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Der erfolgreichste Jagdautor, Gert v. Harling, blickt auf 66 Jahre Jagd zurück. Doch sein Buch ist nicht nur Autobiographie, sondern vor allem eine Sammlung an spannenden, amüsanten und faszinierenden Geschichten über die Jagd, die Tiere und die Natur in Deutschland und in vielen anderen Ländern auf dieser Welt. Auch seine tiefen Jagdkenntnisse und seine besondere Einstellung zur Jagd kommen nicht zu kurz. Untermalt werden seine Erlebnisse mit den vielseitigen Bildern aus seinen privaten Alben und mit den stimmungsvollen Aufnahmen des bekannten Jagd- und Naturfotografen Frank Eckler. Ein Leben für die Jagd wurde 2021 zum Jagdbuch des Jahres gewählt und erhielt den ersten Platz in der Kategorie Belletristik. Diese ganz besondere Auszeichnung wurde von der WILD UND HUND verliehen.
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Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2021
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© eBook: 2021 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, Postfach 860366, 81630 München
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Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Verbreitung durch Bild, Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeder Art nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.
Projektleitung: Fabian Barthel
Lektorat: Angelika Glock
Bildredaktion: Petra Ender, Angelika Glock
Covergestaltung: kral & kral design, Dießen a. Ammersee
eBook-Herstellung: Lea Stroetmann
ISBN 978-3-96747-078-9
1. Auflage 2021
Bildnachweis
Coverabbildung: Natascha Klebl
Fotos: Frank Eckler, Adobe Stock, Remo Engelbrecht, Angelika Glock, Gert v. Harling, Martin Lösch, Michael Schlenther, Shutterstock, Hans-Jürgen Wege
Aquarelle: Leonore v. Harling
Syndication: www.seasons.agency
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GRÄFE UND UNZER Verlag Grillparzerstraße 12 81675 Münchenwww.graefe-und-unzer.de
Das vorliegende Buch wurde sorgfältig erarbeitet. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch vorgestellten Informationen resultieren, eine Haftung übernehmen.
Dieses Buch widme ich der Schöpfung Gottes, der Natur und allem, was sie bedeutet, sowie meiner Frau, meinen Kindern und Enkeln, damit sie wissen, wie es einmal war, auch wenn es nie wieder so sein wird.
Die Jagd bestimmte seit jeher meinen Lebenslauf. Auf dem Ansitz finde ich Entspannung, und mir kommen Episoden, Begegnungen und Abenteuer in den Sinn, die niederzuschreiben ich in meinen bisher erschienenen Büchern vergessen habe.
Als ich Kind war, lag auf dem Nachttisch meiner Mutter ein Buch mit dem Titel »Ich vergaß zu sagen – Heiteres aus der Schublade«. Die Erwachsenen diskutierten begeistert über dieses Werk, ein Bestseller von Heinrich Spoerl. Es liegt mir fern, den Titel neu aufleben zu lassen (gleichwohl man mir nach fast 70 Jahren keine Plagiatsvorwürfe machen könnte), aber er hätte sich auch für das vorliegende Buch geeignet, denn vieles, was ich erlebte, vergaß ich in meiner Autobiografie »Jagen gegen den Wind« zu erwähnen. Daher hatte ich, als ich zu schreiben begann, den Arbeitstitel »Was ich noch sagen wollte – Jagdliches aus der Schublade« gewählt, denn wenn einer auf Safari geht, dann kann er was erzählen. Meine Jagdleidenschaft führte mich in viele Länder dieser Erde. Allein rund drei Dutzend Mal habe ich den afrikanischen Kontinent bereist. In meinem Gepäck befanden sich Trophäen und Geschichten. Viele dieser Geschichten gingen den Weg über meinen Schreibtisch in den Buchhandel. In 66 Jagdjahren kam dabei eine beachtliche Strecke heraus an Anekdoten und Aufsätzen, Erzählungen und Erinnerungen. Noch habe ich den Grund meiner Schublade aber nicht erreicht …
Für die einen fängt das Leben mit 66 Jahren erst an, ich nutze über 66 Jahre intensiven Jagens für einen Blick zurück über Wald und Veld (»Land außerhalb der Stadt«, wie das offene, ebene Grasland der subtropischen Höhengrassteppen im südlichen Afrika genannt wird) und alle Kontinente dieser Erde.
Als Kurfürst Johann Georg von Sachsen 1656 in die ewigen Jagdgründe wechselte, vermeldete das sächsische Jagdregister eine Strecke von 116.906 Wildtieren, die der barocke Landesherr während seiner 45-jährigen Regierungszeit erlegt habe. Das waren nach Adam Riese sieben Wildtiere am Tag.
Ich habe in meinem Leben nicht annähernd so viel Wild erlegt, aber die Jagd bestimmte meinen Lebenslauf. Ich habe von ihr gelebt, meinen Unterhalt damit verdient, mehr geschossen, musste mehr schießen und mehr Zeit in der Natur verbringen als der Durchschnittsjäger. Ich habe ein Leben geführt, das für andere ungewöhnlich ist. Es bestand nicht nur aus Freude, war Arbeit oder auch knallhartes Geschäft, bedeutete Entbehrungen, verbunden mit Strapazen.
Und wenn ich jetzt im Alter immer noch jage, erlaube ich mir die Überheblichkeit, nur wenn ich Freude daran habe, ein Stück Wild zu schießen, sei es eine spezielle Herausforderung, weil andere Jäger an der Nachstellung verzweifeln, es mit herkömmlichen Strategien nicht zur Strecke bringen oder eine besondere Trophäe in Aussicht steht. Das war früher nicht immer der Fall.
Passiv auf einem Hochsitz zu warten, um kunstlos ein Tier zu töten, Jagderfolg dem Zufall zu überlassen, sofern es Zufall überhaupt gibt, oder auf sein Glück zu vertrauen, dafür konnte ich mich nie begeistern. Das bedeutet nicht, dass ich den Ansitz ablehne. Im Gegenteil. Ich finde Entspannung, sehe und lerne stets Neues, und manchmal bleibt Zeit zum Träumen in die Vergangenheit. Und dabei kommen mir Episoden, Begegnungen und Abenteuer in den Sinn, die niederzuschreiben ich in meinen bisher erschienenen Büchern vergessen habe.
Lassen Sie mich meinen Parforceritt durch 66 Jägerjahre mit einem Traum beginnen, einem Albtraum:
Körperliche Strapazen und fortschreitendes Alter haben auch bei mir Spuren hinterlassen. Ich erinnere mich an den Ausspruch meines Stiefvaters: »Junge, denk an deine Rente, irgendwann wirst du älter und vielleicht auch einmal krank …« Es ist wohl ein Privileg – oder eine Arroganz der Jugend: Im Vollbesitz ihrer jugendlichen Kräfte, hört sie nicht auf die Alten.
Dann erwischte es auch mich. Ich brauchte ein neues Knie. Die Beschwerden waren kaum noch auszuhalten. Ein Jagdfreund operierte mich. Er eröffnete mir am nächsten Tag, ich müsste das operierte Bein einmal täglich bis zur Schmerzgrenze belasten. Als ich in dem Vierbettzimmer, links ein stöhnender Bettnachbar, rechts lautes Schnarchen, nicht schlafen konnte, griff ich meine Krücken und schleppte mich auf den Flur des Krankenhauses. Mutig wollte ich die Treppe nehmen, griff das Geländer und bewältigte die erste Stufe. Da fielen meine Krücken zu Boden und landeten scheppernd im Erdgeschoss. Mich durchfuhr ein entsetzlicher Schmerz. Mit Mühe setzte ich mich auf den eisig kalten Steinfußboden. Später rutschte ich schweißgebadet zurück in mein Zimmer. Mein Puls raste. Wie ich ins Bett gekommen bin, weiß ich nicht, erinnere mich nur noch an wahnsinnige Schmerzen.
In meiner Verzweiflung schluckte ich eine Handvoll Tabletten, von denen ich täglich lediglich eine halbe einnehmen sollte, es folgten grauenvolle Albträume: Ich schwamm durch einen Fluss, hinter einem Krokodil her, das ein Holzbein im Maul hatte. Kaum war es vor mir weggetaucht, fand ich mich auf einer Palme wieder, unter der ein Elefant auf einem Holzbein rumtrampelte. Anschließend zerrte ich meine Prothese mit aller Kraft aus dem Fang eines Leoparden und schrie dabei so laut, dass bereits das halbe Krankenhaus zusammengelaufen war und man mich im Bett festband. Als ich erwachte, redeten mehrere Gestalten in weißen Kitteln beruhigend auf mich ein.
Danach hatte ich keine Albträume mehr und verließ nach drei Tagen humpelnd das Hospital.
Kurz darauf bekam ich einen Herzschrittmacher. Ein großes Problem vor dem Eingriff war, den Professor davon zu überzeugen, dass das Gerät in die linke, nicht, wie von ihm gewünscht, in die rechte Schulter implantiert wird. Als ich ihm den Grund erläuterte, ich bin Rechtsschütze, musste ich ihm von meinen Jagdabenteuern erzählen.
Während der Operation unterhielten wir uns angeregt. Immer wieder schüttelte der Chirurg den Kopf, lachte, grinste und schien sich wenig auf seine ursprüngliche Arbeit zu konzentrieren. Im Grunde war es eine lustige Operation.
Der Berufsjäger Carlo Engelbrecht begleitete mich auf der Jagd in der Republik Südafrika.
Auf einem einsam gelegenen Forstgut in der Lüneburger Heide bin ich aufgewachsen, seit frühester Jugend in Einklang mit der Natur, in enger Berührung mit Jagd, Hunden und Pferden. Die Liebe zum ländlichen Leben wurde zu meiner Passion, die zeitlebens andauerte und stets Mittelpunkt meines Lebens blieb.
Ernst Wiechert, der ostpreußische Heimatdichter, wuchs in einem einsamen Forsthaus auf. Eines seiner Bücher beginnt mit den Worten: »Am Anfang meines Lebens war der Wald …« Das trifft auch auf mein Leben zu. Es war nicht der Zeitgeist des 21. Jahrhunderts, der das Waldbaden erfunden und aus ihm eine Art Ersatzreligion gemacht hat. Ich habe mich schon als kleiner Junge mehr in der freien Natur aufgehalten als im Hause, habe früh gelernt, über Gottes unnachahmliche Schöpfung zu staunen, und mir diese Fähigkeit des Staunens bis heute erhalten.
In meinem Büro, auf dem Nachttisch im Schlafzimmer, in der Diele zwischen all den Gehörnen und Geweihen hängen Bilder meines Elternhauses und erinnern an eine unbeschwerte Jugend, wie sie heute wohl kaum noch jemand nachvollziehen oder erleben kann.
»Ubi bene, ibi patria!« Wo ich mich wohlfühle, da ist mein Vaterland, meine Heimat. Ursprünglich Bostel oder Borstel (Wohnstätte, Siedlung) genannt, erhielt der Ort seinen heutigen Namen durch die Familie von Feuerschütz, die zum ersten Mal im Jahr 1430 urkundlich erwähnt wurde.
Über 200 Jahre waren sie Erbherren auf Feuerschützenbostel, bis 1679 die männliche Linie ausstarb. Es folgte ein häufiger Wechsel der Besitzer. 1834 übertrug König Wilhelm IV. das Lehen an den Landkommissar Franz von Harling aus dem benachbarten Eversen. Seitdem befindet sich das Gut, nunmehr in der sechsten Generation, im Besitz der Familie von Harling.
Auf diesem einsam gelegenen Forstgut in der Lüneburger Heide wuchs ich auf, seit frühester Jugend in Einklang mit Natur, Land- und Forstwirtschaft, in enger Berührung mit Jagd, Hunden und Pferden. Die Liebe zum ländlichen Leben wurde zu meiner Passion, die zeitlebens andauerte und überall Mittelpunkt meines Lebens blieb.
Getrübt wurde die Zeit höchstens durch Jagdverbot, wenn meine Brüder und ich in den gepflegten Rabatten rund um das Herrenhaus mit dem Luftgewehr die kostbaren Rosen, der ganze Stolz und die größte Freude meiner Großmutter, »pflückten« oder auf dieselbe Art die mit Holzklammern an langen Leinen aufgehängte Wäsche »abnahmen«.
Auf dem einsamen Rittergut, auf dem ich meine traumhafte Jugend genießen durfte, gab es noch Kühe, Rinder, Pferde, Schweine, Hühner und natürlich Jagdhunde. Besonders prägend für meine spätere Jägerlaufbahn war Axel, die Dachsbracke unseres Wildmeisters. Wertvoll und prägend nach der alten Weisheit der Rüdemänner: »Erfahrener Jäger erzieht jungen Hund, erfahrener Hund erzieht jungen Jäger«, Axels Stammbaum reichte wahrscheinlich weiter zurück als meiner.
Mit Tieren war ich jedenfalls von Kindesbeinen an vertraut.
Meine Geschwister und ich wuchsen mit ihnen auf und lebten mit ihnen. Liebe und Respekt vor unseren Mitgeschöpfen war eine Selbstverständlichkeit, genauso wie der Respekt vor Eigentum.
Dem Lauf der Zeit folgend, sind Pferde und Jagdhunde heute die einzigen tierischen Mitbewohner auf dem Hof.
Wir lernten bereits als Kinder, dass auch Jäger unverzichtbare Aufgaben in der ihnen anvertrauten Schöpfung erfüllen. Ich habe es zwar nicht »ökologisch« genannt, aber diese Verantwortung verinnerlicht, als hätte ich Ökologie studiert.
Den ökologischen Gedanken, Schutz der Umwelt, Regeln der Nachhaltigkeit, haben meine »altgrünen« Vorfahren, Jäger, Forstleute oder Landwirte, schon viel früher gedacht und praktiziert, als es heutigen »Neugrünen«, selbst ernannten Tier- und Umweltschützern, in ihr von Ideologie verstelltes Weltbild passt.
Meine Mutter stellte uns Kindern jedes Jahr ein kleines Stück ihres Gemüsegartens zur Verfügung. In dem durften wir nach Herzenslust pflanzen, jäten und ernten. Jeden Frühling war es das Gleiche: Wir steckten kleine Samenkörner in die Erde und erwarteten gespannt das Wunder der Natur, aus ihnen eine Pflanze wachsen zu sehen. Hatten wir es mit dem Gießen zu gut gemeint, zerwühlte ein Maulwurf die Beete oder pickten Vögel die Saat aus dem Boden, beruhigte uns Mutter damit, dass der liebe Gott alles zu seiner Zeit regeln werde. Und das traf auch immer zu: Wenn unsere Hoffnung kleiner wurde, wir das Vertrauen auf die Zuverlässigkeit des lieben Gottes zu verlieren begannen, sprossen doch Pflanzen aus der Erde, da so reichlich gesät worden war, dass nie alle Samen untergingen. Und jedes Mal gab es Freude und Staunen. Wir betrachteten es eben als Wunder, eine jährlich voraussehbare, aber aufregende Wiederkehr.
Eine Dachsbracke war mir in meiner Jugend ein stets treuer Gefährte.
Die Welt der Dohlen hat mich und meine Brüder schon früh fasziniert.
Unsere Tierliebe ging so weit, dass wir junge Dohlen aus ihren Nestern in den alten, hohlen Buchen, ehemalige Schwarzspechthöhlen, im Park holten und zähmten. Natürlich war das verboten. Die offizielle Lesart war daher: »Sie sind aus dem Nest gefallen, wir mussten sie retten!« Die Vögel wurden schnell zutraulich und sehr anhänglich, begleiteten uns, wenn wir mit dem Fahrrad die drei Kilometer zur Volksschule in das benachbarte Dorf Eversen fuhren, und holten uns dort auch wieder ab. Die Atzung, Frösche, Mäuse und Ratten, wurde vor dem Verfüttern fachgerecht abgebalgt und zerwirkt. So waren wir schon früh mit der Anatomie der Tiere vertraut.
Dohlen sind Zugvögel bzw. waren es, als die Winter schneereicher und kälter waren. Der Abschied von unseren Hausgenossen im Herbst war deshalb unvermeidlich. Einmal kehrte im darauffolgenden Frühjahr ein zahmer Vogel wieder zum Gut zurück. Er hatte, trotz fehlender Menschenscheu, die Reise in den Süden überlebt, war vertraut, als wäre er nie fortgezogen, und verbrachte den Sommer wieder mit uns.
Eine (oder einer) von ihnen, er oder sie hieß Jakob, endete tragisch. Jakob ließ sich auf der glühenden Herdplatte neben einem Topf mit auch für Krähenvögel verlockendem Inhalt nieder, und seine Ständer verglühten in Sekundenschnelle, bis auf kurze Stümpfe. Ehe unsere Haushälterin den wild flatternden, an der Platte klebenden Vogel ergreifen konnte, waren die Beine des armen Tieres um zwei Drittel zusammengeschmolzen. Wir mussten Jakob töten.
In meiner Jugend hatte Hygiene nicht den Stellenwert, den sie heute besitzt. Wir tranken im Kuhstall mit Vergnügen die frisch gemolkene, weder erhitzte, sterilisierte, homogenisierte noch pasteurisierte Milch unmittelbar aus den großen Blechkannen. Nach dem Melken wurden sie an die Straße gestellt und täglich mit einem Pferdefuhrwerk, später von einem Lastwagen zur Molkerei gebracht.
Eine weitere Köstlichkeit waren frisch gedämpfte Kartoffeln, die für die Schweine vorgesehen waren. Sie schmeckten auch direkt aus dem Trog.
Für regelmäßiges Händewaschen hatten wir keine Zeit. Was man heute als mangelnde Hygiene bezeichnen würde, hat uns damals stark gemacht, unsere natürlichen Abwehrkräfte gestärkt und uns gesund erhalten. Krankheiten wie Allergien Fehlanzeige, wir waren gegen die üblichen Wehwehchen immun.
Auch später, wenn ich auf meinen Jagdreisen aus Wasserlöchern getrunken habe, in denen Wild sich gelöst und gesuhlt hatte oder massenhaft Ungeziefer verborgen war, bin ich nie ernsthaft krank geworden.
Bei meinen Kindern habe ich, zum Leidwesen meiner Schwiegermutter, auch keinen übertriebenen Wert auf Hygiene gelegt. Ich erinnere mich, dass einmal mein zweijähriger Sohn zu meinem Jagdterrier Chico auf die Sauschwarte kroch und ich mich freute an dem Hund, der es sich gefallen ließ, dass der kleine Junge ihm einen nicht sehr appetitlichen Knochen aus dem Fang nahm. Ich war begeistert von der Wesensstärke meines Hundes, bis mich ein spitzer Schrei – die Großmutter sprang auf, griff sich ihren Enkel, trug ihn hektisch ins Badezimmer und wusch den kleinen Kerl mit Sagrotan ab – unsanft auf den sauberen Boden der Realität zurückbrachte.
Grippe oder andere Erkältungssymptome waren uns auch deswegen fremd, weil wir abgehärtet waren, uns bei jedem Wetter, sommers wie winters, mehr draußen in der Natur als im Hause aufhielten. Dazu trug gewiss bei, dass wir auf der Entenjagd auch bei Frost unsere Beute selbst aus dem Wasser apportieren mussten, bevor wir eigene Hunde hatten.
Auch in seiner höchsten Blütezeit hatte das einsame Dorf nie mehr als 30 Einwohner. In Bostel, wie der kleine Ort von jedermann in der Umgebung genannt wurde, lebten ausschließlich meine Familie und die Angestellten des Gutes. Mit ihnen unterhielten wir uns Plattdeutsch, während wir zu Hause Hochdeutsch sprechen mussten. Alle schätzten und unterstützten sich gegenseitig, hielten zusammen – wir bildeten eine verschworene Dorfgemeinschaft.
Das Herrenhaus war zugleich auch Poststation. Zweimal in der Woche wurde die Post gebracht und abgeholt. Das einzige Telefon des ganzen Ortes stand in der großen, im Winter eisig kalten Diele des Gutshauses.
Freitags kam ein Auto des Kolonialwarenhändlers, versorgte uns mit Kleinigkeiten für den täglichen Bedarf, nahm die Post mit und berichtete den neuesten Klatsch aus der Nachbarschaft, manchmal auch, aber da bestand weniger Interesse, Nachrichten aus der großen, ach so fernen Welt. Ansonsten waren alle Familien autark, bewirtschafteten nach Feierabend ihr Deputatland und waren zufrieden.
Fallwild, Verkehrsopfer gab es in jener Einsamkeit noch nicht. Das Gut war nämlich nur über eine von Birken gesäumte, mit Kopfsteinen gepflasterte Straße und einen sogenannten Sommerweg für Pferdefuhrwerke oder Kutschen erreichbar. Kam unerwartet ein Fremder in diese abgelegene Idylle, glich das einer Sensation.
Ein Handwerk kann man erlernen. Vom Lehrling arbeitet man sich über den Gesellen bis zum Meister hoch.
Bei Wildmeister Mackerodt, der »treuen Seele« des elterlichen Gutes, ging ich in eine harte Lehre und »genoss« eine strenge jagdliche Erziehung. »Der wilde Meister« legte seinen ganzen Ehrgeiz darein, uns das Jagdhandwerk in Perfektion zu lehren, meine Brüder und mich zu firmen Jägern zu machen.
Als ich mit 15 Jahren die Jägerprüfung ablegen wollte, wurde ich von einer ehrwürdigen Kommission alter Waidmänner gefragt: »Wie lange gehst du denn schon zur Jagd?«
Antwort: »Seitdem ich klein bin.«
»Und immer mit Wildmeister Mackerodt?«
Ich nickte.
»Bestanden!«
70 Jahre sind seitdem vergangen, aber sein Ausspruch »Die Ehrfurcht vor Fauna und Flora ist die oberste Maxime des Jägers« klingt mir noch heute in den Ohren.
Wie oft verzweifelte ich fast, wenn nach stundenlangem Üben der Boden um mich herum mit zerrissenen Buchen- oder Fliederblättern bedeckt war und ich noch immer keine naturgetreuen Fieplaute imitieren konnte.
Bevor ich das erste Mal einen Hirsch mit der Muschel angehen durfte, verbrachte ich mit unserem Wildmeister viele, viele Stunden im Revier, lauschte dem gewaltigen Brunftkonzert, und jeder Ruf, jeder Trenzer, jedes Knören wurde ausführlich kommentiert.
»Ein alter Brunfthirsch hat es nicht verdient, kunstlos vom Hochsitz aus gemeuchelt zu werden. Lerne die Stimmen zu unterscheiden, zu interpretieren und zu imitieren, dann kannst du ihn angehen, auf 20, 30 Gänge erlegen, das ist Jagd!«
Wie recht hatte doch der Alte …
Kaum ein Spaziergang endete, ohne dass wir getrimmt wurden, Entfernungen zu schätzen. Wie weit entfernt steht der Baum, liegt der Stein oder hängt der Nistkasten? Der Abstand wurde abgeschritten, und mit der Zeit konnten wir in jedem Gelände Distanzen auf wenige Meter genau bestimmen. Dies Wissen wird heute durch digitale Entfernungsmesser ersetzt. Kleine, handliche oder in Ferngläser integrierte Laser-Entfernungsmesser übernehmen diese Funktion.
»Winnetou hat seine Feinde auf allen vieren angekrochen. Wäre er wie ein Bergmann auf seinem Arschleder auf seinem Hintern gerutscht, wäre er wohl noch am Leben«, predigte der wilde Meister, wenn es darum ging, an ein Stück Wild auf Schussnähe heranzukommen. In der Tat ist es günstiger, auf dem Hinterteil zu rutschen, als auf Händen und Knien Wild anzukriechen. Aber sich dem Wild im Kriechgang zu nähern oder nahe einem Wechsel auf dem Boden liegend zu warten, wie es mir beigebracht wurde, ist heutzutage passé, Kanzeln und stark vergrößernde Zielfernrohre haben diesen ursprünglichen Part des Jagens abgelöst.
Immer wieder wurden wir angehalten, uns durch geduldiges Beobachten mit den Tieren des Waldes vertraut zu machen.
Heute nehmen sich (oder haben) viele Jäger nicht mehr die Zeit, eine Rotte oder ein Geheck, eine Kette oder auch ein einzelnes Stück über mehrere Wochen oder gar Monate zu beobachten, um mehr über die jeweilige Wildart zu ergründen. Kaum sehen sie einen alten Bock, Sauen oder einen Fuchs, wird geschossen. Das Wissen über Verhalten, Bedürfnisse, Gewohnheiten oder Sozialstrukturen der einzelnen Wildarten ist zum Leidwesen des Wildes weitgehend angelesen.
Einen der vielen Hundert Bisams, die ich als damals jüngster, amtlich bestätigter Bisamfänger Niedersachsens fing, balgte ich in knapp drei Minuten ab. Ich schärfte Schwanzspitzen und Pfoten ab (als Nachweis, um Fangprämien zu kassieren), es folgte der Schnitt vom Waidloch an der Außenseite der Keulen entlang, und zwei Minuten danach war das Tier komplett »küchenfertig«. Sofern der Kern nicht verfüttert wurde, wanderte er auf den Luderplatz, wo er meistens schon am nächsten Tag verschwunden war. Viele Jahre später, nachdem ich eine Trapline in Britisch-Kolumbien betreut hatte, lernte ich Bisamfleisch zu schätzen. Es schmeckt köstlich.
Raubwild wurde meistens im Wald gestreift, es dauerte nicht viel länger. Zu Hause mussten wir dann Pranten, Gehöre und Lunte nacharbeiten, wozu, habe ich nie verstanden. Für Mützen, Muffs, Innen- und Außenpelze oder eine Fuchsdecke werden sie schließlich nicht gebraucht.
Stare, Spatzen, Drosseln, Krähen und Eichelhäher, die wir mit dem Luftgewehr erlegt hatten, wurden von uns küchenfertig gemacht und von unserer Haushälterin gebraten.
Auch das eigenhändige Präparieren von Trophäen war für uns eine Selbstverständlichkeit.
Sei es, wie es sei, traumhafte, wenngleich auch harte jagdliche Lehrjahre, wie ich sie genoss, sind selten geworden. Manchen angehenden Jägern wird das Jägerhandwerk in dreiwöchigen Crashkursen eingetrichtert.
Tierschutz, Naturschutz, Waffenrecht, Hygienerichtlinien – all das sind gewiss wichtige Prüfungsfelder, aber das Jagdhandwerk, die hohe Kunst des Jagens von der Pike auf zu lernen gehört immer mehr der Vergangenheit an.
Unser Wildmeister erwartete, dass wir ein Reh in maximal fünf Minuten aufbrachen. Heute wird das Wild bei Drückjagden von einem professionellen Team zentral aufgebrochen und der Aufbruch, auch aus Sorge vor der ASP, fachgerecht entsorgt.
Im Winter das Weiß des erlegten Schalenwildes für die Meisen in den Baum hängen, mit Pansen, Milz oder Drossel den Hund genossen machen, Lunge als Schleppe zum Luderplatz und Herz, Leber, Niere in das Gulasch oder gar Brägen für den Eigenverbrauch nutzen, davor ekeln sich »moderne« Stadtmenschen und auch so manche junge Jäger. Stattdessen werden hochwertige Nahrungsmittel vernichtet, denaturalisiert, für viel Geld chemisch entsorgt und so dem natürlichen Kreislauf entzogen. Dass Heerscharen von Tieren, vor allem Klein- und Kleinstlebewesen, von im Wald verbliebenen Aufbrüchen profitieren, wird aus unerklärlichen Gründen ignoriert, »schließlich muss der deutsche Wald sauber bleiben«!
So abscheulich ein von Maden wimmelnder Kadaver wirken mag, so wichtig ist deren Aufgabe für die Umwelt. Durch sie wird Aas in der Natur verarbeitet und beseitigt.
Die Biomasse von Mäusen in deutschen Wäldern ist um ein Vielfaches größer als die des Schalenwildes. Kaum jemand macht sich Gedanken darüber, wer diese Millionen kleinen Tierkörper, dazu die zahllosen verendeten oder eingegangenen Vögel, Lurche etc. beseitigt.
Schmeißfliegen gehören neben Totengräbern, Ameisen, Rabenvögeln und Füchsen zur Gesundheitspolizei in der Natur. Fliegen sind Nahrungsgrundlage für viele andere Tierarten wie Spinnen und Libellen, Amphibien, Fische, Fledermäuse und Vögel.
Aber nach letzter Lesart opfern wir doch lieber Fuchs und Igel, Rabe und Greif und vor allem die vielen Tausend, wahrscheinlich weitaus mehr, Kleintiere, Maden und Würmer, Larven und Raupen, Käfer und Fliegen, eine ganze Welt von Mikroorganismen, einer Ideologie, nehmen ihnen ihre Lebensgrundlagen und lassen sie verhungern, man sieht sie ja ohnehin nicht, zumindest »Naturexperten«, die uns vom Schreibtisch aus weise Vorschriften machen, kennen sie nicht.
Der Rothirsch ist noch nicht sehr lange der »König der Wälder«. Ursprünglich war er tag- oder dämmerungsaktiv und fühlte sich im Wald überhaupt nicht wohl. Wegen intensiver Landnutzung und Jagd, Erholung suchender Naturfreunde, seit einigen Jahren auch wegen der Wölfe kann Wild die Wälder oft erst in der Dämmerung verlassen, erst wenn Kimme und Korn nicht mehr zu erkennen sind, in die Felder und Wiesen ziehen, seinen natürlichen Lebensraum großräumig nutzen. Das war auch in den elterlichen Waldungen so, Schälschäden waren entsprechend hoch.
Nachdem Mackerodt seinen Dienst angetreten hatte, hatten Pilzsucher, Beerensammler, Stangensucher, aber auch harmlose Spaziergänger einen schweren Stand, sie wurden rückhaltlos aus dem Wald gejagt. Dem alten Berufsjäger war die Ruhe des Wildes heilig. »Ruhe im Wald, Druck im Feld und Gemeinschaftsjagden im Herbst« war seine Devise!
Auf unseren kargen Standorten, auf denen hauptsächlich Kiefern stehen, hatten wir zwei Wildäcker. Dort standen zwar Hochsitze, von ihnen ließ sich Wild auch am Tage beobachten, aber geschossen wurde an diesen Äsungsflächen nur in Ausnahmefällen. Ruhe und abwechslungsreiche, saftige Äsung waren gewiss ausschlaggebend, dass Schälschäden weniger wurden.
Um unliebsame Menschen einzuschüchtern, war Mackerodt nicht zimperlich. Ich entsinne mich einfacher Holzschilder mit erfolgreicher Wirkung, auf denen er in kunstvollen Lettern geschrieben hatte: »Achtung! Kreuzottern! Telefonnummer des nächsten Arztes 476060« Im Winter wurde das Wort »Kreuzottern« durch »Tollwut« ersetzt.
Es war selbstverständlich, dass wir uns leise zurückzogen, wenn wir Wild auf der Pirsch begegneten oder es nahe dem geplanten Ansitz ausgetreten war, auch wenn es sich »nur« um einen Hasen, Reiher oder Ähnliches handelte. Keinesfalls wurden Tiere beunruhigt – wir gingen woandershin.
Saßen wir nahe den Rotwildeinständen an, verbrachten wir die Nacht auf unserem Posten, schlichen erst am nächsten Morgen nach Hause, damit Störungen durch abendliches Verlassen oder der erneute morgendliche Gang zum Ansitz das Wild nicht verprellten.
Ruhe und ungestörte Rückzugsgebiete waren entscheidend dafür, dass unser Revier zu den besten des Landkreises zählte. Die Wildbestände profitierten zudem von der Kahlschlagwirtschaft: Wir schöpften jagdlich aus dem Vollen. Grüne Ideologen, Umweltschützer und Naturschutzorganisationen hatten noch nicht den Einfluss, der heute besteht. Er entwickelte sich erst nach dem sogenannten Waldsterben und mit der Zunahme des Laubholzanteils, der Umgestaltung von Fichten- bzw. Kiefern- in Mischwaldbestände.
Als in Niedersachsen ein neues Waldbetretungsrecht in Kraft trat, Privatwege nicht mehr für Besucher gesperrt werden durften, der Wald für allerlei Freizeitaktivitäten der Öffentlichkeit zur Verfügung stand, nahmen Schälschäden wieder zu. Das Wild änderte seine Gewohnheiten, wurde dämmerungs- oder nachtaktiv, nachdem wir vorher Rot-, Schwarz- und Rehwild regelmäßig am Tage beobachten konnten. Natürlich hatten auch sich wandelnde Formen der Bewirtschaftung in der Land- und Forstwirtschaft Einfluss auf die Bejagung.
Eure Majestät, der Rothirsch!
Im lichten Farbenspiel des Frühjahrs.
Sonnenstrahlen verzaubern den Wald.
Neben den vielfältigen Aufgaben, die bei der Verwaltung eines großen Forstbetriebes zu bewältigen sind, lagen unserem Wildmeister die Probleme, die der hohe Wildbestand bereitete, besonders das schwache Rehwild, am Herzen.
Während aus Unkenntnis, Zeitmangel oder aufgrund ideologischer Verblendung heute die Devise Zahl- vor Wahlabschuss gilt, Rehwild kaum noch selektiv auf der Einzeljagd, sondern »sportlich« auf Drückjagden abgeknallt, von grünen Förstern als »Ratten des Waldes« bezeichnet wird, schaffte der erfahrene Berufsjäger es, die Qualität unseres Rehwildbestandes zu erhöhen.
Im blauen Dunst des nahenden Abends – was die Ricke wohl vernommen haben mag?
»Alle Welt redet von Abschussböcken, dass es auch Abschussricken gibt, weiß kaum jemand«, schimpfte er. Voraussetzung für starke Stücke und ordentliche Trophäen sind gesunde, stressfrei lebende Ricken. Zuwachs, ausgewogene Geschlechterverhältnisse und Wilddichten erreicht man durch Schonen bzw. den richtigen Abschuss weiblicher Stücke, nicht der Rehböcke, so die Meinung des Wildmeisters. Jagd ist verantwortungsvolle, nachhaltige Nutzung, die in vielen Gegenden zu einer Form der »Schädlingsbekämpfung« degeneriert, das hatte er bereits vor über einem halben Jahrhundert erkannt.
Schon während der Blattzeit beobachteten wir die Ricken, orientierten uns am körperlichen Zustand der Kitze, merkten kümmernde Stücke für den Abschuss vor und versuchten, den gesamten Familienverband zu erlegen.
Wir erledigten den Abschuss des weiblichen Rehwildes in der Zeit des Verfärbens, im September und Oktober, wenn sich Alter, Gesundheitszustand, allgemeine Kondition sicherer ansprechen lassen als in anderen Jahreszeiten. Zudem lässt sich das Wild meistens noch bei gutem Licht beobachten.
Da die Entwicklung der Kitze sehr von ihrem Wachstum im ersten Sommer oder Frühherbst abhängt, wurden schwache ohne Rücksicht auf das Geschlecht mit der Ricke erlegt. Normalerweise waren sie spät gesetzt worden, oder die Mütter waren uralt und konnten nicht genügend Milch produzieren. Selbstverständlich wurden erst die Kitze, dann die Ricke erlegt. Viele Jäger, sogar Wildbiologen behaupten, Kitze seien im Herbst nicht mehr auf Muttermilch angewiesen und kommen, wenn die Jagdzeit beginnt, ohne Säugen aus. Wer sich aber intensiv mit Rehwild beschäftigt, weiß, dass das nicht zutrifft. Verwaiste Kitze überleben zwar, kümmern aber. Starke, gesunde Ricken säugen bis in den Januar hinein. Die Führung durch das erfahrene Altreh ist mit entscheidend dafür, wie sich Kitze entwickeln.
Damals erhielten Reviere »Hegemedaillen«, wenn überdurchschnittlich viele Knopfböcke geschossen wurden. Auch bei uns standen viele schwache Jährlinge. Meine Großväter hatten erstaunlicherweise nur starke Sechser erlegt. Die wenigen schwachen Böcke und weibliches Rehwild wurden von Angestellten geschossen. Die guten Trophäen der von meinen Vorfahren erlegten Rehböcke in der Eingangshalle des Herrenhauses beweisen, dass es starkes Rehwild bei uns gegeben haben muss, was uns schließlich zum Umdenken veranlasste.
Wir markierten drei Bockkitze und beobachteten sie über mehrere Jahre. Anfangs waren es kümmerliche Zwei- und Dreijährige, entwickelten sich nach dem vierten oder fünften Jahr aber zu respektablen Sechsern. Nach langen Diskussionen zwischen uns Brüdern und dem Wildmeister wurde die Parole ausgegeben, lediglich an Wildbret schwache Jährlinge zu schießen, alles andere, ob kaum sichtbare Knöpfchen oder schwache Spieße, zu schonen. Die Devise des Wildmeisters »Willst du starke Böcke schießen, musst du alte Böcke schießen« hat sich bewährt.
Nach unserer Konfirmation, also mit 14 Jahren, durften wir unsere ersten Rehböcke schießen. Keinen x-beliebigen, sondern einen schwachen oder abnormen, den wir selbst bestätigen mussten. Vorher hatten wir allerdings schon weibliches Rehwild erlegt. Nicht irgendein Kitz, Schmalreh oder eine Ricke, sondern es wurde großer Wert auf Wahlabschuss gelegt. Da war unser Wildmeister unerbittlich. Sein Argument, wonach die Hälfte der Erbmasse von der Mutter kommt, ist schließlich einleuchtend.
Vieles von dem, was ich von dem erfahrenen Praktiker und versierten Wildbeobachter Mackerodt gelernt habe, habe ich in meinen Büchern weitergegeben.
Nach der frühen Jugend im Paradies musste ich ins Internat. Das bedeutete, weniger Jagd, von heute auf morgen erwachsen werden. Mein Stiefvater behauptete anlässlich eines Familienfestes nach meiner Rückkehr von einer Safari, ich hätte es immer noch nicht geschafft. Da zählte ich bereits mehr als 25 Lenze.
Nachdem mein älterer Bruder den elterlichen Besitz übernommen hatte, führte er das, was uns Mackeroth über jagdliche Ethik, jagdliche Moral, jagdliches Handwerk eingebläut hatte, weiter.
Als ein Vetter sich im Sommer rühmte, er habe drei Jungfüchse geschossen und die Welpen in einem Graben »entsorgt«, wurde er auf unserer Jagd nie wieder gesehen.
Ein anderer, der sich nach dem dritten Ansitz beklagte, er habe nichts gesehen und es wäre ziemlich langweilig gewesen, wurde ebenfalls nie wieder eingeladen.
Als mein sehr passionierter Bruder unsere Jagd später verpachtete, ärgerte er sich dermaßen über das Verhalten der Pächter und deren Anhang, über die Einstellung der Menschen zu ihren Mitgeschöpfen und war so enttäuscht über die Entwicklung einer Passion, die wir stets mit Herzblut ausgeübt hatten und die immer mehr zum Schieß- und Freizeitvergnügen verkommt, dass er heute Gesellschaftsjagden konsequent ablehnt und nur noch allein jagt.
Als ehemaliger Spieß bei der Kavallerie hatte Mackerodt uns, ganz im Sinne meiner preußischen Mutter, eingebläut, stets pünktlich zu sein, besonders auf der Jagd. »Kommst du zu einem Essen zu spät, wirst du immer noch etwas bekommen, auf einem Ball wird deine Tischdame nicht nach Hause gehen, aber auf der Jagd hast du das Nachsehen, wenn die Schützen bereits ausgerückt und abgestellt sind« war seine Devise, und an die habe ich mich immer gehalten.
Einmal allerdings habe ich es mit der Pünktlichkeit übertrieben.
Kaum lag die verheißungsvolle, lange herbeigesehnte Jagdeinladung in den Saupark Springe auf meinem Schreibtisch, sagte ich zu.
Am nächsten Tag fand ich zwischen der Post eine weitere Jagdeinladung. Der Leiter des Klosterforstamtes, nicht weit von Springe entfernt, plante, am selben Tag im Deister zu jagen.
Gewissensbisse quälten mich, als ich den Inhalt der Schreiben verglich: Auf der zugesagten Jagd waren Frischlinge und Überläufer frei. Die Klosterkammer zeigte sich generöser: Rotwild, einschließlich schwacher Hirsche, Schwarzwild ohne Gewichtsbegrenzung, Rehwild und Raubwild dürfe man erlegen, hieß es. Dass von allem reichlich vorhanden war, wusste ich von Jagden in vergangenen Jahren.
Nach langem Abwägen sagte ich in einem höflichen Entschuldigungsschreiben im Saupark wieder ab und steckte die Zusage an das Klosterforstamt in den Briefkasten.
Und dann war es so weit.
Wenn ich zu einer weiter von meinem Wohnort entfernten Drückjagd eingeladen bin, fahre ich oft schon am Vorabend in das betreffende Revier und übernachte mit meinem Hund in eine Wolldecke gewickelt bei Wind und Wetter vor Ort am morgendlichen Treffpunkt. Viele Jagdhelfer, die morgens den Streckenplatz vorbereiten, kennen uns schon, und pensionierte Waldarbeiter bringen dann freundlicherweise stets eine Kanne heißen Tee für mich und eine Wurststulle für meinen Hund mit.
Diesmal kehrte ich aber am Abend vor der Jagd erst spät aus Mecklenburg von einer anderen Jagd nach Hause zurück und fuhr daher erst morgens los.
Um 8.30 Uhr sollte Stelldichein im Deister sein, erinnerte ich mich.
Die Wettervorhersage hatte Straßenglätte prophezeit. Sicherheitshalber plante ich zwei Stunden Autofahrt von Lüneburg ein, um pünktlich am Ziel zu sein, zumal ich den Forstamtsleiter seit Langem kannte: ein Urmensch, aber auch ein Uhrmensch.
Als ich mich der niedersächsischen Landeshauptstadt nähere, wird es bereits hell. Ein Blick in den Autoatlas und ein erschreckter Griff nach der Einladung – oh weh, beides ruht zu Hause auf dem Küchentisch. Pech! Die grobe Richtung ist mir zwar von Jagden in den letzten Jahren bekannt, trotzdem bin ich nervös, als der Wagen auf einsamen Schotterstraßen durch das riesige Waldgebiet rollt. Zu allem Überfluss ist dichter Nebel aufgekommen.
Die Zeiger der Uhr drehen sich unbestechlich weiter. Mich beschleicht das Gefühl, bereits den gesamten Deister an diesem Morgen abgefahren zu haben.
Da kommt mir auf einem breiten Waldweg ein Auto entgegen! Am Steuer sitzt ein Grünrock. Beim Näherkommen erkenne ich den Präsidenten der niedersächsischen Jägerschaft. Freudiges Winken, zufrieden lehne ich mich zurück, wende meinen Wagen, um erleichtert meinem Bärenführer zu folgen.
Von rechts naht auf einem anderen Waldwirtschaftsweg ein weiteres Fahrzeug, ebenfalls mit einem Jäger am Steuer, der sich uns anschließt, und wenige Minuten später parken wir unsere Autos am lodernden Feuer, wo bereits zahlreiche Bekannte warten.
8.20 Uhr, erleichtert steige ich aus dem Wagen.
Freudige Begrüßung, ein kleiner Schluck, eine angebotene Zigarre und dann ein erneuter Blick auf die Uhr – 8.40 Uhr. »Früher begannen die Jagden noch pünktlich, aber das waren ja wohl die guten alten Zeiten, die nun vorbei sind, wenn sonst bei der Jagd schon nichts auf der Strecke bleibt, dann wenigstens Pünktlichkeit, Disziplin und Ordnung«, frotzele ich.
»Immer langsam mit den jungen Pferden, 20 Minuten haben wir noch«, erwidert ein Freund neben mir. Ich mucke auf, werde aber belehrt, offizieller Jagdbeginn sei 9.00 Uhr. Sollte ich widersprechen?
Kurz vor neun kommt der Forstmeister des Sauparks auf mich zu, ein fragender Blick, dann nimmt er seine Zigarre aus dem Mund, begrüßt mich und gibt den Beamten den Befehl, sich zum Blasen zu formieren.
Unsicher wandern meine Augen von einem Jäger zum anderen. Den Vorsteher des Klosterforstamtes kann ich nicht entdecken, und mir wird schlagartig klar: Ich bin auf der falschen Jagd, auf der, die ich abgesagt hatte!
Fast eine halbe Stunde habe ich mich so angeregt mit alten Freunden und Bekannten unterhalten, dass es mir nicht sofort aufgefallen ist.
Mit leicht gerötetem Kopf stammele ich verlegen ein paar entschuldigende Erklärungen, und nach kurzer Wegbeschreibung rast mein grüner Volkswagen durch den einsamen Deister zum nächsten, zehn Kilometer entfernten Sammelplatz. Ihn finde ich verwaist. Lediglich ein pensionierter Waldarbeiter hütet das Feuer bis zum mittäglichen Stelldichein der Jäger, die pünktlich um 8.30 Uhr aufgebrochen waren.
Während ich mit dem Alten plaudere, kommt ein Auto, das Suppe, Brötchen, Glühwein sowie Unruhe mit sich bringt, die nicht dazu beiträgt, meine schlechte Laune zu verbessern.
»Setzen Sie sich doch an das Gatter hinter die Autos, dort saß im letzten Jahr schon mal jemand, der zu spät kam«, ermuntert mich der Holzhauer. Missmutig schlendere ich zu der besagten Stelle, was blieb mir auch sonst übrig?
200 Meter entfernt vom Sammelplatz setze ich mich auf einen dicken Baumstumpf. Von meinem Auto trennen mich höchstens 100 Gänge und von dem Kulturzaun 50.
Um mich herum fallen Schüsse. »Nach deren Anzahl zu urteilen, müsste mittags eine gute Strecke am Feuer liegen«, denke ich grimmig, da ich mich durch eigenes törichtes Verschulden im wahrsten Sinne des Wortes nur am Rande an dieser Jagd beteiligen kann.
Nun sitze ich hier, einsam und allein gelassen, vom Vergnügen der Jagd ausgeschlossen.
Zehn Minuten mag ich mit mir und meinem Schicksal gehadert haben, ganz in der Nähe hat es mehrmals geknallt, als meine Blicke gelangweilt am Drahtzaun entlangwandern. Und dort steht plötzlich eine Sau, ein Keiler ist es, der wie aus dem Nichts kommend aufgetaucht war. Auch ohne Glas erkenne ich die aus dem Gebrech ragenden Gewehre: »Marlborough-Sau«, schießt es mir durch den Sinn, so bezeichnet mein Freund Paul Nauth Keiler, bei denen die Gewehre, lang wie Zigaretten, aus dem Wurf leuchten.Ein Keiler, so stark, wie ich ihn in Deutschland vorher nie gesehen habe!
Gemächlich zieht der Basse am Gatter entlang auf mich zu. Als ich meine Büchse an der Backe habe und der Schuss bricht, ist er nur noch 30 Meter entfernt.
»Ende gut, alles gut«, heißt es in einem Sprichwort. War es »Glück im Unglück« oder einfach nur »Saudusel«?
Ich werde wohl nicht noch einmal unter diesen Vorzeichen und so einfach ein so starkes Schwein schießen, aber auf jeden Fall wurde meine Unpünktlichkeit belohnt.
Ist von Pünktlichkeit die Rede, kommt mir stante pede eine lange zurückliegende Begegnung in der Ukraine in den Sinn. Dort wurde ich vor vielen Jahren als besonders wichtige Persönlichkeit aus Deutschland angekündigt. Man hatte mir den besten Jagdführer weit und breit, der jedes Tier im Wald kennt und genau weiß, wann es wo austritt, zugeteilt, übersetzte der Dolmetscher, bevor ich mit meinem vollbärtigen Begleiter, einem Hünen von Mensch mit großen braunen, gutmütig dreinschauenden Augen, in den klapprigen Geländewagen stieg.
Die Hitze ist anstrengend. Schweißtropfen stehen uns auf der Stirn, rollen uns in die Augen, brennen und fließen als dicke Tränen weiter das Gesicht hinunter. Dazu umschwirren uns Schwärme von Moskitos, machen unseren Gang, nachdem wir in einer schier undurchdringlichen Schilfwildnis den Wagen abgestellt haben, zu einem beschwerlichen Marsch und nicht, wie angekündigt, zu einer erholsamen Pirsch nach kräftezehrender Anfahrt. Mein schweigsamer Fahrer hatte nämlich vorher auf sein Gefährt und mich nicht die geringste Rücksicht genommen. Mit Vollgas hatte er sein Fahrzeug durch tiefe Schlaglöcher und über umgefallene Baumstämme gequält. Ich war während der sausenden Fahrt von einer Ecke in die andere geflogen und konnte mein Gewehr und mich nur schwer vor größeren Blessuren bewahren.
