immer düsterer werdende Dunkel über die Landschaft legte und der Wind in den fernen Bäumen säuselte, hatte ich das unheimliche Gefühl, die Welt sei untergegangen und die ganze Menschheit verschwunden.
Ich drehte mich um und stellte fest, dass Mr. Gellis mich ansah. Auf seinem Gesicht lag ein gutmütiger Ausdruck, gemischt mit einer scharfen Beobachtungsgabe, die mir allmählich vertraut vorkam. »Ein schönes Fleckchen Erde, nicht wahr?«, meinte er.
Der Wind streifte mein Haar, und ich strich mir ein paar verirrte Strähnen aus der Stirn. »Ich weiß nicht. Ich war noch nie auf dem Land.«
Er hob die Augenbrauen. »Noch nie?«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich bin in Brixton aufgewachsen. Jetzt wohne ich in der Stadt.«
»Ein Stadtmädchen!« Er öffnete den Kofferraum des Automobils und holte unsere Taschen heraus. »Waren Sie nie am Meer in Urlaub? Haben Sie in den Schulferien nie eine Cousine besucht?«
Abermals schüttelte ich den Kopf.
»Nun, dann wird Ihnen das wohl guttun, schätze ich.« Er klappte den Kofferraum zu, und im Stillen dankte ich ihm für seinen Takt, weder meine Familie zu erwähnen noch die Tatsache, dass ich keine Freunde hatte. »Frische Luft und all das. Wie heißt es so schön? Dann werden Sie etwas Farbe bekommen.«
»Mr. Gellis.« Aus dem Gasthaus kam uns ein Mann mit einer grauen Schirmmütze entgegen, der sich einen Mantel überzog.
»Ja«, sagte Mr. Gellis. »Sie müssen Mr. Ahearn sein.«
Der Mann nickte, allerdings ohne zu lächeln. »Ja, Sir. Sie können die Taschen stehen lassen. Ich habe einen Jungen, der sie für Sie nach oben bringt.«
Drinnen passierten wir den breiten Eingang zum Schankraum, der sich langsam füllte. Ich erhaschte einen Blick auf niedrige, dunkle Holzbalken an der Decke, hörte Männer glucksend lachen und das Klirren eines Glases. Aber ich hatte keine Lust weiterzugehen. Auf ein Nicken von Mr. Gellis folgte ich einem Dienstmädchen die Treppe hinauf in ein kleines Zimmer, in dem meine Taschen abgestellt waren. Endlich konnte ich mich ausruhen und frisch machen.
Viel war nicht zu machen. Meine Bluse war hoffnungslos zerknittert, mein Rock ebenfalls. Meine Strümpfe musste ich durchwaschen, aber ich wollte noch nicht schlafen gehen. Ich trat an das kleine Waschbecken und spritzte mir Wasser ins Gesicht. Vor dem trüben Spiegel gab ich mein Bestes. Mein dunkles Haar trug ich, wie es damals Mode war, zu einem Bob geschnitten. Obwohl ich mir wie die meisten Mädchen wünschte, ich könnte mir das Haar in hübsche Locken legen, dicht am Kopf gestylt, so wie es die Filmstars machten, konnte ich mir den Stil nicht leisten, den Ondulierstab, die Haarlack-Döschen und die Schachteln mit Nadeln, die man benötigte, um die Frisur festzustecken. Außerdem konnte ich mich in der Verfassung, in der ich in letzter Zeit war, nicht dazu durchringen, eine Stunde pro Tag für meine Frisur aufzuwenden, egal wie modisch ich aussehen wollte.
Darum trug ich eben einen schlichten Bubikopf, bis zum Ohrläppchen geschnitten. Mein Haar war schokoladenbraun, unscheinbar, dachte ich, und saß glatt, ohne dass ich viel Aufhebens darum zu machen brauchte, außer wenn der Wind es mir in die Augen blies. In diesem Fall war es gerade so lang, dass ich mir verirrte Strähnen hinter die Ohren stecken konnte, falls der Wind nicht zu stark war.
Ich kämmte mir ein wenig Wasser durchs Haar in dem Bemühen, es wieder frisch aussehen zu lassen. Ich hatte nur wenige Kosmetika, teuer gekauft und nur selten gebraucht, also benutzte ich jetzt auch keine. Mein Gesicht musste einfach genügen.
Ich war müde und spielte kurz mit dem Gedanken, in meinem winzigen Zimmer zu bleiben. Doch als ich mich zwischen den spärlichen Möbeln umsah, nur schwach beleuchtet von einem flackernden elektrischen Licht in der Ecke, änderte ich meine Meinung. Die Erschöpfung in mir kämpfte gegen eine andere Emotion an, eine Erregung, die mir bis dahin unbekannt war. Ich wollte wissen, was als Nächstes kam. Ich brauchte ohnehin eine Anweisung von Mr. Gellis, was er morgen früh von mir erwartete.
Er befand sich im Schankraum. Im Gegensatz zu mir war er nicht auf sein Zimmer gegangen. Er nippte an einem Bier und schrieb, den goldbraunen Schopf über seine Arbeit gebeugt, in aller Ruhe Vermerke in sein Notizbuch.
Als er mich sah, lächelte er zu mir hinauf, ein Lächeln, so unbefangen und gut aussehend, dass ich Herzklopfen bekam. »Da sind Sie ja«, sagte er. »In alter Frische. Nehmen Sie Platz und bestellen Sie sich etwas zum Abendessen. Wir müssen noch ein paar Einzelheiten für morgen besprechen.«
Ich setzte mich. Ich muss zugeben, dass ich Hunger hatte, aber mein Stolz hielt mich zurück. »Das scheint mir nicht richtig, dass Sie mir auch noch das Essen bezahlen. Sollten Sie nicht darauf bestehen, dass ich selbst zahle?«
Er hob eine Augenbraue. »Selbstverständlich nicht! Sie sind hier in meinem Auftrag als meine Angestellte. Ich bin für Sie verantwortlich. Außerdem, was für ein Gentleman lässt eine Lady ihr Abendessen selbst bezahlen?«
»Wissen Sie, ich bin eine moderne Frau.« Ich merkte, wie ich lächelte. Ich konnte nicht so recht glauben, dass er mit mir flirtete. Noch weniger konnte ich glauben, dass ich seinen Flirt erwiderte.
»Das habe ich bereits bemerkt.« Abermals lächelte er. »Für Waringstoke sind Sie vielleicht ein bisschen zu modern. Jedem hier im Raum sind Sie aufgefallen. Ich glaube, die erwarten, dass Sie jeden Moment anfangen, Zigaretten zu rauchen und auf dem Tisch zu tanzen.«
Auch mir waren die Blicke all der anderen hier im Schankraum nicht entgangen. Der Wirt, Mr. Ahearn, sah immer wieder zu uns, während er geschäftig hin und her lief. Der Barkeeper senkte den Kopf, um mit seinen Gästen zu tuscheln, während sie sich mit leiser Stimme unterhielten; die Blicke der Männer an den Tischen in allen Ecken des Raumes. Aber die Spannung war bereits da gewesen, als ich eintrat. Es wäre also töricht zu glauben, ich sei die Ursache dafür. »Ich bin nicht diejenige, die sie anschauen. Sie sind es.«
Er beugte sich näher zu mir, sprach vertraulich. »Hier muss man sich daran gewöhnen. Wir sind weit weg von London, wissen Sie? Dies ist ein kleines Dorf. Jeder kennt jeden, und meistens kennt man auch noch die Eltern und Großeltern. Ich habe festgestellt, dass Außenstehende in den meisten Dörfern und Städten, in die es mich in meinem Metier verschlagen hat, nicht gern gesehen werden.«
»Mir ist aufgefallen, dass der Wirt nicht besonders gastfreundlich war.«
»Ah, dann sind Sie wirklich einfühlsam. Ich habe versucht, ihm ein paar Fragen zu stellen, während Sie oben waren. Ich glaube, in meinem Garten zu Hause steht eine Statue von Wellington, die entgegenkommender ist.«
Wir flüsterten beinahe. Aufmerksam hörte ich zu und beugte mich vor. Aus dem Augenwinkel bekam ich mit, wie ein älterer Mann in einer dunkelblauen Jacke auf einem Hocker an der Bar saß, einen Krug Bier in der Hand. Mit einem unverkennbaren Ausdruck vielsagender Missbilligung sah er mich an. Als ich zu ihm blickte, sah er mir direkt ins Gesicht, ohne den Blick abzuwenden. Mir war klar, wie es aussehen musste – Mr. Gellis und ich saßen, zueinander gebeugt, vertraut an unserem Tisch. Jedem Betrachter mussten wir wie ein Liebespaar vorkommen. Ich errötete leicht. Der Gesichtsausdruck des Mannes in der blauen Jacke verwandelte sich in eine Miene kleinlichen, kleinkarierten Triumphes. Ich sah weg.
Mr. Gellis lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und gab jemandem hinter mir ein Zeichen. Ein Kellner – der einzige in dem Gasthaus – kam zu uns, und Mr. Gellis bestellte, fast ohne mich eines Blickes zu würdigen, Abendessen für uns. Rindfleisch, Kartoffeln, gedünstetes Gemüse. Als der Kellner verschwand, sah Mr. Gellis mich ein wenig entschuldigend an.
»Mir ist durchaus klar, dass wir uns gerade darauf geeinigt haben, dass Sie eine moderne Frau sind«, sagte er. »Aber es schadet nicht, hier ein bisschen altmodisch zu wirken.«
Als meine Überraschung nachließ, begriff ich, was er meinte. Das Essen für mich zu bestellen, war eine Demonstration gewesen, die allen galt außer ihm und mir. Trotzdem lebte ich schon seit geraumer Zeit allein und war es nicht gewohnt, dass ein Mann etwas für mich erledigte. »Ich verstehe – aber falls Sie sich das zur Gewohnheit machen wollen, muss ich protestieren.«
Er lächelte mich an, abermals völlig unbefangen. »Kluges Mädchen. Lassen Sie uns jetzt unsere Pläne für morgen durchgehen.«