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»Vučković erzählt eine viel zu realistische Geschichte, die schrecklich ist und Spaß beim Lesen macht, was zusätzlich schrecklich ist. Viel Spaß!« Barbi Marković
Eva ist noch jung, als sie ihren Sohn zur Welt bringt und allein großzieht. Als sie dann Viktor kennenlernt, glaubt sie ihren Helden gefunden zu haben. Viktor ist Journalist und Schriftsteller und beeindruckt Eva mit großen Worten und Theorien. Dabei ist er vor allem eines: ein meisterhafter Manipulator, ein Soziopath, krankhaft eifersüchtig und cholerisch. Und als er es schafft, Eva nach Deutschland zu locken, wird alles nur noch schlimmer …
Milica Vučkovićs außergewöhnlicher Roman war in ihrer Heimat ein großer Publikumserfolg, weil er das romantisch verklärte Bild von der großen Liebe witzig und unbarmherzig hinterfragt.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2025
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»Vučković erzählt eine viel zu realistische Geschichte, die schrecklich ist und Spaß beim Lesen macht, was zusätzlich schrecklich ist. Viel Spaß!« Barbi MarkovićEva ist noch jung, als sie ihren Sohn zur Welt bringt und allein großzieht. Als sie dann Viktor kennenlernt, glaubt sie ihren Helden gefunden zu haben. Viktor ist Journalist und Schriftsteller und beeindruckt Eva mit großen Worten und Theorien. Dabei ist er vor allem eines: ein meisterhafter Manipulator, ein Soziopath, krankhaft eifersüchtig und cholerisch. Und als er es schafft, Eva nach Deutschland zu locken, wird alles nur noch schlimmer …Milica Vučkovićs außergewöhnlicher Roman war in ihrer Heimat ein großer Publikumserfolg, weil er das romantisch verklärte Bild von der großen Liebe witzig und unbarmherzig hinterfragt.
Milica Vučković
Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen
Roman
Aus dem Serbischen von Rebekka Zeinzinger
Paul Zsolnay Verlag
Diesen Roman widme ich vor allem meiner lieben Draginja, die sehr mutig war und dann für immer schwieg.
Danach Tea, Jelena, Ljubica, Vladan, Ivan, Milica, Miloš, Jasna und allen anderen, die schweigen.
Es ist vielleicht ein wahres, großes und vollkommenes menschliches Unglück, wenn ein Mensch wegen etwas, das andere ihm antun, stumm vor Ekel und starr vor Scham ist, sodass er sein Recht nicht zu verteidigen weiß und nicht nur Opfer ist, sondern auch noch den Anschein des Schuldigen auf sich nehmen muss.
Sie war eine dieser seltenen Frauen, die wortlos nützlich zu sein wussten, keinen Reiz in der Anerkennung fanden, nicht nach jeder Anstrengung die Maske der Gequälten anlegten, und die in allem so wirkten, als genügten sie sich selbst.
— Ivo Andrić
was mir als Erstes einfällt, wenn ich an Železnik denke, würde ich sagen, die Türkentaube. Dieses Geräusch. Blöd und langweilig. Grau. Genau wie Železnik.
Früher wusste ich gar nicht, dass sich die Türkentaube von der Stadttaube unterscheidet, ich dachte, das wäre das Gleiche. Nur dass die Türkentaube etwas schöner ist, mit ein bisschen Weiß und so einem Halsband, wie es Teenagerinnen mit Identitätskrise tragen. Ich habe übrigens auch so eines getragen. Obwohl, wenn ich mir die Stadttaube genauer ansehe, erscheint sie mir hübscher als die Türkentaube, sie hat schöne Farben. Grau, Schwarz, ihr Hals glänzt grün und violett. Wie ausgelaufenes Motoröl auf dem Asphalt. Ich saß gerne vor unserem Haus in Železnik auf dem Randstein und wartete darauf, dass ein Auto an unserem Obst- und Gemüsestand stehen blieb und dass es, wenn es wieder wegfuhr, so einen violett-grünen Fleck hinterlassen würde, der in der Sonne glänzte. Dann hockte ich mich daneben hin und zog ihn mit einem Stöckchen auseinander, schuf neue Formen und Galaxien. Man sagt, Einzelkinder seien phantasievoller. Ich würde mich ja in Tauben verlieben, wenn sie eine seltene Art wären. Aber es gibt sie überall, also sind sie langweilig. Papa sagt, dass Tauben alles Mögliche lernen können und außerordentlich intelligent sind, aber die Leute sagen, Tauben sind Ratten. Auch eine Ratte ist schön, wenn man sie lange genug ansieht, ich hab es ausprobiert.
Wenn man zum Beispiel meine Mutter fragen würde, was sie über Železnik denkt, würde sie sagen, dass es ein stinklangweiliges Kaff sei und dass sie, wenn sie nicht schwanger geworden wäre und geheiratet hätte, niemals dort leben würde. Sie sagte oft, dass sie es wegen mir nicht mal geschafft habe, die Uni abzuschließen, und deshalb am Obst- und Gemüsestand arbeitete. Papa hatte es geschafft, die Uni abzuschließen, er war aber, obwohl er das staatliche Institut für Leibeserziehung absolviert hat, bis zu meinem zweiten Lebensjahr arbeitslos. Es war klar, dass er auf eine Profikarriere verzichten würde, als Sportler wurde man in unserem Land sowieso nicht berühmt. Er nahm einen Posten als Turnlehrer in der Grundschule von Železnik an und zog aus seiner Wohnung im Zentrum von Belgrad aus. Mit dem Geld von der Wohnung kauften wir ein Haus mit Hof und Garten. Mama war lange sauer auf uns, sie nahm es Papa und mir und Železnik übel. Sie war erst zehn Jahre später nicht mehr sauer, als Vera geboren wurde. Vera hat sie, sagt sie, nur für sich selbst zur Welt gebracht. Das heißt also, ich bin eigentlich nicht wirklich ein Einzelkind. Vera und ich sind einander vollkommen fremd, ich würde sagen, wir sind Einzelkinder von denselben Eltern. Wenn jemand meine Eltern nach ihren Kindern fragen würde, und sie würden sagen: Wir haben zwei Einzelkinder, Eva und Vera — das fände ich richtig gut. Ich nahm niemandem etwas übel, weder meiner Mama, dass sie mich zur Welt gebracht hatte, als sie es gar nicht wollte, noch Vera, die mich kein Einzelkind sein ließ, noch Železnik. Ich war nicht sauer, ich war glücklich. Ich mochte es, wenn mich Papa mit dem Fahrrad zur Arbeit mitnahm, sogar im Winter, wenn im Turnsaal der Holzofen eingeheizt wurde. Während die älteren Kinder Übungen machten, saß ich auf dem Bock, ließ meine Füße baumeln, die noch nicht bis zum Boden reichten, und lächelte Papa zu. Er war schön und lächelte immer. Er war zufrieden mit sich und seinem kleinen, schönen Leben. »Ein stinklangweiliges Kaff!«, sagte hingegen Mama immer, den Mund auf einer Seite nach unten gezogen, und das eine Nasenloch weitete sich ein bisschen mehr als das andere.
*
Alle Busse in der Stadt hatten zweistellige Nummern, die Straßenbahnen im Zentrum sogar nur einstellige. Drei, sieben, neun, zweiundfünfzig, siebenunddreißig. Nach der Schule war ich die Einzige, die auf Busse mit dreistelliger Nummer wartete, fünfhundertelf, fünfhundertzwölf. Fünfhundert, Jesusmaria, das klingt ja schon so, als fahre der zum Mars. Jesusmaria — der Ausdruck ist mir anscheinend von Tomislav geblieben. Jedenfalls stiegen in diese Busse ganz andere Leute ein, schon an der Haltestelle wusste ich, wer von ihnen in meinen Bus und wer in einen Zweistelligen einsteigen würde. In meinen mussten die Übermüdeten und schlecht Angezogenen, die immer unzählige Plastiktüten und karierte Riesentaschen mitschleppten. Ich fuhr über eine Stunde lang, hungrig, zählte statt der Minuten die Pappeln an der Landstraße und stellte mir vor, wie meine Klassenkameraden in ihren warmen Häusern im Stadtzentrum saßen und längst ausgiebig zu Mittag gegessen hatten. Und so fing ich am Ende auch an, Železnik zu hassen, mein schönes Haus und den wundervollen Garten, und versprach mir, von dort abzuhauen, sobald ich dazu in der Lage war. Ein stinklangweiliges Kaff!
Nach der höheren Schule hatte ich keine Schwierigkeiten, einen Job zu finden, irgendeinen. Ich arbeitete für den größten Mobilfunkanbieter, die ersten paar Jahre im Kundenservice, dann hatte ich mein eigenes Büro. Ich hatte meinen Tisch, eine Pflanze, die einmal im Monat gegossen werden musste und immer grün war, zwei rote Nagellacke, einen dunkleren und einen helleren, die ich immer dann auftrug, wenn ich keine Excel-Tabellen machte und bevor ich zur Kaffeepause rausging. Das Verfluchte an einfacher Arbeit ist ja, dass sie langweilig ist. Alles Einfache ist langweilig. Auch meine Mitbewohnerin Maja war so, einfach und langweilig, wir hatten es schön die paar Jahre, die wir zusammenwohnten, aber sobald ich Luka kennenlernte, ließ ich sie sitzen und zog mit ihm zusammen. Unsere Beziehung ist weder an unserem jugendlichen Alter gescheitert noch daran, dass wir uns Hals über Kopf hineingestürzt hatten, nein, wir hatten eine ernsthafte Beziehung. Er war gut zu mir, und es lief auch gut, aber diese Ärztefamilien sind einfach seltsam. Mama Ärztin, Papa Arzt, Sohn Arzt, Großvater Arzt. Beim Essen konnte ich nicht anders, als zu bemerken, wie mich seine Mutter schief ansah, weil ich nur die höhere Schule besucht hatte, und wegen des Tattoos am Handgelenk, eine Jugendsünde. Oder weil ich keinen Fisch mochte. Ich mag eben keinen Fisch, na und. Ich sehe auch nicht gern Tennis, kann nicht Ski fahren und mag keine Poloshirts. Luka war ein guter Kerl, aber das, was seine Mutter dachte, war ihm immer wichtiger als ich. So sind diese Ärztefamilien, ihre Kinder mögen Poloshirts und haben nie mit Stöcken, Schlamm und Pfützen gespielt, und so war es eben unmöglich, diese Pfütze zwischen Luka und mir zu überwinden.
Ich brauchte einen besseren Job mit besserem Gehalt, um für mich selbst eine Wohnung zu bezahlen. Ich hatte schon zu viele fremde Wohnungen ausgemalt und hergerichtet, immer mit irgendeinem Kompromiss. Maja mochte keine dunklen Wände, das fand sie morbid, und es würde den Raum einengen, also strichen wir die Wohnung beige. Was für eine doofe Farbe mit noch dooferem Namen. Es machte mich verrückt, wenn Leute etwas nachplapperten, »es engt den Raum ein«, sie plapperte immer etwas nach. Luka mochte keine Blumen und wollte den Perserteppich seiner Mutter nicht weggeben. Zum Teufel mit dem Teppich, jetzt wo ich darüber nachdenke.
Ich fing als Sekretärin in einer IT-Firma an. Das Team war jung und wunderbar, die Firma beschäftigte sich als eine der ersten in der Stadt mit dem Programmieren von Videospielen, und die Arbeit lief wirklich gut. Ich hatte weder vom Programmieren noch von Videospielen eine Ahnung, Videospiele hatten mich nie interessiert, nur auf meinem ersten Handy, einem Nokia, habe ich immer Snake gespielt. Ich wollte die Schlange über den ganzen Bildschirm schlichten, sodass sie wie ein alter gerippter Heizkörper aussah, bis sie sich selber in den Schwanz biss. Beim Bewerbungsgespräch sagten sie zu mir, dass ich perfekt in ihr Kollektiv passe, und dass das, was ich machen möchte, genau das ist, was sie suchen. Sie brauchten jemanden, sagten sie, der kommunikativ, kompetent und dynamisch sei. Das schmeichelte mir. Wie sich herausstellte, bestand das Kollektiv tatsächlich aus wunderbaren Leuten, dynamisch, enthusiastisch, und wir verstanden uns wirklich super. Tolle Bezahlung und ein unbefristeter Vertrag. Es gab viel Arbeit, manchmal blieb ich von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends im Büro, zwölf Stunden, immer war noch irgendeine E-Mail abzuschicken oder eine Rechnung abzulegen, aber ich beschwerte mich nie, ich arbeitete eigentlich immer gerne. Ich fühlte mich nützlich. Als ich mein Gehalt bekam, ging ich zum ersten Mal in einen Laden und achtete nicht darauf, wie viel was kostete. Ich kaufte ein paar Flaschen Rotwein, und zwar die, deren Etiketten mir gefielen, ich schaute nur aufs Etikett und nicht auf den Preis. Ich kaufte ein Duschbad mit schönem Design und nicht die Ein-Liter-Flasche, ich kaufte eine Duftkerze im Glas mit Kirsch- und Schokoladenduft. Zugegeben, da dachte ich mir, wenn die Kerze ausgebrannt ist, kann ich das Glas behalten. Ich kaufte Brombeeren.
Während ich auf das zweite Gehalt wartete, suchte ich mir eine Wohnung, ich hatte nicht genug Geld für eine Wohnung im Zentrum, aber ich fand eine gute in einem Neubau nahe der Autobahn. Beim Packen sagte ich Luka Bescheid, dass er zurückkommen könnte, denn er hatte unsere Wohnung, die eigentlich seine Wohnung war, einstweilen mir überlassen, bis ich allein zurechtkam. Luka war wirklich gut zu mir. Ich holte den Perserteppich aus dem Schrank, rollte ihn an seinem Platz aus und ging.
Eine Wand strich ich marineblau. Mein halbes Leben lang hasste ich diese Farbe, bis mir klar wurde, dass ich sie liebte. Marineblau, wie eine tiefere Dimension von Schwarz. Schwarz und noch ein bisschen weiter. Ich strich langsam, mit dem Pinsel, mit der Rolle wollte ich nicht, denn das spritzte nach allen Seiten. Ich ordnete die Striche an wie eine Schlange, die Zug um Zug die weiße Wand ausfüllte, bis sie sie am Ende aufgefressen hatte. Ich machte den Wein auf, zündete die Kerze an und setzte mich hin, um die neue Wand zu betrachten. Solche kleinen Dinge machten mich froh, das hatte ich von meinem Vater gelernt, er wusste, wie man sich freute. Von meiner Mutter hatte ich wenig gelernt. »Werd nicht so wie ich, werd ein eigener Mensch«, das hatte sie immer zu mir gesagt, nur das. Ich war ein eigener Mensch, und es ging mir gut.
*
Nenad, ein guter Freund von mir, eigentlich fast mein bester Freund, zog nach der Scheidung vorübergehend bei mir ein. Obwohl ich ihn lange kannte — wir hatten viele Jahre gemeinsame Dienstzeit hinter Schanktischen verbracht, wir waren zusammen auf über zwanzig Konzerten, er kam zu meinen Geburtstagsfeiern der letzten fünf Jahre —, hatte ich nicht gewusst, dass er verheiratet war. Er hatte es mir gegenüber nie erwähnt. Ich erfuhr erst davon, als ich einige Drohnachrichten von seiner Ex-Frau bekam, in denen ich meistens als »die kleine Prostituierte«, »wegen der kleinen Prostituierten«, und »sag dieser kleinen Prostituierten« bezeichnet wurde. Ich fand es seltsam, den Ausdruck in allen grammatischen Fällen zu sehen, es kränkte mich, es war mir unangenehm, aber es amüsierte mich auch. Es war wie dieser Zungenbrecher über Blaukraut und Brautkleid, ich nahm es nicht persönlich. Das hab ich im Leben gelernt, dass man nichts persönlich nehmen sollte. Mir tat diese Frau leid, ganz aufrichtig habe ich sie gebeten, mich nicht zu belästigen, und vor allem sich selbst nicht zu blamieren. Nenad machte sich nicht wirklich viel Mühe, das Missverständnis aufzuklären, also teilte ich ihm mit, er solle mich mit all dem verschonen und so schnell wie möglich eine Wohnung finden. Er meinte, das würde er tun. Nenad war fünfzehn Jahre älter als ich, sehr attraktiv, aber nie mein Typ. Zwischen uns war nichts. Er war für meinen Geschmack zu schön, immer schon dachte ich mir, dass Typen, die zu schön sind, auch zu selbstverliebt sind. Trotzdem blieb er drei Jahre, und unsere Beziehung entstand zufällig, im Vorbeigehen, und wurde zur Routine, wie Geschirr spülen oder das wöchentliche Staubsaugen der Wohnung. Ab und zu sagte einer von uns: Ich hab jemanden, ich brauch die Wohnung für mich. Dann verschwand er irgendwohin, oder ich übernachtete bei einer Freundin. Ich war nie eifersüchtig, denn ich wollte ja im Grunde nie wirklich mit ihm zusammen sein. Wenn wir sonst niemanden hatten, hatten wir zumindest einander. Erst nach drei Jahren fiel mir wieder ein, dass ich ihm sagen musste, dass er gehen soll. Ich hatte mich mit einem Typen amüsiert, der mich wegen Nenad sitzen ließ, weil das so für ihn nicht funktioniere, sagte er. Das war hart für mich, aber ich war auch dankbar, dass er mich verlassen hatte und ich selbst spürte, was es bedeutete, verlassen zu werden. Mir wurde klar, dass es am Ende doch leichter war, die Wohnung allein zu saugen. Vor lauter Gesprächen mit anderen hört man ja manchmal die eigenen Gedanken nicht. Deshalb muss man allein sein, um zu hören, wie es sich anhört, wenn man allein ist. Am liebsten dachte ich beim Staubsaugen nach, der Lärm des Staubsaugers übertönt alle anderen Stimmen in meinem Kopf, dann höre ich nur noch die wichtigsten. Hör zu, Nenad, ab nächster Woche werde ich allein Staub saugen, sagte ich zu ihm, nachdem ich den Staubsauger abgestellt hatte. »No Problemo«, antwortete er, und am nächsten Tag ging er. Wir waren noch einige Zeit in Kontakt, bis er das Land verließ, wegen irgendwelcher Schulden, heißt es. Ich fühlte mich, als wäre mein Hamster gestorben, ein wenig schuldig, aber nur dann, wenn ich mich daran erinnerte, dass ich ihn einmal hatte.
*
Ich war nie so eine Frau, die davon träumte, Mutter zu sein. Es trat bei mir plötzlich auf, wie Zahnschmerzen. Mutter sein, dachte ich, das ist es. Ich hatte einen Job, ein regelmäßiges Gehalt, eine Krankenversicherung, garantierten Mutterschutz, ich hatte auch ein Auto gekauft, einen preiswerten marineblauen Renault Twingo, und mein Badezimmer war voll teurer Kosmetika. Ich dachte, dass ich wieder etwas Neues vertragen könnte, etwas, das mich von mir selbst ablenkte und nichts mit der Arbeit, Partys, oberflächlichen Beziehungen und dem Teufelskreis aus Geldverdienen und Geldausgeben zu tun hatte. Ein Lächeln auf dem Gesicht eines anderen, das man selbst dort angepinnt hatte, das war doch das Wahre, jemanden glücklich zu machen, das war Erfolg. Papa hatte mich immer glücklich gemacht, und deshalb war er zufrieden, im Gegensatz zu ihr. Für sie waren nur Erfolg, Arbeit und Karriere wichtig, weil sie nämlich nie Erfolg hatte. Ständig sagte sie zu mir: »Heirate nicht jung«, und manchmal dachte ich sogar, dass sie eifersüchtig auf mich war.
*
Tomislav lernte ich in Zagreb kennen, beim »Teambuilding«, er arbeitete in einer Firma, die mit meiner zusammenarbeitete. Er war wie ich kein Programmierer, sondern designte Werbesticker für die Fahrzeuge seiner Firma und klebte Folien auf deren gesamten Fuhrpark. Das erzählte er mir beim Abendessen in einem Restaurant im Zagreber Zentrum. Zagreb, was für eine wundervolle Stadt, wie aus dem Märchen. Klein, ordentlich, voll heiterer Farben und schön aufgeschichtetem Stein. Ich hatte immer den Eindruck, dass das Leben in kleineren Städten harmonischer, gemäßigter und nicht so hektisch war. Genauso war auch Tomislav. Er schrie nicht laut herum, wenn er beim Tischtennis jemanden besiegte, er lächelte nur, und bei den Abendessen war er nicht der Wortführer. Er saß am Rand, groß gewachsen und still, weswegen ich auch beschloss, auf ihn zuzugehen. Als ich ein paar Kollegen über ihn ausfragte, sagten mir alle, dass er der Beste auf der Welt sei, ein solider Kerl. Solide klang für mich immer, als ginge es um einen Herd, solide oder nicht, aber am Ende eben doch nur ein Herd.
Auch als ich wieder in Belgrad war, blieb ich weiter mit Tomislav in Kontakt. Wir tauschten die ein oder andere Nachricht aus, um genau zu sein, auf zehn von mir antwortete er mit zwei. Nicht weil Tomislav kein Interesse hatte, er war eben einfach so. Gemäßigt. Bald darauf kam er mich besuchen, er fand irgendeinen Grund, um in unsere Firma zu kommen, und lud mich danach auf einen Kaffee ein, obwohl er keinen Kaffee trank. Er trank auch keinen Alkohol, also verbrachten wir den Kaffee so, dass ich ein Bier trank und er einen Kamillentee, denn er hatte, so sagte er, einen Magenvirus. Als er zum zweiten Mal kam, kam er nur wegen mir und erfand keine Ausreden mehr. Wir gingen Kuchen essen und ins Kino, genau wie Verabredungen früher mal ausgesehen haben. Ich war glücklich wie eine Teenagerin, denn niemals, mit keinem einzigen Freund, war ich jemals Kuchen essen und ins Kino gegangen, so etwas machte man schon ewig nicht mehr, oder zumindest hatte es in meinem Leben keine Beziehungen gegeben, die nicht auf Kennenlernen, ein Getränk, vielleicht ein zweites, dann Sex hinausliefen. Ich aß Popcorn und lachte mit vollem Mund über seine Bemerkungen während des Films, dabei schaute ich mehr ihn an als den Film. Er aß kein Popcorn, er sagte, davon bekomme er Blähungen. Er war so bescheiden und unauffällig, und das gefiel mir. Als er mich zum ersten Mal zu sich einlud, war die Sache klar. Obwohl ich acht Stunden im schaukelnden Zug saß, was fast doppelt so lang war, wie es mit dem Bus gedauert hätte, war der Zug die richtige Wahl. In meiner Ankunft mit dem Zug lag neben der Romantik auch die Symbolik unserer Liebe, die geradlinig und fest war, wie die Schienen. Er wartete auf dem Zagreber Hauptbahnhof auf mich und küsste mich zum ersten Mal. Da wusste ich, dass wir ein Kind haben würden.
Die Wohnung in Belgrad kündigte ich erst, als ich zum ersten Mal schwanger war. Tomislavs Mutter überließ uns ihre Einzimmerwohnung im Zentrum von Zagreb und zog irgendwohin aufs Land. Vater hatte er keinen. Ich dachte mir, wir sollten den Boden austauschen, solange ich mich noch ungehindert bewegen konnte. In der Wohnung war irgendein billiger Laminatboden aus Plastik verlegt, der wie ein Magnet Staub anzog. Wie soll das Baby denn über dieses Plastik krabbeln, sagte ich zu ihm, und er stimmte mir zu. Wir verlegten einen dunklen Parkettboden aus Holz, wie der Boden eines Schiffs, und liefen in unsere wundervolle Ehe ein. Ich nahm alle alten Kunststoffvorhänge herunter, schliff die Fensterläden ab und lackierte sie neu. Die Wand in der Küche strich ich aprikosenfarben und kaufte drei riesige Pflanzen. Morgens, wenn Tomislav noch schlief und die Sonne erst aufging, stand ich am Küchenfenster und betrachtete diese Aprikosenwand, über die schräghin ein grauer, länglicher Pilz wuchs — mein Schatten. Ich sah ihn an und übte mit leiser Stimme, mich mit meinem neuen Nachnamen vorzustellen.
*
Ich weinte tagelang, fast einen ganzen Monat lang. Die Ärzte sagen, junge Frauen mit polyzystischem Ovarialsyndrom haben im ersten Trimester häufig Fehlgeburten. Dabei hatte ich gedacht, der Begriff Trimester würde erst in mein Leben treten, wenn unser Kind mit der Schule beginnt. Es war kurz vor Silvester, und Tomislav hatte beschlossen, dass wir nirgendwohin gehen würden, er sagte, ich müsse mich erst mal erholen. Also verabschiedeten wir das alte Jahr, indem wir ihm durchs Fenster zuwinkten und Filme schauten, unsere Beine lagen auf dem Tisch, und unsere Fersen verbeulten die leeren Pizzaschachteln. Wir hatten es schön, obwohl ich es hasste, wenn jemand die Beine auf den Tisch legte. Das Feiern holen wir nach, sagte er und küsste meine Haare.
Es wurde Frühling, und mir wurde klar, dass ich nicht in dieser kleinen beengten Dreißig-Quadratmeter-Wohnung leben konnte. Ich schlief im selben Raum, arbeitete im selben Raum, aß im selben Raum. Fürchterlich. Der einzige separate Raum war das Badezimmer, in dem Tomislav die meiste Zeit verbrachte, weil er oft Probleme mit der Verdauung hatte. Wir brauchten eine separate Toilette. Ich sagte ihm, ich würde wieder arbeiten gehen und an den Wochenenden wiederkommen, er sagte »gut«. Ich sagte ihm, wenn ich wieder schwanger würde, müssten wir eine andere Wohnung suchen. Er sagte »gut«. Er sagte immer nur »gut«. Anfangs störte mich das nicht.
Mario kam im Dezember desselben Jahres zur Welt. Im ersten Monat wusste ich nicht einmal, dass ich schwanger war. Dann war es mir klar, weil ich mich vom zweiten bis zum sechsten Monat durchgehend übergeben musste. Angeblich haben nur maximal zwei Prozent der Schwangeren dieses Problem. In den meisten Fällen dauert die Übelkeit nur bis zum dritten Monat, aber ich war immer schon ein spezieller Fall. Ich übergab mich so häufig, dass ich mehrere Tage pro Woche im Krankenhaus Infusionen bekam und vielleicht einen oder zwei Tage am Stück zu Hause verbrachte. Es war leichter für mich im Krankenhaus, weil ich dann nicht allein war, und weil ich mich übergeben konnte, wann immer ich wollte. Zu Hause war ich entweder allein, weil Tomislav arbeitete, oder wir prügelten uns darum, wer zuerst aufs Klo ging. Die Schwangerschaft hatte ich mir eigentlich so vorgestellt, dass ich meinem zukünftigen Mann alle meine Essensgelüste aufzähle und er mitten in der Nacht losgeht, um mir Wachteleier und Papayasaft zu besorgen, und die paar Extrakilos wären mir vollkommen egal, doch meine Schwangerschaft war nicht einmal annähernd so. Monatelang aß und trank ich nichts, ich nahm stark ab, und mir war ständig schwindelig. Im Krankenhaus versuchte ich zu lesen, aber zu Hause glotzten wir abends endlos Krimi- und Horrorserien, von denen ich mich noch mehr übergeben musste. Serien konnte ich noch nie leiden.
Mario kam eine Woche nach meinem Geburtstag zur Welt. Ich hatte von Frauen gehört, die absichtlich einen Kaiserschnitt an einem Wunschdatum vereinbarten, und ein paar Freundinnen rieten mir sogar dazu, das so zu machen. »Bring dir selbst ein Geschenk zur Welt«, sagten sie und redeten mir ein, dass es das größte Geschenk sei, sich selbst ein Kind zum Geburtstag zu gebären. Ich wollte nicht Gott spielen und ließ Mario auf die Welt kommen, wann ihm danach war, denn ich wusste, dass er sowieso mein größtes Geschenk im Leben sein würde.
Ich hatte Albträume und wachte mit Fischgräten im Hals auf. Ich hatte nur Angst und Schmerzen und fragte die Schwestern ununterbrochen: Wo ist mein Baby, wo ist mein Baby. Als sie ihn mir am vierten Tag nach der Geburt zum ersten Mal zum Stillen brachten, war ich überhaupt nicht erleichtert. Ich hatte nur noch größere Angst und unerträgliche Schmerzen in der Brust, zusätzlich zu den Bauch- und Halsschmerzen. Man sagte mir, die Halsschmerzen seien von der Intubation und die Bauchschmerzen vom Kaiserschnitt. Ich hatte keinen Kaiserschnitt gewollt, genauso wenig wie ich gewollt hatte, dass die Geburt in Belgrad stattfindet, aber wegen der Krankenversicherung ging es nicht anders. Meine Mutter meinte, es wäre auch besser so. Sie hatte Mario ein paar Mal besucht, während ich auf der Intensivstation lag. Ich erinnerte mich an alles, und ich verspürte eine ungeheure Wut. Ich erinnerte mich an das Geräusch, als mir zu Hause in Železnik die Fruchtblase platzte, patsch, wie wenn man einen aufblasbaren Ball gegen die Wand kickte. So ein billiges Ding war ich — ein fetter Ballon, der am Ende geplatzt ist und die eigenen Beine hinunterrann. Um elf Uhr abends kamen wir mit dem Taxi ins Krankenhaus, und ich war bereits weit genug geöffnet. Die Hebamme kam einmal pro Stunde herein und rief: Los, pressen, los! — Da tut sich noch nix. Dann deckte sie mich zu und ging wieder. In der Zwischenzeit lag ich da und zitterte vor Kälte. Na los, Mutter, pressen, los! — Da tut sich nix, auf die Seite legen. Und wieder ging sie, und wieder lag ich da und zitterte, und so ging es die ganze Nacht. Eine richtige Horrorserie, wie die, die Tomislav und ich zusammen anschauten. Zum letzten Mal kam sie gegen sechs Uhr morgens und schrie mich an, na los jetzt, pressen, nicht im Kopf pressen, sondern im Bauch! Ich fühlte mich wie bei einem Boxkampf, nur dass mein Sparringspartner nicht Cassius Clay, sondern ein Betonblock war. »Nicht im Kopf pressen«, wiederholte sie unaufhörlich und laut, und ich fühlte mich, als wäre in mir ein Lkw auf dem Weg durch eine enge Schlucht, so eng, dass er fast unweigerlich umkippen und in den Abgrund stürzen musste. Dann rief sie einen Krankenpfleger herbei und sagte zu ihm: Die hier ist geöffnet, aber sie will nicht pressen, und das Letzte, an das ich mich erinnere, sind seine kräftigen Unterarme, die fest meinen Bauch drücken und am Ende die Luft aus mir herauspressen. Durch einen Nebel hindurch erinnere ich mich, wie er den Flur entlangläuft, während ich auf dem fahrenden Bett liege und meine Haare flattern, und immer noch ist es furchtbar kalt. Ich erinnere mich, dass sie zu mir gesagt haben: Sie müssen einen Namen sagen, falls wir Sie verlieren, Sie müssen einen Namen sagen, sagen Sie einen Namen, einen männlichen, einen weiblichen, sagen Sie den Namen. Ich konnte mich nicht einmal an meinen eigenen Namen erinnern, ich konnte mich nicht daran erinnern, auf welchen Namen ich mich mit Tomislav geeinigt hatte, ich konnte mich an gar nichts erinnern, ich sah einfach nur den Neonlichtern an der Decke zu, wie sie schnell vorbeizogen, wie ein Zug, der durch einen Tunnel mit Unterbrechungen fuhr, Licht, Dunkelheit, Licht … Dunkelheit. »Sie müssen einen Namen sagen!«, schreckten mich die Rufe der Schwester auf, die an meiner rechten Seite lief. Mario … und Marija … stieß ich hervor. An etwas anderes erinnere ich mich nicht mehr, den Rest las ich im Entlassungsbrief nach. Dass ich um dreiundzwanzig Uhr aufgenommen wurde und um sechs Uhr fünfzehn entbunden habe. Dass der Kaiserschnitt insgesamt vierzehn Minuten gedauert hat. Dass ich das Bewusstsein verloren habe und mit einer Adrenalininjektion wieder geweckt wurde. Dass ich zwei Tage lang intubiert und deshalb in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt wurde. Dass sich Mario so verkeilt hatte, dass sein Gesicht aus mir herausschaute und der Nacken irgendwie eingeklemmt war, die Hebamme hatte das nicht gesehen, und niemand hatte sich die Mühe gemacht, einen Ultraschall durchzuführen. Sie dachten, es wäre alles in Ordnung. Von der zu großen Anstrengung, dem Druck auf den Bauch und fünf erfolglosen Geburtsversuchen hatte Mario ins Fruchtwasser gekackt und lief Gefahr, an einer Sepsis zu sterben, und ich mit ihm. In den meisten Fällen nimmt so eine Geburt einen tödlichen Ausgang. Mario saugte an meinen Brüsten, und ich weinte. Tomislav schickte mir ein paar Fotos von der Feier, darauf er in einem zerrissenen T-Shirt mit Bierbauch. Sein Gesichtsausdruck war betrunken und gleichgültig, die Freude wirkte aufgesetzt, wie bei einem Fußballspiel, zu dem man nicht wegen der Mannschaft ging, sondern um sich zu betrinken und vielleicht zu prügeln. Ich starrte seinen mit Bier gefüllten Bauch an und stellte mir vor, wie es wäre, diesen Wanst aufzuschlitzen wie Butter, in voller Tiefe, bis hin zur Gebärmutter. Vor dem Fenster gurrten die Türkentauben, meine Mutter erklärte mir das Stillen und fragte mich, was das denn für ein Name sei, Mario. Eva, mein Kind, was ist das denn für ein Name? Mein Vater war glücklich, und Vera war nicht zu Hause. Tomislav konnte nicht nach Belgrad kommen — »du weißt, dass ich nicht gern Auto fahre«, sagte er am Telefon zu mir. Meine Mutter breitete Windeln und Lätzchen in meinem Zimmer aus und gab ein leises »pah« von sich, als wäre ihr eine Babysocke auf den Boden gefallen. Ich schaute nach, nichts war ihr auf den Boden gefallen. Ich verstand, warum Tomislav nicht kommen wollte. Wir sahen uns erst in der dritten Woche wieder, als ich mit Mario zurück nach Zagreb kam.
*
Wir mieteten eine große neue Wohnung, sie war etwas weiter vom Zentrum entfernt und nicht teuer. Es gab zwei Zimmer, und Badezimmer und Toilette waren getrennt, endlich. Die Wände waren weiß, und es war sehr hell, das gefiel mir, doch ich bat Tomislav trotzdem darum, dass wir vor dem Umzug den Boden austauschen und das Bad renovieren. Mein Karenzgeld gab ich sowieso für sonst nichts aus, also konnte ich mir wenigstens den Raum zum Leben schön einrichten. Tomislav sah das anders, also ging ich einige Wochen lang allein zu dieser Wohnung, mit Mario in der Babytrage, um die Handwerker zu beaufsichtigen. Da die Wohnung nicht uns gehörte, wollte ich nicht zu viel Geld verschwenden. Diesmal suchte ich keinen Holzboden aus, sondern Laminat, dafür einen teuren und hochwertigen. Mit hohem Echtholzanteil. Die alte verrostete Badewanne wurde rausgeworfen und die weißen Krankenhausfliesen runtergeschlagen. Ich suchte blaue Marmorfliesen aus, damit sie auch Mario gefallen würden, wenn er größer wäre.