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"Aber träumte nicht jede Leseratte davon, in Geschichten und Bücher einzutauchen?" Gleich zwei erschütternde Offenbarungen an einem Tag muss Emma verdauen: Sie wurde adoptiert und sie ist eine Weltenwanderin! Statt die Zeit nach dem Schulabschluss zu genießen, soll sie in Bücher reisen. Als sie auch noch erfährt, dass ihre leibliche Mutter in das Buch Anakondra geflohen ist, fasst Emma den kühnen Plan, ihr zu folgen. Dummerweise benötigt sie dazu die Hilfe ihres Wanderpartners Jakob, der sie zur Weißglut treibt. In der Dschungelwelt Anakondras finden sich die beiden unversehens im Herzen einer Rebellion wieder. Inmitten des Chaos muss Emma nicht nur ihre Mutter finden, sondern darf sich auch selbst nicht in den Fängen des Schattenfürsten verlieren.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
HYBRID VERLAG
Vollständige elektronische Ausgabe
06/2024
Die Weltenwanderer
© by Annika Neuhaus
© by Hybrid Verlag
Westring 1
66424 Homburg
Umschlaggestaltung: © 2024
by Magical Cover Design, Giuseppa Lo Coco
Lektorat: Martina Volnhals
Korrektorat: Petra Schütze
Buchsatz: Mascha Fekete
Autorenfoto: Privat
Weltkarte: © Maxine Lange
Coverbild ›Zone 9 – Caput Leonis‹
© 2023 by Mascha Fekete
Coverbild ›Melodie der Unsterblichkeit – Die Entscheidung‹
©2023 by Florin Sayer Gabor (www.100covers4you.com)
ISBN 978-3-96741-267-3
www.hybridverlag.de
www.hybridverlagshop.de
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
Annika Neuhaus
Die Weltenwanderer
Fantasy
Für meine Familie, die schon immer an meine Geschichten geglaubt hat und ganz besonders für meine Mutter. Du wirst immer in meinem Herzen bleiben.
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1.
Stille.
Nur das leise Rascheln von Papier bewies ihr, dass ihre Ohren noch funktionierten.
Emma stand in einem steinernen Raum mit hohen Decken und einer Reihe nicht enden wollender Bücherregale.
Wie aus dem Nichts materialisierte sich eine hagere Gestalt, mit dunkelgrauen Stoffen umwickelt. Sie drehte das Kinn, sodass ihr Blick Emma durchbohrte.
»Emma.« Die Stimme klang wie Schleifpapier auf Steinen und Unbehagen rieselte durch Emma hindurch. Die Gestalt streckte die knochige Hand aus und …
Emma riss die Augen auf. Es dauerte einen Moment, bis die Traumbilder verblassten und mit ihnen das bedrückende Gefühl nachließ. Die untergehende Sonne schien durch ihr Fenster. Ihre Hand kribbelte und ihr Bein schmerzte. Mit einem unterdrückten Gähnen setzte sie sich aus der unbequemen Position auf der Couch auf.
Der Liebesroman, den sie vor ihrem versehentlichen Mittagsschlaf gelesen hatte, war auf den Boden gerutscht. »Ups.«
Kurz rieb sie sich über die Schläfe und versuchte sich an den unheilvollen Traum zu erinnern, aber wie so oft wurden die Szenen unscharf, sobald ihr Kopf wieder in der Realität angelangt war.
Kopfschüttelnd verscheuchte sie das Unbehagen, schlüpfte unter der Kuscheldecke hervor und schwang die Beine über die Kante. Ihr Blick wanderte zur Uhr. Gerade noch genug Zeit, um sich für ihre Party zurechtzumachen. Wie konnte sie denn an ihrem Geburtstag einschlafen? Noch dazu an ihrem achtzehnten?
Verwundert stellte sie sich unter die heiße Dusche. Anschließend föhnte sie ihre Haare, bis diese in sanften Wellen über ihre Schultern fielen.
Sie öffnete den Kleiderschrank und zerrte eine hellblaue Bluse mit Spitzenärmeln aus den Tiefen hervor. Mit der schwarze Skinny Jeans dazu sah sie richtig erwachsen aus.
Vor dem Badezimmerspiegel legte sie etwas Lidschatten, Mascara und Rouge auf, verzichtete auf das Lipgloss und borgte sich stattdessen den weinroten Lippenstift ihrer Mutter.
Mit einem breiten Lächeln im Gesicht schlüpfte sie aus der Haustür und atmete die laue Luft ein. Die Außenbeleuchtung schaltete sich mit einem leisen Klicken an.
Ungeduld durchflutete ihre Adern und gleichzeitig spürte sie eine unsichtbare Kraft, die sie in Richtung der Altstadt zog. Sicherlich war das die Vorfreude auf den Abend im Club.
Dem Drang nachgebend, schlenderte sie an dem Botanischen Garten vorbei. Ein paar Tauben gurrten und flogen davon, als sie ihnen zu nahekam.
Sanfter Wind kam auf, raschelte in den Zweigen der Kastanien und umspielte Emmas braune Haare. Ihre Ballerinas tappten leise auf dem Asphalt.
Emma.
Abrupt drehte sie sich um und musterte die Straße. Eine Mutter manövrierte ihren Kinderwagen auf den Bordstein und ein Fahrradfahrer strampelte an Emma vorbei. Keiner der beiden beachtete sie.
Komisch.
Und überhaupt. Seit sie vor die Tür getreten war, schien sich ein unsichtbares Band um ihren Bauch gewickelt zu haben und sie unerbittlich weiterzuziehen. Zügig schritt sie voran und erreichte schon bald die Karl-Liebknecht-Straße im Zentrum von Leipzig. Sie warf im Gehen einen Blick auf ihr Handy. Wenn sie sich beeilte, würde sie es rechtzeitig zum Club schaffen.
Nach rechts bog sie in die Straße ab, die direkt zu ihrem Ziel führte. Abrupt blieb sie an der nächsten Abzweigung stehen. Warum sträubte sich auf einmal alles in ihr dagegen weiterzugehen?
Ihr Blick schweifte über die hellen Fassaden der Häuser. Mit gerunzelter Stirn entzifferte sie das blaue Straßenschild, das in den schmalen Weg deutete. Künstlergasse stand da. Probehalber machte Emma zwei Schritte in die Richtung und sogleich verstärkte sich der Zug um ihre Mitte.
Mit der flachen Hand rieb sie sich über den Bauch, aber sie spürte weder klebrige Spinnweben noch etwas anderes, das ihre Empfindungen erklären würde. Energisch kniff sie sich in die Seite und blinzelte mehrmals. Nein, sie träumte definitiv nicht mehr. Aber das Gefühl, sie könne etwas Wichtiges verpassen, wenn sie dem Sog nicht nachgab, blieb bestehen.
Sie schluckte. Was sollte sie in dieser Gasse?
Vor ihrem inneren Auge zogen Erinnerungsfetzen an ihren Traum vorbei. Ja, sie hatte von verwinkelten Häusern geträumt. Eben solchen, wie sie in der Gasse vor ihr zu finden waren. In ihrem Traum war auch ein Raum voller Bücher aufgetaucht. Befand sich dieser etwa in der Künstlergasse? Aber da waren doch nur lauter Ateliers und Ramschläden untergebracht.
Sie fuhr sich durch die Haare. Etwas Bedeutsames war in dem Traum passiert, aber sie kam nicht mehr darauf, was.
Frustriert zupfte sie eine Fluse von ihrer schwarzen Strickjacke. Nach einem tiefen Atemzug bog sie in die Gasse ein. Sie war nicht abergläubisch. Aber wenn sie dieses undefinierbare Jucken loswerden wollte, musste sie wohl einen Abstecher in das Künstlerviertel machen, obwohl das einen Umweg bedeutete.
Vielleicht wollte ihr Unterbewusstsein ihr etwas Wichtiges mitteilen oder es gab ihn doch, den siebten Sinn.
Zögerlich setzte Emma einen Fuß vor den anderen. Rechts und links reihten sich Ateliers und Antiquitätenläden aneinander wie Perlen auf einer Kette. Die bunten Fassaden schmiegten sich aneinander, die dunklen Schaufenster wirkten wie riesige, schwarze Löcher.
Der Wind frischte auf und schob sie in die Richtung eines kleinen Ladens.
Emma. Erneut dieses Flüstern.
Sie fuhr herum, aber die anderen Spaziergänger liefen ungerührt die Straße entlang, als würden sie das Wispern nicht hören.
Okay, irgendetwas in ihrer Wahrnehmung war heute aus dem Gleichgewicht geraten. Oder fühlte man sich an seinem achtzehnten Geburtstag einfach, als warteten jede Menge Abenteuer auf einen, die gelebt werden wollten?
Stirnrunzelnd folgte Emma dem Wispern, das von einem windschiefen Haus mit badeentengelber Fassade kam.
Im Gegensatz zu den dunklen Schaufenstern der anderen Geschäfte strahlte dieses, als würde es die Straße erhellen wollen.
Seltsam. Zu dieser Tageszeit, oder eher Nachtzeit, hatten die Läden doch alle geschlossen. Emma trat näher. Der Wind pustete in ihren Rücken und schob sie in die Richtung des Eingangs. Das Flüstern schwoll zu einem Rauschen an.
Eigentlich sollte ihr unheimlich zumute sein: ein unerklärliches Wispern, ein hell erleuchtetes Fenster, ein Mädchen allein in einer dunklen Gasse …
Doch das Licht wirkte nicht bedrohlich, sondern eigenartig beruhigend, fast schon einladend. Das Band um Emmas Bauch löste sich bei dem Anblick in Luft auf und machte Platz für eine wohlige Wärme.
Eine goldene Schrift prangte quer über dem Fenster: Esmeraldas Bücherei — hier suchst du, was du findest.
Zögernd streckte Emma ihre Hand nach dem pilzförmigen Knauf aus, aber bevor sie ihn berühren konnte, schwang die Tür knarrend auf. Licht flutete die Straße und umhüllte sie wie eine warme Decke.
»Herein, herein«, erklang eine glockenhelle Stimme.
Neugierig kam Emma einen Schritt näher. Und noch einen. Kaum war sie über die Schwelle getreten, schlug die Tür mit einem Knall hinter ihr zu. Erschrocken zuckte Emma zusammen. Doch der Anblick, der sich ihr bot, lenkte sie von ihrem klopfenden Herzen ab.
Der Raum ähnelte dem aus ihrem Traum, aber im Gegensatz dazu wirkte er nicht düster, sondern heimelig. Alte verzierte Holzregale aus Mahagoni drängten sich in langen Reihen nebeneinander und orangefarbene Schmetterlinge flatterten umher. Verwundert blickte Emma ihnen nach.
Stirnrunzelnd trat sie an das Regal links von ihr heran. Alte und neue, dicke und dünne Bücher sammelten sich auf den Brettern. Die Farben der Buchrücken bildeten bunte Kontraste zu dem dunklen Holz.
»Na, gefallen sie dir?«, fragte die helle Stimme, die sie zum Eintreten aufgefordert hatte.
Erschrocken wirbelte Emma herum und fand sich Auge in Auge mit einer älteren Dame wieder. Diese trug eine halbmondförmige Brille auf der Nase und um ihren faltigen Hals baumelte eine goldene Kette mit einem unförmigen Schlüssel. Silberne Strähnen durchzogen ergrautes Haar, an den dürren Handgelenken klimperten goldene Armreifen. Ein großer Siegelring steckte an ihrem schmalen Finger.
Emma blinzelte verdutzt. »Ist der Laden neu hier? Er ist mir noch nie aufgefallen.«
»Ja und nein.« Die Dame legte den Kopf schief und lächelte leicht. »Außerdem ist das eine Bibliothek und kein Laden. Ich bin Valerie, die Hüterin.«
»Soso«, machte Emma. Wie eine normale Bücherei wirkte der kuriose Raum nicht. Das sanfte, gelbe Licht und die antiken Möbel vermittelten Geborgenheit, doch gleichzeitig löste die Erscheinung der Frau Verwirrung in Emma aus. Vorsichtshalber nahm Emma zwei Schritte Abstand von der Dame und wandte sich wieder den Regalen zu. Einen Titel nach dem anderen begutachtete sie. Dabei schwoll das Wispern erneut an, als würden die Bücher sprechen. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Das lag sicher an dem Sekt, mit dem sie heute Mittag mit ihren Eltern angestoßen hatte.
»Und? Gefällt dir der Raum?« Die Dame ließ nicht locker.
»Ja, die Bücherei ist wunderschön«, antwortete Emma, ohne sie anzusehen. Langsam ging sie die Regalreihe entlang.
Einige Bretter beherbergten mehr Pflanzen als Bücher. Üppige Ranken wuchsen von dort aus durch die Bücherreihen. Zwischen den grünen Blättern blitzten Buchstützen aus Edelsteinen hervor. In manchen Büchern steckten Federn wie Lesezeichen zwischen den Seiten. Eine Vase stand in der Ecke auf einem Holzschemel, bestückt mit einem großzügigen Fliederstrauß. Die Blüten verströmten einen angenehmen Duft.
Emma drehte sich wieder zu der Frau um, die weniger gruselig als ihr Traumpendant wirkte.
Bevor sie jedoch eine Frage formulieren konnte, fuhr die Frau fort: »Es freut mich, dass die Bücherei dir gefällt. Aber das war zu erwarten, nicht wahr? Schließlich ist es ja deine.« Die Dame lächelte.
»Was? Meine Bücherei?« Ungläubig machte Emma eine Handbewegung, die den ganzen Raum umfasste. Die Alte hatte sie nicht mehr alle. Gänsehaut überzog Emmas Arme.
Die grauen Augen der Alten funkelten. »Aber ja. Du bist schließlich eine Wanderin und jede Wanderin hat ihre eigene Bücherei.«
»Ich bin eine was?« Vorsichtshalber machte Emma einen Schritt rückwärts und stieß gegen ein Regal.
»Genaugenommen bist du eine Weltenwanderin.«
»Mhm«, machte Emma sarkastisch. Genau, eine Weltenwanderin. Dann konnte ihre Freundin Lydia niemand anders als die verschollene Prinzessin von Saba sein und Sandra arbeitete Undercover für das FBI. Na klar.
»Merkst du nicht, dass Bücher dich anziehen? Hast du nie gehört, wie sie zu dir flüstern? Hattest du nie das Bedürfnis, in eine Geschichte einzutauchen? Komplett, mit Haut und Haar?«
Schwungvoll griff die Dame an ihr vorbei, zog ein Buch aus einem der Regale und hielt es ihr hin.
Emma, deren Herz wegen der plötzlichen Nähe zu rasen begann, zuckte zusammen. Ohne die Frau aus den Augen zu lassen, schob sie sich Zentimeter für Zentimeter in Richtung Ausgang.
Weil die Dame keinerlei Anstalten machte, sie aufzuhalten, kam sie sich plötzlich albern vor. Das Buch konnte nicht beißen und die Bibliothekarin mit den dürren Beinen und zittrigen Armen war ihr körperlich weit unterlegen. Entschlossen nahm Emma das Buch aus den Händen der Frau und fuhr über den überraschend weichen Einband. Ein Herz aus Feuer und Asche lautete der Titel, der in goldenen Buchstaben eingeprägt war. Ein Mädchen ritt furchtlos auf einem schwarzen Drachen, im Hintergrund ragten die Silhouetten einer Stadt in die Luft. Wie es wohl wäre, auf dem herrlichen Tier zu sitzen und durch die Luft zu fliegen? Aber träumte nicht jede Leseratte davon, in Geschichten und Bücher einzutauchen und Seite an Seite mit ihren Heldinnen und Abenteurern zu kämpfen?
»Sei ehrlich«, raunte die Dame. »Du hörst die Bücher reden.«
»Wie bitte?« Stirnrunzelnd sah Emma von dem Einband auf. Sie sollte diesem ganzen Hokuspokus ein Ende bereiten und die Flucht antreten.
Doch da war etwas, das sie zurückhielt. Ein leichtes Kitzeln oder Summen in ihren Fingerspitzen, das von dem Buch ausging und durch ihre Unterarme zog. Wärme, die sich in ihr ausbreitete, je öfter sie die sanften Unebenheiten der Titelbuchstaben nachfuhr.
»Ach komm. Ich höre die Bücher und du hörst sie genauso.« Ruckartig entzog ihr die Dame das Buch und sortierte es wieder in das Regal. Das Summen in Emmas Fingerspitzen verschwand.
Ohne die bedruckten Seiten in ihren Händen breitete sich Leere in ihr aus und sie zog die Strickjacke enger um sich. Das war eindeutig nicht normal.
»Da du außerhalb der Bruderschaft aufgewachsen bist, gehe ich recht in der Annahme, dass du nichts vom Weltenwandern weißt?«
Bruderschaft? Weltenwandern? Emmas Mund wurde trocken.
Valerie wiegte den Kopf hin und her. »Nichts? Du hast noch nie nach den Geschichten hinter den Geschichten gesucht?«
»Nein.« Ihre schweißnassen Hände wischte Emma an ihrer Hose ab. Sie fühlte sich, als hätte sie bei einem wichtigen Test versagt. Ihr Herz pochte unnatürlich schnell. Die Wände der Bücherei schoben sich auf sie zu. Das welke Blatt einer Topfpflanze fiel zu Boden, die Schmetterlinge verschwanden. Die dicke Luft, getränkt von dem Geruch der papiernen Seiten, erschwerte ihr das Atmen. Das Lächeln der alten Frau schien sich auszudehnen und erinnerte Emma an einen Horrorclown.
Sie brauchte Luft!
Panisch drehte sie sich zur Tür. Kalte Finger krallten sich in ihren Arm. Schnell riss sie sich los, hastete aus dem Laden und schlug die Tür hinter sich zu.
Ohne nachzudenken, rannte sie bis vor an die Kreuzung, dann weiter Richtung Innenstadt und blieb erst stehen, als ihre Seiten brannten. Unerträglich legte sich die Stille der nächtlichen Straßen über Emma. Tief atmete sie ein und aus. Was zum Henker? Sie verschränkte ihre Arme. Trotz der sommerlichen Abendluft fröstelte sie.
Sobald sich ihre Atmung beruhigt hatte, setzte sie sich erneut in Bewegung. Ihre Schritte hallten in der Gasse wider.
Sie war so naiv! Stolperte nachts allein in einen Laden, der zu der Zeit geschlossen sein sollte. Plötzlich konnte sie es kaum erwarten, ihre Freundinnen zu sehen und mit ihnen die merkwürdige Begegnung zu besprechen. Bestimmt war die Frau verrückt. Ja. Das musste es sein. Die Dame hatte nicht alle Tassen im Schrank.
Fröstelnd ging Emma weiter.
2.
Schon aus der Ferne erblickte Emma ihre Freundinnen. Lydia trug wie so oft ihren flaschengrünen Jumpsuit, der einen schönen Kontrast zu ihrer dunklen Haut bildete und stemmte einen Fuß gegen die Hauswand in ihrem Rücken. Sandra stand neben ihr und die Pailletten ihres Kleides glitzerten trotz der Dunkelheit. Sie gestikulierte wild und schien etwas zu erzählen.
Der Anblick der beiden erdete Emma. Sie wirkten so normal und vertraut.
Ein warmes Lächeln breitete sich auf Lydias Gesicht aus, als sie Emma erblickte. Sie drückte sich von der Mauer weg, woraufhin Sandra herumwirbelte.
»Hey, Geburtstagskind, alles Gute.« Lydia umarmte sie mit beiden Armen und Emma merkte, wie sich ihr Puls verlangsamte.
Sandra strahlte sie an, ihre blonde Mähne stand in sämtliche Richtungen ab.
»Schön euch zu sehen.«
»Ist alles in Ordnung? Du siehst angespannt aus.« Sandra zupfte an Emmas Bluse herum.
»Oh.« Emma strich sich eine Strähne hinters Ohr. Auf einmal kam ihr das Erlebte so unwirklich vor. »Eigentlich ist alles okay.« Sie zögerte.
»Und uneigentlich?« Lydias Stimme klang sanft.
»Kennt ihr das, wenn etwas passiert, das so abgedreht ist, dass es nicht passiert sein kann?«, fragte Emma mit einem schiefen Grinsen.
»Du sprichst in Rätseln, aber ich liebe Rätsel«. Sandra zog die Mundwinkel hoch.
Lydia verdrehte die Augen. »Ja ja, beim Escape-Room wären wir ohne dich aufgeschmissen gewesen.«
»Hey«, empörte sich Sandra und stupste Lydia an. »Ohne mich würdet ihr noch immer in dem ersten Raum festsitzen und grübeln, was die Malereien an der Wand mit dem Code zu tun haben.« Grinsend wandte sie sich Emma zu. »Also, um was geht’s?«
»Ich habe vorhin eine Bücherei entdeckt, von der die Besitzerin behauptet hat, dass sie mir gehört.«
Lydia schaute genauso skeptisch drein, wie Emma sich fühlte. »Welche Bücherei und warum sollte sie dir gehören?«
Emma holte aus. Je mehr sie von Valerie und ihrem seltsamen Gespräch erzählte, desto weniger greifbar erschien ihr das Erlebte, wie ein verworrener Tagtraum.
»Was? Du bist da einfach so reingegangen? Da hätte doch sonst was passieren können!« Lydia starrte sie an, als müsse sie sich überzeugen, dass es Emma gut ginge.
»Na ja, schon. Aber das Licht war so gemütlich und das Haus hat mich angezogen. Ach, ich weiß doch auch nicht«, endete Emma unsicher. Je öfter sie darüber nachdachte, desto verrückter kam ihr die Sache vor.
»Kannst du uns die Bücherei zeigen?«, fragte Sandra. »Ich bin mir nicht sicher was ich davon halten soll.«
»Ich auch nicht«, sagte Emma und zuckte mit den Schultern. »Wenn ihr sie sehen wollt, kann ich sie euch gerne zeigen. Sie liegt in der Künstlergasse. Vielleicht wird das alles dann klarer.«
Lydia zog ihren schwarzen Bolero enger um sich und nickte. »Ich würde sie ebenfalls gern sehen.«
Emma lächelte die beiden an und drehte sich in die Richtung um, aus der sie gekommen war. Mit Sandra und Lydia an ihrer Seite fühlte sie sich stärker. Sie straffte die Schultern und führte ihre Freundinnen durch die Nacht. Dennoch hatte sie sich ihren Geburtstag so nicht vorgestellt.
»Dahinten ist die Bücherei. Neben dem Antiquitätenladen.« Emma deutete auf die quietschgelbe Fassade. Sie hatte zwar nach dem Gespräch mit ihren Freundinnen das Gefühl, alles wäre rational erklärbar. Dennoch ging ihr Atem schneller bei der Aussicht, hinter das Rätsel zu kommen. Ihre Schritte beschleunigten sich und sie hielt den Blick fest auf die Bücherei gerichtet. »Da, das ist die …« Das Wort blieb Emma im Hals stecken.
Die großen Schaufenster der Bücherei waren erblindet und die Schrift über der Tür verschwunden. Grüne Farbe blätterte vom Türrahmen. Energisch rüttelte Emma an dem angelaufenen Messingknauf.
»Das gibt’s nicht«, stammelte sie. »Eben war sie noch da.« Sie wischte mit dem Ärmel über die fleckigen Fenster und spähte in das Dunkel des Ladeninneren. Große Spinnweben hingen von der Decke und der Staub sammelte sich auf den ausgetretenen Holzdielen.
»Ähm, Emma?« Sandra räusperte sich. »Ich sehe keine Bücherei.«
Emma wirbelte herum. Ihr Herz klopfte und ihr wurde heiß.
Lydia zupfte gedankenverloren an einer gekräuselten Haarsträhne.
Unsicher presste Emma die Lippen zusammen. Was lief hier? Sie musste verrückt geworden sein oder einen Tagtraum gehabt haben. Suchend drehte sie sich um ihre Achse. Standen sie womöglich vor der falschen Hausnummer? Oder in der falschen Straße?
Aber nein. Die Bücherei war hier gewesen. Die badeentengelbe Hauswand hatte sich in ihre Erinnerung eingebrannt.
»Ich versteh das nicht«, flüsterte sie tonlos.
»Soll das ein Scherz sein? Oder, oh, ist das so eine Art Escape Room?«, fragte Sandra und klatschte in die Hände.
»Nein! Es ist … Keine Ahnung …« Auf Emmas Armen bildete sich eine Gänsehaut.
Nachdenklich fuhr sich Lydia durch ihre Haare. »Em, kann es sein, dass du das geträumt hast oder so? Die letzten Tage waren stressig mit den ganzen Abi Prüfungen. Soweit ich weiß, kann Stress Einbildungen auslösen.«
Emma atmete tief durch und zwang ihr Gesicht zu einem Lächeln. »Vielleicht hast du recht. Die letzten Wochen waren anstrengend. Wisst ihr was? Lasst uns die Sache vergessen und tanzen gehen.«
Mehrere Sekunden lang musterten ihre Freundinnen sie. Verlegen nestelte Emma an ihrer Kette. Sie konzentrierte sich darauf, wie die Pailletten von Sandras Kleid das Mondlicht reflektierten. Später. Später, wenn sie allein war, würde sie in Ruhe darüber nachdenken, was geschehen war und ihre Gedanken mithilfe ihres Tagebuches sortieren.
»Em«, fing Lydia wieder an.
Emma schnitt ihr das Wort ab. »Bitte Lydi, bestimmt war das nur der Stress und tanzen hilft sicherlich dagegen. Lasst uns zum Velvet gehen, bitte«, flehte sie geradezu. Bestimmt war sie vor lauter Verlegenheit rot angelaufen.
Lydia bedachte sie mit einem Blick, den sie nicht deuten konnte, nickte dann aber.
Schließlich strich Sandra ihr Paillettenkleid glatt und setzte sich in Bewegung. »Also gut, lasst uns Leipzig unsicher machen.«
Obwohl die Künstlergasse abgelegen lag, dauerte es nicht lange, bis sie die belebte Hauptstraße erreichten. Gelächter und dumpfe Musik aus verschiedenen Bars und Discos durchdrangen die Nacht und hin und wieder zog Zigarettenrauch an ihnen vorbei.
Am Velvet angekommen, zeigten sie ihre Ausweise vor und erhielten einen Stempel auf die Hand.
»Herzlichen Glückwunsch und schöne Feier«, wünschte der dunkel gekleidete Türsteher, als er Emma ihren Perso zurückgab. Stolz lächelte sie ihn an.
Eine Treppe führte unter die Erde und die elektronischen Klänge der House Musik dröhnte ihnen entgegen. Die Luft wurde mit jeder Stufe stickiger und Emma war froh, dass sie keine weitere Jacke mitgenommen hatte. Schummriges rotes Licht erhellte den Raum und eine Discokugel warf flimmernde Punkte auf die Tanzfläche.
Sandra drängte sich durch das Getümmel an die Bar und Emma folgte ihr. Sie bestellten Getränke bei der jungen Barkeeperin. Diese nickte und stellte ihnen wenig später das Gewünschte auf die Theke.
Vorsichtig nippte Emma an ihrem Glas und hoffte, so das ungute Gefühl zu ertränken. Sie konzentrierte sich auf die peinlichen Frauengeschichten, die Sandra von ihrem großen Bruder erzählte. Dennoch lauerte in ihrem Hinterkopf der Gedanke an die Bücherei. Die Erinnerung an das Erlebnis klebte an ihr wie ein hartnäckiger Kaugummi unter der Schuhsohle.
Was, wenn die alte Frau die Wahrheit gesagt hatte und Emma tatsächlich magische Fähigkeiten besaß? Aber es ergab einfach keinen Sinn, dass die Bücherei danach verschwunden war. Sie schüttelte den Kopf. Außerdem passierte so etwas nicht im echten Leben.
»Lasst uns tanzen«, schlug sie schließlich mit lauter Stimme vor, weil sich ihre Gedanken nur im Kreis drehten.
Gemeinsam drängten sie sich auf die Tanzfläche, bildeten ihren eigenen kleinen Kreis und bewegten sich zu der Musik.
Mit jedem Song wurden sie ausgelassener. Irgendwann packte Sandra eine Menge witziger Dance-Moves aus und animierte Lydia und Emma dazu, mitzumachen.
»Der Einkaufswagen!«, rief sie und tat, als schiebe sie mit einer Hand einen imaginären Wagen, während sie mit der anderen ins unsichtbare Regal griff und nicht vorhandene Waren in ihrem Wagen verstaute. »Und jetzt die Autowaschanlage!« Sie kreiste mit ihren flachen Händen, als poliere sie ein Auto, dann ahmte sie Scheibenwischer nach.
Emma kicherte. Sie konnte gar nicht anders, das Lachen perlte aus ihr heraus und nahm den Rest des Unbehagens mit sich.
»Ich kenne auch noch einen.« Lydia machte eine Kunstpause und erstarrte dabei, um die Dramatik zu erhöhen. »Der Spion.« Erst fuhr sie sich mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger über die Augen und wippte dabei im Takt, dann imitierte sie eine Pistole.
Als der DJ zu etwas mehr Mainstream überging und das Lied Paparazzi von Lady Gaga auflegte, kreischten alle drei erfreut auf. Dazu hatten sie bei der Abifeier schon getanzt. Ohne nachzudenken, tauchten sie in die kleine Choreografie ein, bei der sie abwechselnd in die Rollen von Lady Gaga und den Paparazzi schlüpften.
Der Schweiß lief Emma über den Rücken und ihr Kopf dröhnte auf eine angenehme Art. Die laute Musik und das Tanzen vertrieben sämtliche Gedanken. Eher zufällig blickte sie auf ihre Armbanduhr.
»Oh Mist.« Sie drehte sich zuerst zu Lydi. »Es ist schon ein Uhr, ich muss nach Hause!«, brüllte sie, neigte sich zu Sandra und wiederholte den Satz.
Beide nickten zur Antwort, dann quetschten sie sich durch den Gang der Disco ins Freie.
Tief atmete Emma die abgekühlte Nachtluft ein. Ihre Ohren klingelten und ihre Zunge klebte am Gaumen. Dennoch lag ein breites Grinsen auf ihren Lippen. »Ich habe leider meiner Mutter versprochen, nicht zu spät heim zu kommen. Aber es war ein wunderschöner Abend mit euch. Hab euch lieb.«
»Ich dich auch.« Lydia legte ihr den Arm um die Hüfte und zog sie an sich. »Komm gut nach Hause.«
»Danke, ihr auch.« Emma lächelte ihre Freundinnen an.
»Bis bald.« Sandra zwinkerte ihr zu.
Emma drehte sich um und schlug den Heimweg ein. Eigentlich wollte sie auf direktem Weg nach Hause, doch Valeries Worte schwirrten in ihrem Kopf umher wie lästige Fliegen, die sich nicht verscheuchen ließen.
Sie blieb stehen.
Es wäre leichtsinnig, geradezu dumm, die Bücherei erneut aufzusuchen. Das würde sie auf gar keinen Fall tun, egal wie sehr die Neugierde sie quälte und wie laut ihre Gedanken riefen.
»Ach, verdammt!« Fluchend setzte sie sich wieder in Bewegung. Wem machte sie hier eigentlich etwas vor? Wenn sie nicht noch ein letztes Mal überprüfte, ob ihre Wahrnehmung ihr einen Streich gespielt hatte, würde sie sich ihr Leben lang fragen, was zum Henker sie da erlebt hatte.
Wider besseren Wissens schlug sie den Abstecher in die Künstlergasse ein.
Kaum, dass sie in die Straße einbog, fiel ihr der einsame Lichtschein eines Schaufensters ins Auge. Nicht zu fassen! Natürlich tauchte die Bücherei jetzt wieder auf, wo weder Lydia noch Sandra bei ihr waren, um sie zu begleiten.
Über der Tür des gelben Häuschens prangte erneut die Schrift und der Knauf erinnerte wieder an einen Fliegenpilz. Allein dieses Detail verriet doch schon, dass es sich um keinen normalen Laden handeln konnte, oder? Nun, das würde sie jetzt untersuchen.
Vorsichtshalber packte Emma ihren Schlüssel fester, bereit, sich zu verteidigen, sollte die Frau doch wahnsinnig sein.
Energisch griff sie nach dem Fliegenpilz, drehte ihn und trat ein. Sie sah sich nach allen Seiten um und scannte den Raum nach versteckten Kameras ab, konnte aber keine entdecken.
»Es ist extrem unfreundlich, jemandem die Tür vor der Nase zuzuschlagen.« Die resolute Stimme der Bibliothekarin schnitt durch den Raum. Valerie trat aus dem Halbdunkel der hinteren Ladenhälfte ins Licht und musterte sie säuerlich über den Rand ihrer Brille.
Unfreundlich? Es war unfreundlich, andere Leute zu verarschen. »Sind wir hier bei Verstehen Sie Spaß?«, fragte Emma mit nicht allzu großer Hoffnung.
Missmutig verzog die Frau den Mund. »Kindchen, es ist spät. Können wir bitte einfach dort weitermachen, wo du unser Gespräch vorhin unterbrochen hast?«
Mit einem Seufzer verschränkte Emma die Arme. Also doch kein Streich, zumindest, wenn sie der Aussage der Dame Glauben schenkte. Vielleicht sollte sie sich einfach anhören, was sie zu sagen hatte. Andernfalls würde sie später nur im Bett liegen und vor lauter Gedanken nicht einschlafen können.
»Also gut. Wo waren wir stehengeblieben?« Valerie klimperte mit ihren Armreifen.
»Äh, ich glaube, Sie haben gesagt, dass ich eine Weltenwanderin bin.«
»Gut, gut, du hast es dir immerhin gemerkt«, murmelte die Bibliothekarin vor sich hin. »Weißt du, deine Eltern sind so begabt, du bist sicher ein Naturtalent.«
»Meine Eltern?«, brach es aus ihr heraus.
»Aber ja. Frieda und Richard sind beide sehr gut.«
Erleichtert atmete Emma auf. Damit war der Beweis erbracht, dass die Frau vor ihr verrückt war oder eine Verwechslung vorlag. »Meine Eltern heißen anders.«
Bestürzt schlug sich die Bibliothekarin die Hand vor den Mund. »Oh Kindchen, ich nahm an, dass Kristin und Clemens dir erzählt hätten, dass du adoptiert bist. Entschuldige.«
Vorsichtshalber hielt sich Emma an einem Regal fest.
»Nun, deine leibliche Mutter wird seit deiner Geburt vermisst. Ich dachte, das wüsstest du. Wie taktlos von mir, dass du das jetzt auf diese Weise erfährst.« Valerie nahm Emmas Hand zwischen ihre. »Du bist Frieda übrigens wie aus dem Gesicht geschnitten.«
»Wie bitte?« Taktlos war hier die Untertreibung des Jahrhunderts.
Die Bibliothekarin deutete in eine Ecke, in der sich Kissen in verschiedenen Blautönen stapelten. Über der Sitzecke hing ein pechschwarzer Baldachin. Fluoreszierende Sterne waren an der Decke befestigt und erzeugten die Illusion eines Nachthimmels.
»Kindchen, setz dich. Ich bringe dir einen Tee und dann erkläre ich dir alles.« Geschäftig schob Valerie sie in die Richtung der Kissen.
Emma hatte nicht die Kraft, zu widersprechen und ließ sich sinken. Nie im Leben war sie adoptiert!
Die kleine Katze tapste herbei, kletterte auf ihre Beine, rollte sich auf ihrem Schoß zusammen und schnurrte. Mit zitternden Händen strich sie über das rote Fell. Die Wärme, die sie verströmte, tat gut und half gegen die Kälte, die sich in ihrem Inneren ausbreitete.
Scheiße. Warum nur hatte sie diesen Abstecher gemacht?
O Gott. Emma wischte sich mit der Hand über das Gesicht. Was sollte sie jetzt tun? Musste sie überhaupt etwas unternehmen?
Doch bevor sie sich in ihren Gedanken verstricken konnte, kam Valerie wieder und balancierte ein Tablett mit Teetassen in der Hand. Sie zog einen Hocker heran und stellte es ab. Ächzend ließ sich die alte Dame auf ein Kissen gegenüber von Emma nieder. »Mein Gott, meine Knochen machen den Spaß nicht mehr lange mit. Sei froh, dass du noch so jung bist. Mit achtzehn Jahren, da hat man noch eine Menge schöner Dinge vor sich.«
Weil sie nicht wusste, was sie darauf antworten sollte, schwieg sie und streichelte stattdessen das flauschige Fell der Katze.
Valerie nahm ein Stück Würfelzucker mit einer kleinen, silbernen Zange und ließ ihn in eine Tasse fallen. »Auch etwas?«
Bevor Emma antworten konnte, plumpste ein weiteres Stück in die zweite Tasse.
»Hier trink Liebes, das wird dir helfen.« Valerie drückte ihr das zarte Porzellantässchen in die Hand und zwinkerte. »Das ist meine eigene Mischung. Hilft gegen Verwirrung.«
Misstrauisch musterte Emma den Tee.
»Wartest du bis Weihnachten? Trink schon.« Mit einer Falte auf der Stirn starrte Valerie sie an.
Emma wartete, bis die alte Frau einen Schluck nahm. Dann hob sie die Tasse an ihre Nase und atmete tief ein. Es duftete angenehm nach Rosen und Minze. Vorsichtig nippte sie. Der Geschmack war zwar etwas gewöhnungsbedürftig, aber der heiße Tee wärmte sie und je mehr sie davon trank, desto langsamer wirbelten die Gedanken in ihrem Kopf. Als hätte jemand einen Wirbelsturm in Zeitlupe versetzt. Dennoch fühlte sie sich wie in einem Traum gefangen.
Als Emma die Tasse wieder auf das Tablett zurückstellte, kitzelte etwas an ihrer Hand. Überrascht zuckte sie zusammen. Der Kater hatte den Kopf gehoben und leckte ihr über die Finger. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen.
»Also, fangen wir ganz von vorn an«, sagte Valerie, mehr zu sich selbst als zu Emma. »Am besten, du schließt die Augen und lässt dich einfach auf meine Erklärung ein.«
Einen Teufel würde sie tun! Stattdessen fixierte sie Valeries Gesicht.
Die alte Dame holte tief Luft. »Geschichten existieren seit Anbeginn der Zeit und sind tief in unserer menschlichen Natur verankert. Sie sind lehrreich, faszinierend oder laden zum Träumen ein.«
Die Stimme der alten Frau glich einem beruhigenden Singsang, untermalt von dem Schnurren des Katers. »Was jedoch die wenigsten wissen, ist, dass die Geschichten nicht nur in unserer Fantasie existieren, sondern jedes Buch seine eigene Welt birgt, in die man reisen kann.«
Emma rieb sich über die Stirn. In ihrem Kopf tanzten die Gedanken wie Schneeflocken in einem Wintersturm. »Sie behaupten also, dass jedes Buch eine Welt beschreibt und jede Welt besucht werden kann?« Ihre Stimme triefte vor Zweifel.
Valerie kratzte sich mit dem Brillenbügel hinter dem Ohr. »Ganz genau, Liebes. Allerdings können nur wenige Auserwählte in Bücher eintauchen, und selbst die nicht in jedes beliebige. Aber es ist nicht meine Aufgabe, das zu erklären. Auf jeden Fall ist diese Gabe leider Anlass zu großem Neid und übertriebener Angst.«
Wohl eher zu großer Skepsis. Wenn sie Sandra gegenüber behaupten würde, dass sie in Bücher reisen könnte, würde ihre Freundin ihr höchstwahrscheinlich einen Besuch beim Psychiater empfehlen, anstatt neidisch auf ihre Fähigkeiten zu sein.
Valerie fuhr fort: »Und weil die Menschen schon immer Andersartige fürchteten, werden Weltenwanderer seit Jahrhunderten gezielt verfolgt.«
»Wie bitte?« Ein eisiger Klumpen ballte sich in ihrem Bauch.
Die kleine Katze schien Emmas Unbehagen zu spüren und leckte ihr mit der Zunge über den Handrücken. Nervös kaute Emma auf ihrer Unterlippe. Sie erinnerte sich an die Beschreibungen der Hexenverfolgungen, die sie im Unterricht durchgenommen hatten und ihr wurde flau. »Und was ist dann passiert?«
Über die Ränder ihrer Brille hinweg blickte Valerie sie an. »Nun, im 15. Jahrhundert beschlossen fünf Männer, dass es so nicht weitergehen konnte. Denn sonst wären bald alle Weltenwanderer verbrannt, vertrieben und ausgerottet worden. So gründeten sie ein Kloster und die Bruderschaft der Worte.«
Ah, die ominöse Bruderschaft, die die Bibliothekarin vorhin erwähnt hatte.
»Die Bruderschaft machte es sich zur Aufgabe, die Weltenwanderer über ihre Gaben aufzuklären und an einem sicheren Ort zu versammeln.«
Ungläubig schüttelte Emma den Kopf. »Hat das geklappt?«
»Oh, in der Tat. Bald hatten sich die verbliebenen Menschen mit dieser besonderen Gabe an einige wenige Orte zurückgezogen und verschwanden zumindest in Europa aus dem allgemeinen Bewusstsein.
Am achtzehnten Geburtstag eines jeden Wanderers, wenn sich die Gabe vollends entfaltet, öffnet sein Buchladen und ich werde gerufen. Zumindest die letzten achtzig Jahre. Davor hütete meine Mutter die Bibliotheken und davor ihre Mutter.« Valerie faltete die Hände in ihrem Schoß.
Emma schwirrte der Kopf. Das klang alles sehr nach Verschwörungstheorie. »Ist die Bruderschaft der Worte dann so etwas wie die Freimaurer?«
Valerie nickte und schüttelte anschließend den Kopf, was Emma ein bisschen an den Wackeldackel erinnerte, den ihre Eltern im Auto herumfuhren. »Ähnlich wie sie bleiben wir unter uns und geben uns nicht in der Öffentlichkeit zu erkennen. Aber die Freimaurer sind letztendlich nur ein Verein von Menschen, die Geheimniskrämerei mögen. Ein Weltenwanderer kann niemand werden, der nicht mit der Gabe geboren ist.«
»Aha«, machte Emma. »Und was bedeutet das jetzt für mich?«
»Nur die Ruhe, Liebes.« Begeistert strahlte Valerie sie an. »Du bist offensichtlich eine Wanderin, sonst wären wir nicht hier.«
»Offensichtlich«, echote Emma tonlos. Oder sie war verrückt geworden. Gab es das? Spontane Schizophrenie oder plötzlich auftretende Wahnvorstellungen?
»Das bedeutet, dass du ebenfalls in Bücherwelten eintauchen kannst, und um zu vermeiden, dass dir etwas passiert oder du deine Gabe in der Gegenwart falscher Leute ausposaunst, bist du ab sofort ein Mitglied der Bruderschaft.«
»Okay?«, machte sie gedehnt.
»Nun, für heute lass dir nur gesagt sein, dass die Bruderschaft dich am kommenden Mittwoch um 21:00 Uhr erwarten wird, um dich offiziell in ihrem Kreis zu begrüßen.«
Perplex blinzelte Emma die alte Frau an. Was sich wie ein absurdes Märchen angehört hatte, wurde auf einmal furchterregend real. »Diesen Mittwoch?«
Zufrieden faltete Valerie die Hände und neigte den Kopf. »Genau. Schließlich ist die Mitte der Woche heilig.«
»Aber was, wenn ich da bereits verplant bin? Ich habe schließlich ein Leben.«
Valerie seufzte. »Du bist eine Weltenwanderin. Selbst wenn du dich sträubst, ändert das nichts an deiner Begabung. Wegzulaufen ist kindisch und bringt dich nicht weiter.«
Emma starrte sie an. »Sie erzählen mir einfach so mir nichts, dir nichts, dass ich adoptiert sein soll, und finden dann, ich benehme mich kindisch, weil ich mich nicht herumkommandieren lasse?«
»Alles zu seiner Zeit.« Mit einem Blick auf die Uhr an ihrem dünnen Handgelenk erhob sich die alte Dame ächzend. »Es ist schon spät. Für heute hast du genug erfahren. Das solltest du erstmal verdauen. Wir sehen uns dann in vier Tagen. Nun husch husch nach Hause, Liebes.«
Die Alte wirkte auf einmal ganz schön taff. Sie baute sich vor Emma auf, nahm ihr die Tasse aus der Hand, packte ihren Oberarm und zog sie auf die Füße. Die Katze maunzte vorwurfsvoll und sprang von ihrem Schoß.
»Hey«, rief Emma, entriss ihr den Arm und rieb sich an der Stelle, an der Valerie sie gepackt hatte.
Ungnädig schob Valerie Emma zur Tür hinaus und ehe sie sich’s versah, landete sie auf der Straße.
»Aber, meine Eltern …«
»Tut mir leid, Liebes, ich muss los. Alles Weitere erfährst du am Mittwoch. Ach, eines noch: Sprich vorerst mit niemandem über deine Gabe.«
Die Tür in Emmas Rücken knallte zu, das Licht erlosch und sie stand allein in der Nacht. Die Magie schien sich gemeinsam mit der Bibliothekarin in Luft aufgelöst zu haben.
Emma lief durch die Dunkelheit. Ihre Gedanken rasten und wiederholten das Geschehene in Dauerschleife. Sie besaß magische Fähigkeiten? Es gab eine Bruderschaft, die alle Weltenwanderer schützte? Sie war adoptiert?
»Nein«, sagte sie laut und wurde immer schneller.
Das konnte nicht sein. Niemals war ihre Mutter überhaupt nicht ihre Mutter!
Sie bog um die Ecke auf die Hauptstraße und prallte beinahe mit einer Frau zusammen. Eine Entschuldigung murmelnd wich Emma ihr aus und lief weiter.
Vor einer Bar standen ein paar junge Erwachsene und rauchten. Die Tür eines Pubs schwang neben Emma auf und lautes Gelächter drang aus dem Innenraum zu ihr. Sie zuckte zusammen. Das Geräusch war falsch, so fehl am Platz. Ihre Welt war vollkommen durcheinandergeraten, wie konnte da jemand lachen?
Nichts wie weg, immer weiter!
Sie bog in ihre Straße ein, lauter Einfamilienhäuser nebeneinander, einzelne Fenster anheimelnd erleuchtet. Dazwischen ihr Zuhause. Endlich! Eilig zog sie ihren Schlüssel aus der Tasche und stopfte ihn ins Schloss. Es hakte. »Verdammt«, schimpfte sie und ruckelte den Schlüssel vor und zurück, bis er sich endlich drehen ließ.
Sie hastete in den dunklen Flur, schlüpfte aus ihren Schuhen, ohne sich die Mühe zu machen, sie aufzuknoten, und trat in das Wohnzimmer.
»Mama?«, rief sie atemlos, ungeachtet der späten Uhrzeit.
Ihre Mutter — oder Adoptivmutter? — kam nach einigen Sekunden aus ihrem Schlafzimmer. Sie trug einen roten Wollpyjama und ihre Locken klebten an ihrem Kopf.
»Schatz, was ist denn los?« Mit einer müden Handbewegung fuhr sie sich durch die Haare.
Emma ballte die Fäuste, um das Zittern ihrer Finger zu unterdrücken. »Bist … bist du meine leibliche Mutter?«
»Oh, Emma.« Fahrig fuhr ihre Mutter sich durch die Locken.
»Ja?«
»Ich bin mir nicht sicher, ob das etwas ist, das wir zu dieser Uhrzeit besprechen sollten. Es ist mitten in der Nacht. Lass uns bis morgen warten, dann setzen Papa, du und ich uns gemeinsam hin.«
»Morgen?«, hakte Emma ungläubig nach. Die Worte ihrer Mutter durchzuckten sie wie ein Blitz. »Scheiße«, sagte sie. »Verdammt, ihr habt mich belogen! Und jetzt soll ich auch noch bis morgen warten?«, rief sie aus, diesmal etwas lauter.
»Es ist nicht so, wie du denkst. Spätzchen, lass uns morgen reden, dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.« Sie streckte die Hand nach ihr aus.
Unwirsch entzog Emma sich der Berührung und rannte die Treppen hoch in ihr Zimmer. Sie knallte die Tür zu, drehte den Schlüssel und warf sich aufs Bett. Alles, was sie geglaubt hatte zu wissen, war falsch, nichts weiter als eine Lüge.
Ihre Eltern waren nicht ihre leiblichen Eltern, und wenn diese Valerie recht hatte, dann war sie nicht mal ein normaler Mensch. Die alte Frau hatte an einem Abend ihre Welt komplett aus den Angeln gerissen und einen Trümmerhaufen zurückgelassen.
Ihre Mutter klopfte an Emmas Zimmertür und bat um Einlass, aber sie antwortete nicht. Schließlich hatte ihre Mutter sie auf morgen vertröstet. Ganz sicher würde sie sich keine scheinheiligen Worte anhören.
3.
Am nächsten Morgen kam Emma das Geschehene für einen kurzen, süßen Moment wie ein Traum vor. Der Buchladen, die schrullige Dame, das Weltenwandern …
Das alles war so kurios, das konnte nur aus einem Traum stammen. Doch die Erinnerung an das Gesicht ihrer Mutter, als Emma ihr nach ihrer Heimkehr vorgeworfen hatte, adoptiert zu sein, ließ den Schrecken des gestrigen Tages wieder real werden. Sofort war sie hellwach und sprang aus dem Bett. Hektisch rannte sie die Treppe hinunter.
Ihre Eltern saßen gerade beim Frühstück. Ihre Mutter balancierte Rührei auf ihrem Brötchen. Sie sprang auf, sobald Emma den Raum betrat. »Schatz, schön, dass du wach bist.«
Emma brummte ungläubig.
»Immer mit der Ruhe, Kristin.« Bedächtig leckte Emmas Vater Clemens zähflüssigen Honig von seinem Löffel und deutete dann damit auf den freien Platz. »Setz dich, Maus. Was willst du von uns wissen?«
Sie nahm Platz und verschränkte die Arme. Die Seelenruhe ihrer Eltern trieb sie zur Weißglut. »Wer seid ihr und wer bin ich?«, platzte sie heraus.
»Wir sind deine Eltern und du bist unsere Tochter.« Milde lächelte ihr Vater sie an.
Emma biss die Zähne zusammen. »Das meine ich doch gar nicht, dass wisst ihr genau. Wer bin ich wirklich? Wer sind meine Eltern? Bin ich adoptiert?«
Kristin presste die Lippen zusammen und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Zornig funkelte Emma sie an, Blut rauschte in ihren Ohren. Ihre Mutter hatte kein Recht zu heulen. Wenn hier jemand weinen durfte, dann ja wohl sie!
Kristin erhob sich und Emma rutschte auf der Eckbank hin und her. Ihre Mutter zog ein kleines Fotoalbum aus der Küchenschublade, blätterte durch die Seiten und reichte es ihr.
Auf dem Bild zu sehen waren zwei Frauen mit weiten, geblümten Kleidern, die Arm in Arm dastanden. Eine davon erkannt sie sofort als ihre Mutter, aber wer war ihre Freundin?
Eingehend musterte Emma sie. Die dunklen Augen der Frau leuchteten, braunes Haar fiel glatt über ihre schmalen Schultern. Emma war der Frau auf dem Bild wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Erkenntnis ließ ihr Herz schneller schlagen.
Mit zittrigen Fingern löste sie den Klebestreifen von den Ecken des Bildes und drehte es um. Auf der Rückseite stand mit Bleistift geschrieben: Frieda und Kristin — Juli 1999.
Emmas Finger verkrampften sich um das Bild. Dieses Foto war genau ein Jahr vor ihrer Geburt aufgenommen worden. »Ist das …?«
Ihre Mutter nickte. Sie bedeutete Emma zu rutschen und setzte sich neben sie auf das durchgesessene Polster der Eckbank. »Frieda war meine beste Freundin. Wir haben während des Studiums zusammengewohnt. Irgendwann, ich glaube, da war Frieda genauso alt wie du jetzt, kam sie mit diesem hochmütigen Typ an.
Keine Ahnung, was sie an dem fand, ich mochte ihn von Anfang an nicht.« Sie seufzte und wischte sich die Locken aus der Stirn. »Richard hieß der Kerl. Na ja, und irgendwann gestand Frieda mir, dass sie von ihm schwanger war. Mit dir.« Ihre Mutter ließ die Worte in der Luft hängen und rührte gedankenverloren ihren Kaffee um.
Emmas Vater legte sein dick bestrichenes Honigbrot zur Seite und bedachte Emma mit einem mitleidigen Blick.
Emma wandte den Blick ab und starrte stattdessen an die gegenüberliegende Wand. Der ockerfarbene Ton und das riesige Bild eines Sonnenuntergangs vermittelten sonst Heimeligkeit. Doch heute fielen ihr die Flecken an der Wand und die angeschlagene Ecke der Leinwand ins Auge. »Und dann?«
»Nun, du warst gerade drei Tage auf der Welt, da fragte mich Frieda, ob wir dich adoptieren wollten. Ich versuchte vehement, ihr diese fixe Idee auszureden, aber sie vertraute mir an, dass Richard sie schlug. Sie wollte sich vor ihm verstecken und dich in Sicherheit wissen.«
Ein Kloß schnürte Emmas Hals zu und Tränen kämpften sich ihren Weg an die Oberfläche. Wütend wischte sie mit der Hand über ihre Augen. »Sie wollte mich zurücklassen? Einfach so? Warum hat sie mich nicht mitgenommen?«
Ihr Vater legte seine Hand auf Emmas. Seine Wärme dämpfte ihre Wut. »Frieda fürchtete sich vor ihm. Ihr Partner war Mitglied in einer Gesellschaft oder Verbindung mit Kontakten zu mafiösen Leuten, mit denen sie sich nicht anlegen wollte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als unterzutauchen. Sie wusste nicht, wohin sie fliehen würde, und wollte dich deshalb in Sicherheit wissen.
Kristin und ich …«, er schaute seiner Frau liebevoll in die Augen, bevor er sich wieder an Emma wandte, »wir wussten, dass wir keine Kinder bekommen konnten. Als Frieda uns bat, die Vormundschaft für dich zu übernehmen, fühlten wir uns geehrt. Vom ersten Tag an haben wir dich wie unsere eigene Tochter geliebt.«
Emma senkte den Blick und starrte auf die Kerben und Macken in der Tischplatte. Ihre leibliche Mutter hatte also Angst vor ihrem Partner gehabt, der mafiöse Verbindungen besaß? Sie setzte sich kerzengerade hin. Was, wenn es sich gar nicht um die Mafia gehandelt hatte, sondern um diese ominöse Bruderschaft?
Ein dumpfer Schmerz pochte in ihrem Kopf. So etwas passierte doch sonst nur im Film. »Und wo sind meine Eltern jetzt?«, fragte sie vorsichtig und stockte bei dem Wort Eltern.
Federleicht legte Kristin ihr die Hand auf die Schulter, als fürchte sie, Emma könne sie abschütteln. »Wir sind deine Eltern und das bleiben wir auch. Wir lieben dich bedingungslos und nichts kann das ändern. Verstehst du das?«, fragte sie eindringlich.
Emma biss die Zähne zusammen, um ihre Tränen zurückzuhalten. Doch der Knoten in ihrem Inneren löste sich und sie lehnte sich in die Umarmung ihrer Mutter.
Nach ein paar Atemzügen, in denen die Wärme ihrer Eltern die Kälte in ihrem Herzen vertrieb, richtete sie sich wieder auf. »Ich würde trotzdem gerne wissen, wo sich meine biologischen Eltern aufhalten.«
Die beiden tauschten einen ernsten Blick und ihre Mienen verfinsterten sich.
»Frieda ist kurz nach deiner Adoption verschwunden. Wir wussten, dass sie untertauchen wollte, aber dass sie alle Brücken hinter sich abbricht, damit haben wir nicht gerechnet«, erklärte Kristin und drückte sie nochmal fester.
»Und mein … Vater?«
»Oh Maus, Richard hat sich ebenfalls aus dem Staub gemacht. Wir sind uns bis heute unsicher, wo er sich aufhält.«
Emmas Gedanken schwirrten herum wie die Schmetterlinge in dieser seltsamen Bücherei. »Ihr habt keine Ahnung, wo sich die beiden aufhalten?«
Ihre Mutter schüttelte bedächtig den Kopf. »Tut mir leid.«
»Und was ist mit der Bruderschaft?«
»Bruderschaft?« Mit hochgezogenen Augenbrauen musterten die beiden sie.
»Du meinst im Sinne eines Klosters?« Ihr Vater nestelte an seiner Brille.
Emma durchzuckte der Schreck. Valerie hatte sie davor gewarnt, über ihre Gabe zu sprechen. Sicherlich schloss das die Bruderschaft mit ein. »Ach, nicht so wichtig. Aber könntet ihr ein wenig mehr von meiner biologischen Mutter erzählen?«
»Natürlich.« Ihre Mutter griff zu dem Fotoalbum und blätterte darin.
Ihr Vater stellte das Geschirr zusammen, räumte es in die Küche und kam mit einer Schale Blaubeeren in der einen und einer Schachtel Physalis in der anderen wieder zum Vorschein. Er stellte das Obst in die Mitte und setzte sich auf seinen Stuhl.
Ein Kloß bildete sich in Emmas Hals. Physalis waren das Lieblingsobst ihres Vaters und er teilte die aromatischen Beeren sonst nur ungern.
»Frieda und ich lernten uns schon in der Grundschule kennen«, setzte ihre Mutter an. »Damals war sie die Kleinste und ich die Größte in der Klasse.«
Mit laut pochendem Herzen lauschte Emma den Erzählungen, knetete ihre Hände und sehnte sich die weiche Katze herbei.
»Damals war ich eine Bohnenstange und meine Klassenkameraden fanden es lustig, mich zu verspotten. Bis sich eines Tages Frieda neben mir aufbaute. Ich weiß nicht mehr genau, was sie sagte, irgendetwas mit Modelmaßen, aber ab da ließen mich die anderen in Ruhe.«
Ein melancholisches Lächeln tauchte auf ihren Lippen auf. »Frieda und ich wurden unzertrennlich. In allen Fächern saßen wir nebeneinander, tauschten Hausaufgaben aus und trafen uns oft nach der Schule.« Für einen Moment schwieg Kristin und starrte in die Ferne. »An ihrem achtzehnten Geburtstag haben wir noch wild gefeiert. In den folgenden Wochen zog sie sich jedoch immer weiter von mir zurück. Sie erzählte von einem Jungen, mit dem sie jetzt zusammen war, und dass sie zusammen einem Verein beigetreten waren.«
Nachdenklich nickte Emma. Da hatte sicherlich die Bruderschaft ihre Finger im Spiel.
Ihr Vater legte ihrer Mutter eine Hand auf den Arm. Kristin blinzelte mehrmals und lächelte ein trauriges Lächeln. »In den folgenden Monaten distanzierte sie sich weiter von mir. Trotzdem hat sie mir das ein oder andere anvertraut und blieb eine enge Freundin.«
Als ihre Mutter schwieg, nahm ihr Vater den Faden auf. Er schmunzelte. »Als ich Kristin kennenlernte, erzählte sie ständig von ihrer Freundin. Sie und Frieda hatten es faustdick hinter den Ohren.« Kopfschüttelnd wandte er sich an Emma. »Einmal haben die beiden aus Versehen in einer Tiefgarage einen Feueralarm ausgelöst.«
Emma konnte nicht anders, als zu grinsen. Das passte überhaupt nicht zu ihrer Mutter. »Was ist denn passiert?«
Ihre Mutter beugte sich vor und legte ihrem Vater eine Hand auf den Arm. »Nun, das war so …«
Ihre Eltern tauschten so lange Erinnerungen aus, bis sie fast zu spät zu ihrer Arbeit loskamen. Emmas Vater unterrichtete Geschichte und Englisch am Friedrich-Schiller-Gymnasium, während ihre Mutter Deutsch und Sozialkunde an der Montessori-Schule gab.
Nachdem die beiden aus dem Haus waren, atmete Emma erst einmal tief durch. Sie schnappte sich das Fotoalbum und setzte sich auf die beige Couch im Wohnzimmer.
Mit den Fingerspitzen strich sie vorsichtig über das Bild, auf dem Kristin und Frieda Arm in Arm standen. Ein dumpfes Stechen in ihrem Brustkorb breitete sich aus. So gern würde sie ihre leibliche Mutter kennenlernen.
Mehrere Atemzüge lang starrte sie ins Nichts. Schließlich gab sie sich einen Ruck, griff nach ihrem Handy und wählte Lydias Nummer. Es läutete zweimal, dann drang die Stimme ihrer Freundin durchs Handy.
»Emma?«
»Hey.« Sie knetete ihre Hände und schwieg.
»Ist alles gut?« Wie so oft ahnte Lydia bereits, dass ihr etwas auf der Seele lag, bevor sie es überhaupt angesprochen hatte.
Emma richtete sich auf. »Ja, nein, keine Ahnung. Hast du zufällig Zeit?«
»Klar, wenn’s dich nicht stört, dass mein Zimmer null aufgeräumt ist, kannst du gern vorbeikommen.«
»Du weißt doch, dass mich das nicht stört.« Lydia kicherte und Emma musste schmunzeln.
»In einer halben Stunde bin ich bei dir.«
»Alles klar. Bis gleich.«
Emma drückte auf den roten Hörer und sammelte sich. Sie klappte das Fotoalbum zu, suchte ihren Geldbeutel und ihre Schlüssel zusammen und holte anschließend ihr Fahrrad aus der Garage.
Der Tag war noch kühl, der Wetterbericht versprach jedoch angenehme 25 Grad am Nachmittag. Der Fahrtwind pustete ihr die Haare aus dem Gesicht. So schnell sie konnte, schoss sie durch die Grünanlage und bog in das Wohngebiet ein.
An dem uralten Haus angekommen, in dem Lydias Familie wohnte, sperrte sie ihr Rad an das Rosenspalier und drückte den Summer. Der alte Türklopfer, ein angelaufener Löwenkopf mit Messingring im Maul, diente heutzutage nur noch als Deko.
Kaum, dass ihre Freundin die schwere Tür öffnete, fiel Emma ihr um den Hals.
Sie folgte Lydia durch den Flur mit den hohen Decken in ihr Zimmer. Die vielen Poster von bergigen Landschaften, die an die Wand gepinnt waren, lenkten kaum von der kitschigen Blumentapete ab.
Emma plumpste auf das zerwühlte Bett, baumelte mit den Beinen und warf ihrer Freundin einen Blick zu. »Ich hatte heute Morgen ein Gespräch mit meinen Eltern.«
Lydia setzte sich an das Kopfteil des Bettes. »Okay«, sagte sie gedehnt.
Angestrengt starrte Emma auf das Rosenmuster an der Wand. »Meine Eltern haben mir eröffnet, dass ich — Trommelwirbel — adoptiert bin.« Sie umfasste ihren Oberkörper.
»Warte, war das ein Traum?« Lydia schnappte sich eines der blauen Dekokissen und zerknautschte es.
»Nein, leider nicht. Kristin und Clemens sind gar nicht meine leiblichen Eltern.« Nervös zupfte Emma an ihrem Ärmel.
»Ach du Scheiße! Ist das dein Ernst?« Das Dekokissen fiel unbeachtet zu Boden, als Lydia aufsprang.
Emma nickte. Dann bückte sie sich und stopfte das Polster zwischen die anderen Kissen. »Nicht so laut, sonst bekommen deine Eltern einen Herzinfarkt.«
Trotz der halbherzigen Ermahnung wurde ihr angesichts Lydias Reaktion warm ums Herz. Es tat gut, nicht mehr mit dem Wissen allein zu sein. »Beim Frühstück hat meine Mutter mir ein Foto von meiner leiblichen Mutter gegeben. Sie sieht aus wie ich.« Emma rief sich die Frau mit dem schmalen Gesicht auf dem Foto in Erinnerung. Frieda. Der Name klang fremd und gleichzeitig vertraut.
Lydia sank wieder auf ihr Bett. »Erzähl mir alles! Ich will jedes Detail wissen, alle Einzelheiten, aber am wichtigsten: Wie geht es dir damit?«
Sie überschlug sich fast und die Faust, die Emmas Brustkorb seit dem Frühstück mit ihren Eltern zusammendrückte, lockerte sich. Emma gab das Gespräch mit ihren Eltern im Großen und Ganzen wieder, dabei ließ sie allerdings die Sache mit den Weltenwanderern und der Bruderschaft aus. Lydia lauschte konzentriert und schüttelte immer wieder den Kopf.
»Und wie geht’s jetzt weiter?«, fragte sie, nachdem Emma endlich geendet hatte.
Sie zuckte mit den Schultern, seufzte und lehnte sich an die Wand. »Ich weiß auch nicht. Ich schätze, ich muss das alles erstmal verdauen.«
Den Kopf in die Hand gestützt sah Lydia Emma freundlich an. »Das verstehe ich. Sag mir Bescheid, wenn ich dir helfen kann oder du einfach jemanden zum Reden brauchst, ja?«
Wärme breitete sich in Emma aus. Sie nickte.
Es klopfte an der Tür und Lydias Mutter steckte den Kopf herein. »Hallo Emma, schön, dich zu sehen. Möchtet ihr beide ein Stück Schokotorte?«
Lydia warf einen Blick zu Emma und wartete auf ihre Reaktion.
Sie nickte. »Torte geht immer.«
»Wir kommen gleich, Mama.«
Hannah schloss die Tür hinter sich und Emma lächelte. »Ich liebe es, dass deine Mutter Konditorin ist.«
»Ich auch.« Lachend strich sich Lydia über ihren Bauch.
»Dann lassen wir deine Mutter besser nicht länger warten. Aber nachher musst du mir noch Einzelheiten über dich und Philipp erzählen. Dazu war gestern Nacht leider keine Gelegenheit.«
Breit grinsend stand Lydia auf und strich die Falten aus der bunten Tagesdecke. »Ganz eventuell könnte sein, dass wir uns geküsst haben«, verriet sie.
»Was? Und das erzählst du erst jetzt?«
»Erst der Kuchen, dann die Einzelheiten.« Lydia wusste genau, wie sie ihre Freundin auf die Folter spannen konnte.
Emma stöhnte übertrieben, gab sich aber geschlagen und folgte ihrer Freundin ins Erdgeschoss.
4.
Am nächsten Morgen schreckte Emma in aller Herrgottsfrühe auf.
Heute war Mittwoch.
Der Tag, an dem sie die Bruderschaft kennenlernen und diese hoffentlich etwas Licht ins Dunkel bringen würde. Nur wo genau würde sie die Weltenwanderer treffen? Und was dann?
Emma schwang ihre Beine aus dem Bett. Egal was sie heute erwarten würde, es hatte sicherlich etwas mit Büchern zu tun. Musste sie sich in irgendeiner Art und Weise vorbereiten?
Leise öffnete sie ihre Zimmertüre und blickte zu dem Bücherregal im Flur. Im Dämmerlicht ragte es vor ihr auf. Mit ihrem Handy beleuchtete sie die Buchrücken und strich vorsichtig mit den Fingern über die Einbände.
Sie hielt inne und wartete ab, ob das geheimnisvolle Flüstern einsetzte, aber nichts passierte. Vielleicht musste sie die Bücher in der Hand halten, damit sie zu ihr sprachen? Sie zog Romeo und Julia aus dem Regal und betrachtete den eintönigen gelben Einband des Reclamheftes.
Nichts.
Emma schlug das Buch auf und las in ein paar Zeilen hinein. Als sich jedoch immer noch nichts regte, klappte sie das Buch frustriert zu und stellte es zurück an seinen Platz.
Sie wagte einen weiteren Versuch, zog diesmal eines ihrer Lieblingsbücher aus dem Regal und betrachtete die Phiole mit der strahlend blauen Flüssigkeit auf dem Einband. Die Melodie der Unsterblichkeit, flüsterte sie den Titel in die Stille hinein und auf einmal war ihr, als ob die hellen Buchstaben unter ihren Finger lebendig wurden und sich erwärmten.
Obwohl sie gehofft hatte, dass etwas passierte, ließ sie das Buch erschrocken fallen. Es polterte zu Boden.
Mit spitzen Fingern hob sie es auf und schob es zurück an seinen Platz. Vielleicht doch keine gute Idee. Auf gar keinen Fall wollte sie sich plötzlich und unvorbereitet in einer Geschichte wiederfinden.
Kopfschüttelnd schlich Emma zurück in ihr Zimmer. Sie zog ihre schwarze Röhrenjeans an, schlüpfte in ein T-Shirt, auf dem Positive Vibes only in verschnörkelter Schrift gedruckt war — wie passend — und schnappte sich ihren Sailer-Moon-Hoodie.
Da sie keinerlei Ahnung hatte, in welchem Outfit man einer alten Bruderschaft gegenübertrat, zog sie einfach ihre Lieblingsklamotten an. Mit denen konnte nichts schiefgehen.
Die nächsten Stunden verbrachte sie jedoch erstmal mit der Recherche nach möglichen Studiengängen, das hatte sie ihrer Mutter versprochen. Noch immer wusste Emma nicht, was sie nach dem Abi machen wollte. Nur dass es etwas mit Natur zu tun haben sollte, stand fest.
Später am Nachmittag rief Lydia spontan an und ehe Emma es sich versah, war der Tag verflogen.
»Das Abendessen ist fertig, Emma.« Die Stimme ihres Vaters riss sie aus ihren Gedanken. Ihr Kopf brummte von all den Möglichkeiten und der Frustration, nicht zu wissen, welches Studium sie ergreifen sollte. Gleichzeitig kribbelte ihr Körper bei dem Gedanken, heute Abend mehr über die Bruderschaft zu erfahren.
Je weiter die Zeiger der Uhr in Richtung einundzwanzig marschierten, desto unruhiger wurde Emma. Beim Abendessen konnte sie sich auf kein Wort ihrer Eltern konzentrieren. Stattdessen warf sie immer wieder nervöse Blicke auf ihr Handgelenk und knetete ihre Finger.
»Maus, du wirkst so abwesend. Können wir dich irgendwie unterstützen?« Ihr Vater blickte über den Rand seiner Brille.
»Bist du noch wütend?« Die Stimme ihrer Mutter klang fest, doch die Finger, die ihr Brot hielten, zitterten leicht.
Beinahe hätte Emma laut gelacht. »Ob ich noch wütend bin? Wieso sollte ich? Schließlich wurde ich ja nur von euch belogen.« Sie funkelte ihre Eltern an.
Ein leiser Seufzer entwich ihrer Mutter. »Es tut uns leid. Wirklich. Was können wir tun, damit du uns vergeben kannst?«
Unschlüssig zuckte Emma mit den Schultern. Es ging doch nicht darum, ob sie ihnen vergab. Wenn sie die beiden ansah, dann … Ja, was dann?
Sie warf einen Blick auf ihre Mutter, die über den Tisch griff und ihre Hand mit der ihres Mannes verschränkte. Ein Kloß bildete sich in Emmas Hals. Wenn sie nicht die leibliche Tochter der beiden war, hieß das, dass ihre Eltern sie weniger liebten?
Als hätte ihre Mutter ihre Gedanken erraten, lächelte sie ihr zu, ein warmer Glanz in ihren Augen. »Wir lieben dich, Emma, und es tut uns wirklich leid, dass wir dir nicht früher davon erzählt haben. Ich hatte Angst, dass sich etwas zwischen uns ändert, wenn du es wüsstest. Dass wir dich verlieren könnten.«
Emma schluckte. Es tat gut zu wissen, dass ihre Eltern ebenfalls unsicher waren.
Der stachelige Ball, der sich seit Valeries Ankündigung in ihrem Herzen gebildet hatte, schrumpfte zusammen. »Ich … ich hab euch auch lieb.« Sie blickte von ihrem Teller auf.
Die Augen ihrer Mutter waren feucht, aber diesmal störte sich Emma nicht daran.
»Na dann.« Ihr Vater räusperte sich. In seiner Miene lag eine Mischung aus Ergriffenheit und Überforderung. Er stand auf und stapelte die Teller übereinander. »Jemand Lust auf Heimkino?«
Mit einem leichten Lächeln schnappte sich Emma die Käse- und Wurstpackungen.
Das Angebot, die Leinwand auszufahren, den Beamer aufzubauen und gemeinsam den Abend zu verbringen, war seine Art der Fürsorge. Zögerlich schüttelte sie den Kopf, obwohl der Filmabend sie mehr reizte als ein Treffen, bei dem sie keinen blassen Schimmer hatte, was auf sie zukam. »Ich bin noch mit Lydia verabredet«, log sie.
Ihr Vater seufzte enttäuscht. Seine Schultern waren angespannt und er klopfte den Brotkorb etwas länger als nötig über der Spüle aus. Kleine Brösel rieselten herab.
»Aber wir könnten morgen Abend Heimkino machen«, schlug sie vor.
Auch wenn ihr Vater sich nicht umdrehte, bemerkte sie, wie sich seine Schultern entspannten und sie hörte das Lächeln in seiner Stimme. »Dann besorge ich uns morgen ein paar Chips auf dem Heimweg.«
Ihre Mutter stellte die Gläser in die Spüle. »Grüß Lydia ganz freundlich von mir und komm nicht zu spät nach Hause.«
Emma nickte. »Mach ich nicht. Versprochen.«
Draußen dämmerte es bereits. Schwere Wolken zogen über den tiefroten Himmel und zu jeder anderen Zeit hätte Emma den Sonnenuntergang genossen. Aber nicht heute.
Denn, als hätten die Zweifel sich nur wegen der liebevollen Atmosphäre beim Abendessen zurückgehalten, überfielen sie Emma nun mit Wucht. Sie waren wie Zecken, die an ihr hingen und sie aussaugten. Tief atmete sie ein. Was für ein Schlamassel.
Die Kirchturmuhr schlug halb neun. Das Treffen mit der Bruderschaft würde bald stattfinden und sie hatte noch immer keinen blassen Schimmer, wohin sie musste. Und vor allem, ob sie überhaupt dahin wollte. Schließlich war die Bücherei der Anfang der ganzen beschissenen Misere gewesen.
Aber seit sie von ihrer leiblichen Mutter erfahren hatte, ließ sie der Gedanke an Frieda nicht mehr los. Wer war sie und änderte das etwas an dem, wer Emma war?
Wenn sie nicht nach ihrer Mutter suchte, würde sie sich für immer fragen, was sein könnte.
Schnellen Schrittes durchquerte Emma die Altstadt. Straßenbahnen rumpelten an ihr vorbei und ein paar Tauben wuselten umher und pickten in den Fugen der Pflastersteine. Zu ihrer Rechten ragten alte Bauten mit Sandsteinfassaden auf und bildeten einen seltsamen Gegensatz zu den modernen Geschäften auf der linken Seite. Und dann war sie da, die Straße, in der Emma die seltsame Bücherei am Sonntag entdeckt hatte.
Zögerlich schritt sie über das Kopfsteinpflaster, bis vor ihr das gelbe, weiche Licht auf die Straße leuchtete. Als wäre es ein lebendiges Wesen, pulsierte die Helligkeit durch die Nacht und über der Tür prangte wieder der SchriftzugEsmeraldas Bücherei — hier suchst du, was du findest.
Emma zog ihre Strickjacke ein wenig enger. Wenn das angeblich ihre Bücherei war, warum stand dort ein anderer Name?
Bei dem Gedanken, dort hineinzugehen, klopfte ihr Herz unnatürlich schnell. Um Frieda zu finden, blieb ihr jedoch kein anderer Weg, als den Weltenwanderern beizutreten.