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Selbstbewusste Besitzerin eines Hotels an der Ostsee klärt in den 50er Jahren auf eigene Faust einen Mord auf. »›Glaubst du, dass es einer von den Gästen war? Müssen wir die Tür verschließen, damit keiner gehen kann? Oder sollten wir den Saal räumen lassen, damit keine Spuren verwischt werden?« »Du liest zu viele Kriminalromane, Eva. Überlassen wir das der Polizei.‹« Ein Filmdreh in ihrem Hotel an der Ostseeküste ist für die junge Witwe Eva der Erfolg, auf den sie lange hingearbeitet hat. Doch die Freude währt nur kurz, denn während der glamourösen Abschlussgala stirbt einer der Ehrengäste. Zu Evas Überraschung findet sie sich selbst ganz oben auf der Liste der Verdächtigen. Doch sie ist eine moderne Frau und lässt sich nicht entmutigen. Zum Leidwesen des ermittelnden Kommissars Paul Matthiesen nimmt Eva die Sache selbst in die Hand und beginnt mit eigenen Nachforschungen. Schließlich steht nicht nur ihr guter Ruf auf dem Spiel, sondern auch der ihres geliebten Hotels – und Pauls Versuche, sie aus den Ermittlungen herauszuhalten, sind eher ein Ansporn für die unabhängige Eva.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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Cover & Impressum
Disclaimer
Eine Gala und ein Todesfall
Ein Mann aus der Vergangenheit
Ungehörige Anschuldigungen
Eine neue Spur
Abendessen
Zwischenspiel
Die Geliebte
Unerwünschte Annäherungen
Neue und alte Spuren
Ein unerwarteter Gast
Albas Geheimnis
Von Bärlauch und Herbstzeitlosen
Eine neue Theorie
Die Herren Schlinger
Nächtliche Ruhestörung
Die Geschichte eines Maats
Die Geschichte einer Ehe
Ein Artikel im Stern
Motiv und Gelegenheit
Ein unverhoffter Auftrag und eine Hiobsbotschaft
Interessante Neuigkeiten
Stillstand
Was hat Gicht mit Bärlauch zu tun?
Die Trauerfeier
Auf der Lauer
Eine faustdicke Überraschung
Die Wahrheit tut manchmal weh
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht beabsichtigt.
Laboe, Juni 1958
Eva drehte sich ein wenig nach links und rechts, um ihr Kleid im Spiegel zu bewundern, hielt jedoch inne, sobald sie das triste Schwarz sah, das ihre Freundin trug. »Du musst das nicht tun, Ansje. Ich kann auch …«
»Hör auf, ich bin froh, Abwechslung zu haben. Franz schleicht um mich herum, als würde er erwarten, dass ich jeden Moment zusammenbreche. Kannst du dir das vorstellen? Ich?« Sie schüttelte missmutig den Kopf. »Ja, Ömchens Tod hat mich getroffen, und ich trauere. Aber zu Hause zu sitzen und Trübsal zu blasen bringt sie auch nicht zurück. So was passiert, und das Leben muss weitergehen.« Entschieden nickte sie und widmete sich dem Kleid. »Und jetzt halt still. Ich nehme am Saum ein wenig ab. Bis zur Mitte der Wade, so trägt es die Carelli auch.«
Eva stimmte zu und versuchte, ihre Gedanken weg von Ansje und hin zu dem zu lenken, was für sie heute wichtig war: die große Gala mit den Filmstars Sonja Carelli und Thomas Peters in ihrem Hotel. Dafür hatte Eva das Kleid nach dem neuesten Schnitt aus der Burda in ihrer spärlichen Freizeit selbst genäht. Natürlich hatte sie nicht denselben Stoff benutzt, den die Zeitschrift vorgab, und auch sonst ein paar kleine Extras hinzugefügt, damit es nicht wie selbstgeschneidert aussah, sondern nach einem teuren Stück aus der Stadt.
Die cremefarbene Seide mit den zarten schwarzen Punkten wirkte besonders edel im Zusammenspiel mit ihrem brünetten, halblangen Haar und hatte sie ein kleines Vermögen gekostet. Aber sie war jeden Pfennig wert. Der Rock bauschte sich üppig, und ihre Schultern kamen dank des weiten U-Boot-Kragens wunderbar zur Geltung. Was machte es da, dass ihre kleine Wohnung im obersten Stockwerk des Hotels nach wie vor kein eigenes Badezimmer hatte? Oder dass ihr Sessel ein wenig durchgesessen war? Waschen konnte sie sich auch mit einer Schüssel, und wenn sie doch einmal baden wollte, benutzte sie das Gemeinschaftsbad des Hotels in der zweiten Etage. So früh wie sie standen die Gäste selten auf.
Sie drehte sich noch einmal und lächelte ihrem Spiegelbild zu. Die Gala war der Höhepunkt der anstrengenden letzten Wochen. Und gleichzeitig die Belohnung dafür, dass sie ihr Hotel Meeresgold, direkt am schönen Sandstrand von Laboe gelegen, für diesen Filmdreh zur Verfügung gestellt hatte. Sommerküsse in Laboe sollte der neue Kassenschlager in den Kinos werden und die Küste Schleswig-Holsteins in den Fokus der inzwischen wieder reiselustigen deutschen Bevölkerung setzen. Besonders stolz waren die Laboer, dass man sich ihren Ort dafür ausgesucht hatte. Doch die Hoffnung auf mehr Sommergäste hatte die ganze Probstei erfasst. Für Eva bedeutete der Dreh vor allem, dass sie acht Wochen lang keinen normalen Hotelbetrieb gehabt, sondern nur die Filmcrew beherbergt und versorgt hatte. Und natürlich ihr Hotel als Schauplatz für eine herzerwärmende Liebesgeschichte zur Verfügung gestellt. Sie hatte gut damit verdient, aber nicht so gut wie mit einzeln vermieteten Zimmern.
Schließlich musste sie die Filmleute auch bewirten, was einen Großteil ihres Restaurants in Anspruch genommen hatte, sodass kein Platz mehr für andere Gäste geblieben war. Diese Investition würde sich in den kommenden Monaten hoffentlich auszahlen. Schon jetzt konnte sie sich vor Reservierungen kaum retten. Jeder aus der näheren oder auch weiteren Umgebung wollte das Hotel besuchen, in dem die beiden Kinostars Sonja Carelli und Thomas Peters ihren neuesten Film gedreht hatten.
Man hatte ihr Haus ausgesucht, weil es eines der wenigen vor Ort war, die noch einen direkten Zugang zum Strand boten. Nur zehn Gehminuten vom Fähranleger entfernt war ihre große Sonnenterrasse direkt an der Uferpromenade Anziehungspunkt für die anreisenden Gäste. Die weiße Fassade des Hotels mit den typischen Giebeln und Streben vor den Fenstern tat ihr Übriges, um eine einladende Atmosphäre zu schaffen.
Nach dem Krieg waren viele der ehemaligen Hotels verschwunden, und die Uferpromenade von Laboe hatte sich verändert. Der Zuschlag war ein Triumph gegenüber ihrem schärfsten Konkurrenten Klaus Hansson. Dessen Hotel stand ebenfalls unmittelbar an der Strandpromenade, mehr oder weniger direkt neben ihrem. Seine Terrasse ging jedoch nach hinten in einen Garten hinaus, der zwar an heißen Sommertagen angenehme Kühle bot, jedoch keinen Blick aufs Meer. Und das war es, was die Filmemacher wollten: Sommer, Sonne und ganz viel Meer.
Die letzten Wochen waren nicht immer leicht gewesen. Die Filmleute hatten teils überzogene Wünsche und mitunter ausgefallene Angewohnheiten und Launen. Sie hatte alles lächelnd ertragen, denn es würde sich am Ende auszahlen. Wenn es erst einmal so weit war, würde sie sich das Geld für den Stoff ihrer Kleider nicht mehr vom Mund absparen müssen oder sie gar selbst nähen.
Die alte Standuhr ihrer Großmutter, die als einziges Möbelstück in der Wohnung den Krieg überlebt hatte, schlug dreimal, und Eva zuckte zusammen. »Ich muss mich um das Bankett kümmern.«
»Dann solltest du den Rest mir überlassen«, sagte Ansje.
Eine Welle der Freundschaft durchflutete Eva. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit und hatten gute und schlechte Jahre miteinander geteilt. Ansje hatte es als Kind einer Mutter, die im Wochenbett gestorben war, schwer gehabt. Großgezogen hatte sie weitestgehend ihre Großmutter, liebevoll von ihr Ömchen genannt. Da Evas dunkles Haar in starkem Kontrast zu Ansjes Weißblond stand, waren die unzertrennlichen Mädchen in Laboe lange als Schneeweißchen und Rosenrot bekannt gewesen.
Beide hatten in den ersten Kriegsjahren geheiratet, doch im Gegensatz zu Eva war Ansje mit ihrem Mann glücklich geworden. Sie hatte zwei erwachsene Söhne, die in der ortsansässigen Werft arbeiteten, und eine Tochter, die in diesem Jahr die Schule abschließen würde. Manchmal beneidete Eva ihre Freundin ein wenig, auch wenn sie selbst nicht unglücklich war. Das Hotel wiederaufzubauen erfüllte sie, und ihrem untreuen, im Krieg gefallenen Ehemann weinte sie keine Träne nach.
»Bekommst du das Kleid bis zum Abend fertig?« Ein wenig plagte Eva das schlechte Gewissen. Immer wieder hatte sie Ansje, die als Mädchen für alles im Hotel stets da aushalf, wo Not am Mann war, in den letzten Wochen gebeten, zur Arbeit zu kommen. Obwohl ihre Freundin in Trauer war. Auch wenn die behauptete, es sei in Ordnung, hätte Eva es gern anders gehabt und ihr die Zeit gegeben, die sie brauchte, um Ömchens Nachlass zu regeln.
»Kein Problem«, winkte Ansje ab und legte das Maßband zur Seite, mit dem sie die Rocklänge bestimmt hatte. »Geh in die Küche und hab ein Auge auf das Essen. Du wirst heute ebenso glänzen wie die Filmstars.«
»Danke, du bist die Beste.« Sie küsste ihre Freundin auf die Wange und zog sich um, bevor sie schnellen Schrittes nach unten eilte. Dieser Abend musste perfekt werden. Vielleicht gelang es ihr mit der Gala sogar, die Stars dazu zu bewegen, ihren Urlaub hier zu verbringen. Das wäre das Sahnehäubchen.
Eva sah bereits die Schlagzeilen vor sich: Thomas Peters und Sonja Carelli genießen im »Meeresgold« die Sonne von Laboe. Damit hätte sie es endgültig geschafft. Doch das würde nur gelingen, wenn sie sich sputete und nicht weiter Tagträumen von einer erfolgreichen Zukunft nachhing.
***
»Sie sind alle gekommen, wie erhofft.« Ansje stand strahlend neben Eva, und beide betrachteten den großen Festsaal.
Er war Evas ganzer Stolz. Von ihrem Großvater in den Zwanzigern eingerichtet, bot er Platz für bis zu achtzig Gäste. Weniger, wenn man zum Tanz aufspielte, wie es heute der Fall war. Das wirklich Imposante an diesem Saal waren die bodentiefen Fenster, die einen atemberaubenden Blick auf die Förde gewährten. Seine erhöhte Lage im dritten Stock steigerte diesen Effekt. Das letzte Licht des Tages fiel schräg durch die großen Fenster ein und brachte das Kristall in den Kronleuchtern zum Glitzern. Nicht zum ersten Mal dankte sie Gott dafür, dass diese Leuchter – gut versteckt im Keller, zusammen mit der Standuhr – den Krieg überlebt hatten. Das Hotel war zuerst von der deutschen und danach von der britischen Marine beschlagnahmt worden. Nach dem Abzug der Briten vor neun Jahren war das Gebäude in denkbar schlechtem Zustand gewesen, doch sie hatte alles darangesetzt, das Hotel ihrer Eltern wieder in Schuss zu bringen. Seit drei Jahren schrieb sie schwarze Zahlen, was sie für weitere Renovierungen genutzt hatte. Inzwischen war sie stolze Besitzerin des modernsten Hotels in Laboe.
»Sogar der Hansson und der Schlinger sind da«, sagte Ansje gerade, und Eva kehrte mit ihren Gedanken in den Festsaal zurück. Die Erwähnung dieser beiden Männer ließ Eva angewidert die Nase kräuseln.
»Der Hansson sucht doch nur nach einer Gelegenheit, mir zu erklären, warum wir unsere Hotels durch Heirat vereinen sollten.« Ein Schaudern überlief sie. Mit ihren achtunddreißig war sie seit siebzehn Jahren Witwe und hatte nicht vor, daran etwas zu ändern. Besonders nicht mit Klaus Hansson. Er war achtundfünfzig, hatte einen Wohlstandsbauch, eine Halbglatze und eine rot geäderte Nase, die verriet, wie gern er trank. Sie würde ihr Leben nie an einen solchen Mann verschwenden. Auch dann nicht, wenn es ihrem Hotel nutzte. Eine Ehe mit Klaus Hansson würde lediglich bedeuten, dass er die Leitung übernahm. »So ein hübsches Frauchen wie du sollte sich nicht den Kopf übers Geschäft zerbrechen müssen«, war sein Lieblingssatz, wenn er sie mal wieder umwarb.
Der Umgang mit ihm war ein echter Drahtseilakt. Einerseits wollte sie ihn auf Abstand halten, damit er nicht auf falsche Gedanken kam, andererseits musste sie freundlich bleiben, um nicht in seiner Achtung zu fallen. Sein Hotel war das größere, und er saß im Gemeinderat, was bedeutete, dass er ihr das Leben schwer machen konnte, wenn er es darauf anlegte.
Sie schüttelte den Gedanken ab und wandte sich stattdessen dem anderen wichtigen Gast zu. Der Reeder Gunther Schlinger war ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft, weil er das hatte, was den meisten nach wie vor fehlte: Geld. So viel davon, dass selbst die konservativsten Bewohner des kleinen Küstendorfes vergaßen, dass er keinen Wert auf Manieren legte, oft mehr trank, als er vertrug, und in solchen Fällen seine Hände nicht bei sich behielt. Seine Reederei sorgte für Arbeitsplätze und Wohlstand. Deshalb sah man über sein ungehobeltes Benehmen oder die Tatsache hinweg, dass er letztes Jahr mit seiner Familie nach Kiel gezogen war. Außerdem verbrachte er nach wie vor viel Zeit in Laboe, was fast so gut war, wie hier zu wohnen.
Die Kellner servierten das Dessert, und Eva durchströmte eine Zuversicht wie lange nicht mehr. Endlich ging es aufwärts. Sie wollte sich gerade abwenden, da erhob sich Schlinger unvermittelt von seinem Stuhl. Er fasste sich an den beachtlichen Bauch und krümmte sich offensichtlich unter Schmerzen.
Seine Frau Karin drehte sich zu ihm und sagte etwas, doch er reagierte nicht darauf, sondern brach zusammen. Erste Schreie erklangen, und Eva setzte sich in Bewegung. Nicht in Richtung des am Boden liegenden Mannes, sondern zum Telefon an der Rezeption. Das sah nicht gut aus. Sie musste sofort ihren Bruder rufen, den Arzt des Dorfes. Da Martin nicht unter den Gästen weilte, war er vermutlich zu Hause. Zum Glück gehörte sein Haushalt zu den wenigen in Laboe, die über einen Telefonanschluss verfügten.
Aus dem Saal erklangen die ersten Rufe nach dem Arzt, der sich just in diesem Moment mit den Worten »Doktor Orth am Apparat, guten Abend« meldete. Eva schilderte kurz, was vorgefallen war, bat ihn, sich zu beeilen, und ging zurück in den Festsaal.
Dort hatte sich eine Menschenmenge um Schlinger gebildet. Seine Frau saß auf einem Stuhl und wedelte sich Luft zu. Neben ihr stand Ansje, die beruhigend auf sie einsprach.
Bei Herrn Schlinger auf dem Boden knieten mehrere Männer, die ihm das Jackett und die Krawatte ausgezogen hatten. Er bewegte sich nicht, und Eva befürchtete das Schlimmste.
Wichtig war es, Ruhe zu bewahren und die anderen Gäste bei Laune zu halten. Kein leichtes Unterfangen. Klaus Hansson war einer der Männer neben Schlinger. Er erhob sich, sobald er sie sah, und kam mit gönnerhafter Miene auf sie zu. Eva konnte sich denken, was er vorhatte – die Zügel in die Hand nehmen und sie in ihrem eigenen Haus bloßstellen. Fest entschlossen, den Anwesenden zu zeigen, dass sie wusste, was zu tun war, ignorierte sie ihn und suchte sich ihren Weg durch die Gäste. Dabei hatte sie für jeden ein beruhigendes Wort und erreichte schließlich das Mikrofon vor der Tanzkapelle.
Sie deutete darauf und sah zum Kapellmeister. »Funktioniert es?«
»Selbstverständlich.«
Gut. Dann würde sie der Gesellschaft mal zeigen, dass sie ihren Mann stehen konnte. »Meine Damen und Herren«, sagte sie laut und deutlich. Das Mikrofon verstärkte ihre Stimme, und die meisten Köpfe drehten sich in ihre Richtung. »Ich bitte Sie, Ruhe zu bewahren. Ein Arzt ist verständigt und wird so schnell wie möglich eintreffen.« Die Tür zum Saal öffnete sich im selben Moment, und ihr Bruder kam herein. Er suchte ihren Blick, und sie deutete mit dem Kopf in Schlingers Richtung.
Ein Nicken war die Antwort, und Martin begab sich zu dem am Boden liegenden Mann. Eva notierte sich im Geist, dass sie ihm später für sein schnelles Erscheinen angemessen danken musste. Doch jetzt ging es erst einmal darum, den Abend zu retten.
Während sie beiläufig beobachtete, was um Schlinger herum vorging, widmete sie sich ihren Gästen. »Bitte entschuldigen Sie die Verzögerung, der Abend wird schon bald fortgesetzt. Ich bedanke mich für Ihre Geduld und Ihr Verständnis. Bis es so weit ist, wird die Kapelle für Sie spielen.« Sie lächelte und beglückwünschte sich zu ihrer fehlenden Angst, vor Publikum zu sprechen. Das war immer so gewesen und kam ihr heute zugute.
Mit einer Handbewegung forderte sie die Musiker hinter sich auf, zu beginnen, und trat von der Bühne. Als Nächstes sollte sie sich ihren Ehrengästen widmen. Die Stars waren nicht ganz einfach, besonders Thomas Peters zeichnete sich durch seine Ungeduld und sein aufbrausendes Gemüt aus. Das hatte sie in den letzten Wochen mehrmals zu spüren bekommen. Doch sie war zuversichtlich, auch diese Situation mit einem Lächeln, Schnaps und schmeichelnden Worten zu entschärfen.
Sie steuerte auf den Tisch mit den Schauspielern zu, als auch schon der Regisseur der Filmmannschaft, Herr Kröning, an ihre Seite trat und sich bei ihr einhakte. »Wir werden den Rest des Abends doch wie geplant zu Ende bringen können?«, fragte er mit einem Blick auf seinen Hauptdarsteller. »Herr Peters hat sich sehr darauf gefreut, zu tanzen.«
»Machen Sie sich keine Gedanken«, versicherte sie. »Herrn Schlinger geht es sicher bald besser, dann können wir …«
Ein kleiner Tumult veranlasste sie dazu, sich umzusehen. Vier Männer versuchten, Herrn Schlingers Körper hochzuwuchten. Um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen? Eva hoffte es, wurde jedoch Sekunden später enttäuscht. Sie versuchten nicht, den Mann aufzusetzen, sondern trugen ihn unter dem Klagen seiner Frau aus dem Saal. Martin folgte.
Herr Peters und Frau Carelli würden warten müssen. Sie musste dafür sorgen, dass ihr Bruder einen Ort fand, an dem er Schlinger behandeln konnte. »Mein lieber Herr Kröning, wären Sie so nett und würden Herrn Peters beruhigen? Ich muss mich darum kümmern, dass unser Patient alles bekommt, was er zur Genesung braucht. Sobald das in die Wege geleitet ist, wird das Dessert serviert, und wir fahren mit der Veranstaltung fort wie geplant.« Sie tätschelte ihm den Arm, schenkte ihm ihr schönstes Lächeln und befreite sich aus seinem Griff.
»Ich werde tun, was ich kann, meine Liebe.« Er deutete eine Verbeugung an und schritt energisch auf den Tisch der Schauspieler zu.
Eva war hingegen schon auf dem Weg zu Martin und seinem Patienten. Sie fand die kleine Gruppe in der Eingangshalle und sah, wie Ansje zusammen mit Martin ein weißes Laken über den leblosen Körper von Gunther Schlinger breitete. Stöhnend blieb Eva stehen und legte den Kopf in den Nacken. Ein Toter war das Letzte, was sie brauchen konnte. Sofort überkam sie ein schlechtes Gewissen. Auch wenn sie Schlinger nie sonderlich gemocht hatte und seinen Lebenswandel verurteilte, war er doch ein Mensch. Nur warum musste er ausgerechnet an diesem Abend in ihrem Hotel das Zeitliche segnen?
Sie suchte Martins Blick, der sie zu sich winkte. Ein wenig abseits von den anderen umarmte er sie kurz. »Es tut mir leid, Eva.« Er sah zu Schlinger. »Ich bin nicht sicher, woran er gestorben ist, das muss eine Autopsie klären, aber mein erster Verdacht wäre eine Vergiftung.« Jetzt ruhte sein Blick ernst auf Eva. »Wir müssen die Polizei verständigen.«
»Mord?«, fragte sie so laut, dass sich die Köpfe der anderen Anwesenden in ihre Richtung drehten. Sie hätte leiser sprechen sollen, doch allein der Gedanke ließ ihr den Schrecken in die Glieder fahren. Ein Toter im Hotel war schlimm, aber ein Mord? Das konnte ihr Geschäft ruinieren.
»Ich weiß es nicht. Dafür braucht es weitere Untersuchungen, für die ich nicht ausgebildet bin. Wir sollten wirklich die Polizei verständigen.«
»Ja, natürlich.« Unsicher sah Eva zu Martin. »Ich erledige das gleich. Meinst du …« Sie schluckte. »Glaubst du, dass es einer von den Gästen war? Müssen wir die Tür verschließen, damit keiner gehen kann? Oder sollten wir den Saal räumen lassen, damit keine Spuren verwischt werden?«
»Du liest zu viele Kriminalromane, Eva. Überlassen wir das der Polizei.«
Eva nickte, während sie überlegte, wer als potenzieller Mörder infrage kam. Frau Schlinger vielleicht, sie hatte auf jeden Fall ein Motiv, Schlingers Untreue war weithin bekannt. Oder …
»Eva, hör auf, darüber nachzugrübeln, was passiert sein könnte, und ruf die Polizei.«
Schuldbewusst lief sie zum Telefon. Martin hatte recht. Mutmaßungen brachten sie nicht weiter.
Ein neuer Morgen brach an, und Eva stürzte sich in die Arbeit. Auch, um zu vergessen, dass die gestrige Gala nicht mehr richtig in Schwung gekommen war. Die Gäste hatten zu Ende gegessen, die Kapelle hatte gespielt, aber Schlingers Tod war zu gegenwärtig gewesen, um gute Stimmung aufkommen zu lassen. Noch vor Mitternacht hatte sich die Gesellschaft aufgelöst, was unter den Umständen verständlich und dennoch ärgerlich war. Ihre Investitionen in diese Feier waren beträchtlich gewesen, und nun blieb sie auf teurem Champagner und anderen Getränken sitzen. Ein finanzieller Schlag, der sie nicht ruinierte, aber zurückwarf.
Der Fall des toten Reeders hatte ihr keine Ruhe gelassen. Die Leiche war von den örtlichen Wachtmeistern mitgenommen worden und sollte heute mit der Fähre in die Gerichtsmedizin nach Kiel überführt werden. Die beiden Männer hatten sie auch darüber informiert, dass die Kriminalpolizei an diesem Morgen eintreffen würde, um die Hotelgäste und vor allem das Filmteam zu befragen. Das hingegen wollte, verständlicherweise, wie geplant abreisen. Seit zwei Stunden beschwichtigte sie, wies darauf hin, dass sie nicht wüsste, wann wer zur Befragung dran sei, und predigte Geduld. Entsprechend schlecht war die Stimmung beim Frühstück.
»Liebe Frau Laws.« Die Stimme von Sonja Carelli veranlasste Eva dazu, sich mit einem unverbindlichen Lächeln zu der Frau umzudrehen. Sie war vor wenigen Minuten zum Frühstück erschienen und lächelte ebenfalls. Im Gegensatz zum neben ihr sitzenden Thomas Peters. Der stocherte verdrießlich in seinem Rührei herum, und man sah ihm deutlich an, dass er nach dem Ende der Gala weitergefeiert hatte. Ohne seine Frau, vermutete Eva, schwieg jedoch. Es war nicht an ihr, dazu eine Meinung zu haben. Die beiden Stars waren nicht nur in ihren Filmen miteinander verbandelt, sondern auch privat verheiratet. Was ihn allerdings nicht davon abhielt, jeder Frau schöne Augen zu machen, die ihm über den Weg lief. Ein Verhalten, welches Eva von ihrem verstorbenen Mann kannte, weshalb sie Frau Carelli bemitleidete.
Heinrich Laws war gut aussehend gewesen und hatte das, sehr zu Evas Leidwesen, genau gewusst. In ihrer kurzen Ehe hatte er sie zweimal betrogen – oder häufiger, wer konnte das schon genau sagen?
Vielleicht hegte sie deshalb keine sonderliche Sympathie für den Schauspieler Peters. Er war Heinrich in vielen Dingen ähnlich. Die Vergangenheit griff nach ihr, doch sie schaffte es, die dunklen Wolken der Erinnerung mit einer heftigen Bewegung abzuschütteln. Heinrich war tot, und sie hatte sich nie wieder einem Mann untergeordnet. Und würde das auch in Zukunft nicht tun.
Schon gar nicht einem wie Thomas Peters. Seine überaus charmante Art gefiel den Damen, und wenn er sein berühmtes Lächeln aufsetzte, schmolzen die Frauenherzen dahin. Nicht nur die der Schauspielerinnen, auch die von Evas Angestellten. Deren Begeisterung hatte sich jedoch schnell gelegt. Auf der Leinwand spielte Peters den stets vergnügten Entertainer. In der Realität war er an guten Tagen ein Charmeur, doch genauso oft fand man ihn aufbrausend und mürrisch. Außerdem trank er gern und viel. Auch dabei schwankte seine Stimmung zwischen den beiden Extremen hin und her. Frau Carelli ließ sich nicht anmerken, ob sein Verhalten sie verletzte, sondern war ganz fürsorgliche Ehefrau. Zumindest in der Öffentlichkeit. Das Zimmer des Paares Peters-Carelli lag direkt unter Evas kleiner Wohnung, und sie hatte sie nachts oft streiten gehört. Auch in der Welt der Reichen und Schönen war wohl nicht alles Gold, was glänzte.
Um der Schauspielerin zu verdeutlichen, wie sehr sie mit ihr fühlte, zeigte Eva ein echtes Lächeln. »Wie kann ich helfen, Frau Carelli?«
»Wären Sie so freundlich und würden meinem Mann eine Bloody Mary zubereiten? Es ist einer dieser Tage, Sie wissen schon.«
Also hatte Eva recht gehabt. Peters hatte nach der Gala irgendwo anders weitergefeiert. In den letzten Wochen hatte er mehrere dieser Tage erlebt und sie die Zubereitung dieses speziellen Cocktails aus Tomatensaft, Gewürzen und Wodka gelehrt. »Selbstverständlich, Frau Carelli. Sonst noch einen Wunsch?«
»Sorgen Sie dafür, dass wir diesen gottverdammten Flecken Erde so schnell wie möglich verlassen können«, kam es von Herrn Peters. »Diese Seeluft macht mich krank. Mein Kopf zerspringt, und die Sonne scheint bereits am frühen Morgen so hell, dass man kaum etwas sehen kann.«
Eva verkniff sich einen Kommentar, dass an diesen Symptomen sicher nicht die Seeluft schuld war, und lächelte erneut unverbindlich. »Die Fähre mit den Beamten aus Kiel legt in einer Viertelstunde an, was bedeutet, dass sie keine zehn Minuten später hier sein werden. Wenn Sie möchten, rede ich mit den Herren und bitte sie, gleich das erste Gespräch mit Ihnen zu führen, Herr Peters.« Sie vermied bewusst das Wort Verhör, was ihr einen dankbaren Blick von Frau Carelli einbrachte.
»Das wäre ganz reizend von Ihnen, meine Liebe«, sagte sie und legte beruhigend eine Hand auf die ihres Mannes. »Wenn Sie jetzt bitte die Bloody Mary bringen könnten?«
»Selbstverständlich.« Einen Knicks andeutend ging Eva zur Bar, mixte den Drink und brachte ihn dem nach wie vor mürrischen Schauspieler. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Zeit, die Herren von der Kriminalpolizei zu empfangen. Die Beamten kamen mit der Fähre aus Kiel, vermutlich weil Herr Schlinger dort gewohnt hatte und eine lokale Größe war. Aber was wusste sie schon von Zuständigkeiten. Die Filmstars spielten sicherlich auch eine Rolle. In diesem Fall wollte man wohl erfahrene Beamte aus der Hauptstadt einsetzen.
Eva war es egal, woher die Männer kamen. Sie würde in der Eingangshalle sein, wenn sie eintrafen, um ihnen einen Raum für die Befragungen zur Verfügung zu stellen. Vielleicht ihr Büro. Dort war man ungestört.
War sonst alles vorbereitet? Sie sah sich in der Halle um. Das Blumengesteck an der Rezeption musste spätestens morgen erneuert werden, ansonsten befand sich der Raum in bestem Zustand. Ihre ganze Liebe, Energie und viel Herzblut waren in den letzten neun Jahren in dieses Hotel geflossen. Das begann bei den Zimmern im ersten Stock, von denen jedes über ein eigenes Badezimmer verfügte, und ging bis zu ihrem besten Zimmer im zweiten Obergeschoss. Es bestand aus zwei Räumen plus Badezimmer. Auf der Etage befanden sich weitere sechs Zimmer ohne Bad, dafür gab es zwei Toiletten und Duschen auf dem Flur. Im dritten und obersten Stockwerk lagen der Galasalon und ihre eigene kleine Wohnung.
Besonders auf die Empfangshalle hatte sie viel Mühe verwandt. Sie war das Erste, was Gäste zu sehen bekamen. Zwei moderne Sitzgruppen in Mintgrün mit bunten Tütenlampen und Nierentischen luden zum Verweilen ein. Die Holzvertäfelung an den Wänden sorgte für eine heimelige Atmosphäre, und dennoch war der Raum luftig, adrett und sauber. Eva konnte stolz auf das sein, was sie geleistet hatte, und würde sich ihren Erfolg nicht durch den Tod einer lokalen Berühmtheit zerstören lassen.
In der Morgenausgabe der Zeitung war mit einer ersten Schlagzeile über Schlingers Tod berichtet worden. Leider hatte das bereits zu zwei Stornierungen für die nächste Woche geführt. Zwei Paare, die nicht in einem Mordhotel übernachten wollten. Das allein war verkraftbar, aber Eva befürchtete, dass diese Absagen nur zwei von vielen sein könnten, wenn Schlingers Tod nicht schnell aufgeklärt wurde.
Am besten, bevor die Sommergäste in zwei Wochen anreisten. An einen erholsamen Urlaub am Strand war nicht zu denken, solange man befürchten musste, dass irgendwo in der Nähe ein Mörder frei herumlief. Sie sollte dringend mit diesen Kriminalbeamten sprechen und ihnen vor Augen führen, wie wichtig eine schnelle Aufklärung für sie und ihr Hotel war.
Um das zu erreichen, waren Freundlichkeit und gutes Essen sicherlich ein Anfang. Darin glichen sich alle Männer. Der Weg zu ihrem Wohlwollen führte über den Magen.
Just in diesem Moment öffnete sich die Tür, und zwei Herren traten ein. Zwar trugen sie Zivil, doch alles an ihnen schrie Polizist. Graue Mäntel und schokoladenbraune Fedoras ließen sie wie Figuren aus einem Kriminalfilm aussehen. Die Hüte nahmen sie ab, sobald sie ihrer ansichtig wurden. Das gab ihr wiederum Gelegenheit, die Herren genauer in Augenschein zu nehmen. Der eine war in den späten Fünfzigern, füllig, mit einem dicken Schnurrbart und einem freundlichen Gesicht. Er sah sich geschäftig um und ging selbstsicheren Schrittes auf Eva zu.
Doch sie hatte nur Augen für den anderen Mann. Er war etwa in ihrem Alter, trug das dunkle Haar ein klein wenig zu lang, und an seinem Kinn zeigte sich ein dunkler Bartschatten. Doch es waren seine Augen, die sie faszinierten. So dunkel, dass man sie fast für schwarz halten konnte. Sie kannte diese Augen, da war sie sicher.
Erinnerungen an einen stürmischen Kuss hinter dem Offizierscasino in Kiel überfielen sie und sorgten dafür, dass das Blut in ihrem Körper prickelte. War es möglich, dass dieser Mann der junge Maat war, dem sie vor so vielen Jahren einen Kuss erlaubt hatte? Beinahe schien es ihr, als wäre das in einem anderen Leben geschehen. Genau genommen war es auch so. Damals war der Krieg gerade erst ausgebrochen, alle glaubten noch an einen Sieg, und niemand ahnte etwas von den Schrecken, die auf sie zukommen würden.
Er sah sie ohne jede Spur des Erkennens an, was sie kurz zweifeln ließ. War er eventuell gar nicht der Mann, für den sie ihn hielt, sondern sah ihm nur ähnlich?
»Moin, Sie sind Frau Laws, nehme ich an?« Gesprochen hatte der Ältere, der ihr jetzt seine Hand hinhielt.
»Ja, die bin ich. Moin.« Sie erwiderte den Händedruck.
»Sehr schön. Ich bin Hauptkommissar Dietrich, das ist Kommissar Matthiesen. Wir leiten die Ermittlungen im Fall Gunther Schlinger. Wo können wir die Befragungen abhalten?«
»Hier entlang, die Herren«, sagte Eva beflissentlich. »Mein Büro ist für diese Aufgabe hervorragend geeignet. Wenn Sie das ähnlich sehen, lasse ich einen dritten Stuhl bringen.«
Sie führte die beiden Männer in den Raum, welcher von einem großen, ordentlich aufgeräumten Schreibtisch dominiert wurde. In diesem Moment war sie froh um die hart antrainierte Ordnung, die sie an ihrem Arbeitsplatz hielt. Neben dem Schreibtisch gab es ein Regal mit Ordnern für ihre Ablage, ein Gemälde, welches den Strand mit Blick auf die Förde zeigte, und zwei Stühle. Einen vor und einen hinter dem Schreibtisch.
Hauptkommissar Dietrich besah sich kühl die Einrichtung und nickte. »Das ist akzeptabel.« Er wandte sich an Eva. »Hier soll sich eine Filmcrew aufhalten? Mit Sonja Carelli und Thomas Peters?«
»Ja, die Gala gestern war zu ihren Ehren. Um den Abschluss der Dreharbeiten zu feiern. Herr Peters wäre hocherfreut, wenn seine Befragung schnell vonstattenginge, damit er abreisen kann.«
»Wir werden sehen«, sagte der Hauptkommissar. »Matthiesen, Sie begleiten Frau Laws und requirieren umgehend einen Stuhl.«
»Sehr wohl, Chef.« Er senkte kurz zustimmend den Kopf und wandte sich an Eva. »Gehen wir?«
Sie nickte und folgte ihm nach draußen. Dabei warf sie ihm hoffentlich unauffällige Blicke zu. »Hier entlang in den Galaraum, dort gibt es genug Stühle.«
Er folgte ihr schweigend die Treppen nach oben und den Flur entlang. »Kennen wir uns?«, fragte er, und sie hielt beim Öffnen der Tür inne.
Sie drehte sich zu ihm um. »Möglich«, antwortete sie vorsichtig und ein wenig gekränkt.
Seine dunklen Augen musterten sie von oben bis unten und blieben an ihrem Mund hängen. »Mir ist, als hätten wir uns schon einmal getroffen, doch es will mir nicht einfallen, wann und wo das war.«
»Das Offizierscasino der Marine in Kiel.« Die Worte waren heraus, bevor sie darüber nachdenken konnte. »Im Frühjahr 1940. Ich habe dort gearbeitet.«
Sein Blick verengte sich beim Nachdenken, dann huschte ein Lächeln des Erkennens über sein Gesicht. »Ich erinnere mich. Das Mädchen hinter der Bar mit dem wunderschönen Lächeln und diesem Haar, das …« Er brach ab und stieß ein leises Lachen aus. »Das war in einem anderen Leben, nicht wahr?« Und da sie nicht antwortete, fügte er hinzu: »Es war vorher.«
Sie wollte bereits ansetzen, um zu fragen, was er damit meinte – auch wenn sie es sich denken konnte. Für die meisten Deutschen bestand das Leben aus der Zeit vor dem Krieg und danach. Über den Krieg selbst sprach man nicht.
»Es ist lange her«, stimmte sie zu. »Wir waren jung und unbedarft. Lassen wir es darauf beruhen.« Sie war stolz darauf, wie fest ihre Stimme klang, obwohl sein Nichterkennen sie verletzt hatte. Aber was hatte sie erwartet? Er war damals ein Soldat gewesen, dessen Schiff am nächsten Tag auslief. Sie hatten geflirtet, und er war der erste und einzige Mann gewesen, für den sie ihren eisernen Grundsatz über Bord geworfen hatte: Fange nichts mit einem Mann an, der keine ernsten Absichten hat. Sie hatte ihm einen Kuss erlaubt, obwohl sie nur seinen Vornamen gekannt hatte. Für sie war es besonders gewesen, für ihn offensichtlich nicht. Seit Jahren hatte sie nicht mehr an ihn gedacht, was machte es also für einen Unterschied, ob er sich an sie erinnerte?
Den Blick nach wie vor auf sie gerichtet, sagte er: »Nehmen Sie bitte meine aufrichtige Entschuldigung an. Wie Sie sagten, es ist lange her, und es war eine andere Zeit. Ich war ein anderer Mann. Heute würde ich mich bei Ihnen melden, Ihnen schreiben, nachdem wir …« Mit einem spitzbübischen Grinsen brach er ab und verbeugte sich vor ihr.
Schnell überlegte sie, ob sie auf seinen Flirtversuch eingehen sollte, entschied sich aber dazu, ihn zu übergehen. Das Mädchen von damals hätte ihn erwidert, doch die Frau von heute wusste es besser. »Es ist nichts passiert, wofür Sie sich entschuldigen müssten, Herr Matthiesen.«
»Herr Matthiesen«, sagte er, verzog das Gesicht, seufzte leise und fragte dann: »Wo sind nun diese Stühle?«
Seine Miene war wieder ausdruckslos, und sie fragte sich, ob sie ihn gekränkt hatte. Müßig, darüber nachzudenken. In der Vergangenheit zu schwelgen änderte rein gar nichts an der gegenwärtigen Situation.
Sie löste sich von den Erinnerungen, öffnete die Tür, zeigte auf eine Reihe Stühle an der Wand und sah zu, wie er einen davon aufnahm. Er benutzte dabei ausschließlich den linken Arm, was zwar natürlich wirkte, Eva aber trotzdem stutzen ließ. Es war ungewöhnlich, dass er zum Tragen nicht beide Arme benutzte, doch im Grunde ging es sie nichts an. Der ganze Mann interessierte sie nur insoweit, dass er der ermittelnde Kommissar war und sie ihn bei Laune halten musste.
Schweigend gingen sie zurück zum Büro, wo er den Stuhl neben den seines Chefs stellte und sich setzte.
»Darf es ein Tee oder Kaffee sein?«, fragte Eva abschließend. »Ein kleines Frühstück? Geht aufs Haus.«
»Danke schön, sehr freundlich, ich nehme einen Kaffee«, antwortete Hauptkommissar Dietrich. »Und Sie, Matthiesen?«
»Kaffee klingt hervorragend.«
Sie nickte, schloss die Tür und ging in Richtung Küche, um das Frühstück vorzubereiten. Ihre Gedanken waren bei Paul Matthiesen. Bis zu diesem Tag hatte sie seinen Nachnamen nicht gekannt, und es war merkwürdig gewesen, ihn damit anzusprechen. Wenn sie seinen Gesichtsausdruck richtig gedeutet hatte, gefiel es ihm ebenso wenig.
Das Leben schlug manchmal merkwürdige Kapriolen. Doch wer wusste, wofür es gut war? Vielleicht fand sie eine Möglichkeit, ihn dahingehend zu beeinflussen, ihr Hotel und das angeschlossene Restaurant so schnell wie möglich von jedem Verdacht freizusprechen.
Eva konnte sich nicht vorstellen, dass einer ihrer Angestellten Herrn Schlinger vergiftet hatte. Zwar arbeitete aus fast jeder Familie des Ortes jemand für den Reeder, doch sie wüsste nicht, dass es Streit oder böses Blut gegeben hatte. Außerdem kannte sie ihre Leute seit Jahren und würde für die Männer und Frauen ihre Hand ins Feuer legen.
Auch jemand aus der Filmcrew war als Täter unwahrscheinlich, da gab es keinerlei Berührungspunkte mit dem Verstorbenen. Sie konnte eine Bekanntschaft nicht ausschließen, doch sie war davon überzeugt, den Täter nicht in diesem Umfeld zu finden. Viel verdächtiger erschien ihr die Ehefrau. Es gab Gerüchte über Untreue, besonders in den letzten Jahren, seit die Söhne zum Studieren das Haus verlassen hatten. Bedachte man das, war es denkbar, dass sie genug von seinen Seitensprüngen gehabt hatte. Außerdem hatte sie beim Bankett neben ihm gesessen und damit die Möglichkeit gehabt, ihren Mann zu vergiften. Sicher würden das auch die Herren von der Kriminalpolizei schnell erkennen.
Eva packte Kaffee, Brötchen, Butter und vier kleine Förtchen auf ein Tablett. Das Hefegebäck bereitete sie jeden Morgen nach dem Rezept ihrer Großmutter zu und hörte oft, es sei das beste der ganzen Förde. Hoffentlich half es, die Männer gnädig zu stimmen.
Sie betrat das Büro und schickte sich an, die Getränke und das Gebäck zu verteilen, als Dietrich sich vernehmlich räusperte.
»Frau Laws, stimmt es, dass Sie den Bankettsaal nach dem Todesfall nicht sofort verschlossen haben? Sind Änderungen vorgenommen worden?«
»Sie meinen den Saal, in dem die Gala stattfand?«
»Natürlich, welchen sonst?« In die Stimme des Hauptkommissars mischte sich eine Schärfe, die Eva aufhorchen ließ. Diese Tonlage passte nicht zu dem ruhigen und behäbigen Eindruck, den er vermittelte. Sie durfte nicht vergessen, dass er Polizist war, noch dazu in einer gehobenen Position. Die hatte er sicher nicht erreicht, weil er ein ruhiger, zurückhaltender Mensch war.
»Die Feier ging weiter, nachdem Doktor Orth Herrn Schlinger untersucht hatte und er weggebracht worden war.« Selbstbewusst suchte Eva Hauptkommissar Dietrichs Blick.
»Dann ist nichts mehr so, wie es zum Tatzeitpunkt war?«
»Tatzeitpunkt?«, fragte sie überrascht. »Ich dachte, es wäre noch gar nicht klar, wann und wie Herr Schlinger vergiftet wurde – oder ob. Am Essen kann es nicht gelegen haben. Falls es Gift war, geschah das wahrscheinlich, lange bevor …«
»Die Schlussfolgerungen, was hier wann geschehen ist, überlassen Sie bitte uns, Frau Laws«, unterbrach Dietrich sie in einem gönnerhaften Ton, den Eva nur zu gut kannte – und verabscheute. Diesen Ton schlugen Männer gern an, wenn sie einer selbstbewussten Frau begegneten. »Sorgen Sie lieber mal dafür, dass der Raum jetzt verschlossen wird, bis wir ihn später unter die Lupe nehmen. Matthiesen, Sie begleiten die Dame, um sicherzustellen, dass alles seine Ordnung hat.« Er wartete nicht einmal auf eine Reaktion seines Kollegen, sondern senkte den Blick auf seine Papiere.
Eva lag eine schnippische Antwort auf den Lippen, doch Kommissar Matthiesen schob sie mit sanftem Druck nach draußen. »Provozieren Sie ihn nicht«, sagte er leise. »Er ist vom alten Schlag und hält nichts davon, wenn Frauen Geschäfte führen.«
»Das ist sein Problem, würde ich sagen. Denn das ist mein Hotel und nicht erst seit gestern. Außerdem habe ich ihn nicht provoziert.« Sie drehte den Kopf so, dass sie den Kommissar ansehen konnte. »Es gab keinen Grund, die Gala abzubrechen. Das haben die Polizisten gestern Abend bestätigt.«
»Das weiß Dietrich auch. Er zeigt nur gern, wer das Sagen hat. Außerdem gehört es zu unserem Beruf, alles zu hinterfragen und jeden als verdächtig anzusehen, damit uns nichts entgeht.«
»Aha.« Es gelang ihr nicht, die Skepsis aus ihrer Stimme zu vertreiben. »Wie ich sehe, haben die Jahre bei der Marine ihre Spuren hinterlassen. Wer hätte gedacht, dass sich der ungestüme Mann von damals als einer entpuppt, der sein Leben nach den Regeln anderer führt.«