Der Weg nach Eutopia - Ingrid Manogg - E-Book

Der Weg nach Eutopia E-Book

Ingrid Manogg

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Beschreibung

Zehn Planeten, zehn unterschiedliche Stämme: Alles scheint friedlich und geordnet. Bis der Stamm der technisch versierten Katter die Macht ergreift. Eine rasante Entwicklung nimmt ihren Lauf, die Katter setzen ihre Vorstellungen von einem 'Wir' rücksichtlos durch. Bald herrschen sie nicht nur über das Versum, sondern auch über den 'Anderen Raum'. Doch es gibt Außenseiter, die ihre Träume und Freundschaften bewahren wollen, sie suchen nach einem anderen Weg. Können sie bestehen? Und gibt es ein Entkommen aus dem schwarzen Ring? Tiefgründig! Dieses fein gesponnene Fantasy-Epos entführt in eine Welt, welche auch die unsrige sanft hinterfragt. Alle fünf Geschichten in einem Band.

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Seitenzahl: 681

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Der Weg nach Eutopia – die Gesamtausgabe

Zehn Planeten, zehn unterschiedliche Stämme: Alles scheint friedlich und geordnet. Bis der Stamm der technisch versierten Katter die Macht ergreift. Eine rasante Entwicklung nimmt ihren Lauf, die Katter setzen ihre Vorstellungen von einem ‚Wir‘ rücksichtlos durch. Bald herrschen sie nicht nur über das Versum, sondern auch über den ‚Anderen Raum‘. Doch es gibt Außenseiter, die ihre Träume und Freundschaften bewahren wollen, sie suchen nach einem anderen Weg. Können sie bestehen? Und gibt es ein Entkommen aus dem schwarzen Ring?

INHALT

Karte des Versum

Einführung

Luno

Solizare

Arbo

Loicht

Archibald

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Einführung

Luno

Hoffnungslos

Geschenke

Der weiße Katter

Die Frequenz der Unglücklichen

Fendri

Zusammen

Zuordnungen

Triumvir-Rat

Das Geheimnis des weißen Katter

Frevel

Die Sieche

Florinas Komkatt

Ars Ka-Tan-Di

Viele Vollmonde später

Explosionen

Funkstille

Die Novanis treffen ein

Willkommen?

Der Ring schließt sich

Erster Schnee

Namen

Solaria

Die Zeronier

Wirre Träume

Kloris

Die Reise auf den Gemeinschaftsplaneten

Lunis

Unser aller Anfang

Tausch und Tala

Klurinal

Der Schafsprozess

Digitt

Medizin

Packt das Pack

Nachmachverbot und Ideenbesitz

Unter-Nehmen und Steuerungen

Einflüsterungen

Mondgestalter

Er-Ziehung

Retter des Versum

Das Fazit der Fedrigen

Die Verschollenen

Luno erzählt

Das große Fest

Eine neue Zeit

Schlaflos

Flora

Sinnlos

Lunaflora

Lunfoiras Erinnerungen

Vom Wünschen

Solizare

Die Tetra-Angel

Wie unter Freunden

Luflu hat eine Idee

Der verlassene Klangtempel

Odofluid

Wettermacher

Spaßbremse

Die vier Jahreszeiten

Dodo verliert seinen Freund

Geteiltes Geheimnis

Dodo wird abgeholt

Dodo bei den Katter

Solizars Stimme

Der Fluss fließt in das Große hinein

Kein Sonnenschein

Bedingungen

Wieder im Klangtempel

Klangschalen

Eine glückliche Zeit

Die Kleinen werden größer

Ein langer Sommer

Solizars Ankunft

Solizare und Feggis

Nocturnes

Bannen durch Betönen

Wetterwarnungen und Schulden

Schwanenwassa

Die Wundertöner

Turbulenzen

Die goldene Blase platzt

Ein erster Schritt

In der Ansiedlung

Die Rebellen

Dummelflug

In der Obhut von Domila

Einzelstunden

La Minore

Einschätzungen

Spaziergang

Gedankenverschleiern

Verhaftet

Simido

Anschuldigungen

Die beste Sängerin

Abschied

Im Flugkasten

»Fass mich nicht an!«

Der Letzte Winkel

Klangtherapie

Die Geheimnisse der Solizare

Simidodo

»Sie haben sich gefunden …«

Flucht

Der geheime Eingang

Füssik

Odissi

Die Odoe

Schlagzeug

Notensäckchen

Endzeit

Solizare

Arbo

Der Faiwer und die Angst vor Radix

Zu viel Lakrum

Arbo und der Faiwer schweigen sich an

Luno schaltet sich ein

Gefahr

Wurzelangst

Hoch oben

Ein neuer Platz

Nicht aufzuhalten

Instruktionen

Sixtus

Die Baumschule

Arborum

Lakrum

Kompromiss

Schule

Die Selbsthilfegruppe

Falsch verbunden

Die neuen Schüler

Frei

Eine schreckliche Entdeckung

Ein schlechter Späher

Unruhige Nächte

Ein Kleines

Axtinus

Axta erzählt endlich

In der Ansiedlung

Nach Norden

Eingesperrt

Luno denkt in der Katter-Logik

Axiom

Wald

Transportfähig

Auf dem Gemeinschaftsplaneten

Eingekreist

Keine Bäumin

Um-die-Eck-weg

Reparatur

Arbos Entscheidung

Wieder zurück

Gefunden

Jahre später

Loicht

Alles ist anders

Loicht

Auffällig

Die Aufrechten

Verbeugungen

Lila Augen

Geradeaus

Eine winzige Wurzel

Weiter, weiter

Das ist nicht wahr

Wolle und Wurzel

Nur eine Beere mehr

Ein Handel

Schorn, das Schaf

Kurrix

Kuriert

Schlagzeilen

Wurzelräuber

Nachhilfe

Neue Gerüchte

Aufrecht-Kurse

Das Ende naht

Löcher

Die Ur-Wurzel

Archibald

Volle Pauer

Talentsuche

Luftschlösser

Die unlösbare Aufgabe

Aktiva

Ar-Chi-Tek-Tur

Ausgebrannt

Die Nummer für den Kummer

Archibald sucht Aktiva

Sabotage

Wieder da

Überspielt

Achtus greift ein

Ein neues Komkatt

Archibalds Hund

Etwas verändert sich

Unis

Gute-Nacht-Geschichten

Oktus

Im schwarzen Ring

Der letzte Wunsch der Novanis

Warm- und Kaltfronten

Geburtswehen

Wie es den Versanern auf ihrer Reise erging

In letzter Sekunde

Der Weg nach Eutopia

Einführung

In einem weit entfernten Versum kreisen zehn Planeten um eine Sonne. Nicht alle dieser Planeten sind rund, doch alle sind umhüllt von einer fast durchsichtigen kugelförmigen Schutzblase, die sich um ihre Atmosferen schmiegt. Die Bewohner dieses Versums nennen sich Versaner. Es gibt zehn Stämme, jeder Stamm lebt auf einem eigenen Planeten. Die Namen der Planeten entsprechen den von den Stämmen verehrten ‚Großheiten‘ oder einem ihnen wichtigen Prinzip.

Versaner sind den Menschen ähnlich. Ihre Sinnessysteme sind jedoch teils spezialisierter, teils ‚gesamtleiblicher‘. Ihre körperliche Substanz ist für andere Elementarteilchen durchlässig als für Menschen. Daher können sie auf andere Weise Energie gewinnen und Nachwuchs erwünschen. Manche der Stämme unterscheiden zwischen männlichen und weiblichen Wesen, andere nicht.

Auf jedem Planeten herrschen spezifische Lebensbedingungen. Die jeweiligen Bewohner weisen typische Merkmale auf, wenngleich natürlich in individueller Ausprägung. Nachfolgend eine Kurzübersicht.

Der Planet Solaria steht der Sonne am nächsten. Er dreht sich nicht um sich selbst. Auf der einen Hälfte ist immer Sommer, auf der anderen Seite ist immer Winter. In einem schmalen Übergang liegen Frühling und Herbst. Auf Solaria lebt der Stamm der Novanis. Novanis sind dünn, dunkel, eine Feder wächst aus ihrem Kopf. Sie nähren sich von Sonnenlicht und lieben Pferde. Gerne spielen sie Ball, lesen oder schreiben. Lügen mögen sie nicht.

Lemniskate rotiert in wechselnder Geschwindigkeit in alle Richtungen um sich selbst. Es ist immer warm. Das Wetter ist unbeständig, nur Kakteen und zähe Gräser gedeihen. Zwei Monde kreisen unregelmäßig, es gibt keinen festen Tag-Nacht-Rhythmus. Auf Lemniskate leben die Okter. Sie sind hellbraun und rundlich und gewinnen Energie, indem sie ihre innere Lemniskate in Schwingung versetzen. Sie haben Hunde und widmen sich am liebsten dem Naturwissenschaffen.

O-Ton ist klimatisch und landschaftlich am abwechslungsreichsten. Es gibt grüne Hügel, Wälder und Seen, Berge und eine Wüste. Auf O-Ton leben die Septemer. Sie sind schlank, ihre Haare sind voll. Sie haben sieben Finger an jeder Hand und sieben Zehen an jedem Fuß. Ihr Leib ist ein Klangkörper. Sie nähren sich durch Töne und Klänge, sie singen und machen Musik.

Lignum ist rundum bewaldet. Es regnet häufig und ist kühl. Auf Lignum leben die Seisonen. Sie sind sehr groß, untersetzt und kräftig. Ihre Haare sind dicht, die Farbe variiert wie bei ihren Augen. Sie nähren sich vom Saft der Bäume, dem Lakrum. Bäume fällen und Kämpfen sind ihre Hauptbeschäftigungen.

Radix kreist im Windschatten von Lignum. Er ist durchlöchert und durchzogen von Wurzeln. Er ist der Planet der Gräser und Sträucher. Auf Radix leben Schafe und die Faiwer. Ihre langen Haare sind wirr, ihre Finger und Zehen gewunden. Sie laufen gebeugt, geradeaus gehen ist ihnen nicht möglich. Sie nähren sich von Beeren, flechten, weben und verehren ihre Großheit, die ebenfalls Radix heißt.

Mosaika besteht aus Kuben und Quadern. Hier leben die Katter. Sie sind blass, kantig, haarlos und stabil gebaut. Mund und Gliedmaßen sind dünn. Sie sind technisch sehr versiert und können aus vielerlei Energie ziehen. Ihre Lieblingsfarbe ist rot, viel mehr geben sie offiziell nicht bekannt.

Lunaflor ist der kleinste Planet und der einzige mit einem selbstleuchtenden Mond. Er ist flach, an den äußeren Enden leicht nach unten gewölbt, und übersät von Blumen. Seine dunkle Atmosfera schirmt ihn von der Sonne ab. Auf Lunaflor leben die Trejaner. Sie sind klein, bleich und rundlich. Ihr Äußeres wechselt mit den Mondphasen. Ihre Haare sind staubfein, die Augen groß und rund, ohne Weiß. Sie trinken Mondlicht und den Duft der Blumen. Ihre Katzen sind schwarz.

Ludofluid ist geformt wie eine langgezogene Schale. Der Planet schaukelt und schwankt, Wassa schwappt hin und her. Verschiedenartige Inseln tauchen auf und verschwinden wieder. Auf Ludofluid leben die Twajis. Sie sind schlank, lockig, eher hell und extrem beweglich. Jeder von ihnen trägt einen Luden (eine Schlange) mit sich herum. Für die Energiegewinnung lassen sie Wassa durch sich fließen. Spiel, Spaß, Tanzen und Schönsein bestimmen ihr Dasein.

Formicula ist eine Scheibe, grau und kalt. Außer einigen Bäumen und kurzem Gras wächst nichts. Auf Formicula leben die Unis. Unis sind groß, schlank und zäh. Augen und Haare sind tiefschwarz, zwei feine Fühler ragen aus dem Kopf. Unis gewinnen Energie, indem sie sich als Einheit zusammenschließen, oder sich vom Saft ihrer Ameisen nähren. Sie bauen, transportieren und dienen dem Prinzip der großen Emse.

Furio kreist am äußersten Rand des Versum und ist daher nicht auf der Karte verzeichnet. Der Planet besteht nur aus Vulkanen, die Atmosfera ist schweflig. Auf Furio leben die Zeronier. Sie sind kompakt und kräftig, die Farben von Haaren, Leib und Augen wechseln zwischen dunkel- und flammenfarbig. Sie nähren sich von flüssiger Lava. Jeder von ihnen ist mit einem Drachen verbunden. Wenn die Zeronier nicht kämpfen, langweilen sie sich. Die Versaner fürchten sich vor ihnen.

Die Bewohner des Versum können nicht auf andere Planeten reisen. Sie begegnen sich auf dem sogenannten Gemeinschaftsplaneten. Dieser ist jedoch kein Planet, sondern ein mehr oder weniger substantieller, geistig verdichteter Raum. Er wird auch als der ‚Andere Raum‘ bezeichnet. In diesen gelangen die verschiedenen Stämme mit ihren ‚Flugobjekten‘.

In der Reihe ‚Der Weg nach Eutopia‘ begleiten wir einige liebenswerte Außenseiter durch die Herrschaftszeit der Katter, das Verum. In diesem Band erzählen wir die Geschichte von Luno, einem jungen Novani, der auf den Trejaner-Planeten verschleppt wurde.

LUNO

Luno, ein junger Novani, wurde auf den Planeten der Trejaner verschleppt. Dort muss er seine Identität verbergen, denn Novanis werden geächtet. Kaum hat er sich aus seiner Verzweiflung herausgekämpft, gerät er unter den Einfluss eines manipulativen Katter …

Hoffnungslos

»Du heißt fortan Luno«, hatte Lunis ihm eingeschärft. »Rühr dich nicht vom Fleck und verbirg dein Gesicht unter der Kapuze. Schau niemanden an, das Weiß in deinen Augen ist auffällig. Es macht uns Angst, wir haben so etwas nicht. Und sprich nicht. Niemand darf erfahren, dass du ein Novani bist.«

Der Planet der Trejaner war flach. Es gab nur wenige Erhebungen, kleine Hügel mit sanft gerundeten Kuppen. Die Trejaner empfanden sie als Störung und nannten sie ‚Beulen‘. Sie blendeten sie in ihrer Wahrnehmung aus und schlugen einen weiten Bogen um sie. Niemand wäre auf die Idee gekommen, eine Beule hinaufzusteigen. Es galt als vermessen, sich zu erhöhen. Zudem kannten die Trejaner es nicht, eine sogenannte Aussicht zu genießen. Am liebsten schauten sie auf, zu ihrem selbstleuchtenden Mond Lunaflor, dem Namensgeber des Planeten.

Es war zwei Mondzyklen her, dass Luno auf eine Beule gebracht worden war. Seitdem saß er da, alleine und weit weg von seinem Heimatplaneten Solaria. Der schwarze Kapuzenumhang, den Lunis ihm gegeben hatte, kam ihm vor wie eine leere Hülle, wie ein fremder Kokon, den er niemals ausfüllen würde. Das Mondlicht nährte ihn nicht gut, vermutlich würde er hier weder wachsen noch zu Kräften kommen. Es war ihm gleichgültig. Schwer drückte ihn die dunkle Atmosfera nieder, drang in jede Zelle seines Leibes, lähmte alle Gedanken und Bewegungsimpulse. Keine Sonne, nirgends und nie.

Schon wieder verloren seine Hände den Halt und glitten von den Knien. Sie bleichten aus. Auch seine inneren Bilder von Solaria verblassten, verloren sich in dem düsteren Gewölbe, das die dichte Hülle des Planeten bildete. Oben, an der höchsten Stelle, klebte der Mond. Er war immer rund. In gleichmäßigem Rhythmus nahm er von außen ab, verschwand, und nahm von innen wieder zu.

Heute hatte er seine volle Größe erreicht. Silberweißes Licht ergoss sich über die weite Ebene, auf der unzählige Gestalten in Dreiergruppen wandelten und tanzten, als folgten sie einer unhörbaren Melodie.

Für Luno sahen alle Trejaner gleich aus. Sie trugen sämtlich schwarze Kapuzenumhänge. Ihre Gesichter glänzten hell bei Vollmond, schimmerten matt bei Halbmond und waren fast unsichtbar bei Leermond. Auch die Augen veränderten sich mit dem Licht, und sogar die Stimmen passten sich an, je nach Mondphase klangen sie höher oder tiefer. Nur Lunis, Lunar und Lunix konnte er bisher wiedererkennen. Sie strahlten Autorität aus und waren die einzigen, die sich um ihn kümmerten.

Lunos Blick verlor sich im Dämmerlicht, strich über die tanzenden Gestalten, über weiches Gras und über Blumenwiesen …

Blumen, Blumen, Blumen. Hohe und niedrige, breite und schmale, zarte und kräftige, einfarbige und mehrfarbige, blaue, rote, orangene, gelbe, lila- und rosafarbene … Nur weiße gab es nicht.

Ein leichter Wind lief in Wellen über sie hinweg, die weit geöffneten Blüten flimmerten und fluoreszierten. Die fast transparenten Blütenkelche, in denen die Trejaner in den Anderen Raum flogen, waren hingegen kaum zu erkennen. Kreisförmig angeordnet lagen sie auf einer runden Fläche kurzen Grases. Sie hoben immer seltener ab, ohne Erlaubnis der Katter war der Gemeinschaftsplanet niemandem mehr zugänglich.

Nein, er würde es niemals schaffen, in einem der Kelche zu fliehen. Zumal nur Trejaner ihre Flugobjekte aktivieren konnten, und dies nur zu dritt. Luno wusste nicht, wie sie es machten, obwohl er es schon einige Male gesehen hatte. Vielleicht war es ein spezieller Gesang oder eine bestimmte Bewegung, vielleicht war es Wille und Vorstellung. Jedenfalls ging es schnell. Die kleinen Blütenblätter, noch flach auf dem Boden liegend, wuchsen in die Länge, die Reisewilligen begaben sich in deren Mitte. Dann klappten die Blätter hoch, der Kelch färbte sich ein und schwebte leuchtend auf.

Wenn ihn doch jemand mitnehmen würde. Aber er hatte die Drohungen noch im Ohr. Sie würden ihn als Novani erkennen und ihn irgendwo im Versum aussetzen, auf ewig würde er in unendlicher Leere umhertreiben … Und selbst, wenn die Trejaner sich seiner erbarmten, wie sollte er den Weg nach Solaria finden? Es war hoffnungslos.

Das Flimmern der Blumen intensivierte sich, Luno schloss die Augen. Erst in der Neumondzeit erlosch jegliches Licht. Dann schliefen die Trejaner, nur die schwarzen Katzen streiften umher mit funkelnden Augen. Auch Luno konnte gut im Dunkeln sehen. Aber nicht einmal die tiefste Finsternis auf Lunaflor bot ihm Trost. Nichts an ihr erinnerte an die Dauernacht von Immerwinter, an die Geborgenheit im Rieseln des Schnees.

Zwei weitere Mondzyklen verstrichen, alles verschwamm in ereignislosem Nebel. Lunis hatte ihn irgendwann an einen anderen Platz getragen. Hier ragten hohe Blumen auf wie ein Wald, nur von einer Seite aus war das Versteck einsehbar.

Einige Armlängen hinter ihm saß jemand, regungslos wie er selbst. Umso lebhafter sprang eine Katze umher. Sie war winzig und schwarz und schnurrte laut.

»Bleib immer in Floras Nähe«, mahnte Lunis ihn stets, wenn er vorbeikam. »Aber lass sie in Ruhe. Sie ist stumm und sehr scheu.«

Luno wäre es ohnehin nie eingefallen, sich zu ihr umzudrehen. Floras Anwesenheit war wie die Schatten, die das Mondlicht warf, und wie die Schatten in seinem Inneren. Diese wuchsen und wuchsen, umschlangen ihn, krochen in ihn hinein … Geduldig wartete er, dass er sich in ihnen auflösen würde.

Doch noch vor dem nächsten Vollmond geschah etwas, das das Leben auf Lunaflor von Grund auf veränderte. Etwas Fremdes durchdrang den Schutzschild des Planeten.

Geschenke

Ein leises Summen schwoll an. Unzählige weiße, im Mondlicht erglänzende Kästen schwebten herab. Kurz über dem Boden öffneten sich an ihrer Unterseite große Klappen, tausend kleine und große Gegenstände prasselten auf den Boden. Dann stiegen die Kästen wieder auf und verschwanden.

»Es sind die Geschenke der Katter!«, riefen die Trejaner, denen vor kurzem Zugang zum Gemeinschaftsplaneten gewährt worden war. »Die neuen Kommunikationsgeräte, Komkatts! Greift zu!«

Die Trejaner, die entsetzt die Hände vor die Augen geschlagen hatten oder panisch umhergerannt waren, hielten inne. Bald begannen sie zu untersuchen, was vom Himmel gefallen war.

In Lunos Umkreis waren keine Geschenke gelandet. Teilnahmslos nahm er durch die Lücken im Blumenwald wahr, wie die Trejaner sich immer gieriger auf die Geräte stürzten und sie sich gegenseitig aus den Händen rissen. Lunis, Lunar und Lunix versuchten zu beschwichtigen. »Streitet euch nicht, es sind genug für alle da …«

Hier und da wurden rechteckige Gebilde hochkant aufgestellt. Sie waren so groß und breit wie ein ausgewachsener Trejaner, die obere Hälfte spiegelte matt. »All-Komkatts, jedermann zugänglich«, schnappte Luno auf. Komkatts … Irgendwann hatte er schon einmal davon gehört. Bloß nicht daran denken.

Allmählich kehrte Ruhe ein. Die meisten Trejaner hatten sich gesetzt und tippten unter staunenden Ohs! und Ahs! auf ihren Geräten herum.

Lunis stapfte an Luno vorbei. »Komkatts laden sich während des Gebrauchs von selbst auf«, erzählte er, während er Flora ein armlanges, aufklappbares Exemplar überreichte. »Sie funktionieren auch unter Extrembedingungen, ermöglichen planetenübergreifende Kommunikation in Ton und Bild und übersetzen dabei in alle Sprachen.« Er beugte sich herab und flüsterte Flora etwas ins Ohr, einmal, zweimal, dreimal. Dann wandte er sich an Luno. »Dir kann ich leider kein Gerät geben. Und die All-Komkatts sind für dich tabu.«

Die Hoffnung, die jäh in Luno aufgeflammt war, erlosch. Doch gleich darauf blitzte sie wieder auf. Noch während Lunis davonschritt, huschte eine kleine, dunkelgekleidete Gestalt zu ihm hin, ließ etwas fallen und verschwand wieder. Flora …

Luno atmete tief durch. Energie durchflutete ihn, als hätte er sich endlich für den Empfang des Mondlichts geöffnet. Seine Finger vibrierten. Langsam zog er das Komkatt zu sich heran und klappte es auf. Es gab Tasten und eine handtellergroße Schaltfläche, er fand sie einfach zu bedienen. Intuitiv steuerte er einen Pfeil auf eine blaue Blumenknospe, das größte der zahlreichen Symbole. Sie öffnete sich wie eine Blüte bei Vollmond und gab ein Lernprogramm frei: Das trejanische Alphabet, trejanische Begriffe und Redewendungen, mitsamt Bebilderung, Aussprachehilfen, Übersetzungen und Erläuterungen in mehreren Sprachen. Sogar Novanisch war dabei.

Das war nicht das, wonach er suchte. Nachdrücklich schloss er die Blüte wieder. Welches der anderen Symbole mochte wohl für die planetenübergreifende Kommunikation stehen?

Er fand es nicht heraus. Es geschah immer das Gleiche. Egal, was er anklickte, ein leeres Feld legte sich darüber und blinkte. Er kam einfach nicht weiter. Flora zu fragen war ausgeschlossen. Genauso wenig, sich heimlich zu einem All-Komkatt zu schleichen.

Die vertraute Lähmung stieg in ihm auf. Gleichzeitig leuchtete ihn die blaue Knospe an, als würde sie ihn auffordern, sie erneut zum Blühen zu bringen.

Gequält wandte er den Blick ab. Damals, vor seiner Novizen-Prüfung, hatte er sich auf alles Trejanische gestürzt und stets ein Wörterbuch mit sich herumgetragen. Er hatte von Lunaflor geträumt und fantasiert, das Unmögliche wahrzumachen und seinen Sehnsuchtsort zu besuchen. Aber das war lange her, eine fahle Erinnerung aus einem vergangenen Leben.

Er rang mit sich. Zum ersten Mal war er aus seiner Betäubung erwacht und in der Lage, eine Wahl zu treffen. Wenn er sich erneut den Schatten überließe, wäre es unwiderruflich. Er hätte sich bewusst entschieden, niemals nach Solaria zurückzukehren, niemals mehr seinen Freund zu sehen und keinen einzigen seiner Stammesgenossen. Verzichtete er aber auf den Schutz der Schatten, drohten Schmerz und Sehnsucht ihn zu verzehren. Es sei denn, er könnte sich davon ablenken und durchhalten, bis sich ihm eine neue Chance bot …

Anfangs brauchte er nach jeder Vokabel eine Pause. Dann nach jedem Satz. Er vergaß alles, verbissen begann er immer wieder von neuem. Nach und nach fand er den Zugang zu seiner Konzentrationsfähigkeit. Von da an lernte er wie ein Besessener, bei Vollmond, bei Halbmond, bei Neumond. Lunis schien nichts zu bemerken.

Der weiße Katter

Floras Katze umstrich ihn schnurrend, als wollte sie ihn beruhigen. Luno starrte auf das leere Display. Das Trejanisch-Programm war wie von Zauberhand verschwunden. Stattdessen blickte ihn ein Gesicht an. Es sah aus wie das seines besten Freundes.

Wie er ihn vermisste …

Sicher war es eine Illusion. Luno kniff die Augen zusammen und riss sie wieder auf. Das Gesicht war immer noch da. Irgendetwas stimmte damit nicht. Er veränderte den Blickwinkel. Da! Kurz vermeinte er, hinter dem Trugbild eine weiße Kapuze zu erkennen, tief hinuntergezogen über einem fast farblosen, kantigen Gesicht. Ein Katter! Oder doch nicht? Trugen sie nicht alle Rot?

»Ich fühle mich schrecklich einsam«, begann es sanft zu sprechen, in fließendem Novanisch. »Und ich habe solches Heimweh.«

Die Stimme klang so vertraut, das Gesicht seines Freundes lächelte ihn so freundlich an. Luno wurde ganz weich zumute. Wo bist du?, wollte er fragen. Wie geht es dir? Doch als seine Zunge sich löste, erzählte er nur von seinem Leid und seiner Sehnsucht, er kam einfach nicht dagegen an. Ab und zu gelang es ihm, die Lippen fest aufeinanderzupressen, dann sagte sein Gegenüber etwas Einfühlsames. Luno wurde immer panischer. Schließlich fuhren seine zitternden Hände unter die schwarze Kapuze und strichen wieder und wieder über seinen Kopf.

»Lass das«, sagte die Stimme, nun in kaltem Ton. »Es ist doch alles längst verheilt. Höher entwickelte Wesen brauchen weder Federn noch Haare. Steh auf. Du hast eine Aufgabe zu erfüllen.«

Luno machte eine abwehrende Geste und rutschte auf seinem Platz herum, um Flora abzuschirmen.

»Ich passe gut auf sie auf«, versicherte die Stimme. Die weiße Kapuze war nun deutlich zu erkennen. »Nun steh schon auf. Sieh dich um. Ich möchte wahrnehmen, was du durch deine Augen empfängst. Stell sie schärfer! Was guckst du so verschwommen?«

Etwas zog an ihm, bis er sich erhob. Luno wurde ganz steif. Ein fremder Wille flutete ihn, und er fühlte sich völlig machtlos.

»Gewöhn dich daran«, meinte die Stimme. »Alle Wesen sind nützliche Verlängerungen unserer Gliedmaßen und Sinnesorgane, wie Werkzeuge. Eines Tages werden sie alle von jedem für jeden jederzeit nutzbar sein. Dann bilden wir eine Einheit und gestalten die beste aller Welten. Bis dahin weisen wir euch den richtigen Weg.«

Langsam bewegte Luno sich auf Lunis, Lunix und Lunar zu. Mit jedem Schritt wurden seine Beine schwerer und zittriger. Mehrmals geriet er ins Taumeln und stieß gegen dicke Blumenstängel, manche waren so hart und rau wie Baumstämme. ›Kopf hoch, nimm den Kopf hoch!‹, tönte es in ihm. ›Und öffne deine Ohren … Was planen die drei, was wünschen sie sich, womit sind sie unzufrieden?‹

Lunis erkannte das Flehen in seinen Augen. Kurz schöpfte Luno Hoffnung, doch dann sagte Lunar: »Solltest du nicht bei Flora bleiben? Hast du Schmerzen? Na gut, setz dich eine Weile zu uns.«

Der weiße Katter blendete sich von nun an täglich ein. Er ließ Luno erzählen und ein wenig herumlaufen, schickte ihn allerdings nicht mehr zu Lunis und dessen Freunde. Mehr und mehr schimmerte sein eigentliches Gesicht durch, immer häufiger sprach er dünnlippig in seiner eigenen Stimme, die ein wenig blechern klang. Er schob seine Kapuze höher, sodass Luno seine Augen erkennen konnte. Die Farbe war jedes Mal eine andere.

Die Frequenz der Unglücklichen

Trotz der Unterbrechungen durch den Katter kam Luno in seinem Trejanisch-Programm zügig voran. Sogar die Lektionen für Fortgeschrittene hatte er schon durchgearbeitet, es blieben nur noch die Übungen auf höchstem Niveau. Sie fielen ihm schwer, denn es gab keine Übersetzungen dazu. Doch noch schwerer fiel es ihm, nicht laut zu sprechen. Sicher würde sein Akzent ihn verraten … Ob Flora ihn hörte, wenn er versehentlich vor sich hinmurmelte?

Er zuckte zurück. Ein neues Symbol ploppte auf dem Komkatt auf, ein quadratisches Mosaik, bestehend aus rot-weißen Feldern. Es war reiner Zufall, dass er herausfand, wie er es öffnen konnte. Viermal antippen, jeweils auf ein anderes Feld …

Unleserliche Zeichen tanzten über den Bildschirm, sie schienen ständig die Schrift zu ändern. Jetzt stoppte das Programm, Luno erkannte trejanische Buchstaben. Sie flimmerten, wechselten ins novanische Alphabet und sprangen wieder zurück. Schließlich standen beide Versionen untereinander.

‚Kattarisch – Sprache und Schrift der Katter‘, las Luno. Dankbar nahm er das Angebot an. Alles war besser, als wieder in Untätigkeit zu versinken.

Kaum hatte er sich eingearbeitet, fragte der Katter ihn schon ab. »Und, was bedeutet Kakatara?«

»Ka-ka-ta-ra?«, stotterte Luno. »Es bedeutet: Ich bin ein Katter.«

»Sehr gut«, lobte der Katter. »Weiter so. Sobald du die fünfte Lektion beherrschst, schalte ich dir die Frequenz der Freundschaft frei. Manche nennen sie auch die Frequenz der Unglücklichen. Denn auf dieser Frequenz kannst du alle Versaner erreichen, die unglücklich sind und sich nach Freundschaft sehnen, auf allen Planeten. Ein automatisches Übersetzungsprogramm ist integriert, wenngleich in vereinfachter Form. Seisonen kennen unzählige Begriffe für Holz, Zeronier haben 80 Begriffe für Feuer … Alles überflüssiger Schnickschnack.

Du kannst auf der Frequenz sowohl geistig als auch laut sprechen, so wie mit mir. Du musst dich nur in eine Frage oder in einen Wunsch hineinvertiefen und warten. Je präziser deine Vorstellung, deine Frage oder dein Wunsch ist, desto wahrscheinlicher kommt eine Antwort. Hast du einen gewünschten Kontakt hergestellt, speicherst du ihn ab. Hast du dich verwählt, wehrst du dein Gegenüber mit einer entschiedenen geistigen Geste ab oder schaltest das Komkatt aus.«

Luno bebte vor Aufregung. Endlich eröffnete sich ihm eine Möglichkeit, seinen Freund zu erreichen. Er sog die Kattarisch-Lektionen auf wie ein Schwamm. Nach vier Tagen konnte er sie auswendig.

Fendri

›Wo bist du? Geht es dir gut?‹

Luno füllte alle Fasern seines Seins mit der Sehnsucht nach seinem Freund, seine sorgenvolle Frage leuchtete wie in goldener Schrift. Er lauschte, bis es ihm in den Ohren brauste.

Plötzlich schien sein Gerät zu rauchen, zu zischen und zu brodeln. Erschrocken wich er zurück. War die Frequenz gestört? Augenblicke später wurde das Bild klar und er erkannte einen jungen Zeronier, der in flüssiger Lava badete und ein kleines Komkatt in der Hand hielt. Feurige Blasen umschwebten ihn.

»Sieh an, ein Trejaner!«, meinte der Zeronier lässig. »Oder doch nicht? Du ähnelst eher einem Novani. Aber das kann ja nicht sein. Die Verbindungen zu Solaria sind alle gekappt.«

»Sieh an, ein Zeronier«, erwiderte Luno perplex. »Wie ist das möglich? Und woher hast du ein Komkatt?«

»Wir haben Berge davon!«, prahlte der Zeronier. »Natürlich alle geklaut.«

Sie musterten sich eine Weile.

»Du bist unglücklich«, stellte Luno fest.

Die Feuerblasen des Zeroniers platzten. »Falsch«, erwiderte er. »Ich bin sehr zufrieden. Ich kann auf meinem Drachen fliegen und ich kann Feuerblasen machen.«

»Du lügst«, sagte Luno streng. »Zeronier lügen immer. Du magst einen Drachen haben, aber du bist allein und traurig.«

»Du bist hier der Lügner, denn du gibst dich als Trejaner aus, bist aber keiner.«

Luno schlug die schwarze Kapuze zurück, neigte den kahlen Kopf und hielt seine Narbe ins Bild. »Du hast recht. Ich bin ein Novani. Die Katter haben mich vor einiger Zeit gefangen genommen. Sie haben mir meine Haare entfernt, meine Feder herausgeschnitten und mich auf den Trejaner-Planeten verbannt.«

»Die verdammten Katter! Sie sind an allem schuld. Ich bin auf deiner Seite. Was willst du von mir?«

»Ich vermisse meinen besten Freund. Wir sind zusammen auf den Gemeinschaftsplaneten gereist, aber ich weiß nicht, ob er es nach Solaria zurückgeschafft hat. Das war kurz vor dem großen Fest. So sieht er aus.« Luno stellte die schärfste geistige Vorstellung von seinem Freund in den Vordergrund.

»Das große Fest«, murmelte der Zeronier. »Da ging es los. Seitdem sind alle komplett durchgedreht. Die großen Zeronier liefern den Katter unser Gestein und bauen an einem schwarzen Ring, der Ur-Null. Furio bläht sich auf … Alles wird hineingehen, alle Planeten, alles.«

»Hilf mir«, drängte Luno. »Mein Wunsch hat mich sicherlich nicht zufällig zu dir geführt. Was weißt du von meinem Freund?«

»Hm. Was habe ich davon, wenn ich es dir verrate?«

»Meine tiefste Dankbarkeit und Verbundenheit.«

Der Zeronier lachte auf. »Diese Novanis, immer edel und ehrlich. Was hast du noch zu bieten?«

»Ich kann für dich da sein, auf dieser Frequenz, wann immer du willst. Und dir sagen, dass du sehr schöne Feuerblasen machst. Das kann keiner außer dir, nicht wahr?«

Der Zeronier schien unschlüssig. »Ruf mich morgen wieder an«, sagte er und schaltete das Komkatt aus.

Es war so lang hin bis morgen. Wann war das überhaupt? Er konnte nur die groben, nicht aber die subtilen Veränderungen von Mond und Blüten erfassen. Morgen …

Luno starrte auf die vier winzigen Ziffern im unteren Eck des Displays. Eine davon zählte hoch, bis die nebenstehende umsprang, dann begann sie von vorne. Das musste die kattarische Uhr-Zeit sein. Er klickte sie an, und tatsächlich ploppte eine Erklärung auf. Der Tag begann morgens mit vier Einsen … Jetzt gerade zeigte die Uhr folgende Ziffern an … Luno rechnete, verzählte sich, schweifte ab.

Schließlich hatte er es raus und wechselte zum Wörterbuch, um die Zeit zu überbrücken. Die Katter kannten kein Wort für Warten, stellte er verwundert fest. Sie nannten Warten Ka-Do-Tan-Di, was so viel bedeutete wie: Kann ich das eine nicht tun, tue ich etwas anderes Sinnvolles.

Eins, eins, eins, eins. Es war so weit. Luno tippte auf die abgespeicherte Verbindung. Nichts. Nicht am Vormittag, nicht am Mittag, nicht am Nachmittag. Vor Erschöpfung schlief er fast ein. Endlich knisterte es im Komkatt und eine blaue Feuerblase schwebte ihm entgegen.

Der Zeronier wirkte ausgesprochen gut gelaunt. »Den ganzen Tag hat mein Komkatt Rauchzeichen gemeldet! Und jetzt sag das mit den schönen Feuerblasen.«

Luno rang sich ein Lächeln ab. »Du bist der einzige Zeronier, der Feuerblasen machen kann. Du machst sehr schöne Feuerblasen. Du verstehst etwas vom Feuer.«

Der Zeronier schnurrte jetzt wie Floras Katze. »Du sprichst die Wahrheit, denn du bist ein Novani und Novanis lügen nicht. Morgen erzähl ich dir, was ich weiß.«

»Nein, heute!«, rief Luno verzweifelt. »Morgen ist es zu spät! Ich spüre es! Es muss heute sein!«

Der Zeronier war sichtlich beeindruckt von Lunos Intensität. »Du magst jemanden und willst ihm helfen. Ist das die Bedeutung von Freundschaft? Wir Zeronier kennen das nicht. Wir sind einander Kumpel, wir kämpfen zusammen und auch gegeneinander. Wir langweilen uns sonst.«

»Du bist anders«, beschwor Luno ihn. »Du hast keine Kumpel. Du bist frei zu tun, was du willst, sogar einem Novani zu helfen. Das würde kein anderer Zeronier tun.«

»Das stimmt. Also gut, ich habe deinen Freund gesehen. Er kreist in der kältesten Umlaufbahn um unseren Planeten und ist tiefgefroren. In seinen Augen lodert Drachenfeuer. Das wärmt seinen Geist, nur deshalb lebt er noch. Aber wohl nicht mehr lang. Wenn ihn jemand entdeckt, wirft er ihn in einen Vulkan.«

»Tu etwas!«, flehte Luno ihn an. »Du musst ihn retten! Bring ihn auf den Gemeinschaftsplaneten!«

»Das geht nicht. Mein Wille ist noch nicht stark genug, um die Kontrollen der Katter zu durchbrechen. Und auf unserem Planeten würde dein Freund sofort verglühen.«

Luno rieb sich verzweifelt die Narbe auf seinem Kopf.

»Ich hab’s! Ein Sicht- und Kälteschutz! Hülle ihn in eine dunkle Feuerblase!«

»So etwas habe ich noch nie versucht. Aber ich kann schöne Feuerblasen machen, in allen Wärmegraden, Größen und Farben. Ja, das kann ich. Soll ich es gleich probieren?«

»Du bist ein wunderbarer, großartiger Zeronier. Du bist der beste Zeronier, den es jemals im Versum gab. Ich werde dir ewig dankbar sein …«

»Spar dir dein Gesülze. Ich flieg jetzt los.«

»Warte!«, rief Luno. »Nimm ein kleines Komkatt mit! Stell es auf meine Frequenz ein und gib es ihm in die Hand!«

Seine Gedanken rasten. Er zog sich vor ihnen zurück in sein innerstes Bild von Solaria, wie in das Auge eines Sturms. Dort harrte er aus, bis ihn die Stimme des Zeroniers aus der Versenkung riss.

»Die beste Feuerblase, die ich jemals gemacht habe! Dunkel wie das Allversum, mit kleinen Funkenblasen obendrauf, damit ich sie wiederfinde. Dein Freund ist jetzt sicher und bleibt frisch bis ans Ende aller Zeiten.«

»Und das Komkatt?«

»War gar nicht so einfach, seine Faust zu öffnen. Ich musste sie erst aufwärmen um die Finger auseinanderzukriegen, sonst wären sie abgebrochen.«

Luno konnte vor Erleichterung kaum sprechen. »Ich werde dich Fendri nennen. Das kommt von Findori und bedeutet in der Novani-Sprache erfinderischer Retter oder rettender Erfinder.«

»Ein Name? Für mich, einen Zeronier?« Der junge Zeronier schien verlegen. »Na gut. Und nun schau mir zu, wie ich Feuerblasen mache.«

Luno schaute ihm zu bis tief in die Nacht, dann schlief er ein und suchte in seinen Träumen den Freund.

Zusammen

Er war völlig erstarrt. Nur die Bilder bewegten sich. Gefangen in einem Kreislauf des Grauens landete er wieder und wieder auf dem Gemeinschaftsplaneten in einer Gruppe von flammenden Zeroniern. Es riss ihn vor Entsetzen hoch, weit schleuderte es ihn in das leere Allversum. Kalte Strömungen ergriffen ihn, er driftete ab. Feuerdrachen schossen auf ihn zu und fauchten ihn an, seine Augen loderten auf, seine Feder verglühte. Bald trieb er in noch größerer Kälte und verging. Bis er erneut in der Gruppe der Zeronier landete …

Etwas schob den Albtraum in den Hintergrund. Ein Teil seiner Sinne nahm eine dichte dunkle Blase wahr, die ihn zu umhüllen schien, und ein Feuerfunkenmuster leuchtete über ihm auf, das seinen suchenden Augen Halt gab. Die Eiseskälte schnitt nicht länger durch ihn hindurch und in seiner linken Hand steckte etwas. Warum spürte er nichts? Wo war seine Feder, wo war Solaria? Er konnte sich nicht orientieren. Das Bilderkarussell nahm wieder an Fahrt auf.

›Ich bin da, hörst du mich? Ich bin da. Hörst du mich?‹

Die Drachen rasten auf ihn zu.

›Konzentrier dich auf mich. Schau mich an!‹

War das die Stimme seines Freundes?

›Ich bin bei dir‹, sagte die Stimme. ›Wir machen das zusammen.‹

Luno hatte keine Zeit mehr, Kattarisch zu lernen. Die nächsten Tage und Nächte flog er entweder in den Träumen seines Freundes mit oder er schaute Fendri beim Feuerblasenmachen zu.

Noch immer kam keine Antwort von seinem Freund. Aber es gab nun ab und zu kleine Pausen in der Endlosschleife und der Traum begann sich zu verändern.

Immer dichter flog Luno neben seinem Freund. Manchmal blickten sie sich an und es war, als wüchsen ihnen wieder Federn, die sich einander zuneigten. Wenn die Drachen auf sie zuflogen, hob Luno die Hand und sie bogen ab; die Schutzblase spannte sich bei jedem Durchgang schneller über sie beide.

Endlich lagen sie ruhig nebeneinander, der Freund fiel in einen friedlichen Schlaf. Luno projizierte ein Bild von sich neben das Feuerfunkenmuster. Es zeigte ihn in seinem blauen Novizen-Umhang, lächelnd und mit Feder.

Am nächsten Tag begann sein Freund zu sprechen. ›Du wirkst so nah, als wärst du fern von mir. Ich bin gegangen, nicht wahr?‹

›Du bist nicht gegangen. Du bist ein bisschen gegangen, aber noch da. Bleib, ich bin bei dir. Du schwebst sicher und geschützt in einer kalten Feuerblase in der Nähe des Zeronier-Planeten. Bald wirst du wieder frei sein. Bis dahin bleiben wir im Geiste fest verbunden.‹

›Ich kann mich nicht bewegen‹, sagte der Freund.

›Du bist gefroren‹, erwiderte Luno. ›Und das ist deine Rettung. Alles wird wieder gut.‹

›Sitzt du gerade auf unserem Lieblingshügel in Immersommer?‹

Luno schluckte. »Ja«, bestätigte er mit dünner Stimme.

»Erzähl mir von Solaria.«

Ich muss weitersprechen, mahnte Luno sich.

Die ersten Sätze brachte er nur stockend heraus. Doch je länger er sprach, desto freier wurde er. Bald beschwor er in fast poetischem Singsang die Schönheit von Immersommer und Immerwinter, gleißende Sonne und fallenden Schnee, grüne Hügel, blauen Himmel und ihre Pferde, das scheckige und das braune mit der Blesse … Anschließend ging er ihre gemeinsamen Erinnerungen durch, jedenfalls die guten. Es waren viele, sie kannten sich seit ihrer Manifestation.

Als ihm nichts mehr einfiel, wechselte er in die Gegenwart. In allen Details beschrieb er einen fiktiven Alltag, als würden sie sich auf ihrem Heimatplaneten befinden und alles in Echtzeit erleben. ›Unsere Pferde galoppieren immer schneller, ihre Flügel wachsen aus den Schultern heraus, da, sie breiten sie aus … Wir jauchzen vor Freude. Dein Schecke hebt zuerst ab und fliegt voraus. Siehst du die lustigen schwarzen Flecken auf seinen weißen Flügeln? … Jetzt habe ich dich eingeholt …‹

Ab und an legte er kleine Pausen ein, beobachtete, in welche Richtung sich die Vorstellungen seines Freundes bewegten, und griff sie sogleich auf.

Es wurde leichter. Der Freund schlief viel, Bilder von Solaria nahmen nun den größten Raum in seinen Träumen ein. Nur noch selten brachen seine Ängste auf. Dann war Luno sofort bei ihm, denn er konnte es fühlen. Meist spürte es Floras Katze schon vor ihm und mauzte ihn an.

Zuordnungen

Diesmal schimmerten seine Augen in einem warmen Braunton, sein dünner Linienmund wirkte weich. »Ich möchte, dass du das, was du mit deinem Novani-Freund gemacht hast, auch mit anderen Unglücklichen machst«, sagte der weiße Katter. »Sie brauchen jemanden, der sich wie ein Freund um sie kümmert. Sonst stiften sie Unruhe durch ihr Außenseitertum. Für den Anfang habe ich dir einen leichten Fall ausgesucht. Der Kandidat ist simpel gestrickt, so alt wie du, und passt nicht in seinen Stamm. Klink dich bei ihm ein und bring ihn in Ordnung. Ich stelle gleich die Verbindung her.«

»Ich verstehe nicht«, sagte Luno verwirrt. »Ich kenne den Kandidaten doch gar nicht. Außerdem entsteht Freundschaft nicht zwischen jedem, und sie braucht Zeit, um zu wachsen.«

»Unsinn«, meinte der Katter unwirsch. »Du erscheinst ihm einfach als Freund. So wie ich es bei dir gemacht habe.«

»Ich erinnere mich«, bemerkte Luno knapp.

»Willst du den armen Kerl etwa weiterleiden lassen? Sprich zu ihm die Worte: Ich bin dein Freund. Dann passt du Gesicht und Sprechweise an seine Vorstellungen an. Ich zeige dir, wie es funktioniert, und unterstütze dich.«

Luno schüttelte den Kopf. »Ich werde nicht lügen und auch keine Bedürfnisse ausnutzen. Nein, es muss anders gehen.«

»Du glaubst wirklich, es ginge anders?«, fragte der Katter belustigt.

»Ja«, erwiderte Luno. »Unglückliche brauchen einen echten Freund. Kannst du sie nicht mit anderen Außenseitern zusammenbringen? Über die Frequenz der Freundschaft ist das doch planetenübergreifend möglich.«

»Und wie lange wird es dauern, bis sie sich befreunden?«

Luno zuckte die Achseln. »Es dauert, solange es dauert.«

»Novani-Sprüche«, schnaubte der Katter. »Ich habe nicht genug Mitarbeiter und keine Zeit, mich persönlich um alle Außenseiter zu kümmern. Ihre selbst gewählten Komkatt-Kontakte halten nicht oder führen in die Irre, und unsere Programme sind noch nicht ausgereift genug, um künstliche Freunde zu erschaffen, die sich der Fantasie anpassen. Außerdem lehnen viele dieser Unglücklichen die Vorstellung eines Fantasie-Freundes ab. Aber deine Idee ist einen Versuch wert. Vielleicht bist du in der Zusammenführung begabter als wir. Novani, ich zeige dir jetzt zwanzig Bilder. Du entscheidest, wer sich mit wem befreundet. Beachte, die potentiellen Freunde dürfen sich niemals begegnen, also nicht auf dem gleichen Planeten leben.«

Vor Anspannung begann Luno zu zittern. Was, wenn keiner der Unglücklichen zusammenpasste? Oder wenn er sich für eine falsche Kombination entschied?

Intensiv studierte er die Gesichter, die ihm der Katter zeigte. Schließlich meinte er zögerlich: »Dieser Seisone da und diese Twaja könnten sich verstehen. Und die beiden da, der Faiwer und der Septemer, die könnten ebenfalls miteinander auskommen. Ohne Gewähr. Bitte hab Geduld.«

Der Katter lachte auf. »Geduld? Nun, wir werden sehen, was bei deinen Paarungen herauskommt. Wenn es zwischen zwei von ihnen funkt, übernimmst du sie als deine ersten Schützlinge. Wenn nicht, beglücke ich sie auf die bewährte Katter-Weise.«

Triumvir-Rat

Der Mond nahm zu, der Mond nahm ab, Mondzyklus um Mondzyklus verging. Luno war nun so bleich wie die Trejaner, das Weiß seiner Augäpfel hatte sich verkleinert und seine Narbe war kaum mehr zu ertasten. Seine Sehnsucht nach Solaria hatte sich in ein dumpfes Hintergrundrauschen verwandelt. Es hieß, seine Stammesgenossen seien ausgestorben. Dennoch suchte er nach ihnen, auf all seinen geistigen Frequenzen. Wenn es außer ihm und seinem Freund noch weitere Novanis gab, würde er sie eines Tages orten – oder sie ihn.

Die Trejanisch-Übungen für Experten blieben für ihn unlösbar, so konzentrierte er sich hauptsächlich auf Kattarisch. Er machte stetig Fortschritte und konnte schon zufriedenstellend sprechen, schreiben und lesen. Leider würde er die Feinheiten der viersilbigen Sprache nie verstehen, denn die Katter nutzten nicht nur Buchstaben, sondern auch Zahlen in ihrer Kommunikation.

Über seine Kontakte auf der Frequenz der Unglücklichen bekam er einiges mit vom Leben auf anderen Planeten, und über das Trejanisch-Lernprogramm eignete er sich einen Grundwortschatz verschiedener Sprachen an. Doch immer mehr störte ihn, wie wenig Ahnung er von der Organisation des Verum hatte, wie die Katter ihre Welt nannten.

Lunis, Lunar und Lunix waren ständig unterwegs, und der Katter hatte selten Lust oder Zeit, ihm etwas zu erklären. »Du weißt genug«, sagte er. »Es klappt doch alles mit deinen Schützlingen. Deine ersten Zuordnungen haben nicht funktioniert, aber alle folgenden waren Treffer, auch wenn nicht alle Außenseiter sich wunschgemäß entwickeln. Demnächst stelle ich dir die nächsten Kandidaten vor.«

»Kannst du mir wenigstens die trejanischen Nachrichtenkanäle freischalten?«, bat Luno.

»Na gut«, willigte der Katter ein. »Aber nur für kurze Zeit, und nur den Ton. Das ist nichts für dich.«

Luno lauschte erst hingerissen, dann zunehmend gelangweilt. Eine Werbeunterbrechung folgte auf die nächste. Ab und an lief monotone Musik oder es gab seltsame Anweisungen, die er ohne Bilder nicht verstand. Immerhin erschloss sich ihm nach und nach die Grobstruktur des Systems.

Der sogenannte Triumvir-Rat ist die höchste Machtinstanz, fasste er zusammen. Er besteht aus vier Katter, die die Bereiche Handeln, Richten, Überwachen, Belohnen, Steuerung und technische Innovationen verwalten. Dem Triumvir-Rat sind zahlreiche Abteilungen unterstellt, beispielsweise die Abteilungen Marke-Ding und Bewusstseinsbildung. Der weiße Katter leitet die Abteilung Gastfreundschaft, das hat er jedenfalls einmal angedeutet, wenngleich er nichts weiter dazu erklären wollte. Nur dass alle seine Mitarbeiter Weiß tragen.

Dem Triumvir-Rat steht der sogenannte Rat zur Seite. Alle Versaner werden über diesen an der Weiterentwicklung des Verum beteiligt. Der Rat besteht aus jeweils vier Vertretern von jedem Planeten. Dabei ist jeder Planet in vier Regionen aufgeteilt, aus welcher die Räte gewählt werden. Jeder Rat muss vorher Unterrat und Oberrat gewesen sein.

Furio ist von dem System explizit ausgeschlossen, Solaria wird nicht einmal erwähnt. Und die Okter schicken keine Räte, sondern wählen stattdessen vier Sondergesandte in einen Ethik- oder Etikette-Rat. Dieser soll die moralische Korrektheit der Räte und Oberräte überprüfen und sich mit systemkritischen Einwänden sowie mit konstruktiven Verbesserungsvorschlägen auseinandersetzen.

Auch über die Räte und Oberräte erfuhr Luno einiges. Es war für sie Pflicht, sich die Gesichter von den Katter auf den Vollmondmodus fixieren zu lassen, um auch während der Neumondphasen durcharbeiten zu können. Keiner reiste mehr in Blumenkelchen. Die Räte hatte alle flugfähigen Kelche an die Katter übergeben und die Herstellung neuer Flugobjekte strengstens verboten. Sie flogen nun in weißen Katter-Kästen, die sich nur für Auserwählte öffneten. Die Räte prahlten, sie hätten ihre Angst vor Weiß überwunden, aber einer der Oberrat meinte, dass sie stets die Augen schlossen, wenn sie sich einem der Kästen näherten.

Die Räte verweilten immer länger auf dem Gemeinschaftsplaneten. Wenn sie sich überhaupt einmal auf Lunaflor zeigten, fanden kleine Feste statt und alle jubelnden Trejaner erhielten Geschenke. Die Räte predigten, jeder solle sich der höheren Intelligenz der Katter unterordnen. Nichts dürfe mehr auf ‚natürliche‘ Weise geschehen oder entstehen. Alle Trejaner sollten hören und folgen, Hören und Folgen wäre eins. Sie priesen das Vorhaben der Katter, Lunaflor durch einen künstlichen Vollmond zu ersetzen. Und die Erzeugung von kleinen Trejanern durfte nur noch nach speziellen Vorgaben erfolgen.

Luno stutzte. Fanden deswegen bei Vollmond keine Tänze mehr statt? Bei der nächsten Gelegenheit sprach er Lunar darauf an.

Lunars Gesicht verdunkelte sich. »Die Katter wollen sogenannte ‚Missgeburten‘ verhindern. So jemanden wie Flora dürfte es ihrer Meinung nach nicht geben. Daher wollen sie das Gefühl des Zueinander-Hingezogen-Seins kontrollieren und optimale Paar-Kombinationen berechnen. Lunis ist Unterrat, er versucht gerade, zum Oberrat gewählt zu werden. Obwohl er sich sein Gesicht nicht fixieren lassen will, hat er gute Chancen. Wenn er es schafft, wird er sich dem ganzen Unsinn entgegenstellen.«

»Aha. Und kannst du mir noch etwas zur Wirt-Schaft erklären, zu den Währungen und den Unter-Nehmen?«, bat Luno. »Es ist alles so verwirrend, nirgends finde ich eine Erklärung. Warum gilt der Tala nicht mehr? Und was ist ein Digitt?«

Lunar schüttelte den Kopf. »Wir haben Termine, und wir müssen noch mehr Wähler mobilisieren. Pass auf dich auf. Und auf Flora.«

Lunos Komkatt blinkte. Es war einer seiner neuen Schützlinge, und Fendri hing auch schon wieder in der Warteschleife.

Das Geheimnis des weißen Katter

Alle Trejaner waren verpflichtet, auf ihren Komkatts Kattarisch, Rechnen, die Grundlagen von Handel und Recht und Katter-Logik zu lernen. Ihre Fortschritte wurden berechnet und bewertet. Die Willigen und Fleißigen eiferten den Katter in allem nach und träumten davon, selbstständige Unter-Nehmer zu werden. Die Unwilligen und Faulen wurden auf die Blumenfelder und in die Färbereien geschickt, oder auf den Gemeinschaftsplaneten, um dort für die Katter zu arbeiten.

Lunos Sorge um Flora wuchs. Sie weigerte sich nach wie vor, ein Komkatt zu benutzen. Noch war es niemandem aufgefallen. Aber ihr Bruder Floris war ein überzeugter Katter-Fan, längst hatte er seinen Namen in Kloris geändert und sich das Gesicht vollmondfixieren lassen. Immer öfter schlich er um Flora herum und betrachtete sie und Luno mit misstrauischem Blick.

Als der Katter sich das nächste Mal einschaltete, las er mühelos Lunos Gedanken. »Dir, Flora und deinen Schützlingen wird nichts geschehen«, beruhigte er ihn. »Ihr könnt unbehelligt auf euren Planeten bleiben.«

Luno glaubte ihm nicht.

Der Katter seufzte. »Dann werde ich dir wohl mein Geheimnis anvertrauen müssen. Bei dir ist es gut aufgehoben, du bist schließlich ein Novani.«

»Ich will es nicht wissen«, wehrte Luno ab.

Doch der Katter ließ sich nicht beirren. »Auch unter uns Katter gibt es verschiedene Vorstellungen von dem, was wir auf welche Weise erreichen wollen«, legte er los. »Wir preisen Verbindungen, tun es aber nur ungern untereinander. Keiner von uns will kontrolliert oder als Werkzeug benutzt werden. Und wir schließen keine Kompromisse. Wir denken geradeaus. Wenn wir uneins sind, prallen wir frontal aufeinander.«

»Die Trejaner, die noch nicht von euch beeinflusst sind, gehen harmonisch miteinander um«, warf Luno ein.

Augenblicklich schwappte eine Welle der Verachtung über ihn hinweg. »Trejaner!«, schnaubte der Katter. »Sie gehen in Resonanz! Und sie hängen immer nur zu dritt herum, keiner kriegt etwas allein auf die Reihe. Sie halten sich für tiefsinnig, weil sie ständig ins Dunkle blicken, aber sie denken – falls sie überhaupt denken – nur im Kreis. Sie tun nichts anderes als an Blumen schnuppern und den Mond anbeten. Sie sind rundlich, weich, unberechenbar und launisch. Sie verwechseln alle vier Richtungen. Sie streicheln widerliche Katzen und romantisieren ihr Gefühl, immer ihr Gefühl, das sie als Ausrede für alles benutzen. Ihr einziges Sinnesorgan ist ihr Gefühl!« Das letzte Wort spuckte der Katter regelrecht aus.

»Ja, sie denken mit ihrem Gefühl, aber ihr Gefühl ist weit und sehr ausdifferenziert«, verteidigte Luno sie. »Lunis hat mir erklärt, dass sie neunmal neun mehr Düfte, Töne und Farben wahrnehmen als jeder andere Versaner.«

»Und ihr Novanis könnt euch keine höhere Zahl vorstellen als neunmal neun«, höhnte der Katter. »Ihr seid alle sehr beschränkt.«

»Und ihr Katter könnt keine einzige Blume am Duft erkennen«, gab Luno zurück. »Und ihr hört die Blumen weder singen noch summen. Trejaner empfangen deren Duftkompositionen als Melodien und können sogar die Uhrzeit an ihnen ablesen.«

»Na und?«, ätzte der Katter. »In den Neumondphasen sind sie dazu nicht imstande. Sie vergessen doch alles, sobald ihr Mond nicht scheint.«

»Das für sie Wesentliche vergessen sie nie.«

»Falls es eines Tages nötig sein sollte, Blumen singen zu hören oder sie an ihrem Geruch zu erkennen, werden wir diese Fähigkeiten in uns hineinkopieren«, erwiderte der Katter, nun in versöhnlichem Ton. »So wie wir die novanische Fähigkeit zur Photonen-Verarbeitung übernommen haben. Weißt du, wir haben gar nichts gegen die Trejaner. Sonst würden wir ihnen nicht die Chance geben, von uns zu lernen. Und die Unwilligen und Unfähigen unter ihnen dürfen bei uns arbeiten, um das Verum voranzutreiben. Unsere Künstlichen sind noch nicht so weit, alle Tätigkeiten zu übernehmen. – Warum verteidigst du sie eigentlich? Willst du etwa zu einem Trejaner werden?«

Luno schüttelte den Kopf. Die Katze auf seinem Schoß begann laut zu schnurren, angenehme Vibrationen erfüllten seinen Leib. Ein leichter Wind kam auf und bewegte die bunten Blumen. Ihr Duft leuchtete auf, wandelte sich in sanfte Töne, formte sich zu einer kleinen Melodie … Farbig wellte sie sich über die Ebene und stieg auf, vereinte sich mit dem Licht des Mondes …

»Novani, du kannst dich nachher wegträumen. Hör mir zu.«

Der Katter verfiel in einen Flüsterton. »Du weißt, dass wir Katter uns klonen. Wir bauen eine Kopie von uns selbst und fügen unseren Geist ein. Früher lebten wir in dem neuen Klon weiter. Heute bleiben wir meist in unserem Original-Gehäuse, denn wir haben gelernt, uns zu reparieren. Wir klonen uns also, um neue Wesen zu erschaffen, die uns ähnlich sind. Auch ich habe schon geklont, mein erster Klon entstand zur Zeit des großen Festes. Äußerlich ist er perfekt, aber etwas hat bei der Übertragung meines Geistes nicht richtig geklappt. Mein kleiner Klon kann weder richtig schneiden noch zerteilen, weder in Gedanken noch leibmäßig. Stattdessen fühlt er und fragt mich nach merkwürdigen Dingen. Ein bisschen so, wie du es tust.« Der Katter sank in sich zusammen und fügte fast unhörbar hinzu: »Er kann riechen. Und er malt Blumen. Er sagt, er will auf dem Trejaner-Planeten leben.« Hilflos ruderte er mit den dünnen Armen. »Es ist eine Katastrophe. Vielleicht war ich einen Moment sentimental und habe versehentlich Gefühl in ihn hineingegeben, vielleicht war ich durch die Festvorbereitungen abgelenkt. Ich weiß nicht, woran es liegt. Jedenfalls darf ihn niemand bemerken, ich halte ihn gut versteckt. Heimlich habe ich einen weiteren Klon produziert, der ihm ähnelt und einwandfrei funktioniert. Jeder glaubt, er wäre mein Erst-Klon. Aber was, wenn jemand meinen wahren Erstling entdeckt? Mein Ruf wäre ruiniert, außerdem hänge ich an ihm. Daher versuche ich Gesetze anzustoßen, um den Status von Missglückten zu verändern. Und ich beschütze Missglückte, so gut ich kann, auch auf anderen Planeten. In Sonderfällen halte ich sogar meine Hand über Katter-Feindliche, wenn sie gut für Missglückte sorgen. Über Lunis beispielsweise.« Der Katter blickte Luno mit einem leidenden Blick an.

Tief berührt flüsterte Luno zurück: »Wie unbarmherzig deine Stammesgenossen doch sind. Zudem sind sie unlogisch. Wenn jeder Katter sich nach seinem individuellen Vorbild klont, nehmen die Abweichungen eurer Klone voneinander stetig zu, denn ihr seid ja nicht alle gleich. Dann gelten die meisten eurer Klone irgendwann als missglückt. Wenn ihr die Klone aber nach einem vorgegebenen Ideal produziert, werden bald auch kleinste Abweichungen als Fehler gewertet. Dann gelten ebenfalls fast alle Klone als missglückt. Was wollt ihr mit all den Abweichlern machen? Und was mit den perfekten Klonen? Eines Tages werden sie euch vernichten, wenn eure Generation nicht mehr dem neuen idealen Maßstab entspricht.«

Abrupt wechselte der Katter zu seiner normalen Lautstärke, das Leiden in seinen Augen verschwand. »Novanis und ihre überflüssigen Vorträge … Erstens: Missglückte Klone dienen als Ersatzteillager. Zweitens: Das Klon-Ideal wird vom Triumvir-Rat ständig überarbeitet. Wir passen die Fähigkeiten, die wir brauchen, den wechselnden Anforderungen an. Es ist für alles gesorgt, wir haben Überblick und Kontrolle.«

Verwirrung stieg in Luno auf. Wie immer erschien ihm der Katter sehr widersprüchlich. Log er ihn an? Gab es gar keinen missglückten Erst-Klon? War das sogenannte Geheimnis nur eine dieser Katter-Anspielungen oder Spiegelungen? Er war es doch, der sich mittlerweile danach sehnte, riechen zu können, im Geiste leuchtende Blumen malte und dazu innerlich summte …

Das kantige Gesicht eines kleinen Katter schob sich vor den weißen Katter. War das der missglückte Klon? Er lächelte durch ihn hindurch, Luno spürte plötzlich überdeutlich, dass Flora hinter ihm saß. Rasch drehte er das Komkatt, damit die Filmspiegel sie nicht mehr erfassen konnten.

»Warum vertraust du mir denn immer noch nicht?«, fragte der Katter tadelnd. »Wir brauchen die Kleine nicht, und auch Kloris will seine Mondschwester nicht wegschicken. Aber dich will er loswerden. Er glaubt, wenn du weg bist, wird Flora sich ihm endlich zuwenden. Gut, dass er nicht weiß, dass du ein Novani bist!«

Luno atmete tief durch. »Was habt ihr eigentlich mit Kloris gemacht?«

»Was interessiert dich Kloris? Er ist kein Unglücklicher. Wir haben ihm sein Gesicht vollmondfixiert, aber da er der Erste war, ist nicht alles glatt gelaufen. Wir haben viel durch ihn gelernt, und er ist stolz darauf. Er hat den Weg für alle seine Nachfolger geebnet. Außerdem kam er freiwillig.«

»Sicher nur, weil ihr ihm eingeredet habt, er sei defekt. Dabei hasst ihr es nur, wenn ihr die Neu- und Halbmondgesichter der Trejaner nicht identifizieren könnt.«

»Nein, nein«, wehrte der Katter ab. »Du versteht das falsch. Wir bieten ihnen die Möglichkeit, bewusster zu werden. Kloris war sehr intelligent für einen Trejaner. Er wusste, was er tat.«

»Und jetzt ist er nicht mehr intelligent?«

»Er ist intelligent genug. Die Katter-Sprache beherrscht er nach wie vor fast perfekt. Es geht ihm gut.«

Der Katter schob seinen Klon aus dem Bild. »Schluss für heute. Nächstes Mal stelle ich dir einen Klon vor, der in seinem Äußeren einem Trejaner gleicht, vom Wesen her aber ein Katter ist. Möglicherweise könnte er auf Lunaflor überleben.«

Luno schob die Katze zur Seite und erhob sich. Er verspürte das dringende Bedürfnis, allein zu sein. Wie von selbst bewegten seine Beine sich auf eine kleine Anhöhe zu, eine der sogenannten Beulen. Hier hinauf würde ihm nicht einmal Flora folgen, und er hatte einen guten Überblick über die Ebene.

Nicht weit von ihm entfernt wurde noch gearbeitet. Reihe um Reihe schritten Trejaner ein Blumenfeld ab, zwei Vollmondfixierte beaufsichtigten sie und trieben sie an. Schneller, schneller … Die Kleinen hielten sich aufrecht, die Großen mussten sich bücken. Lange, gebogene Messer sausten synchron durch die Pflanzenstiele, eine Blume nach der anderen knickte um und fiel.

Luno kniff die Augen zusammen. Er vermeinte, eine dunstige, übelriechende Wolke über dem Feld wahrzunehmen, zusammengeballt aus einer Unsumme feiner Schreie. Schreiende Blumen? Irritiert schüttelte er die unangenehme Empfindung ab und verfolgte, wie die Ernte schließlich eingesammelt und in einen Katter-Transportkasten geworfen wurde. Der Viertelmond leuchtete milde, es war kurz vor Anbruch der Neumondphase. Bald würden alle Blüten sich schließen und die Arbeit würde ruhen.

Woran würde er einen Trejaner-Klon erkennen, fragte Luno sich. Gab es überhaupt Klone? Und bis zu welchem Grad konnten die Katter natürlich entstandene Versaner umgestalten?

Oh, einer der Vollmondfixierten hatte ihn entdeckt, er wies mit dem Finger auf ihn. Luno warf sich ins Gras und rollte in entgegengesetzter Richtung den Hügel hinab. Flüchtig erblickte er Flora und die Katze, die am Fuße der Beule kauerten. Hakenschlagend rannte er zurück zu seinem alten Platz.

Er war so müde. Er nahm gerade noch wahr, wie Flora sich wieder hinter ihm niederließ, dann fielen ihm die Augen zu. Sein Freund drängte sich in seine Träume. Bilder von Solaria stiegen in ihm auf, am blauen Himmel stand eine strahlende Sonne. Doch er spürte sie nicht in seinem Innern.

Frevel

Nur noch wenige Trejanier lebten im Einklang mit den Mondrhythmen. Sie pflügten eine Wiese nach der anderen um und legten mehr und mehr Blumenfelder an. Sie sortierten sie streng nach Farbe und Größe, um die Produktion effizienter zu gestalten. Lunis empfand es als Frevel, das natürliche Wachstum der Pflanzen auf diese Weise zu zerstören. Früher hatten sie die Blumen achtsam gepflückt und Lunaflor vorher um Erlaubnis gebeten. Zusammen mit Lunix und Lunar gelang es ihm immerhin, einige Areale unter Schutz zu stellen.

Auch in den Färbereien hatte sich einiges verändert. Um die gewünschten Effekte zu erzielen, wurden nun schemische Zusätze verwendet. Die Grasflächen, auf denen große Stoffbahnen mit Blüten bedeckt wurden, stanken und verdarben, niemand hielt sich freiwillig in ihrer Nähe auf. Es gab keine Beschwörungen mehr, kein sanftes Einsickern von Farbessenz und Melodien.

Obwohl die meisten Trejaner glücklich taten, war unterschwellig ein Rumoren zu spüren. Egal, wie sehr sie den Arbeitstakt forcierten, ihre Schulden wuchsen, während die Konten der Räte stets prall gefüllt waren und die Vollmondfixierten zumindest im Plus blieben.

Luno und Flora blieben an all dem unbeteiligt. Sie perfektionierten die Kunst, sich unsichtbar zu machen, und wechselten häufig ihr Versteck. Nur Lunis, Lunix, und Lunar wussten, wo sie sich aufhielten. Leider gelang es auch Kloris manchmal, sie aufzuspüren. Sie erfuhren nie, ob er sie wegen ihrer Defekte bei den Katter anzeigte oder ob der weiße Katter alle Meldungen abfing.

Die Sieche

Wehklagen wehte hinüber zu Luno und Flora, immer wieder hielten sie sich die Ohren zu. Wie aus dem Nichts hatte sich eine Sieche ausgebreitet und alle Planeten erfasst, die mit den Katter Handel trieben. Keine bisher bekannte Medizin half.

Der Siecher fixierte die Gesichter der Trejaner auf den leeren Mond. Sobald Lunaflor die Gestalt wechselte, konnten die Befallenen nicht mehr mitschwingen. Sie waren wie abgeschnitten und rangen qualvoll nach Verbindung. Ihre Freunde beugten sich zu dritt über sie, um sie vor dem Wandel von Lunaflor abzuschirmen. Nur bei Leermond hatten sie Pause, manche brachen vor Anstrengung zusammen. Auch die Katzen siechten. Sie suchten vermehrt die Nähe zu ihren Lieblings-Trejanern, wurden der Ansteckungsgefahr wegen aber verscheucht. Die meisten verwilderten daraufhin.

Lunis hatte die Sieche außergewöhnlich schnell überwunden, nur bei Vollmond machten ihm die Nachwirkungen zu schaffen. Er war am Verzweifeln. Luno und Flora waren zwar durch ihre Isolation geschützt, doch Florina, seine heimliche Liebe, und seine Mondschwester Lunara standen kurz vor dem Großen Gehen.

Endlich entwickelten die Katter einen Gegensiecher, eine schemische Lösung zum Sich-Einverleiben. Allerdings war der Gegensiecher nicht umsonst, und die Trejaner erhielten ihn als letzte.

»Warum bekommen die Trejaner den Gegensiecher so spät?«, fragte Luno den Katter. »Sie sind doch keine Rebellen! Oder ist es, weil sie nicht zahlen können?«

»Nein, es ist nicht deswegen. Es gibt einfach noch zu viele Trejaner, die ihre Wandelgesichter nicht korrigieren lassen. Es schreckt sie nicht mehr, dass sie keine Digitts haben, oder wenn wir ihre Komkatts abschalten. Die meisten sind abgestumpft, viele taugen nicht einmal mehr für die Arbeit. Daher sollen sie entweder gehen oder sich endlich herausbegeben aus Schatten und Zwielicht. Vor allem sollen sie ihre Dreierfreundschaften öffnen. Du weißt, enge Freundschaften sind ‚Wir‘feindlich. Wir kennen die schemische Zusammensetzung davon, es riecht schlecht. Jeder sollte auf Katter-Weise mit jedem verbunden sein, alle auf derselben Frequenz. Die Vollmondfixierten lernen es zu verstehen. Die meisten von ihnen sind immun gegen die Sieche, so wie wir Katter auch.«

»Habt ihr den Siecher produziert?«, hakte Luno nach. »Es gibt viele Gerüchte in den Nachrichtenkanälen.«

»Nein«, lächelte der Katter milde. »So etwas brauchen wir nicht. Wir wissen es nur zu gebrauchen.«

Nachdem alle Planeten den Gegensiecher erhalten hatten, versiegte die Sieche. Aber alle fürchteten sich vor der nächsten. Denn die Katter experimentierten mit Hunden, Katzen, Schafen, Vögeln, Bäumen und Wurzeln und vermischten deren Elemente, ihre fliegenden Kästen trugen die neuen Partikel überall hin.

Florinas Komkatt

»Zeig es bloß nicht Lunis«, beschwor Lunar ihn. »Und auch nicht Lunix. Es ist das Komkatt von Florina. Ihr Passwort ist Lunis333.«

Luno wusste nicht, wer Florina war, er hatte sie nie kennengelernt. Rasch verstaute er das handliche Komkatt in seinem Umhang. Ahnte Lunar, dass er von einem Katter kontrolliert wurde?

Luno lächelte ihm dankbar zu. Nun konnte er auf Floras großem Komkatt seine gewohnten Kanäle verfolgen und gleichzeitig auf dem kleinen Komkatt nach neuen Frequenzen suchen.

Kaum war Lunar gegangen, tauchte Kloris auf. »Es gibt etwas Neues!«, rief er. Sein neuer Umhang leuchtete rot, die Blumen in seinem Umkreis schienen zu verblassen. »Kluno, Klora, was wollt ihr in eurer nächsten Manifestation werden? Katter oder Katze?«

›Was meinst du damit?‹, fragte Luno geistig auf Kattarisch.

Kloris blickte ihn bass erstaunt an. »Na so etwas. Kattarisch! Es besteht Hoffnung für dich!«

Luno biss sich fast die Zunge ab, um seine Gedanken zu unterdrücken. Aber Kloris schien nicht weiter an ihm interessiert.

»Die Katter überwinden jetzt sogar die virtuelle Währung!«, verkündete er voller Bewunderung und zupfte an seinem Umhang. »Die Digitts werden abgeschafft. Ab heute bezahlen wir mit der einzig wahren Währung – mit Kama! Wer sich wohl verhält, sammelt Kama-Punkte und wird in seiner nächsten Manifestation ein Katter, die höchste und edelste aller Erscheinungsformen. Wer sich nicht wohl verhält, wird Katze oder Schnittblume. Kennt ihr den Verhaltenskodex? Betrug, Zockerei, Kritik und Faulheit gehen gar nicht. Und auch keine schlechte Stimmung. Klora?«

Flora hatte sich demonstrativ die Kapuze über das Gesicht gezogen.

»Sorg dafür, dass sie Kattarisch lernt!«, herrschte Kloris Luno an. »Lass sie auch mal an das Komkatt! Wie heißt du? Wie heißt du? Wie …« Abrupt drehte er sich um und lief davon.

Luno ergriff das große Komkatt und erhob sich. Sie brauchten dringend ein neues Versteck. Gebückt schlängelte er sich zwischen den hochgewachsenen Blumen hindurch, Flora folgte ihm mit der Katze im Arm.

Auch auf Florinas Komkatt fand Luno nur die offiziellen Informationen zu seinen Stammesgenossen: ‚Novanis: ehemalige Versaner-Spezies, ausgestorben. Planet Solaria: unbewohnbar.‘

Frustriert starrte er auf den kleinen Bildschirm. Er gab die Suche auf und öffnete stattdessen den einzigen Ordner, der ihm zugänglich war. Florina hatte ihn mit ‚Wichtig‘ benannt. Hunderte Dateien befanden sich darin, fast alle waren Filme. Luno klickte einen nach dem anderen an. Zu seinem Erstaunen erkannte er in allen Luflu, den zappeligen Twajo, den er vor einiger Zeit einem Septemer zugeordnet hatte. Die Freundschaft hatte nicht lange gehalten, aber Luflu schien ein großer Fluencer geworden zu sein. So viele Folger, so viele umgekehrte Einsen! Warum hatte der Katter ihm nichts davon erzählt? Und was sollte an Luflu wichtig sein?

In seinen Beiträgen tanzte Luflu in glitzernden Kostümen zu mitreißender Musik und wirbelte geschmeidig zwei Schlangen, die er Luden nannte. Von den Rhythmen, dem Schlängeln, Glitzern und Funkeln ging ein großer Sog aus. Verwundert verspürte Luno den Impuls, die Refrains der Gesänge nachzusprechen. »Und heute, liebe Leute«, sang Luflu beispielsweise, »zieht es uns hin zu großem Gewinn: Karalis macht Sinn, macht Sinn, macht Sinn.« Oder: »Und morgen, es bereitet uns Sorgen, kriegt Luderaxx einen Knaxx, einen Knaxx, armes Luderaxx.«

Karalis? Luderaxx? Vage erinnerte sich Luno. Es handelte sich um zwei der erfolgreichsten Unter-Nehmen im Verum, eines davon gehörte den Katter. Was Luflu mit seinen Gesängen wohl bezweckte?

Luno wechselte zu einer Textdatei. Sie trug den merkwürdigen Titel ‚Sand im Tand‘ und bestand aus willkürlich aneinandergereihten Zitaten, alle von Luflu. Stirnrunzelnd überflog er die ersten Seiten.

‚Sie sind nicht schlau, sie sind nur klau … Jetzt haben die Katter auch noch unsere Idee der organisierten Wetten gestohlen und auf den Handel übertragen! Sie nennen ihre neue Einnahmequelle den Übergeordneten Handel, kurz Ü-Ha. Er meint einen Handel mit dem Handel.