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Drei Generationen von Frauen versuchen verzweifelt einander zu retten. Nach dem New-York-Times-Bestseller "Die Klarheit" schreibt Leslie Jamison auch in ihrem ersten Roman über Sucht.
Als junge Frau läuft Tilly von zu Hause weg und landet in der schäbigen Unterwelt Nevadas, wo sie statt des großen Glücks nur Drogen, Alkohol und die falschen Männer findet. Eines Tages, nachdem Tilly beinahe dreißig Jahre lang keinen Kontakt zu ihrer Familie hatte und sich in einem Trailerpark in der Wüste fast zu Tode getrunken hat, steht ihre Nichte vor der Tür ihres Wohnwagens und zwingt sie zu einem Neuanfang. Der Gin-Trailer erzählt die Geschichte der eigentümlichen Beziehung, die zwischen den beiden entsteht. Ein großer Roman über Sucht und Ausweglosigkeit, über echte Verzweiflung und die flüchtigen hellen Augenblicke, die so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind.
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Seitenzahl: 491
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Drei Generationen von Frauen versuchen verzweifelt einander zu retten. Nach dem New-York-Times-Bestseller »Die Klarheit« schreibt Leslie Jamison auch in ihrem ersten Roman über Sucht. Als junge Frau läuft Tilly von zu Hause weg und landet in der schäbigen Unterwelt Nevadas, wo sie statt des großen Glücks nur Drogen, Alkohol und die falschen Männer findet. Eines Tages, nachdem Tilly beinahe dreißig Jahre lang keinen Kontakt zu ihrer Familie hatte und sich in einem Trailerpark in der Wüste fast zu Tode getrunken hat, steht ihre Nichte vor der Tür ihres Wohnwagens und zwingt sie zu einem Neuanfang. Der Gin-Trailer erzählt die Geschichte der eigentümlichen Beziehung, die zwischen den beiden entsteht. Ein großer Roman über Sucht und Ausweglosigkeit, über echte Verzweiflung und die flüchtigen hellen Augenblicke, die so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind.
Leslie Jamison
Der Gin-Trailer
Roman
Aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann
Hanser Berlin
Für meine Großmütter
Patricia Cumming Leslie
und
Mary Dell Temple Jamison
O Lieber, wie kamst du her?
O Embryo
Der noch im Schlaf
An sein Kreuz-und-Querliegen denkt.
Das Blut blüht rein
In dir, Rubin.
Die Pein zu der du erwachst
Ist nicht die deine.
aus »Nick und der Kerzenleuchter« von Sylvia Plath
An Weihnachten fand ich Oma Lucy. Sie war gestürzt und lag auf dem Linoleum. Der Kühlschrank hinter ihrem nackten Körper brummte wie Todesrasseln. Zwischen ihren Fäusten hielt sie zusammengeknüllte, blutige Taschentücher. Aber sie war am Leben und sprach. »Ich wollte mir nur einen kleinen Joghurt holen«, sagte sie. »Da habe ich Nasenbluten bekommen.«
Ihre Hände ruderten durch die Luft und suchten nach Haltegriffen, Fingern, irgendwas. Zum ersten Mal sah ich ihren Körper ganz — ihre herunterhängende Geisterhaut und das blaue Geäder darunter.
Mit dem Zug war ich durch den eisig kalten Winter von Connecticut gekommen, ein Stück Honigkuchen und ein dick mit ihrem fettigen Lieblingsschinken belegtes Sandwich im Gepäck. Und mit einer Tasche voller Geschenke. Vom Fußboden aus wollte sie wissen: »Sind die für mich?«
Sie zitterte. So hatte ich sie noch nie gesehen, wie sie ohne Unterlass in die Luft griff und fasste. Ihr Gesicht zuckte, so als ob sie es ruhig zu halten versuchte, während untendrunter irgendetwas vor sich ging. Sie nahm meine Hand. Ihre Finger waren voller Creme und schmierig. »Matilda soll kommen«, sagte sie mit ruhiger, fester Stimme, als ob dieser Wunsch vollkommen naheliegend wäre. Von einer Matilda hatte ich noch nie gehört.
Ich fasste sie am Handgelenk und schob die andere Hand unter ihren Buckel. Die Haut zwischen den knochigen Knubbeln ihrer Wirbelsäule war schlaff. »Reiß nicht so an mir«, sagte sie. »Das tut weh.«
Ich rief meinen Bruder Tom an. Der meinte: »Du musst sie fragen: Lucy, hast du dir den Kopf gestoßen?« Ich legte die Hand über den Hörer und wartete auf ihre Antwort. Und er wartete auf meine.
»Es war doch nur der Joghurt«, sagte sie. »Ich wollte nur ein kleines bisschen Joghurt.«
Ich kniete mich neben sie. Meine Stiefel quietschten auf dem Linoleum. »Aber hast du dir denn den Kopf gestoßen? Kannst du mir das sagen?«
Sie sagte: »Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich erinnern würde, falls es so wäre.«
Das berichtete ich Tom. Er meinte, ich solle sie mindestens zwei Stunden wach halten. Er erinnerte sich daran, dass man das tun musste, wenn der Verdacht auf Gehirnerschütterung bestand. Er war gerade zusammen mit unserer Mutter Dora auf der anderen Seite des Landes. Wahrscheinlich nippte er in einem Restaurant an der Pazifikküste, wo alle fröhlich unerschüttert über ihr Sushi nachdachten, an einem Glas Mineralwasser. Er erzählte mir, die Besitzer des Lokals seien Einwanderer der ersten Generation und hätten zum Glück über die Feiertage geöffnet. Es sei seit Monaten der erste Tag, an dem meine Mutter sich frei nehme.
»Tom?«, fragte ich. »Kennst du vielleicht jemanden, der Matilda heißt?«
»Sekunde«, sagte er, »ich geb’ dir mal Mom.«
Laut und plötzlich hörte ich ihre Stimme: »Du musst wirklich tun, was Stella sagt! Du musst zulassen, dass sie sich um dich kümmert!«
»Versuchst du gerade, mit Oma zu reden?«, fragte ich. »Soll ich dich vielleicht mal weiterreichen?«
»Oh«, sagte sie, »ja, natürlich.«
Mit zitternden Fingern griff Oma Lucy nach dem Telefon. Meine Mutter sprach so laut, dass es klang, als käme ihre Stimme aus dem Fußboden unter Oma Lucys Ohr. Oma Lucy rollte sich auf die Seite und gab mir das Telefon. Tom sagte: »Zwei Stunden, verstanden?« Im Hintergrund hörte ich Geräusche, das Klirren von Gläsern und Stimmengewirr. Ich legte auf.
Oma Lucy wollte weder Honigkuchen noch Tee. Geschenke wollte sie auch nicht. Sie wollte nur ins Bett und schlafen. Es war noch nicht dunkel und würde es auch noch lange nicht sein. Aber sie beharrte darauf: Der Tag sei im Eimer. Sie wolle lieber morgen früh aufstehen und dann Weihnachten feiern.
Ich sah auf die Uhr. Holte tief Luft. Zwei Stunden: Das würde ich schaffen. Wir fanden eine Weihnachtssendung im Fernsehen. Animierte Rentiere aus Knetmasse trappelten über glitzernden Schnee. Um Oma Lucy wach zu halten, musste ich sie immer mal wieder schütteln. »Hey, du verpasst die Rentiere. Und den Schnee.«
»Diese Sendung ist schrecklich«, sagte sie schließlich. Dass sie ihre Meinung laut ausgesprochen hatte, schien ihr Aufwind zu geben, und sie schlug vor, wir könnten ja vielleicht doch ein paar Geschenke aufmachen. Dickflüssig suppte das Sonnenlicht durch die schweren Vorhänge ins Zimmer, so, als müsste es durch Gaze-Verbände hindurch. Oma Lucy wohnte im dritten Stock einer Wohnanlage, deren rauverputzte Wände die Farbe gebleichter Mandeln hatten. Die meisten ihrer Nachbarn waren Pendler und arbeiteten in New York bei einer Bank.
Meine Großmutter liebte Connecticut. Hier hatte sie sich in meinen Großvater verliebt, hier hatten die beiden geheiratet. Er kam eigentlich aus einer alteingesessenen Familie in New England, aber er war es gewesen, der darauf bestanden hatte, nach Westen zu ziehen, um von seiner Familie loszukommen. Dann verabschiedete er sich, um die Welt zu bereisen, und kam nie wieder. Er ließ sie sitzen mit der kleinen gemeinsamen Tochter, die sie ganz allein großziehen musste. Seine Familie sicherte ihr so viel Geld zu, wie sie für den Rest ihres Lebens brauchte.
Daraufhin hatte Oma Lucy sich in diese ganze Familie verliebt — das alte Blut, die Traditionen. Meiner Mutter hatte sie ein Gefühl für ihre Herkunft mitgeben wollen, weswegen man den Sommer immer auf Cape Cod verbrachte, in einem Haus der Familie, an das meine Mutter sich nur mit Abscheu erinnerte. »Dieses Strandhaus für zwei armselige Monate im Jahr an uns abzutreten war nichts als schmutzige Bestechung«, sagte sie zu mir. »Da draußen war es mit dem Geld wie mit einem unehelichen Kind — alle wussten darüber Bescheid, aber niemand sprach davon.« Meine Mutter hatte keinerlei Erinnerungen an ihren Vater, aber ihre Wut über ihn war scheinbar groß genug, um das Thema jahrzehntelang eine offene Wunde sein zu lassen. Mit einer Aggressivität, die die Versöhnlichkeit meiner Großmutter wettmachte, entlud sich diese Wut auch gegenüber seiner ganzen Familie.
Ohne dass ihr das je hätte gesagt werden müssen, wusste Lucy von Anfang an, dass sie an den verschiedenen Wohnsitzen der Familie nicht willkommen war. Dass es vielleicht besser war, wenn sie drüben an der Westküste blieb. Aber nachdem sie ihre Tochter in Los Angeles aufgezogen hatte, kam sie zurück in die ehrwürdige Menschenleere, in die Kälte des Ostens und den Wohlstand von Greenwich. Sie konnte sich alles kaufen, was sie wollte, aber sie wollte damals nicht viel, weswegen ihre karg eingerichteten Zimmer in ihrer Reinlichkeit geradezu trist wirkten.
Meine Mutter sagte: »Sie hat ihm nie vorgeworfen, dass er sie verlassen hat. Das habe ich nie verstanden.«
Mit ihren Weihnachtsgeschenken ging Lucy so ordentlich und aufmerksam um wie ein wohlerzogenes Kind. Sie hatte eine Packung mit verschiedenen Schaumbädern und zwei Topflappen von mir bekommen. In die Topflappen war New Yorks bester Auflauf liegt in meinen Händen hineingestickt. Für mich war Oma Lucy schon immer eine gewesen, die Töpfe voller Cremesuppe mit Dosenmais und in dicke Stücke geschnittenen Kalten Hund machte, der salzig wie das Meer und weich wie Seide war. Wenn sie zu uns in den Westen kam, um sich mit um uns zu kümmern, weil meine Mutter bei der Arbeit besonders viel zu tun hatte, kochte sie immer das Abendessen für uns, das meiner Mutter meistens nicht schmeckte. »Diese Eintöpfe sind verkocht bis zum Gehtnichtmehr«, sagte sie. »Ich werde Jahre brauchen, um sie auszuscheißen.« Das hat sie tatsächlich mal so beim Abendessen gesagt. Oma Lucy runzelte nur die Stirn und fing an, den Tisch abzuräumen.
Meine Mutter hat immer an den Kochkünsten ihrer Mutter herumgemäkelt — wie sehr sie sich bemühe und wie schlecht sie trotzdem koche. Und wie freudig sie nach Rezepten der Familie koche, die doch nichts mit ihr zu schaffen haben wolle. Als hätte sie nicht ein Fünkchen Stolz im Leib, sagte meine Mutter. Und dazu hat das Zeug auch immer noch grauenvoll geschmeckt. Dann kam der Blaubeerkuchen, dessen Teigkruste abbröselte wie tote Hautfetzen. Da hat sie schließlich aufgegeben und die ganzen alten Familienrezepte einfach weggeworfen, sagte meine Mutter mit Stolz in der Stimme. Sie sagte: »Ich habe in meinem Leben schon viele Kuchen gegessen. Aber so einen schlechten wie diesen noch nicht.«
Die Topflappen waren also in gewisser Weise ein um Jahre zu spät kommendes, augenzwinkerndes Siegessymbol. Meine Mutter war auf der anderen Seite des Landes, und Oma Lucy konnte in Ruhe ihre Suppentöpfe, Aufläufe und Kuchen zubereiten. Mit zusammengekniffenen Augen begutachtete sie das Diamant-Stepp-Muster der Lappen. »Ich mache sicherlich nicht New Yorks bestes Irgendwas«, sagte sie. »Ich wohne schließlich in Connecticut.« Sie legte die Topflappen fein säuberlich zusammen und dann auf ihren Wohnzimmertisch. »Sechs Sorten Schaumbad«, sagte sie. »Das ist doch mal was.«
Als sie sich den Wollrock über die dürren Beine zog, war ihre Strumpfhose durchsichtig genug, um die Blessuren ihres Alters zu zeigen — Schienbeine und Schenkel waren übersät mit pflaumenfarbenen Flecken. »Es ist wie in einem Käfig hier drin«, sagte sie und meinte ihren Körper. »Alles an mir tut weh oder juckt.« Sie betonte, das Jucken verursache ihr ein größeres Unwohlsein, als ich mir vorstellen könne. »Es ist nicht auf der Haut, sondern darunter.«
Dann hielt sie kurz inne, als versuchte sie, sich an etwas zu erinnern. »Ich habe ja auch ein Geschenk für dich besorgt«, sagte sie schließlich, »aber ich erinnere mich nicht, was für eins.«
Ich meinte, darüber müssten wir uns im Augenblick keine Gedanken machen und wie es denn wäre, wenn ich ihr erst mal ein Bad einließe. Vielleicht wäre es ja ganz angenehm für die Haut?
»Wir nehmen diesen Schaum!«, sagte sie. Wie konnte es sein, dass mir erst jetzt auffiel, wie einsam sie war, wie unbedingt sie mir schmeicheln wollte? Ihr Eifer flatterte plötzlich vor mir wie ein von der Spule abgewickeltes Garn. Eine so große Sehnsucht konnte man nur haben, wenn man jahrelang einsam gewesen war und sich daran gewöhnt hatte. Und jetzt war ihr Körper schwach genug, um gemeinsam mit ihr Sehnsucht zu haben.
Ich ließ ihr ein Bad mit Honig-Vanille ein — das war ihre Wahl — und saß auf der Klobrille, während sie sich mit ihren dünnen Beinen, dem weißen Bauch und den vor Seife glänzenden, an herunterhängende Insektenflügel erinnernden Armen unter die dampfende Wasseroberfläche faltete. Ich holte ein Buch und hielt meinen Blick fest darauf gerichtet, Zeile um Zeile, damit sie nicht den Eindruck bekam, ich würde sie anstarren. Als ich einmal kurz aufsah, bog sie den Finger, um mich näher zu sich heranzuholen. Ich beugte mich nach vorn.
Sie sagte: »Sie ließ eine Badewanne einlaufen, um sie wieder lebendig zu machen.«
»Was?«, fragte ich. »Wer?«
Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Sehr langsam, Zentimeter für Zentimeter, ließ sie sich weiter ins Wasser gleiten. Da, wo sie schon unter Wasser war, machte die Hitze rote Flecken auf ihrer Haut. Wer hatte die Badewanne einlaufen lassen? Und wer war gestorben? Sie könnte die Szene aus einem Film haben. Ich wusste ja, dass sie viele Filme sah. Was sollte man auch sonst tun, so allein den ganzen Tag, während langsam jeder Körperteil, die Augen, die Beine und der Kopf, seinen jeweiligen Geist aufgab.
»Wer hat was gemacht?«, fragte ich erneut. »Und was ist wieder lebendig geworden?«
»Egal was sie machte: Sie war dabei immer sanfter als deine Mutter.« Lucy fuhr sich mit zwei Fingern über die Wange, ein seifiger Streifen blieb zurück. »Hier hat sie mir zwar mal einen blauen Fleck gemacht, aber unter der Oberfläche war sie immer sanft und liebenswürdig.«
Ich sagte: »Ich weiß nicht, von wem du sprichst.«
»Nein«, sagte sie, »wir haben dir nie etwas gesagt.« Sie legte die Arme um sich. Sie hätte genauso gut im Traum sprechen können.
»Wovon habt ihr mir nie etwas gesagt?«
»Von Matilda«, sagte sie. »Der Schwester deiner Mutter.«
»Du hast noch eine …« Ich unterbrach mich. »Wo ist sie?«
So leise, dass ich sie kaum verstehen konnte, sagte sie: »Ich weiß es nicht.«
Als sei Matilda ein Traumbild, das sich in Luft auflöste, wenn man nicht schnell genug von ihm erzählte, berichtete Oma Lucy mir mit krächzender Stimme und in andächtigen, aber dennoch explosionsartigen Schüben von ihrer jüngeren Tochter. Es hatte diese vielen Jahre gebraucht, um den Namen »Matilda« überhaupt laut aussprechen zu können.
Oma Lucy erzählte, wie sie Matilda — und zwar nur Matilda, nicht meine Mutter — jeden Sommer zu den Prielen mitgenommen hatte. Nach Chatham, an den Strand, am großen, salzigen Atlantik. »Da habe ich ihr Seeigel gezeigt«, sagte sie. »So kleine Bündel aus purpurfarbenen Bleistiften.«
Sie hatte ihr — damals ihr, jetzt mir — etwas über Seesterne erzählt. Wie sie mit ihrem außenliegenden Magen fressen. Sie hätten, so sagte sie, die Farbe von Orangensaftkonzentrat gehabt, so unglaublich leuchtend. Vielleicht hatte sie für jedes Tier die Farbe eines Fertiggerichts parat. Ich musste daran denken, wie oft meine Mutter gesagt hatte: Sie ist durch und durch eine Hausfrau.
Lucy sagte: »Matilda hat diese Priele geliebt. Ja, und wie.«
Stundenlang habe sie mit Begeisterung die Seeigelstacheln befühlt und den Krebsen dabei zugesehen, wie sie um Felsnischen als Behausungen kämpften. Aber vor Seesternen, die sich auf ihrem Arm festsaugten, sei sie zurückgeschreckt. »Sie meinte, es würde sich anfühlen, als ob jemand direkt an ihrer Haut atmete«, sagte Oma Lucy. »Ich hatte ihr gesagt, dass beim Seestern der Mund am Bauch sitzt.«
»Der Seestern dachte also, Matilda sei etwas zu essen?«
»Nein.« Sie lachte. »Er dachte, sie sei sein Zuhause.«
Oma Lucy beschrieb mir die Küste: bis ans Wasser reichende Wiesen aus einem bestimmten stachligen Gras, das Matilda Großmama-Gras nannte, weil es im Wind so klang, als ob eine alte Frau seufzte. »Großmama-Gras.« Lucy hielt inne. »Vermutlich ist es das, was ich jetzt bin.«
Erst als sie wieder zu zittern anfing, kam ich auf die Idee, dass das Wasser, in dem sie lag, stark abgekühlt sein könnte. Sie schaffte es nicht, allein aus der Wanne zu kommen. Ich musste mit meinen Armen ins Wasser, um sie hochzuhieven. Das Wasser tropfte von ihrem Körper auf meine Jeans und meinen Kaschmirpulli. Bebend saß sie dann auf dem Klodeckel.
Hier kam sie zurück auf die Geschichte mit dem toten Zeug. Meine Mutter hatte mal eine ganze Badewanne mit Fundstücken aus dem Meer gefüllt: eine Sammlung aschgrauer Rankenfußkrebse, aufgereiht wie Spielzeugsoldaten, und eine kleine Herde weißer Sandkrabben, die sich wie alte Männer in Schalen mit schweren Ticktack-Schritten quer durch die Wanne schleppten und mit ihren Scheren gegen das Porzellan klopften.
»Deine Mutter hat sie tagelang sich selbst überlassen«, sagte Oma Lucy. »So war sie. Immer neugierig.«
»Und Matilda hat dann versucht, sie zu retten?«
Oma Lucy zog sich das Handtuch um die schmalen Schultern, während das Badewasser aus ihren weißen Haaren tropfte. Sie erzählte mir von dieser jüngeren Tochter — für mich neu, für alle anderen längst verloren —, die einen kleinen, sterbenden Ozean gefunden und gedacht hatte, sie könne ihn wieder lebendig machen, wenn sie nur genügend Badewasser einließ. Was dann passiert war? Die Rankenfüßer waren weggespült worden wie verkrusteter Schmutz. Und die Krabben waren nicht die Art Krabben gewesen, die Wasser um sich herum brauchten. Sie waren ertrunken.
Auf der Rückfahrt rief ich aus dem Zug meine Mutter an. Ich sagte ihr, Oma Lucy brauche Hilfe. Kein Problem, sagte sie, wir würden eine Pflegekraft anheuern, die ab und an vorbeischauen könne.
»Sie braucht aber nicht nur ab und an Hilfe«, sagte ich, »sondern ständig.«
Meine Mutter war Anwältin für Einwanderungsrecht und eine furchteinflößende, elfenhafte Schönheit. Ihr tägliches Programm bewältigte sie, indem sie es als ein eigenständiges Wesen behandelte, völlig kompromisslos, als eine Macht, deren Befehle befolgt werden mussten: Termine mit Mandanten, Spinning-Kurse, Sitzungen bei der Psychotherapeutin. »Aber ich rufe Mutter doch andauernd an«, sagte sie verletzt.
Ich wusste, wären wir im selben Raum gewesen, hätte sie ihren Kalender herausgezogen und mir gezeigt, wo diese Anrufe mit Bleistift eingetragen waren: kleine X, die zwischen Namen und Telefonnummern gequetscht waren, zwischen ein, zwei, drei Mal durchgestrichene Verabredungen, bis die letztendlich gültige Uhrzeit dann unbehaglich in einem hastig hingekritzelten Kästchen aus Kugelschreiberstrichen stand. Mein Blick glitt ab, wenn ich dieses Buch sah. Es war ein Labyrinth. Und ich wusste, dass meine Mutter irgendwo da drinsteckte.
Sie war total verwirrt, sagte ich ins Telefon. Warum holte sich Oma Lucy nackt einen Joghurt, und was war mit dieser Blutung? Warum zitterte sie so viel? Vielleicht hatte sie einfach nur irgendwas vor sich hin gebrabbelt, vielleicht waren ihre Erklärungen — Ich habe Nasenbluten bekommen — einfach nur irgendwelche Wörter, die ihr in den Kopf schossen und passend erschienen.
Meine Mutter fragte, ob sie denn nun zurechnungsfähig gewesen sei oder nicht.
Das könne ich nicht sagen, gab ich zu, das habe geschwankt.
Die Hintergrundgeräusche klangen plötzlich verzerrt. Das bedeutete, dass sie die Freisprechfunktion angeschaltet hatte. Es war immer noch Weihnachten, sogar drüben an der Westküste, aber ich war mir sicher, dass meine Mutter gerade ihr Büro betreten hatte. Ich wusste, wie gern sie ihre bodentiefen Fenster, in deren Scheiben die umliegenden Hochhäuser wie Splitter steckten, der ganzen Länge nach abschritt.
»Wahrscheinlich bewegt sie sich nicht genug«, sagte sie jetzt. »Sie verlässt ja kaum noch das Haus.«
Ich dachte an Oma Lucy, die lang hingestreckt auf dem Fußboden lag, mit Händen, die wie Vögel flatterten. In zwei dünnen Wurmspuren war ihr das Blut aus den Nasenlöchern gelaufen.
»Ich glaube nicht, dass mangelnde Bewegung das Hauptproblem ist«, meinte ich. »Sie ist einfach nur …«
»Was?«
»Sie braucht Hilfe.« Ich zögerte kurz. »Wie ich schon sagte.«
Ich wusste, dass viele erwachsene Kinder ihr eigenes Leben zurückstellten, um sich um die nachlassenden Körper ihrer Eltern zu kümmern und ihnen beim Essen, Lächeln und Kacken zu helfen, damit sie dabei keine Riesensauerei veranstalteten. Meine Mutter wollte sich jetzt über Pflegekräfte informieren, die mit im Haushalt wohnten. Das sei überhaupt kein Problem, sagte sie, sie habe genug Geld. »Aber Mutter wird das nicht gefallen«, sagte sie dann. »Das wird ihr überhaupt gar nicht gefallen.«
Fremde Leute, die nett zu einem sind, machen es nicht besser, hatte Lucy zu mir gesagt. Man fühlt sich nur noch einsamer. Sie würde wahrscheinlich lieber eingehen wie eine Primel, als sich endgültig der Fürsorge eines fremden Menschen zu unterwerfen.
Ich schlug eine andere Lösung vor. Ich könne doch an vier Abenden pro Woche zu ihr fahren. Ich könne für sie kochen und ihr Gesellschaft leisten.
Meine Mutter sagte: »Dann stehe ich da wie eine unglaublich schlechte Tochter.«
»Äh, was?«
»Irgendjemand stürzt doch immer, oder? Und du fängst sie dann alle auf.«
»Nicht ich habe sie zu Fall gebracht«, sagte ich, »Oma ist von alleine gestürzt.«
Darauf kam nichts mehr von ihr. Von mir auch nicht.
Dann sagte ich: »Sie hat mir von Matilda erzählt.«
Stille.
»Mom?«
Schließlich: »Eigentlich wollte ich diejenige sein, die dir das erzählt.«
»Dafür hattest du jahrelang Zeit.«
»Ich hatte es immer vor, bin nur nie dazu gekommen.«
Ich wartete.
»Ich wusste, wie schlimm du es von mir finden würdest.«
»Was denn?«, fragte ich. »Ich weiß ja noch nicht mal, was passiert ist.«
»Du willst wissen, was passiert ist? Matilda hat uns verlassen. Sie ist zuerst gegangen. Sie ist zwar zurückgekommen, aber nie so richtig. Sie hat es gar nicht mehr versucht.«
»Ist sie denn von zuhause weggelaufen?«
»Ach, das ist kompliziert.«
»Aber das ist doch schon so lange her … Meine Güte, länger als mein ganzes Leben. Und du wolltest nie, dass ich was darüber weiß?«
»Wir hatten vereinbart, dass wir nicht darüber reden«, sagte sie. »Für Lucy war es einfacher so.«
»Betonung auf war. Das scheint sich ja jetzt geändert zu haben.«
»Was hat sie denn erzählt?«, fragte meine Mom. »Über Matilda, meine ich? Wie hat sie sich angehört dabei?«
»Wie meinst du das?«
»War sie wütend?«
»Nein, nicht wütend, eher traurig.«
»Wie ist sie denn überhaupt auf das Thema gekommen?«
»Keine Ahnung, Mom. Sie lag in der Wanne und hat einfach so vor sich hin geredet. Sie war gestürzt und hatte sich vielleicht den Kopf gestoßen, vielleicht hatte sie Schmerzen und war einfach ehrlich. Sie vermisste ihre Tochter.« Wieder schwieg ich kurz. »So hat sie damit angefangen.«
Meine Mutter war still.
»Ich fänd’s toll, wenn du’s mir erklären könntest«, sagte ich. »Wie es so weit …«
»So was passiert eben, ja? Wenn in einer Familie so was passiert, dann bringt es überhaupt nichts, da irgendwas verstehen zu wollen.«
Ihre Stimme hörte sich an wie eine hart angeschlagene, meilenweit klingende Bronzeglocke. Man konnte kaum glauben, dass es keinen summenden Nachhall gab, so viel Schärfe lag darin. So was passiert eben. Wie ein Erdbeben. Oder Krebs. Wie das regelmäßige Uhrwerksticken einer alten Frau, die zerfiel. Bis sie es nicht mit eigenen Augen sah, würde meine Mutter nicht kapieren, was mit dem Körper ihrer Mutter geschah.
»Du weißt also nichts über sie?«, fragte ich. »Absolut gar nichts?«
»Wir wissen nur, dass sie in der Wüste lebt«, sagte sie. »Irgendwo in Nevada, keine Ahnung wo. Vielleicht wohnt sie da auch längst nicht mehr. Wir haben seit Jahren nichts von ihr gehört.«
Kurz war da etwas offen gewesen an meiner Mutter — etwas, das ich so noch nie mitbekommen hatte. Jetzt aber war sie wieder auf die mir bekannte Art und Weise unkonkret und unterkühlt, immer geneigt, alles, was man sagte, als Angriff zu interpretieren. Genauso sprach sie auch über ihren Vater — falls sie überhaupt mal über ihn sprach.
Meine Mutter behauptete, sich von seinem Clan distanziert zu haben — ein einziges großes Nest weißer, reicher Protestanten, sagte sie —, aber in ihrer Stimme lagen trotzdem Anflüge von Stolz. Immerhin hatte dieser Clan in der frühen Geschichte unserer Nation eine ganze Menge bewegt. Ich stellte mir hagere Männer vor, die mit dem Zwicker auf der Nase die Zuckersteuer eintrieben, mit Pelzen handelten und den Burschen, die die Teeballen vom Hafen heraufbrachten, den Lohn auszahlten. Als Kind hatte ich liebend gern über die Boston Tea Party nachgedacht. Was, wenn jemand eine ganze Stadt auf einem Boden gegründet hatte, der aus nichts als aus gepressten Ballen Darjeeling oder English Breakfast Tea bestand? Würde die Luft in der Sommerhitze dann so riechen, als ob Tee zöge?
»Das ist doch alles Geschichte«, sagte ich zu meiner Mutter, »und unsere Familie ist eben ein Teil davon.«
»Das ist nicht mehr deine Familie, seitdem er abgehauen ist«, schnappte sie. »Also schon seit vor deiner Geburt nicht mehr.«
So also war es um mich bestellt: Ich war ein Kind der Westküste, wo man Geschichte in Jahrzehntschritten macht und wo sich die Geschichte einer Frau und ihr Name wie Hitze über dem Freeway auflöst, als ein hässliches Gleißen, als unerklärlicher Rest dessen, was längst Vergangenheit ist.
Mit 22 zog ich nach Manhattan. Anfangs hatte ich noch große Pläne für New York. Wer hat die nicht. Das erste Mal, als ich in Manhattan war, besuchte ich Tom an der Columbia-Universität. Er war als wütender Teenager mit blauen Strähnen in den Haaren und einer Band namens The Hangovers von zuhause weggegangen. Aber in seinem neuen Leben und seiner neuen Stadt war er sehr korrekt und anständig geworden: Er studierte Wirtschaftswissenschaften und hatte eine Freundin namens Susannah Fern Howe, deren Eltern in Newton bei Boston wohnten und ein Wochenendhaus in der Nähe von Cape Cod hatten. »Da, wo Mom immer hingefahren ist, als sie klein war?«
»Nein, nicht auf Cape Cod, vor Cape Cod«, stellte Tom richtig. »Auf Martha’s Vineyard. Das ist eine Insel. Ganz was anderes.«
Auch er war anders geworden. In der Highschool war er knallhart gewesen. Ständig hatte er mich aufgezogen und mir spöttisch vorgeführt, wie wenig Ahnung ich von der Welt hatte, indem er vage Andeutungen machte auf seine Freunde und deren durcheinandergewürfeltes Sexleben. Nach seinem Wegzug ging er auf Abstand und verhielt sich mir gegenüber so höflich, als ob wir beide schon erwachsen wären. Ich war damals erst zehn. Er erzählte mir, was für eine »unvergleichliche Stadt« New York sei, was auch immer das heißen sollte, wahrscheinlich einfach nur: das Gegenteil von Los Angeles. Ich wollte einfach nur im Village shoppen gehen.
»Shoppen, so, so«, sagte er und zwinkerte mir zu. »Na, damit können wir dienen.«
Wir, nach so kurzer Zeit. Er und die Stadt hatten etwas, das er und die Stadt auch bei sich behielten.
Ich hatte mir Secondhand-Geschäfte voller hauchdünner Kleidchen und Ledersandälchen vorgestellt. Er aber fuhr mit mir zur Fifth Avenue, wo ich mir von dem Geld in meinem pink Plastikportemonnaie überhaupt gar nichts kaufen konnte. »Und was ist mit dem ganzen Bohemien-Zeugs?«, wollte ich wissen. Das Wort »Bohemien« hatte ich extra für meine Reise gelernt. Am Ende landeten wir auf einer Straße voller billiger Jeans-Outlets, diese Läden mit klappernden Metalljalousien. Gelbe Jeans bekam man hier für neunundneunzig Cent das Stück. »Das hier ist das Village«, sagte er. »Jetzt zufrieden?«
Zehn Jahre später zog ich ebenfalls hin, um unter Beweis zu stellen, dass ich genau das hier schaffen konnte — zufrieden zu sein. Meine Mutter hatte mich schon jahrelang gelöchert — Was hast du vor? Welche Pläne hast du, welche Ziele? —, aber mir fiel keine Antwort ein, die tatsächlich meine und nicht nur eine Antwort auf ihre Fragen gewesen wäre.
Das Problem war nicht die Erkenntnis, dass New York anders war als die Stadt, von der ich geträumt hatte, sondern vielmehr zu wissen, dass New York genau diese Stadt war, aber eben an Orten, die ich noch nicht entdeckt hatte. Ich wusste, diese Secondhand-Läden, wie ich sie mir vorgestellt hatte, gab es tatsächlich: Läden, in denen elegante Frauen ihre langen Finger über Spitzenröcke gleiten ließen und ihre Füße in abgetragene Ballerinas schoben, um auf Gehwegen zu flanieren, wo der abplatzende Beton im Sonnenlicht glitzerte. Irgendwo da draußen gab es solche Straßen. Ich versuchte weiter, sie zu finden.
In New York zu wohnen schien ein eigener Beruf zu sein: Indem man da war, öffnete man sich für den schroffen Charakter, den Herzschlag der Stadt. Die Cafés waren gestopft voll mit all den Leuten, die man im College kennengelernt hatte. Durch die ständige Gegenwart anderer, die einem die eigenen Grenzen aufzeigten, gewann man ein sehr klares Gefühl für sich selbst: Man führte lange Gespräche in leeren Mensasälen und aß gemeinsam fade Shrimps und verbrannten Reis. Man tauschte Geheimnisse aus, man stritt und monologisierte, und immer hörte jemand zu. Betrunken vielleicht, aber man hörte zu. Was würden wir wohl als Nächstes machen? Wie Tortenguss verteilten wir uns auf die New Yorker Brownstones, über Hunderte von Blocks.
Ich hatte ein Zimmer, das mal ein Wandschrank gewesen war. Man konnte noch die bemalten Haken sehen, an denen früher die Garderobenstange befestigt gewesen war. Spät und angeschickert kam ich nach Hause und legte mich mit Lorcas Gedichten über die Stadt in mein schmales Bett: Sie aber sind. / Sie sind es, die Silberwhisky trinken dicht bei den Vulkanen / und stückchenweise Herzen schlingen im Eisgebirge des Bären. Nächtelang fragte ich mich: Wer waren sie? Und wohin gingen sie zum Trinken?
»Du bist wie dein Vater«, sagte meine Mutter zu mir. »Du steigerst dich ständig in alles hinein.« Was nicht als Kompliment gemeint war.
Mein Vater, der nicht mehr ihr Ehemann war, hatte viele Jahre als persönlicher Assistent eines Künstlers namens Enrico gearbeitet. Enrico war der inoffizielle Kopf einer als »Border School« bekannten Künstlergruppe. Man nannte ihn den »Rothko der Müllkippe«, weil er große Müllhaufen mit einer, manchmal auch mit zwei Farben übermalte. Seine Arbeiten trugen Titel wie Müllkippe 1, Müllkippe 2, Müllkippe 3 und hatten mit ihrer regelmäßig und deckend aufgetragenen Farbe auf der raschelnden Textur des Mülls eine ganz erstaunliche Wirkung: Im schnellen Wechsel zogen sie einen an sich heran und wiesen einen dann brüsk wieder zurück, was einem das Gefühl gab, seekrank zu sein. Hinterher fragte ich mich immer: Was sollte dieses Schwindelgefühl wohl bezwecken? Erst veränderte es einen Augenblick deines Lebens und dann ging es einfach so wieder weg?
Wie sich herausstellen sollte, kannte meine Mutter mich besser als ich mich selbst, denn auch ich wurde eine persönliche Assistentin. Ich arbeitete in der Upper West Side für eine Journalistin, die ich nur Ms. Z. nannte. Natürlich hatte sie auch einen richtigen Namen mit mehr Buchstaben, aber da sie auf mich nie so ganz den Anschein machte, ein echter Mensch zu sein, begnügte ich mich mit dem Z. Ein Großteil von New York schien aus solchen Typen zu bestehen: aus Ideen von Menschen, die zu echten Menschen geworden waren und die rumliefen mit im Bauch zusammengerollten Drehbüchern, nach denen ihr Leben ablief, Papierstreifen, auf denen lächerliche Wörter standen, die gesprochen werden wollten.
Jeden Morgen fuhr ich zu Ms. Z.s Apartment auf der 71. Straße, gleich am Central Park, und arbeitete auf der Empore über ihrem Wohnzimmer. Die Einrichtung war so hässlich wie teuer: schwere Stoffe mit dicken Quasten, Brokatkissen und Sofas, die eher zum Anschauen als zum Draufsitzen gedacht waren. Aber immerhin gab es bodentiefe Fenster mit Blick auf den dunkelgrünen Park. Man konnte den Leuten dabei zusehen, wie sie kleine Abenteuer erlebten, wie sie ihr Eis am Stiel fallen ließen oder sich mit ihren Liebsten stritten.
Ms. Z. schrieb Bücher über Frauen, die Sex haben, Frauen, die alt werden, und alte Frauen, die Sex haben. Sie hielt reihenweise knackige Vorträge, und diese Vorträge schrieb ich ihr. Ich interviewte inspirierende Single-Frauen, inspirierende verheiratete Frauen, inspirierende magersüchtige Frauen und inspirierende lebensmüde Frauen bzw. Frauen, die über Selbstmord nachgedacht, sich dann aber umentschieden hatten. Außerdem buchte ich ihr die Tickets in die Hamptons und zog Geld aus dem Automaten, damit sie ihre vielen, allesamt illegalen Putzfrauen bezahlen konnte.
Einmal führte sie am Telefon ein Vorgespräch für einen Fernsehauftritt. In einer Talkshow übers Älterwerden. Älterwerden! Der Name der Sendung kam mit Ausrufezeichen daher.
Ich hörte sie unten Aphorismen wie Songtexte ins Telefon flöten: »Es geht nicht darum, wie man jung bleibt, sondern darum, wie man das Älterwerden lieben lernt.«
Danach zitierte sie mich nach unten. »Buchen Sie mir meine Botoxbehandlung«, sagte sie, »ohne kann ich nicht ins Fernsehen.«
Als ich sie das sagen hörte, hörte ich gleichzeitig das Echo dieses Satzes, wie ich ihn anderen Leuten weitererzählte. Und natürlich erzählte ich ihn weiter, noch am selben Abend und dann an vielen weiteren Abenden. Ich zog hochhackige Schuhe an und lief kilometerweit durch verregnete Straßen zu einer Cocktailparty unter der Brooklyn Bridge. Ich kam irgendwo an und machte den Mund auf, um zu trinken und zu reden. »Ratet mal, was meine Chefin gesagt hat.«
Ich erzählte die Anekdote Freunden, Bekannten und Fremden, einfach allen, die zuhörten. Es spielte keine Rolle, ob mich jemand kannte oder nicht. Die Anekdote funktionierte immer. So war New York. Beim Erzählen ging es nicht darum, mit jemand Bestimmtem zu reden, sondern es ging ums Reden an sich. Es war einem etwas passiert, das vielleicht die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen erregte. Es war einsam, dieses Reden. Die Wahrheit des Jungseins fühlte sich an wie ein schmutziges Geheimnis, das zu wahren alle übereingekommen zu sein schienen.
Allabendlich sagte ich Sachen wie: Heute haben meine Chefin und ich uns schon beim Lunch betrunken. Heute war meine Chefin bei Oprah in der Sendung. Heute habe ich über tausend Dollar für Präsentkörbe ausgegeben. Heute habe ich zwei Mal das Wort »herbstlich« benutzt, und beide Male habe ich dabei mit Tulpenverkäufern gesprochen.
Die Orte, an denen ich diese Sachen sagte, waren genauso wichtig wie das, was ich sagte. Die Fakten und Gefühle meines Lebens waren immer nur so wichtig wie die Orte, an denen sie geäußert wurden. Im Pegu Club, im SKINnY, im Milk and Honey, im Marlow & Sons, im Slaughtered Lamb, im Kettle of Fish, im Dove and Freemans, in diesem Arepas-Laden an der 1st Avenue, in einem Café namens Think, einem Restaurant namens Snack und einem Restaurant namens Home.
Wir alle gingen immer lange aus, schließlich wussten wir, dass sich das so gehörte, und erzählten uns dabei die wilden, eleganten Geschichten der Feiglinge. Wir zogen unsere Leben wie Karamellbonbons in die Länge. Wir entdeckten die gewichtigen, aber doch witzigen Parallelen zwischen unserem Leben und dem Leben von Promis, zwischen unserem Leben und dem Verlauf ungerechter Kriege, der Dritten Welt samt ihrer Scharlatan-Anführer sowie dem Globus samt seiner diversen Achilles-Fersen, den Ozeanen, der Atmosphäre. Wir machten Witze und wurden abrupt wieder ernst, schließlich mussten wir beweisen, dass wir die Dinge auch ernst nehmen konnten. Wir ernährten uns gut. Wir unterhielten uns über Essen. Und über das Essen in Restaurants, in denen wir nie gewesen waren. Wir unterhielten uns über die Traurigkeit und dass wir sie noch nie wirklich erlebt hatten. Wir unterhielten uns über Genozide, die in Vergessenheit geraten waren, weil immer nur über den Holocaust gesprochen wurde. Vor allem aber unterhielten wir uns über uns und über diejenigen, mit denen wir schliefen.
Ich erzählte von Louis, einem verheirateten Professor, der mich ab und zu empfing (so drückte er es aus). Dummerweise hatte ich mich in ihn verliebt. Er hatte ein Buch über die frühen Mystikerinnen geschrieben, diejenigen, die gehungert und sich selbst Verletzungen beigebracht hatten. Das Buch trug den Titel Wie fand Juliana ihren Gott? Er fragte mich über meine zwei Jahre andauernde Magersucht aus. Eigentlich drei Jahre, wenn man das Jahr noch mitzählte, in dem ich meine Periode nicht bekam. »Die Magersucht war mein kranker Gott«, sagte ich zu ihm. So war ich damals — immer schön dick auftragen und keine Scheu vor Kitsch.
»Du bist zwar noch jung«, sagte er und legte mir dabei die Hand aufs Knie, »aber du könntest dich selbst ruhig etwas ernster nehmen.«
Ich erzählte meinen Freunden, was er gesagt hatte, und wir mussten lachen. Sie sagten mir nämlich immer, ich solle es eher mal mit dem Gegenteil versuchen.
Es gab aber auch Dinge, die ich niemandem erzählte. Zum Beispiel: Heute habe ich auf allen vieren in Ms. Z.s Badezimmer die Urinflecken von ihrem sterbenden Hund weggeputzt. Heute habe ich gesehen, wie Ms. Z. ihre Putzfrau zum Weinen gebracht hat. Anders ausgedrückt, aber auch nicht gesagt: Heute wurde ich dafür bezahlt, einer erwachsenen Frau beim Weinen zuzusehen.
Ich verdichtete meine Tage zu sauberen, appetitlichen Häppchen. Ich arbeitete als persönliche Assistentin für eine Frau, die berüchtigt dafür war, Menschen wie Scheiße zu behandeln, und auch mich behandelte sie wie Scheiße. Aus dem Rest meines Lebens ließen sich keine lustigen Geschichtchen schnitzen. Im Geheimen begann ich, mich um meine zusammenbrechende Großmutter zu kümmern. Sie war weder inspirierend, noch hatte sie Sex oder behandelte irgendjemanden wie Scheiße. Sie wurde einfach nur alt.
Jeden zweiten Tag fuhr ich nach der Arbeit zum Bahnhof und nahm den Zug raus nach Greenwich. In den Wagen drängten sich Pendler im Anzug, die ihre Krawatten lockerten und auf Zwölf-Stunden-Fronturlaub an den Stadtrand fuhren. An ihrer Seite schlingerte ich auf die schwersten Stunden meines Tages zu: Ich ging mit Oma Lucy eine Runde um den Block, schnitt ihr die Limetten für ihr Corona — ihre einzige Schwäche — und strich ihr Cremes und Lotionen auf die papieren zerknitterten, vor Rosazea blühenden Wangen.
Manchmal setzte ich mich in den Bistrowagen, wo Männer ganze Plastikbecher voll mit wässrigem Gin in sich hineinschütteten, um gerüstet zu sein für die Gefechte mit ihren Ehefrauen und Kindern. Wären Sie tatsächlich lieber allein?, dachte ich. Sind Sie sicher? Ich stellte mir vor, wie Oma Lucy wie ein Vogel in ihrer stillen, bunten Wohnung hockte — gelbe Wände, blauer Teppichboden, lila Couch, diese beklemmenden Farbtöne als einzige Gesellschaft — und in Erwartung meiner Ankunft die Tür nicht aus den Augen ließ.
Die farblichen Akzente waren mit dem Alter gekommen, vielleicht als Eingeständnis ihres stillen Bedürfnisses nach Aufmunterung in ihren einsiedlerischen Lebensumständen. In ihrem alten Wohnzimmer in Los Angeles hatte es weiße Wände und eine weiße Couch gegeben, die voller weißer Haare von ihrem weißen Kater Boo war. Boo hatte einen Bruder namens Radley gehabt, einen getigerten Kater, der, nur wenige Monate nachdem Oma Lucy die beiden zu sich geholt hatte, zu neuen Besitzern gewechselt war. Ich habe mich immer gefragt, ob er wegen der Couch wieder weggeschickt worden war. Boo starb, als ich sechzehn war. Seine Asche bewahrte Oma Lucy in einer silbernen Schatulle hinter ihrem Festtagsporzellan auf.
Unsere Abende verbrachten wir mit Filmen über Spione und Bankräuber. Wir zogen dicke Stiefel an und liefen auf ihrem Parkplatz herum. Sie hatte Freude an meiner Art, mich zu kleiden, weswegen ich meine Outfits sorgfältig zusammenstellte: weite Röcke mit blumengemusterten Schals, dazu Blusen, die mit Rüschen oder filigranen Stickereien abgesetzt waren. »Stella, du hast deinen ganz eigenen Stil«, sagte sie. »Das gefällt mir.« In Wahrheit kaufte ich in Geschäften ein, die andere Leute schon vor mir entdeckt hatten oder die zuverlässige Bloggerinnen empfahlen. Aber wenn es ein Lächeln auf ihr Gesicht zauberte, war es das wert.
Obwohl Lucy sich alle Mühe gab, die losen Enden ihres Lebens zusammenzuhalten, fiel es ihr zunehmend schwer. Sie nahm eine Menge Pillen, deren Namen sie nicht kannte, von denen sie nur wusste, wofür sie jeweils gut waren: Die hier sind für mein Herz, wenn es wieder mal zu schnell schlägt, sagte sie. Es gibt noch andere, dafür, wenn es einen Schlag lang aussetzt. Ich sortierte die Tabletten in kleine Fächer, auf denen die Wochentage standen. Ihren Körper lernte ich im dampfenden Badewasser kennen: Blaue Flecken färbten ihre Schenkel dunkel, die Brüste hingen wie Plastikbeutel über ihrem vorgewölbten Bauch. Sie hatte eine lange, gerade und schwungvoll gezeichnete Nase und ein durchsetzungsstarkes Profil. Die Ränder ihrer schmalen Lippen betonte sie mit Konturenstift in Eispink, den sie allerdings nicht richtig aufgetragen bekam. Zur Mitte hin wurde die Farbe immer schwächer, als ob sie sie in sich hineingesaugt hätte. Sie hatte Make-up getragen, solange ich sie kannte.
»Deine Mutter hat immer gut ausgesehen«, sagte sie mir mal, »aber sie schien das selbst nie zu merken.«
Lucy hatte immer geglaubt, dass sie es schaffen könnte, ihre Tochter anders werden zu lassen als sich selbst — zufriedener. Jetzt war Lucy achtzig Jahre alt und fragte sich immer noch, ob sie es geschafft hatte.
Oma Lucy hatte einen robust und praktisch wirkenden Körper. Kaum zu glauben, dass dieser Körper der Ursprung der Eigenschaften meiner Mutter gewesen sein sollte — die einen sehnigen, zierlichen Körperbau und wie aus Stein gemeißelt wirkende Gesichtszüge hatte. Alles an meiner Mutter war schlank, bis hin zu den Fingern. Sie sah aus, als stünde sie kurz davor, entlang Tausender unsichtbarer Risse zu zerspringen.
Ich ähnelte eher Lucy als meiner Mutter. Mir war eine gewisse Schönheit eigen, aber keine feingliedrige, grazile. Mich wollte man nicht beschützen; bei mir wollte man ausprobieren, ob ich auch kaputtgehen könnte. Als ich zum ersten Mal meine Periode bekam, war ich größer als die meisten Männer — über eins achtzig — und gleichermaßen stabil wie herausfordernd gebaut. Das einzig Zerbrechliche an mir waren meine hellblauen und oft feuchten, ja generell tränenden Augen, die mein Vater »windig« nannte. Meine Gliedmaßen sahen schwer aus und fühlten sich auch so an: meine Beine schnurgerade Stelzen, meine ädrigen Hände und stumpfen Finger wie Waffen. »Du hast eine sehr starke Ausstrahlung«, sagte meine Mutter. »Da solltest du stolz drauf sein.«
Meine Mutter hielt nichts auf Schönheit — was sich nur schöne Frauen leisten können. Einmal sagte sie zu mir: »Wahrscheinlich spielt das Aussehen schon eine Rolle, aber ändern kann man ja sowieso nichts dran.« Und fügte hinzu: »Du kannst so gut aussehen, wie du willst: Das, was du wirklich willst, bekommst du trotzdem nicht.«
Als ich mir zum zehnten Geburtstag ein Brautmagazin wünschte, war sie sauer. Aber ich schaute mir einfach wahnsinnig gern diese Porzellanfrauen mit diesen eng um die Puppentaillen geschnallten Seidenkleidern an. Sie hatten so dünne Gliedmaßen, dass es aussah, als könnte man sie wie eine verdrehte Marionette in eine Schachtel falten. Ihr Innenleben stellte ich mir vor wie ein fein säuberlich eingerichtetes Zimmer, ihre Gefühle wie mit glänzendem Stoff behängte und in weichen Linien geschnittene Möbel — diese ruhige Selbstsicherheit, diese Gelassenheit angesichts des permanenten Begehrt-Werdens. Ich hatte ein Bild von meiner Mutter im Hochzeitskleid gesehen, und es hatte mir den Atem verschlagen — ich dachte nur: Unmöglich, dass sie meine Mutter ist —, aber ich wusste, dass ich ihr meine Bewunderung niemals würde zeigen können, nicht mal ein Bruchstück davon, denn diese Art von Bewunderung wollte sie gar nicht.
Was ihren Körper betraf, war Oma Lucy immer sehr zurückhaltend gewesen, nie hätte sie »pinkeln« gesagt oder »Rotz«. Jetzt aber ließ sich nichts mehr verbergen. Der Durchfall landete auf dem Sofa und auf dem Teppich. Sie aß Pflaumen, weil die Schmerzmittel bei ihr zu Verstopfung führten. »Vielleicht sind die Pflaumen keine so gute Idee«, sagte ich. Sie war zu angeschlagen, um es rechtzeitig ins Badezimmer zu schaffen. Beim Gehen stützte sie sich immer mit einer Hand an der Wand oder auf dem Tisch ab. Ihre Nerven schlugen blinden Alarm, der Juckreiz ließ einfach nicht nach. Sie war überzeugt davon, dass Ingwer helfen würde.
»Ingwer«?, fragte ich. »Warum denn Ingwer?«
Sie zog ein zusammengefaltetes, gelbes Blatt Papier heraus, das auf ihrer Anrichte hinter der Salz- und der Mehldose gesteckt hatte. Auf dem Zettel war eine schematische Zeichnung des menschlichen Körpers, der bedeckt war mit chinesischen Buchstaben und knallroten Bögen, die die Gliedmaßen miteinander verbanden, wie auf dem Poster einer Fluggesellschaft, auf dem die Städteverbindungen abgebildet waren. Das Bild hatte Matilda gehört. So gut sie konnte, erklärte Oma Lucy mir: »Sie hat geglaubt, dass alles mit allem zusammenhängt. Sie hat geglaubt, dass man Magenschmerzen wegkriegen kann, wenn man die Zehen richtig massiert.« Matilda hatte auch sehr spezielle Vorstellungen darüber gehabt, welche Farben man vor dem Einschlafen als letzte sehen sollte: Hellblau und Gold nämlich. »Sie hat ihre Zimmerdecke angemalt«, erzählte mir Oma Lucy. »Danach hat ihr Schlafzimmer tagelang nach Terpentin gestunken.«
Die verrückte Idee mit dem Ingwer kam auch von Matilda: Um sich von anderen Schmerzen abzulenken, sollte man sich ein Stück Ingwer unter die Zunge schieben, bis es brannte. »Einen Versuch ist es wert«, meinte Oma Lucy. »Ich habe ja eigentlich nichts zu verlieren.«
Jeden Dienstag kam Juana ins Haus. Sie arbeitete schon seit Jahren für Oma Lucy. Sie machte bei ihr sauber und kochte Eintöpfe, die wir dann eine Woche lang im Kühlschrank stehen ließen: Truthahn-Chili, das aussah wie Hundefutter, Suppen so dick wie Malerfarbe, Nudeln mit fasrigen Hühnerstreifen. Lucy mochte ihr Essen inzwischen lieber in Baby-Konsistenzform. Ihr Zahnfleisch blutete wie ein schmierender Kugelschreiber. Ihren Appetit hatte sie bereits mehrheitlich eingebüßt, und eine ganze Menge an Gewicht auch. Am ehesten gelang es mir, sie zu einer Schüssel mit Erbsen- oder Fischcremesuppe zu bewegen, am besten, es hieß nur irgendwie Cremesuppe. Wenn sie ihren Löffel umklammerte, taten sich an ihren knotigen Fingern dort, wo früher Muskelfleisch gewesen war, geisterhafte Mulden auf.
Einmal schlief sie über ihrem Eintopf ein. Später fand ich überall Maiskörner, die wie Stuck auf der Couch klebten. Juana zeigte mir, wo die Reinigungsmittel standen. Sie zeigte mir, wie man Teppichreiniger gegen Durchfallflecken einsetzt, und erklärte mir den Unterschied zwischen den einzelnen Herstellern: Dieses hier kann man auch fürs Sofa benutzen, das hier nicht.
»Weil es zu scharf ist?«, fragte ich.
Sie zog die Nase kraus. Ich verstand. Weil es zu sehr stank.
Hinsichtlich des Zustands meiner Großmutter war Juana sehr emotional. Eines Nachmittags fand ich sie weinend in der Küche. »Ich kann nicht mehr«, schluchzte sie. »Ich hasse es.«
Ich hasste es auch, aber ich weinte nicht deswegen, auch wenn mir oft danach gewesen wäre. Ich war unsicher, ob ich überhaupt weinen konnte. Ich tätschelte Juana den Arm. Meine Finger fühlten sich hölzern und nicht menschlich an.
Da sagte sie: »Du bist sehr — wie sagt man? — ja: stark. Sehr stark.«
Ich schüttelte den Kopf. Ich war nicht stark. Ich war inwendig nur in viele kleine Segmente unterteilt. Und diese Segmente standen nicht notwendigerweise miteinander in Kontakt. Manche hatte ich schon sehr lange nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Nach Mitternacht war ich wieder zurück in der Stadt und rief die Freunde an, von denen ich wusste, dass sie noch wach waren: die Arbeitslosen, die Künstler mit Stipendien und die Künstler, die gar keine finanziellen Mittel hatten, diejenigen, die unter einer Depression litten, manche mit, manche ohne Diagnose, sowie diejenigen, die so weit draußen in Brooklyn wohnten, dass sie eigentlich schon in Jersey waren. Wir streuten Weisheiten zwischen unsere Worte, die getragen wurden von dem Bier in unserem Atem. Die Freunde erzählten mir, sie hätten Ratten so groß wie Hunde im Treppenhaus gesehen und seien dabei, die ästhetischen Grundsätze der vergangenen Jahrhunderte zu vergessen. Ich erzählte, ich sei in Connecticut der Sterblichkeit begegnet. Wir blieben bis zum Morgengrauen auf, weil wir uns von der Müdigkeit kleinmachen lassen wollten oder weil wir einfach Angst hatten vor unseren Träumen.
An einem Abend aber rief ich niemanden mehr an. Ich wollte einen Mann finden, egal was für einen Mann, dessen Gesicht mir als Zeichen meiner Einsamkeit dienen konnte. Ich fühlte mich sowieso schon allein. Ich brauchte einen mir unbekannten Menschen als Beweis, egal, wo er war oder wer er war. Ich fand ihn in einem Irish Pub in Midtown, einen kahlköpfigen Mann, der ganz allein in der Nähe der Klos saß. Mir gefiel seine Stimme, als er mir einen Whiskey ausgeben wollte. Ich sagte ihm, ich wolle ihn ohne Eis.
Als er der Frau an der Bar meinen Wunsch weitergab, klang er forsch und selbstsicher, so, als wüsste er ganz genau, dass ich genau das jetzt brauchte. Er würde sich darum kümmern, dass meine Bestellung richtig verstanden wurde. Wenn ich die Augen zusammenkniff, sah sein Kopf aus, als ob er leuchtete. Verschwommen wie eine durch einen Tränenschleier betrachtete Glühbirne.
Wir tranken. Und unterhielten uns über die Fallstricke des Alters und die Illusionen der Jugend. Manchmal schlug er sich leicht gegen den Schädel, als ob das Glück bringen würde: Klopf auf Holz. Er fragte, warum ich seinen Kopf anstarren würde. Ich sagte: »Mir gefällt, wie er glänzt.«
Ich trank noch etwas mehr. Er trank auch noch etwas mehr. Er sagte, er sei Arzt, spezialisiert auf Gehirnverletzungen. »Suchen und zerstören«, sagte er mit einem gewissen Stolz und klopfte wieder gegen seinen Holzkopf. Ich fragte mich, ob er überhaupt an der Uni gewesen war.
An der Bar bat ich um eine Maraschino-Kirsche, weil ich auf dem Stängel herumkauen wollte. Wie schafften es manche Menschen bloß, mit der Zunge einen Knoten hineinzumachen? Es kam mir vor wie eine letztgültige Aussage über den menschlichen Körper, der sich mit dem Verstand eben nicht kontrollieren ließ. Suchen und zerstören. Manchen Menschen könnte man jede beliebige Gehirnverletzung zufügen, und sie würden es trotzdem noch hinkriegen, Knoten in die Stängel zu machen. Ich sicher nicht, andere aber schon.
»Ich versuche ja nur, ihr zu helfen«, sagte ich, »aber ich glaube, es reicht nicht.«
»Du liebes Mädchen.« Er lächelte. »Es reicht bestimmt.«
Er legte mir den Arm auf den Rücken, und ich merkte, wie seine Hand unter meinen Rock fuhr und mir an den Arsch fasste. Ich gab ihm einen Klaps auf den Arm. »Ich sage hier etwas Wahres über mein Leben.«
»Ja und?«
»Und dir ist das scheißegal.«
Lachend drückte er nur fester zu. »Natürlich ist mir das scheißegal.«
Mit gebogenem Finger lockte ich ihn näher zu mir heran, tat so, als wolle ich ihm ein Geheimnis ins Ohr flüstern. Dann ging ich mit dem Mund ganz nah an sein Ohr heran und spuckte hinein.
»Du kleine Schlampe!«, rief er. »Was war das denn?«
Ich sah mich um, suchte nach einem anderen Gesicht, nach der Tür. Der Whiskey ließ die Lichter verschwimmen. Ich ließ kein Geld liegen und schwankte kaum, als ich die Bar verließ.
Irgendwann lud mich meine Freundin Alice zu einer Filmpremierenparty ein. Kein Blockbuster, meinte sie, sondern ein richtiger Film. Alice war so attraktiv, dass sie überall Spaß hatte. Sie war halb Deutsche und halb Japanerin — »ein Produkt der Achsenmächte«, wie sie sagte —, superhübsch mit ihrer weichen, geisterhaften Puppenhaut. Ihr sicheres Wissen um ihre Attraktivität war gleichermaßen der Grund wie das Ergebnis ihrer Schönheit. Sie schaffte es, Rauschmittel seriös zu konsumieren, ohne sich dabei zum Affen zu machen.
Sie meinte zu mir, die Party würde sicher absurd, voller Leute aus Los Angeles. »Ich komme auch aus Los Angeles«, sagte ich.
Darüber dachte sie kurz nach. Dann sagte sie: »Stimmt. Aber nicht so wie die.«
Sie wollte früh hin, so gegen elf. Was für mich bedeutete, dass ich meine Fahrt zu Oma Lucy ausfallen lassen musste. Ich rief Juana an und fragte, ob sie Lucy am Abend wohl eine Suppe bringen und dann bei ihr bleiben könne, während sie die Suppe aß? Konnte sie. Manchmal kleckerte sich Oma Lucy nämlich voll und merkte es nicht. Verschütteter Haferbrei hatte mal einen quer über ihren Schenkel laufenden roten Streifen hinterlassen, weil die Flocken so festklebten, als ob sie ihr auf die Haut geleimt worden wären.
Die Party fand in einem vor Schmutz starrenden Lagergebäude in Bushwick statt. In dem Film, den so gut wie keiner gesehen hatte, ging es um Mobbing in der Schule. Der besondere Dreh war, dass die gemeinen Kinder zwar übermenschliche Kräfte hatten, aber die netten Kinder eben auch, und zwar noch bessere. Gewalt gab es auch, aber nur lustige, keine wirklich krasse, aus Gründen, die irgendwie mit der Altersklassifizierung zusammenhingen. Manches ließ sich politisch lesen. Eine vielleicht betrunkene, vielleicht auch nüchterne Frau redete auf der Party sehr laut über chemische Verbindungen, die ihrer Meinung nach eine Allegorie waren auf den Krieg gegen den Terror, die staatliche Folterpolitik und so weiter. »Was also ziehen wir daraus?«, fragte sie in die Runde. »Alles fair und gerecht, solange nur die Bösen was abkriegen?«
Auf der Fahrt hierher hatte Alice mir von ihrem aktuellen Liebhaber erzählt, von seinen Mechanismen, Distanz herzustellen, und von seinem entsetzlichen Eau de Cologne. Ich konnte nur zustimmend nicken. Louis legte zwar nie Eau de Cologne auf, aber er distanzierte sich auch ständig, über seine Frau zum Beispiel. Die Phasen, in denen zwischen uns Schweigen herrschte — in denen uns das Verständnis füreinander fehlte, in denen er nicht genügend Willen aufbrachte, es wenigstens zu versuchen —, ließ er aussehen wie die unausweichlichen Symptome des ganz normalen menschlichen Miteinanders.
Die Party war so laut, dass ich Alice kaum noch verstehen konnte, aber ihren mal schmal zusammengepressten, mal ironisch zur Seite gezogenen, über ihrem eisgekühlten Martini zum O geformten Lippen konnte ich ablesen, ob sie ein Lachen oder Stirnrunzeln von mir erwartete. Hin und wieder erwartete sie sogar eine Antwort von mir. Zum Beispiel wollte sie wissen, ob Louis’ Ansatz sehr theoretisch sei. Sein Ansatz wofür? Das war eine der Fragen, die ich nicht richtig verstanden oder bei der ich mich nicht genügend konzentriert hatte. Immer wieder ging mir das Bild von Oma Lucy durch den Kopf, wie sie ihr Abendessen aß: Ein von Hühnerbrühe feuchtwarmer Bademantel klebte ihr auf den Knien und warf Falten über einem Nest aus Kekskrümeln und blauen Tabletten, die ihr zwischen die Kissen gerutscht waren. Ab und an fasste Alice mich am Arm und sagte etwas wie: »Findest du das nicht auch einfach nur total krass?«
Alice und ich hatten auf dem College zeitgleich eine Essstörung gehabt, was wir wie eine gemeinsame Freizeitaktivität betrieben hatten, so, wie manche Leute zusammen koksen oder Volleyball spielen. Sie brachte mir ihre Tricks bei, zum Beispiel warmes Wasser zu trinken, um nicht zu frieren. Sie schaffte bis zu fünfzehn Becher pro Mahlzeit, wobei sie ihre Finger um das Trinkgefäß schlang, um die Wärme besser aufzunehmen. Sie erzählte mir, Grünteebauern hätten das im Winter von Shizuoka in ihren zugigen Holzhütten genauso gemacht. Sie brachte sich zu der Überzeugung, dass ihr die unerfüllbare Sehnsucht in die Knochen eingebaut worden sei. Über ihre Knochen dachte ich deutlich mehr nach als über die Knochen anderer Leute. Wie die Äste eines Baumes lagen sie unter ihrer Haut. An diese frühere Alice erinnerte ich mich wie an eine Sagengestalt, an eine Zusammenstellung surrealer Details, obwohl sie damals in Wirklichkeit nichts anderes tat als hungern. Was wir beide taten: Unsere Seele war krank, und das zeigten wir auch.
Zusammen wurden wir wieder gesund, zumindest behaupteten wir das, während wir gemeinsam zu Therapiesitzungen und Gesprächsrunden rannten. Über die kitschigen Parolen dort machten wir uns genauso lustig wie über die Mädchen, die nicht dürr genug aussahen, um diese Parolen überhaupt zu brauchen. Wir machten uns selbst ein bisschen größer. Wir behaupteten, uns ginge es schlecht, und das war die Wahrheit. Es ging uns schlecht. Wir fühlten etwas und wir taten etwas mit diesem Gefühl, und das war das Schlimme daran. Als wir unseren Schmerz schließlich ans Licht holten und ihm einen Namen gaben, seiner ansichtig wurden, mussten wir feststellen, dass er verstümmelt worden war von unseren Manipulationen, dass wir ihn ordentlich durch die Mangel gedreht hatten, um das zu bekommen, was wir wollten. Er war kaum noch zu erkennen. Kaum noch der unsrige. Dann ging es Alice wieder schlechter, schlechter, als es mir je gegangen war, und wir verloren uns irgendwie aus den Augen.
Heute schüttelten wir die Köpfe über unser früheres Selbst. Alice sagte: »Mann, waren wir krank damals.« Sie war mittlerweile sicherlich nicht füllig, aber man konnte doch das Gewicht ihrer Brüste erkennen. Sie hatte jetzt mindestens Körbchengröße B — und eine seltsame Art, über ihre Krankheit zu sprechen: »Das war das Schlimmste, was mir je passiert ist. Und das Beste.«
Inzwischen war sie auf Prozac und sagte: »Harte Droge. Die einem auch was nimmt.«
Aber nicht alles. Alice war immer noch eine lebhafte Erzählerin, die voller Geschichten über Leute steckte, die ihr für ihre Lofts und Eigentumswohnungen ein Kunstwerk abgekauft hatten. Sie zeigte reges Interesse an anderen Menschen und hatte einen scharfen Sinn für Humor, dessen klare Kante sich oft ohne Vorwarnung zeigte und mir vor Augen führte, wie auch ich auf andere Leute wirken musste: gebrochen und grinsend wie ein Clown. Immer mal wieder passierte es ihr, dass sie mitten in einer Anekdote innehielt und ihr Blick urplötzlich in die Ferne schweifte, so, als suchte sie den Horizont ab. Vielleicht wartete sie auf die Rückkehr ihrer Krankheit oder irgendeines anderen Problems. Für Bruchteile von Sekunden blitzte da diese Hoffnung auf in ihren Augen.
Der Raum um uns herum war voller Leute, von hier und von woanders. Wie lebendig gewordene Farbkleckse aus einem Cartoon waren da: Hipster mit Vokuhila und Hosenträgern. Leggins-Mädchen, deren schmale Handgelenke sich wie fliegende Fische in glitzernd gläsernen Armreifen bewegten. Eine Frau, um deren Schultern sich zwei Frettchen gerollt hatten wie Klammern. Ein Mann, der sich ein Foto von David Bowie in den V-Ausschnitt seines Sweaters gesteckt hatte, aus dem dicke, wollene Brusthaare hervorquollen, und der mich bat, ihn zu fotografieren. »Nimm mein Mobiltelefon«, sagte er, »das hat eine Kamera.«
Man sprach laut, vor allem deswegen, weil man gehört und von Fremden belauscht werden wollte. Eine Frau war von einem Messerhersteller für einen zweiten Werbefilm gecastet worden, hatte jetzt aber Angst, dass das bedeutete, ihre Hände seien zu männlich. Einer war Kameramann bei einer Doku über Monopoly-Fans in Tennessee. Ein anderer kannte einen Freund von einem Freund, der einen Spielfilm über Tollwut drehte. Viele tanzten auch einfach. Das gefiel mir.
Alice redete gern mit mir über mein zweites Leben oben im Norden. »Ich kenne nur Leute, die gerade ihren Uniabschluss machen oder eben arbeiten«, sagte sie. »Du erlebst wenigstens was Richtiges.«
Sie beschwerte sich über ihren Liebhaber, den, der nach europäischen Liebesspielen roch, und über seine narzisstische Haltung gegenüber ihrer Kunst. »Als ob jede Leinwand ein Spiegel wäre«, erzählte sie. »Er sieht immer nur sich selbst.«
Ich sah: Suppe, Bademantel, Tabletten.
»Wie armselig«, sagte ich.
Sie sagte: »Natürlich geht es in keiner einzigen meiner Arbeiten um ihn.«
Wahrscheinlich ging es in ihrer Kunst aber trotzdem meistens um ihn oder zumindest um die Idee von ihm. Ich sagte: »Superarmselig.«
Darauf sie: »Krieg das jetzt nicht in den falschen Hals. Aber du benutzt nicht mehr ganz so große Worte wie früher.«
Oma Lucy hatte einen Balkon, der zwischen den Balkonen von Junggesellen lag, die im Finanzwesen tätig waren. Auf diesem Balkon saß sie gern in der blauen Stunde, selbst im Winter. In der Dämmerung wurde sie friedlich und verwirrt. Die Ärzte hatten einen Namen dafür. Sie nannten es das »Sundowning-Syndrom«.
»Dora hat mal in Afrika ein Waisenhaus gehabt«, sagte sie. »Sie hat selbst daran mitgebaut. Und sich dabei den Finger gebrochen.«
»Du meinst, meine Mutter hilft Menschen in Afrika«, sagte ich. »Mit ihrer Kanzlei.«
Eine Pflegerin, die seit neuestem einmal pro Woche kam, erklärte mir die Sache mit der Dämmerung: »Um diese Uhrzeit verwirrt zu sein kommt bei älteren Menschen häufiger vor«, sagte sie. »Da kann man die Uhr nach stellen. Niemand weiß, warum.«
Die abendliche Verwirrung war wie eine Persönlichkeitsveränderung. Als ob Oma Lucys wahres Selbst — ein palaverndes, orientierungsloses Selbst, das geradezu mit Besessenheit an Geschichten glauben wollte, die nie passiert waren — bis zum Einbruch der Dunkelheit wartete und dann in die Schatten hinausträte. In diesem Zustand sprach Lucy mit mir, als ob sie blind wäre: Mit schräg von mir abgewandtem Blick erinnerte sie sich an die Lieblingsbutterbrote ihrer verlorenen Tochter und daran, wie schwer Matilda abends eingeschlafen war.
Zwischen der nüchternen Klarheit ihrer Tage und den von den Medikamenten beeinflussten Ansprachen ihrer Nächte lagen diese Dämmerungszustände, in denen man unmöglich sagen konnte, was der Wahrheit entsprach und was sie sich möglicherweise nur einbildete. Matilda könnte mittlerweile eine Schauspielerin sein, eine Dichterin, eine Kellnerin, eine Bankangestellte oder einfach eine Vorstadtmutter, die auf stille Weise umwerfend war. Lucy sagte, Matilda sei eine Frau gewesen, die durchaus jung hätte sterben können. Zuerst schockierte es mich zu hören, wie sie sich den Tod der eigenen Tochter ausmalte — ganz gelassen und nur ein bisschen wehmütig —, dann aber merkte ich, dass der Tod bei ihr nicht das gleiche Gefühl auslöste wie bei mir. Er war ihr so nah, dass sie ihn fast schon hören konnte, wie ein Summen in der Entfernung, und wer wusste schon, was er für sie bereithielt? Vielleicht ja die schon wartende Tochter. Vielleicht würde er sie beide einander näher bringen, als sie sich zu Lebzeiten jemals waren.
Meine Mutter rief mich täglich an. Sie wollte alles haarklein wissen. »Mutter erzählt mir einfach nicht alles.« Sie hielt inne. »Sie war schon immer so verdammt stolz.« Sie konnte ja nicht sehen, was mit dem Stolz ihrer Mutter gerade passierte. »Isst sie denn auch genug?«, fragte sie. »Und was?« Ich berichtete von den Mahlzeiten, fand aber keine Worte für die langen Zeiten dazwischen — diese Stunden voller Auflösung, Langeweile und Scham über den eigenen Körper. Man kann einfach niemandem erzählen, dass da gerade jemand stirbt und wie dieses Sterben aussieht — das muss jeder und jede selbst sehen.
Oma Lucy sprach oft von Matilda, aber nie darüber, warum Matilda gegangen bzw. zum Gehen gebracht worden war oder warum sie den Kontakt abgebrochen hatte bzw. warum der Kontakt zu ihr abgebrochen worden war. Sie erzählte nur davon, wie ihre Tochter als Kind gewesen war.
»Es hätte nicht passieren dürfen«, sagte sie ein einziges Mal. »Es war furchtbar.«
»Was war furchtbar?«
Ich dachte, jetzt käme sie vielleicht — diese noch nie erzählte Geschichte, die Geschichte über den Bruch.