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Butler Parker ist ein Detektiv mit Witz, Charme und Stil. Er wird von Verbrechern gerne unterschätzt und das hat meist unangenehme Folgen. Der Regenschirm ist sein Markenzeichen, mit dem auch seine Gegner öfters mal Bekanntschaft machen. Diese Krimis haben eine besondere Art ihre Leser zu unterhalten. Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! E-Book 1: Butler Parker fängt den Affenmenschen E-Book 2: Parker zieht der Koks an Land E-Book 3: Parker demaskiert die Wanze E-Book 4: Parker treibt die Ratten raus E-Book 5: Parker schnappt den Erbsenzähler E-Book 6: Parker kocht den Filmboss ab E-Book 7: Parker legt den Bau-Sumpf trocken E-Book 8: Butler Parker prellt die Erbschleicher E-Book 9: Parker spitzt die Dauerkiller an E-Book 10: Parker legt die Schläger lahm
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Seitenzahl: 1313
Veröffentlichungsjahr: 2022
Butler Parker fängt den Affenmenschen
Parker zieht der Koks an Land
Parker demaskiert die Wanze
Parker treibt die Ratten raus
Parker schnappt den Erbsenzähler
Parker kocht den Filmboss ab
Parker legt den Bau-Sumpf trocken
Butler Parker prellt die Erbschleicher
Parker spitzt die Dauerkiller an
Parker legt die Schläger lahm
»Du hast mich rufen lassen wegen Problemen in der Familie, meine Liebe?« erkundigte sich Agatha Simpson genüßlich bei ihrer Gastgeberin.
Mylady befand sich seit wenigen Stunden auf Brentford Castle im Lake District, wohin die Hausherrin sie telefonisch gebeten hatte.
»Agatha, du weißt ja, daß mein Neffe als Major in Edinburgh stationiert ist. Er arbeitet in einer Einheit, die neuartige, streng geheime Radaranlagen testet, wenn ich das richtig verstanden habe«, erwiderte Lady Sarah Brentford. »Was darf man sich darunter vorstellen, Mylady?« fragte Josuah Parker höflich, der seine Herrin begleitete.
»Nun, das ist alles top secret. Viel konnte er mir nicht erzählen«, antwortete Lady Sarah zögernd. »Ich glaube, Glenn muß die Bewegung russischer Schiffe im Atlantik überwachen und aufzeichnen. Genaueres weiß ich allerdings nicht, Agatha.« Sie seufzte und sah die passionierte Detektivin hilflos an.
»Das sieht nach Spionage aus, ich fühle es. Meinen Sie nicht auch, Mister Parker?«
Agatha Simpson war wieder mal auf Anhieb sicher und wollte Parkers Zustimmung hören, die auch prompt kam.
»Wie Mylady zu meinen belieben«, äußerte er höflich und verneigte sich andeutungsweise.
»Was hat dein Neffe denn angestellt, ist er etwa übergelaufen?« wollte Lady Agatha wissen. »In diesem Fall werde ich nichts für ihn tun, Sarah.«
»Ich bitte dich, Agatha!« Lady. Brentford sah ihren Gast aus flammenden Augen empört an und vergaß für einen Moment ihren Kummer. »So was würde der Junge doch nie tun, doch nicht jemand aus unserer Familie!«
»Na, wer weiß, so was soll schon vorgekommen sein.« Lady Agatha nippte an ihrem Cognac und blickte ungeduldig. »Komm endlich zur Sache, ich langweile mich bereits«, bemerkte sie und schüttelte mißmutig den Kopf.
»Es ist etwas peinlich, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll.« Sarah Brentford wand sich förmlich vor Verlegenheit und hatte plötzlich rote Flecken im Gesicht.
»Sollten die Probleme Ihres verehrten Neffen mit einer Dame zusammenhängen?« half Parker dezent aus.
»So ist es, Mister Parker.« Sarah Brentford nickte dankbar und konnte endlich weitererzählen. »Mein Neffe hat dort oben eine junge Dame kennengelernt, mit der er sich anfreundete und sie schließlich öfter in ihrer Wohnung aufsuchte. Dabei kam es im Lauf der Zeit zu gewissen Annäherungen, wenn Sie wissen, was ich meine...«
»Er ging also mit dieser jungen Dame ins Bett, meine Liebe. War es nicht so?« vermutete Lady Agatha in ihrer bekannt offenen Art.
Sie musterte ihre Cousine schadenfroh und weidete sich an ihrer Verlegenheit.
»Nun ja, das stimmt, Agatha. Etwas später wurde er von einigen sehr unangenehmen Leuten aufgesucht, die ihm einige sehr delikate Fotos zeigten. Außerdem waren sie im Besitz mehrerer Tonbandkassetten, die das Zusammentreffen zwischen dem Jungen und dieser ›Dame‹ deutlich wiedergeben.«
»Diese intimen Vorgänge sind also mit technischen Hilfsmitteln in Wort und Bild festgehalten worden«, faßte Parker ungewohnt knapp zusammen.
»Und jetzt wird dein Neffe mit den Pornos erpreßt, ja?« konnte sich Lady Agatha nicht verkneifen zu fragen.
»Ich muß doch sehr bitten, Agatha!« Lady Sarah gefiel der ungeniert-offene Ton ihrer Cousine ganz und gar nicht. Ihrer Ansicht nach hatte sich eine Angehörige des britischen Hochadels ganz anders zu benehmen und auszudrücken. Lady Agatha wiederum liebte nichts mehr, als die Mitglieder ihres Standes zu schockieren und sich dann an deren Reaktionen zu weiden.
»Was verlangt man von Ihrem Neffen?« wollte Josuah Parker wissen.
»Er soll diesen Leuten von Zeit zu Zeit über seine Arbeit Bericht erstatten und ihnen vor allem die technischen Pläne der Anlage liefern; außerdem soll er später die Aufzeichnungen und Auswertungen fälschen. Wenn er nicht mit ihnen zusammenarbeitet, will man die Bilder und Kassetten an seine Vorgesetzten schicken und sie außerdem der Regenbogenpresse verkaufen. Das wäre das Ende seiner Karriere.«
»Und wie soll ich ihm helfen, meine Liebe?« erkundigte sich Lady Agatha.
»Könntest du nicht nach Edinburgh reisen und die Sache in Ordnung bringen, Agatha? Man sagt dir nach, daß du schon öfters Kriminalfälle gelöst hast, und da dachte ich ...«
»Worüber gerade du dich in der Vergangenheit immer gern mokiert hast, meine liebe Sarah«, stellte Lady Agatha genüßlich fest.
»Nun ja, für eine Lady ist das auch keine Beschäftigung, das mußt du doch zugeben ... aber trotzdem, bitte hilf dem Jungen, ja?«
Sie sah Lady Agatha flehend an und brach in Tränen aus.
»Wie kann ich dorthin kommen, Mister Parker?«
Lady Agatha sah ihren Butler an und wartete ungeduldig auf seine Antwort.
»Man könnte in meinem bescheidenen Privatwagen reisen oder die königliche Eisenbahngesellschaft in Anspruch nehmen. Die zweite Klasse soll recht preiswert sein, wie man hört...«
»Es nützt alles nichts«, seufzte Lady Agatha und blickte ergeben zur Decke, »das kostet wieder mein Geld, Mister Parker. Es ist ja nicht nur die Reise, denken Sie nur mal an die Hotelrechnung.«
»Für die Kosten kommt selbstverständlich meine Familie auf, und wohnen kannst du in einer Villa, die einer Bekannten von uns gehört, die sich zur Zeit in den Staaten aufhält. Dir werden keinerlei Kosten entstehen, selbstverständlich stellen wir dir großzügige Spesen zur Verfügung.«
»Nun, das hört sich ja nicht schlecht an. Unter diesen Umständen könnte ich mich tatsächlich dazu entschließen, dir zu helfen, was meinen Sie, Mister Parker?«
»Myladys Güte und Hilfsbereitschaft werden nicht umsonst überall gerühmt«, bemerkte Parker würdevoll.
»Du hilfst uns also?« erkundigte sich Lady Sarah hoffnungsvoll.
»Ausnahmsweise, meine Liebe.« Agatha Simpson nickte huldvoll. »Ich denke, in wenigen Tagen werden die Probleme deines leichtfertigen Neffen aus der Welt sein. Solche Kleinigkeiten pflege ich im Handumdrehen zu erledigen.«
*
»Man wird sich sofort um ein Taxi bemühen«, kündigte Josuah Parker an, nachdem sie die Paßkontrolle im Edinburgher Flughafen passiert hatten.
In diesem Augenblick trat ein schlanker, hochgewachsener Mann Mitte Dreißig in der Uniform eines Majors der Royal Army auf sie zu.
»Sie sind sicher Lady Agatha. Tante Sarah hat Sie mir beschrieben«, stellte er fest. »Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug, Mylady?«
Agatha Simpson musterte den Major durch ihre aufgeklappte Stielbrille und nickte dann. »Sie sehen recht passabel aus, mein Junge. War es da wirklich nötig, sich mit einer Spionin einzulassen?« fragte sie mit ihrem baritonal gefärbten Organ. Einige Leute in der Nähe drehten sich neugierig um und reckten die Hälse, um sich nichts entgehen zu lassen. Der Major lief rot an und preßte wütend die Lippen zusammen.
Lady Agatha wandte sich an ihren Butler.
»Der Flug hat mich sehr mitgenommen, Mister Parker, ich fürchte, mein Kreislauf ist angegriffen. Ich hoffe, Sie werden dagegen etwas unternehmen.« Sie seufzte und griff theatralisch an die Stelle ihres Busens, wo sie ihr Herz vermutete.
Parker verstand sofort und holte aus einer seiner vielen Innentaschen Myladys Medizin. Es handelte sich dabei um eine lederumhüllte Taschenflasche, die einen ausgezeichneten, alten französischen Cognac enthielt. Er füllte den silbernen Becher, der gleichzeitig als Verschluß diente, und reichte ihn seiner Herrin.
Die ältere Dame nahm ihn ungeduldig entgegen und kippte den Inhalt in einem Zug. Major Hawkins, Lady Sarah Brentfords Neffe, sah erstaunt zu, wie die Lady einen zweiten Becher ›Medizin‹ verlangte und auch diesen ohne Zögern leerte.
Schließlich räusperte er sich und wandte sich an Parker. »Ich habe einen Wagen, Sie brauchen sich nicht um ein Taxi zu bemühen. Meine Tante hat mir Ihre Ankunft mitgeteilt, damit ich Sie abholen kann.«
»Sehr fürsorglich von Lady Sarah, Sir. Mylady weiß das zu schätzen.«
»Der kleine Imbiß, der während des Fluges gereicht wurde, war ziemlich kläglich«, beschwerte sich Lady Agatha. »Ich hoffe, mein lieber Major Hopkins, Sie kennen ein anständiges Restaurant, in das Sie mich einladen können.«
»Major Hawkins, Mylady«, verbesserte der Major vorsichtig und lächelte dabei etwas gezwungen. »Nun ja, ich könnte Sie nachher in Ihrer Villa abholen und ausführen.«
»Nicht nachher, mein Lieber, sofort, wenn ich bitten darf. Zur Villa können wir später.«
»Wie Sie wünschen, Mylady. Haben Sie einen besonderen Wunsch?«
»Ich habe gehört, hier gibt es so eine Art Boulevard mit vielen Straßencafés. Ich denke, das möchte ich mir ansehen.«
*
»Sehr hübsch, mein Lieber.« Lady Agatha saß vor einem Café am Hauptboulevard Edinburghs und blickte interessiert auf das lebhafte Treiben. Dabei fiel ihr Blick auf einen Tisch, der weiter entfernt stand.
»Was sind das für seltsame Getränke, die die Leute dort haben, mein Junge?« erkundigte sie sich bei Major Hawkins.
»Eine schottische Spezialität, Mylady, man nennt es ›Scottish Power‹, weil das Getränk so stark ist.«
»Eigenartiger Name.« Agatha Simpson runzelte die Stirn und schüttelte irritiert den Kopf. »Bestellen Sie auch so was. Ich möchte wissen, ob es mir schmeckt.«
»Es gibt zwei Sorten davon, Mylady, einmal...«
»Reden Sie nicht lange herum, bestellen Sie mir eben beides«, unterbrach sie ungeduldig.
»Nicht schlecht«, stellte sie wenig später fest, als das Gewünschte vor ihr stand. Sie saugte energisch an ihren Strohhalmen und hatte die Pokale rasch geleert.
»Gibt es keine größeren Gläser, hier ist ja kaum etwas drin«, beschwerte sie sich und blickte den Major an.
»Ich bestelle gleich nach.« Hawkins sah ungläubig auf die leeren Gläser und winkte der Kellnerin. »Und denken Sie an mein Essen, ich nehme dasselbe wie die Leute dort drüben.« Lady Agatha deutete auf zwei ältere Männer am Nebentisch, die gerade intensiv mit ihrer Mahlzeit beschäftigt waren.
»In Whisky eingelegter Lachs, Mylady, ebenfalls eine hiesige Spezialität.« Parker hatte sich wie immer gründlich vorbereitet und war in der Lage, mit jeder Information, die die Stadt und das Leben darin betraf, zu bedienen.
»Nicht gerade üppig, aber ich bevorzuge ja Diät«, kommentierte sie, als wenig später ein Teller vor ihr abgestellt wurde.
Agatha Simpson genoß ihr Essen und hatte schnell die nicht gerade kleine Portion vertilgt. »Ich denke, ich nehme noch mal dasselbe, Mister Parker«, überlegte sie. »Schließlich habe ich einen schweren Fall vor mir und muß gerüstet sein.«
»Mein Gott, haut die Alte rein«, lästerte einer der beiden älteren Männer am Nebentisch und starrte ungeniert.
Mylady ließ sich sofort ablenken. »Ich hoffe, man hat mich gerade beleidigt, Mister Parker, ich verlange eine Übersetzung«, wandte, sie sich an Parker, da die beiden Männer einen dem Keltischen verwandten Dialekt sprachen.
»Man wundert sich nur ein wenig über Myladys beneidenswerten Appetit«, übersetzte Parker großzügig. »Man freut sich, daß es Mylady schmeckt.«
»Das stimmt allerdings, Mister Parker, das Essen ist wirklich nicht schlecht. Vergessen Sie nicht, sich das Rezept geben zu lassen.«
Agatha Simpson widmete sich wieder ihrem Teller.
Inzwischen hatten die Männer am Nebentisch ihre Gläser erneut geleert und nachbestellt. Sie machten einen bereits mehr als nur leicht angetrunkenen Eindruck und amüsierten sich ganz offen und ungeniert über die Lady.
»Ich habe den Eindruck, Mister Parker, daß sich die Lümmel über mich lustig machen«, freute sich die ältere Dame und blickte unternehmungslustig auf die feixenden Männer am Nebentisch.
»Die beiden Herren dürften dem Alkohol sehr reichlich zugesprochen haben und nicht mehr das sein, was man gemeinhin als zurechnungsfähig bezeichnet«, bemerkte Parker würdevoll. »Mylady sollten ihnen deshalb weiter keine Beachtung schenken.«
Aber Agatha Simpson wollte sich nicht ablenken lassen. »Ich glaube, ich werde die beiden gleich ein wenig zurechtweisen«, kündigte sie an und griff nach ihrem Pompadour, der neben ihr an der Stuhllehne hing. Dabei handelte es sich um einen Handbeutel, wie ihn die Damen um die Jahrhundertwende trugen, um darin diversene Kleinigkeiten unterzubringen.
In Lady Agathas Fall bestand der Inhalt jedoch aus einem Hufeisen, das von einem mächtigen Brauereipferd stammte. Aus Gründen der Humanität war dieses Hufeisen oberflächlich mit Schaumstoff umwickelt, um das Aufprallen wenigstens andeutungsweise zu lindern.
Mylady ließ besagten Pompadour mit dem Hufeisen darin bereits kreisen und holte energisch Schwung. Im nächsten Augenblick ließ sie los und schickte das seltsame Geschoß auf die Reise...
*
Der Pompadour mit dem Hufeisen schlug auf den Tellerrand und katapultierte den aus bunt bemaltem Steingut bestehenden Teller in die Luft. Dieser nahm umgehend Kontakt mit dem rechten Auge eines der vorlauten Männer auf und lädierte es nachhaltig.
Der Mann schrie auf, als ihn der Tellerrand traf, und griff in einer Reflexbewegung nach dem verletzten Auge. Dabei warf er sein fast volles Glas um, dessen Inhalt sich über die Hose ergoß und ihn aufspringen ließ.
Der Tisch geriet ins Wanken. Auch das Glas des zweiten Mannes kippte und brachte diesen gleichfalls zum Aufspringen. Laut vor sich hinfluchend machten sich die beiden dann daran, ihre durchnäßten Hosen mit Servietten und Papiertaschentüchern zu betupfen.
Lady Agatha sah dem Treiben wohlgefällig zu. Sie lächelte schadenfroh und bat Parker, ihr die Medizin zur Stützung des in Unordnung geratenen Kreislaufs zu bestellen. Glenn Hawkins saß stocksteif auf seinem Stuhl und betrachtete die ältere Dame ein wenig konsterniert.
Die beiden lädierten Herren hatten gerade ihre Säuberungsarbeiten beendet und beschlossen, mit der Verursacherin ihrer Nöte ein paar klärende Worte zu wechseln. Parker, der den schottischen Dialekt beherrschte und verstand, hörte unzweideutig heraus, daß man seine Herrin ein wenig auseinandernehmen wollte, wie sich einer der aufgebrachten Männer ausdrückte.
Bevor der Butler etwas zur Klärung der Situation beitragen konnte, fiel Mylady ein, daß ihr Pompadour sich noch auf dem Nachbartisch befand. Entschlossen drückte sie sich aus ihrem Stuhl hoch und machte sich auf den Weg, ihr Eigentum zurückzuholen.
Verblüfft wichen die beiden Männer zunächst aus. Lady Agatha ergriff die langen Schnüre des Handbeutels und zog energisch. Daraufhin setzte sich der Pompadour in Bewegung, verklemmte sich prompt zwischen den Tellern und... zog diese über den Tischrand. Es klirrte, als das Porzellan auf die Betonplatten fiel. Die Speise- und Soßenreste klatschten gegen die Hosenbeine der älteren Herren, die sich etwas betreten ansahen.
Eine herbeieilende Bedienung verkannte die Sachlage und verlangte lautstark nach Ersatz des Geschirrs.
Lady Agatha lächelte schadenfroh und wollte an ihren eigenen Tisch zurückgehen, als einer der Männer die Nerven verlor und leichtsinnigerweise nach Myladys Schulter griff, um die ältere Dame zurückzuhalten. Fast genüßlich drehte sie sich wieder um und setzte ihm ihre rechte Hand kräftig auf die Wange, worauf er prompt in Gleichgewichtsschwierigkeiten geriet und wild mit den Armen ruderte.
Lady Agatha konnte nicht widerstehen und ließ ihren in einem derben Schuh steckenden Fuß herzhaft gegen sein Schienbein stoßen. Daraufhin verlor der solchermaßen Behandelte vollends die Balance und legte sich mit dem Rücken auf einen reich gedeckten Tisch in der Nachbarschaft, der sich diesem Ansturm nicht gewachsen zeigte und zu Bruch ging.
Speisen und Getränke verteilten sich großzügig auf der Kleidung der dort sitzenden Gäste und brachten diese in Aufruhr.
Ein vorbeigehender Streifenpolizist bemerkte das Geschehen vor dem Café und kam eilends näher, um einzugreifen. Agatha Simpson sah dem Hüter des Gesetzes fast schon lüstern entgegen und brachte ihren Pompadour bereits in Schwingung. Major Hawkins stöhnte gequält und setzte sich diskret, aber zielstrebig vom Ort des Geschehens ab.
Bevor die Dinge weitertrieben, griff Parker ein. Von einem am Nachbartisch sitzenden Amerikaner lieh er sich dessen respektable Videokamera und begann, die Szenerie zu filmen. Er umkreiste den Tisch, die am Boden in Scherben, Speise- und Getränkeresten hockenden Gäste, den verdutzten Polizisten und die immer noch zeternde Bedienung.
Der Butler baute sich schließlich vor dem Café auf, um es in der Totalen auf den Film zu bannen. Dann begab er sich zu dem ratlos wirkenden Gesetzeshüter und wechselte einige Worte mit ihm. Daraufhin hellte sich dessen streng wirkende Miene sichtlich auf, bis er schließlich in helles Lachen ausbrach. Er tippte grüßend an den Mützenschirm und entfernte sich.
Während Lady Agatha stirnrunzelnd ihren Butler beobachtete, hielt Parker eine kleine Ansprache und zückte zum Schluß seine Brieftasche, um diverse Banknoten zu verteilen. Schließlich lüftete er grüßend die schwarze Melone, trat auf den Amerikaner zu, dessen Kamera er ausgeliehen hatte, und gab ihm diese zusammen mit einem Geldschein zurück. Unter dem Beifall der Gäste und des Personals entfernte er sich und führte seine Herrin auf den belebten Gehweg, um in der Menge unterzutauchen.
»Was haben Sie diesen Leuten erzählt, Mister Parker?« fragte sie streng, während sie unwillig seinen hilfreich dargebotenen Arm abschüttelte. »Außerdem scheinen Sie mein Geld gleich bündelweise verteilt zu haben; ich hoffe, Sie können dafür eine Erklärung anbieten.«
»Mit Verlaub, Mylady.« Parker blieb ruhig und beherrscht wie stets. »Um gewissen Problemen vorzubeugen, erklärte meine Wenigkeit den Anwesenden, daß es sich bei dem Geschehen um aus dem Stegreif inszenierte Aufnahmen für einen bekannten internationalen Sender handele und Mylady sich bei den Herrschaften für die spontane Mitarbeit bedanke. Daraufhin zeigte man sich außerordentlich freundlich und war durchaus zu einer weiteren Kooperation bereit.«
»Sie haben mit meinem Geld also diese Leute, die mich angepöbelt haben, beruhigt und mich damit um eine Unterhaltung gebracht«, räsonierte sie umgehend. »Ich denke, ich werde Ihnen diese Aktion anlasten müssen, Mister Parker.«
»Wie Mylady zu meinen belieben.« Parker war durch nichts zu erschüttern.
»Wo ist übrigens dieser Neffe geblieben, Mister Parker? Mir war so, als wenn ich ihn hätte flüchten sehen.« Sie schüttelte mißbilligend den Kopf und seufzte. »Und so was will nun ein Offizier der Krone sein, es ist nicht zu glauben!«
»Mister Hawkins wollte sicher nicht als Uniformierter in einen gewissen Tumult verwickelt werden, Mylady. Dies hätte unter Umständen schlimme Folgen für seine Karriere haben können.«
»Mit seiner Karriere steht es sowieso nicht zum besten, seit er sich mit Spioninnen im Bett filmen läßt, Mister Parker. Dieser Mann hätte allen Grund gehabt, mir beizustehen, schließlich werde nur ich ihn noch aus der Schlinge ziehen können, die ihm die Gegner bereits um den Hals gelegt haben.«
»Eine ungemein treffende Feststellung, Mylady. Major Hawkins kann sich glücklich schätzen, daß sich Mylady seines Falles annimmt.«
»Ich habe weiß Gott noch mehr zu tun, als einem leichtsinnigen jungen Mann aus der Patsche zu helfen, Mister Parker, aber wie dankt er es mir? Während sich eine angetrunkene, zügellose Meute auf mich stürzt, ergreift er die Flucht und überläßt eine alte Frau ihrem Schicksal!« Sie seufzte wieder und richtete ihre Augen anklagend zum Himmel.
»Vielleicht möchten Mylady in jenem hübschen Lokal dort vorn einkehren, um den Schock mit einem kleinen Cognac zu bekämpfen«, schlug Josuah Parker vor und deutete auf einen verglasten Vorbau, nicht weit von ihnen entfernt.
*
Die Detektivin hatte sich zurückgezogen, um über den Fall nachzudenken. Wenige Minuten später kündeten Schnarchtöne davon, wie intensiv sie ihren Gedanken nachhing.
Parker nutzte die Gelegenheit, um einige Telefonate zu führen und sich dann in dem zum Haus gehörenden Mercedes in die Innenstadt zu begeben, um in der Lebensmittelabteilung eines City-Kaufhauses einige Dinge zu besorgen. Als Lady Agatha gegen Abend im Salon der kleinen Villa erschien, wartete bereits ein bescheidener Diät-Imbiß auf sie.
»Nicht schlecht, Mister Parker, wenn auch ein wenig kläglich«, stellte sie fest und musterte den Tisch, der für eine Familie gedeckt schien. Parker hatte diverse Sorten Brot, eine ansehnliche Auswahl an Wurst und Käse sowie eine Schüssel mit sogenannten Fleischbällchen aus gebratenem Hackfleisch serviert. Dazu gab es Butter und Joghurt sowie gekochte Eier. An Getränken hatte er französisches Mineralwasser, Kaffee und Cognac vorgesehen und gedachte, zum Abschluß des bescheidenen Mahls Vanilleeis mit heißen Kirschen aufzutischen.
Agatha Simpson ließ sich nicht lange bitten und machte sich daran, die diversen Köstlichkeiten zu dezimieren. Sie entwickelte dabei eine beachtliche Geschwindigkeit und machte von allen Angeboten ausgiebig Gebrauch. Während sie noch mit dem Dessert beschäftigt war, läutete das Telefon in der Diele, und Parker entfernte sich, um sich zu melden.
»Wer stört mich bei meinem frugalen Mahl, Mister Parker?« erkundigte sie sich unternehmungslustig, nachdem sie den Cognacschwenker beherzt geleert hatte.
»Ein gewisser Jock Fullerton, Mylady, der sich erlaubt, Mylady in sein bescheidenes Etablissement einzuladen.«
»Jock? Was für ein seltsamer Name, Mister Parker! Klingt sehr britisch, wenn Sie mich fragen.«
»In der Tat, Mylady«, gab Parker würdevoll zurück. »Mit Verlaub handelt es sich um einen alten schottischen Namen. Meiner bescheidenen Wenigkeit war es vergönnt, besagtem Mister Fullerton vor vielen Jahren behilflich zu sein, als er sich genötigt sah, vor einer gewissen kriminellen Organisation zu fliehen.«
»Sie waren schon mal hier, Mister Parker?« erkundigte sie sich erstaunt. »Was haben Sie hier getrieben?«
»Zu jener Zeit hatte ich die Ehre und das Vergnügen, als Butler des dritten Earl of Wesbury tätig zu sein, der sich wiederum als Sonderkorrespondent der BBC in Schottland betätigte. Nebenbei war der Earl mit Sonderaufgaben des Secret Service in Nordeuropa betraut und hat in dieser Eigenschaft auch NATO-Basen in Schottland überprüft.«
»Sie haben sich also auch schon in der Spionageszene betätigt, Mister Parker, ich hätte es mir ja denken können! Es scheint kein dunkles Gewerbe zu geben, dem Sie nicht schon nachgegangen wären ... Ich bin aufrichtig erstaunt, Mister Parker, bei Gelegenheit müssen Sie mir unbedingt mehr darüber erzählen!« Lady Agathas Augen hatten einen verdächtigen Glanz bekommen und wirkten außerordentlich animiert.
»Es wird meiner bescheidenen Wenigkeit eine Ehre sein, Mylady einige weltweit gesuchte Spione vorstellen zu dürfen«, gab Parker würdevoll zurück. »Möglicherweise ergibt sich schon in der kommenden Nacht eine Gelegenheit dazu.«
»Ich überlege ernsthaft, Mister Parker, ob das nicht der Stoff für meinen Thriller ist. Ich glaube, ich werde einen Spionageroman schreiben und Kritiker und Leserschaft damit etwas nie Dagewesenes bieten ...«
»Das ist mit Sicherheit zu erwarten«, stimmte Parker etwas zweideutig zu und verbeugte sich leicht. Seit Jahren beabsichtigte Agatha Simpson einen Roman zu schreiben, der nicht nur die Welt zu Beifallstürmen hinreißen, sondern auch eine gewisse Agatha Christie deklassieren würde.
Parker hatte ein Studio eingerichtet, das alles enthielt, was die moderne Bürotechnik einschließlich eines Personalcomputers mit nahezu unbegrenzter Speicherkapazität zu bieten hatte. Leider hatte sich Mylady bislang für kein Thema definitiv entscheiden können, so daß die teure Ausstattung noch immer ungenutzt ihrer Einweihung harrte.
»Wann erwartet mich dieser Mensch mit dem seltsamen Namen, Mister Parker?« erkundigte sie sich gespannt.
»Mister Fullerton hält ein Uhr morgens für die beste Zeit, um ihm einen Besuch abzustatten. Einerseits könnten Mylady dann noch die letzte Show erleben, andererseits würden danach die ersten Besucher gehen und Mister Fullerton somit etwas Zeit zu einem ausführlichen Gespräch finden.«
»Das ist doch mitten in der Nacht, da ist doch längst alles geschlossen, Mister Parker. Sie haben sich wieder mal reinlegen lassen, auf mich wartet eine Falle, weiter nichts. Aber ich werde diesem Lümmel zeigen, daß man eine Lady Agatha nicht hereinlegt, Mister Parker, ich werde Ihren Fehler wiedergutmachen.«
»Mylady dürften wie immer die Situation fest im Griff haben.« Parkers Gesicht zeigte keinerlei Regung, während er höflich weitersprach. »Mister Fullertons Etablissement ist bekannt dafür, daß man sich hier rund um die Uhr amüsieren kann, Mylady. Man kennt keinerlei zeitliche Einschränkungen. Aus diesem Grund wird es Mylady auch möglich sein, Mister Fullertons Etablissement zu dieser ungewöhnlichen Stunde aufzusuchen.«
»Sie meinen, man kann hier mitten in der Nacht kommen, Mister Parker?« vergewisserte sie sich ungläubig.
»So ist es, Mylady. Mister Fullertons Stammgäste ziehen es sogar ausdrücklich vor, solche Besuche erst spät am Abend durchzuführen.«
»Das klingt nicht schlecht, Mister Parker. Ich denke, ich werde mich durchaus amüsieren, auch wenn man sich hier mitten in einer recht aufsässigen Kolonie befindet! Welcher Art ist das Etablissement Ihres Bekannten?«
Parker verzichtete darauf, auf Myladys Kommentar bezüglich der schottischen Kolonie einzugehen. Statt dessen erklärte er ihr höflich, in welchem Geschäft Jock Fullerton tätig war.
»Mister Fullerton führt eine stadtbekannte Travestiebühne, die einen ausgezeichneten Ruf genießt, Mylady. Darüber hinaus pflegen sich in seinem Unternehmen Angehörige des sogenannten horizontalen Gewerbes und Nachrichtenhändler aller Couleur zu treffen. Seinem Etablissement ist ein gewisses Flair nicht abzusprechen.«
»Travestie, Mister Parker? Sie meinen, es handelt sich um ein Homosexuellen-Lokal?« erkundigte sie sich und sah ihn streng an.
»Mitnichten, Mylady. Bei der Travestie geht es darum, Frauenfiguren von männlichen Darstellern verkörpern zu lassen. Diese Herren sind ausgezeichnet geschminkt und parodieren bekannte Damen aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Die Shows des Mister Fullerton zählen zur internationalen Spitze, wie man allgemein zu berichten weiß. Mylady werden sich mit Sicherheit gut unterhalten.«
»Das möchte ich mir aber auch ausgebeten haben, Mister Parker! Wenn ich mich schon von Ihnen zum Besuch solcher Abartigkeiten überreden lasse, um Ihnen einen Gefallen zu tun, will ich mich wenigstens dabei auch amüsieren.«
Sie musterte ihn erneut von oben bis unten und fuhr dann nachdenklich fort. »Ich weiß allerdings nicht, ob ein solches Lokal der richtige Ort für Sie ist, Mister Parker!«
»Mylady haben irgendwelche Bedenken?« erkundigte sich Parker höflich.
»Nur wegen dieser horizontalen Damen, Mister Parker! Ich hoffe, Sie wissen sich zu beherrschen und halten sich zurück ...«
*
»Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Mister Parker!« Jock Fullerton, der in einem nicht sonderlich angesehenen Viertel Edinburghs ein Etablissement betrieb, eilte mit weitausgebreiteten Armen auf den Butler zu. Er war klein, rundlich und wieselflink und erinnerte an den sprichwörtlichen ›Kugelblitz‹. Er drückte Parker temperamentvoll an sich und klopfte ihm wiederholt auf die Schultern.
Als Lady Agatha sich nachdrücklich räusperte, ließ er von ihm ab und wandte sich ihr zu. »Und Sie sind sicher die sagenhafte Lady, von der er mir soviel erzählt hat!« Fullerton strahlte und eilte auf sie zu, um sie in die Arme zu schließen. Lady Agatha trat vorsichtshalber einen Schritt zur Seite und entging mit knapper Not seinem Ansturm.
»Zügeln Sie sich etwas, junger Mann!« verlangte die ältere Dame streng, während sie ihn mit eisigem Blick musterte.
»Mister Fullerton ist das, was man ein Temperamentsbündel zu nennen pflegt, Mylady«, erläuterte Josuah Parker würdevoll. »Er pflegt stets offen und freimütig zu zeigen, wenn ihm jemand sympathisch ist.«
»Ihre Lady ist einfach großartig, Mister Parker, das muß ich schon sagen.« Er musterte Agatha Simpson wohlwollend von oben bis unten und nickte anerkennend.
»Der junge Mann hat nicht ganz unrecht, Mister Parker«, überlegte die Detektivin geschmeichelt. »Er scheint über ein gutes Auge und eine ausgezeichnete Menschenkenntnis zu verfügen.«
»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Mylady? Ich weiß natürlich, daß eine Lady nicht trinkt, aber wenn Sie mir die Ehre erweisen würden?«
»Papperlapapp, mein Lieber, wenn Sie mich ausdrücklich darum bitten ... Tatsächlich verabscheue ich Alkohol, wie Ihnen Mister Parker bestätigen wird, nicht wahr, Mister Parker?«
»Mylady sind in jeder Hinsicht ein leuchtendes Vorbild und nehmen nur hin und wieder einen Kreislaufbeschleuniger«, bestätigte Parker etwas neutral.
»Wie wär’s mit ’nem Schlückchen Schampus, Mylady?« erkundigte sich Fullerton leutselig, während er bereits die entsprechende Flasche schwenkte.
»Dieses Zuckerwasser ist nichts für mich, junger Mann«, beschied sie ihn. »Haben Sie nichts Anständiges da, Rum oder Cognac beispielsweise?«
»Aber sehr gern, Mylady.« Fullerton verbeugte sich galant und lächelte Agatha Simpson entzückt an. »Ich muß sagen, Sie gefallen mir von Minute zu Minute besser. Frauen wie Sie trifft man ja kaum noch.«
Mylady musterte den kleinen Mann mehr als nur wohlwollend und brachte es sogar fertig, ein wenig zu erröten. Josuah Parker, der sich diskret im Hintergrund hielt, gestattete sich andeutungsweise eine gelinde Verwunderung.
Fullerton brachte eine Cognacflasche zum Vorschein und schenkte zwei Schwenker voll. »Auf Ihr Wohl, Mylady«, wünschte er, während er ihr schelmisch zuzwinkerte.
Parker hüstelte dezent und brachte sich damit wieder in Erinnerung. Lady Agatha fühlte sich gestört und musterte ihren Butler verärgert.
»Ja, was ist denn, Mister Parker, warum geben Sie dieses lächerliche Geräusch von sich?« verlangte sie zu wissen.
»Mylady mögen gütigst verzeihen.« Parker verneigte sich andeutungsweise und verwies auf die große Wanduhr, die über Fullertons Schreibtisch hing. »Mylady äußerten den Wunsch, Mister Fullertons wirklich ausgezeichnete Show zu sehen, die in Kürze beginnen dürfte.«
»Das dürfen Sie nicht versäumen, auf keinen Fall, Mylady.« Fullerton ergriff Lady Agathas Arm und geleitete sie zur Tür, um sie persönlich in den Vorführungsraum zu führen. Neben Myladys junonischer Gestalt wirkte er wie weiland David gegen Goliath.
*
Agatha Simpson saß in der Privatloge des Gastgebers und starrte entzückt durch ihr Lorgnon auf die Bühne. Dort wirbelten einige grotesk herausgeputzte ›Damen‹ über die Bretter, warfen ihre üppig behaarten Beine und streckten ihre falschen Busen dem Publikum entgegen. Dazu sangen sie erstaunlich gekonnt Lieder in Keltisch mit zweideutigem Text und warfen ab und zu Kußhände unter die begeistert mitgehenden Zuschauer.
»Worüber freuen sich die Leute hier so, Mister Parker?« verlangte die Lady zu wissen, während sie keinen Blick von der Bühne wandte.
»Man genießt offensichtlich die Texte, Mylady, die durchaus als gewagt bezeichnet werden dürfen«, gab Parker würdevoll zurück.
»Ich verlange eine genaue Übersetzung, Mister Parker, und lassen Sie nichts aus! Ich weiß im voraus, daß ich empört sein werde, aber schonen Sie mich nicht, sagen Sie mir genau, mit welchen Obszönitäten man mein Ohr beleidigt«, verlangte sie energisch zu wissen und beugte sieh erwartungsvoll zu dem Butler hinüber.
»Lassen Sie nur, Mister Parker, das mache ich schon«, mischte sich Jock Fullerton ein, der rechts von Mylady saß. Er neigte sich zu ihr und begann neckisch in ihr Ohr zu flüstern.
Mylady sah ihn zunächst erstaunt, dann ungläubig-verzückt an und ließ ein leises Kichern vernehmen, das Parker noch nie bei ihr gehört hatte. Sie legte dem Unterhaltungschef ungeniert ihre schwere Hand auf die Schulter und zog ihn näher zu sich heran, um ja kein Wort zu verpassen.
Fullerton wiederholte eine besonders schlüpfrige Textpassage, und Mylady prustete wie ein aus dem Wasser tauchendes Nilpferd. Einige Zuschauer sahen zur Loge hinüber und versuchten, den Verursacher des lauten Geräuschs auszumachen.
»Ich muß schon sagen, Mister Parker, ich bin aufrichtig empört!« Lady Agatha hatte ihre Fassung wiedergewonnen und sprach den Butler an, der stocksteif neben ihr saß und keine Miene verzog.
»Falls Mylady sittliches Empfinden zu sehr strapaziert werde, kann man selbstverständlich sofort aufbrechen und zur Villa zurückfahren«, schlug Parker höflich vor. Er wußte natürlich genau, daß seine Herrin im Traum nicht ans Gehen dachte und ihm eine lange Nacht bevorstand.
»Ich bitte Sie, Mister Parker, geben Sie sich doch nicht immer so furchtbar puritanisch, gehen Sie auch mal aus sich heraus, das wird Ihnen guttun, nicht wahr, mein lieber Jock?!« Sie strahlte Parker förmlich an.
Der Butler zuckte kaum merklich zusammen und ließ andeutungsweise die Brauen um den Bruchteil eines Millimeters in die Höhe steilen. Er gestattete sich einen unhörbaren, weil nur innerlich gegebenen Stoßseufzer und richtete sich geistig auf weitere Anfechtungen ein.
Mylady schien sich ausgezeichnet zu amüsieren und von Mr. Jock Fullerton nachhaltig animiert zu werden.
Einige der Herren-Damen sprangen von der Bühne und näherten sich hüfteschwingend den weiter vorn im Publikum sitzenden Männern. Die angeblichen Damen waren in Kostüme der zwanziger Jahre gehüllt und sogen an langen, ebenso mondän wie verrucht aussehenden Zigarettenspitzen. Sie ließen sich auf den Schößen einiger Herren nieder und begannen, diese unter dem Kinn zu kraulen oder über die Haare zu streichen.
Lady Agatha beugte sich weiter vor, um sich nichts entgehen zu lassen. Sie war bestrebt, jede Minute in der seltsam erregenden Atmosphäre dieses Etablissements auszukosten.
Die Herren-Damen ließen von ihren Opfern ab und tänzelten zur Bühne zurück. Dazu sangen sie Lieder, die an Frivolität nicht zu überbieten waren und blieben von Zeit zu Zeit stehen, um einen Herrn im Publikum mit einem Kuß zu bedenken.
Plötzlich entdeckten sie Agatha Simpson in ihrer Loge, blieben stehen und tuschelten. Dann näherten sie sich zielstrebig der Loge und machten davor halt.
»He, altes Mädchen, du gefällst uns, echt stark siehst du aus, wirklich! Haste nicht Lust, mit uns ’ne kesse Sohle aufs Parkett zu legen?« erkundigte sich eine besonders grell geschminkte »Dame« mit beeindruckendem Gummibusen.
»Die Dame ist mein Gast, Jungs, schwirrt wieder ab.« Jock Fullerton schien das etwas peinlich zu sein und winkte die Darsteller energisch weg.
»Was will man von mir?« wollte Lady Agatha wissen und musterte die Herren-Damen wohlwollend.
»Nichts von Belang, Mylady. Man bat lediglich darum, Mylady möge sich am Geschehen auf der Bühne beteiligen«, gab Parker würdevoll zurück, der wieder mal ahnte, was jetzt kam.
»Ach, tatsächlich, Mister Parker, und warum bittet man mich darum?«
»Die Jungs finden Sie Klasse, Lady, aber das geht natürlich zu weit. Ich habe ihnen bereits gesagt, sie sollen Sie nicht weiter belästigen«, mischte sich Jock Fullerton hastig ein.
»Papperlapapp, ich hatte schon immer einen Hang zu den Brettern, die die Welt bedeuten, und ein gewisses Talent hat man mir zeit meines Lebens nachgesagt«, überlegte die ältere Dame und lächelte versonnen. »Und bekanntlich ist es ja nie zu spät, um eine neue Karriere zu starten, nicht wahr?«
Sie erhob sich entschlossen und nickte den Herren-Damen freundlich zu. »Ich werde Ihnen jetzt eine Show bieten, die Sie Ihr Leben lang nicht vergessen werden«, versprach sie, während sie die ihr hilfreich entgegengestreckten Hände der Darsteller ergriff und sich zur Bühne führen ließ.
»Das steht zu befürchten«, äußerte sich Josuah Parker leise und machte sich auf einen Kunstgenuß besonderer Art gefaßt.
*
Man hatte eine Pause eingelegt, die die Darsteller nutzten, um sich ein wenig zu erfrischen, die Garderobe zu wechseln und sich nachzuschminken. Im Zuschauersaal gingen junge Frauen durch die Reihen und boten Eis und diverse Getränke an. Josuah Parker nutzte die Gelegenheit, um mit Jock Fullerton einige Worte zu wechseln und gewisse Wünsche zu äußern.
Dann gongte es dreimal, die Lampen erloschen, und der Vorhang rauschte zur Seite, um die Bühne für die letzte halbe Stunde der Show freizugeben. Andächtiges Schweigen trat ein, als man des Ensembles ansichtig wurde. Eine gewisse Lady Agatha war zweifellos der unbestrittene Star, die Königin der Nacht und Beherrscherin der Bühne. Sie wußte das und winkte huldvoll in die Menge, die plötzlich zu toben begann und aufsprang, um frenetisch Beifall zu klatschen.
»Mein Gott, so was hab’ ich noch nie erlebt, die Leute sind ja außer Rand und Band!« flüsterte Jock Fullerton neben Parker und lächelte selig. Josuah Parker hielt auf seine Würde als Butler und zeigte die gewohnte, undurchdringliche Miene.
Mylady stand in der Mitte des Ensembles und gab offenbar letzte Anweisungen. Die Herren-Damen nickten eifrig mit den Köpfen und schwärmten aus, um Aufstellung zu nehmen.
Agatha Simpson trat an den Rand der Bühne, verbeugte sich und winkte ins Publikum. Sie warf Kußhände in die Dunkelheit vor ihr und fühlte sich sichtlich wohl. Man hatte auch an Mylady Hand angelegt und sie ein wenig zurechtgemacht.
Sie trug ein sogenanntes Etuikleid aus grellrotem Satin mit Ausschnitt. Ihre Füße steckten in Schuhen, in denen sie unsicher vor und zurück schwankte. Ihr Gesicht war mit Puder belegt worden, und nur der geschminkte Mund und die grün umrandeten Augen stachen hervor.
Weiße Cocktailhandschuhe, die bis zu den Ellbogen reichten, sowie ein turbanähnlicher Hut mit schillernder Pfauenfeder vervollständigten ihre Erscheinung. Ab und zu nahm sie einen Zug aus einer langen Zigarettenspitze, um sofort darauf lautstark zu husten und den Rauch mit den Händen in der Luft zu verteilen.
»Was für eine Frau!« begeisterte sich Jock Fullerton, der von Konkurrenten gelegentlich auch ›das Handtuch‹ genannt wurde, und starrte hingerissen auf Lady Agatha, die ihre Mitstreiter bei den Händen faßte und offensichtlich eine Art Tanz einleiten wollte.
Fullerton beugte sich zu Parker herüber und räusperte nervös.
»Verzeihen Sie mir eine indiskrete Frage, Mister Parker, bitte, verstehen Sie mich nicht falsch ...«
»Mylady erfreut sich der Freiheit und ist ohne Gemahl, Mister Fullerton«, gab Parker würdevoll zurück. »Mylady ist bereits seit vielen Jahren verwitwet. Ich nehme an, daß dies Ihre Frage sein sollte, Sir?«
»Sie müssen Hellseher sein, Mister Parker«, gab der Besitzer des Etablissements zurück. »Aber es stimmt, genau danach wollte ich fragen.«
Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort: »Wissen Sie, eigentlich trage ich ja auch einen Titel, ich darf mich mit Fug und Recht ›Herzog‹ nennen.«
»Sie handeln noch immer nebenbei mit falschen Adelstiteln, Sir?« erkundigte sich Parker höflich.
»Hin und wieder, Mister Parker. Sie wissen, besonders die Amerikaner stehen auf sowas. Aber was meinen Titel betrifft, der ist echt! Ein verarmter Herzog, der beim Pokern gegen mich verlor, hat mich zum Ausgleich seiner Schulden adoptiert.«
»Sie hatten wie immer die besseren Karten im Ärmel, wie zu vermuten ist, Mister Fullerton.«
Der Gastgeber kam nicht mehr dazu, Parker zu antworten, denn die Show begann. Das Ensemble hatte sich in Bewegung gesetzt und führte einen sogenannten ›Can Can‹ vor. Ausgelassene Rhythmen peitschten aus den mächtigen Lautsprechern, die Tänzer wirbelten über die Bühne und warfen die Beine in die Luft, die Bretter dröhnten, und das Publikum begann zu rasen.
Man stieg auf die Stühle und klatschte sich die Hände wund. Gutgekleidete, seriös wirkende Herren in Abendgarderobe benahmen sich wie Twens, Damen gesetzten Alters konnten nicht mehr an sich halten und fingen an zu kreischen, jüngere Männer und Frauen drängten in die Gänge und machten es dem Ensemble auf der Bühne nach.
Lady Agatha beherrschte die Vorstellung. Sie hob ihre stämmigen Beine, ließ sich von ihren Partnern herumschwenken und genierte sich keineswegs bei ihrem Auftritt.
Dann stieg sie von der Bühne und mischte sich unter das tobende Publikum.
Am Ausgang kam es später fast zu einem Tumult, als sich die Herren noch mal umdrehten, und keiner als erster den Saal verlassen wollte ...
*
Nach der Vorstellung ging Mylady mit der Travestie-Truppe und Jock Fullerton in ein nahegelegenes Insider-Lokal, um den Erfolg zu feiern und ein opulentes Frühstück einzunehmen. Gegen Morgen ließ sie sich von Parker in die zur Verfügung stehenden Villa zurückfahren und begab sich sofort in ihr Schlafzimmer.
Josuah Parker umrundete das Haus, um es noch mal zu überprüfen, bevor auch er sich für zwei Stunden hinlegen wollte, als das Telefon klingelte.
»Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen guten Morgen, Sir«, grüßte er, nachdem sich der Anrufer gemeldet hatte.
»Ich wußte ja, daß Sie schon auf den Beinen sind, sonst hätte ich natürlich nicht so früh angerufen«, erklärte Mike Rander, Lady Agathas Anwalt und Vermögens Verwalter. »Wie läuft es denn so, Parker?«
»Meine bescheidene Wenigkeit ist gerade nach Hause zurückgekehrt, da die Nacht in einem Etablissement ganz besonderer Art verbracht wurde, Sir. Man pflegt dort sogenannte Travestie-Shows zu zeigen. Eingeweihte können beim Inhaber außerdem Nachrichten aller Art käuflich erwerben oder weitergeben lassen.«
»Wie ich Sie kenne, ist dieser Inhaber ein Bekannter von Ihnen, der Ihnen noch einen kleinen Gefallen schuldet, wie?« spottete Mike Rander, der den Butler nur zu gut kannte. Er hatte vor Jahren in den USA die Interessen britischer Firmen juristisch vertreten und war während dieser Zeit von einem Kriminalfall in den anderen geschliddert, woran Josuah Parker, der ihm damals als Butler diente, nicht ganz unschuldig war.
»Dem ist in der Tat so«, bestätigte Parker höflich. »Meine bescheidene Wenigkeit war vor einiger Zeit in der erfreulichen Lage, einem gewissen Mister Fullerton, der jetzt dieses Etablissement betreibt, behilflich zu sein.«
»Und dieser Mensch konnte Ihnen einen brauchbaren Tip geben, Parker?«
»Er wird sich zunächst umhören und dann Bericht erstatten, Sir. Außerdem wird er in gewissen Kreisen verbreiten, daß man sich für jemand ganz Bestimmtes interessiert.«
»Sie wollen Ihre Gegner also aus der Reserve locken, wie, Parker? Seien Sie vorsichtig, Sie befinden sich auf unbekanntem Terrain.«
»Mylady feierte übrigens ihre Premiere als Varieté-Tänzerin und gedenkt, eine entsprechende Laufbahn einzuschlagen, Sir«, berichtete Parker weiter.
»Was will sie?« staunte Mike Rander. »Das müssen Sie mir näher erklären, Parker!«
»Nun, Sir, Mylady ließ sich von den Travestie-Darstellern dazu überreden, sich an ihrer Show zu beteiligen und erzielte mit ihrem Auftritt einen sensationellen Erfolg. Sie beabsichtigt, sich den Brettern, die die Welt bedeuten, zu verschreiben. Mister Fullerton bot ihr bereits einen langfristigen Vertrag an, und Mylady denkt bereits über eine eigene Fernseh-Show nach, die sie hier zu produzieren gedenkt.«
»Das gibt’s doch nicht, Parker, ich glaube, ich muß rüberkommen, um mir das selbst anzusehen. Haben Sie noch mehr solcher Nachrichten?«
»In der Tat, Sir! Mister Fullerton, ein ebenso tüchtiger wie kleinwüchsiger Gentleman, scheint sich privat ein wenig für Mylady erwärmt zu haben und erkundigte sich bereits nach ihrem Familienstand. Auch Mylady scheint Mister Fullerton durchaus sympathisch zu finden.«
»Halten Sie die Stellung, Parker, ich mache mich sofort auf den Weg und bringe Kathy mit. Dieses Edinburgh scheint ja eine sonderbare Wirkung auf Mylady zu haben.«
»Mylady findet die Atmosphäre hier äußerst stimulierend, Sir. Sie plant, auch nach Abschluß des Falles etwas länger hier zu verweilen.«
Dann nehme ich Ihren Wagen, Parker, auf einen Tag mehr oder weniger kommt es anscheinend nicht an. Ich denke, Kathy und ich werden morgen im Lauf des Tages bei Ihnen eintreffen.«
»Worauf man sich bereits jetzt freut, wenn Sie meiner bescheidenen Wenigkeit diese Bemerkung gestatten, Sir.«
Parker verabschiedete sich von Mike Rander und legte auf. Er dachte anschließend noch ein wenig über die Ereignisse der vergangenen Nacht nach und gestattete sich für einen Moment ein andeutungsweises Schmunzeln.
*
»Hier wohnt also dieser Spion?« erkundigte sich Lady Agatha und sah an der grauen Fassade eines mehrstöckigen Appartementhauses in einem nicht sehr vornehmen Stadtteil hoch.
»So lautet die Auskunft des Majors Hawkins«, gab Parker höflich zurück und beschäftigte sich unauffällig mit dem Türschloß, das den Bemühungen seiner geschickten Finger keinen ernsthaften Widerstand entgegensetzte.
Josuah Parker drückte die Tür vorsichtig mit der Spitze seines Universal-Regenschirmes auf und wartete auf eventuelle Reaktionen, aber nichts geschah. Allerdings hatte sich auch seine innere Alarmanlage nicht gemeldet, um ihn zu warnen, aber er pflegte stets vorsichtig zu sein und jedes überflüssige Risiko auszuschalten.
Agatha Simpson ging unternehmungslustig an ihm vorbei und stürzte sich förmlich in die kleine Wohnung. »Hier ist niemand, Mister Parker, Sie haben mich umsonst hierher gelockt«, beklagte sie sich.
»Vielleicht gelingt es Mylady, hier einen Hinweis auf den jetzigen Aufenthaltsort der Wohnungsinhaberin oder auf Bekannte oder Freunde der Dame zu finden«, bemerkte Parker gemessen. »Wenn jemand einen solchen Hinweis aufspüren kann, dann nur Mylady.«
»So ist es, Mister Parker, das sehen Sie ganz richtig. Ich werde mit dem Schlafzimmer beginnen, schließlich hat man dort den Major bei seinen Begegnungen mit dieser Frau gefilmt.«
Mylady begab sich ins Schlafzimmer, blickte sich aufmerksam um und wandte sich dann wieder an Parker. »Das ist ja die Höhe, Mister Parker! Was sollen eigentlich die vielen Spiegel hier?«
»Nun, Mylady, manche Leute halten dies für stimulierend. Es gibt, mit Verlaub, Einwegspiegel, durch die man sogar von der Rückseite durchsehen kann.«
»Ich bin entsetzt, Mister Parker, das müssen Sie mir erklären. Wie funktioniert das?«
Agatha Simpson ließ sich einige Details erläutern.
»Und Sie meinen, hinter diesen Spiegeln waren die Kameras eingebaut?« erkundigte sie sich, nachdem Parker seine Vermutung geäußert hatte.
»Dann müßte diese Wohnung doch eigentlich doppelte Wände haben, in denen die Kameras verborgen waren, oder?« fragte sie nachdenklich, während sie sich umdrehte und eine Spiegelwand abklopfte, um zu prüfen, ob dahinter ein Hohlraum verborgen war.
»Es gäbe noch eine andere Lösung, Mylady«, gab Parker höflich zurück und spürte bereits in diesem Augenblick, daß er mit seinem Verdacht recht hatte. Seine innere Alarmanlage meldete sich und signalisierte Gefahr.
»Na, wie finde ich denn das? Was habt ihr denn hier zu suchen?« meldete sich fast im gleichen Moment eine spöttisch klingende Stimme hinter ihnen.
Parker wandte sich gemessen um und lüftete andeutungsweise seine Melone. »Sie dürften der Nachbar sein, von dessen Wohnung aus die Vorgänge in diesem Apartement überwacht wurden, Sir?« erkundigte er sich höflich.
»So ist es.« Der untersetzte, vierschrötige Mann mit den schwarzen Haaren und dem ungepflegt wirkenden Schnauzbart grinste spöttisch. »Für den Fall übrigens, daß Sie Dummheiten machen wollen – mein Freund wartet nur darauf.« Er zog die ins Schlafzimmer führende Schiebetür weiter auf und gab den Blick frei auf einen etwa dreißigjährigen, schlanken Mann mit dunklen Augen, der eine Maschinenpistole im Anschlag hielt.
»Was sind das für Subjekte?« meldete sich Lady Agatha grollend zu Wort und wandte sich zu den Neuankömmlingen. Sie musterte die Männer ungeniert von Kopf bis Fuß durch ihre Lorgnon und schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß mir die Lümmel gefallen, Mister Parker«, räsonierte sie. »Sind das etwa auch Spione?«
»Mein Gott, aus welcher Zeit stammt die Tante denn?« amüsierte sich der Untersetzte. »Die muß ja noch aus dem Mittelalter übriggeblieben sein...«
»Wie war das, Mister Parker? Ich hoffe, man hat mich gerade beleidigt«, reagierte Agatha Simpson erwartungsvoll.
»Nicht unbedingt, Mylady, auch wenn die Tendenz durchaus in diese Richtung zielte«, wiegelte Parker ab.
»Sie müssen aus ’nem Museum stammen, nur da gibt es noch solche Reliquien wie Sie!« bemerkte der Untersetzte leichtsinnigerweise.
»Sie haben es gehört, Mister Parker und sind mein Zeuge!« freute sich die Lady und... trat gegen das Schienbein des Mannes, der sie daraufhin zunächst verwundert anstarrte und dann zu einem Steptanz durch das geräumige Schlafzimmer ansetzte.
Der Mann mit der Maschinenpistole starrte ungläubig auf die seltsame Szene, dann entschied er sich zum Eingreifen und hob seine Waffe. Bevor er jedoch abdrücken konnte, bohrte sich ein seltsamer, buntgefiederter Gegenstand in seinen Handrücken, und entsetzt ließ er die Maschinenpistole fallen. Angewidert betrachtete er den kleinen Pfeil in seiner Hand, den Parker aus seinem Universal-Regenschirm mittels komprimierter Kohlensäure abgeschossen hatte.
»Sie sollten sich nach Möglichkeit so wenig wie möglich bewegen, Sir«, riet Parker dem Getroffenen, »sonst verteilt sich das Gift allzuschnell in Ihrem Kreislauf.«
»Gift?« ächzte er und wurde blasser. »Aber um Himmels willen, wie kommt denn ein vergifteter Pfeil hierher?«
»Vielleicht haben Sie und Ihr Freund mal einen Indianer durch heimliche Aufnahmen in Verlegenheit gebracht, und jetzt rächt er sich eben«, riet Lady Agatha und musterte ihn zufrieden.
»Indianer... nein, nie ... ich verstehe wirklich nicht...«
Inzwischen hatte sich der Untersetzte soweit erholt, daß er wieder ins Geschehen eingreifen konnte und wollte. Er war gerade dabei, eine flache Pistole aus der Jackentasche zu zerren, als sich Mylady nach ihm umdrehte.
Sie langte zur nahen Frisierkommode hinüber und ergriff einen Parfümflakon aus Kristallglas. Genüßlich holte sie aus und schmetterte ihm den Flakon auf die Waffenhand. Während er noch die verletzte Hand mit der gesunden umklammerte und rieb, ließ sie die schwere Flasche fallen und auf seinen Fuß donnern. Daraufhin vergaß er seine lädierte Hand und zog den malträtierten Fuß an, von dem er das unangenehme Gefühl hatte, daß er ihm nicht mehr so ganz gehörte.
*
»Ich verlange die Wahrheit zu hören, und nichts als die Wahrheit«, verkündete Lady Agatha lautstark und baute sich vor den beiden gefesselten Männern auf.
»Ein Wunsch, dem die beiden Herren sicher gerne nachkommen werden, Mylady«, erwiderte Parker höflich.
»Kommen Sie lieber unserem Wunsch nach, wenn Sie keinen Ärger haben wollen«, knurrte der Untersetzte, der sich bereits wieder besser fühlte und den starken Mann spielen wollte. »Binden Sie uns gefälligst los, dann verschwinden wir und vergessen das Ganze. Falls nicht...«
Er sah Lady Agatha und Parker drohend an und preßte wütend die Lippen zusammen.
»Welches wäre die Konsequenz, falls wir Ihrem Wunsch nicht nachkommen sollten, Sir?« erkundigte sich Parker gemessen.
»Dann werdet ihr die Stadt nicht mehr lebend verlassen, dafür garantiere ich! Also, bindet uns los, aber ’n bißchen plötzlich, wenn ich bitten darf!«
»Ihr Ton entspricht keinesfalls den gesellschaftlichen Normen, Sir«, tadelte Parker. »Sie sollten sich besserer Umgangsformen befleißigen.«
»Red nicht so ’n Blech, Mann, mach uns endlich los, wir wollen hier nicht den ganzen Tag verbringen.« Der Untersetzte starrte Parker aus zusammengekniffenen Augen an und bäumte sich in seinen Fesseln auf.
»Sagten Sie nicht, Mister Parker, Sie hätten in der Küche bereits das Teewasser aufgestellt?« erkundigte sich Lady Agatha. »Sehen Sie doch nach, ob es bereits heiß ist und bringen Sie mir eine Tasse, aber nehmen Sie nicht zuviel Tee. Sehen Sie mal nach, ob Sie nicht etwas Rum zum Verfeinern finden.«
»Wie Mylady zu wünschen belieben.« Parker verneigte sich andeutungsweise und begab sich zur Tür. »Haben Mylady sonst noch einen Wunsch?«
»Nun ja.« Agatha Simpson musterte die beiden Männer auf dem Bett nachdenklich und lächelte dann ein wenig boshaft. »Füllen Sie den Kessel bitte gleich wieder auf, kann sein, daß ich nachher noch etwas Wasser brauche. »Sie wissen doch, wie gern ich ein strenges Verhör durchführe.«
Parker zuckte die Schultern und verließ das Schlafzimmer.
»Ich werde Ihnen jetzt einige Fragen stellen«, verkündete Lady Agatha, während sie vom Fußende des Bettes her die Gefesselten mit sardonischem Lächeln musterte. »Und ich hoffe, Sie sind Manns genug, mir nicht gleich die Wahrheit zu sagen.«
»Aber ich denke, Sie wollen die Wahrheit hören ...« erkundigte sich der ehemalige Maschinenpistoleninhaber verblüfft.
»Selbstverständlich, aber doch nicht gleich! Schließlich will man ja auch seinen Spaß haben, nicht wahr?«
Die Männer sahen sich betroffen an und machten sich offenbar Sorgen. Sie musterten die vor dem Bett auf und ab schreitende Lady und kamen zu dem Schluß, daß mit ihr nicht gut Kirschen essen war.
»Der Tee, Mylady«, meldete Parker, der nach wenigen Minuten zurückkam.
»Sehr schön, Mister Parker.« Lady Agatha nahm ihm die Tasse ab und roch daran. »Sie haben etwas zum Verfeinern gefunden, das ist sehr schön. Sie wissen, ich brauche immer erst eine gewisse Anregung, um mich wohl zu fühlen und aus mir herausgehen zu können.« Sie kostete und nickte anerkennend. »Genau die richtige Mischung, Mister Parker.«
»Vielen Dank, Mylady.« Josuah Parker verbeugte sich und sah auf die beiden Männer. »Wann gedenken Mylady mit dem Verhör zu beginnen?«
»Sofort, Mister Parker. Ist das Wasser inzwischen in ausreichender Menge vorhanden?«
»Mylady können jederzeit darüber verfügen.«
»Davon möchte ich mich selbst überzeugen.«
»Wie Sie wünschen, Mylady.« Parker trat höflich beiseite, um seine Herrin vorbeizulassen.
»Mann, die Alte hat ’nen Sprung in der Schüssel, lassen Sie uns abhauen, bevor sie uns umbringt...« flehte der schlanke Mann mit den dunklen Augen und sah Parker hilfesuchend an.
»Sie wollen doch da nicht mitmachen, das paßt doch gar nicht zu Ihnen!« ließ sich der Untersetzte vernehmen und schielte verzweifelt zur Tür.
»Ein vollkommener Butler hat seiner Herrschaft in jeder Situation beizustehen, Gentlemen, so leid es mir für Sie tut«, erklärte Parker würdevoll und gemessen.
»Aber Ihre Chefin ist doch nicht ganz klar im Kopf, Mann, das sieht doch ’n Blinder«, beschwerte sich der Schlanke.
»Es steht zu befürchten, Sie werden meine bescheidene Wenigkeit nicht überzeugen, Sir.« Parker wandte sich um und verneigte sich vor seiner Herrin, die soeben zurückkehrte. In den Händen trug sie einen Topf, aus dem Schwaden stiegen.
»Schade, daß ich nicht auch eine Zange gefunden habe, Mister Parker«, verkündete sie munter, nachdem sie den Wassertopf auf dem Boden deponiert hatte.
»Mylady hatten die Absicht, einige Zehennägel zu entfernen?« erkundigte sich Parker höflich.
»Ich muß gestehen, ich hatte die Absicht, aber ohne Zange ... haben Sie nicht zufällig eine bei sich?«
»Bedauerlicherweise nein, Mylady. Wenn Mylady wünschen, wird sich meine bescheidene Wenigkeit bemühen und versuchen, ein solches Instrument in einem nahegelegenen Laden zu erstehen.«
»Nicht nötig, Mister Parker. Ich denke, ich werde jetzt anfangen. Sie dürfen sich natürlich solange entfernen, ich weiß, daß Sie schwache Nerven haben.«
»Wie Mylady zu wünschen belieben.« Parker verbeugte sich. Da passierte der älteren Dame ein kleines Mißgeschick. Sie zitterte derart, daß ihr der Topf verrutschte und sich ein Teil des Inhalts über den Rand ergoß. Das heiße Wasser platschte auf das Bett und versickerte in der Matratze.
»Wie ungeschickt von mir«, bemerkte Lady Agatha und brachte den Topf wieder unter Kontrolle.
Sie wandte sich an Parker und sah ihn an. »Und wissen Sie auch, warum ich so nervös bin, Mister Parker? Sie haben dem Tee nur wenig Rum beigemischt, das beeinträchtigt meine Körperbeherrschung.«
»Hören Sie, Lady, man kann sich doch sicher irgendwie arrangieren, nicht wahr?« beeilte sich der Schlanke zu versichern.
»Möglicherweise, jedoch auf keinen Fall vor meinem Verhör, das lasse ich mir nicht nehmen.«
Lady Agatha nahm von Parker eine neue Tasse entgegen und nippte genüßlich daran. »Viel besser, Mister Parker, allmählich haben Sie den Bogen heraus.«
»Meine bescheidene Wenigkeit ging davon aus, daß Mylady ein gewisses Stimulans brauchen, um die schwere Aufgabe zu meistern.«
»Das ist richtig, Mister Parker, denn ich fange jetzt an«, verkündete sie unternehmungslustig. »Allerdings weiß ich noch nicht, womit ich beginnen soll. Erfrische ich die beiden Subjekte zuerst mit einer Dusche und schneide ihnen dann die Nägel, oder mache ich es umgekehrt?«
»Möglicherweise gäbe es da eine salomonische Lösung, Mylady«, gab Parker höflich zurück. »Wie wäre es, wenn Mylady bei dem einen Herrn mit der Dusche, bei dem anderen mit der Pediküre beginnen würde?«
»Mister Parker, das finde ich eine ausgezeichnete Lösung. Sie denken mit, mein Kompliment!« gab sie erfreut zurück. »Genauso werde ich es machen.
*
»Mister Parker hat durch seine Zimperlichkeit ein eingehendes Verhör verhindert«, grollte Agatha Simpson einen Tag später. Sie saß in dem großen Wohnzimmer der ihr überlassenen Villa am Firth of Forth und berichtete Kathy Porter sowie Mike Rander ihre letzten Erlebnisse.
Die beiden waren mit Parkers hochbeinigem Monstrum, wie sein Privatwagen von Freund und Feind respektvoll genannt wurde, aus London eingetroffen und informierten sich gerade über den letzten Stand der Dinge.
»Die Herren waren bedauerlicherweise psychisch nicht sehr belastbar und zeigten deutliche Neigung zu einem Nervenzusammenbruch«, bemerkte Parker gemessen. »Myladys ausgeklügelte Verhörtechnik und ihr bemerkenswertes schauspielerisches Talent machten nachhaltigen Eindruck auf Myladys Gefangene.«
»Was das betrifft, ist mir eben niemand gewachsen, Mister Parker«, äußerte die passionierte Detektivin keineswegs bescheiden. »Auf diesem Gebiet bin ich unschlagbar.«
»Sie sind also auch in Schottland durch nichts und niemand aufzuhalten, wie, Mylady?« erwiderte Mike Rander, der schlanke, stets ein wenig lässig wirkende und an einen bekannten James-Bond-Darsteller erinnernde Anwalt mit feiner Ironie.
»Absolut nicht, mein Junge, entweder man kann’s oder man kann es eben nicht. Ich kann es – nämlich das Verbrechen überall wirkungsvoll bekämpfen, wo immer ich ihm begegne.«
»Mylady sind einfach unübertrefflich«, flötete Kathy Porter und zwinkerte dem Anwalt und Josuah Parker zu. Die junge Dame war etwas über mittelgroß, schlank, um die dreißig und wirkte mit ihren schräg geschnittenen Augen und den hochangesetzten Wangenknochen mehr als apart.
Es war Myladys sehnlichster Wunsch, ihre Gesellschafterin, die sie wie eine leibliche Tochter behandelte, mit ihrem Anwalt zu verheiraten, und um dieses Ziel zu erreichen, kuppelte sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit.
»Ich weiß, Kindchen, ich weiß.« Lady Agatha nickte Kathy huldvoll zu. »Nun, die bisherigen Ergebnisse sind trotz Mister Parkers Zögern durchaus vielversprechend.«
»Haben Sie keine Probleme mit der Sprache, Mylady?« erkundigte sich Mike Rander, der im voraus ahnte, wie die Antwort ausfallen würde. »Man spricht hier starken Dialekt, teilweise sogar Keltisch.«
»Papperlapapp, mein Jung! Warum auch?« gab Lady Agatha prompt zurück und lächelte ein wenig herablassend. »Nun ja, Mister Parker mit seinem Schulkeltisch mag da so seine Probleme haben, aber ich habe doch schon keltische Mundartdichter übersetzt.«
»Möglicherweise die Herren Finney und McKirnes?« erkundigte sich Parker höflich, die beiden bekanntesten keltischen Dichter nennend.
»Wer ist das?« fragte die ältere Dame umgehend. »Müßte ich die kennen, Mister Parker?«
»Nicht unbedingt, Mylady. Bei den beiden Herren handelt es sich um prominente Dichter und Denker, denen Mylady eventuell unbeabsichtigt ihre Aufmerksamkeit schenkten.«
»Schon möglich, Mister Parker, aber was sind Namen? Nichts als Schall und Rauch, wie ich immer zu sagen pflege. Jedenfalls spreche und verstehe ich keltisch, wie Sie bei meinem Verhör ja mitbekamen.«
»Sie mußten nicht übersetzen, Parker?« konnte sich Rander nicht verkneifen, nachzufragen.
»Nur unwesentliche Partien des Gesprächs, Sir. Die beiden Herren sprachen einen Dialekt, den man hierzulande als ›Clyde-Dialekt‹ bezeichnet. Meine bescheidene Wenigkeit mußte geringfügige Teile der in diesem Dialekt gemachten Aussagen interpretieren.«
»Ein ausgesprochen unzivilisierter Dialekt, den zu verstehen ich mich kategorisch weigere, mein lieber Junge«, erklärte Agatha Simpson resolut. »Ich bin für eine klare, saubere Sprache und mag keine Auswüchse, die letztendlich nur dazu führen, daß die Sprache verwildert. Natürlich habe ich alles verstanden, aber ich wollte Mister Parker auch sein Erlebnis lassen. Sie wissen ja, wie sensibel der Gute manchmal sein kann.«
»Mylady sind einfach zu gütig«, wußte Parker zu rühmen. »Meine bescheidene Wenigkeit schätzt sich immer wieder glücklich, in Myladys Diensten zu stehen.«
»Womit Sie durchaus recht haben, Mister Parker.« Die ältere Dame lächelte huldvoll.
»Was brachte denn nun dieses Verhör definitiv?« wollte Mike Rander schließlich wissen, um konkrete Sachverhalte zu erfahren.
»Sagen Sie es, Mister Parker, fassen Sie bitte kurz zusammen«, wandte sich Lady Agatha an ihren Butler und sah ihn gespannt an. Wie fast immer konnte sie sich an nichts erinnern und mußte erst wieder diskret informiert werden.
»Die beiden Herren hatten die Aufgabe, die Arbeit einer gewissen Miß Tanja Sukolov zu überwachen und abzuschirmen«, berichtete Parker. »Miß Sukolovs Aufgabe bestand im wesentlichen darin, in Edinburgher Lokalitäten die Bekanntschaft ranghöher Offiziere zu machen und sie in ihrem Appartement bei sogenannten Schäferstündchen auszuhorchen. Vermittels hochmoderner Videos und Audio-Technik wurden diese Treffen aufgezeichnet und die Beteiligten später erpreßt. Das letzte Opfer der Miß Sukolov war Major Hawkins, der Neffe einer Bekannten, was Mylady auf den Plan rief. Die Herren aus dem Nachbarappartement, die zu Miß Sukolovs Überwachung und Schutz abkommandiert waren, gaben an, für einen gewissen Peter Scale zu arbeiten und versorgten Mylady auch mit der Adresse dieses Herrn.«
»Die mit Sicherheit falsch, ist, Parker«, behauptete Mike Rander lächelnd.
»Möglicherweise, Sir. Andererseits war Myladys Befragung so beeindruckend, daß die Herren unter Umständen doch die Wahrheit gesagt haben. Man wird die Adresse Mister Scales heute abend überprüfen.«
»Und wo befinden sich die beiden Männer jetzt?« erkundigte sich Kathy Porter. »Ich könnte mir vorstellen, daß Sie sich wieder mal etwas haben einfallen lassen, Mister Parker.«
»Die Herren sind in sicherem Gewahrsam, Miß Porter, man wird sie im Lauf der Nacht allerdings an einem anderen Ort unterbringen. Diese Absicht ist jedoch mit gewissen Schwierigkeiten verbunden, da man in dieser Stadt die ganze Nacht hindurch unterwegs zu sein pflegt und meine bescheidene Wenigkeit sich einen sehr prominenten Platz zur Unterbringung der Herren ausgesucht hat.«
»Sie werden’s schon schaffen, Parker, da habe ich absolut keine Bedenken«, bemerkte Mike Rander.
»Das brauchen Sie auch nicht, mein lieber Junge, schließlich führt Mister Parker nur einen von mir sorgfältig durchdachten Plan aus«, ließ sich Lady Agatha vernehmen, die sich ein wenig übergangen fühlte.
*
Die etwas angetrunken und übernächtigt wirkenden Männer lagen auf den breiten Stufen, die zu einer altgotischen Kirche führten. Zunächst achtete keiner der Passanten, die an diesem Morgen aus dem nahen U-Bahn-Schacht strömten, auf sie.
Die Edinburgher waren es gewohnt, Tag für Tag an dieser Stelle ein Heer von Touristen, Gammlern, Musikern und Gauklern zu sehen und achteten schon gar nicht mehr auf sie. Dann aber sah ein älterer Mann etwas genauer zu den Männern hinüber und stutzte. Er trat näher und starrte empört auf ein großes Transparent, das zwischen den beiden Schlafenden lag.
Er bückte sich, nahm das Spruchband auf und hieb es den Schläfern um die Ohren. Die wachten umgehend auf, blickten sich verwirrt um und wußten ganz offensichtlich nicht, wo sie waren.
»Euch werd’ ich helfen, ihr Strolche!« brüllte der Passant und drosch weiter auf die Männer ein. Die starrten entsetzt und versuchten zaghaft, den Gegner abzuwehren. Da sie aber noch unter dem Einfluß einer Droge standen, die ein gewisser Josuah Parker in seinem Privatlabor entwickelt hatte, fielen ihre Bewegungen recht zaghaft und nicht allzu überzeugend aus.
»Was ist denn hier los?« erkundigte sich ein weiterer Passant, den der Tumult angelockt hatte, und trat neugierig näher.
»Das hier ist los, mit so was ziehen die beiden Ganoven hier durch die Gegend!« beschwerte sich der ältere, zuerst aufgekreuzte Passant und setzte seinen Angriff auf die mehr oder weniger hilflosen Männer fort.
»Ich glaub’, mich tritt ein Pferd«, kommentierte der, der sich nach der Ursache des Tumults erkundigt hatte, und griff beherzt zu.
Er erwischte den untersetzt wirkenden Mann vor sich, zerrte ihn hoch und verpaßte ihm einen Schlag.
Inzwischen hatten sich weitere Passanten eingefunden. Eine dichte Menschentraube bildete sich um die verdatterten Männer auf den Stufen zur Kirche.
Zwei ältere Frauen stürzten sich auf das am Boden liegende Transparent und entrollten es. Sie hielten es hoch über ihre Köpfe und sorgten dafür, daß es weithin sichtbar war.
Empört starrten die Leute auf die Beschriftung. »Es lebe das Empire, Schottland kann nicht ohne England und die Krone leben!« war in großen roten Buchstaben zu lesen, und etwas kleiner darunter: »Nur das großzügige England erhält das arme Schottland am Leben, allein würde die schottische Kolonie verhungern!«
»Das ist ja wohl der Gipfel!« empörte sich eine dinstinguiert wirkende Dame und drängelte sich durch die Reihen. Sie baute sich vor dem Untersetzten auf und wollte ihn gerade ohrfeigen, als sie an seinem Revers eine Anstecknadel entdeckte. Sie war in kräftigen Farben gehalten.
Die Frau zog die Nadel aus dem Revers, prüfte kurz mit dem Daumen die Spitze und jagte diese dann genüßlich lächelnd in das Gesäß des Untersetzten. Der schrie entsetzt und wollte fliehen. Aber er kam nicht weit.
Empörte Passanten ergriffen ihn und seinen Begleiter und hoben sie hoch über ihre Köpfe. Dann marschierte man unter dem Gelächter und den Beifalls- und Hochrufen der inzwischen unübersehbar gewordenen Menge zu einem großen, nahegelegenen Brunnen, der nur wenige Schritte von der Kirche entfernt munter vor sich hin sprudelte.
Die Demonstranten fühlten sich durch die Luft geschleudert, ruderten verzweifelt mit den Armen und ... klatschten dann in das aufspritzende Wasser des Brunnens. Gleich darauf traf eine inzwischen alarmierte Funkstreife ein und zog die unfreiwilligen Badegäste aus dem Brunnen.
Unter den Beifallsrufen der Umstehenden wurden die durchnäßten Herren abgeführt und im Streifenwagen verstaut.
»Nicht schlecht, Parier, meine Gratulation!« bemerkte Mike Rander, der zusammen mit dem Butler die Szene beobachtet hatte. »So etwas macht Ihnen so leicht keiner nach.«
»Es war nicht allzu schwer, Sir«, wehrte Parker bescheiden ab. »Man hat sich nur ein wenig in die Psyche der Einwohner versetzt und die Reaktion vorausberechnet.«
