15,99 €
Bonnie kommt auf einer abgelegenen Festung vor der Küste Englands an, um an einer mysteriösen Reality-TV-Show teilzunehmen. Im Wettbewerb mit sieben Fremden muss sie eine Reihe von Rätseln lösen, um das Preisgeld zu gewinnen. Die Spannung zwischen den Kandidaten steigt. Wer wird am Ende mit Ruhm und Reichtum die Festung verlassen? Zugleich wird Bonnie das schleichende Gefühl nicht los, dass sie und ihre Mitspieler nicht allein in der Festung sind. Dann wird der erste Teilnehmer tot aufgefunden, und Bonnie beginnt eine dunkle Wahrheit zu verstehen: Es gibt einen Mörder in der Festung, und jeder könnte der Nächste sein. Wenn Bonnie entkommen will, muss sie gewinnen...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2025
L. D. Smithson
Thriller
Silke Jellinghaus
Für Joanne und Tom.
Ihr seid eine Inspiration.
Strahlend weißer Schnee bedeckte die Straßen in alle Richtungen, als Kevin Yates nach links in die New Lane einbog. Die Sonne war gerade aufgegangen, er hatte seine Schicht erst vor kurzem begonnen und seine Tasche war schwer, aber er staunte darüber, wie etwas so Einfaches wie Schnee selbst die gewöhnlichsten Orte schön aussehen lassen konnte. Nicht dass er diese Straße nach diesem Tag jemals als gewöhnlich oder schön bezeichnen würde.
Seine Stiefel knirschten auf dem Schnee, als er den ersten paar Häusern die Post zustellte.
Er glaubte in seinen zweiundzwanzig Jahren als Postbote alles gesehen zu haben. Da er in einem der wenigen Berufe arbeitete, die es einem gestatten, ungebeten den Grund und Boden anderer Menschen zu betreten, hatte er Liebhaber aus Fenstern klettern und nackte Menschen ihren Morgenkaffee zubereiten sehen, er war Zeuge von Familienstreitigkeiten und fliehenden Einbrechern geworden und hatte mehr Leute bewusstlos auf ihrem Rasen liegen sehen, als er zählen konnte. »Wir bekommen Einblick in die düstere Realität hinter der Fassade«, hatte sein erster Chef vor all den Jahren zu ihm gesagt, »und es gehört zu unseren Pflichten, wegzusehen und zu vergessen, was wir gesehen haben.« Kevin war immer stolz darauf gewesen, sich an diese Regeln zu halten, doch das würde sich in Kürze ändern.
Haus Nummer fünfzehn stand auf halbem Weg die Straße hinunter. Er wusste, dass dort jemand Berühmtes wohnte. Na ja, berühmt sagt man so. Es war niemand, der jemals irgendetwas Tolles geschaffen hatte, soweit er das einschätzen konnte. Für Kevin musste man, um berühmt zu sein, ein begabter Sportler sein wie Gary Lineker oder Musik-Talent haben wie die Gallagher-Brüder. Die Frau in Nummer fünfzehn gehörte zu diesen Leuten, die berühmt dafür sind, berühmt zu sein. Seines Wissens hatte sie ein hübsches Gesicht und einen guten Körper und war irgendwann mal mit einem Filmstar zusammen gewesen, von dem Kevin noch nie gehört hatte.
Zum ersten Mal war er ihr leibhaftig begegnet, als er mit einem Päckchen an ihre Tür geklopft hatte. Sie hatte ihm mit einem Baby im Arm geöffnet, was ihn überrascht hatte, weil die Zeitungen nie von einem Kind berichtet hatten. Danach winkte sie ihm, wenn sie ihn sah, und rief ihm einen fröhlichen Gruß zu – er musste zugeben, dass er damit im Pub schon geprahlt hatte.
Als Kevin sich dem Haus näherte, wackelte das Kind den Gartenweg herunter, beide pummeligen Arme ausgestreckt, um das Gleichgewicht zu halten. Das Lächeln, zu dem sich seine Lippen verzogen, verblasste ziemlich schnell, als ihm bewusst wurde, dass das Kind lediglich eine Windel trug. Als Vater von vier Kinder überrollte ihn eine Welle von Abscheu, und er beschleunigte seine Schritte. Hier draußen herrschten Minusgrade. Was dachte die Frau sich bloß?
In Haus Nummer dreizehn zuckten die Vorhänge, als er daran vorüberging.
Als Kevin am Gartentor stehen blieb und die Szene in sich aufnahm, stockte ihm der Atem. Später fragte er sich, wie lange er wohl ohne den Schnee gebraucht hätte, um die Wahrheit zu erkennen. Dieser bildete eine makellose Leinwand, einen leuchtend weißen Hintergrund für die kleinen roten Fußabdrücke. Eine Fußspur, die bis zu der halb geöffneten Haustür zurückreichte.
Mit wachsendem Grauen folgte Kevins Blick den Spuren des Kindes. Je näher er der Haustür kam, desto dunkler und röter waren die Fußabdrücke. Von dort, wo er stand, konnte er nicht ins Haus sehen, im Inneren war es zu dunkel. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Kind, das in seine Richtung tapste.
Kevin legte seine Posttasche auf den Boden und zog sich den Mantel aus.
»Komm her, Kleines«, sagte er, nahm das Kind hoch und wickelte es fest in seinen Mantel, »machen wir dich schön warm.«
»Mummy schlafen«, sagte das Kind und schmiegte sich an Kevins Brust.
»Okay, Schätzchen. Okay.« Er strich dem Kleinkind über den Rücken und ging auf die Haustür zu, wobei er auf unberührten Schnee trat und die gruseligen Fußspuren mied. Beim Haus angekommen, legte er beschützend eine Hand um den Hinterkopf des Kindes, damit es nicht hineinsah, und schob die Tür mit seiner Stiefelspitze weit auf.
Staffel 2, Folge 1: »Die Festung«
»Willkommen zu unserer Show. Ich bin Shane Fletcher, ehemaliger Kriminalbeamter und fanatischer Krimi-Fan, und das hier ist Das Unerwartete erwarten, der Podcast, der euch mit Verbrechen umhauen wird, die unsere Vorstellungskraft übersteigen.
Heute erwartet uns eine Exklusivausgabe. An diejenigen von euch, die noch nicht von der Festung gehört haben: Unter welchem Stein habt ihr gehaust, Leute? Es ist die Meldung des Jahres. Trotz der vielen Presseberichte und Spekulationen in den sozialen Medien hat die Polizei immer noch keine Ahnung, warum diese Sache passiert ist und wer dafür verantwortlich war. Ich hoffe, meine heutige Gästin kann dazu beitragen, all das zu ändern, denn sie war dabei.
Sie war eine vierundzwanzigjährige Doktorandin an der Leeds University, als sie sich dazu entschloss, an dem nächsten Riesen-Event im Reality-Fernsehen teilzunehmen, als das es beworben wurde. Was dann passierte, ist der Stoff, aus dem Albträume gemacht sind.
Es ist die Geschichte von Rätseln in einem Rätsel, und ich bin mir sicher, sie wird euch faszinieren. Aber wir brauchen auch eure Hilfe, denn, wie wir bei Das Unerwartete erwarten immer sagen, irgendwo gibt es irgendjemanden, der etwas wissen muss.
Ihr solltet im Hinterkopf behalten, dass alles noch unglaublich frischist und es unserer Gästin deshalb gelegentlich schwerfallen wird, uns ihre Geschichte zu erzählen. Also, legen wir ohne weiteres Vorgeplänkel los. Bonnie Drake, willkommen in unserer Sendung.«
»Danke. Ich würde jetzt ja gerne sagen, dass es toll ist, hier zu sein, aber …«
»Wer möchte schon zu Gast in einem Podcast sein, der Das Unerwartete erwarten heißt? Machen sich die wenigsten Leute zum Lebensziel, stimmt’s? Aber hier bist du, und ich zumindest bin begeistert darüber. Bislang hast du dich geweigert, mit irgendjemandem zu sprechen, vielleicht fängst du also zunächst damit an, uns zu erklären, warum du dich dafür entschieden hast, deine Geschichte heute mit uns zu teilen.«
»Um ehrlich zu sein, quäle ich mich damit schon lange herum. Ich will … nichts verherrlichen. Ich habe noch mit niemandem wirklich über Einzelheiten gesprochen, also, abgesehen von der Polizei. Aber die Mühlen mahlen echt langsam. Es kommen keine Antworten, und die brauche ich. Als du dich also bei mir gemeldet hast und ich gehört habe, dass dein Podcast zur Aufklärung all dieser anderen Fälle beigetragen hat, erschien mir das als Gelegenheit, etwas Produktives zu machen.«
»Also, wir alle hier bei Das Unerwartete erwarten möchten dir helfen, Antworten und hoffentlich auch eine Möglichkeit zu finden, mit alledem einigermaßen abzuschließen. Ich bin zuversichtlich, dass wir mit deiner Hilfe etwas Licht in die Sache bringen können. Die Welt hat das Recht, die Wahrheit zu erfahren. Wir haben Nachforschungen angestellt, zu denen ich gern deine Meinung hören würde, aber zuerst möchte ich dich fragen, was ich alle meine Gäste frage: Wie hat das alles für dich angefangen? Wann hast du zum ersten Mal von der Festung gehört?«
»Okay, gut. Ich glaube, ich hatte gar nichts davon mitbekommen, bis meine Schwester darüber gesprochen hat. Anfang des Jahres war bei mir eine Menge los – wir hatten gerade unsere Mum verloren –, und ich war nicht in den sozialen Medien unterwegs, deswegen ist der ganze Hype an mir vorbeigegangen. Ich habe erst davon erfahren, als meine Schwester anfing, von dieser neuen Channel-Five-Show zu reden, für die Teilnehmer rekrutiert werden sollten.«
»Du und deine Schwester, seid ihr Fans von Reality-Fernsehen?«
»Clara schon, aber ich eigentlich nicht. Ich schaue mir schon mal ab und zu so etwas an, aber eigentlich bin ich eher für Dokus und Spielfilmdramen zu haben.«
»Wie zum Teufel bist du dann in der Sendung gelandet?«
»Das war Claras Schuld. Sie hat das Herz am rechten Fleck, aber ohne sie wäre ich niemals auch nur in die Nähe einer Reality-Show geraten.«
»Sie hat bestimmt ein schrecklich schlechtes Gewissen.«
»Sie konnte unmöglich wissen, was passieren würde.«
»Für alle Zuhörer, die nicht im Bilde darüber sind, was passiert ist: Wir werden in der nächsten Stunde alle Einzelheiten durchgehen. Und wenn das, was Bonnie uns erzählt, stimmt, handelt es sich um eine unfassbar raffinierte Inszenierung.«
»Es stimmt. Alles, was ich gesagt habe, stimmt.«
»Ich wollte nicht andeuten …«
»Hör zu, die ganze Sache war furchtbar, grauenvoll. Niemand hätte geglaubt, dass möglich ist, was uns passiert ist. Aber es ist uns passiert. Ist mir passiert. Ich hätte nicht mal dort sein sollen, und jetzt werde ich diesem Ort niemals entkommen.«
Drei Monate zuvor
Clara Drake versuchte ihre Konkurrenz abzuchecken, ohne den Blick zu sehr von ihrem Telefon zu heben. Sie verdrehte die Augen, um den Mann mittleren Alters im Anorak zu mustern, an dessen Bein ein schmutziger Stoffbeutel lehnte, dem er eine Zeitschrift entnommen hatte. Ein paar Sitze weiter hockte ein Anzugträger, vermutlich Anfang zwanzig wie sie selbst, der stur geradeaus starrte und lautlos die Lippen bewegte, als würde er eine geheime Taktik vor sich hin sprechen. Die einzige andere Frau hier war ein chinesisches Mädchen. Sie wirkte jung genug, um ein Teenager zu sein, doch ihr adretter knielanger Rock und die polierten Slipper verleiteten Clara zu der Annahme, dass sie älter war. Clara blickte auf ihre eigenen abgewetzten Converse-Sneaker. Vielleicht hätte sie etwas Schickeres anziehen sollen – schließlich war dies eine Art Vorstellungsgespräch. Würde es eine Rolle spielen? Würden sie auf so etwas achten?
Der Fernseher an der Wand gegenüber zeigte das Logo der nagelneuen Reality Show, die seit Monaten auf allen Kanälen in den sozialen Medien beworben wurde.
DIE FESTUNG
Bist du schlau genug, ihre Geheimnisse zu entschlüsseln?
SCHAFFST DU ES HINAUS
Clara hatte im Laufe der Jahre ein paar Escape Rooms absolviert und immer großen Spaß dabei gehabt. Sie war im Rätsellösen nicht so gut wie ihre ältere Schwester Bonnie – aber wo war sie das schon? Als Kind war ihr Spitzname Wölkchen gewesen, und sie hatte ihn mit Stolz getragen, er hatte aus Mums und Grandpas Mund so liebevoll geklungen. Allerdings nur, bis Bonnie sie darauf hingewiesen hatte, dass sie deswegen so genannt wurde, weil alle fanden, sie stecke mit dem Kopf in den Wolken. Ein verträumtes Schusselchen. Danach war es weniger ein Kosename gewesen als ein Ärgernis.
»Guten Morgen, Leute!« Der Mann mit dem Clipboard tauchte hinter Claras Rücken auf und setzte sich auf den Platz unter dem Fernsehbildschirm. »Hochschauen, reinschauen. So ist es besser. Wie geht es euch heute? Seid ihr bereit, Rätsel zu lösen?« Bevor irgendeine der vor ihm sitzenden Personen Gelegenheit hatte, etwas zu antworten, begann er aus seinen Papieren vorzulesen. »Ihr werdet alle gleichzeitig euren eigenen Raum auf diesem Flur betreten. Sämtliche Türen werden sich hinter euch schließen und können erst mit einem vierstelligen Zahlencode wieder geöffnet werden. Die erste Person, die es schafft, wird bei uns in der Festung mitmachen.« Er unterbrach sich und sah die Gruppe an, als erwartete er ein Aufkeuchen oder Wow. »Bitte gebt eure unterschriebenen Formulare bei mir ab, bevor ihr euch vor einer Tür aufstellt. Dahinter sieht es überall gleich aus, Leute, also kein Grund, sich zu zanken.«
Sie hatte vor dieser hier bereits einige Hürden überwinden müssen. Zuerst sollte sie auf einem Anmeldebogen fünf Talente und fünf Schwächen auflisten, dann ein Rätsel lösen, wie sie aus einem Keller mit verschlossener Tür entkommen könnte, der nur ein Fenster hatte, das außer Reichweite lag. Sie hatte ihre Antwort, das Waschbecken und die Waschmaschine dazu zu verwenden, den Raum zu fluten, damit sie zum Fenster hochschwimmen konnte, selbst ein wenig lächerlich gefunden, zumal sie nicht schwimmen konnte, aber irgendwie hatte ihre verrückte Lösung sie in die nächste Runde gebracht. In diesem Moment war ihr klar geworden, dass sie es wirklich schaffen könnte. Vielleicht war sie doch nicht die dumme, nutzlose Schwester. Vielleicht konnte sie diejenige sein, die sie beide rettete.
Ohne es zu merken, spielte Clara am Ring ihrer Mutter an ihrem Mittelfinger herum.
Danach hatte sie ein Zwei-Minuten-Video mit dem Titel Warum ich glaube, dass ich schlau genug bin, um die Festung zu entschlüsseln einsenden müssen. Im Anschluss war sie schließlich hierher eingeladen worden, vermutlich um selbiges zu beweisen.
Clara reichte dem schmierigen Typen vom Fernsehen die unterschriebene Verzichtserklärung. Irgendwo in ihrem Bauch spürte sie ein aufgeregtes Kribbeln – oder war es ein ängstliches? Sie musste die Erste sein, die wieder rauskam. Sie musste sich konzentrieren und schnell denken. Sie sah den Bewerber im Anzug gähnen und gewann an Selbstvertrauen.
Es war kein vornehmes Hotel. Der Teppich unter ihren Füßen war von einem merkwürdigen orangestichigen Braun, und die Türgriffe waren eckig und altmodisch. Die Produktionsfirma war jung, und diese Show für Channel 5 war ihr erster Auftrag. Sie nahm an, dass das Budget ziemlich klein sein musste, aber das Preisgeld von 100000 Pfund war hoch genug.
»Meine Damen und Herren, seid ihr bereit?« Der schmierige Typ hielt sein iPhone vor sich, sein Daumen schwebte über dem Bildschirm. Zwischen Clara und ihm standen die anderen Kandidaten, die alle genauso angespannt aussahen, wie sie sich fühlte. »Drei, zwei, eins … REIN DA!«
Clara öffnete ihre Tür und trat ein. Der Raum war vollkommen leer. Es gab weder Tisch noch Stühle, keine Vorhänge oder Jalousien, an den Wänden keine Bilder mit dämlichen Motivationssprüchen, weder Wassergläser noch Wasser, keine Stifte oder Papier. Nichts. Clara drehte sich halb um, weil sie überprüfen wollte, ob das seine Richtigkeit haben konnte, da fiel hinter ihr die Tür ins Schloss. Auf dieser Seite gab es keinen Griff, nur ein Zahlenschloss mit den Ziffern 0 bis 9.
Denk schnell und finde die Hinweise, dachte sie bei sich und drehte eine kurze Runde durch den kleinen Raum. Der Teppich hier drin war grau meliert, und sie entdeckte Reste von Blu-Tack an den Wänden, aber das war alles. Sie ging zum Fenster und hauchte ein paarmal gegen die Scheibe, in der Hoffnung, dass die Zahlen dadurch sichtbar würden, doch das war nicht der Fall. Sie strich mit den Händen über jede Wand und stellte sich dann in jede Ecke, um an den Wänden entlangzublicken und ihre Oberflächenbeschaffenheit zu überprüfen, bevor sie sich auf die Knie niederließ und den Teppichboden untersuchte. Sie spürte, wie Panik in ihr aufstieg. Sie brauchte vier Zahlen. Schnell. Aber hier war nichts. Keine Hinweise, keine Anweisungen und nichts, was man zählen konnte.
Sie hielt inne und nahm sich einen Moment Zeit. Oder vielleicht doch. Es gab vier Wände, ein Fenster, eine Decke, einen Boden. Sie versuchte es mit 4-1-1-1, dann 1-4-1-1, 1-1-4-1 und schließlich 1-1-1-4. Die Tür blieb verschlossen.
Schaffst du es hinaus, dröhnte es in ihrem Kopf. Es war der Slogan für Die Festung, den sie wieder und wieder gelesen hatte. »Offensichtlich nicht«, sagte sie in den leeren Raum hinein, während sie sich auf der Stelle im Kreis drehte und ihr Hirn zwang, genau hinzusehen.
Sie versuchte, die Blu-Tack-Reste zu zählen, die willkürlich auf zwei der Wände verteilt waren, aber sie ergaben kein Muster und keinen erkennbaren Code. Sie sahen so aus, als wären sie wirklich von Menschen zurückgelassen worden, die sich zuvor in diesem Raum aufgehalten hatten. Das Fenster bestand aus vier Glasscheiben, über ihr befanden sich sechs Punktstrahler. Wie zum Teufel sollte sie auf den Code kommen? Sie würde versagen. Einer der anderen war vielleicht schon wieder draußen. Und was sollten sie dann machen? Die Bank würde ihnen das Haus wegnehmen, und dann wären Bonnie und sie obdachlos.
Keine Panik, denk nach!
Bonnie hätte die Lösung sicher bereits gefunden. Wäre sie jetzt hier, würde sie Clara den Lösungsweg erklären – so, als wäre es die einfachste Sache der Welt. Bonnie wollte nicht herablassend sein, so garstig war sie nicht, aber sie konnte ihre Frustration nicht immer verbergen, wenn ihre kleine Schwester nicht mitkam.
Wieso bin ich hier? Wieso versuche ich, etwas zu tun, was eigentlich Bonnie tun sollte? Ich war bescheuert. Ich bin bescheuert. Schusselig, ein Wölkchen.
Clara hörte auf herumzugehen, schloss die Augen und atmete ein paarmal tief durch. Was würde Mum sagen?
Du bist genauso schlau wie sie. Lass dir Zeit. Denk gründlich nach. Du kannst das schaffen.
Als sie die Augen wieder öffnete, war sie ruhiger. Sie nahm alles zu wörtlich, da war sie sich sicher. Das Geheimnis, mit dem man hier rauskam, lag nicht in diesem Zimmer versteckt, sondern in der Sendung. Dies war die letzte Auswahlstufe. Wenn man das hier knackte, war man dabei. Sie dachte an all die Instagram-Posts, die sie studiert hatte, seit sie sich obsessiv damit beschäftigt hatte, einen Platz zu ergattern. In ihnen kamen Rätsel, Chiffren und Codes vor. Lag die Antwort vielleicht darin?
Sie dachte über den Pitch der Sendung nach. Die Festung: Bist du schlau genug, ihre Geheimnisse zu entschlüsseln? Schaffst du es hinaus. Es war ihr immer seltsam vorgekommen, dass der letzte Satz nicht mit einem Fragezeichen endete. Es deutete entweder darauf hin, dass man bei der Sendung unprofessionell und schlampig arbeitete, oder, dass die Menschen, die sie sich ausdachten, nicht besonders clever waren. Aber was, wenn dort absichtlich kein Fragezeichen stand?
Vier Wörter mit acht, zwei, zwei und sechs Buchstaben. Es war einen Versuch wert.
Clara machte zwei Schritte zur Tür und tippte vier Zahlen ein.
8-2-2-6.
Bonnie kam in die Küche und traf dort auf Clara, die bereits wach war und am Tisch saß. Ihre Schwester schlief am Wochenende leidenschaftlich gerne aus, das hier war also untypisch für sie.
»Morgen, Wölkchen.«
»Nenn mich nicht so.«
Bonnie schaltete den Wasserkocher an und griff nach zwei Bechern. Wieso hatte sie das gesagt? Es war Mums Kosename für Clara, nicht ihrer. Sie hätte wissen können, dass ihre Schwester nicht so genannt werden wollte. Bonnie gähnte und schob es auf ihre Müdigkeit. Ganz ehrlich, mittlerweile war es eine knifflige Angelegenheit, herauszufinden, was sie überhaupt noch sagen durfte. In den Monaten, seitdem sie Mum verloren hatten, schien ihnen auch die Fähigkeit abhandengekommen zu sein, miteinander zu kommunizieren, ohne sich zu streiten.
Als Bonnie Clara einen der Becher mit Tee reichte, bemerkte sie den Umschlag auf dem Tisch, auf den in fetten roten Lettern gedruckt stand, sie sollten ihn NICHT IGNORIEREN.
»Noch einer?«, fragte sie. Als Clara nicht antwortete, setzte sich Bonnie und umschloss ihren Becher mit den Händen. »Wie geht’s deinem Bein heute?«
»Ist immer noch eingegipst.«
Clara war am Vortag auf dem Weg zur Arbeit vom Fahrrad gestürzt und hatte sich an zwei Stellen das Schienbein gebrochen.
»Konntest du schlafen?«
»Ein bisschen.«
»Tut es weh?«
Clara verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die besagte, ja logisch.
»Willst du heute Morgen bei der Produktionsfirma anrufen?«
Clara starrte auf den Umschlag.
»Du kannst so nicht mitmachen. Sie werden dich nicht lassen.«
»Ich habe mich so angestrengt, um diesen Platz zu kriegen.«
»Ich weiß, aber du hättest doch wahrscheinlich sowieso nicht gewonnen.«
»Wieso? Weil ich nicht schlau genug bin?«
»Es wird nur darum gehen, wer am beliebtesten ist oder die besten Quoten generiert.«
»Und du glaubst nicht, dass ich das sein könnte.«
Diese Seite von Clara kannte Bonnie gut. Wenn es nicht nach Plan lief, machte sie sich selbst runter und ging davon aus, dass die ganze Welt gegen sie war. Mum war immer gut darin gewesen, sie wieder in die Realität zurückzuholen, aber Bonnie hatte keine Ahnung, wie sie das angestellt hatte. Sie hätte mehr darauf achten sollen.
Sie schlürfte ihren Tee und versuchte, all die Erinnerungsstücke um sie herum nicht anzusehen: Mums Lieblingstasse, die noch immer im Becherbaum hing, ihre Schürze hinter der Tür, der an den Kühlschrank geheftete Zettel, auf dem stand, dass Mum sie beide bis zum Mond und wieder zurück liebte. Alles wirkte gedämpfter und weniger wichtig, als hätte jemand den Lautstärkeregler des Lebens heruntergedreht. Bonnie aß und trank einfach nur, um am Leben zu bleiben. Sie interagierte mit anderen nur, um höflich zu sein. Aber sie wollte nichts von alledem. Es war einfach zu schwer.
Bonnie drehte den Umschlag um, damit sie die schreiend roten Buchstaben nicht mehr sehen musste.
»Du könntest an meiner Stelle mitmachen.«
Bonnie blinzelte Clara ein paarmal an, ihr Hirn träumte gerade davon, in eine einfachere, glücklichere Version des Lebens davonzufliegen.
»Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht, und ich glaube, du könntest es schaffen.«
»Ach, du lieber Gott, nein.«
»Komm schon, Bonnie. Das könnte unsere Rettung sein. Und du wärst genial darin, das weißt du auch. Du warst schon immer besser im Rätsellösen. Die letzten beiden Escape Rooms, bei denen wir mitgemacht haben, hast du mehr oder weniger im Alleingang gelöst.«
Streng genommen stimmte das nicht ganz, aber Bonnie konnte sich des Stolzes nicht ganz erwehren, den sie immer empfand, wenn ihre kleine Schwester eingestand, sie zu bewundern.
Clara nahm den Umschlag in die Hand. »Was, wenn wir das Haus verlieren? Wo sollen wir dann wohnen? Mum hätte das nicht gewollt. Sie hätte gewollt, dass wir kämpfen.«
Bonnie spürte Wut in sich aufsteigen. Clara konnte nicht für Mum sprechen. Wenn überhaupt, dann hatte Bonnie ihr nähergestanden. Als Älteste hatte sie immer eine besondere Beziehung zu ihrer Mutter gehabt. Sie konnten sich mit einem Blick verständigen, besonders wenn Clara mal wieder ein Drama veranstaltete, was oft der Fall war.
»Bonnie, bitteeee?« Clara zog das letzte Wort flüsternd in die Länge.
»Nein. Es wäre furchtbar.« Was sie eigentlich meinte, war: Ich wäre furchtbar. Die Leute würden mich hassen, und ich würde mich entweder zum Deppen machen oder in der ersten Woche rausgewählt werden.
»Na und? Wenn du die hunderttausend Pfund gewinnst, lösen sich all unsere Sorgen in Luft auf.«
»Sie werden rausfinden, dass ich nicht du bin. Sie haben dich kennengelernt, und sie haben auch diese Bewerbungsvideos, die du gedreht hast.« Offensichtlich mochten sie Clara, was keine Überraschung war. Sie konnte unglaublich quirlig und lustig wirken, wenn sie sich Mühe gab.
»Man verwechselt uns ständig. Das ist erst letzte Woche wieder passiert. Terry vom Kiosk hat mich gefragt, ob ich schon seine Gedanken lesen könnte.«
»Das ist was anderes. Terry ist alt und sieht schlecht. Diese Leute sind auf Bilder spezialisiert. Sie würden so einen Betrug aus einer Meile Entfernung entdecken.«
»Dann würden sie ihn eben entdecken und dich rausschmeißen. Damit wäre nichts verloren. Immerhin hätten wir es versucht.«
»Ich mache das nicht.«
»Wieso? Weil du Angst hast oder weil es dir egal ist, was aus uns wird?«
Die Bitterkeit in Claras Tonfall verblüffte Bonnie eine Sekunde lang. Sie war vielleicht eine Dramaqueen, aber das war neu.
»Clara, natürlich ist es mir …«
»Dann beweis es! Beweis es.« Clara versuchte aufzustehen, kam aber ins Straucheln. Als Bonnie Anstalten machte, ihr zu helfen, wedelte Clara sie fort. »Wenn du nicht helfen willst, lass mich in Ruhe.«
Bonnie biss die Zähne zusammen. »Sei nicht blöd.«
»Es ist nur eine Fernsehsendung.«
»Ist es nicht. Es ist mein guter Ruf. Ich will eine ernsthafte Karriere …«
»Du würdest als ich antreten. Als ich! Es wäre mein guter Ruf, du arrogantes, selbstgerechtes Aas. Vergiss es, okay, vergiss es einfach! Ist ja nicht so, als hätte ich die letzten beiden Monate dafür geschuftet. Ist ja nicht so, als hätte ich das alles für uns getan oder so. Ich hab es nur getan, damit …« Clara warf die Arme in die Luft. »Ach, keine Ahnung, weil ich ein ruhmsüchtiges, stumpfsinniges was auch immer bin. Du kannst die Lücken bestimmt selber füllen.«
»Beruhig dich mal wieder.« Bonnie war klar, dass Claras Wut nichts mit ihr zu tun hatte oder auch nur mit dieser Unterhaltung, trotzdem spürte sie, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg.
»Du bist immer so egoistisch. Wieso bin ich überhaupt überrascht? Wenn ich dich am meisten brauche, bist du nie, nie da.«
»Warum machst du dir dann überhaupt die Mühe, mich zu fragen?« Bonnie wusste, sie durfte den Köder nicht schlucken, aber es war schon zu spät. Die Wut brannte nun heiß in ihrem Nacken.
»Weil ich verzweifelt bin, okay? Weil sonst niemand so aussieht wie ich und deswegen niemand anderes meinen Platz einnehmen kann, und weil ich die ganze verdammte Sache für uns gemacht habe, für dich!«
»Bring mich nicht zum Lachen. Du wolltest einfach nur im Fernsehen sein.«
»Oh, du bist so eine blöde Schlampe!«
»Ich bin eine blöde Schlampe? Hörst du dir eigentlich selber zu? Und im Übrigen bin ich nicht egoistisch, ich lebe nur in der echten Welt und habe wichtige Dinge zu erledigen.«
»Ach bitte, komm mir doch nicht mit deiner ›Meine Doktorarbeit ist so wichtig‹-Nummer. Ich habe die Nase voll davon, dass du dich damit vor mir aufspielst. Mum hat sich davon jedenfalls nie beeindrucken lassen.«
Bonnie öffnete den Mund, um zu antworten, doch dann wurde ihr klar, dass sie anfangen würde zu heulen, wenn sie es täte. Also stürmte sie aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu, so fest es ging. Und es ging nicht sehr gut, da sie sich so verzogen hatte, dass sie nicht mehr in den Türrahmen passte. Mum hatte Jahr für Jahr angekündigt, sie reparieren lassen zu wollen, und nun würde sie das nie mehr tun.
Die Streitereien zermürbten Bonnie. Trotz aller Bemühungen ihrer Mutter hatten sie und Clara sich, seit sie klein gewesen waren, ständig in den Haaren gelegen. »Eines Tages werdet ihr die besten Freundinnen sein«, sagte Mum dann, aber Bonnie war sich nie sicher, ob sie das wirklich glaubte oder ob es sich dabei nur um Wunschdenken handelte. In letzter Zeit hatte es den Anschein, als könnten sie nicht einmal mehr miteinander reden, ohne dass es zum Streit kam.
Während Bonnie versuchte, sich zu beruhigen, stand sie am Fenster ihres Zimmers und schaute auf die Straße hinaus. Sie wollte weg von Clara, der Atmosphäre, dem Haus. Es würde Mum das Herz brechen, das alles mitzubekommen, zumal die Ursache all ihrer Sorgen darin bestand, dass sie keine ausreichend hohe Lebensversicherung abgeschlossen hatte und stattdessen all ihre Ersparnisse für die vielen verschiedenen alternativen Krebsbehandlungen ausgegeben hatte, die sie ergattern konnte. Monatelang hatten sie alle ihr eigenes Körpergewicht an Bio-Grünkohl und Roter Bete gegessen und jedes Gericht in Kurkuma ersäuft. Mum aß so viel von dem Zeug, dass ihre Fingerspitzen eine tiefgoldene Farbe annahmen. Jetzt, da sie nicht mehr da war, waren sie beide allein zurückgeblieben und nicht in der Lage, die Raten der Hypothek zu bezahlen. Die Bank hatte ihnen drei Monate Zeit gegeben, um zu zahlen oder zu verkaufen. Anfangs war Bonnie wegen der Lebensversicherung wütend gewesen, doch ihre Mum hatte es mit Einzelheiten nie so genau genommen und einfach nicht daran gedacht, nachzusehen. Und wer wollte ihr das verübeln, wo es doch viel wichtigere Dinge gegeben hatte, um die sie sich hatte kümmern müssen? Was die Ersparnisse anging, war Bonnie der Ansicht, es war Mums Geld und Mums Leben gewesen. Um ehrlich zu sein, hatten sie alle drei die Realität verdrängt. Sie hatten nie wirklich geglaubt, dass Mum sterben würde. Noch in den letzten Monaten hatte sie gekämpft, und es war ihr besser gegangen. Ihr Tod war so plötzlich gekommen, dass keine Zeit blieb, sich darauf vorzubereiten.
Das Problem war, Mum hatte dieses Haus so sehr geliebt. Der Großvater der Mädchen hatte es ihr gekauft, als sie sich als alleinerziehende Mutter durchschlagen musste und sich nichts anderes leisten konnte als eine Wohnung in der Innenstadt ohne Garten. »Das ist kein Ort, an dem ich meine Enkelinnen aufwachsen sehen will«, hatte er gesagt. Mum, das hatte sie Bonnie einmal anvertraut, hatte keine Ahnung, wie er das bezahlt hatte – er war kein reicher Mann gewesen, und sie vermutete, dass er seine gesamten Ersparnisse für die Anzahlung und einen großen Teil seiner Rente für die Finanzierung der Hypothek aufgewendet hatte. Er hatte sich geweigert, von Mum auch nur einen Cent anzunehmen, bevor sie einen anständigen Job gefunden hatte.
»Hier ist unser sicheres Plätzchen«, hatte Mum immer gesagt, wenn sie als Kinder mit ihr auf dem Sofa kuschelten.
Als Bonnie vor einigen Wochen angedeutet hatte, dass es vielleicht das Beste wäre, zu verkaufen, war Clara am Boden zerstört gewesen. Es ist doch Mums Haus, hatte sie beharrlich widerholt. Unsere sämtlichen Erinnerungen hängen daran, sie ist hier gestorben. Wie kann man das verkaufen?
Bonnie hatte sich ja bemüht. Sie hatte sich auf einen ganzen Stapel von Stellen beworben, um genügend Geld zu verdienen, dass sie bleiben könnten. Doch offenbar war sie für den Bürojob bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft vor Ort überqualifiziert, für die Stelle als Dozentin an ihrer Universität jedoch unterqualifiziert. Dann gab es noch das halbe Dutzend E-Mails, in denen man ihr für ihr Interesse gedankt, aber auch mitgeteilt hatte, das Niveau aller Bewerber wäre besonders hoch gewesen. Sie konnte einen Job in einer Bar annehmen oder an der Kasse des örtlichen Tesco jobben, aber das Gehalt würde gerade einmal für die Hypothek reichen, sodass ihnen nichts zum Leben bliebe. Und jetzt war die Zeit fast abgelaufen.
Sie würden das Haus ohne plötzlichen Geldregen nicht halten können, und da es keine weitere Familie gab, lagen die Chancen, dass dieser sich materialisieren würde, bei null. Man musste ihrer Schwester zugutehalten, dass sie mit voller Energie darauf hingearbeitet hatte, einen Platz in dieser Show zu ergattern, und damit ihrem Ziel, sie zu retten, zumindest näher gekommen war als Bonnie.
Aber das konnte doch wohl nicht ihre einzige Option sein, oder? Reality-Fernsehen. Bei dem Gedanken daran wurde ihr ein wenig übel.
»Bonnie?«
Clara stand vor Bonnies Zimmertür, ihre Stimme ganz hell und lieblich. Bonnie wusste, was jetzt kam. Ihre Schwester war eine Meisterin der Manipulation, schon immer gewesen. Bonnie hatte über die Jahre immer wieder erlebt, wie Clara ihre Mum um den kleinen Finger gewickelt hatte, ganz zu schweigen von den vielen Babysitterinnen und dem einen oder anderen »Onkel«, den Mum mit nach Hause gebracht hatte. Clara wusste, wie man auf Menschen einwirken musste, was ironisch war, wo doch Bonnie diejenige war, die Psychologie studierte. Weil ich alle Hilfe brauche, die ich bekommen kann, dachte sie nicht zum ersten Mal.
Bonnie stellte sich vor, wie ihre Schwester oben an der Treppe saß und eine Hand flach an die Tür presste. Obwohl niemand sie sehen konnte, würde sich Clara dennoch mit vollem Einsatz in die gefühlsbetonte Pose werfen. Sie wäre der Traum jedes Fernsehproduzenten.
Bonnie blickte in den blauen Himmel auf. Es war Hochsommer und ein sonniger Tag. Jetzt war es an ihr, für Clara zu sorgen.
Clara hatte Mum immer mehr gebraucht als Bonnie. Bonnie war häufig am zufriedensten, wenn sie alleine war, Clara jedoch brauchte ständige Unterstützung und Bestätigung, denn sie machte sich immerzu Sorgen. Deswegen hatte Mum stets eine Hand frei gehabt, mit der sie Claras halten konnte, eine Umarmung für sie oder eine Tasse Tee und einen Schwatz, um sie zu beruhigen.
Stimmte es, dass Bonnie nie für Clara da gewesen war, wenn sie sie gebraucht hatte? Sie hoffte nicht. Sie hoffte, dass da nur die Wut aus Clara sprach, denn sie wollte nicht zurückblicken und die Sachlage ernsthaft analysieren. Das würde mit dem Risiko einhergehen, wirklich schlecht abzuschneiden.
Eine Wahrheit, der sich Bonnie bislang nicht gestellt hatte, gewann in ihrem Kopf an Klarheit: Dieses Haus zu verlieren, wäre für Clara ein weitaus schlimmerer Schlag als für sie selbst.
Und vielleicht wäre eine Pause voneinander gar keine so schlechte Idee. Für Bonnie wäre es auf jeden Fall eine Erleichterung, eine Zeit lang Distanz zu all den Erinnerungen zu schaffen.
Bonnie öffnete die Tür, und Clara purzelte von ihrer Position auf dem Boden ins Zimmer. Ihr frisch eingegipstes gebrochenes Bein war flach vor ihr auf dem Treppenabsatz ausgestreckt. Sie versuchte sich aufzurichten, was ihr offensichtlich Schmerzen bereitete. Bonnie half ihr wieder nach unten aufs Sofa, verabreichte ihr Schmerzmittel und setzte sich neben sie.
»Okay, erzähl mir mehr darüber.«
»Machst du es?« Claras feuchte Augen waren voller Hoffnung.
»Vielleicht, wenn es geht, ja.«
Clara griff nach Bonnies Hand und drückte sie so fest, dass es beinahe wehtat.
»Ich liebe dich, Schwesterherz.«
Bonnie schluckte ihre eigenen Tränen hinunter und nickte. »Ich liebe dich auch.«
Der Direktor
Obwohl sich an diesem Ort außer ihm selbst keine lebende Seele befand, war es hier nie ganz still. Das Gebäude knarrte und ächzte, als wollte es seine Geheimnisse jedem mitteilen, der in der Lage wäre, sie zu entschlüsseln. Der salzige Geruch stieg ihm in die Nase und vermittelte ihm ein Gefühl der Ruhe und des Zuhauseseins. Es war sinnvoll, dass er ein letztes Mal allein hierhergekommen war, um zu überprüfen, ob alles in Ordnung war, bevor das ganze Spektakel begann.
Er dimmte die Beleuchtung im gesamten Gebäude auf die niedrigste Stufe und kostete die Herausforderung aus, all seine Sinne einzusetzen, um sich zurechtzufinden. Er streifte mit der Hand die Ziegelwand entlang, spürte die allgegenwärtige leichte Feuchtigkeit und vergewisserte sich, dass jede Kamera an der richtigen Stelle positioniert war. Es war eine Mammutaufgabe gewesen, alles rechtzeitig fertig zu bekommen, aber die wochenlangen Überstunden hatten sich gelohnt. Das Ergebnis war grandios. Eine physische Manifestation seiner Vorstellung. Er hatte etwas visuell Einnehmendes und Außergewöhnliches angestrebt, um das zu beherbergen, von dem er wusste, dass es das größte Rätsel sein könnte, das je erdacht worden war. Nicht nur waren die verschiedenen Codes und Tests so ausgeklügelt, es war die gesamte Illusion. Ein Ort, der wie ein Hotel aussieht, aber in Wirklichkeit ein abgeschlossenes System ist.
Während er jeden Raum überprüfte, malte er sich den Ruhm aus, der danach kommen würde. Es wäre sein letztes »F.U.« an alle, die ihn jemals abgeschrieben hatten, an all die Agenten, die seine Bitte, ihn zu vertreten, ignoriert hatten, an alle Produzenten, die gesagt hatten, seine Ideen wären nicht gut genug. Die Aufregung war spürbar, er konnte sie beinahe schmecken. Er hatte für das Gefühl, wenn Adrenalin durch den Körper strömt, einmal den Ausdruck »Draht im Blut« gehört. Sein Ziel war es, dieses Gefühl in den Menschen zu erzeugen, die hier bald eintreffen würden; dass sie sich, wenn sie in der Achterbahn aus Angst und Hochgefühl fuhren, lebendiger fühlen würden als je zuvor.
Er öffnete die App auf seinem Handy und prüfte der Reihe nach jedes Schloss.
Als er ein Kind gewesen war, hatte seine Mutter Rätsele für mich gewonnen, ein Konkurrenzformat auf Channel 5 zu Labyrinth aus Kristall. Das war zweifellos der Grund, warum er einen Job beim Fernsehen angestrebt hatte. Doch jetzt, in Zeiten von Survivor und The Hunted, reichte es nicht mehr, Menschen dabei zuzusehen, wie sie in Teams lustige Spiele spielten. Es brauchte mehr Risiko. Mehr Drama. Mehr Gefahr.
Was die Gefahr anging, würde er zweifellos abliefern.
Bonnie saß im Boot, ihr Koffer lehnte an ihren Beinen. Die Seeluft erfüllte ihren Kopf mit Erinnerungen an Strandspaziergänge und Eis. Ihre Mum hatte das Meer geliebt und sie in ihrer Kindheit oft auf Ausflüge nach Filey und Scarborough mitgenommen. Mum war ein solches Energiebündel gewesen, dass Bonnie sich nur schwer vorstellen konnte, wie sie ohne sie existieren sollten. Alles war stumpf geworden. Das Essen war geschmacklos, jedes Vergnügen redundant, und selbst die Sonne über ihr erschien ihr nun weniger strahlend.
Sie beobachtete, wie die anderen sich ihre Sitzplätze aussuchten und aufgeregt darüber plauderten, was auf sie zukommen würde. Bonnie lächelte ein paar von ihnen an und grüßte sie, vermied es aber, Blickkontakt zu halten. Sie war noch nicht bereit dazu, Freundschaften zu schließen. Sie stand immer noch unter Schock, weil sie zugestimmt hatte, an Claras Stelle mitzumachen.
»Grant Withenshaw, Sieger von University Challenge und Klugscheißer. Freut mich, dich kennenzulernen.«
Bonnie blickte auf die ausgestreckte Hand. Der Mann, dem sie gehörte, war von der Sorte blauäugiger Rugbyspieler, die ihrer Vorstellung nach die Flure vieler Privatschulen bevölkerte. Sein Grinsen war breit, und seine Wangen waren von der Seeluft gerötet, aber in seinen Augen, die sie anstarrten, stand mehr als eine Begrüßung. Er versuchte bereits, sie zu durchschauen.
»Hi, Bon… äh, Clara«, sagte sie und spürte, wie ihr die Verlegenheit den Nacken heraufkroch, als sie seine Hand schüttelte.
»Dann erzähl mal was über dich, Bon-Clara.«
»Bloß Clara, ich wollte … Bonjour sagen.« Sie schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung, wieso.«
»Ist ja auch egal.« Grant zuckte mit den Schultern und rückte näher, drang in ihren Raum ein. »Erzähl was über dich, habe ich gesagt. Was ist deine Geschichte?«
»Ich habe eigentlich keine.«
»Jeder hat eine. Siehst du diesen Cowboy da drüben?« Grant zeigte auf einen schlanken Typen mit mausgrauem Haar, der ein Holzfällerhemd und Timberland-Stiefel trug. »Nennt sich Jacko. Ich meine, was soll das? Wenn du Jack heißt, nenn dich einfach Jack, Mann.« Er lachte laut und zeigte unverhohlen auf die Frau gegenüber. »Und Maria da drüben meint, sie wäre als Kind Schachmeisterin gewesen, aber ich halte es für wahrscheinlicher, dass sie Meisterin im Kuchenessen war. Oder, Maz?«
Bonnie wand sich innerlich und wollte gerade anmerken, wie unangemessen diese Bemerkung war, als Maria das Wort ergriff.
»Nur weil man gut klugscheißern kann, ist man noch lange nicht der klügste Kopf, weißt du?« Maria lächelte Grant an, doch Bonnie entging das leichte Zucken nicht, das darauf hindeutete, dass sie nicht zum ersten Mal solch einen verletzenden Kommentar abgewehrt hatte.
»Hi, ich bin Clara«, sagte Bonnie zu Maria, wobei ihr klar wurde, dass es deutlich seltsamer werden würde, den Namen ihrer Schwester zu verwenden, als sie gedacht hatte.
»Ich habe dich im Zug gesehen und mich gefragt, ob du eine von uns bist.«
Es war Bonnie peinlich, dass Maria das Buch gesehen haben musste, das sie gerade las. Es war ein Leitfaden des Government Communications Headquarters über Codes und deren Entschlüsselung, was nicht so schlimm wäre, wenn er nicht für Kinder gedacht wäre. Clara hatte ihn ihr zum Spaß bei Amazon gekauft. Aber jetzt fand sie das nicht mehr so lustig. Wie zum Teufel sollte sie sich gegen Schachmeisterinnen und Sieger von University Challenge behaupten, geschweige denn sie im Rennen um den Preis schlagen?
Grant hatte sich entfernt, um die letzte Person zu befragen, die an Bord geklettert war – ein Mädchen, das eher in die Sendung Love Island zu passen schien als in ein Escape-Room-Spiel. Sie trug unter ihrem zitronengelben Regenmantel Jeansshorts und ein Crop Top und hatte ihr langes schwarzes Haar zu einem Zopf gebunden.
»Das ist alles ziemlich seltsam, findest du nicht?«, sagte Bonnie zu Maria. »Ich hatte erwartet, dass uns jemand von der Produktionsfirma abholt.« In den Anweisungen, die Clara ihr weitergegeben hatte, stand lediglich, dass sie am 5. September um 12:00 Uhr mittags an der Gunwharf Marina im Hafen von Portsmouth sein und nach dem Logo der Festung Ausschau halten sollte. Bonnie hatte es am Ende einer Fahnenstange vor diesem Boot entdeckt. Ein Crew-Mitglied hatte daraufhin ihren unverwechselbaren QR-Code gescannt und ihr gesagt, sie solle sich einen Platz suchen, da sie in zwanzig Minuten ablegen würden.
»Ich gehe davon aus, dass sie dort auf uns warten werden.«
»Und wo ist dort, weißt du das? Ich konnte keine Details finden.«
»Weil es keine gab. Es ist das erste Geheimnis, schätze ich. Alles sehr aufregend.« Maria hatte das Kichern einer lebenslangen Streberin. Der Sorte Mädchen, um das sich in der Schule alle scharten, wenn es um Hilfe bei Hausaufgaben ging, das aber ignoriert wurde, sobald gesellige Aktivitäten geplant wurden. Sie war wahrscheinlich Ende dreißig, aber ihre weichen Slipper und die beigefarbenen Slacks, die sie trug, hätten eher zu einer älteren Dame gepasst. Ihr Pullover war schlabberig, was zweifellos ihre rundliche Figur noch betonte, und ihr lockiges Haar stand ihr als ungezähmter, splissig krauser Heiligenschein um den Kopf. Maria hatte zarte Gesichtszüge und freundliche Augen. Wenn sie sich ein wenig Mühe gäbe … Bonnie pfiff sich selbst zurück. Wie oberflächlich und voreingenommen war das denn? Gut für Maria, dass sie nicht das Bedürfnis verspürte, sich irgendeinem gesellschaftlichen Schönheitsideal anzupassen. Wenn sie eine Intelligenzbestie war, reichte das doch wohl auch.
Grants lautes, dröhnendes Lachen ließ Bonnie hinüberschauen. Er flirtete mit der jungen Frau, die wie eine Kandidatin bei Love Island gestylt war. Es lag eindeutig nicht daran, dass sie unglaublich lustig gewesen wäre, denn Jacko der Cowboy und der ältere Mann, die in der Nähe saßen, sahen beide ein wenig verwirrt aus.
Bonnie sah zu, wie die letzten Teilnehmer den Steg zum Boot heraufkamen und ihre QR-Codes scannen ließen, bevor sie an Bord gingen. Der Erste war ein rothaariger Mann in einem Superdry-Hoody, dicht gefolgt von einer einschüchternd aussehenden Frau mit diversen Piercings in Nase, Ohren und Zunge. Sie setzte sich neben Maria und begegnete kurz Bonnies Blick mit einem Ausdruck, als wollte sie »Was?« fragen, dann holte sie ihr Handy heraus und studierte es. Die Frau trug schwarze Doc-Martens-Stiefel, über denen sie ihre Jeans aufgekrempelt hatte. Ihr dunkles Haar war in zwei ordentliche Zöpfe geteilt, die rechts und links von ihrem Kopf herunterhingen, und mehrere Halsketten baumelten auf einen beeindruckenden Ausschnitt herab. Bonnie fragte sich, was für einen BH man tragen musste, damit die Brüste in einem T-Shirt so gut zur Geltung kamen. Ihre eigenen sahen immer irgendwie wabbelig und rund aus wie halb leere Luftballons. Sie fühlte sich unsicher wegen des schwarzen Eyeliners, den sie aufgetragen hatte, um Clara ähnlicher zu sehen. Es hatte drei Anläufe gebraucht, um ihn richtig hinzubekommen. Außerdem hatte sie ihr Haar offen gelassen, wie ihre Schwester es trug. Bonnie war eine Pferdeschwanz-Person, aber sie musste ihre glamourösere Seite zeigen, wenn sie eine überzeugende Nachahmung hinlegen wollte.
Als sie in See stachen, waren sie zu acht und reckten allesamt die Hälse, um zu erkennen, wohin die Reise gehen könnte. Bonnie fragte sich, ob die Bootsfahrt nur ein Trick war, um den Drehort unter Verschluss zu halten. Sie würden ein kurzes Stück die Küste entlangschippern und dann irgendwo abgesetzt werden, wo sie auf das Produktionsteam treffen würden. Sie stellte sich ein großes Lagerhaus vor oder einen abgelegenen Fernsehdrehort mit mehreren Gebäuden, unter denen sich ein deprimierend aussehender Schlafsaal befand, den sie sich alle würden teilen müssen.
Ihre Theorie wurde jedoch schnell widerlegt, als sie nicht nach links oder rechts an der Küste entlangfuhren, sondern direkt aufs offene Meer hinaus. Bonnie holte tief Luft. Das war schlimmer als befürchtet.
Um sie herum waren einige wenige Schiffe zu sehen, einschließlich einer großen Autofähre, die sich vermutlich auf dem Weg nach Frankreich befand. Ihr war nicht gesagt worden, dass sie ihren Reisepass einpacken sollte, also konnten sie nicht allzu weit reisen. Außerdem war es ein ziemlich kleines Boot ohne Innenraum, abgesehen von der Kabine, in der der Steuermann saß. Das Ding hüpfte und schwankte beim Fahren, und Bonnie konzentrierte sich darauf, regelmäßige, tiefe Atemzüge zu machen, um nicht seekrank zu werden. Das wäre vor all diesen neuen Menschen viel zu peinlich.
Die meisten aus der Gruppe unterhielten sich und zeigten einander Sehenswürdigkeiten entlang der Küste, doch Bonnie, Maria und Doc Martens saßen schweigend da. Doc Martens starrte noch immer auf ihr Telefon.
Ihre Nervosität steigerte sich noch, als sie die Ausflugsboote hinter sich ließen und tiefer in dunkleres Gewässer vordrangen. Portsmouth hinter ihnen wurde kleiner und kleiner, und selbst der Spinnaker Tower begann in der Ferne zu schrumpfen.
Maria zeigte über Bonnies Schulter und rief: »Die Isle of Wight.«
Bonnie drehte sich auf ihrem Sitz, um hinzusehen, und hoffte, dass sie auf die Insel zuhalten würden, doch sie näherten sich ihr nicht, sondern fuhren geradeaus aufs offene Meer hinaus.
Maria saß seitlich auf der Sitzbank und lehnte sich auf der gegenüberliegenden Bootsseite hinaus. Ihr Haar wehte im Wind, und Bonnie konnte sich nur ausmalen, wie schwer es werden würde, all diese Locken später durchzubürsten. Doc Martens blickte mit einem grimmigen Stirnrunzeln auf und widmete sich dann wieder ihrem Telefon. Bonnie war bewusst, dass sie sie wahrscheinlich begrüßen und sich vorstellen sollte, aber sie war zu besorgt darüber, wohin sie fuhren, um das zu tun.
Maria begann auf und ab zu hüpfen und kleine Quietschlaute auszustoßen.
Bonnie lehnte sich auf ihrem Sitz zurück, um an der Bootskabine vorbeiblicken zu können und zu sehen, worauf sie reagierte.
Was zum Teufel?
Der riesige Zylinder, der sich aus den Wellen erhob, war mit nichts zu vergleichen, was sie jemals gesehen hatte, ein Ungetüm aus von Algen überwuchertem Beton, auf der oberen Kante ein steinerner Ring, der hoch über ihnen aufragte. Schmale Fenster verteilten sich in gleichmäßigen Abständen um die obere Kreislinie und ließen sie aussehen wie ein Teil einer uralten Burg – einer Festung.
»Was ist das?«, fragte sie.
»Eine Seefestung, eines der Forts in der Meerenge von Solent. Es gibt davon vier«, rief Maria über den Lärm des Bordmotors hinweg. »Sie wurden im Krieg gebaut, um Angriffe vom Meer aus abzuwehren. Das ist perfekt. Es wird buchstäblich kein Entkommen geben!«
Bonnie blickte zu dem Ding auf und täuschte ein Lächeln vor. Sie hatte auf einen Ort gehofft, an dem sie einfach eine Tasche packen und sich davonmachen konnte, wenn ihr die Angelegenheit zu albern oder demütigend wurde.
Mist, Mist, verdammter Mist, dachte sie und begriff, dass sie nun keine andere Möglichkeit mehr hatte, als bei der blöden Sache mitzuspielen.
Das Boot legte auf der anderen Seite des Forts neben einem ausladenden Gerüst an, das bis zum Eingang im steinernen oberen Teil hinaufführte. Auf der Dachebene über dem Eingang thronte ein geschwungenes gläsernes Gebäude in Form eines Schiffshecks, das von einem rot-weißen Leuchtturm gekrönt wurde. Auf das Gerüst war ein großes Schild mit roten Buchstaben auf schwarzem Grund gespannt worden, das DIE FESTUNG ankündigte. Das Bauwerk erinnerte Bonnie an den großen zylinderförmigen Gasspeicher, an dem sie auf der Schnellstraße immer vorbeigefahren waren, wenn Mum früher mit Clara und ihr ihren Großvater besucht hatte.
Man wies sie an, einer nach dem anderen eine dünne Metalleiter hochzusteigen und dann im Zickzack den metallenen Treppenaufgang zu erklimmen, um zum Eingang zu gelangen. Nachdem sie die Leiter hochgeklettert waren, sollten sie wieder nach unten greifen und ihren Koffer von der Person unter ihnen entgegennehmen. Jetzt probte das Love Island-Mädchen den Aufstand.
»Gibt es keinen anderen Weg da rein?«, fragte sie die Bootsbesatzung. »Ich kann da nicht hochklettern.«
Bonnie konnte ihre Sorge nachvollziehen. Das Wasser war kabbelig, und die Leiter sah nass und teils verrostet aus. Die Frau, die als Mitglied der Crew am Hafen ihre QR-Codes gescannt hatte, lächelte und teilte ihnen mit, dass die Herausforderung an dieser Stelle begann. Und so taten sie, wie ihnen gesagt wurde.
Bonnie war die Letzte, die hinaufstieg.
»Geh, ich reiche dir den Koffer hoch«, sagte die Frau von der Besatzung.
Bonnie schloss die Hände um die kalte Metallsprosse über sich und begann zu klettern. Ein Windstoß blies ihr das Haar ins Gesicht, und sie ließ mit einer Hand los, um es wegzustreichen. Da wehte der nächste Windstoß ihren ganzen Körper zur Seite. Sie klammere sich mit der linken Hand fester an die Leiter, das Metall fühlte sich unter ihrer Haut glitschig und rutschig an. Großer Gott, das ist ja furchtbar. Schnell schob sie sich das Haar hinters Ohr, hielt sich auch mit der rechten Hand wieder fest und kletterte hinauf, dorthin, wo ihre Mitstreiter wie eine Schar aufgeregter Gänse schnatterten. Sie dankte der Frau aus der Crew für das Hinaufreichen ihres Koffers und erwartete, dass diese ihr folgen würde, doch das tat sie nicht. Sie lächelte kurz und winkte halbherzig, bevor sie das Boot losmachte und es mit einem Bein von der Wand abstieß.
Dann also tschüs, dachte Bonnie und sah ihr einziges Fluchtmittel davonschippern.
»Man hat die Dinger im ersten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts zur Verteidigung gegen Napoleon gebaut, wisst ihr?« Maria wirkte deutlich zu begeistert. »Sie mussten sie aus Eisen und Beton bauen, weil Granit nicht stark genug war, um den Wellen standzuhalten, aber der Bau hat so lange gedauert, dass die Bedrohung aus Frankreich dann schon vorbei war. Haben auch ein Vermögen gekostet.«
»Das wette ich«, sagte Bonnie und bemühte sich darum, interessiert zu wirken. Sie spürte, dass Maria eine Freundin gebrauchen konnte.
»Wollen wir dann also reingehen?«, fragte Grant.
»Müssen wir nicht auf jemanden warten?« Das Love Island-Mädchen sah windzerzaust aus, und ihre dick aufgetragene Wimperntusche war um ihr linkes Auge herum verschmiert.
Mit großen Schritten ging Grant auf die ausladende weiße Doppeltür zu und drückte dagegen. »Sie ist abgeschlossen.«
»Natürlich. Es ist ja auch eine Festung«, sagte der ältere Typ, der auf dem Boot das Gespräch zwischen dem Love Island-Mädchen und Grant so verwirrt verfolgt hatte.
Die ganze Gruppe kicherte, was Grant sichtlich ärgerte. Er murmelte etwas kaum Hörbares und sah dann den älteren Mann an. »Okay, Dennis, Herr Jurist, warum erstreitest du dir dann nicht den Weg da rein?«
»Oh, wir haben einen Klugscheißer unter uns. Das wird uns bestimmt in die Hände spielen.« Der Sarkasmus in Dennis’ Worten hatte eine gewisse Schärfe. Bonnie vermutete, dass der Mann wohl keine Geduld für Idioten übrighatte, was dieses gesamte Unternehmen für ihn zu einer Prüfung machen würde.
»Nicht streiten, die filmen schon, darauf wette ich.«
Darauf hoffst du, dachte Bonnie und beobachtete, wie das Love Island-Mädchen die Wände nach Kameras absuchte und sich das Haar richtete.
»Das ist so aufregend. Ich liebes es.«
Diese Leute würden unerträglich werden, und möglicherweise würde Bonnie wochenlang mit ihnen festsitzen. Es kam ihr immer reizvoller vor, das Ganze zu einem frühen Zeitpunkt zu vermasseln und nach Hause zu fahren. Scheiß auf das Preisgeld.
Während die Gruppe darüber diskutierte, ob sie einen anderen Weg hinein suchen oder auf jemanden warten sollten, der sie in Empfang nahm, beobachtete Bonnie, wie die Frau in den Doc Martens die Umgebung der Eingangstür in Augenschein nahm. Sie befühlte die Kanten des Türrahmens und beugte sich dann hinunter, um sich den großen Türknauf aus Metall anzusehen, drehte ihn in die eine, dann in die andere Richtung. Nach einer Weile trat sie einen Schritt zurück und blickte die Wand hinauf, dann sah sie einen längeren Moment auf ihre Füße.
»Hey, alle«, sagte die Frau. »HEY!«
Die anderen unterbrachen ihr Gespräch und wandten sich ihr zu.
»Hier unter meinem Fuß ist ein Tretschalter. Damit müssen wir wohl die Tür öffnen.«
»Lass mal sehen.« Grant kam mit großen Schritten herüber und ging neben ihren Füßen in die Hocke. »Da drüben ist noch einer«, sagte er, bewegte sich ein paar Schritte weiter und stellte sich darauf.
»Und hier auch«, sagte Maria und stellte sich zur Linken von Doc Martens auf.
Bonnie blickte sich von ihrem Standort aus nach weiteren runden schwarzen Platten um.
»Ich wette, es gibt acht davon«, sagte Doc Martens. »Einen für jeden.«
Das Love Island-Mädchen und der Anwalt namens Dennis fanden ebenfalls eine Platte in ihrer Nähe, womit Bonnie, der Rothaarige und der Cowboy namens Jacko die Einzigen waren, die noch suchten. Als Bonnie in ihrer unmittelbaren Umgebung nichts finden konnte, begann sie dem schmalen Gang zu folgen, der von ihrem Sammelpunkt aus um das Fort herumführte. Sie bemühte sich, nicht seitlich hinunterzuschauen. Alles, was sie von dem Meer unter ihr trennte, waren ein dünnes weißes Geländer und die große Höhe. Stattdessen konzentrierte sie sich auf den Boden vor sich.
»Hast du deinen gefunden?«, rief jemand.
Wieso muss meiner einer der letzten sein?, dachte sie. Wie kann es sein, dass ihr alle das Glück hattet, einen in eurer Nähe zu finden, und meiner der ist, der fehlt? Als würde ich die Gruppe im Stich lassen. Sie kannte die Antwort natürlich: Der Wettbewerb hatte bereits begonnen, und sie war schon im Rückstand.
Nachdem sie so weit gegangen war, dass sie die Gruppe nicht mehr sehen konnte, wenn sie sich umdrehte, machte sie kehrt und begegnete Jacko, der aus der entgegengesetzten Richtung kam und den Kopf schüttelte. Der Rothaarige stand immer noch dort, wo sie ihn zurückgelassen hatten, und starrte auf sein Handy.
»Kommt schon, Leute!«, rief Grant. »Die müssen doch irgendwo sein. Muss euch jemand helfen?«
Bonnie ignorierte ihn und ging auf Jacko zu.
»Hier in diese Richtung kommt keiner mehr«, sagte sie. Ich bin richtig weit gegangen, und da ist nichts.«
»In meiner Richtung auch nicht«, sagte Jacko.
»Wartet«, mischte sich Doc Martens ein. »Unsere sind alle hier vor der Tür. Es ergibt keinen Sinn, dass die anderen getrennt davon und weiter weg sein sollen. Außerdem stehen wir alle in einer hübschen Formation, schaut mal.«
Bonnie drehte sich um und besah sich die Anordnung der Gruppe.
»Das ist ein Fünfeck«, sagte Jacko. »Ihr steht in einem Fünfeck.«
»Okay«, sagte Maria, »und das ganze Ding hier ist ein Zylinder. Der Schlüssel, mit dem man die Tür aufbekommt, hat also mit Formen zu tun? Die Tür ist noch nicht offen, oder, Jaide?«
Doc Martens versuchte den Türknauf zu erreichen, doch es gelang ihr nicht. Sie sah Bonnie und Jacko an. »Los, ihr beiden, ihr könnt euch bewegen.«
Bonnie warf einen Blick auf den Rothaarigen, der immer noch auf sein Telefon starrte, dann ging sie zu dem großen Metallknauf und versuchte ihn zu drehen, doch er gab nicht nach. Sie und Jacko drückten gegen die Tür, aber sie bewegte sich nicht.
»Es muss hier doch irgendwo ein Tastenfeld oder einen Bildschirm oder etwas Geschriebenes geben mit einem Hinweis darauf, was wir tun müssen«, sagte Dennis.
Jaide antwortete: »Gibt es nicht. Ich habe nachgesehen.«
»Also, das ist albern«, sagte Dennis. »Wie können sie von uns erwarten, dass wir ohne einen Hinweis reinkommen?«
»Wir haben einen Hinweis gefunden«, sagte Maria. »Das Fünfeck.«
»Ja, aber wir haben keine Ahnung, was wir damit anfangen sollen«, entgegnete Jacko leise. Er sah in Bonnies Richtung und lächelte. »Jacko, hi.«
»Clara, freut mich dich kennenzulernen. Glaubst du, wir sind schon ausgeschieden, weil wir keinen Schalter gefunden haben, auf dem wir stehen müssen?«
»Nee, das bedeutet nur, das wir im Augenblick die Kontrolle haben. Keiner von denen kann sich bewegen. Sorgen wir dafür, dass es eine Weile so bleibt.« Er zwinkerte, und Bonnie lächelte.
»Hier ist absolut null Empfang«, sagte der Rothaarige mit einem leichten Geordie-Zungenschlag. Er blickte sich in der Gruppe um, als sähe er sie alle zum ersten Mal. »Was ist hier los?«
Alle fingen gleichzeitig an zu reden, und der Lärmpegel wurde langsam unerträglich. Es würde eine schreckliche Sendung werden, wenn sie sich alle weiterhin so benahmen. Bonnie entfernte sich von der Tür und ging außen um die stehende Gruppe herum, wobei sie versuchte, sich von allen die Namen zu merken. Dennis war der ältere Typ, von dem Grant gesagt hatte, er wäre Anwalt. Maria hatte die Frau in den Doc Martens Jaide genannt. Jacko war der Typ im karierten Hemd, und sie war sich sicher, dass jemand den Rothaarigen entweder mit Ross oder Russ angesprochen hatte. Damit blieb noch das Love Island-Mädchen. Die Einzige, die noch keinen Namen hatte. Bonnie wollte sie gerade ansprechen und danach fragen, als Jacko nach ihr rief.
»Clara, schau mal hier.«
Jack stand da und starrte zu dem Bogen über der Tür hinauf.
»Was soll ich da sehen?«, fragte sie und trat zu ihm.
»Es gibt noch eine Form, die man aus fünf Punkten im selben Abstand voneinander bilden kann, stimmt’s?« Er deutete auf ein kleines Objekt aus Holz, das im Türrahmen befestigt war.
»Ein Stern. Ein fünfzackiger Stern.«
»Was ist los?«, fragte Grant. »Hört auf zu flüstern.«
»Tun wir gar nicht, wir beratschlagen nur. Jacko hat es gelöst, glaube ich. Falls er recht hat, steht ihr auf den Spitzen der Zacken eines Sterns, und da oben ist eine Art Knopf mit einem Stern darauf.«
»Wir brauchen eine Stange oder so was«, sagte Jacko.
»Heb sie einfach hoch«, entgegnete Grant.
»Könnte ich machen?« Jacko blickte Bonnie an und dann hinauf zu dem Knopf.
»Oder du könntest den hier nehmen«, sagte Maria und zeigte auf einen langen Besen, der auf dem Boden lag.
»Es ist ein Stern, weil wir Stars werden«, sagte das Love Island-Mädchen.
Bonnie wechselte einen Blick mit Jacko, der lächelte, bevor er den Besen aufhob.
»Mach du«, sagte er und reichte ihn ihr.
»Nein, es ist dein Erfolg.«
»Ich bestehe darauf, bitte. Und wenn ich falschliege, kannst du die Schuld auf dich nehmen.«
Bonnie schüttelte leicht den Kopf, nahm aber den Besen und hob ihn über ihren Kopf, um mit dem Ende des Stiels auf den kleinen hölzernen Stern zu drücken. Er ließ sich mit einem leisen Klicken ein wenig eindrücken, und endlich schwang in einer gleichmäßigen Bewegung die Doppeltür weit auf.
»Wir werden das hier rocken«, sagte Grant und stürzte an ihnen vorbei.
»Was hast du denn beigetragen?«, sagte Jaide zu ihm, die ebenfalls reinging.
Das Love Island-Mädchen hatte sich an der Eingangstür neben Bonnie gestellt.
»Hi, ich bin Clara.«
»Charlie. Wow! Schau dir diesen Ort an!«
