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Die Streittürme der alten Familias herrschen über Taladur, die Eisenstadt im Herzen Almadas. Nach Ratsmeisterin Giulianas überraschendem Tod beginnt das Spiel um die Macht. Noch bevor der Sarg die Gruft erreicht, werden Fächer aufgeklappt und Degen geschliffen, Intrigen gesponnen und Söldner angeworben. Wird es gelingen, die Wut von Giulianas Familia zu zähmen, bevor sie alles zerstört, was vor ihre Klingen kommt? Unter jenen, die nach den höchsten Würden streben, finden sich auch die Ernathesa und die Amazetti, seit jeher Erzrivalen im Handel mit dem kostbaren Alaun. Gibt es jetzt, wo die Gedanken der Magnaten allein auf die Ausweitung ihres Einflusses gerichtet sind, noch Hoffnung für die Träume zweier Liebender?
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Seitenzahl: 483
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Biografie
Bernard Craw wurde 1972 in Bramsche geboren. Er ist katholisch, ledig und arbeitet hauptberuflich als Projektleiter in einem internationalen Konzern. Nach einigen Jahren in Münster und Sindelfingen wohnt er seit 2000 in seiner Wahlheimat Köln.
Craw schreibt vor allem fantastische Literatur. Mit dem Rollenspiel Das Schwarze Auge kam er 1985 in Kontakt, und die geselligen Abende vor Dokumenten der Stärke und Plänen des Schicksals avancierten rasch zur dominierenden Freizeitbeschäftigung. Bevor der die Redaktion der Reihe Die Türme von Taladur übernahm, erschienen von ihm die Romane Todesstille, Im Schatten der Dornrose und der vierteilige Isenborn-Zyklus.
Wer sich über Craws literarische Aktivitäten informieren möchte, kann dies auf www.bernardcraw.net tun.
Titel
Bernard Craw
Türme im Nebel
Die Türme von Taladur 1
Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©
Originalausgabe
Impressum
Ulisses Spiele Band 11072PDFTitelbild:Alan Lathwell Aventurienkarte: Ralph HlawatschKarten der Umgebung: Melanie MaierLektorat: Werner Fuchs, Michael Fehrenschild Buchgestaltung: Ralf Berszuck E-Book-Gestaltung: Michael MingersKonzeption der ReiheDie Türme von Taladur: Bernard Craw
Copyright ©2012 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems. DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN und DEREsind eingetragene Marken. Alle Rechte von Ulisses Spiele GmbH vorbehalten.
Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt.
Dankesworte
Mein Dank gilt Werner Fuchs und Florian Don-Schauen für das Vertrauen, das sie mir entgegengebracht haben, als sie mir die Redaktion von
Prolog: Der Bräutigam
Darpatien, so scheint mir, ist ein seltsames Land. Im Sommer nass, im Winter kalt, stehen dort fette Kühe auf den Weiden, wo sich hierzulande das Auge an edlen Rossen ergötzt. Wer dort aufwächst, neigt zu Grübelei und Schwermut. Von Kind an wird er angehalten, alles und jedes abzuwägen und ängstlich zu fragen, ob dieser oder jener Genuss statthaft sei. Eine zuweilen an Selbstkasteiung grenzende Zucht und Ordnung prägt diese Leute, als seien sie Ochsen unter einem Joch. Man muss ein Narr sein, um das Leben mit solcherlei Unschönheiten zu vertun.
Dennoch bringt diese Gegend Menschen hervor, denen man ein gewisses Geschick in Handel und Wandel kaum absprechen kann. Man fragt sich nur, warum sie trotz ihres Verstandes nicht auf den Gedanken verfallen, ihre triste Heimat zu verlassen und sonnigere Gefilde aufzusuchen. Ist es vielleicht die Gunst der Schönen Göttin, die uns auf wundersame Weise vor der übermäßigen Gesellschaft dieser Trauerklöße bewahrt?
—Daroca Ernathesa, Tagebuch
***
Darpatien.
Achter Tag im Boronmond, 989 nach Bosparans Fall
»Für einen Binsböckel kann eine Heirat kein Problem sein.« Edelharts Vater legte den Kopf in den Nacken und fixierte seinen Sohn entlang der messergeraden Nase. »Jetzt erhältst du die letzte Gelegenheit, zu beweisen, dass du ein Binsböckel bist.«
Edelhart fühlte sich in den Sessel gepresst, als habe ihm jemand einen Sack Weizen in den Schoß gelegt. Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber sein Hals war trocken.
Sein Vater wirkte trotz des milde schauenden Einhorns auf seinem Wappenrock wie ein Fels, der sich bedrohlich neigte, um auf den Wanderer zu stürzen. Die Halbglatze hatte er sorgfältig geölt, sodass sie im grauen Tageslicht schimmerte. Ein Band aus schwarzem Filz zwang die verbliebenen Haare in einen kurzen Zopf.
Edelhart schloss den Mund, bevor seine Unfähigkeit, einen sinnvollen Satz herauszubringen, allzu peinlich wurde. Höhergestellten gegenüber musste man seine Worte mit Bedacht wählen. Wenn das nicht gelang, war aufmerksames Schweigen die nächstbeste Möglichkeit.
Vater legte die Hände auf dem Rücken zusammen, was das Wappen auf seiner Brust spannte. Das Einhorn sah nun deutlich stolzer aus, als blicke es auf den Betrachter hinab. Mit langsamen Schritten ging er zum Fenster, obwohl der wolkenverhangene Tag nichts Sehenswertes zu bieten hatte. Die Felder jenseits des Burggrabens dämmerten in lustlosem Nieselregen vor sich hin. »Dort auf dem Bensenhügel liegt das Schloss derer von Ebenstein«, dozierte Vater, als ob Edelhart das nicht gewusst hätte. »Vier Söhne hat der Baron. Zwei von ihnen haben die Würmer auf Maraskan gefressen, einer ist ihm ausgerissen, und den Jüngsten haben die Wensenbergs zum Krüppel geschlagen, als er sich beim Sommerturnier im Gestampfe beweisen wollte.« Er wippte auf den Fußballen auf und ab. »Die Wensenbergs konnten ihre Schadenfreude nur kurz genießen, bevor der Vogt sie aufgefordert hat, etwas gegen die Oger vom Blauforst zu unternehmen. Ihr Spross verfiel auf die glorreiche Idee, sich der Sache selbst anzunehmen. Ich zweifle nicht, dass er dem Menschenfresser ein fürstliches Mahl bereitet hat. Schließlich war er fett wie ein Mastschwein.«
Vater wandte sich um, streifte Edelhart mit einem Blick und schritt auf die andere Wand zu, wo das Feuer im Kamin knisterte. »Aber das braucht es ja noch nicht einmal, um die Blüte darpatischen Adels dahinwelken zu lassen, bevor sie zur Reife gelangt, nicht wahr? Esther von Rabenmund – bei der Tjoste aufgespießt, jetzt ist ihr linker Arm nur mehr totes Fleisch. Zugegeben, Krieg hilft dabei, die Unbesonnenen über das Nirgendmeer zu befördern. Roderich von Bregelsaum und seine geschätzte Schwester Ingrimmlieb, die beiden Hebenstolzens mit ihrem Vater, Wertan Greifenstein und alle Zornbrechts zu Mühlweiler bis auf den jüngsten Sohn – keiner von denen konnte sich beherrschen, als die Rufer des Kaisers durchs Land zogen. Sie werden seinen Rock mit Stolz getragen haben, bevor die Maraskaner sie in Stücke gehackt haben.«
»Ein großer Verlust«, stammelte Edelhart.
Vater fuhr zu ihm herum. Die grauen Augen durchbohrten ihn. »Ach ja? Ungeschickte und Dumme verdienen es nicht anders! Wollten brennen wie Drachenfeuer, um den Ruhm ihrer Häuser zu mehren!« Er schnaubte. »Jetzt sind ihre Flammen verloschen, und ihre Familien stehen schwächer da als zuvor. Sie sind dumm! Dumm! Dumm!«
Edelhart starrte den Krug an, der auf dem Frühstückstisch seines Vaters stand. Er unterdrückte ein Räuspern.
Vater verschränkte die Arme vor der Brust. »Unser Weg ist besser. Klüger. Wir warten, bis sich der Staub legt und die Sieger in der Sonne stehen. Dann verbinden wir uns mit ihnen. Lass die Ritter darüber spotten, dass wir Binsböckels in jedes Nest ein Ei legen. Nur ein bisschen Geduld, und ihre Rüstungen sind geschwärzt vom Ruß der Schlachtbrände, ihre Schilde sind zerschlagen und ihre Schwerter gebrochen. Sie wissen es, aber sie können es nicht ändern. Sie sind gefangen in ihrem kindlichen Geschwafel von Ehre und Heldenmut.«
Er schlenderte zum Fenster zurück.
»Ehrenbrecht hat Zinia von Flusstann geehelicht«, sagte er zufrieden. »Jetzt ist er in Trauer um sein treues Weib, das ja unbedingt Räuber jagen musste, aber der Umstand, dass sie ihre Ländereien hinterlassen hat, ist ein großer Trost. Travialinde wärmt ein Bett in Königsweber und darf sich Schwägerin des Barons nennen. Udalbert ist in Gallys gut verheiratet.« Eine bedeutungsschwere Pause folgte. Vater sah ihn direkt an. »Nur mein Sorgenkind Edelhart kann nicht verstehen, wann es angebracht ist, die Lippen in zurückhaltendem Lächeln zu kräuseln, statt seine unmaßgebliche Meinung über die Falkenjagd hinauszuposaunen.«
»Es ist völliger Blödsinn, einem Gelbfalken größere Sehschärfe zuzuschreiben als einem Schwarzbartfalken!«, verteidigte sich Edelhart.
»Das interessiert mich weniger als die Antwort auf die Frage, ob in Nostria die Sau von Bauer Alrik dem Einfältigen geferkelt hat!«, donnerte Vater. »Mein verstockter Sohn wirbt fünf lange Jahre um die Baroness von Ochsenweide und hat dann, als er sich schon zum Favoriten hochgearbeitet hat – mit erheblicher Unterstützung aus der väterlichen Schatulle, wohlgemerkt –, nichts Besseres zu tun, als einen Streit über das Lieblingsthema seiner Holden vom Zaun zu brechen.«
»Es kann schwerlich ihr liebstes Gebiet sein, wenn sie so wenig davon versteht.«
Mit zwei schnellen Schritten war Vater beim ihm und versetzte ihm eine Ohrfeige. »Auch noch frech! Ein halbes Jahrzehnt verschwendet und jetzt Widerworte geben! Ein Mann hat ein heiratsfähiges Alter! Das hast du mit deinen dreiundzwanzig Jahren beinahe überschritten!«
»Ehrenbrecht war fünfundzwanzig, als er ...«
»Ruhe!« Vater holte mit der Rechten aus, verharrte aber, als sein Sohn schwieg.
»Die Familie lacht über dich«, flüsterte er. »Die Freundlicheren spekulieren darüber, ob du die Kutte eines Ordens nehmen wirst. Die weniger Milden sehen dich als einfältigen Spielmann durch die Lande taumeln.«
Edelhart presste die Zähne aufeinander.
Vater klappte das Schreibpult auf, das neben dem Fenster stand, und nahm ein Pergament heraus. »Die Einladung zur Hochzeit. Rondralind wird sich im Traviatempel zu Rommilys mit Thorfried von Zebental verbinden.«
Edelhart seufzte.
Sein Vater ließ sich nicht beirren. »Von Zebental! Ich denke, du wirst dich ausreichend für die Geschicke deiner Familie interessieren, um zu verstehen, was das bedeutet! Der Brückenzoll an der Natter wird sich nicht gerade vorteilhaft für uns entwickeln.«
»Nein, Vater.«
»Nicht nur, dass du deinen Mund nicht halten kannst, nein, du versagst auch, wenn es darum geht, innerhalb von zwei Monden den Riss zu kitten, den deine Unbeholfenheit hat aufbrechen lassen! Muss ich mich denn um alles kümmern? Ausgerechnet wenn ich in Gareth weile, muss mein Sohnemann darangehen, alles einzureißen, was wir in den vergangenen Jahren aufgebaut haben.« Er warf einen Blick auf das Schreiben in seiner Hand. »Wir sind natürlich alle zu der Feier eingeladen. Selbstverständlich wirst du nicht hingehen. Diese Peinlichkeit ersparen wir uns beiden.«
»Ich kann gern eine Grippe vortäuschen ...«
»Nicht nötig.« Vater legte das Pergament zurück in den Sekretär und holte mit der gleichen Bewegung ein Medaillon hervor. »Du wirst so weit fort sein, dass niemand dein Erscheinen erwarten kann.«
»Fort?« Edelhart kam sich dumm vor, als habe er einen Teil des Gesprächs verschlafen und wisse jetzt nicht, worum es ging.
»Die Reise zu deiner Angebeteten duldet leider keinen Aufschub.«
Verständnislos schüttelte Edelhart den Kopf.
Vater warf ihm das Medaillon zu.
Edelhart fing es. Es war nicht viel größer als sein Daumen, aus Gold gefertigt und erstaunlich fein gearbeitet. Der Rand lief in Schnörkeln aus, die Ranken oder Federn darstellten. Im Zentrum war ein Porträt mit einem Pinsel gemalt, der nicht viel dicker sein konnte als ein einzelnes Haar. Es zeigte eine junge Dame mit schmalem Gesicht. Auf den dünnen Lippen spielte die Andeutung eines Lächelns, die Augen waren nur schwarze Punkte, ihre Farbe nicht zu erkennen. Das hellrote Haar hatte sie nach vorn gebürstet, sodass es über ihre linke Schulter fiel.
»Jazemina Ernathesa«, erläuterte Vater mit leichtem Spott in der Stimme. »Aus Taladur in Almada.«
Almada – das war das Königreich im Südwesten, das dem Kaiser durch Eid verpflichtet war und deswegen ebenso wie Edelharts Heimat zum Mittelreich gezählt wurde. Noch vor einer halben Stunde hatte Edelhart vermutet, Vater hätte ihn gerufen, um von Rondralinds Einlenken zu berichten – dass sie die dumme Geschichte mit dem Falken vergessen habe und jetzt bereit sei, ihn wieder in ihrer Nähe zu dulden. Stattdessen war das Ziel seiner Bemühungen nun unerreichbar, und er wurde, wenn er sich nicht täuschte, in die Ferne verschachert.
»Ernathesa ... eine Bürgerliche?«
Vater lächelte kühl, als er den Kopf schüttelte. »Vierschildriger Adel.«
»Was soll denn das sein – ›vierschildrig‹?«
»Etwas viel Besseres, als du verdienst. Eine Familie, in deren Stammbaum der Adelsschild seit vier oder mehr Generationen auftaucht. Bei den Ernathesa ist das schon erheblich länger der Fall.«
»Ich dachte nur, weil sie kein ›von‹ im Namen hat ...«
»Du hast zu Genüge bewiesen, dass du das Denken lieber anderen überlassen solltest. Wie du unschwer erkennen kannst, führt das zu mehr. Jetzt nehme ich die Dinge in die Hand und schon reicht dir die älteste Tochter eines bedeutenden Adelshauses die ihrige.«
»Hat sie noch einen Bruder?«, fragte Edelhart misstrauisch.
Vater schüttelte den Kopf. Er war die Zufriedenheit in Person, wenngleich sein unfähiger Sohn wenig zu dieser Stimmung beigetragen hatte. »Jazemina ist das älteste Kind.«
Edelhart stand auf, um das Medaillon besser ins Licht halten zu können. Es hätte ihn nicht überrascht, wenn sein Vater ihn für diese Eigenmächtigkeit gerüffelt hätte, aber die Zurechtweisung blieb aus. Der alte Herr schien für den Moment versöhnt durch den Umstand, dass er seinen Sohn mit dem neuen Plan so vollkommen überrascht hatte.
»Almada ist ein fernes Land ...«, sinnierte Edelhart.
»... wo niemand von deinem Versagen weiß«, ergänzte Vater. »Außerdem baut man in Almada Alaun ab.«
»Was soll denn das sein?«
»Man färbt Stoffe damit.« Neue Ungeduld war in Vaters Stimme zu hören. »Vor allem aber ist es zweierlei: wertvoll und selten. Außer in Almada findet man es nur noch in Tobrien. In Almada gibt es zwei Minen. Und nun rate einmal, wem eine davon gehört!«
»Den Ernathesa?«
»Ich beginne mir Hoffnung zu machen, dass in deinem Kopf doch noch etwas anderes wohnt als ein Schwarm von Falken.«
Edelhart kniff die Augen zusammen, um das Porträt besser erkennen zu können. Kaum zu glauben, dass ein Künstler die Linien so sauber ziehen konnte. Zusammen mit dem fein ziselierten Metall legte dieses Schmuckstück beredtes Zeugnis von den Fähigkeiten seiner Schöpfer ab. »Und du glaubst, dass du hier Käufer finden wirst?«
»Das glaube ich nicht, das weiß ich. Wir handeln seit jeher mit Alaun, auch wenn das deiner geschätzten Aufmerksamkeit entgangen sein sollte. Nun werden wir es ein wenig günstiger erstehen können.«
»Nur ein wenig?«
»Die Almadaner sind gute Kaufleute«, bemerkte Vater schneidend. »Außerdem darf man den Handelswert eines Versagers nicht zu hoch veranschlagen.«
Edelhart duckte sich wie unter einem Hieb. Er tat so, als beuge er sich dichter über das Medaillon. »Sie hat schönes Haar«, stellte er fest.
Vater zuckte mit den Schultern. »Oder der Maler wollte ihr schmeicheln. Jedenfalls wird dieses Arrangement unser Handelsabkommen besiegeln und dich vom Gespött entfernen.«
Edelhart dachte an seine Tanten und Onkel, seine Vettern, Basen und nicht zuletzt seine Geschwister. Die Nachricht von Rondralinds Vermählung mit einem Zebental würde sich so schnell verbreiten wie Zorganpocken. Nicht nur die Binsböckels wussten um das intensive Werben, mit dem er Rondralinds Gunst zu erlangen versucht hatte. Die darpatischen Adligen waren stolz, viele verbanden mit einer Heirat deutlich mehr romantische Gefühle, als dies bei den Binsböckels der Fall war. Die Barden mit ihren Liedern von Helden, die für ihre Holde alles aufgaben und ihr erschlagene Drachen zu Füßen legten, setzten den heiratsfähigen Damen Flausen in den Kopf. Keine, die eine Wahl hatte, würde sich dazu hergeben, als Lückenbüßerin zu fungieren. Außerdem hatte Edelhart auch kein weiteres Eisen im Feuer. Wenigstens ein Jahr würde es dauern, eine neue Baroness für sich zu gewinnen, eher zwei oder mehr. Wenn es denn überhaupt eine Baroness wäre. Vermutlich würde es auf eine Junge Herrin hinauslaufen, die Tochter eines Freiherrn. Das würde Edelhart ewig nachhängen, bei jedem Treffen mit seinen Geschwistern.
»Mir scheint, du überlegst noch, als hättest du eine Wahl.« Etwas Drohendes war in Vaters Stimme.
»Almada ...«
»Die Hochzeit ist bereits arrangiert«, stellte Vater fest. »Selbst mein jüngster Sohn kann das jetzt nicht mehr verpatzen.«
Als Vater die Hand hob, setzte Edelhart dazu an, einen weiteren Schlag abzuwehren. Diesmal landete sie jedoch mit festem Griff auf seiner Schulter.
»Das bist du doch – mein Sohn? Ein Binsböckel?«
Der Weg nach Taladur
Edelhart erzählte mir einmal, dass man dem Tod in seiner Heimat vorwiegend mit Furcht begegnet. Ich habe seitdem oft darüber nachgedacht, ob das bei uns nicht auch so ist. Sicher, man fordert ihn gern immer wieder heraus, in gewagten Wettkämpfen, bei Mutproben oder auch in Duellen. Wenn er dann kommt und einen von uns zu sich holt, feiern wir große Feste. Aber es gibt auch kluge Leute, die behaupten, all diesen Lärm veranstalteten wir nur, um nicht allein in der Stille zu sein und zu fühlen, wie sich Borons eisige Hand unserem Herzen naht. Wir grüßen den Totenraben wie einen Freund und trachten nach vertrautem Umgang mit ihm, vielleicht auch, damit er uns wohlgesonnen ist, wenn die Reihe an uns kommt.
Wo ich diese Zeilen lese, die ich gerade selbst geschrieben habe, scheint mir, dass etwas von dem darpatischen Schwermut den Weg in mein Herz gefunden hat. Hinfort damit! Hinfort, sage ich. Was sollen diese Grübeleien?
Am Ende ist der Tod eine nützliche Sache, das lehrt auch die Kirche des Herrn Boron, und die muss es wissen. Ohne ihn würde ein unerträgliches Gewimmel und Gedränge herrschen. Warum einen guten Mann verleumden? Manchmal ist er sogar angenehm.
Insbesondere, wenn er dafür sorgt, dass der Vorsitz im Erzenen Rat frei wird.
—Daroca Ernathesa, Tagebuch
***
Palacio Torreda, Taladur.
Fünfzehnter Tag im Hesindemond, 989 nach Bosparans Fall
Giuliana Tandoris Körper war noch warm. Im Sommer hätte Erresto das nicht feststellen können, aber jetzt, im Winter, fühlte er, dass die Leiche wärmer war als die Luft, die durch das geöffnete Fenster eindrang. Ein schwaches Glühen regte sich unter der Asche des Kaminfeuers. Der Stapel trockener Scheite daneben war unberührt.
Auch Giuliana wirkte, als hätte sie in dieser Nacht keine Hand berührt. Sie lag auf dem runden Bett wie hingegossen. Ihr schleierfeines Gewand enthüllte mehr als es verbarg, zumal es auf der linken Seite verrutscht war und die üppige Brust preisgab. Der Tod hatte ihre Schönheit noch nicht geraubt, weder was ihre festen, runden Formen anging, noch was die sinnlichen Linien ihres Gesichts betraf. Giuliana hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie viel Gold auf den Erwerb von Salben und Ölen verwendet hatte, um die Jugend zum Bleiben zu bewegen.
»Wie alt war sie genau?«, fragte Erresto, ohne den Blick von der Toten zu lösen.
»Etwa Fünfundvierzig«, antwortete Kallista. Erresto nahm sie immer mit, wenn es einen Tatort zu besichtigen galt. Sie hatte ein hervorragendes Gedächtnis und würde sich noch in einem halben Jahr an Einzelheiten erinnern, die andere schon beim Verlassen des Raums vergessen hätten.
Offensichtlich hatte hier ein Gelage stattgefunden. Ein Berg von Wintertrauben quoll über den Rand eines Silbertabletts, im Raum verteilt fanden sich Pyramiden aus Konfekt, Kerzen schwammen in kupfernen Wasserschalen, die mit Duftölen durchsetzt waren. Jetzt waren alle Flammen verloschen.
»Soll ich ihr genaues Alter herausfinden?«
»Nicht nötig«, murmelte Erresto. Giuliana war siebenundvierzig gewesen. Manchmal stellte er Fragen, deren Antwort ihm schon bekannt war, als verliehe es den Tatsachen eine andere Qualität, wenn er sie aus anderen Mündern hörte. Er nahm die Hand vom Hals der Toten und richtete sich auf.
Giuliana lag auf dem Rücken. Die Schultern ragten über das Bett hinaus, der linke Arm war weit zurück gestreckt, sodass die Hand auf dem Boden lag. Am Ringfinger stak ein Bernstein, dessen Farbe nicht mit ihrem roten Gewand harmonierte. Vielleicht schien das auch nur so, weil die Situation so abstoßend war. Eine Tote inmitten dieser Dekoration, die offensichtlich geschaffen worden war, um der Lebensfreude Raum zu geben, für die die Ratsvorsitzende bekannt gewesen war. Sie hatte stets eine Vorliebe für Jünglinge gepflegt, so manchen in die Kunst des Geschlechterspiels eingeführt. Auch Erresto hatte einmal das Glück ihrer Aufmerksamkeit genossen und hatte diese Stunden in angenehmer Erinnerung, wenn sie auch schon ein halbes Jahrzehnt zurücklagen. Er war damals frisch nach Taladur geholt worden, zwanzig Jahre alt und voller Träume, die sich schneller erfüllt hatten, als man jemandem wünschen konnte, dem man Gutes wollte. Ehe er begriffen hatte, wie ihm geschehen war, hatten die Familias ihn auf den Posten des Capitans der Taladurer Wehr gehoben, was ihm zugleich einen Sitz im Erzenen Rat eingebracht hatte, der Regierung der Stadt.
Von jenem Tage an waren sich Giuliana und er wohlwollend, meist sogar freundschaftlich begegnet, hatten ihre intime Beziehung aber nicht fortgeführt. Vielleicht hatte die Ratsvorsitzende eine solche Verbindung für ebenso unpassend gehalten wie er selbst. Wahrscheinlicher war, dass sie lediglich seine Skrupel respektiert hatte. Erresto bemühte sich, einen gewissen Abstand zu den großen Familias zu halten, sogar zu seiner eigenen, um jedem Verdacht vorzubeugen, die Taladurer Wehr ergriffe Partei in den Streitigkeiten, die mal subtilere, mal drastischere Formen annahmen.
Gegenwärtig schien jemand der Meinung zu sein, es sei der rechte Moment gekommen, den Fächer gegen den Degen zu tauschen. Wer war dieser Jemand?
»Sie waren zu zweit«, stellte Kallista fest.
Erresto nickte. »Wahrscheinlich.« Außer dem Kristallkelch, der offenbar Giulianas Hand entglitten war und zersplittert auf dem Marmorboden lag, stand noch ein zweiter auf dem Tischchen neben der Karaffe. Er war zur Hälfte mit rot leuchtendem Wein gefüllt. »Zwei Trinkgefäße und eine Lage, in der man schwerlich mehr als ein Paar vermutet, das auf Ungestörtheit Wert legt.«
»Manche sagen, Giuliana beschränkte ihren Genuss nicht immer auf einen einzelnen Bevorzugten«, gab Kallista zu bedenken. Sie hatte den breitkrempigen Hut mit der Straußenfeder noch auf dem Kopf. In den behandschuhten Händen wäre er ihr lästig gewesen, und ablegen wollte sie ihn wohl nicht, um nicht versehentlich eine Spur zu verdecken.
»Du hast recht, wir sollten keine Möglichkeit ausschließen. Trotzdem sieht es danach aus, dass sie zu zweit waren.«
»Vielleicht ein Eindringling? Durch das Fenster?«
Erresto besah sich das tote Gesicht, den für immer verstummten Mund. »Mir scheint, der Täter hatte Zeit. Er hat Giulianas Augen zugedrückt. Das hätte er nicht getan, wäre der Liebhaber noch zugegen gewesen. Das Fenster kann er hinterher geöffnet haben.«
»Also ist der Täter entweder der Liebhaber, oder der Liebhaber ist ein weiteres Opfer.«
Nachdenklich umrundete Erresto das Bett. Er achtete darauf, keine der Perlen zu zertreten, die Giulianas nun zerrissene Kette geziert hatten. »Dann müsste er ihn herausgeschafft haben. Durch das Fenster oder über die Treppe. Und danach mit der Leiche durch die halbe Stadt.« Sie befanden sich im Palacio Torreda, dem Rathaus von Taladur. Giuliana hatte hier in Gemächern des Obergeschosses residiert, die ihrer Stellung als Ratsvorsitzende angemessen gewesen waren. Bald würde jemand anderes hier einziehen.
Erresto sah auf die Stadt hinaus, wo das Hämmern der Handwerker den Morgen begrüßte. Giuliana war Zunftmeisterin der Silberschmiede gewesen, deren Werkzeug sich in den arbeitsamen Klang mischte, ohne dass jene, die es schwangen, bereits gewusst hätten, dass sie ohne Führung waren. Die Neuigkeit würde sich rasch verbreiten. Noch bevor die Sonne gänzlich über dem Horizont stünde, wüssten alle davon, wenn die Schatten am kürzesten wären, hätte jedes Kind in Taladur seine eigene Spekulation dazu, wer für den Mord verantwortlich sei.
Mit Sorge sah Erresto auf die Silhouetten der Geschlechtertürme, die sich gleich Riesen, die nach dem Erwachen die noch kalten Muskeln streckten, inmitten der Stadt erhoben, deren Sicherheit ihm anvertraut war. Der höchste von ihnen gehörte den Tandori. Seine silbergekrönten Zinnen legten beredtes Zeugnis vom Stolz der Familia der Ermordeten ab. Stolz schrie allzu leicht und allzu blindwütig nach Rache. Harte Wochen lagen vor der Taladurer Wehr.
»Fassen wir zusammen, was wir wissen«, forderte Erresto und wandte sich Kallista zu. »Giuliana hatte eine romantische Verabredung, auf die sie sich gründlich vorbereitet hat. Kurz vor, während oder nach dieser Verabredung wurde sie ermordet.«
»Sie ist gestorben«, korrigierte Kallista. »Ob sie wirklich ermordet wurde, wissen wir noch nicht.« Erresto und sie befanden sich in einem ständigen Wettstreit, um sich gegenseitig nachzuweisen, wo sie Annahmen trafen, die noch nicht zweifelsfrei belegt waren.
Erresto grinste. Trotz der traurigen Lage genoss er es, seinen Verstand mit Kallistas fechten zu lassen. »Zugegeben. Aber ich weiß, wann sie gestorben ist.«
»Oho. Lass hören.« Kallista pflegte einen ungewöhnlich vertraulichen Ton mit ihrem Garde-Capitan, vor allem, wenn sie allein waren.
»Das Gelage hatte bereits begonnen.« Erresto zeigte auf das angeknabberte Konfekt, den Wein in dem Kelch auf dem Tischchen und die rote Lache auf dem Boden. »Es geschah also nicht vorher. Auch nicht nachher, dafür ist zu wenig gegessen worden und Giulianas Kleidung ist darauf ausgelegt, ein bestimmtes Verlangen anzufachen.«
Kallista neigte bestätigend das Haupt. »Zudem wurde kein Holz im Kamin nachgelegt.«
»Es ist inzwischen heruntergebrannt. Wenn wir davon ausgehen, dass sie es nicht hätte ausgehen lassen ...«, er sah seine Untergebene fragend an, die ihm die Annahme mit einem angedeuteten Nicken durchgehen ließ, »... dürfte es wohl wenigstens eine Stunde her sein, seit Giuliana ihre letzte Reise antrat. Viel länger aber auch nicht, sonst wäre ihre Haut kälter.«
»Also gut.« Mit auf dem Rücken verschränkten Armen schritt Kallista auf und ab. Ihre schweren Stiefel wirkten klobig in dem fein eingerichteten Raum. »Es geschieht also, während die beiden beisammen sind. Giuliana stirbt ...«
»... wie auch immer ...«
»... auf welche Weise auch immer, und der Liebhaber schließt ihre Augen, lässt aber ansonsten die Leiche unberührt und schert sich auch nicht um den zerbrochenen Kelch.«
»Der Kelch wundert mich weniger als die Kette. Siehst du die Kratzspuren an Giulianas Hals? Glaubst du, sie hat sie sich selbst zugefügt?«
Kallista leuchtete mit der Kerze, vorsichtig darauf bedacht, dass kein Wachs auf die Tote tropfte. »Der Hals ist dunkel unter dem Puder. Gut möglich, dass sie gewürgt wurde. Also ein Kampf!«
Erresto räusperte sich. »Nicht unbedingt. Manchen Frauen hilft es, den Gipfel der Lust zu erklimmen, wenn ...«
»Ja?«, fragte Kallista gedehnt und bedachte ihn mit einem tiefen Blick aus ihren dunklen Augen. »Erzähl mir mehr!«
»Wenn ihnen die Luft abgedrückt wird während ... na ja währenddessen.«
»Ah ja.«
»Ja.«
»Und Giuliana ...?«
»Wer weiß.«
»Nun gut. Wer weiß. Also vielleicht ein Unfall?«
»Trotzdem nehmen wir den Krug mit. Und tauch dein Tuch in die Lache, vielleicht war Gift in ihren Kelch gestrichen.«
»Jawohl, Capitan.«
»Wir bringen den Wein gleich zu Cecano, der soll herausfinden, ob daran etwas nicht stimmt.«
»Das sollte ihm nicht schwerfallen.«
»Zurück zur Tat. Giuliana stirbt also, der Grund dafür ist uns noch nicht klar. Der Geliebte kümmert sich um sie und öffnet dann das Fenster.«
»Warum?«
Erresto nahm einen tiefen Atemzug. »Er ist angestrengt, zudem aufgewühlt. Er hat das Gefühl, zu ersticken. Hier drin ist es warm wegen des Kamins. Also verschafft er sich frische Luft.«
»Gut. Dann verschwindet er. Und als die Zofe kommt, die die Fenster putzen will, wundert sie sich über das Heulen des Windes in diesem Zimmer. Das kommt ihr merkwürdig vor.«
»In Wirklichkeit wird sie an der Tür gelauscht haben«, stellte Erresto lapidar fest. »Alle Zofen tun das.«
»Wie auch immer. Sie kann sich keinen Reim auf das machen, was sie hört. Auf ihr Rufen erhält sie keine Antwort, das Zimmer ist unverschlossen, und kurz darauf schreit sie dich aus dem Bett.«
»Zum Glück hat sie nicht geschrien, sondern nur geklopft, als wolle sie meine Tür einbrechen. Sonst hätte sie die ganze Kupferstraße aufgeweckt, und wir wären sicher nicht die Ersten hier gewesen.« Kallista und Migeno, der sich gerade um die Zofe kümmerte, hatte er unterwegs eingesammelt, sie waren Nachtwache gegangen und ihm dabei in die Arme gelaufen.
Erresto ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und versuchte, sich die Dinge einzuprägen, die nicht so offensichtlich waren, dass sie ohnehin im Gedächtnis haften blieben. Der Spiegel hing ein wenig schräg, der Vorhang am Bett hatte sich an einigen Schlaufen gelöst, möglicherweise hatte Giuliana im Todeskampf daran gerissen. Er überlegte, ob sie sich vielleicht einfach nur verschluckt hatte und dann an einer Nascherei erstickt war. Es wäre gut gewesen, wenn kein Verbrechen hinter diesem Tod gesteckt hätte, aber das wagte er nicht zu hoffen.
»Die unverschlossene Zimmertür ist eine hilfreiche Beobachtung«, lobte er. »Sie deutet darauf hin, dass der Geliebte den Raum auf diesem Weg verlassen hat, nicht durch das Fenster. Vielleicht war er verunsichert, als es geschah, aber dann muss er seine Ruhe zurückgewonnen haben. Ich sehe auch nichts, was er zurückgelassen hätte. Keine Kleidung oder so etwas, meine ich.«
»Ich auch nicht«, bestätigte Kallista.
Geräusche drangen aus dem Parterre herauf und näherten sich schnell. »... dein Herr sicher verstehen!«, hörte Erresto.
»Aber ich habe Befehl ...« Das war Migenos Stimme.
Entschlossen, wie es den Tandori eigen war, stieß Zelonso die Tür auf. Er war der Soberan, das Oberhaupt seiner Familia und damit einer der mächtigsten Männer der Stadt. Die Tatsache, dass er ohne Bedeckung gekommen und dass die Spitze seines Hemds nur nachlässig gezupft war, kündeten von der Hast, mit der er hierher geeilt war.
Erresto hielt Migeno mit einer beschwichtigenden Geste zurück. Unmöglich, von einem einfachen Gardisten zu verlangen, Zelonso Tandori in dieser Lage Einhalt zu gebieten. Der Soberan war gut zehn Jahre älter als Erresto, was auch bedeutete, dass das Ungestüm der Jugend in ihm noch nicht erloschen war. Eine unselige Eigenschaft in dieser Situation.
Erresto legte die Linke an den Knauf seines Degens. Er hatte nicht vor, die Waffe zu ziehen, aber die Geste betonte die Würde seines Amtes.
»Garde-Capitan«, grüßte Zelonso dann auch, bevor sich sein Blick an der Toten festsaugte, die seine Tante gewesen war.
»Soberan Zelonso«, sagte Erresto ruhig. »Unser Mitgefühl ist bei der Familia Tandori.« Er trat von der Leiche zurück.
Zelonso strahlte die Würde einer Raubkatze aus, als er neben Giuliana niederkniete und ihr Haupt in seinen Schoß bettete. Seine Tränen waren stumm. Das beunruhigte Erresto mehr, als wenn der Mann seinen Schmerz hinausgeschrien hätte. Seine Trauer war echt. Die wenigsten Almadaner neigten dazu, sich einem solchen Gefühl dauerhaft in stiller Kontemplation zu widmen.
***
TabernaGoldkehlchen, Quirod.
Fünfzehnter Tag im Hesindemond, 989 nach Bosparans Fall
Edelhart empfand es als demütigend, ohne Bedeckung reisen zu müssen. Vater hatte ihm nicht mehr mitgegeben als ein Schreiben an das Familienoberhaupt der Ernathesa. Der Inhalt war Edelhart unbekannt, er wagte nicht, das Siegel zu brechen.
Er zog die Wildlederhandschuhe aus und legte sie auf den Tisch vor sich. Die Tagelöhner stellten die beiden Kisten mit seinem Gepäck neben ihm ab. Abschätzig musterte er sie. Im Grunde hatten sie ihre Arbeit gut und zügig erledigt. Dennoch bedeutete er ihnen, sie sollten die Kisten aufeinander stapeln, statt sie nebeneinander zu platzieren. Das einfache Volk sollte sich nicht zu viel auf seine Fähigkeiten einbilden. Es war seine Pflicht als Adliger, ihm in Erinnerung zu halten, dass es der Anleitung bedurfte. Alles andere schürte Unruhe.
Edelhart sah das Runzeln auf der Stirn der beiden Kerle, als sie seine Anweisung ausführten. Unverschämtheit! Gerade hatte er noch erwogen, ihnen ein paar Kreuzer zusätzlich zu den zwei Bronzehellern zu geben, die als Preis für den einfachen Dienst ausgemacht waren. Das kam bei solcher Aufmüpfigkeit natürlich nicht mehr infrage.
Er starrte die beiden Männer an. Für Tagelöhner legten sie ungewöhnlich viel Wert auf ihr Äußeres. Vielleicht war es in Almada Sitte, dass selbst einfache Menschen, deren Erscheinung ohne Bedeutung war, solange sie einem nicht gerade ihre Flöhe vermachten, ihre Bärte sauber stutzten und sich täglich wuschen. Jetzt, wo er darüber nachdachte, kam ihm niemand in den Sinn, der gänzlich ohne Stolz gewesen wäre, seit er Ragath passiert hatte. Selbst die Bettler an den Kais benahmen sich, als machten sie Geschäfte mit den Vornehmen, die ihnen Almosen gaben.
»Was wollen sie jetzt?«, fragte Edelhart barsch und noch eine Spur lauter, als es die Geräusche in der Taberna nötig machten.
Endlich zogen die beiden Bengel ihre Hüte, um das Haupt zu neigen. »Unsere Bronze, Herr, wenn es genehm ist.«
Er hielt ihnen die Münzen hin. Sie waren Wechselgeld, er hatte sich in Ragath einen Laib Brot gekauft. Deswegen zeigten sie die örtliche Prägung, eine Weinrebe. Er hielt sie noch einen Moment fest, als der kleinere der beiden danach griff. Wenigstens waren seine Hände schwielig und die Nägel hatten Risse. Bei allem Stolz konnten auch die Almadaner der göttergewollten Weltordnung nicht entkommen.
Edelhart entließ die Tagelöhner mit einem Wink. Sie hatten ihre Aufgabe zur Zufriedenheit erledigt, die nicht ganz leichten Kisten vom Kahn gewuchtet und zur Taberna hinaufgetragen, immerhin ein paar hundert Schritt. Edelhart dachte gar nicht daran, in der billigen Kaschemme am Hafen abzusteigen. Quirod konnte zwar nicht mit einer solchen Auswahl an Gasthäusern aufwarten wie Ragath, aber wenn er sich imGoldkehlchenumsah, hatte der Kapitän ihn zumindest nicht nach Strich und Faden belogen, als er die Empfehlung ausgesprochen hatte.
Ächzend lehnte sich Edelhart zurück. »Noch nicht einmal Diener habe ich dabei. Ich muss mir meine Knechte mieten.«
Drei Wochen war er unterwegs, die Reichsstraße Zwei hinunter, seit Yasamir auf dem Yaquir. Es wäre dumm gewesen, den Strom nicht zu nutzen, der auf sein Ziel zufloss. Trotzdem war auch mit dieser klugen Wahl eine Demütigung verbunden gewesen. Der Kapitän hatte sich nicht nach seinen Wünschen bezüglich des Abfahrtszeitpunkts gerichtet, sondern danach, wann Schnaps und Ziegenleder verladen waren. Edelhart seufzte. So tief war er gesunken. Er zählte weniger als Fusel und die Haut von toten Tieren. Das war anders gewesen, als er noch Rondralinds Gunst besessen hatte, und damit auch die seiner Familie, der er nunmehr nur noch lästig war.
Eine Maid löste sich aus den Armen des Tanzpartners, mit dem sie hemmungslos durch den Raum gewirbelt war, und torkelte ein wenig schwindelig auf Edelharts Tisch zu. Ihr Kleid gewährte tiefen Einblick, als sie sich über das gerötete Gesicht strahlend vorbeugte. »Wünscht Ihr nur zu trinken«, fragte sie außer Atem, »oder auch zu speisen? Wir haben noch Fasan, der auch einer feinen Zunge munden wird!«
Edelhart zwinkerte. Er brauchte einen Moment, um die Situation zu erfassen. »Sie ist die Schankmaid?«, fragte er zur Sicherheit.
»Das bin ich. Was darf ich Euch bringen?«
»Ist es hierzulande üblich, dass sich das gemeine Volk vergnügt, wenn es arbeiten sollte?«, fragte Edelhart scharf.
»Wie meint Ihr?«
»Nun, dort, wo ich herkomme, tanzen die Schankmaiden nicht mit ihren Liebsten, während die Gäste dürsten.«
»Jetzt seid nicht so ein Brummbär!« Sie wagte es, die kleinen Fäuste in die Hüften zu stemmen und einen Schmollmund zu ziehen. »Wenn Ihr so durstig seid, dann sagt mir geschwind, ob Euch der Sinn nach süßem Wein, herber Traube oder einem Humpen Bier steht, umso schneller will ich Euch Linderung verschaffen.«
Edelhart sah sich um, um zu erkennen, ob jemand an den Nachbartischen die freche Rede gehört hatte und vielleicht Anstoß nahm. Die anderen Gäste waren jedoch damit beschäftigt, den Takt des Liedes mitzuklatschen, das nun zum Besten gegeben wurde. An der dem Eingang gegenüberliegenden Wand stand ein Tisch, auf dem zwei Musikanten mit merkwürdig kleinen Lauten saßen. Zwischen ihnen schmetterte eine Schönheit den Text, bei dem es wohl um einen fröhlichen Zecher ging. Den Kehrvers, in dem der Trinker das Vergnügen von gutem Wein zu später Stunde pries, sangen auch die Gäste mit, wobei es eher um Lautstärke als um Melodie ging. Begeistert trommelte man mit leeren oder auch vollen Bechern auf den Tischen.
»Wie steht es nun um Euren Durst?«
Edelhart räusperte sich und löste den Blick von der hübschen Sängerin. »Lasse sie mich von dem Wein kosten, der hierzulande so gepriesen wird. Der Fasan soll mir auch genügen. Und für die Nacht ein Zimmer ohne Ungeziefer.«
Sie zeigte auf seine Kisten. »Ihr reist mit schwerem Gepäck! Seid Ihr ein Händler, der mit seinen Waren unterwegs ist?«
Edelhart schnaubte. »Ich bin von Stand!«, rief er über den Gesang hinweg.
Sie zuckte mit den Schultern. »Und ich bin Rolinda.« Damit drehte sie sich um und ging mit wiegenden Hüften zum Ausschank. Auf dem Weg klatschte ihr ein übermütiger Gast auf den Hintern, was sie mit einem spitzen, aber nicht abgeneigten Schrei kommentierte.
»Ich bin von Stand«, flüsterte Edelhart müde. »Und ich werde verkauft wie ein Ochse.«
Er sah den Tänzern zu, wie sie herumtollten. Es war ein wildes Herumspringen, das mit den genau gesetzten Schritten der höfischen Etikette nichts gemein hatte. Man wirbelte über die Dielen, umfasste hemmungslos Schultern und Hüften, jauchzte und stampfte, bis die Gesichter glühten und der Schweiß die Hemden tränkte. Einige Jünglinge schienen die Maiden beeindrucken zu wollen. Einer beugte sich vor, ein anderer nahm Anlauf und sprang über ihn, wobei er mit den Schultern über den Rücken seines Kameraden rollte. Er kam mit einem einarmigen Handstand auf und stieß sich mehrmals ab, sodass er auf seiner Rechten durch den Raum hüpfte. Sogar die Sängerin klatschte den Takt seiner Sprünge mit, allerdings ohne dadurch ihren Vortrag leiden zu lassen.
Rolinda kam mit einem Becher zurück. »Quiroder Roter. Er wird Euch munden.« Sie zwinkerte ihm zu. »Der Jahrgang ist ein wenig schwer, das passt zu Euch.«
Edelhart entschied, dass es sich nicht lohnte, sie wegen ihrer lockeren Rede zurechtzuweisen. Man konnte schließlich nicht von ihm verlangen, das Volk der ganzen Welt an einem einzigen Tag zu erziehen. »Der Jüngling dort scheint mir ausgesprochen beliebt zu sein«, stellte er fest und zeigte auf denjenigen, der seine akrobatischen Fertigkeiten vorgeführt hatte. »Er küsst gerade das siebte Mädchen.«
»Danke für den Rat«, versetzte Rolinda. »Ein solch knackiges Gesäß sollte ich mir tatsächlich nicht entgehen lassen.«
Edelhart hob die Hand, fand aber angesichts des Helden des Abends vorerst keine Beachtung mehr. Der schöne Gesang und die Tatsache, dass sein Gepäck aufs Zimmer geschafft wurde und der gebratene Fasan nicht allzu lange auf sich warten ließ, versöhnten ihn jedoch wieder. Er beschloss, sich wie ein Gast bei einem Schauspiel zu verhalten. Das Gebaren der Tabernabesucher schien für ein derbes Luststück, wie das einfache Volk sie schätzte, durchaus geeignet. Warum sollte er sich nicht für einen Abend in solche Niederungen begeben? »Schließlich kennt mich hier niemand«, murmelte er und orderte einen weiteren Becher Quiroder Roten.
Zu seiner Überraschung fand er den Fasan vorzüglich. Es mochte am Hunger und den Entbehrungen der Reise liegen, aber er entsann sich nicht, jemals etwas feiner Abgeschmecktes im Munde gehabt zu haben. Er legte gerade den letzten blankgenagten Knochen auf den Teller, als die Sängerin an seinen Tisch trat. Ihr Vortrag hatte ihm so gut gefallen, dass er dem sammelnden Knaben einen Silbertaler in den Hut geworfen hatte. Jetzt hatten die beiden Lautenspieler die Taberna verlassen und die Tanzfläche war mit Tischen zugestellt.
»Ihr Vortrag wusste zu gefallen«, sagte Edelhart höflich.
»Ich danke Euch, edler Herr, auch wenn ich nicht jeden Ton trefflich herausbrachte.«
»Ja, das ist mir aufgefallen.« Das entsprach zwar nicht der Wahrheit, schließlich kannte er die hiesigen Lieder nicht und konnte daher gar nicht beurteilen, wie sie korrekt dargeboten werden mussten, aber man durfte das Künstlervolk nicht zu sehr loben, sonst wurde es hochmütig.
Die Augen der Frau flammten auf, was ihre Attraktivität noch steigerte. Sie war wahrlich eine Schönheit. Wäre er ihr in Darpatien begegnet, hätte er ihr die Tür aufgehalten, weil er sie für eine Adlige gehalten hätte. Weniger wegen des Kleides, dessen Tuch zwar sauber und elegant geschnitten war, jedoch keinen Goldfaden aufwies, sondern vor allem wegen ihrer stolzen Körperhaltung, die ihn an ein edles Ross erinnerte. Er schüttelte den Kopf. Seltsam, diese Almadaner.
»Rolinda meint, Ihr könntet ein wenig Gesellschaft gebrauchen.«
Während er noch darüber nachdachte, wie Rolinda wohl auf diesen Gedanken verfallen war, zog sie bereits einen Stuhl heran und setzte sich ihm gegenüber. »Wollt Ihr mir keinen Wein bestellen?«, lächelte sie keck.
»Ich gebe es auf«, murmelte Edelhart.
»Was habt Ihr gesagt?«
»Schön, in Almada zu sein«, sagte er lauter.
»Wenn Ihr mir einen Valquirtaler Süßen kommen lasst, dürft Ihr mir erzählen, woher Ihr stammt.«
Er lachte.Soviel Frechheit bin ich einfach nicht gewohnt.Er bestellte.
»Mein Name ist Edelhart von Binsböckel. Aus Darpatien.«
»Iona Zelezia Gimana Herlendez.« Sie streckte ihren Arm über den Tisch, den Handrücken nach oben.
Fremde Sitten, rief er sich ins Gedächtnis und hoffte, sich nicht lächerlich zu machen, als er der Bürgerlichen die Hand küsste.
Iona schien seine Unsicherheit zu bemerken. Kichernd neigte sie das Haupt, ohne jedoch den Blickkontakt abreißen zu lassen, wofür er ihr dankbar war, denn ihre Glutaugen waren sehenswert. »Ihr seid das erste Mal in Almada?«
»So ist es.«
Sanft entzog sie ihm ihre Hand. »Auf der Durchreise?«
»Ja. Nein.«
Fragend lüpfte sie eine Braue.
»In diesem Ort weile ich nur kurz, aber in Almada werde ich bleiben. Ich suche eine Passage nach Taladur.«
»Oh!«, rief sie überrascht. »Daher komme ich!«
»Sie stammt aus Taladur?«
»Das nicht, aber ich habe etwa ein Jahr in eben dieser Stadt verbracht. Erst vor einer Woche bin ich dort aufgebrochen.«
»Hat es ihr dort nicht mehr gefallen?«
Sie zuckte mit den Schultern und nahm dankend den Becher entgegen, den Rolinda ihr brachte. »Es war ein guter Zeitpunkt, zu gehen.«
»Wollte man für ihre Lieder nicht mehr zahlen?«
»Am Ende hatte ich es nicht mehr nötig, für meinen Gesang entlohnt zu werden. Ich hatte einen reichen Gönner.« Wieder dieses Lächeln, das Stolz und Spott mit einer beinahe unschuldig zu nennenden Schönheit zudeckte.
»Und bei dem ist sie in Ungnade gefallen?«
Ein kurzes Stirnrunzeln überschattete ihr Gesicht wie eine Wolke an einem Sommertag. »Die kluge Geliebte geht,bevorsie ausgestochen wird und solange sie es noch selbst entscheiden kann.«
»Wenn sie bei mir Anschluss sucht, ist sie an den Verkehrten geraten. Ich bin verlobt.«
»Und wo habt Ihr Eure Verlobte versteckt? In einer der Kisten, die man auf Euer Zimmer geschafft hat? Hier scheint sie jedenfalls nicht zu sein.« Flink schaute sie unter den Tisch. »Nein. Da ist sie auch nicht.« Iona grinste. »Aber sorgt Euch nicht um Eure Einsamkeit! Mir steht heute Nacht nicht der Sinn danach, mein Herz zu verschenken.«
Edelhart nahm einen tiefen Schluck. »Sind alle Almadanerinnen so wie sie?«
»Jede Dame ist selbstverständlich einzigartig«, tadelte sie.
»Natürlich.«
»Habt Ihr Schmerzen am Herzen?«
»Wie kommt sie darauf?«
Sie zeigte auf die Hand, mit der er seine Brust befühlte. Es war ihm zur Angewohnheit geworden, nach dem väterlichen Brief zu tasten.
Er schüttelte den Kopf. »Wenn sie in Taladur war, sagt ihr der Name Ernathesa sicher etwas?«
Erstaunt riss sie die Augen auf. »Ihr seid der Galan aus dem Norden! Natürlich! Darauf hätte ich sofort kommen müssen! Jazeminas Verlobter.«
Der Wappenrock spannte sich vor seiner Brust, als er den Rücken durchdrückte.
»Andererseits ist es kein Wunder, dass ich Euch nicht erkannte, mit Eurem Haar kann man Euch ganz unmöglich für einen Günstling der Ernathesa halten.«
Edelhart nahm das Messer vom Tisch, rieb die Klinge mit dem Tuch sauber und versuchte, sein Spiegelbild darauf zu erkennen. »Was stimmt nicht mit meinem Haar?«
Iona lachte hell. »Es ist so kurz.«
»Schulterlang.«
»Ein Ernathesa würde sagen: ›verstümmelt‹! Schon ihre Kinder lassen das Haar wenigstens bis über den halben Rücken fallen.«
»Im Ernst?«
Iona nickte. »Für einen Ernathesa gibt es genau zwei Arten, sein Haar zu tragen: ›lang‹ oder ›lächerlich‹.«
»Lächerlich ...«, murmelte Edelhart.
Wieder lachte Iona, legte sogar vertraulich die Hand auf seine. »Es wird schon noch wachsen. Ein oder zwei Jahre, dann wird man Euch auch in Soberan Batholos Streitturm manierlich finden. Bis dahin könnt Ihr eine Perücke tragen.«
Er leerte seinen Becher.Fremde Sitten.
Iona faltete die Hände. »Wie wollt Ihr nach Taladur reisen?«
»Ich kam mit einem Handelsschiff, das aber weiter nach Punin wollte. Eigentlich sollten sie mich am anderen Ufer herauslassen, aber der Preis, den der Kapitän dafür verlangte, war ungehörig.«
»In Retingen?«
»Wenn das das Dorf auf der anderen Seite ist – ja.«
Iona nickte. »Das erste Dorf im Zwergenland.«
»Zwergenland?«
»Ihr seid hier wirklich fremd, wie? Kennt Ihr nicht den Grafen der Waldwacht?«
»Doch, natürlich. Graf Rabosch.«
»Und? Was sagt Euch dieser Name?«
»Ein ehrenwerter Mann, ganz ohne Zweifel.«
»Und sonst?«
Es ärgerte Edelhart, dass eine einfache Frau ihn ausfragte. Dass er tatsächlich nicht viel vom hiesigen Adel wusste, verdüsterte seine Stimmung zusätzlich. »Wie ich schon sagte: ein verdienter, ein großer Mann!«
Iona lachte schallend.
Edelhart wollte auffahren, aber es war so ansteckend, dass er mitlachen musste. »Was belustigt sie daran so sehr?«
»Der große Mann!«, japste Iona. »Graf Rabosch reicht mir knapp unter das Kinn!« Sie zeigte auf Edelhart und brach wieder in lautes Gelächter aus. »Ihr solltet Euer Gesicht sehen!«
»Sie hält mich zum Narren!«
Sie beugte sich vor. Den Blick in ihren Ausschnitt konnte und wollte er nicht vermeiden. »Rabosch«, sagte sie verschwörerisch. »Läuten da keine Glocken?«
»Was soll denn da läuten?« Im Moment nahmen ihn ganz andere Glocken gefangen, was seine Hose eng werden ließ.
»Rabosch«, wiederholte sie. »Sohn des Reshmin.«
»Rabosch, Sohn des Reshmin«, sagte er dumpf. »Rabosch, Sohn des ...« Er schnappte nach Luft. »Sie meint, er ist ein Zwerg?«
Er hatte die Frage wohl gerufen, denn die Gespräche an den Nachbartischen verstummten. Edelhart merkte, wie die Hitze in sein Gesicht stieg.
»Er ist klein«, Iona streckte den Zeigefinger aus der Faust, »steinreich«, der Mittelfinger kam dazu, »hat einen Bart«, der Ringfinger, »regiert seit gut anderthalb Jahrhunderten«, der kleine Finger. Sie tat überrascht, als sie ihre Hand betrachtete. »Das sind ja schon vier gute Gründe, anzunehmen, er sei doch tatsächlich ein Zwerg!«
Die Gäste prusteten los. Edelhart fühlte sich ein Stück unter den Tisch rutschen.
Jemand schlug ihm auf die Schulter. »So wie alle Grafen der Waldwacht vor ihm und nach ihm«, grölte er.
Es kam Edelhart wie eine Ewigkeit vor, bis die Gespräche wieder einsetzten.
»Nichts für ungut«, versetzte Iona. »Ich riskiere lieber eine Freundschaft, als dass ich mir einen guten Scherz entgehen lasse. Das müsst Ihr mir verzeihen. So bin ich einfach.«
»Und ich bin von Adel!«, zischte Edelhart. »Mit mir treibt man keine Späße!«
Ionas Lächeln erstarb. »Wenn Ihr lieber allein hier brüten wollt ...« Sie schob den Stuhl zurück und erhob sich mit einem Habitus, der einer Baronin angemessen gewesen wäre. »Ich danke für den Wein. Sollte ich Euch verletzt haben, so tut es mir leid. Für den Weg nach Taladur empfehle ich Euch, auf einem Handelskahn zu reisen. Pereno«, sie zeigte auf den jugendlichen Akrobaten, auf dessen Schoß es sich gleich zwei Damen bequem machten, »bringt Pelze in die Stadt. Er legt morgen ab. Er ist ein ehrlicher Mann, ihm könnt Ihr trauen.«
»Pelze?«
»Der Winter ist kalt.«
Edelhart hatte seinen dicken Mantel bereits wieder in den Reisekisten verstaut. »Mir erscheint die Witterung eher herbstlich als winterlich. Beinahe schon frühlingshaft.«
Stolz hob sie das Kinn. »Kalten Menschen wird es schnell warm. Doch das Eine lasst Euch gesagt sein: Dieses Armband«, sie schüttelte ein Schmuckstück aus goldenen Gliedern hervor, besetzt mit funkelnden Saphiren, »verehrte mir Alonzo von Zalfor, und sein Streitturm ist nicht niedriger als jener der Ernathesa.« Damit wandte sie sich ab.
Edelhart sah ihr noch nach, als die Tür aufgestoßen wurde. Die Art, wie der Mann die Taberna betrat, ließ erkennen, dass er etwas zu vermelden hatte. Er hielt den Griff seines Degens umfasst, der Staub der Straße klebte an seiner Kleidung, auch an dem schwarzen Tuch, das er um seinen linken Oberarm gewunden hatte. Sein Wappenrock zeigte eine blaue Lilie auf weißem Grund. Er sah über die Menge hinweg, als er rief: »Ihr Leute, lasst Euch sagen und verkündet aller Orten: Der Totenrabe des Herrn Boron kam nach Taladur und befahl die Seele Domna Giulianas in seine Hallen! Die Ratsvorsitzende ist tot! Trauert mit uns und trinkt einen Becher für ihr Heil! Das Gold der Tandori ist gut dafür!« Er warf Rolinda seinen Geldbeutel zu, die ihn geschickt fing. »Nimm, was du brauchst, um jedem Gast von eurem Wein zu geben«, sagte der Bote beiläufig. »Betrauert Guiliana Tandoris Tod, doch feiert auch ihr Leben! Rahja, die Herrin der Freude, war ihr allzeit hold! Glücklich ist, wer sich an solchen Tagen wie den ihren berauschen darf!«
Während die anderen Bediensteten überall einschenkten, brachte Rolinda dem Boten seinen Geldbeutel zurück. Bevor er ihn in den Gürtel hängte, hörte Edelhart ihn fragen: »Hast du dir auch eine gute Münze für deine Mühen herausgenommen, mein Täubchen?«
»Aber natürlich.«
»Brav. Niemand soll den Tandori Geiz nachsagen, erst recht nicht in einer solchen Stunde!«
»Fremde Sitten«, murmelte Edelhart fassungslos.
»Und jetzt – erhebt Euch!«, rief der Bote. Sofort leisteten die Gäste Folge. Auch Edelhart sah keinen Grund, einer verstorbenen Edlen den Respekt zu verweigern, zumal sie eine bedeutende Person gewesen sein musste.
»Lacht! Weint! Lebt!«
Es schien üblich, die Becher in einem Zug zu leeren.
Der Bote hielt sein Gefäß hoch über den Kopf. Erst jetzt bemerkte Edelhart die Flecken auf seinem Rock, die davon zeugten, dass dies nicht der erste Wein des Tages war.
»Giuliana Tandori!«, rief er und schleuderte den Becher auf den Boden, wo er zersprang.
»Giuliana Tandori!«, echote es vielstimmig. Die splitternden Becher hörten sich an wie ein Hagelsturm.
***
Palacio Torreda, Taladur.
Sechzehnter Tag im Hesindemond, 989 nach Bosparans Fall
Giuliana war tot und der Tanzlehrer erweckte den Eindruck, er wolle sich nicht mit einer Leiche in dieser Woche zufriedengeben. Unbarmherzig scheuchte er seine Schüler zurück auf die Tanzfläche. »Genug des Müßiggangs!«, schnarrte Signore Peglesto. Seine hagere Gestalt eiferte der Rute nach, die er in der Faust hinter seinem Rücken stolz aufgerichtet hielt, sodass ihre Spitze über dem Kopf wippte. Seine Beine glichen Stelzen, ein Eindruck, der durch die eng gebundene Hose noch betont wurde. Das Hemd dagegen umschlackerte ihn, als hätte es Mühe, an dem dürren Leib Halt zu finden. Man hätte den Verdacht haben können, einen Hungerleider vor sich zu haben, wäre nicht dieses Gesicht gewesen. Die Nase war ein Adlerschnabel, die Augen stechend wie Dolche, vor allem, wenn er den Kopf vorschob, was er oft tat, als sei er ein Raubvogel auf der Suche nach einem armen Mäuschen, das sich vor ihm zu verbergen suchte. »Zwei Wochen«, dozierte er, als sei das die Schuld jedes einzelnen Schülers. »Länger wird die Leiche nicht über der Erde stehen! Dann kommt die Begräbnisfeier, und bei dieser will doch wohl keiner der Anwesenden seiner Familia Schande machen. Oder etwa doch, Domñatella Jazemina?«
Sie erstarrte. »Auf keinen Fall!«, rief sie, als müsse sie sich einer Anklage des Totschlags erwehren.
»Warum seid Ihr dann wohl noch nicht in Position?«, giftete Signore Peglesto.
Jazemina prüfte den Sitz der Schleifen an ihrem linken Arm, während sie schon loshuschte. Wegen der Kälte hatte sie sich dick angezogen. Zu dick. Wie hätte sie ahnen können, dass der Maestro sie so ins Schwitzen brächte? Der Unterricht ging bereits in die dritte Stunde.
»Los, los, los!«, forderte Peglesto. »Sonst wird der junge Herr von Zalfor noch argwöhnen, Ihr fändet ihn so hässlich, dass Ihr seine Gesellschaft meiden würdet.«
Die Unterstellung ließ Herrado Starazza hämisch lachen. Er verübelte Urrito von Zalfor, Jazeminas heutigem Tanzpartner, dass dieser beim letzten Winterball im Teatro formvollendeter aufgetragen hatte als er selbst.
Geschwind hakte sich Jazemina unter, schenkte Urrito einen entschuldigenden Blick und wartete auf das Kommando, das nicht lange ausblieb.
»Und – der Herr rechts, die Dame links – eins! Zwei! Pause! Drei! Kehre! Vier! Fünf! Und nochmal! Eins! Nein!« Der Schrei war so spitz, dass er in den Ohren schmerzte.
Peglesto stapfte entschieden vorwärts, als wolle er die Delinquentin durch die Wand drücken. »Domñatella Esfira! Ich muss doch sehr bitten! Einen Hauch mehr Disziplin!«
»Ich gebe mir Mühe«, klagte die junge Amazetti. Sie war so alt wie Jazeminas jüngere Schwester Daroca, sechzehn Jahre. Ein Alter, in dem Konkurrenz gnadenlos war. So versuchte Daroca auch gar nicht erst, ihr schadenfrohes Lächeln zu verbergen. Sie tanzte mit Selion Tandori, der ein schwarzes Tuch um seinen linken Oberarm gewunden hatte, um der Trauer seiner Familia Ausdruck zu verleihen.
»Erspart mir die Ausreden!« Peglesto bedeckte seine Stirn mit dem Handrücken. »Ich bekomme Kopfschmerzen davon. Ganz schrecklich. Fürchterlich. Husch, husch, zurück auf die Plätze.« Er klatschte in die Hände. »Na los, na los! Schnell, schnell! Alle! Ja, auch Ihr, Domñatella Somindera! Hopp! Hopp! Hopp!« Seufzend nahm er seinen Platz vor der Kapelle ein, von wo er die jungen Magnaten Taladurs einigermaßen im Blick behalten konnte. Über fünfzig hatten sich eingefunden, eine stolze Aufgabe für den Tanzlehrer und seine nahezu unsichtbaren Gehilfen.
Er stützte sich auf seine Rute wie ein Capitan auf seinen Degen. »Nun keine Verzögerung mehr. Ich erwarte äußerstes Bemühen. Fußspitzen nach außen, Knie leicht gebeugt.« Die Rute zischte durch die Luft. »Leicht, sagte ich, Amazetti! Leicht! Hat etwa der König den Raum betreten, dass es Euch ein Bedürfnis ist, auf die Knie zu fallen?«
Daroca lachte damenhaft, was sogar dem gestrengen Peglesto ein Lächeln entlockte. Jazeminas Schwester wusste, wie man Männer bezauberte. Ihre Lider waren wie Fächer, das blonde Haar wie Gold und die Lippen wie Rosen. Wo Jazemina ihre eigene Nase einen Hauch zu lang fand, schloss Darocas mit einer kecken Spitze ab, die leicht zitterte, wenn sie lachte. Allerdings nur, wenn sie sich wirklich freute oder ehrlich belustigt war. An diesem Zittern erkannte Jazemina, ob ihre Schwester spielte oder nicht. Jetzt war sie zu weit entfernt, um es entscheiden zu können.
»Aufstellung!«, klatschte der Tanzmeister. »Nicht so lahm! Zwei Wochen sind nicht viel Zeit! O gütige Rahja!« Wieder legte er die Hand an die Stirn. »Wie soll es mir nur gelingen, Euch in Form zu bringen? Los! Los! Los! Wir probieren es jetzt mit Musik! Troveres – wenn ich bitten darf?«
Fideln und Vihuelas erwachten zum Leben. Der Rhythmus war schnell und fordernd.
»Herren rechts, Damen links, lauscht dem Takt – und eins! Zwei! Pause! Drei! ...«
Jazemina trat auf den Saum von Darocas Kleid, was aber in einem Moment ungeahnten Glücks der Aufmerksamkeit Peglestos entging. Am Ende des Tanzes nörgelte er zwar noch immer, diesmal vorwiegend, um Zahir Xetarros ›unwürdiges Herumgespringe‹ zu tadeln, schien aber zumindest soweit zufrieden, dass er zur nächsten Übung fortschritt.
»Meine Herren, jetzt sind Eure Arme gefragt. Ich hoffe sehr, Ihr habt ein stärkendes Mahl zu Euch genommen, Ihr werdet es brauchen. Vor allem diejenigen von Euch, die eine fülligere Dame an ihrem Arm haben.«
Da hatte es Urrito gut getroffen. Jazemina war zwar keine solche fleischlose Vogelscheuche wie Peglesto, aber von Fülligkeit war sie weit entfernt.
»Ich brauche eine Freiwillige, um die Figur vorzuführen. Domñatella Daroca, wärt Ihr so freundlich?«
Lächelnd schritt Daroca ihm entgegen. Wie bei allen Damen flatterte ihr Fächer, um die kurze Pause zur Kühlung zu nutzen. Als sie Peglesto erreichte, musste sie ihn natürlich zuklappen.
»Stellung mittlerer Öffnung«, dozierte Peglesto und nahm sie an einer Hand. In der Linken schwang er die Rute, als wolle er den Takt eines Liedes schlagen, das nur sein geschultes Gehör zu vernehmen imstande war. »Der Herr verbeugt sich, die Dame knickst. Ganz zauberhaft, Domñatella Daroca. Damen, seht genau her, so wird es gemacht. Nun ein gemeinsamer Schritt vor. Zwei. Drei. Bei Drei weiter öffnen, als wollten wir in die vollständig offene Haltung übergehen. Vor dem Ende der Drei zieht der Herr ...«
Daroca rief überrascht aus.
»... fasst die Hüften der Dame und hebt sie herum. Eine dreiviertel Drehung. Keine halbe, keine ganze. Dreiviertel, die Herren! Genau Dreiviertel!« Selbstzufrieden wirbelte er Daroca ein zweites Mal herum. »So! Die Dame knickst – sehr schön, Daroca – der Herr macht eine Kehre. Wer von Euch aufgepasst hat, der wird bemerken, dass der Herr nun direkt vor der nächsten Dame steht.« Er winkte Daroca. »Domñatella, darf ich bitten, dass Ihr mir auch hier aushelft?«
Daroca trippelte herüber.
»Ich bin Euch verbunden. Nun also weiter. Der Herr fasst die Rechte der Dame, nicht zu locker, nicht zu fest. Und jetzt – schweben, schweben, schweben!«
»Er sieht wirklich aus, als würden seine Füße den Boden kaum berühren«, kommentierte Urrito.
»Ja«, flüsterte Jazemina hinter dem Fächer, »aber meine Schwester hat er verloren.«
Daroca hatte den schnellen Schritten nicht zu folgen vermocht und stand nun etwas desorientiert in der Mitte des Saals. Peglesto dagegen tanzte entzückt vom eigenen Können einen Kreis, der ihn wieder an ihre Seite führte, wo er ihren Arm nahm, als sei nichts geschehen. »Na, diesen Teil werden wir uns dann gesondert vornehmen.«
»Er ist noch nicht einmal außer Atem«, bemerkte Jazemina.
»Unverschämtheit!«, raunte Urrito mit zusammengepressten Zähnen. Seine Lippen hatten die Farbe des Weins, für den seine Familia so gepriesen wurde.
Peglesto geleitete Daroca zurück zu ihrem Partner. Dann klatschte er in die Hände. »Also – los, los, los! Nicht trödeln!«
Viermal hielt er die Versammlung an, weil ihm der ein oder andere Schritt nicht passte, ein weiteres Mal, weil seiner Meinung nach eine der Vihuelas nicht genau im Takt spielte. Zum Glück zählte Jazemina nicht zu den Schuldigen.
Dann gelang es ihnen endlich, die Kombination durchzutanzen. Urrito fasste sie und riss sie in die Höhe. Jazemina stützte sich auf seinen breiten Schultern ab, wie sie es bei ihrer Schwester gesehen hatte, die es wohl intuitiv richtig gemacht hatte. Urrito setzte sie so heftig ab, dass sie unwillkürlich knickste, schon allein, um den Schwung abzufangen. Sie überspielte die wenig elegante Bewegung, indem sie den Fächer aufklappte.
Jazemina hatte gerade ihre Standfestigkeit zurückgewonnen und Blickkontakt mit Selion Tandori aufgenommen, dem Partner, mit dem sie fortsetzen würde, als Urrito so laut aufschrie, dass die Kapelle ihr Spiel unterbrach. Alle Blicke wandten sich ihm zu.
Urrito stand etwas zu lange erstarrt, als dass man es ihm abgenommen hätte, als er niederkniete und seinen Schuh befühlte. »Ich habe meinen Fuß umgeknickt!«, verkündete er. »Ein stechender Schmerz, ganz plötzlich!«
Niemand glaubte ihm. Zu offensichtlich war, was ihn tatsächlich aus dem Takt gebracht hatte.
Ihm gegenüber stand Doloresa Amazetti. Anders als ihre Base Esfira war sie eine Tochter von Soberana Emiglia, darüber hinaus bereits als Mundilla benannt, somit die designierte Nachfolgerin des Oberhauptes der Amazetti. Mit ihren siebzehn Jahren lag sie zwischen Daroca und Jazemina. Sie war von gefälligem Wuchs, die Muskeln durch häufige Beanspruchung auf dem Fechtboden angenehm herausgebildet, ohne zu voluminös anzuschwellen. Auch ihre Brüste machten einen wohlgeformten, straffen Eindruck. Das Haar trug sie heute trotzig nach hinten gebunden, eine Botschaft an die Welt, dass sie gar nicht daran dachte, jemandem den Anblick ihres Gesichts zu ersparen. Möglicherweise waren dessen Züge so angenehm wie ihre Figur es versprach, aber man konnte sie nicht erkennen. Der Parasit, der sich in Kindertagen dort festgekrallt hatte und sich weder durch die Gebete der Geweihten noch durch Zauber oder Schnitte mit heißen Klingen entfernen ließ, machte sie zu einer Monstrosität. Jazemina konnte sich nur schwach an die wahre Gestalt des Unholds erinnern, zu jung war sie damals gewesen. Eine Art Krake mit fünf Armen war es. Inzwischen saß er unter der Haut, wo er jeden Tag ein wenig wanderte, deutlich als Wölbung zu erkennen. Manchmal, so wie jetzt, leuchtete er und schickte ein giftig grünes Strahlen durch die Haut, in der man dadurch die Adern als dunkle Stränge sehen konnte. Daroca behauptete, sie habe auch einmal gesehen, wie sich die Spitze eines Tentakels hinter dem unteren Augenlid hervorgeschoben habe und nach außen gedrungen sei. Als Kind war es Jazeminas größte Furcht gewesen, der Parasit könne aus Doloresas Gesicht springen und sich in ihrem festsaugen. Man sagte, er gäbe seine Schmerzen an seine Wirtin weiter. Doloresa sei beinahe gestorben und habe sich drei Wochen lang im Bett erholen müssen nach dem letzten Versuch, ihn gewaltsam zu entfernen.
Natürlich war sie eine miserable Tänzerin. Niemand hielt sich gern in ihrer Nähe auf. Sie wusste es, und sie gab sich keine Mühe, irgendjemandes Freundschaft zu gewinnen. Im Gegenteil. Nicht nur ihrer Erscheinung wegen nannte man sie ›das Biest‹. Jazemina kannte keine andere Siebzehnjährige, sie sich so häufig in Duellen schlug und bei diesen Gelegenheiten schon fünf Menschen verkrüppelt hatte.
Peglesto räusperte sich. »Aufstellung«, krächzte er. »Wir machen weiter. Wenn Euer Fuß es zulässt, Domnito Urrito.« Jazemina glaubte, dass er nicht nur so höflich war, weil Urrito der Mundillo der von Zalfors war, sondern vor allem, um seine Unsicherheit hinter der Form zu verbergen.
»Natürlich. Es geht schon wieder.«
Hastig eilten sie an ihre Positionen. »Götter!«, flüsterte Urrito zu ihr herüber. »Ich war ganz konzentriert auf den Tanz. Da hat sie mich überrascht! Ich kam hoch aus der Verbeugung und ...«
»Ruhe!«, rief der Tanzmeister. »Musik!«
Auch die Troveres brauchten einige Takte, um in das Stück zurückzufinden.