9,99 €
In einigen Bundesländern ist der Sachkundenachweis für die Haltung eines Hundes bereits Pflicht. Dieses Standardwerk für jeden Hundehalter bietet die optimale Vorbereitung, um die theoretische Prüfung zum Hundeführerschein erfolgreich zu bestehen. Es beinhaltet das nötige Basiswissen über Hunde, alle rechtsrelevanten Themen sowie einen ausführlichen Frage-Antwort-Katalog nach den Anforderungen vieler Prüfungsstellen. Als Extra erfahren Sie von den erfahrenen Tierärztinnen Celina del Amo, Dr. Renate Jones-Baade und Karina Mahnke zudem alles über den Ablauf einer Hundeführerschein-Prüfung. So gehen Sie perfekt vorbereitet in die Prüfung!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2026
Celina del Amo, Dr. med. vet. Renate Jones-Baade, Karina Mahnke
DER HUNDE-FÜHRERSCHEIN
Sachkunde – Basiswissen und Fragenkatalog
8., aktualisierte und erweiterte Auflage
Liebe Hundehalter,
wenn man sich für das Zusammenleben mit einem Hund entscheidet, wird das Leben fortan durch ein hochsoziales Lebewesen bereichert. Aufgrund der sehr unterschiedlichen Rasseveranlagungen, Aufzucht- und allgemeinen Vorgeschichten sowie individuellen Lebenserfahrungen ist Hund jedoch nicht gleich Hund. Auch die Haltungsform des Hundes kann vom Familienbegleithund über den Diensthund bis zum Rettungs- oder Servicehund variieren. Dies spiegelt sich auch in den Ansprüchen an die Erziehung und Ausbildung des Hundes wider. Die Stressbelastung des Hundes, die das alltägliche Leben mit seinen Reizen und Turbulenzen mit sich bringt, kann durch eine bedachte Auswahl, Unterbringung und Haltung, Pflege und Gesunderhaltung sowie Erziehung und Führung des Hundes minimiert werden. Bei der Gestaltung der Texte in diesem Buch haben wir uns bemüht, für Sie eine kurze und moderne Übersicht über die wichtigsten Punkte der angesprochenen Bereiche zu erstellen. Auch im Hinblick auf die in einigen Bundesländern vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Hundeführerschein- bzw. Sachkundeprüfungen finden Sie Beispielfragen zur Vorbereitung auf eine ggf. anstehende theoretische Prüfung. Wir wünschen Ihnen viel Freude mit Ihrem Hund!
Herzliche Grüße
Celina del Amo
Basiswissen
Entwicklungsgeschichte des Hundes (del Amo)
Verhalten, Kommunikation, Aggression, Angst (Jones-Baade)
Vor dem Hundekauf (Mahnke)
Welpenaufzucht (Mahnke)
Lernverhalten beim Hund (Jones-Baade, del Amo)
Mensch und Hund: eine Beziehungskiste (Jones-Baade)
Haltung, Pflege, Gesundheit, Ernährung (del Amo)
Der Hund in der Öffentlichkeit (Mahnke)
Hund und Recht (Mahnke)
Der Hundeführerschein
Fragenkatalog zur theoretischen Prüfung des Hundehalters
Service
Es gibt heute auf der Welt über 400 verschiedene Hundrassen. Alle haben einen gemeinsamen Stammvater: den Wolf. Man weiß durch Knochenfunde, dass Hunde schon seit etwa 35 000 Jahren mit Menschen zusammenleben.
Wie aus dem Wolf ein Hund wurde, ist noch nicht im Detail erforscht. Vermutlich suchten Wölfe die Nähe des Menschen. Reste von Jagdbeute könnten ein Grund gewesen sein. Vielleicht wurden hin und wieder auch Wolfswelpen von Menschen aufgezogen, die in enger Nähe der Menschen blieben und ihrerseits später selbst Junge bekamen. Dann begann eine Selektion. Zunächst wurden die zahmen Tiere geduldet und die anderen verjagt oder getötet. Anschließend wurde auch auf andere Merkmale selektiert, die den Menschen gefielen.
Aus dem Wildtier Wolf wurde im Laufe der Zeit das Haustier Hund. Diesen Prozess nennt man Domestikation.
Auch in der heutigen Zeit haben Hunde immer noch das Potenzial zum Raubtier. Wenn sie jedoch, wie in den meisten Fällen, in menschlicher Obhut aufwachsen und mit Menschen schon als kleiner Welpe positive Erfahrungen machen, sind sie an den Menschen sozialisiert. Menschen gehören dann in den Augen des Hundes sozusagen zu einer befreundeten Art, mit der sie in einem engen Gruppenverband leben können. Der Hund ist ein domestiziertes Raubtier. Er ist und bleibt ein Jäger und in jedem Fall ein soziales Rudeltier, das auf enge Kontakte mit Sozialpartnern wie Artgenossen und Menschen angewiesen ist.
Die Auswahl von Zuchttieren ging im Laufe der Zeit immer weiter. Für verschiedene Aufgabenfelder wurden Spezialisten gezüchtet, etwa Hunde für verschiedene Jagdaufgaben, Hütehunde, Schlittenhunde, Wachhunde und andere.
Die Zuchtmerkmale schlagen sich nicht nur im Aussehen, also dem Körperbau und der Fellbeschaffenheit nieder, sondern vor allem auch in der charakterlichen Veranlagung der Tiere. Klimatische Unterschiede und sich hieraus ergebende Besonderheiten der Einsatzbereiche von Hunden spiegeln sich in bestimmten Rassen wider.
Die einzelnen Hunderassen unterscheiden sich stark. Dies gilt sowohl für die Veranlagung als auch für das Aussehen. Manche Hunderassen sind auf bestimmte Tätigkeitsfelder spezialisiert.
Trotz der großen Vielfalt kann man Rassegruppen benennen, in denen Hunde mit einer ähnlichen Veranlagung, oft auch mit einer ähnlichen Zuchtgeschichte oder dem gleichen Zuchtziel zusammengefasst werden.
Das Zusammenleben von Hund und Mensch ist eine jahrtausendelange Erfolgsgeschichte.Bei der Auswahl eines Hundes sollte auf die jeweilige Veranlagung der Rasse besonders geachtet werden, denn diese spielt auch im Bereich der Erziehung und des Zusammenlebens eine wichtige Rolle.
Die Natur hat es so eingerichtet, dass sich hauptsächlich die Tiere fortpflanzen, die sich besonders gut an die sich ständig verändernde Umwelt anpassen können. Hierbei spielen die körperliche Verfassung (Gesundheit, Kraft, Ausdauer u. a.) und besondere Fähigkeiten (Führungsqualitäten, Jagdtalent, Stressresistenz, Souveränität u. a.) der Tiere die Hauptrolle. Da aber bei der Hundezucht durch den Menschen heute keine natürliche Selektion mehr stattfindet, erfüllen nicht alle Zuchtrichtungen das Ziel, gesunde, spezialisierte Hunde hervorzubringen. Das ist für den Hund selbst kein Vorteil. Ganz im Gegenteil: In einigen Rassen oder bestimmten Linien einiger Rassen treten genetisch fixierte Krankheiten und Organschäden auf.
Das Verhalten des Tieres ist letztendlich immer sowohl von seinen genetischen Anlagen als auch (und das zu einem Großteil) von seiner Sozialisation, Habituation und seinen Lernerfahrungen abhängig. Dem Verlauf der ersten Lebenswochen kommt eine Schlüsselrolle zu.
Es ist unmöglich, innerhalb weniger Generationen eine charakterliche Veranlagung und eine bestimmte Spezialisierung zu ändern, für die diese Hunderasse seit vielen hundert Jahren gezüchtet wurde. Bei der Auswahl eines Welpen sollte v. a. darauf und weniger auf das Aussehen Wert gelegt werden, damit der Hund auch in optimaler Weise in sein späteres Umfeld passt und keine „vorprogrammierten“ Probleme auftreten.
Bei der Auswahl der Rasse sollte man vor allem auf die jeweiligen Unterschiede in der Veranlagung achten.
Bauernhunde
Aufgaben
Wächter von Haus und Hof
wurden auch als Treib- und Zughunde eingesetzt
Rassebeispiele
Großer Schweizer Sennenhund, Bernhardiner
Talente
kräftige Tiere, die auch heute noch Zuglasten ziehen können
neigen wenig zum Streunen, bleiben meist bereitwillig beim Anwesen
eher ruhiges Temperament
Mögliche Probleme
große, kräftige Tiere
territoriale Veranlagung
Treibhunde
Aufgaben
Treiben der Rinderherden
Wächter der Rinderherden
Rassebeispiele
Appenzeller- und Entlebucher Sennenhunde, Rottweiler
Talente
Hunde, die von sich aus sehr wachsam sind
temperamentvoll
Mögliche Probleme
kräftige Tiere
territoriale Veranlagung
besonders in Arbeitslinien ist die Tendenz nach den Fesselgelenken (Füßen, Knöchel) zu schnappen sehr verbreitet
Herdenschutzhunde
Aufgaben
Bewachen der Vieh- und Schafherden sowie des Besitzers (gegen Bären, Wölfe und Diebe)
verbleiben häufig mehrere Tage alleine mit der Herde
Rassebeispiele
Owczarek Podhalanski, Kuvasz, Kangal, Pyrenäenberghund
Talente
sehr selbstständig
hohe Verteidigungsbereitschaft
Mögliche Probleme
sehr starke territoriale Veranlagung
starke Unabhängigkeit
schwierigere Einflussnahme durch den Besitzer
sehr selbstständige, große, kräftige Tiere
besonders in Dämmerung sehr misstrauisch
extrem anfällig für Sozialisationsmängel
Hütehunde
Aufgaben
Zusammentreiben und Zusammenhalten der Schafe unter dem Kommando des Hirten
sollen ein wehriges Schaf auch packen, es aber dabei nicht verletzen
Rassebeispiele
Border Collie, Australian Shepherd, Harzer Fuchs
Talente
wendige, sehr lauffreudige und schnelle Hunde
hohe Arbeitsbegeisterung
Mögliche Probleme
Hüteverhalten kann bei Unterbeschäftigung als lästiger „Spleen“ auftreten
großes Laufund Arbeitsbedürfnis, das nicht leicht zu stillen ist
sehr anfällig für Verhaltensprobleme durch mangelnde geistige Beschäftigung
Diensthunde
Aufgaben
spezielle Selektion für den Schutzdienst
Rassebeispiele
Hovawart, Dtsch. Schäferhund, Dobermann, Schwarzer Russischer Terrier
Talente
schnelle und lauffreudige Hunde
lassen sich gerne anleiten und arbeiten mit Begeisterung mit
vielseitig, z. B. Fährte, Schutzdienst, Laufsportarten
Mögliche Probleme
Lauf- und Arbeitsbedürfnis muss unbedingt gestillt werden
hohe Reaktivität
territoriale Veranlagung
Doggenartige (Molosser)
Aufgaben
Wachhunde
Jagdhunde
Kampfhunde gegen Bären und Bullen
Kriegshunde
Begleithunde des Adels
Rassebeispiele
Deutsche Dogge, Bordeauxdogge, Mastiff, Mastino Napoletano
Talente
große, kräftige, recht ruhige Hunde
je nach ursprünglicher Verwendung (Jagen, Wachen, Verteidigen)
imposanter Begleithund
Mögliche Probleme
große, kräftige Hunde
viele Rassen sind von gravierenden Skelettproblemen betroffen
je nach ursprünglicher Verwendung territoriale Veranlagung
Pinscher und Schnauzer
Aufgaben
Bewachen der Stallungen und Rattenvertilger
Begleiter und Verteidiger der Kutschen
Rassebeispiele
Deutscher Pinscher, Mittelschnauzer
Talente
sehr wendige und schnelle Hunde
ausgeprägte Jagdpassion
„Draufgänger“
Mögliche Probleme
Jagdveranlagung
territoriale Veranlagung
Spitze und Hunde vom Urtyp Nordische Hunde
Schlittenhunde
Aufgaben
Schlitten ziehen
Jagd
Rassebeispiele
Husky, Alaskan Malamute, Samojede, Grönlandhund
Talente
kräftige Hunde
Schlitten ziehen und andere Laufsportarten
Jagdpassion
Mögliche Probleme
starke Jagd- veranlagung
großes Bewegungsbedürfnis
selbstständiger Charakter
Jagdhunde
Aufgaben
Stumme Jagd
verbellen Wild erst, wenn sie es gestellt haben
Rassebeispiele
Laiki, Jämthund, Elchhund
Talente
Laufsportarten
Jagd
Mögliche Probleme
starke Jagd- veranlagung
großes Bewegungsbedürfnis
selbstständiger Charakter
z. T. bellfreudig
Hütehunde
Aufgaben
Hütearbeit
Bewachen der Wohnstätte
Rassebeispiele
Lappenspitz, Buhund
Talente
kräftig und lauffreudig
Mögliche Probleme
großes Bewegungsbedürfnis
territoriale Veranlagung
bellfreudig
Spitze und Hunde vom Urtyp
mitteleuropäische und asiatische Spitze
Aufgaben
Wachhunde (sog. Mistbeller)
Fleischproduktion
Rassebeispiele
Wolfsspitz, Mittelspitz, Kleinspitz, Eurasier, Chow-Chow, Japanspitz
Talente
gute Wächter
kaum Tendenz zu Streunen
Mögliche Probleme
bellfreudig
selbstständiger Charakter
territoriale Veranlagung
Hunde vom Urtyp
Aufgaben
Jagdhunde
Wachhunde
verwilderte Haushunde
Rassebeispiele
Dingos, Kanaan Hund, Podencos, Basenjis
Talente
je nach ursprünglicher Verwendung
meist Jagdaufgaben, teilweise gute Wächter
Mögliche Probleme
je nach ursprünglicher Verwendung
oft starke Jagdpassion
sehr selbstständig und ungebunden
Dingos sind Wildtiere; keine Haltung als Hausund Familienhund möglich
Zwerghunde
Aufgaben
keine spezielle Aufgabe
wurden gezüchtet, um als Schoßhunde bei Hof gehalten zu werden
Rassebeispiele
Malteser, Havaneser, Pekingese, Zwergspaniel
Talente
agile Kleinhunde
arbeiten freudig mit, wenn sie entsprechend angeleitet werden
spielfreudig
Mögliche Probleme
benötigen von Anfang an ausreichend Sozialkontakte
werden häufig unterfordert
bellfreudig
Terrier
Aufgaben
Jagd auf Fuchs, Dachs, Kaninchen, Ratten und Mäuse
Rassebeispiele
Jack Russel-, Welsh-, Border-, Yorkshire-, Cairn Terrier
Talente
lauffreudig
agile Hunde
Jagdpassion
Mögliche Probleme
Jagdeifer
selbständig
territoriale Veranlagung
leicht erregbar
Jagdhunde
Schweißhunde
Aufgaben
Schweißarbeit (Fährte eines verwundeten Tieres aufspüren)
Rassebeispiele
Hannoverscher Schweißhund, Bayrischer Gebirgsschweißhund
Talente
vielseitig, lauffreudig
Mögliche Probleme
starke Jagdpassion mit Neigung zum Wildern und Streunen, wenn sie nicht beschäftigt werden
Niederläufige Bracken
Aufgaben
Hasen-, Fuchs-, Dachsjagd
Nachsuchen
Stöbern
Baujagd
Rassebeispiele
Dackel, Westfälische Dachsbracke, Petit Basset Griffon Vendéen
Talente
gute Nase, je nach ursprünglichem Zuchtziel und ursprünglicher Verwendung Spezialtalente, ausgeprägte Jagdpassion
Mögliche Probleme
starke Jagdpassion
selbstständig
Laufhunde/Bracken
Aufgaben
Jagen in Meute oder paarweise bei Hetzjagden
Hasen-, Fuchs-, Dachsjagd
Schweißarbeit
jagen spurlaut
Rassebeispiele
Foxhound, Beagle, Brandlbracke
Talente
gute Nase, je nach ursprünglichem Zuchtziel und ursprünglicher Verwendung Spezialtalente, ausgeprägte Jagdpassion
Mögliche Probleme
starke Jagdpassion mit Neigung zum Wildern und Streunen, wenn sie nicht beschäftigt werden
selbstständig
Vorstehhunde
Aufgaben
Vorstehen
Apportieren
Rassebeispiele
Pointer, Dtsch. Vorstehunde, Setter
Talente
gute Nase, je nach ursprünglichem Zuchtziel und ursprünglicher Verwendung Spezialtalente, ausgeprägte Jagdpassion
Mögliche Probleme
starke Jagdpassion mit Neigung zum Wildern und Streunen, wenn sie nicht beschäftigt werden
Stöberhunde
Aufgaben
Stöbern ( Aufscheuchen von Wild)
Apportieren
Rassebeispiele
Spaniel, Deutscher Wachtelhund
Talente
gute Nase, je nach ursprünglichem Zuchtziel und ursprünglicher Verwendung Spezialtalente, ausgeprägte Jagdpassion
Mögliche Probleme
starke Jagdpassion mit Neigung zum Wildern und Streunen, wenn sie nicht be- schäftigt werden
Apportierer
Aufgaben
Apportieren auch aus dem Wasser
Rassebeispiele
Labrador, Golden Retriever, Spanischer Wasserhund, Wasserspaniel
Talente
gute Nase, je nach ursprünglichem Zuchtziel und ursprünglicher Verwendung Spezialtalente, ausgeprägte Jagdpassion
Mögliche Probleme
Neigen zum Verteidigen von Gegenständen, große Wasserbegeisterung
Windhunde
Aufgaben
Jagen auf Sicht, unabhängig vom Besitzer
Rassebeispiele
Afghane, Barsoi, Whippet
Talente
gute Nase, je nach ursprünglichem Zuchtziel und ursprünglicher Verwendung Spezialtalente, ausgeprägte Jagdpassion
Mögliche Probleme
starke Jagdpassion
sehr selbstständig
Das oberste Ziel jedes Lebewesens besteht darin, die eigenen Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Es ist also angeboren, für das eigene Überleben zu sorgen, sich selbst zu schützen, zu verteidigen und möglichst viele eigene Nachkommen hervorzubringen.
Um dies zu erreichen, ist ausreichend Nahrung, ein funktionierender, möglichst unversehrter Körper sowie ein Fortpflanzungspartner und zudem ein Territorium zur Aufzucht des Nachwuchses nötig.
Hunde und Wölfe haben dazu im Lauf der Evolution die Fähigkeit entwickelt, in einem Familienverband zusammenzuleben. Sie sind „obligat sozial“, d. h. sie sind zwingend darauf angewiesen, in einem sozialen Verband zu leben. Am Besten geht es der ganzen Gruppe, wenn alle Mitglieder gut zusammenarbeiten, z. B. beim Erwerb der zum Überleben notwendigen Dinge (Ressourcen).
Häufige und ernsthafte Auseinandersetzungen um Ressourcen innerhalb einer Gruppe können zu Verletzungen einzelner Gruppenmitglieder führen. Das wiederum würde deren Fähigkeiten zur Verteidigung und zur Jagd beeinträchtigen und damit das Überleben der gesamten Gruppe gefährden. Es muss also Regeln geben, die ein geordnetes Zusammenleben ermöglichen.
Bisher hat man die sogenannte „Rangordnung“ für den wichtigsten Faktor im Zusammenleben von Wölfen, von Hunden und auch von Menschen und Hunden betrachtet. Dabei geht man davon aus, dass das geordnete Zusammenleben in der Gruppe darauf beruht, dass stärkere Tiere ihre eigenen Ansprüche besser durchsetzen können. So erwerben sie durch körperlichen Einsatz Rechte und einen höheren Rang. Autorität und schließlich Führungspositionen wären damit dann das Ergebnis körperlicher Überlegenheit. Indem sich die stärkeren Tiere durchsetzen, sorgen sie für eine „funktionierende“ Rangordnung.
Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse, u. a. Beobachtungen an freilebenden Wölfen (David Mech), zeigen jedoch, dass die Einordnung in eine soziale Gruppe nicht darauf beruht, dass körperlich stärkere Tiere die anderen dazu zwingen, sich unterzuordnen. Vielmehr wird immer klarer, dass ein erfolgreiches soziales Zusammenleben auf dem frühzeitigen Erlernen bestimmter Regeln beruht.
Anders als bei der traditionellen Vorstellung der Rangordnung, die durch körperliche Überlegenheit erzwungen wird, gewinnen Rituale und Regeln ihre Wirkung dadurch, dass sie durch regelmäßige Durchführung trainiert werden. Sie bewirken, dass der Umgang miteinander für alle Beteiligten vereinfacht und überschaubar wird, ähnlich wie z. B. eine Hausordnung oder Spielregeln. Weil jeder in der Gruppe weiß, woran er ist, entwickelt sich ein entspanntes Miteinander. Das führt zu gegenseitigem Vertrauen und bildet die Grundlage für ein geordnetes und entspanntes Zusammenleben.
Wölfe und Hunde sind durch die Evolution gut dafür vorbereitet, erfolgreich in einem sozialen Verband mit Artgenossen zu leben. Die Grundlagen für die Verständigung mit Artgenossen sind angeboren. Die erforderlichen Verhaltensweisen passen bei Mutter und Welpen zusammen wie Stecker und Steckdose, sie müssen jedoch im täglichen Zusammenleben trainiert werden. Die Welpen lernen und üben mit Mutter und Geschwistern von Anfang an den angemessenen Umgang miteinander. So können sich Gewohnheiten und Rituale entwickeln, durch die letztendlich Ernstkämpfe zwischen den Gruppenmitgliedern vermieden werden. Manche dieser Verhaltensweisen lösen später bei erwachsenen Tieren Pflegeverhalten aus und/oder dienen als Unterordnungssignale wie z. B. das Mundwinkellecken.
Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass Menschen und Hunden die Grundlagen zur gegenseitigen Verständigung nicht angeboren sind. Jeder einzelne Hund und jeder Hundehalter müssen erst lernen, einander „zu lesen“ und zu verstehen.
Junge Hunde sollten zur bestmöglichen Sozialisation Artgenossen unterschiedlicher Veranlagungen kennenlernen.In vielen einzelnen Interaktionen erhält jeder Hund Informationen über die Stärken und Schwächen des anderen.Für das Zusammenleben in einer Gemeinschaft ist neben klaren Regeln auch die erfolgreiche Verständigung der einzelnen Gruppenmitglieder miteinander erforderlich.
Hunde kommunizieren mit ihren Sinnesorganen und durch ihre Körpersprache: Durch Hören, Riechen, Schmecken, Berühren und Sehen werden Informationen vom Sender zum Empfänger übermittelt.
Menschen wie Hunden sind die grundlegenden Signale ihrer eigenen Art und das Verständnis für die Bedeutung dieser Signale angeboren. Es erfolgt aber eine Anpassung durch Lernen.
Hunde gebrauchen ihre angeborenen Signale nicht nur gegenüber anderen Hunden, sondern auch gegenüber Menschen. Das beweist aber nicht, dass Hunde uns Menschen als Hunde sehen. Hunde können sich nun einmal auch gegenüber Menschen nur wie Hunde verhalten.
Die Bedeutung, die angeborene Signale in den Bereichen Geruch oder Gehör für Hunde haben, ist für Menschen häufig schwer zugänglich. Aber über Gesichtsausdruck (Mimik), Körperhaltung und Bewegungen von Hunden machen wir Menschen uns immer wieder Gedanken. Allerdings ist unsere gefühlsmäßige Auslegung in vielen Fällen fehlerhaft oder trifft überhaupt nicht zu. Dies liegt daran, dass dabei den Hunden menschliche Motive und Gefühle untergeschoben werden.
Die Übertragung von menschlichen Motiven auf Hunde birgt für Hunde viele Nachteile, weil mit dieser Vermenschlichung automatisch eine Wertung des Verhaltens verbunden ist. Ein Beispiel ist der „schuldbewusste“ Hund.
Die Körperhaltung des „schuldbewussten“ Hundes – geduckt, eingezogener Schwanz, schräg gelegter Kopf mit angelegten Ohren, abgewandter Blick – bedeutet gegenüber anderen Hunden oder im Wolfsrudel: „Bitte tu mir nichts!“ und beschwichtigt aggressives Verhalten. Beim Menschen bewirkt diese Körperhaltung das Gegenteil: Sie wird als Schuldbewusstsein interpretiert – der Hund „weiß“, dass er Unrecht getan hat und verdient deshalb eine Strafe. Der Mensch habe daher nicht nur das Recht, nein, sogar die Pflicht, diesen Hund zu bestrafen. Also wird der Hund bestraft – häufig wird ihm etwas körperlich Unangenehmes zugefügt.
Ein trauriges Missverständnis. Die angeborene Körperhaltung, die sagen soll: „bitte tu mir nichts, ich habe Angst“, wird von Menschen oft nicht verstanden und fehlinterpretiert.
Das Gehirn des Hundes ist im Aufbau dem des Menschen sehr ähnlich. Das betrifft auch die Bereiche, von denen wir wissen, dass sie bei uns für die Gefühle verantwortlich sind. Daher geht man heute davon aus, dass Hunde genauso wie wir die Gefühle Angst, Freude, Wut und Trauer kennen. Wie bei uns ist bei Hunden ein Zusammenhang zwischen Gefühlszustand, Körperhaltung und Bewegungsabläufen angeboren.
Gesichtsausdruck (Mimik), die Körperhaltung und die Bewegungsabläufe erlauben also Rückschlüsse darauf, wie ein Hund sich fühlt. Ein Hund, der sich unsicher fühlt, der Angst hat, macht sich klein. Der Körper ist zusammengezogen, die Beine eingeknickt, der Schwanz eingezogen und manchmal bis unter den Bauch geklemmt. Die Pupillen sind weit, das Weiße im Auge kann sichtbar sein, der Blick ist abgewendet. Die Ohren sind eng nach hinten an den Kopf gelegt, die Maulwinkel spitz nach hinten gezogen. Das soll zunächst aggressives Verhalten beim Gegenüber beschwichtigen.
Wenn das nicht gelingt, kann Drohverhalten gezeigt werden. Dabei wird der Nasenrücken gerunzelt und/oder die Zähne gezeigt. Aufgrund der erhöhten Erregung sträuben sich die Haare im Nackenbereich und/oder auf der Kruppe. Lautäußerungen wie Knurren, Bellen und Knurrbellen treten auf. Zusätzlich soll Schnappen, allerdings ohne Vorwärtsbewegung, das Gegenüber auf Abstand halten. Unsicherheit und Angst führen zur Verteidigungsbereitschaft (defensives Verhalten). Das alles zeigt sich deutlich in der gesamten Körpersprache. Ein solcher Hund ist durchaus bereit, sich trotz seiner Angst und Unterlegenheit im Notfall zu verteidigen.
Körpersprache des Hundes
Ein selbstbewusster Hund zeichnet sich zunächst durch Neutralität aus. Seine Körperhaltung drückt weder Unsicherheit aus noch sendet er Signale, die von vornherein Selbstsicherheit signalisieren sollen. Das hat er gar nicht nötig. Erst wenn es die Situation erfordert, zeigt er durch hohe Körperhaltung, gerade, aufgerichtete Beine und einen aufgerichteten Schwanz, wie stark er sich fühlt. Die Ohren sind dabei hoch aufgerichtet und nach vorn gestellt. Wenn ein selbstsicherer Hund droht, schaut er dabei sein Gegenüber direkt an, fixiert es. Auch hier wird der Nasenrücken gerunzelt und/oder die Zähne gezeigt, die Maulwinkel sind kurz und rund. Die Haare sträuben sich im Nacken und/ oder auf der Kruppe. Die gesamte Einheit von körpersprachlichen Signalen beim Drohen bezeichnet man als aggressives Display.
Bei einem selbstsicheren Tier, das angreift, erfolgt Schnappen und schließlich Beißen aus der Vorwärtsbewegung (offensive Aggression).
Generell entspricht der Ausprägungsgrad der körperlichen Signale der Stärke der Gefühle. Schnelle Änderungen, Umschwünge und auch Überlappungen, also zwiespältige Gefühle, sind möglich. Sie zeigen sich in der Körpersprache, allerdings manchmal nur für Bruchteile von Sekunden.
Ein unsicherer und ängstlicher Hund, der die Erfahrung macht, dass aggressives Verhalten ihm nützt, lernt Mimik und Körperhaltung eines selbstsicheren Hundes zu zeigen. Er zeigt also ein offensives Display, obwohl seinem Verhalten immer noch Angst zugrunde liegt. Die unsichere Grundhaltung kann dabei – manchmal nur für kurze Augenblicke – sichtbar werden.
Die geschilderten offensiven und defensiven körpersprachlichen Signale sind auffällig und haben daher bisher viel Interesse auf sich gezogen. In den letzten Jahren hat sich aber die Aufmerksamkeit auch in der Wissenschaft immer mehr auf die Signale gerichtet, die angespannte Situationen entschärfen sollen. Zu diesen Beschwichtigungsgesten, den sogenannten Calming-Signals, gehören über die Oberlippe lecken, Blick oder Kopf abwenden, das Einnehmen einer etwas seitlich abgewendeten Körperhaltung, am Boden schnüffeln und viele andere.
Die Unterschiede im Aussehen der Hunde, die durch die Zucht der verschiedensten Rassen entstanden sind, beeinflussen natürlich ihre Verständigungsmöglichkeiten untereinander. Bei manchen Rassen können Signale nur noch undeutlich gezeigt werden oder sind überhaupt nicht mehr möglich. Es ist nicht leicht zu erkennen, ob Hängeohren ängstlich angelegt sind oder ob die Nase eines chinesischen Faltenhundes gerunzelt ist. Zeigt eine Bordeauxdogge die Zähne oder zieht sie die Maulwinkel lang nach hinten? Geht ein Chow-Chow steif und mit aufgerichtetem Schwanz, weil er selbstsicher imponieren will oder weil ihm dieses Aussehen angezüchtet ist? Wie soll ein Yorkshire-Terrier ohne Schleife genug von Körperhaltung und Mimik eines anderen Hundes sehen, um sich selbst angemessen zu verhalten?
Hunde müssen Erfahrungen mit anderen Hunden sammeln, damit sie sich angemessen miteinander verständigen können. Missverständnisse können nur vermieden werden, wenn Hunde auch Mimik und Körpersprache anderer Rassen kennen lernen. Nur so können sie lernen, sozial kompetent miteinander umzugehen.
Nicht nur zwischen Hunden, auch zwischen Hunden und Menschen, Angehörigen zweier verschiedener Arten, gibt es viel Raum für Missverständnisse. Diese können am besten vermieden werden, wenn Hunden keine menschlichen Motive unterstellt und sie nicht vermenschlicht werden.
Der Weg zur Verständigung mit Hunden ist die Körpersprache. Sie ist Hunden angeboren. Bei der Erziehung bieten daher Körper- und Zeichensprache den leichtesten Zugang. Hunde lernen Worte, wenn man oft und lange genug mit ihnen übt, haben aber für Sprache kein Verständnis. Körpersprache dagegen lesen sie perfekt, ihr Mensch ist für sie wie ein offenes Buch.
Aggressives Verhalten besteht aus Drohverhalten (aggressive Kommunikation) und Angriff. Aggressives Verhalten hat den Zweck, eine Bedrohung, einen Konkurrenten oder einen Feind auf Distanz zu halten oder zum Rückzug zu bewegen. Die für das Leben erforderlichen Ressourcen wie Futter, Territorium, Partner, geeignete Lagerplätze und vieles mehr müssen auf diese Weise erworben und gegen Konkurrenten und/oder Feinde verteidigt werden. Aggressives Verhalten ist nötig, damit ein Tier überleben kann, es ist angeboren und natürlich. Jeder Hund besitzt die Fähigkeit sich aggressiv zu verhalten – Aggression gehört zum artspezifischen Verhaltensrepertoire des Hundes.
Aggressives Verhalten ist abhängig von:
den angeborenen Eigenschaften,
den Erfahrungen während der ersten Lebenswochen (Sozialisation + Habituation) sowie den täglichen Erfahrungen im späteren Leben (zufällige Erfahrungen + Erziehung),
dem körperlichen Zustand,
der speziellen Situation, in der es zu aggressivem Verhalten kommt.
Die Reizschwelle für Angst kann über die Zucht (Selektion) erhöht oder erniedrigt werden. Bei einer erniedrigten Reizschwelle wird Angst und damit aggressives Verhalten leichter ausgelöst. In jeder Rasse existieren Familien/Linien mit einer solchen niedrigeren Reizschwelle.
Lernen formt das Verhalten von Hunden. Die Grundlagen werden während der wichtigen ersten Lebenswochen gelegt, dann beeinflussen die täglichen Erfahrungen das Verhalten weiter. Lernen erfolgt aber nur, wenn die Folge für ein Verhalten im richtigen Augenblick eintritt (vgl. S. 50/51).
Grundsätzlich entwickelt sich Verhalten anhand seiner Folgen. Sind diese positiv, wird ein Verhalten verstärkt und es tritt öfter auf.
