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Stundenlang patrouilliert Constable Hirschhausen über Highways und ausgewaschene Schotterstraßen durchs australische Hinterland. Nervosität liegt in der Luft, die Pandemie zehrt an den Nerven und an Hirschs Toleranzlevel. Verkehrsdelikte, ein erschossener Merinobock, Hassparolen am Kulturzentrum – bei jedem Vergehen droht die Lage zu eskalieren. Auf der Suche nach einem vermissten Backpacker sieht sich Hirsch starrsinnigen Farmern gegenüber, als er zu einem vermeintlichen Brand gerufen wird: ein dilettantisch angezündeter Koffer im Straßengraben. Keine große Sache – bis Hirsch die Leiche darin entdeckt. Ein neuer Fall für Constable Hirschhausen im Land von Wolle, Weizen und Staub.
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Seitenzahl: 441
Veröffentlichungsjahr: 2025
Constable Hirschs Patrouillen durchs australische Hinterland wirbeln nicht nur Staub auf. Verkehrsdelikte, ein erschossener Merinobock, Hassparolen – bei jedem Vergehen droht die Lage zu eskalieren. Die Pandemie zehrt an den Nerven und an Hirschs Toleranzlevel. Ein brennender Koffer im Straßengraben scheint nebensächlich. Bis auf die Leiche darin.
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Garry Disher (*1949) wuchs im ländlichen Südaustralien auf. Seine Bücher wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter dreimal der wichtigste australische Krimipreis, der Ned Kelly Award, viermal der Deutsche Krimipreis sowie eine Nominierung für den Booker Prize.
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Peter Torberg (*1958) studierte in Münster und in Milwaukee. Seit 1990 arbeitet er hauptberuflich als freier Übersetzer, u. a. der Werke von Paul Auster, Michael Ondaatje, Ishmael Reed, Mark Twain, Irvine Welsh und Oscar Wilde.
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Garry Disher
Desolation Hill
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Ein Constable-Hirschhausen-Roman (4)
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 2022 bei The Text Publishing Company, Melbourne.
Die Eingangsseiten wurden von Peter Torberg im Rahmen des Seminars »Themenspezifisches Übersetzen« 2021 an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit den Studierenden des MA Literarisches Übersetzen erarbeitet.
Originaltitel: Day’s End
© by Garry Disher 2022
© by Unionsverlag, Zürich 2025
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: John White Photos (Alamy Stock Photo)
Umschlaggestaltung: Peter Löffelholz
ISBN 978-3-293-31176-3
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Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
DESOLATION HILL
1 – In jener entlegenen Gegend stand man, wenn man …2 – Hatte Sie ihn das letzten Monat sagen hören …3 – Hirsch stand bei Comyn und Sergeant Brandl …4 – Es war fast 17.00 Uhr, als Hirsch zurück …5 – Als Hirsch seinen Wagen wieder in der Einfahrt …6 – Hirschs Morgenspaziergang war nicht verhandelbar und gehörte zu …7 – Das Problem mit den meisten Samstagen bestand darin …8 – Die Arbeitswoche begann üblicherweise mit Sergeant Brandls Montagsbesprechung …9 – Also haben wir uns gefragt«, sagte Hirsch …10 – Dienstag11 – Mittwochvormittag bekam er eine Nachricht von einem Senior …12 – Donnerstag früh betrat Hirsch das Revier Redruth …13 – Als kurz darauf Petra Osmak im Befragungszimmer vor …14 – Vierzig Minuten später im Wurlie meinte Stephanie Ingram …15 – Freitagmorgen betrat als Erste Jeanette Laurie mit ihrem …16 – Zeit für das Mittagessen17 – Samstag18 – Es gab eine klare Routine für die Samstagabende …19 – Als Hirsch zum Montagsbriefing fuhr, bemerkte er um …20 – Dienstag bei Tagesanbruch hatte Hirsch regelrecht Bauchweh angesichts …21 – Hirsch wartete eine ganze Weile im Krankenhaus auf …22 – Hirsch entdeckte Tim Medlin auf dem Hinterhof …23 – Hirsch fragte sich oft: Wer bin ich hier …24 – Es war helllichter Nachmittag und Hirsch allein …25 – Und sie hat nicht daran gedacht, sich mit …26 – Donnerstag, 6.30 Uhr, die Sonne funkelte in den …27 – Am Freitag war Hirsch auf Patrouille durch das …28 – Hirsch bewies eine Engelsgeduld und versuchte, Noah etwas …29 – Fanning duckte sich, so als könne er Heckenschützen …30 – Es war später Nachmittag geworden, lange Schatten legten …31 – Hirsch war an diesem Donnerstagabend erst spät zu …32 – Die Liebe, so streng sie war, hatte ihre …33 – Am Sonntag wachte Hirsch wieder in seinem eigenen …34 – Zehn Minuten später knirschte Cottrells Stimme in Hirschs …35 – Das war am Sonntag gewesen. Montag früh rief …36 – Der Rettungswagen aus Redruth war zu einem blinden …37 – Fünf Minuten später in Elly Klines Wohnwagen38 – Hirsch fuhr einhändig über eine tief ausgewaschene Piste …39 – Janne Van Sant. Sie saß auf dem Rücksitz …Mehr über dieses Buch
Über Garry Disher
Garry Disher: Gedanken über die Arbeit am Schreibtisch
Garry Disher: »Ich genieße es, im deutschsprachigen Raum auf Lesereise zu gehen.«
Über Peter Torberg
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In jener entlegenen Gegend stand man, wenn man eine Schaffarm von der Größe eines europäischen Fürstentums besaß, hocherhobenen Hauptes da. War man nur ein Miete zahlender Beamter wie Hirsch, dann stand man hingegen auf dem Gipfel von Desolation Hill.
Kein besonderer Hügel – aber definitiv desolat. Von dort aus sah man bis zum Horizont hinaus auf Flecken von Salzbusch und Mallee-Gestrüpp und eine weite, ockerrote Steinwüste; hier und da standen verwelkte Wildblumen, die sich von einem der seltenen Frühlingsschauer hatten täuschen lassen.
Man sah auch ein Abbild von Wildu, dem Geisteradler, das in das Flachland gefurcht worden war: drei Kilometer von einer Flügelspitze zur anderen und bereit, sich auf seine Beute zu stürzen. Außerdem war Desolation Hill einer der letzten Orte, die Willi Van Sant aufgesucht hatte, bevor er verschwand.
»Der Drang zu springen«, sagte Willis Mutter, die ihren Rucksack an den schmächtigen Körper presste, »ist unwiderstehlich.«
Hirsch pflichtete ihr bei, dann standen sie an diesem Donnerstagmorgen im Frühling schweigend am Schutzgeländer. Der Drang zu springen und auf den Luftströmungen über dem Flachland zu gleiten – wie ein Keilschwanzadler es gerade tat, zusammen mit einem weit entfernten, summenden Ultraleichtflieger, der wohl die Erdzeichnung für einen Kalender- oder Postkartenverlag fotografierte, vermutete Hirsch.
Er las ein von der Sonne ausgebleichtes, an das Geländer geschraubtes Schild – Wildu ist ein Wort der Ngadjuri, das die Sterne des Kreuzes des Südens bezeichnet, hier dargestellt von den Krallen eines Adlers –, als Dr. Van Sant abschätzig schnaubte und auf den in den Boden gefurchten Adler unter ihnen wies. »Kulturelle Aneignung?«
»Ganz gewiss«, pflichtete er ihr fröhlich bei und fragte sich, ob ihr Sohn diesen Gedanken wohl in einer E-Mail nach Hause geschrieben hatte.
Wieder schaute er zu der Erdzeichnung hinüber – Kunstwerk oder Graffiti, Ehrerbietung den Ngadjuri gegenüber oder Beispiel für kulturelle Aneignung, je nach Standpunkt. Irgendein Held mit einem Planierer hatte den Adler in den Achtzigern in den Boden gefräst. Niemand hatte je gesagt, wer; Aufseher, Farmarbeiter und abwesender Besitzer hatten jede Kenntnis bestritten. Als Hirsch die Figur bei einer seiner ausgedehnten Patrouillen über die im Regenschatten liegenden Schaffarmen zum ersten Mal sah, war sie durch Jahrzehnte an Sandverwehungen, Wüstengestrüpp und die alles aufwühlenden Räder der Allradwagen von Jägern kaum noch zu erkennen gewesen. Letztes Jahr dann hatte ein Viehzüchter namens Russ Fanning das Grundstück gekauft, den Adler mithilfe zweier GPS-gesteuerter Erdbagger wiederhergestellt und den Aussichtspunkt auf dem Gipfel von Desolation Hill errichtet.
Ein komischer Kauz, dieser Fanning. Voller Widersprüche. Er war nicht auf Touristendollar aus, sondern wollte das Volk der Ngadjuri würdigen und hatte sich mit einigen der ortsansässigen Ältesten getroffen, so erpicht war er darauf, der Mythologie gerecht zu werden. Sie hatten Vorbehalte gehabt, doch Fanning hatte sich nicht beirren lassen. Hirsch war nicht sicher, ob das Fanning zu einem schlechten Menschen machte oder nicht, aber an anderer Stelle auf seinem Land, wo der Boden nicht so schlecht war und es häufiger regnete, hatte er Rekultivierungs- und Naturschutzprogramme begonnen, Solarpaneele und Batterien installiert; er ging nachhaltig mit dem Wasser um und bereitete es wieder auf. Fanning war ein Typ, der gern mit Hirsch schwatzte und ihn auf seinem Land herumführte. Einmal gab er zu, dass er für die Labor Party stimmen würde.
Und im letzten Monat hatte er zwei Mal bei Hirsch angerufen und gefragt, ob er schon herausgefunden habe, wer seinen Merino-Zuchtbock erschossen hätte, Wert 45 000 Dollar. Eine Kugel aus einem leistungsstarken Langstreckengewehr aus großer Distanz in den Schädel. An Hirsch nagten Schuldgefühle. Kurze Antwort: Nein. Er hatte Häuser abgeklappert – in dieser Gegend eine Rundreise von dreihundert Kilometern –, aber nichts herausbekommen. Kängurujäger vielleicht, meinte einer. Vielleicht Jäger auf Wildziegen, ein anderer. Vielleicht mutwillig, vielleicht niederträchtig. Vielleicht auch ein Unfall, und der Bock war in der Dämmerung in den verwirrenden Schatten der Salzbüsche mit einer Ziege verwechselt worden.
Hirsch schüttelte das Schuldgefühl ab und drehte sich zu Janne Van Sant um; er war bestürzt, Tränen zu sehen, eine Aufwallung von Trauer oder Furcht. Er mühte sich ein Lächeln ab. »Wollen wir weiter?«
»Einen Augenblick noch, bitte, Constable Hirschhausen.«
Sie griff in die Außentasche ihres lohfarbenen Segeltuchrucksacks und zog eines der Fotos heraus, die sie Hirsch vor anderthalb Stunden im Vorderzimmer des kleinen Ziegelhauses gezeigt hatte, in dem das Polizeirevier Tiverton untergebracht war. Sie hatte es aus der Textnachricht ausgedruckt, die ihr Sohn ihr geschickt hatte, und es zeigte einen großen, schlanken jungen Mann mit blonden Dreadlocks, der in die Kamera lächelte. Hinter und unter ihm spreizte der Adler Wildu seine Flügel. Einundzwanzig. Mit dem Rucksack unterwegs durch Australien, hier und da ein Job.
In diesem Augenblick ging Hirsch auf: Das Foto sah nicht wie ein Selfie aus. Jemand war mit dem jungen Mann hier oben auf Desolation Hill gewesen.
Aber wer, dachte er – das war eine Frage für die Farmbesitzer, bei denen Willi gejobbt hatte.
Hirsch schaute zu, wie Dr. Van Sant das Foto mit beiden Händen auf Kopfhöhe hielt und justierte, bis sie ganz genau wusste, wo Willi vor all diesen Monaten gestanden hatte. Sie war eine etwas kleinere und weniger gebräunte Version ihres Sohns. Kurz geschnittene blonde Haare. Ein ähnliches Lächeln – zumindest nach dem zu urteilen, was Hirsch in den letzten anderthalb Stunden davon gesehen hatte.
Und es lagen noch ein paar Stunden vor ihnen: weitere dreißig Minuten über zerfahrene und staubige Nebenwege bis Dryden Downs; eine Unterhaltung mit den Drydens; die Fahrt zurück zum Revier und ihrem gemieteten Toyota Camry.
Dr. Van Sant hatte den Rucksack auf die Motorhaube des Dienst-Toyota der South Australia Polizei gelegt. Daraus hatte sich eine Handvoll Fotos ergossen.
»Darf ich?«, hatte Hirsch gefragt und sie zusammengeschoben.
Ihre Reaktion war ein Schulterzucken, das Hirsch für sehr europäisch hielt. »Wenn es sein muss«, hieß das. Also schob er zögerlich die Fotos ordentlich zusammen und blätterte sie durch. Sie waren von der Lackierung des Toyota warm geworden, fast so, als kämen sie direkt aus dem Drucker.
Willi auf einem Pferd; Willi, der in einem Rückhaltebecken schwimmt; Willi mit einem Schäferhund auf einem lehmigen Boden, wie er auf die Spur eines einzelnen Schafs zeigt; Willi neben einer Cessna mit der Aufschrift Dryden Downs Pastoral; Willi, der neben einem Grabstein kauert und verschmitzt auf die Inschrift deutet: Hier liegt Tom Sewell, der sich aus Versehen absichtlich selbst erschoss, 25. September 1923.
Hirsch hatte das auch witzig gefunden. Dann hatte er die Fotos wieder in den Rucksack geschoben und auf die Uhr geschaut.
»Ja, ja«, hatte Dr. Van Sant gesagt, aber der Ton in ihrer Stimme hatte so gar nicht zu ihrer Selbstbeherrschung gepasst.
Hirsch lenkte den klappernden Hilux die Serpentinen hinunter, bog dann an der Zufahrt am Fuß des Desolation Hill nach links ab und nahm eine ausgewaschene Schotterstrecke namens Manna Soak Highway.
»Wie ironisch«, sagte Dr. Van Sant.
»Ja«, pflichtete Hirsch ihr bei und gab Gas. Fuhr man auf diesen Straßen zu langsam, rüttelte es einem die Zähne aus dem Mund; fuhr man zu schnell, verlor man vielleicht in einer Kurve die Haftung und überschlug sich, dann lag man stunden-, vielleicht gar tagelang in dem Wrack eingezwängt, bis ein anderes Fahrzeug vorbeikam. Man brauchte Können, gepaart mit einem Schuss Wagemut. Hirsch unternahm diese Ausflüge ins Hinterland nun schon seit drei Jahren und wurde immer besser.
Im Augenblick konzentrierte er sich auf die Straße, nicht auf Willis Mutter, die gerade das Klappern zu übertönen versuchte: »Ein nationaler Wesenszug vielleicht? Eine Weigerung, irgendetwas ernst zu nehmen?«, wobei sie den Anschein machte, als würde sie ihre Worte sorgsam wählen. Sie war nun seit exakt vier Tagen im Land: zwei in Sydney, dann die Fahrt nach Tiverton, in das Weizen-und-Woll-Land auf halbem Weg zwischen Adelaide und den Flinders Ranges.
Hirsch bremste wegen einer ausgewaschenen Steigung ohne jede Erdschicht; eher ein Steinrücken als eine Straße. Er überquerte den höchsten Punkt mit Schrittgeschwindigkeit, gab abwärts ein wenig Gas und sagte: »Ja, zum Teil.«
Schlank und mit geradem Rücken saß Janne Van Sant neben ihm; vielleicht war sie ein wenig gereizt, dass er so lange mit der Antwort gebraucht hatte. »Und der andere Teil, die anderen Teile?«
Sie stellt sich ihren Sohn hier draußen vor, dachte Hirsch; wie es ihm in einem Land ergangen war – wie es ihm erging –, in dem niemand etwas ernst nahm. »Ist denn Ironie nicht ein Zeichen dafür, dass man etwas ernst nimmt? Man versucht, sich dagegen zu wehren, davon völlig eingenommen zu werden?«
Dr. Van Sant wies nach draußen jenseits der Scheibe auf die Salzbüsche und Mulgabüsche, die sich mühten, auf den roten staubigen Weiten zu überleben. »Manna Soak, ist das auch ironisch? Vom Himmelsbrot durchnässt zu werden?«
Hirsch bremste vorsichtig ab und fuhr zur Seite, um einen entgegenkommenden Land Rover mit Nummernschildern aus Western Australia vorbeizulassen. In seinem Kopf arbeitete es, doch das Auftauchen eines Fahrzeugs aus einem anderen Bundesstaat in dieser Einöde und die zwei abgewandten Gesichter darin lenkten ihn ab.
Staub strudelte auf; winzige Steinchen prasselten gegen die Flanke des Toyota. Dann legte sich der Staub wieder, und Hirsch fuhr weiter. »Die Namensgebung ist nicht immer ironisch gemeint. Manche Namen sind ganz freimütig.«
»Hm«, machte Dr. Van Sant. »Sie folgen dem stagnierenden Marsch des weißen Fortschritts. Hope Hill«, fuhr sie fort, ein Name, den sie auf einem Straßenschild an der Straße von Tiverton aus gesehen hatten. »Mischance Creek – was für ein Missgeschick, und warum war es so bedeutsam, um etwas danach zu benennen? Desolation Hill.«
Hirsch wies hinüber zu einer Stelle, wo mehrere Hektar roter Staub einen einsamen Kamin inmitten eines Steinhaufens umgaben. »Wir sind im Regenschatten«, sagte er. »Die Menschen kamen Mitte des 19. Jahrhunderts her, sahen sprudelnde Bäche und Frühlingsgräser und bauten ein Haus. Sie wussten nicht, dass sie vielleicht zwanzig Jahre auf den nächsten Regen warten mussten.«
»Man hofft«, sagte Dr. Van Sant, »erleidet aber ein Missgeschick – und die Lage ist desolat.«
Eigentlich geht es nicht um Ortsnamen, überlegte Hirsch; sie denkt an Willi. Die Reise, die er vielleicht von der Hoffnung bis zur Verzweiflung zurückgelegt hatte. Er wollte sie nicht mit Plattitüden aufmuntern und ließ stattdessen die Scheibe herunter. Staub lag in der Luft, aber auch der Duft der Pflanzen und der Erde, die Sonne und Wind freigelegt hatten.
»Manna Soak ist tatsächlich ein Ort«, erklärte er. »Das Foto von Willi, wie er auf eine Schafspur zeigt? Eine große, trockene Lehmebene, aber wenn es geregnet hat, ist dort ein flacher See. Sie sollten mal die Vögel sehen, wenn es dazu kommt«, fügte er strahlend hinzu. Er wollte, dass sie etwas Gutes mitnahm, wenn sie diesen Ort verließ.
»Und jetzt?«
»Trocken, leider.« Nicht dass Hirsch jemals die Vogelscharen bei Manna Soak gesehen hatte, nur das Foto auf dem Kalender des Krämerladens von Tiverton, der an der Wand im Wartezimmer des Reviers hing.
Zwanzig Minuten später bremste er, verließ die Piste und rumpelte über eine Viehrampe zwischen zwei massiven Steinsäulen. Auf einem alten, von der Sonne ausgeblichenen und vom Staub abgeriebenen Schild an einer der Säulen stand:
DRYDEN DOWNS, SEIT 1865, 226 600 HEKTAR, BITTE TOR NACH DURCHFAHRT SCHLIESSEN.
Hirsch hatte das Anwesen schon einmal aufgesucht. Wenn die Kriminalitätsrate es zuließ, drehte er jede Woche zwei große Runden, die erste in die Gegenden östlich und nördlich des Barrier Highway, die zweite westlich und südlich davon. Meistens reagierte er auf Meldungen – Viehdiebstahl, zum Beispiel – und schaute nach dem Wohlbefinden: eine Farmerswitwe hier, Kinder im Teenageralter mit einer bettlägerigen Mutter dort.
Ein Anwesen wie Dryden Downs mit eigenem Flugzeug, eigener Landebahn und einem großen, fähigen Mitarbeiterstab konnte ohne einen regelmäßigen Besuch auskommen, solange sie wussten, dass es ihn gab. Die Drydens – Sam und Mia – waren an dem Tag, als Hirsch vorbeikam, nicht daheim gewesen, aber er hatte seine Karte beim Koch hinterlassen, und am Abend hatte Sam angerufen, sich entschuldigt und seinen Dank geäußert. Seine Stimme war leise, präzise und rau gewesen.
Das Schild an der anderen Säule war neu:
UNGEIMPFTE SIND HIER WILLKOMMEN.
Darunter in kleinerer Schrift: Wir weigern uns, ungesetzliche Anweisungen einer Regierung durchzusetzen, die ihr Volk mit Mikrochips versehen will. Hirsch beschleunigte auf der makellosen, weiß geschotterten Zufahrt, kam an einem dritten Schild vorbei – Anwesen 15 km – und dann an einem vierten, das eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 km/h angab. »Also sind Geimpfte im Gegensatz dazu nicht willkommen?«, sagte Dr. Van Sant.
Hirsch musste lachen. »Gibt es das in Belgien auch?«
»Oh ja.« Sie schwieg kurz. »Eine Regierung, die ihr Volk mit Mikrochips versieht. Diese Angst, dass mächtige, boshafte Gestalten mit unsichtbaren Mitteln gegen uns arbeiten, ist uralt, nein? Wie Hexen.«
»Ja«, pflichtete Hirsch ihr bei und dachte: Wer bist du?
Dryden Downs war groß genug, um eine ganze Reihe von Bodentypen aufzuweisen, von flachen Steinwüsten bis zu welligem Buschland und Weideflächen. Die Zufahrt führte sie durch Grasland mit Angusrindern zur Linken und schwarzköpfigen Dorperschafen zur Rechten. Nach vierzehn Kilometern erklomm die Zufahrt einen flachen Hügel. Auf der anderen Seite konnte man eine breite, flache Senke sehen, in der es so viele Dächer gab wie in einem Dorf in England: Haupthaus, das Haus des Aufsehers, Katen, Werkzeugschuppen, Scherschuppen, Stallblock, Heuschuppen, Hangar und Unterkünfte der Farmarbeiter. Zwischen diesen Gebäuden lagen Viehhöfe, Rasenflächen, ausgedehnte Gärten, betonierte Wassertanks und eine Pferdekoppel.
»Na, hier scheint die Hoffnung nicht gar so desolat zu sein«, murmelte Dr. Van Sant.
Hirsch lenkte den Hilux auf einen Wendeplatz neben dem Haupthaus, einer lang gezogenen, elegant proportionierten Konstruktion aus örtlichem Gestein, ringsum von mit Weinreben überwucherten Veranden beschattet. Er hielt im Schatten eines stämmigen Eukalyptusbaums, schaltete den Motor ab und stieg aus, wobei er die Tür leise zuschnappen ließ; er hatte das seltsame Gefühl, dass ein lauter Schlag unpassend wäre.
Die Stille nach der knochenerschütternden Fahrt war ein Segen, und die Frühlingssonne war hier milder als oben auf Desolation Hill. Dazu kam eine satte Stille: Der Windsack an der Landebahn hing schlaff herab, niemand warf einen Motor an, schor Schafe oder schimpfte einen Schäferhund aus. Die einzige Bewegung war eine Frau auf einem schwarzen Pferd, die konzentriert den Reitplatz umrundete, so als würde die ganze Welt nur aus ihr, ihrem Pferd und dem kleinen, von Hufen aufgewühlten Hof bestehen. Mia Dryden, schätzte Hirsch und setzte sich eine Gesichtsmaske auf.
Dr. Van Sant tat es ihm nach und gesellte sich zu ihm. »Willi hat mir gesagt, dass sie pferdenärrisch ist«, murmelte sie.
Gerade als sie zu der Koppel hinübergehen wollten, zog die Reiterin an den Zügeln, ließ das Pferd im Schritttempo auf den Zaun zugehen und rief: »Hallo. Sam ist im Haus und sitzt über den Büchern. Rufen Sie an der Haustür nach ihm. Ich komme, sobald ich aufgeräumt habe.«
Dann wendete sie das Pferd und ritt zu dem Tor, das dem Stallblock am nächsten lag. Dr. Van Sant hatte darauf bestanden, ihren Besuch nicht anzukündigen – alte Polizeitaktik, Hirsch hatte nichts dagegen –, aber falls Mia Dryden beunruhigt oder neugierig war, ließ sie sich das nicht anmerken. Eine bodenständige, pferdenärrische Blondine Mitte vierzig, ein bisschen füllig, voller lächelnder gutnachbarlicher Freundlichkeit, mehr nicht. Aber das Schild an der Zufahrt …
Hirsch drehte sich zu Dr. Van Sant um, die ihn ausdruckslos ansah. Er versuchte, ihren Blick zu deuten: Fast so, als ob sie uns erwartet hätte. Oder vielleicht: Die mühelose Anmut der ganz Reichen.
Er deutete ein Lächeln an und nickte, dann überquerten sie eine Rasenfläche zum Eingang des Haupthauses. Die innere Tür stand offen und gab den Blick frei auf einen breiten Flur mit Gemälden und Wandleuchten. Hirsch klopfte an die äußere Fliegengittertür. Sie klapperte schwach. Nach ein paar Sekunden klopfte er erneut und rief: »Mr Dryden?«
In der Entfernung gab es ein Kratzen und Klopfen, wie von einem Schreibtischstuhl auf einem Holzboden, und ein großer Mann trat auf halber Länge des Flurs aus einem Zimmer. »Ja, bitte?«
»Polizei, Mr Dryden. Wir haben Ihre Frau getroffen; sie meinte, wir sollten ruhig klopfen.«
»Polizei?«, sagte Dryden und kam auf sie zu. Ein schlanker, stocksteifer Mann Ende vierzig in Kakishorts, weitem blauem Polohemd und rissigen Ledersandalen trat auf die Veranda hinaus: Kleidung für das Wochenende oder einen freien Gammeltag. Darunter steckte eine eiserne Autorität. Hier war ein Mann, der bereit war zu handeln, und er löste in Hirsch den absurden Drang aus, zu salutieren. Ex-Militär?
Hirsch streckte die Hand aus. »Paul Hirschhausen vom Polizeirevier Tiverton, und das ist Doktor Van Sant.«
»Janne«, sagte sie und hielt ihm die Hand hin. »Willis Mutter.«
Dryden schüttelte ihr ernst und würdevoll die Hand und beugte sich sogar leicht vor, bevor er einen Schritt zurück tat, den Kopf schräg hielt und die Stirn zu einem kleinen Knoten zwischen den Augenbrauen runzelte. »Ich fürchte, Willi ist nicht hier, Doktor Van Sant. Janne. Er hat uns vor zwei oder drei Monaten verlassen.«
Van Sant trat reflexhaft auf ihn zu und wollte etwas sagen, und Dryden atmete ein und richtete sich auf. »Am besten, Sie sprechen mit meiner Frau. Sie weiß mehr darüber als ich. Ach, da ist sie ja.«
Hirsch dachte: Das war aber schnell, sie wird wohl einen Stallburschen haben, der sich um das Pferd kümmert, drehte sich um und sah Mia Dryden, die auf das Haus zukam.
Sie trug noch Reithose und ein durchgeschwitztes schwarzes T-Shirt und rief: »Liebling. Sie haben dich schon gefunden, wie ich sehe.«
Die Energie ihres Gatten wirkte wie eine Sprungfeder, ihre hingegen vibrierte regelrecht. Ihre Augen strahlten; ihre Zähne blitzten; wie bewegte sich wie eine Welle; die Worte flossen leicht aus ihr heraus, als sie die Stufen in einer Wolke aus Gerüchen von heißem Tag und Ausritt hinaufkam. »Geben Sie mir bitte fünf Minuten zum Umziehen. Liebling, wie wärs mit etwas Kaltem zu trinken auf der Veranda? Oder lieber Tee oder Kaffee? Und Sie dürfen Ihre Masken abnehmen.«
»Wir lassen sie auf, danke«, entgegnete Hirsch, doch sie war bereits durch die Fliegentür verschwunden und hatte dabei ihren Gatten am Handgelenk berührt. Sie ist immer noch nicht neugierig, dachte Hirsch und konzentrierte sich auf Sam Dryden, der Dr. Van Sant betrachtete: nachdenklich, aber nicht unfreundlich.
Dann schreckte er auf und wies die Veranda entlang zu einer Sitzgruppe aus Rohrstühlen rings um einen Rohrtisch mit Glasplatte. »Fühlen Sie sich bitte wie zu Hause. Was darf ich Ihnen bringen?«
Sie baten um Mineralwasser, und kurz darauf erschien ein Mann in Schürze mit einem Tablett voller Gläser und einer Flasche San Pellegrino, Sam Dryden im Schlepptau. Hirsch erkannte den Farmkoch noch von seinem ersten Besuch. Kleiner als Dryden, kurz geschnittene Haare und dieselbe militärische Haltung. »Barry, richtig?«, fragte Hirsch. »Barry … McGain?«
McGain nickte und verschwand stumm.
Als er fort war, schenkte Sam Dryden allen ein und setzte sich. »Ich nehme an, Sie legen bei Ihrer Arbeit eine ziemliche Strecke zurück, Constable Hirschhausen?«
Hirsch nickte. »Ja – zwei Patrouillen die Woche. Nennen Sie mich einfach Hirsch.«
Dryden versuchte es: »Hirsch. Sind Sie in der Zwischenzeit mit allem vertraut?«
»Es gibt ein paar abgelegene Besitzungen, bei denen ich immer noch nicht war, aber das kommt noch.«
»Das Gesicht des Gesetzes.«
»So ähnlich.« Hirsch rutschte unbehaglich herum. Er wollte sich nicht weiter über seine Doppelrolle als Gesetzeshüter und Sozialarbeiter auslassen.
»Falls Ihnen das eine Hilfe ist«, meinte Dryden, »Sie haben hier das Ende der Straße erreicht. Jenseits davon gibt es nichts als Gestrüpp und Halbwüste.«
Hirsch, der ein wenig Schärfe an Drydens Ton bemerkte, war nicht sicher, was er mit dieser Auskunft anfangen sollte. Das Gewicht aus Alter und Vorrang, so als würde der Viehzüchter keinen Rat geben, sondern einen Befehl erteilen. »In Ordnung«, sagte Hirsch und nahm sich vor, eines Tages auf jeden Fall weiter über den Manna Soak Highway vorzustoßen.
»Kannten Sie meinen Sohn gut, Mr Dryden?«, fragte Janne. Dryden drehte sich zu ihr um und schien sie zu begutachten. »Sam, bitte. Gut nicht. Ich bin oft fort, wissen Sie – geschäftlich. Meine Frau kann Ihnen behilflich sein.«
Wie auf ein Zeichen hin trat Mia Dryden auf die Veranda. Sie hatte schnell geduscht; ihr nasses Haar hatte eine ärmel- und kragenlose blaue Baumwollbluse dunkel verfärbt. Mit ausholendem Schritt ihrer nackten Füße und in einem hauchdünnen, knielangen wehenden Rock kam sie in einer Woge der Freude auf sie zu, so als hätte seit Monaten niemand mehr die Farm besucht, dann hielt sie hinter ihrem Mann an, legte ihm die Hände auf die Schultern und fuhr mit den Lippen über seinen Hals. Dryden schloss die Augen und entspannte sichtlich am ganzen Körper.
Mia richtete sich wieder auf. »Wie ich sehe, hat mein Griesgram von Ehemann sich um Sie gekümmert! Kalte Getränke, genau das Richtige«, sagte sie, verließ Dryden und setzte sich mit einem Schwung auf den vierten Stuhl. Sie streckte die Hand über den Tisch aus und berührte Dryden am Handgelenk. »Liebling, ich weiß, du bist ungeheuer beschäftigt.«
Er stand auf, nickte ernst, stapfte über die Veranda und verschwand im Haus. Mia schaute ihm mit dem klaren Blick einer jungen verliebten Frau nach, richtete dann ihre Aufmerksamkeit auf Hirsch und lächelte. »Also, was bringt Sie zu unserer Tür?«
»Ich bin in Tiverton stationiert«, begann Hirsch.
»Das dachte ich mir.«
»Und das ist Doktor Van Sant. Sie macht sich große Sorgen um das Wohlergehen ihres Sohnes Willi. Soweit ich weiß, hat er hier gearbeitet?«
»Willi!«, sagte Mia. »Ein entzückender Bursche, immer ein Lächeln auf den Lippen, das reinste Vergnügen, ihn bei uns zu haben.« Sie beugte sich zu Dr. Van Sant vor. »Sie brauchen die Maske hier nicht zu tragen, wissen Sie? Ich würde so gern Ihr Gesicht sehen. Schon jetzt erkenne ich um die Augen eine Ähnlichkeit mit Willi.«
»Besser, ich lasse sie auf«, entgegnete Janne. »Ganz Europa ist mit Delta verseucht, zwei lange Flüge, Flughäfen, Sie wissen ja …«
»Ganz wie Sie wünschen«, sagte Mia und richtete sich wieder auf. »Willi. Wie ich schon sagte, ein reizender Kerl. Es gab nichts, was er nicht konnte, wenn er sich dazu entschlossen hatte.« Sie beugte sich wieder vor. »Wussten Sie, dass er die Schafe zusammentreiben konnte wie ein Profi, als er uns verließ?« Sie lehnte sich zurück. »Alle hier liebten Willi. Unsere einzige Auszubildende war bis über beide Ohren in ihn verknallt.«
Die Person mit der Kamera, dachte Hirsch.
»Das mag alles sein«, meinte Janne Van Sant knapp, »aber er hat sich seit vier Monaten nicht mehr gemeldet. Auf einen Schlag. Den einen Tag lag er auf seiner Pritsche und hat mit mir gechattet, am nächsten Tag kein Pieps mehr.«
Mia war beunruhigt. »Ich weiß nicht, was ich da sagen soll«, meinte sie und machte eine Geste der Hilflosigkeit. »Seine Freundin und er haben eines Tages ihre Sachen gepackt, und weg waren sie. Er hat uns ziemlich in der Klemme sitzen lassen, was die Arbeit anging. Aber Sie wissen ja, die jungen Leute …«
Dr. Van Sant starrte sie an. »Meine Anrufe und E-Mails sind unbeantwortet geblieben.«
»Wie ich schon sagte, er ist jung und verliebt … er ist wahrscheinlich in Noosa und tobt sich aus.«
»Meine Anrufe und E-Mails an Sie«, sagte Janne.
Mia lehnte sich mit einem hübschen Stirnrunzeln zurück. »An mich?« Sie fuhr sich mit der Hand über dieBrust. »Sind Sie sicher? Ich meine, wir sind hier sehr abgelegen …«
Hirsch schaute über den Hof zu einer beeindruckenden Antennenanlage hinüber. »Willi und seine Freundin sind also nach Noosa?«
»Ja«, sagte Mia. »Einen Augenblick, ich bin gleich wieder da.«
Sie kam mit einer Ansichtskarte zurück. Adressiert an Sam und Mia Dryden, darauf abgebildet eine Bucht mit Schwimmern und Sonnenbadenden, dazu Kugelschreibergekritzel und ein Pfeil: Wir im seichten Wasser! Auf der anderen Seite stand in einer geschwungenen, atemlosen Schrift:
Hi, Sam und Mia! Nur, damit Ihr wisst, wir vermissen Euch – oder so! – und vielen Dank für die Erfahrung! Love, Eve und Willi xxooxx.
»Wann ist die hier eingetroffen?«
»Ach, vor Ewigkeiten. Vor Wochen. Ein paar Monate mindestens.«
»Haben Sie Kontaktdaten für diese Eve?«
Mia zog ein Handy aus der Rocktasche und scrollte durch die Kontakte. Dann hielt sie Hirsch den Bildschirm hin. Hirsch sah den Namen Eve Tilling und eine Handynummer.
Er nahm sein eigenes Handy und rief an. Es ging niemand dran.
»Haben die beiden irgendetwas zurückgelassen?«
»Nicht das kleinste Fitzelchen.«
»Wissen Sie, wo Ms Tilling aufgewachsen ist? Hat sich ihre Familie bei Ihnen gemeldet?«
»Gemeldet? Bei uns? Nein. Sie ist in Sydney aufgewachsen, aber wo genau, kann ich Ihnen nicht sagen.« Mia rutschte unbehaglich umher, so als wolle sie verhindern, dass ein Schatten auf ihr sonniges Gemüt fiel. »Ich weiß nur, dass sie mal gesagt hat, sie würde nicht gut mit ihrem Stiefvater auskommen. Eine alte Geschichte, wie Sie wissen, nehme ich an.«
Die Geschichte deutete Missbrauch an, und Mia Dryden schien gegen diese Vorstellung anzukämpfen, bis ihr Lächeln wieder Oberhand gewann. »Sie müssen sich ja solche Sorgen machen, Janne«, sagte sie. »Aber ich bin mir sicher, dass das Außenministerium behilflich sein kann.«
»Idioten«, sagte Janne Van Sant.
»Oh«, machte Mia. Sie schien darüber nachzudenken. »Bürokratie«, sagte sie düster.
»Wenn wir nur kurz mit den Leuten sprechen könnten, die Tag für Tag mit Willi und Eve gearbeitet haben?«, fragte Hirsch. »Die anderen Farmarbeiter?«
Mia legte sich wieder eine Hand aufs Herz. »Oh, das tut mir leid, Frühling ist immer eine anstrengende Zeit für uns. Die sind alle draußen beim Schaftreiben.«
»Vielleicht ein andermal?«
Mia antwortete nicht. Sie schaute Janne an. »Ich werde jeden einzelnen um Informationen bitten, wenn sie morgen zurück sind. Haben Sie eine Karte?«
Janne Van Sant streckte die Hand nach Mias Handy aus. »Darf ich die Daten eingeben?«
»Aber gern.«
Hirsch sah zu, wie Jannes Finger über den Bildschirm flogen, dann zog sie ihre Maske herunter, trank ihr Mineralwasser aus und sagte: »Danke für Ihre Gastfreundschaft«, stand auf und ging zum Toyota.
Sie war schon halb dort, bis Hirsch sich sammeln konnte. Er stand auf, nickte Mia Dryden zu, bedankte sich und streckte ihr die Hand hin.
Sie packte sie und schüttelte sie fröhlich auf und ab. »Wenn ich recht verstehe, mögen Sie den Ausdruck ›Covidiot‹, Constable Hirschhausen«, sagte sie genüsslich feindselig. »Sagen Sie, halten Sie mich auch für eine Covidiotin?«
Hatte Sie ihn das letzten Monat sagen hören? In der Klinik, als er mit einem Mann herumgestritten hatte, der seine Frau daran hindern wollte, sich impfen zu lassen? Gut, dass er nur »Covidiot« gesagt hatte und nicht, was ihm beinah herausgerutscht wäre: »Zu dumm zum Leben.« Auf der langen Zufahrt gab er Gas und wurde ziemlich durchgeschüttelt, deshalb bekam er erst nicht mit, was Dr. Van Sant gerade gesagt hatte, nur dass es sich nach einer Beobachtung angehört hatte. »Mhm«, machte er in der Hoffnung, den richtigen Ton getroffen zu haben.
»Ist Ihnen das auch aufgefallen?«, fragte sie. Sie schnaubte und fügte dann hinzu: »Ein Komikerduo. Er entwaffnet die Leute mit seinem Anflug von Eleganz und Schliff und sie mit ihrer, wie nennt man das, Hohlkopfnummer. Aus ihm werde ich nicht ganz schlau, aber sie hat die Hosen an. Im tiefsten Inneren ist sie alles andere als dumm.«
»Sehe ich auch so«, sagte Hirsch.
Sie hatten die Torpfosten erreicht. Hirsch bog nach links auf den Manna Soak Highway, und sie begannen die lange Rückfahrt nach Tiverton.
Der Hilux bockte, schwenkte, ratterte und fuhr manchmal sanft dahin, doch die ständigen Veränderungen schienen Dr. Van Sant nicht zu stören. Sie schaute zum Seitenfenster hinaus, lehnte den Kopf an die Kopfstütze und sprach mit sanfter Stimme wehmütig und nachdenklich über ihren Sohn. Fußballverrückt. Beliebt, hatte eine sich gegenseitig unterstützende Gruppe von Freunden. Abenteuerlustig, liebte Camping, Bergsteigen, Rafting. War Mitglied einer Garagenband. War als Radrennfahrer fast gut genug, um bei der Tour de France mitzufahren. Ein Bachelor in Hotelmanagement einer Fachhochschule in Brügge – sein Rucksackurlaub war die Auszeit zwischen Studium und Karriere und ein möglicher Pluspunkt in seinem Lebenslauf.
»Brügge sehen … und sterben?«, sagte Hirsch. »Einer meiner Lieblingsfilme.«
Dr. Van Sant fiel ein wenig in sich zusammen, so als habe sie dieselben Worte von jedem Englisch sprechenden Holzkopf gehört, der ihr je begegnet war. »Ach, tatsächlich?«
»Eine wunderschöne Stadt.«
Sie drehte sich immer noch enttäuscht zu ihm hin. »Sind Sie dort gewesen?«
»Ja.«
Ein paar Wochen vor Ausbruch der Pandemie war er mit Wendy und ihrer Tochter Katie – die nun Kate genannt werden wollte – durch Frankreich, Belgien und Deutschland gereist. »Nur kurz«, fügte er hinzu.
Dr. Van Sant schaute weg. »Eine wunderschöne Stadt. Aber Willi ist in Brüssel aufgewachsen, wo ich wohne.«
»Und was tun Sie?«
Sie sah ihn fragend an, so als wolle sie herausfinden, ob er ihr Vertrauen verdiente. »Ich bin im Staatsdienst wie Sie.«
Sie bogen auf die Tiverton Road ein und fielen in ein bedrücktes Schweigen; sie ließen schließlich den Regenschatten hinter sich und kamen auf besseres Land mit leuchtend gelben Rapsfeldern, die sich durch flache Täler und über Hügelflanken zogen, hier und da durchzogen von Schotterpisten, die mit ebenso leuchtenden Frühlingskräutern und Gräsern gesäumt waren. Größere, besser versorgte Eukalyptusbäume. Zypressenhecken an Farmhäusern. Wildblumen.
Dr. Van Sant wies auf einen violetten Fleck: »Was ist das für eine Pflanze?«
»Ein Unkraut«, antwortete Hirsch, »hier heißt es ›Salvation Jane‹.«
Kate hatte ihm gezeigt, wie man die kleinen Blüten abzupfte und am Ansatz sog; es schmeckte honigsüß.
Leicht grinsend fügte er hinzu: »Botanisch der Wegerichblättrige Natternkopf. In anderen Gegenden Australiens auch ›Paterson’s Curse‹ genannt.«
Dr. Van Sants Augen blitzten auf, sie drehte sich zu ihm hin und wollte eine weitere Bemerkung über Namensgebungen machen, sah sein Gesicht und ließ es bleiben. Wenn sie eine Freundin gewesen wäre, hätte Hirsch jetzt vielleicht gesagt: »Beim Lächeln ertappt.«
Bis Tiverton waren es noch zehn Minuten. »Ich habe über unsere nächsten Schritte nachgedacht. Wenn Sie wollen, nehme ich Kontakt zur Polizei in Noosa auf und bitte sie darum, Hostels und Airbnbs zu kontrollieren. Und die Polizei in Sydney, mal sehen, ob die irgendetwas zu der jungen Frau haben, mit der Willi unterwegs ist. Ansonsten versuchen Sie es mit Appellen über die sozialen Medien.«
»Danke«, sagte Janne Van Sant, als Hirschs Handy klingelte. Auf dem Display des Handys, das in einer Halterung am Armaturenbrett klemmte, stand, dass es sich bei dem Anrufer um Bob Muir handelte.
»Wo bist du?«, fragte Bob.
»Ein paar Minuten außerhalb«, antwortete Hirsch.
»Es gibt hier einen kleinen Brand. Die Cobb-Kinder haben eine Drohne fliegen lassen, und Laura meint, sie hätten in der Nähe des Gemeindeackers etwas brennen sehen.«
Bei dem Acker handelte es sich um zehn Hektar Weizen am nördlichen Zugang zu Tiverton, zwischen dem Barrier Highway und einem riesigen Gelände voller Luzerne. Der Acker war früher mal ein Abschnitt der alten Viehroute gewesen – breit genug, um Ochsengespanne zu wenden und Schafe und Rinder heranzutreiben und über Nacht zusammenzupferchen –, heute wurde hier von Freiwilligen gepflügt, gesät und geerntet, wobei der Erlös an die Grundschule des Ortes ging, an die Sportvereine und das jährliche Erdbeerfest.
»Auf welcher Seite davon?«
»An der Zufahrtspiste. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen sich fernhalten.«
»Gut«, sagte Hirsch. »Danke.«
Laura Cobb und ihr älterer Bruder Daryl waren die Einzigen, die sich um ihre Mutter kümmerten, die eine bipolare Störung hatte. Besser gesagt, die scharfsinnige Laura kümmerte sich um die beiden. Daryl war ein großer, schlaffer Kerl, der sich leicht beeinflussen ließ; Feuer hätte ihn angelockt. Wahrscheinlich hätte er sich selbst verbrannt oder Videoaufnahmen auf Instagram gestellt oder Beweise zertrampelt, die das Feuer hätten erklären können.
»Bin in fünf Minuten da«, sagte Hirsch.
Es waren eher vier Minuten. Als Tivertons Dächer, Eukalyptusbäume und Getreidesilos in der Entfernung zu sehen waren, bog er nach links in eine Seitengasse ab und kam direkt auf die schmale, zerfurchte Fahrspur hin zum Acker, wobei er sich fragte, ob es nicht besser gewesen wäre, erst Dr. Van Sant zu ihrem Wagen zu bringen.
Jetzt konnte Hirsch Rauch sehen. Er stieg aus dem Graben am Fuße eines irreführenden Anstiegs in der Spur, bei der die Siedlung kurzzeitig nicht mehr zu sehen war. Nur ein kleines Rauchfähnchen. Irgendetwas schwelte vor sich hin. Nicht das Frühlingsgras – das war zu feucht und grün.
Als er näher kam, ging Hirsch auf, dass der Ursprung des Qualms in einem Abflussgraben lag. Er sagte: »Bitte bleiben Sie zur eigenen Sicherheit hier, Doktor Van Sant«, stieg aus und war noch keine paar Schritte von dem Hilux weggegangen, als er das Löschfahrzeug der Kreisfeuerwehr über den Anstieg kommen sah, Bob Muir am Steuer.
Muir, Elektriker und Hirschs Freund, war allein, was wohl bedeutete, dass er eine Arbeit im Ort zu erledigen hatte, als der Anruf kam, und die anderen Freiwilligen nicht erreichbar waren.
Bob stieg aus der Kabine, ließ den Motor laufen, und sie gaben sich mitten auf dem Weg die Hand. Bob, ein stiller, stämmiger, praktisch veranlagter Mann in grauem Overall und abgewetzten braunen Arbeitsstiefeln, legte den Kopf zur Seite und sah an Hirsch vorbei. »Wer ist denn dein Fahrgast?«
Hirsch drehte sich um: Dr. Van Sant kam auf sie zu. Er machte die beiden hilflos miteinander bekannt und sagte erneut: »Es wäre besser, Sie würden im Wagen warten, Janne.«
»Ich habe Erfahrung«, entgegnete sie und stapfte davon, um sich das Feuer anzusehen.
Bob und Hirsch wechselten einen Blick, Bob zuckte mit den Schultern, ging zum Laster zurück und rief: »Ich schmeiße die Pumpe an.«
Hirsch folgte Dr. Van Sant, und gemeinsam spähten sie hinunter in den Graben. Ein solider alter Segeltuchkoffer, an manchen Stellen ausgebeult, mit einer schwach qualmenden Flamme an einer Ecke. Der Koffer war hinuntergeworfen worden, nahm Hirsch an, der plötzliche Aufprall hatte den Inhalt verschoben und den Reißverschluss oder den Stoff überstrapaziert, sodass eine blasse, gebogene, röhrenhafte Form zu sehen war.
Als Hirsch plötzlich erkannte, was er da sah, kam ihm Dr. Van Sant zuvor. »Ein menschlicher Ellbogen.«
»Meine erste Leiche im Koffer«, sagte Hirsch, doch die Bemerkung versandete. Dr. Van Sant schaute finster. »Dieseldämpfe«, sagte sie.
Sie hatte recht: Hirsch roch es auch, eine dicke Schicht unter der schwachen Schärfe des Qualms.
Hirsch drehte sich um und sah Bob, der mit dem Schlauch angetrabt kam. »Ah, gut.«
Beim Ton seiner Stimme drehte sich Dr. Van Sant ebenfalls um, trat ihm in den Weg, reckte beide Hände in die Höhe und hielt ihn zurück. »Nein! Nein, bitte nicht, Mr Muir.«
Bob blieb verwirrt stehen und hielt das tropfende, schwere Strahlrohr in den Händen. »Was?«
»Spuren«, sagte Dr. Van Sant. Sie wendete sich an Hirsch. »Holen Sie bitte unsere Wasserflaschen. Wir gießen einen Becher Wasser nach dem anderen darüber, um die Spuren zu erhalten. Das ist kein schneller oder gefährlicher Brand, aber er wird im Lauf der Zeit die Spuren vernichten – was ein kräftiger Wasserstrahl sofort erledigen würde.«
Sie sprach mit solcher Gewissheit, dass Hirsch sie an seinen Tatort heranließ – denn darum handelte es sich offensichtlich –, ohne noch darüber nachzudenken. Er stand mit Bob am Rand des Grabens und sah zu, wie Van Sant vor Hitze errötete und sich schmutzig machte, während sie kleine Mengen Wasser auf die Flammen goss, bis sie erloschen waren. Zufrieden wischte sie sich die Hände an den Oberschenkeln ab, kletterte aus dem Graben, und Hirsch streckte ihr die Hand hin, als sie auf dem glatten Gras ausrutschte.
»Danke. Überall ist Diesel verschüttet worden«, sagte sie. Sie sah die beiden Männer an. »Diesel ist brennbar, aber nicht entflammbar und zur Brandstiftung nicht gut geeignet. Man kann sogar eine Zigarette in Diesel ausdrücken.« Sie wies hin: »Wir haben hier also ein Feuer, das durch den eigenen Brennstoff behindert wird. Der Koffer ist in Diesel getränkt, aber es gibt Hinweise«, sie wies auf die angesengte Ecke, »dass Ihr Täter seinen Fehler bemerkt und eine zweite Brandstelle gelegt hat, einen Lumpen, den er in eine andere Flüssigkeit getaucht hat, Feuerzeugbenzin vielleicht. Entweder war an dieser Stelle noch nicht so viel Diesel, oder die beiden Flüssigkeiten haben sich zu einer besseren Brandstelle zusammengetan.«
Hirsch legte den Kopf schräg. »Sie sind mir aber eine Staatsdienerin, Doktor Van Sant.«
Sie machte eine ihrer ungeduldigen Handbewegungen: das Wichtigste zuerst. »Ihre Beamten von der Kriminaltechnik haben nun eine bessere Chance, brauchbare Beweise zu finden.«
»Danke.«
»Bei der Leiche handelt es sich um einen erwachsenen Mann. Das Alter kann ich nicht bestimmen, aber ich habe eine verblasste Tätowierung am Unterarm gesehen.« Sie sah Hirsch fest an, und er entdeckte eine tiefe Trauer. »Ich schließe daraus, dass es sich nicht um meinen Sohn handelt.«
Hirsch zuckte innerlich zusammen. Er hätte ihre Hoffnungen und Ängste vorhersehen müssen. Aus eigener Trauer heraus streckte er die Hand aus und berührte sie reflexhaft am Unterarm.
Sie schwankte auf ihn zu wie zu einer Umarmung, dann fasste sie sich und sagte: »Ich arbeite am Nationalen Institut für Kriminalistik und Kriminologie in Brüssel.«
»Forensik.«
»Ich gehöre zu zwei Arbeitsgruppen«, fuhr sie fort. »Farbe und Glas, und Feuer und Explosivstoffe.« Sie hielt kurz inne. »Natürlich hängen die beiden häufig zusammen.«
Hirsch nickte. Er hatte schon einige Hausbrände, Fahrerfluchtdelikte und um Bäume gewickelte Autos gesehen. Farbe, Glas, Qualm, zerstörerische Kräfte. Er sah sie wieder an und war diesmal aus professionellen Gründen traurig. »Ich fürchte, ich bin hier für den Rest des Tages unabkömmlich – den Großteil davon werde ich auf die Detectives und die KT warten müssen.«
Sie hob eine Hand, um ihn zu unterbrechen. »Aber natürlich. Meine Anwesenheit wäre unangemessen, und ich werde auch nicht gebraucht.«
Sie sah ihn suchend an. Er entdeckte in ihrem Gesichtsausdruck Bedauern, Respekt, einen Tag gemeinsamer Abenteuer. »Viel Glück«, sagte er und schüttelte ihr die Hand. »Bob wird Sie zu Ihrem Wagen bringen. Haben Sie eine Übernachtungsmöglichkeit für heute Nacht?«
»Das Woolpack Hotel in Redruth. Danach …?« Sie zuckte bedeutungsvoll mit den Schultern.
»Wenn ich irgendetwas von der Polizei in Noosa oder Sydney erfahre, gebe ich Ihnen Bescheid.«
»Danke«, sagte sie, stapfte auf den Laster zu und bog im letzten Augenblick nach rechts, als ihr einfiel, wo die Beifahrerseite war. Das machte Hirsch noch trauriger.
Hirsch erstattete Meldung und gab sich in den folgenden anderthalb Stunden seinen Tagträumen hin. Die Sonne, die hoch an einem wolkenlosen Himmel stand und sich langsam zum Nachmittag hin senkte, heizte das Innere des Hilux auf, dabei waren es draußen nur 26 Grad Celsius; nachdem er noch einmal den Bordcomputer kontrolliert hatte, suchte er sich ein wenig Schatten, saß für eine Weile im Staub, an einen Reifen gelehnt. Er schaute auf sein Handy, kontrollierte ein paarmal den Koffer, schaute zu, wie eine schläfrige Eidechse über die Straße tapste.
Hirsch lauschte dem Summen des Universums, sog die Gerüche von warmer Erde, Luzerne und Frühlingsgräsern ein. Es juckte ihn, den Koffer zu öffnen. Bei den Überlegungen, für das Examen zum Sergeant zu lernen, kam er nicht weiter. Er freute sich darauf, dass die Tennissaison bald wieder anfing – solange er diesmal nicht Schatzmeister des Clubs war. Er spann den Gedanken weiter fort – machte sein Wunsch, wieder Tennis zu spielen, ihn zu einem Einheimischen, oder war er immer noch ein Stadtmensch, der versuchte, ein Einheimischer zu sein? Das wiederum lenkte seine Gedanken auf Wendy Street, auf Liebe und die Zukunft und darauf, bei Kate, Wendys Tochter, bisher einen geschickten Kurs eingeschlagen zu haben. Es gab Dinge, die alles verkomplizierten. Kate hatte ihm ein paar Monate nach seiner Versetzung nach Tiverton das Leben gerettet; er hatte begonnen, mit ihrer Mutter auszugehen; sie nahm ihm seine Gegenwart in ihrem Leben nicht übel; sie hatten einen eigenen erfreulichen Code aus Witzeleien und Frotzeleien entwickelt; und nun war sie in der Highschool und entwuchs all dem.
Und sie war das Ziel von Onlinemobbing, doch sie wollte selbst damit klarkommen. Hirsch und ihre Mutter sollten sich da raushalten.
Hirsch hatte angeboten, einen Cybercrime-Spezialisten einzuschalten, aber Wendy hatte die Idee im Keim erstickt: »Das sind doch noch Kinder«, sagte sie. »Wir müssen sie nur unterstützen, das ist alles. Sie ist doch ganz vernünftig. Wir bringen ihr bei, stark zu sein und sich nicht mit diesen Mobbern einzulassen, und wie sie sich von Instagram und all dem frei machen kann.«
Der Gedanke an diese Onlinesache brachte Hirsch zu Mia Dryden, und er wollte sie schon auf seinem Handy googeln, als er einen Wagen aus Richtung der Siedlung auf sich zukommen hörte. Der Einsatzwagen der KT? Detectives aus Port Pirie? Jedenfalls fuhr er zu schnell und drohte in den Toyota zu brettern, also trat er mitten auf den Weg, um den Fahrer abzufangen. Dann fiel ihm auf, dass der Motor schlecht eingestellt klang. Der Auspuff war locker oder löchrig.
Ein von der Sonne ausgebleichter weißer Holden Kombi kam über die Anhöhe. Er bremste abrupt ab, das Heck scherte im Schotter aus, und Jacob Maher glotzte ihn durch die Windschutzscheibe an. Der Bursche zog die Schultern hoch, grinste peinlich berührt, winkte, wendete panisch in fünf Zügen und zuckelte über die Anhöhe davon.
Idiot, dachte Hirsch. Maher und seine Mutter waren kurz nach Ostern mit einer Handvoll Familienmitgliedern in Tiverton eingetroffen. Sie sagten, sie hätten in der Pandemie die Immobilienpreise von Adelaide nicht mehr bezahlen können, und kauften sich eine Ruine in der Nähe der Getreidesilos. Dann zogen sie unmittelbar darauf das Interesse von Hirsch und seinen Kollegen in Redruth auf sich: Verdacht auf Ladendiebstahl; ein Hund, der den ganzen Tag bellte; rücksichtsloses Fahren; laute Musik um 2.00 Uhr früh. Ihre Spitzenkraft war Jacob. Er war wegen Autodiebstahl verhaftet worden, und als er vor dem Richter erscheinen sollte, traf er dort mit einem Fahrzeug ein, das er vorher gestohlen hatte, um dorthin zu fahren.
Hirsch hatte den Kombi noch nie gesehen. Ebenfalls gestohlen? Wenn nicht, vielleicht nicht angemeldet? Verkehrsuntauglich? Er machte sich eine Notiz, sofort nach Eintreffen der Verstärkung beim Haus des Burschen vorbeizufahren, sobald er abkömmlich war.
Es mochte noch andere Autofahrer geben, die hier entlangkamen, also stellte Hirsch an der Anhöhe und rings um den Graben Absperrkegel auf. Dann stellte er den Polizei-Toyota auf dem Feld ab und zuckte bei dem Gedanken zusammen, die zarten frischen Weizensprösslinge zu zerdrücken. Schließlich wartete er wieder in dem dürftigen Schatten, warf einen Blick auf sein Handy, schaute einem Adler zu und wünschte sich ganz egoistisch, er könne mit Wendy quatschen, die gerade eine Mathestunde gab.
So verging die Zeit, und schließlich traf sein Sergeant ein, gefolgt von einem Einsatzfahrzeug der KT, dahinter ein Detective namens Comyn aus Port Pirie. Einer aus dieser bunt zusammengewürfelten Truppe sagte tatsächlich: »Was haben wir denn hier?«
Hirsch stand bei Comyn und Sergeant Brandl, während die KTler die Vor- und Nachteile abwägten, ob sie die Leiche vor Ort untersuchen oder sie erst unangetastet im Koffer abtransportieren und ins Labor bringen wollten.
Comyn tat dies alles auf seine phlegmatische Weise ab. Er war so untersetzt und witzlos wie ein Bierfass, und wann immer sie sich begegneten, schien Hirschs blanke Existenz ihn zu ärgern. »Es hat hier offenbar ein Verbrechen stattgefunden«, sagte er. »Aber ist das Opfer nach einem Unfall von seinen Freunden von der Straße gekratzt worden, oder wurde er umgebracht? Wenn ihn jemand weggeputzt hat, dann muss ich umgehend die Mordkommission informieren. Also schauen wir erst mal.«
»Sie sind der Boss.«
Das stimmte nicht ganz; Sergeant Brandl hatte einen höheren Dienstgrad. Aber sie war kein Detective, und sie machte es sich mit Hirsch bequem, und die beiden schauten zu, wie die KTler den Koffer fotografierten, zwei Schuhabdrücke abnahmen – eine linke Hacke und eine rechte Schuhspitze, die im Boden kaum zu erkennen war –, schließlich den Reißverschluss des Koffers aufzogen und den Deckel aufklappten.
Der Tote war dürr und oberhalb und unterhalb der blauen Boxershorts üppig tätowiert. Sein Gesicht war ein unkenntlicher Brei, die Haare steif von Blut.
Er hätte immer noch Opfer eines Unfalls gewesen sein können, doch dann meinte einer der KTler: »Er hat Risswunden und Brandwunden von Zigaretten.«
»Okay«, sagte Comyn und fischte sein Handy heraus.
Die andere Beamtin hatte sich zum blutverkrusteten Haar hinuntergebeugt. Sie drehte sich um, nahm eine Pinzette aus ihrem Einsatzkoffer, beugte sich wieder vor und zog ein terrakottafarbenes Stück heraus. »Vielleicht mit einem Hausziegel erschlagen worden«, sagte sie.
»Na, wie hübsch«, meinte Comyn. »Okay, versiegelt alles und bringt es so, wie es ist, ins Labor.«
Er ging ein Stück die Straße entlang und drückte das Handy ans Ohr. Er rief wohl die Mordkommission an, vermutete Hirsch.
Sergeant Brandl sah ihn mitleidvoll an. »Sie werden morgen hier einen ziemlichen Zirkus haben.«
»Wenn nicht schon heute Abend«, meinte Hirsch mürrisch. Fernsehen. Autos voller Zivilbeamter. »Mit etwas Glück ist der Kerl in der Stadt ermordet und dann hierhergeschafft worden.«
»Eine ziemliche Strecke, um eine Leiche wegzuschaffen.«
»Ja.«
»Wie ist es heute Morgen gelaufen?«
Es war die Idee des Sergeants gewesen, dass Hirsch mit Dr. Van Sant in den Osten fuhr. Er kannte die Gegend; Brandl und die jungen Constables in Redruth, die sie »die Kinder« nannte, nicht. Aber sie würde sich um den Papierkram einer Vermisstenanzeige kümmern.
»Gut und schlecht«, antwortete Hirsch. Er berichtete ihr von Willi Van Sants Fotos, von den Drydens und der Ansichtskarte aus Noosa.
Und von Janne Van Sants behutsamem Löschen des brennenden Koffers.
»Wirklich?«, sagte Brandl und tat einen Schritt zurück, so als wolle sie Hirsch auf Anzeichen von Übertreibung kontrollieren. Sie war schlank, nüchtern, mit unkomplizierter Frisur.
»Ja. Ein Glück für uns«, sagte Hirsch.
»Ha.«
Dann stand Brandl wieder neben ihm, und sie schauten zu, wie der Koffer eingeladen und fortgeschafft wurde. Comyn gesellte sich zu ihnen und sagte zu Hirsch, er solle am späten Nachmittag mit einem Team von Detectives rechnen. »Wo können sie sich einrichten?«
Hirsch dachte darüber nach. »Im Sitzungsraum der Country Women’s Association. Im Institut.«
»Mit wem muss ich da reden?«
Dieses Jahr war Nan Washburn die Präsidentin der CWA. Hirsch gab Comyn die Einzelheiten.
»Okay, ich bin weg«, sagte Comyn.
Dann brach auch Sergeant Brandl auf. »Alles Gute für morgen«, sagte sie und setzte sich hinter das Lenkrad ihres Wagens.
Es klang ein wenig besorgt. Brandl meinte nicht Hirschs Tag mit den Detectives und den Medienschnüfflern; sie meinte den Anschiss von Inspector Alwin via Zoom.
Hirsch nahm sich ein wenig Zeit und plante die folgenden Stunden durch.
Anschlusstelefonate bezüglich Dr. Van Sant. Kontrolle der wenigen Überwachungskameras im Ort. Gespräch mit den Kindern Cobb. Feststellung, ob Jacob Maher, dem die Fahrerlaubnis entzogen worden war, in einem weiteren gestohlenen Wagen herumfuhr. Als Erstes aber Schutz der kleinen Weizenernte der Siedlung vor den durchdrehenden Rädern der Fahrzeuge von Polizei, Medien und Neugierigen.
In der Kiste mit dem Krimskrams, die er im Toyota stehen hatte – Abschleppseil, kleine Axt, Gummistiefel, Handwerkzeug, Beweisbeutel – fand er ein Vorhängeschloss mit Kette und sicherte das Tor zum Gemeindeacker. Dann fuhr er nach Süden rund um den Sportplatz und die First Street entlang zum Barrier Highway. Gerade als er an die Kreuzung kam, rollte der Bus der Redruth Highschool vorbei und fuhr mit einer letzten Handvoll Farmerkindern Richtung Norden. Hirsch hob eine Hand zum Gruß an den Fahrer, bog nach links ab und fuhr zwei Blocks bis zum Polizeirevier.