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Können Gefühl und Perfektion im selben Rhythmus tanzen?
Cal träumt von einer Hauptrolle in der Irish Dance Academy, doch so verbissen er auch trainiert, die Wahl fällt nie auf ihn. Um sich zu beweisen, nimmt er widerwillig die Leitung eines Tanz-Workshops für Kinder an, und begibt sich dafür nach Safe Haven, einem Camp für Waisenkinder und alleinstehende Schwangere.
Als er mit seinem Porsche an der malerischen Steilküste im Westen Irlands vorfährt und seinen Maßstab an Perfektion an den Tag legt, stößt er schnell auf Widerstand. Marlis, die sich hingebungsvoll für das Camp und ihre Schützlinge einsetzt, geht sofort auf Konfrontationskurs. Allerdings merkt sie bald, dass die arrogante Fassade des Tänzers wesentlich bröckeliger ist, als er vorgibt.
Je mehr Zeit Cal mit Marlis verbringt, desto stärker beginnt er, sein ehrgeiziges Training zu hinterfragen. An Marlis' Seite findet er die Kraft, sich seinen schlimmsten Ängsten zu stellen. Kann er wirklich nur durch Perfektion glänzen – oder liegt beim Tanz sowie der Liebe die wahre Kunst darin, sich einfach dem Moment hinzugeben?
Der neunte Teil der Bestseller-Reihe »Irland – Von Cider bis Liebe« von Madita Tietgen ist ein Wohlfühlroman über die Sehnsucht nach Anerkennung zwischen Ehrgeiz und Liebe. Alle Bände sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
IRLAND – VON CIDER BIS LIEBE
BUCH NEUN
Verlag:
Zeilenfluss Verlagsgesellschaft mbH
Werinherstr. 3
81541 München
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Texte: Madita Tietgen
Cover: Grit Bomhauer
Korrektorat: Dr. Andreas Fischer
Satz: Zeilenfluss
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Alle Rechte vorbehalten.
Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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ISBN: 978-3-96714-305-8
Für Sina.
Weil wir beide vom Ehrgeiz getrieben sind und uns gegenseitig im Zaum halten, wenn es mal wieder überhandnimmt. Danke, dass du mir auf meiner Autorinnenreise so eine gute Freundin geworden bist.
Zu schnell. Cal fuhr viel zu schnell. Aber seine Stimmung ließ ihm keine andere Wahl. Es war, als würde sich die Wut ungefragt durch seinen Körper wühlen und all den angestauten Frust mithilfe seines Fußes auf das Gaspedal übertragen. Deshalb drückte er es tiefer und tiefer, während er mit seinem Sportwagen die schmale Landstraße entlangraste. Die einzelnen Wiesen, versehen mit den typischen grauen Mauern aus aufgestapelten Steinen, verschwammen in Cals Blickfeld zu einem einzigen grünen Streifen. Er bekam nicht mal mit, ob dort Schafe oder Kühe grasten. Alles, was er sah, war das Gesicht von Aeryn Fitzgerald O’Sullivan. Seine verdammte Chefchoreographin, die ihm allen Ernstes eine Zwangspause auferlegt hatte. Jetzt! Nicht ganz drei Monate vor der Premiere.
Eine scharfe Rechtskurve zwang Cal abzubremsen, doch gleich darauf beschleunigte er seinen schwarzen Porsche 944 wieder. Er hörte den aufheulenden Motor und spürte das Vibrieren des ledernen Lenkrads in seinen Händen. Die markanten Klappscheinwerfer des Wagens waren aufgerichtet, wenngleich es um diese Zeit hell genug war. Cal ignorierte das Wasser des tiefblauen Atlantiks, das ihm ankündigte, sein Ziel schon bald erreicht zu haben. Ein Ortsschild rauschte an ihm vorbei, doch trotz der bunten Häuser, die die grünen Weiden ablösten, reduzierte er seine Geschwindigkeit nur geringfügig.
Ardwellheart.
Ein Ort, von dem er bis vor wenigen Tagen noch nie etwas gehört hatte. Und Cal hatte beileibe nicht vorgehabt, das jemals zu ändern. Aber Aeryn ließ ihm keine Wahl. Sie erpresste ihn. Mit dem Einzigen, was ihm wirklich wichtig war. Dem Tanzen.
Cal war Mitglied der Irish Dance Academy, der bedeutendsten Kompanie Irlands, die sich dem traditionsreichen Tanzstil der Grünen Insel verschrieben hatte. Seit Jahrzehnten fanden nur die Besten der Besten dort einen Platz und zogen mit immer wieder neu konzipierten Shows über die Bühnen der ganzen Welt. Sydney, Bangkok, Kapstadt, New York, Toronto, Moskau, London, Paris – es gab kaum eine Stadt, in der Cal seine Sohlen nicht über den harten Boden hatte tanzen lassen. Seit gut fünf Jahren war er Teil der Kompanie und gehörte längst zu jenen, die mit ihrem Können eine Hauptrolle verdienten. Doch die war bislang ausgeblieben. Sehr zu seinem Missfallen.
Cal war gut. Verdammt gut. Herausragend. Und trotzdem weigerte Aeryn sich, ihm mehr zuzutrauen als die zweite Reihe. Aber nicht nur das. Jetzt drohte sie gar, ihn aus der Academy werfen zu lassen! Wegen einer falschen Anschuldigung. Es war lächerlich. Absolut lächerlich.
Trotzdem musste er sich wohl oder übel fügen, denn was Aeryn Fitzgerald, Queen des Irish Dance, sagte, hatte Gewicht. Sie mochte nur Tänzerin und Choreographin sein, aber sie war die unangefochtene Nummer eins. Seit Jahren. Niemand erreichte ihren Ruhm, niemand gewann so viele Titel, und niemand war so verdammt gut wie sie. Aeryn bestimmte das Geschehen der Kompanie, und würde sie auch nur erwägen, ihn vor die Tür zu setzen, würde man nicht mal mit der Wimper zucken und genau das tun.
Also musste Cal ihrer Anweisung Folge leisten. Er hasste es. Keine Frage, er hatte einen Heidenrespekt vor dieser Frau. Er verdankte ihr wahnsinnig viel, und in manchen Momenten verehrte er sie gar. Aber jetzt würde er sie gerne anschreien und fragen, was zur Hölle ihr einfiel, ihn so im Regen stehen zu lassen. Seine Stirn zog sich in wütende Falten, und er bremste nur widerwillig ab, um mit dem alten Porsche nicht aus der nächsten Kurve zu fliegen. Die empörten Gesichter etwaiger Passanten ignorierte er und preschte weiter, sodass das Dorf schon bald wieder hinter ihm lag. Ein Blick auf sein Smartphone, das als Navi fungierte, verriet ihm, dass er das endgültige Ziel bald vor sich sehen dürfte. Wieder schossen wütende Blitze durch sein Inneres und fokussierten sich auf seine Mentorin.
Normalerweise kam er mit der nur sechs Jahre älteren Aeryn gut aus. Sie war streng und verlangte den Tänzern und Tänzerinnen der Kompanie einiges ab. Aber ihr extrem hoher Anspruch zahlte sich aus. Cal hatte in den letzten fünf Jahren so viel gelernt wie in keiner Kompanie oder Tanzschule zuvor. Seine Leistung war bei Antritt in der Academy bereits exzellent gewesen, doch Aeryn hatte mit ihrem exakten Auge und der tiefsitzenden Leidenschaft mehr aus ihm herausgeholt, als er je für möglich gehalten hätte. Es war schweißtreibend, bisweilen nervtötend und an gewissen Tagen bestimmt unmenschlich, aber Aeryns steter Antrieb für die gesamte Kompanie zeichnete die Academy aus. Da der Weltstar die gleichen Maßstäbe bei sich ansetzte und sich selbst erst aus dem Training entließ, wenn alles perfekt saß, konnte man ihr nicht mal einen Vorwurf machen.
Angeblich sollte die Queen of Irish Dance vor rund sieben Jahren noch strenger mit sich und anderen gewesen sein, aber das konnte Cal sich kaum vorstellen. Gleichzeitig musste er Aeryn lassen, dass sich ihre Mühe – und manchmal gefühlte Folter – lohnte. Sie hatte aus Cal einen geschliffenen Diamanten gemacht. Seine Schritte waren so präzise wie die Berechnungen eines Raketenstarts, und sein Timing war so exakt wie die Uhren von Greenwich. Umso mehr ärgerte Cal einer der letzten Kommentare von Aeryn, als sie ihm mitteilte, wo er die nächsten drei Wochen verbringen würde.
›Du bist ein fantastischer Tänzer, Cal. Aber es kommt auf wesentlich mehr an als das. Doch das begreifst du offensichtlich nicht, sonst hättest du dich in letzter Zeit nicht so aufgeführt. Wir haben viel davon geduldet, aber irgendwann ist Schluss. Du solltest dir gut überlegen, ob der eingeschlagene Weg wirklich der richtige ist. Die Academy hat einen exzellenten Ruf, und den solltest du mit deinen Eskapaden lieber nicht in den Dreck ziehen. Das hier ist deine letzte Chance.‹
Callum Donoghue war ein aufstrebender Stern, der unter der Fuchtel von Aeryn Fitzgerald gefördert worden war – nur um nun von ihr verraten zu werden. Bis vor einer Woche hatte Cal, wie er genannt wurde, in Aeryn noch eine Verbündete gesehen. Eine Mentorin. Eine Tänzerin, die genau erkannt hatte, was er draufhatte und wozu er im Stande sein würde. Er war sich sicher gewesen, dass er nach der endlosen Phase des Wartens und Sich-Beweisens endlich die verdiente Hauptrolle zugesprochen bekommen würde. Gerade als diese Vision zum Greifen nah gewesen war, hatte Aeryn plötzlich die Notbremse gezogen. Wegen eines irrwitzigen Vorfalls.
Erneut machte sich die leuchtend grelle Wut in Cals Herzen bemerkbar. Er riss das Lenkrad herum, um die Abzweigung rechtzeitig zu erwischen, und spürte, wie der hintere Teil des Wagens ins Schleudern geriet. Nach wenigen Sekunden raste der Porsche jedoch wieder wie ein Blitz geradeaus und ließ den Kies des Schotterwegs hochspritzen. Ein Schleier legte sich über Cals blaue Augen und sorgte dafür, dass er im wahrsten Sinne des Wortes blind vor Wut wurde. Adrenalin mischte sich mit ebenjenem Gefühl. Seine Hände umfassten das Lenkrad so fest, dass er nicht überrascht gewesen wäre, wenn er es in der nächsten Kurve aus der Halterung gerissen hätte. Minuten, die ihm wie Sekunden vorkamen und in denen er kaum nachvollziehen konnte, wie er den Weg überhaupt sicher hinter sich gebracht hatte, führten ihn näher und näher an den Ort, den Aeryn Fitzgerald sich für ihn als Strafe ausgesucht hatte.
Safe Haven.
Unweit des winzigen Dorfes Ardwellheart, das Cal durchfahren hatte, ohne es wirklich gesehen zu haben, hatte die Soulhealer Foundation ein Feriencamp für Waisenkinder eröffnet. Anfang des Monats hatten einige von Cals Kollegen in den Dubliner Räumen der Stiftung einen zweitägigen Workshop für ein paar Kids gegeben. An nur einem Wochenende hatten sie einer bunten Gruppe im Alter von sechs bis vierzehn die Grundschritte des Irish Dance gezeigt und sie mit ihnen geübt. Eingefädelt hatte das eine Kollegin von Cal. Cherry Storm. Sie war Violinistin in der Kompanie. Soweit Cal zudem wusste, war sie mit dem Finanzchef der Soulhealer Foundation zusammen und gab ab und zu Geigenunterricht für interessierte Kinder dort.
Wie zuvor schon seine Kollegen in Dublin sollte Cal nun einen Workshop mit den Kids veranstalten. Allerdings allein! In diesem Camp. Und statt zwei Tage hatte Aeryn ihm verdammte drei Wochen aufgebrummt!
Drei Wochen, in denen er nicht an den Proben für die nächste Show teilnehmen durfte, obwohl deren Premiere kurz nach seinem Aufenthalt im Camp stattfinden würde. Man hatte ihn verbannt. Ja, verbannt. Nichts anderes hatte Aeryn mit ihm gemacht.
Zu Cals Wut schlich sich herbe Enttäuschung. Er hatte angenommen, Aeryn würde ihn verstehen. Sie wusste nicht alles über ihn, aber sie kannte das zerrüttete Verhältnis, in dem er groß geworden war. Mehr noch. Sie hatte ihm geholfen, dem zu entfliehen. Auf gewisse Art und Weise. Und jetzt? Jetzt setzte sie ihm die Pistole auf die Brust und zwang ihn … hierher?!
Cals Blick klärte sich, sodass er gerade noch rechtzeitig bemerkte, wie er ein großes offenes Tor durchfuhr. Entgegen seiner immer noch aufgeladenen Stimmung wechselte er den Fuß vom Gas- auf das Bremspedal und drückte es energisch zu Boden. Die sensiblen Mechanismen reagierten sofort und brachten den Wagen in kürzester Zeit neben einem riesigen weißen Holzhaus zum Stehen. Cal legte den Rückwärtsgang ein und parkte in nur einem Zug neben einem alten, klapprigen Toyota ein. Er stellte den Motor ab, wurde von der aufkommenden Stille eingehüllt und spürte in jeder Faser seines Körpers, dass er nicht hier sein wollte. Angestrengt atmete er dreimal tief durch, blinzelte und öffnete schließlich schwungvoll die Fahrertür seines Sportwagens. Es blieb ihm ja doch keine Wahl. Dank Aeryn. Einer Frau, von der er mehr erwartet hätte.
»Hey Hope. Schau mal her!«, rief Marlis, während sie beobachtete, wie ein Kerl mit tiefschwarzem Haar seinen großen, durchtrainierten Körper aus dem Sitz des ebenso pechschwarzen, alten Porsches stemmte. Nachdem er sich der Länge nach gestreckt und sich mit der Hand den Nacken massiert hatte, schlug er mit voller Wucht die Wagentür zu. Während er sich im strahlenden Sonnenschein zum Haus umdrehte und seinen kritischen Blick über die seitliche Fassade gleiten ließ, trat Hope endlich neben Marlis.
»Was ist?« Marlis’ Freundin und Chefin linste durch das Fenster ihres Büros und erinnerte sich. »Oh, ist das unser Tänzer aus Dublin?«
»Ich glaube, ja. Er sieht aus wie ein Kinderschreck«, stellte Marlis unumwunden fest und hob zweifelnd eine ihrer schmalen Brauen in die Höhe, wobei sie ihre kupferfarbenen Locken ordentlich auf einer Schulter drapierte.
Hope grinste. »Na ja, ›Kinderschreck‹ würde ich ihn jetzt nicht nennen …«
»Aber sieh dir mal seinen Blick an. Arrogant, verschlossen und mit Sicherheit der letzte Mensch auf Erden, der Kinder um sich haben will.«
Hope lief zurück zu ihrem Schreibtisch und zupfte ihren blonden Pferdeschwanz zurecht. Sie tippte auf ihrem offenen Laptop herum und las Marlis den Inhalt einer Mail vor.
»›Callum Donoghue wirkt manchmal etwas abgehoben, aber im Grunde seines Herzens ist er ein guter Kerl.‹«
»Sagt wer?«
Marlis beobachtete, wie der Typ in schwarzen Jeans, dunklem Shirt und ebenfalls schwarzer Lederjacke ums Haus lief und offenbar auf dem Weg zu ihnen war.
»Aeryn. Von der Academy.«
»Aeryn Fitzgerald?«, ging Marlis sicher.
Hope nickte, und Marlis drehte sich zu ihr um.
»Na, hoffentlich hat sie recht. Wenn dieser übel gelaunte Kerl unsere Kids verunsichert, bekommt er es mit mir zu tun.« Marlis seufzte und sah hilfesuchend zu ihrer Chefin. Erst vor acht Monaten hatte die zauberhafte Hope die Leitung von Safe Haven übernommen. Es war Zufall gewesen, und doch fühlte es sich an, als sollte es genauso kommen. Sie machte ihre Sache unheimlich gut. Obwohl sie ursprünglich Physiotherapeutin gelernt hatte, wusste sie genau, wie man diesen Ort zu führen hatte. Mit Bewunderung stellte Marlis immer wieder fest, dass sich Hope von nichts abschrecken ließ und selbst in den brenzligsten Situationen Ruhe bewahrte. Manchmal geriet sie allerdings auch auf Abwege, wenn sie mal wieder versuchte, wirklich alles richtig zu machen.
Bei dem Gedanken musste Marlis lächeln. Es dauerte eben eine Weile, bis man gewohnte Muster ablegte. Marlis erinnerte sich zurück an Hopes Anfangszeit in Ardwellheart. Sie hatte sich als Physiotherapeutin den wohl schwierigsten Patienten an der irischen Westküste ausgesucht. Angus O’Neill. Der alte Griesgram war leider nicht nur egozentrisch, sondern ebenso unfähig gewesen, einen Funken Liebe im Herzen zu tragen. Zudem hatte er es nicht annähernd geschafft, seinen beiden Kindern Dylan und Brittany auch nur den Anschein zu vermitteln, ihm würde etwas an ihnen liegen. Sein unausweichlicher Tod letzten Herbst hatte die Gemeinde ziemlich aufgewühlt. Inzwischen hatte sich die Aufregung allerdings längst wieder gelegt, und Angus’ Sohn Dylan hatte nicht nur mit seinem Vater abschließen, sondern endlich auch mit Hope sein Happy End finden können. Marlis’ langjähriger guter Freund war sogar Bürgermeister von Ardwellheart und lenkte nun das Geschehen im Ort auf seine ganz eigene Art.
Marlis grinste, wandte sich Richtung Bürotür und fragte: »Darf ich ihn nach Hause schicken, wenn er mir dumm kommt?«
Lachend schüttelte Hope den Kopf. »Dann fehlt uns jemand für den Tanzworkshop.«
Marlis zuckte leichtfertig mit den Schultern. »Ich könnte mit den Kids üben.«
»Du kannst nicht tanzen.«
»Kann ich wohl!« Marlis warf ihrer Freundin einen vorgeblich beleidigten Blick zu, doch die lachte nur.
»Das ist aber nicht das Gleiche.«
»Na, gut.« Marlis seufzte erneut und hörte unten auf der Treppe eine tiefe, ungeduldige Stimme rufen.
»Hallo? Ist hier jemand?«
Pures Selbstbewusstsein schwang in den wenigen Worten mit, sodass Marlis aus Versehen die Augen verdrehte und sich sogleich eine sanfte Schelte bei ihrer Chefin abholte.
»Gib ihm eine Chance«, zischte Hope schmunzelnd, während sie mit dem Kopf zur Treppe deutete. »Na los, lass ihn nicht ewig warten. Sonst überlegt er sich es vielleicht noch anders.«
»Wäre womöglich besser so.« Marlis schenkte Hope ein schelmisches Grinsen. »Ich meine, er fährt einen Porsche. Ein altes Modell, aber trotzdem. Was muss dieser Typ kompensieren?«
»Nicht frech werden!«, rief Hope und bemühte sich, die strenge Chefin zu spielen, statt die mehr als amüsierte Freundin, die sich kichernd hinter ihrem Laptop versteckte.
»Ehrlich. Nicht frech«, korrigierte Marlis sie und machte sich auf den Weg zur Treppe, um vom ersten Stock hinab ins Erdgeschoss zu gehen.
Sie selbst war ebenfalls erst seit letztem Herbst auf Safe Haven tätig und hätte nie gedacht, dass die Arbeit mit Kindern und werdenden Müttern sie so erfüllen könnte. Denn das war es, was sie an diesem Ort taten. Sie schenkten Waisenkindern und werdenden Müttern, die auf sich alleine gestellt waren, eine Auszeit vom hektischen Alltag in der Stadt.
Marlis war schon immer eine gute Seele gewesen, die sich gern um andere kümmerte und allen voran die Menschen um sich herum mit ihrer fortwährend guten Laune ansteckte. Doch hier, an diesem Fleckchen Erde, dem so viel herzergreifende Geschichte zugrunde lag, hatte sie das erste Mal in ihrem Leben das Gefühl, als wäre sie Teil von etwas wirklich Wichtigem.
Leichten Fußes lief sie in ihren grauen Sneakern die Stufen hinab und registrierte unwillkürlich ihren nervösen Magen, als ihre Augen den Kerl im Flur erblickten. Gelangweilt schaute er sich um und fuhr sich wieder und wieder durch die schwarzen Haare. Er hörte Marlis, sah auf und kam ihr ein paar Schritte entgegen.
»Bin ich hier richtig? Safe Haven?«
Marlis bemühte sich, unvoreingenommen auf den Mann, der nicht älter als sie sein dürfte, zuzugehen.
»Ja, absolut richtig.« Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. »Marlis McBride. Und du bist dann wohl Callum –«
»Cal«, fiel er ihr ins Wort und schenkte ihr einen festen, selbstbewussten Händedruck. »Niemand nennt mich Callum. Außer meiner Mutter.«
Großartig, dachte Marlis und kramte in ihrem unerschöpflichen Fundus an Optimismus, um dem düsteren Ausdruck in Cals Antlitz entgegenzutreten.
»Alles klar! Cal, also. Hattest du eine gute Reise?«
Er zögerte einen Moment, und Marlis bildete sich ein, ein wütendes Aufflammen in seinen auffällig blauen Augen zu erkennen.
»So gut es eben ging.«
Marlis versuchte ehrlich, ihm eine Chance zu geben. Aber je länger sie in das harte Gesicht schaute, das von den eindrucksvollen Augen, einer geraden Nase und schmalen Lippen geziert wurde und mit einem markanten Kinn endete, desto schwerer fiel es ihr.
Marlis liebte Safe Haven und wofür es stand. Nämlich für Geborgenheit, Sicherheit, Freiheit und einen Moment der Ruhe. Doch dieser Typ schien von allem das Gegenteil zu sein. Er wirkte aufgewühlt, getrieben und unruhig. Das dennoch Faszinierende an ihm war sein gelangweilter Ausdruck. Als würde er sich hinter einer Maske der Ignoranz verstecken.
Ihre Verwirrung darüber beiseiteschiebend, meinte Marlis in hoffnungsvollem Small Talk: »Es ist wirklich nett, dass die Academy dich an uns ausleiht.«
Cal unterdrückte ein sarkastisches Lachen und nickte mit hochgezogenen Brauen. »Ich soll euren Kids also Irish Dance beibringen?«
»Genau! Es ist ein freiwilliges Angebot, das heißt, die Kinder werden nicht gezwungen, an dem Workshop teilzunehmen.« Sie lächelte, als sie sich an das heutige Frühstück erinnerte. »Aber ich kann dir versprechen, dass die Vorfreude groß ist.«
»Wunderbar.« Er klang nicht im Mindesten begeistert. Sein Blick glitt durch den geräumigen, aber heimeligen Flur des Haupthauses. Ein grober Teppich fing den Schmutz ab, und an den Wänden waren mehrere Garderobenhaken angebracht, an denen zahlreiche Jacken in allerhand Größen hingen. Eine schmale Holzbank bot Platz beim Schuheanziehen, und in einem Korb fanden sich diverse Regencapes. Cal unterbrach seine oberflächliche Musterung und starrte an die Wand hinter Marlis. Ein Lächeln glitt über ihre Lippen, denn sie wusste nur zu gut, was dort geschrieben stand. Wie hypnotisiert betrachtete er den Satz, den einst die Mutter der Stiftungsgründerin Rachel Cole aufgeschrieben hatte.
Manchmal können Seelen nur heilen, wenn wir ihnen absolute Sicherheit schenken und sie einen Blick in Richtung unendlicher Freiheit wagen lassen.
Marlis beobachtete, wie Cal sekundenlang an ihr vorbeistarrte, bis er von einem Moment auf den anderen die Augen von dem Zitat an der Wand losriss und stattdessen sie von oben bis unten musterte. Sein Blick gefiel Marlis nicht. Er hatte so etwas Überhebliches. Sich an Hopes mahnenden Rat haltend, gab Marlis ihm dennoch eine weitere Chance.
»Wenn du Lust hast, zeige ich dir das Gelände. Oder möchtest du erst in deine Unterkunft und dich frischmachen?«
Marlis bemerkte, wie Cals Blick wieder zu ihrem Gesicht zurückkehrte und er die Augen leicht zusammenkniff. In seinen Zügen spiegelten sich Resignation, Wut und Enttäuschung. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein, denn eine Sekunde später setzte er wieder eine undurchdringliche Maske auf.
»Bringen wir es lieber hinter uns«, murmelte er und bemühte sich das erste Mal um ein Lächeln. »Marlis, nicht?«
Sie nickte argwöhnisch.
»Dann zeig mir mal, an welchem Ende der Welt ich gelandet bin.«
Blauer Himmel und Sonne satt. Dieser Apriltag könnte Safe Haven nicht in herrlicherer Atmosphäre präsentieren, dachte Marlis zufrieden und blinzelte zu dem Mann, der sie mit langen geschmeidigen Schritten über die grüne Wiese begleitete. Sie hatte sich entschieden, Cal erst das Außengelände zu zeigen und ihm im Anschluss daran das Innere des Haupthauses näherzubringen. Sie hoffte, der Anblick der Cliffs of Moher, der sagenhaften Steilklippen, an denen das Camp gebaut worden war, würde die schlechte Grundstimmung des Tänzers ein wenig heben. Das hatte bisher noch bei jedem funktioniert. Ausnahmslos.
Marlis führte Cal an dem großen Abenteuerspielplatz vorbei und wies auf ein Dutzend kleiner Holzhäuser.
»In den Hütten bringen wir vor allem werdende Mütter unter. So eine Schwangerschaft kann bisweilen ganz schön anstrengend sein, weshalb wir den Frauen einen Rückzugsort abseits der spielenden Kids geben wollen.« Sie zeigte auf eines der letzten Häuser. »Das haben wir für dich reserviert. Wir dachten, wenn du schon drei Wochen bei uns bist, bist du zwischendurch froh um ein wenig Privatsphäre.«
Cal musterte die weiß gestrichene Hütte und zog unbehaglich die Stirn in Falten. »Du meinst die da vorn, direkt am Klippenrand?«
»Genau.« Marlis strahlte ihn an. »Mit der besten Aussicht, die es in Safe Haven gibt.« Der frische Wind brachte ihre roten Locken durcheinander, sodass sie blinzeln musste.
Gleichzeitig schüttelte Cal den Kopf. »Habt ihr noch etwas anderes frei?«
»Wie bitte?«
»Ich werde ganz sicher nicht am Rand einer Klippe schlafen«, erklärte er eisern.
Belustigt grinste Marlis. »Du schläfst ja auch nicht direkt am –«
Cal blieb stehen und unterbrach sie ungeduldig. »Ich habe mich deutlich ausgedrückt.«
Marlis wurde es zu bunt. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schlug einen ernsten Ton an. »Was ist dein Problem? Jeder andere würde nicht mal mit der Wimper zucken, wenn man ihm die beste Hütte des Camps anbieten würde.«
»Sehr schön, dann tausche ich gern mit diesem Jemand.«
»Wieso –«
»Ich werde nicht in dieser Hütte übernachten. Punkt.«
»Du kannst nicht mit jemandem aus dem Hauptgebäude tauschen. Dort schläft das Fachpersonal. Die Pädagogen müssen bei den Kindern im Haus sein. Für den Fall, dass nachts etwas ist.« Sie musterte ihn provozierend. »Oder möchtest du diese Aufgabe übernehmen?«
Er zögerte einen Moment. »Was würde das genau bedeuten?«
Marlis verbarg ihre Überraschung hinter einer professionellen Miene. »Nun, Streitereien schlichten, Gutenachtgeschichten vorlesen, Monster unter Betten verjagen, Alpträumen den Schauer nehmen …« Sie zuckte betont lässig mit den Schultern. »Ganz gewöhnliche Dinge eben, wenn man mit knapp dreißig Kindern unter einem Dach schläft. Es ist nicht unüblich, dass man die halbe Nacht Händchen hält, statt selbst zu schlafen.«
Hinter Cals undurchdringlicher Fassade schienen die Gedanken hin und her zu schnellen. Immer wieder sah er zu der Hütte hinüber, nicht aber ein einziges Mal darüber hinaus zu den Klippen. Allmählich fand Marlis sein Verhalten höchst eigenartig.
»Also?«, hakte sie nach. »Ich nehme an, es bleibt dann doch bei der Hütte?«
Cal schien sie gar nicht richtig zu hören. Sein zeitlich verzögertes Nicken hätte Marlis ebenfalls beinahe übersehen, wenn sie ihn nicht so aufmerksam beobachtet hätte. Er fuhr sich mit der rechten Hand unter die offene Lederjacke und legte sie auf den linken Teil seiner Rippen. Dort verweilte sie eine Zeit lang, bis er sich endlich dazu herabließ, Marlis zu antworten.
»Von mir aus.« Er ließ die drei Worte betont gleichgültig klingen, aber er konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihm dieses Szenario so gar nicht in den Kram passte.
»Schön.« Marlis unterdrückte ein Seufzen. Wie konnte man das beste Bett im ganzen Camp verschmähen? Es war ihr ein Rätsel. Doch statt dem nachzugehen, wie es ihre neugierige Art für gewöhnlich von ihr verlangte, setzte sie sich in Bewegung, um Cal ihren Lieblingsplatz zu zeigen. Eine der vielen Bänke, die man auf dem Gelände des Camps verteilt hatte, damit man sich jederzeit ein paar Minuten Ruhe gönnen und das wundervolle Panorama des tosenden Atlantiks genießen konnte. Nach ein paar Schritten bemerkte sie jedoch, dass der Tänzer aus Dublin ihr nicht folgte. Irritiert drehte sie sich zu ihm um. Er stand immer noch dort, wo sie eben über seinen Schlafplatz diskutiert hatten.
»Kommst du?«
Cal zog die Hand unter seiner Lederjacke hervor und griff sich mit den Fingerspitzen an eines seiner Ohrläppchen. Marlis’ Blick ausweichend deutete er mit dem Kopf zurück zum Hauptgebäude.
»Ich glaube, ich würde mir jetzt lieber das Haus anschauen. Habt ihr einen passenden Raum, wo ich mit den Kids trainieren kann?«
Marlis hörte, wie die Wellen unterhalb der nicht weit entfernten Steilklippen brandeten, atmete die aufkommende Brise tief in ihre Lungen und entließ die herrliche Luft wieder aus ihrem Körper. Argwöhnisch ging sie zurück zu Cal.
»Hast du etwas gegen frische Luft?«
Er zuckte mit den Schultern und wandte sich bereits von den Klippen ab, die nur noch gut dreißig Schritte entfernt waren. »Nein, ich verschwende nur nicht gern meine Zeit.«
»Du verschwendest nicht gern …« Marlis blieb der Satz im Hals stecken, und sie schüttelte entgeistert den Kopf. Ihr Blick wanderte indes zurück zu den Klippen. Sie waren an dieser Stelle etwa hundertachtzig Meter hoch. Die saftig grünen Wiesen endeten direkt am Vorsprung und ließen eine Handvoll lila Tupfen im Wind hin und her schwanken. Jetzt im Frühling streckten die ersten Nelken, Kleeblüten sowie frühzeitige Margeriten ihre zarten Köpfe zwischen den Grashalmen empor und wetteiferten um Aufmerksamkeit. Möwen bauten sich Nistplätze an den Klippenvorsprüngen, und wann immer man genau hinhörte, konnte man ihr verräterisches Kreischen im Wind vernehmen. Dieser Ort war magisch. Und dieser Typ – Marlis’ Blick glitt wieder zu Cal –, der bereits losgelaufen war, wollte seine Zeit nicht damit verschwenden?!
Marlis fragte sich ernsthaft, was mit dem Mann nicht stimmte. Hatte sie vorhin noch gedacht, sie würde ihn mit diesem Ausblick aus der sturen Reserve locken können, so hatte sie sich wohl getäuscht. Und das kam nicht oft vor. Marlis besaß eine hervorragende Menschenkenntnis. Aber bei Cal biss sie offensichtlich auf Granit. Sie zupfte sich ihre dunkelgrüne Übergangsjacke zurecht und stapfte Cal hinterher. Das konnte ja was werden.
Wenige Minuten später betrat Marlis, die inzwischen aufgeholt hatte, zusammen mit dem schlecht gelaunten Neuankömmling das Haupthaus von Safe Haven. Sie wollte ihm gerade etwas über die Entstehung des Camps erzählen und ihm die verschiedenen Räumlichkeiten zeigen, als Hope fröhlich die Treppe herunterkam.
Erleichtert riss Marlis den unerwarteten, wenn auch eher mentalen Rettungsring in Form ihrer Freundin an sich. »Hope! Gut, dass du da bist!«
Hope schmunzelte und nickte Cal freundlich zu. »Hi, ich bin Hope.«
»Cal«, erwiderte er und ergriff ihre angebotene Hand.
»Schön, dass du hier bist! Hat Marlis dir schon alles gezeigt?«
»Er verschmäht die Klippen«, warf Marlis halb amüsiert, halb beleidigt ein.
»Ich wusste nicht, dass die Begeisterung für irgendwelche Felsformationen ein Einstellungskriterium ist, um hier im Camp anzuheuern.« Cal drehte ihr das Gesicht zu, und wenn sie sich nicht täuschte, machte er sich doch tatsächlich über sie lustig.
Marlis rümpfte die Nase und blitzte ihn frech an. »Hat man dir das etwa nicht gesagt, als du dich freiwillig für den Job gemeldet hast?«
Sofort wurde sein Blick um eine Nuance dunkler. »Von ›freiwillig‹ kann hier nicht die Rede sein …«, murmelte er und richtete sich mit dem nächsten Atemzug nachdenklich an Hope. »Hope … Dann dürftest du wohl die Chefin von dem Laden sein, wenn Aeryn mich richtig informiert hat?«
»Ganz richtig«, mischte Marlis sich erneut ein und handelte sich einen neugierigen Blick von Hope ein.
Die erklärte gleich darauf an Cal gewandt: »Genau, ich leite das Camp. Aber wir sehen die Hierarchien hier nicht so eng. Wenn es also irgendetwas gibt, das dich stört oder wo du einen Verbesserungsvorschlag hast, immer her damit.«
Zunächst kommentarlos schaute Cal zu Marlis und setzte doch wahrhaftig ein spöttisches Lächeln auf. Dann hörte sie ihn sagen: »Ich werd’s mir merken.«
»Seine Unterkunft passt ihm übrigens nicht«, rutschte Marlis raus. Gleichzeitig unterdrückte sie ein genervtes Stöhnen. Was war denn los mit ihr? Sie benahm sich wie eine Petze in der fünften Klasse! Das war doch überhaupt nicht ihr Stil.
Cal sah ebenfalls irritiert drein. »Ich habe doch gesagt, es ist okay.«
»Ja, aber …«
Sein Ausdruck wechselte zwischen Belustigung, Langeweile und Gereiztheit binnen einer Minute ein gutes Dutzend Mal hin und her. »Wenn ich etwas sage, meine ich es auch so.« Er sah entschuldigend zu Hope. »Mit der Hütte geht alles klar. Vielen Dank dafür.«
Cal wirkte nicht glücklich, aber schien es durchzuziehen.
Hope nickte und warf Marlis einen fragenden Blick zu. Zu Recht. Sie benahm sich absolut daneben.
Schließlich schaute Hope auf die Uhr ihres Smartphones. »Ich habe jetzt leider einen wichtigen Termin. Kommt ihr klar, oder soll ich Charlie fragen, ob –«
»Nein, alles super!«, rief Marlis sofort und klang schon wieder wie eine streberhafte Schülerin. Herrje! Sie riss sich zusammen und erklärte: »Cal und ich bekommen das schon hin. Ich meine, woran könnte er sich hier noch stören?«
Cal schloss einen Moment die Augen, und Marlis spürte, wie er den Glauben an sie verlor. Super. Ganz toll. Aber sie mochte ihn ja auch nicht. Was machte das also für einen Unterschied?
»Cal«, meinte Hope freundlich, »dürfte ich dir Marlis kurz entführen? Ich muss sie da noch etwas wegen meinem Meeting fragen …«
»Selbstverständlich.« Er sah sich um. »Ich warte einfach …«
»… in der Bibliothek«, schlug Hope vor und lächelte eine Spur zu fröhlich, während sie auf die große Tür in Cals Rücken deutete.
»Sicher.« Cal nickte Hope zu und verschwand in dem gemütlichen Lesesaal. Er schloss gut erzogen die Tür hinter sich, und Marlis atmete angestrengt aus, so als hätte sie eine ganze Weile die Luft angehalten.
Hope kam zwei Schritte auf sie zu und bedachte sie mit diesem strengen Ausdruck, den Marlis gar nicht gern auf sich spürte. Aber sie wusste, dass sie ihn verdient hatte.
»Was ist los mit dir?«, fragte Hope leise, aber energisch.
Hilflos zuckte Marlis mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich mag ihn irgendwie nicht.«
»Seit wann kannst du jemanden nicht leiden? Du magst jeden!«
»Ihn zur Abwechslung nicht«, verteidigte sie sich wenig elegant. »Er ist so … komisch.« Das war nicht ganz der richtige Begriff, aber einen anderen fand Marlis auf die Schnelle nicht.
Hope schüttelte irritiert den Kopf. »Okay, kannst du jetzt da reingehen, auf Reset drücken und es einfach nochmal von vorn mit ihm versuchen?«
Marlis presste die Lippen zusammen.
»Er mag die Klippen nicht, Hope«, wiederholte sie, als wäre es eine völlig neue Erkenntnis, die sie ihrer Freundin mitteilte.
Doch die zuckte mit den Schultern. »Und?«
»Wie kann man denn die Klippen nicht mögen?! Das ist in etwa so, als würde ich dir Schokoladenkuchen anbieten, und du beschwerst dich über die extra dicke Glasur obendrauf!«
»Manche mögen es eben nicht so süß«, erwiderte Hope mit einem Lachen.
»Okay, lass es mich anders erklären. Die Klippen nicht mal aus dem Augenwinkel anzuschauen, ist so, als würdest du nach Dublin fahren und dich weigern, auch nur an einem Pub vorbeizugehen. Ein Ding der Unmöglichkeit!«
»Du übertreibst, Marlis.«
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schaute trotzig zu ihrer Freundin, die einen versöhnlichen Ton anschlug.
»Muss ich dich daran erinnern, dass du die größte Verfechterin unter uns bist, wenn es darum geht, dass der erste Eindruck nie der ausschlaggebende sein darf?«
Marlis wehrte sich gegen das Schmunzeln, das sich in ihre Mundwinkel setzen wollte. »Es gibt Ausnahmen.«
»Weil er einen Porsche fährt?«
»Auch, aber nicht nur. Vor allem, weil er die Klippen nicht mag.«
»Wow, das beschäftigt dich wirklich!«, rief Hope nun ungeachtet dessen, dass Cal sich hinter der nächsten Tür befand.
»Natürlich! Das ist meine Heimat, und er mag sie offensichtlich nicht. Damit mag er mich auch nicht.«
»Dann könnt ihr beide ja in den nächsten drei Wochen daran arbeiten, diese gegenseitige – nebenbei bemerkt völlig abwegige – Abneigung zu überwinden.« Hope drückte Marlis eilig an sich. »Ich muss jetzt los. Versprich mir, dass du dich bemühst und Cal eine Chance gibst.«
»Versprochen«, lenkte Marlis ein und grinste frech. »Ich werde ihm schon zeigen, warum dieser Ort der absolut schönste auf der ganzen Welt ist.«
Hope lachte. »Warum macht mir das Angst, wenn du das sagst?«
Marlis fuhr sich durch die durcheinandergebrachten Locken, zog ihre Jacke aus, hängte sie an die breite Garderobe und stemmte die Hände in die Taille. »Weil du weißt, was passiert, wenn ich jemanden von etwas überzeugen will.«
Hope nickte und verdrehte die Augen. »Der Arme. Ich weiß genau, was ihm bevorsteht.«
Als Hope damals frisch nach Ardwellheart gekommen war und zunächst nur für wenige Wochen wegen ihres Jobs bei dem alten O’Neill hatte bleiben wollen, hatte Marlis sich ihrer ungefragt angenommen. Tagtäglich hatte sie Hope letzten Sommer in den überschaubaren Ort mit all den bunten Häuschen geschleppt und ihr nicht nur die verborgenen Ecken gezeigt, sondern sie auch mit allerhand Leuten bekannt gemacht. Am Ende hatte Hope nicht den Hauch einer Chance gehabt, sich diesem magischen Fleckchen Erde zu entziehen. Vermutlich hatte auch Dylan seinen Anteil daran, aber Marlis war sich sicher: Wenn es darum ging, jemandem Ardwellheart und die eindrucksvollen Klippen ins Herz zu meißeln, dann war sie die unangefochtene Nummer eins, die das Unmögliche möglich machte.
Während Hope sich mit schnellen Schritten hinaus in die Sonne verabschiedete, blieb Marlis zurück und schaute zu dem Zitat an der Wand.
›Manchmal können Seelen nur heilen, wenn wir ihnen absolute Sicherheit schenken und sie einen Blick in Richtung unendlicher Freiheit wagen lassen.‹
Es stammte von Margaret O’Neill, Dylans Tante und Mutter von Rachel, die wiederum diese Stiftung gegründet hatte. Vielleicht sollte Marlis sich diesen Satz zu Herzen nehmen und Cal mehr wie eines der Kinder behandeln, die hier Schutz suchten. Nicht, dass er so wirkte, als würde er auch nur im Ansatz jemanden brauchen, der ihm Geborgenheit schenkte, aber womöglich würde es Marlis helfen, ihre unerwartet trotzige Art ihm gegenüber abzulegen. Marlis atmete ein letztes Mal tief durch und dachte an das Strahlen der Kids, als sie ihnen heute Morgen verraten hatte, wer im Laufe des Tages ankommen und fortan mit ihnen arbeiten würde. Allein die Ankündigung hatte sie von den Stühlen gerissen und unbeholfen auf der Stelle hüpfen lassen – mit einem herrlichen Grinsen im Gesicht. Marlis’ Herz ging bei der Erinnerung auf, und sie bewahrte sich dieses Gefühl. Denn das war es, was Cal auslösen sollte. Unbändige Freude und Ausgelassenheit. Er war hier, um zu tanzen. Also würde Marlis ihm auch eine Chance gewähren. So schwer konnte das doch nicht sein.
Marlis lockerte ihre Schultern und begab sich zur Tür der Bibliothek. Just als sie sie öffnen wollte, wurde sie bereits aufgerissen, und ein kleiner Junge fuhr erschrocken zusammen.
»Marlis!«
»Quinn!«
Lachend fiel ihr der Zehnjährige um die Taille, dann löste er sich aufgeregt von Marlis und zog sie in den großen Raum voller Bücher hinein. »Sieh mal, wer da ist! Das ist Cal! Unser Tanzlehrer von der Academy! DerAcademy, Marlis!«
Zappelnd lotste er Marlis in Richtung einer Gruppe Kinder, die sich um Cal scharte und ihn mit Fragen löcherte. Aufmerksam verfolgte Marlis, wie der Star des Tages sie ignorierte und sich nur auf die Mädchen und Jungen zwischen sechs und vierzehn Jahren konzentrierte. Allen war eines gemein. Sie strotzten nur so vor Begeisterung.
»Ich zieh nur schnell meine Sporthose an. Cal hat gesagt, er zeigt uns jetzt gleich etwas, wenn wir wollen«, rief Quinn und sauste bereits davon.
Marlis hingegen blieb zwei Meter von dem Tumult entfernt stehen und ließ die Szene auf sich wirken. Es passte zu dem, was sie sich vor der Tür vorgenommen hatte. Sie würde sich auf das Gefühl fokussieren, das Cal in den Kindern auslöste. Der Rest rund um seine Person war zweitrangig. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Na ja, zumindest so lange, bis sie ihn davon überzeugt hatte, wie atemberaubend schön es hier nun mal war. Irrtum ausgeschlossen.
Minutenlang verharrte Marlis auf ihrer Position, bis der aufgedrehte Quinn wieder an ihr vorbeischoss. Diesmal mit einer halblangen Sporthose um die dünnen Beine.
»Cal! Fangen wir an? Jetzt gleich?«
Erstmals seit ihrem Dazustoßen schaute Cal auf und zu Marlis hin. Fragend, wenn sie sich nicht irrte. Sie nickte kaum merklich. Gleich darauf wandte der gut gebaute Tänzer sich an Quinn und die anderen Kinder, von denen die meisten in freudiger Erwartung auf seine Ankunft schon den ganzen Tag in Leggins und Sporthosen herumliefen.
»Wo schlagen wir unser Trainingscamp auf?«, bezog er die Kids nachdenklich mit ein und ließ seine blauen Augen aufleuchten. Um seine Lippen wurde der starre Zug weicher, und selbst seine Wangen bekamen etwas mehr Farbe als noch vorhin draußen auf dem Gelände des Camps.
Hilfreich und in versöhnlichem Ton deutete Marlis auf die andere Seite des Flurs. »Dort drüben ist unser Bewegungsraum. Der sollte für ein paar Tanzschritte ausreichen.«
»Ich zeig ihn dir!«, rief Quinn, begleitet von den Jubelrufen der anderen. Gemeinsam hüpfte der junge Pulk von gut fünfundzwanzig Kindern lachend an Marlis vorbei. Cal folgte ihnen gemächlich, während die restlichen fünf Kids entschieden, weiterhin in der Bibliothek zu schmökern. Als Cal an Marlis vorbeikam, blieb er einen Moment lang stehen.
»Na, Standpauke vom Boss kassiert?«
Marlis lag ein feuriger Kommentar auf den Lippen, doch sie milderte ihn gerade noch rechtzeitig ab. »Nein, eher Überlebensstrategien an die Hand bekommen.«
Nun wahrhaftig amüsiert blitzte Cal sie an. »Wofür?«
»Für überambitionierte Tanzstunden.«
Überrascht hob Cal seine Brauen. »Du willst mitmachen?«
Wollte sie? Bis eben eigentlich nicht. Aber schaden konnte es auch nicht, oder? Sie grinste geheimnisvoll, machte auf dem Absatz kehrt, um den Kids zu folgen, und rief: »Ich muss schließlich wissen, ob du als Lehrer überhaupt taugst. Wer weiß, wen die Academy uns da geschickt hat.«
Ein eigenartiges Gefühl beschlich Cal, während er aus der Hocke beobachtete, wie sich die fünfundzwanzig Kinder in dem verspiegelten Bewegungsraum von Safe Haven zusammenfanden. Eifrig stellten sie sich in drei Reihen hintereinander auf und schauten wissbegierig zu ihm nach vorn. Er hatte eben noch kurz seine Soft-Shoes aus dem Wagen geholt, mit denen er für gewöhnlich trainierte. Er hatte keine Lust auf dieses Camp, das Aeryn ihm aufgezwungen hatte. Gleichzeitig berührte der frische Enthusiasmus der Kids etwas in ihm. Wäre er ein melancholischer Typ, würde er sich an seine erste Tanzstunde zurückerinnern. Damals, mit sechs Jahren. Die Zeit, bevor das Tanzen zu seinem einzigen Ausweg geworden war. Dem Ausweg aus …
Cal erhob sich rasch, um seine Gedanken zu unterbrechen. Er hasste es, an damals zurückzudenken. Während er sich zu seinen vollen ein Meter fünfundachtzig aufrichtete, traf sein Blick auf die Frau mit den kupferroten Locken, die sich betont unauffällig zu den größeren Kindern in der letzten Reihe gestellt hatte. Er verfolgte, wie Marlis mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen ihre grünen Augen über die aufgeregte Meute schweifen ließ, bis sie schließlich Cal begegneten. Ohne ein Wort zu sagen, funkelte sie ihn herausfordernd an.
Wenngleich er versuchte, nicht viel drauf zu geben, so verwirrte ihn diese Frau. Äußerlich wirkte sie wie das nette Mädchen von nebenan, das allem und jedem gewogen war. Doch sobald sie den Mund in seiner Nähe aufmachte, erwartete ihn nur Empörung und Unverständnis. Sie hatte etwas gegen ihn.
Ihr ein spöttisches Lächeln schenkend, das sie mit einem Augenrollen quittierte, wandte Cal den Blick von ihr ab. Wäre sie nicht so schlecht auf ihn zu sprechen, würde sie durchaus sein Interesse wecken. Er mochte die roten Locken, die im auffälligen Einklang zu den strahlenden grünen Augen standen. Erste Sommersprossen auf ihrer hellen Haut kündigten die warme Jahreszeit an, und ihre schlanke Figur könnte vermutlich jeden noch so enthaltsamen Mann um den Verstand bringen. Besonders in diesem weißen Pulli, der sich flatternd um die enganliegende schwarze Leggins wand und bis zur Mitte ihrer Oberschenkel reichte. Das Teil verhüllte eigentlich alles und gab doch so viel preis.
Was für ein Blödsinn! Cal rief sich innerlich zur Ordnung und zog die Stirn entnervt in Falten. Er war nicht hier, um sich in den nächsten Schlamassel zu stürzen. Er würde aus der unfreiwilligen Wiedergutmachung nicht den Grund für seinen finalen Rausschmiss aus der Kompanie basteln. Zu deutlich klangen Aeryns Worte in seinen Ohren wider.
›Konzentrier dich auf das, was wirklich wichtig ist, und überlass es zur Abwechslung anderen, sich nach hübschen Frauen umzudrehen. Bei dir scheint es damit in letzter Zeit ja nur Ärger zu geben.‹
Aeryn hatte dummerweise recht. Allein der Gedanke an den Grund für diese Zwangspause schürte die unterdrückte Wut in Cal. Er war gut damit beraten, das im Hinterkopf zu behalten, damit er sich auf das Wesentliche konzentrierte. Das Tanzen. Und seine Karriere. Also würde Cal sich Aeryns Rat trotz seines Unmuts ihr gegenüber zu Herzen nehmen und sich auf seine Aufgabe hier fokussieren. Wie gut, dass Marlis ihn sowieso nicht ausstehen konnte. Dann kam er gar nicht erst in Versuchung, sich von ihren grünen Augen ablenken zu lassen.
Ohne sie weiter zu beachten, richtete er sich an die aufgedrehten Kinder. Er klatschte zweimal in die Hände, damit auch die letzten wuseligen Gespräche eingestellt wurden.
»Wer von euch hat schon mal was mit Irish Dance zu tun gehabt? Vielleicht eine Probestunde in einer Tanzschule?«
Nur zwei Arme hoben sich. Die anderen blickten verunsichert drein, sodass Cal eilig erklärte: »Das macht nichts. Wir fangen ganz einfach an.« Er schaute zu einigen Mädchen, die sich schüchtern in der zweiten Reihe herumdrückten. »Wenn ihr Fragen habt oder etwas zu schnell war, ruft einfach: ›Cal! Ich check’s nicht!‹« Er lächelte ihnen zu. »Dann weiß ich Bescheid, und wir gehen die Schritte nochmal durch. So lange, bis es alle kapiert haben.«
Einvernehmliches Nicken.
»Okay, legen wir los.« Er tippte auf sein Smartphone, das er zuvor mit den Lautsprechern verbunden hatte, und sofort erklang eine der typischen irischen Melodien, zu denen er einst die ersten Schritte gelernt hatte. Erinnerungen versuchten sich aus seinem Gedächtnis hinaus in sein Herz zu mogeln, doch er schob dem einen Riegel vor und richtete seine gesamte Aufmerksamkeit auf die Kinder hinter sich.
In den nächsten Stunden nahm er sich viel Zeit, um die wissbegierigen jungen Leute Schritt für Schritt an die Grundausbildung eines Tänzers heranzuführen. Nicht, dass das bei so kurzer Gelegenheit machbar wäre, aber irgendwo musste man ja anfangen. Zügig kristallisierte sich heraus, wer sich mit dem Takt und der Abfolge leichttat und wer bereits am ersten Fußwechsel zu scheitern drohte. Als bei jenen Kids der Frust zu brodeln begann, ging Cal mit ihnen wieder und wieder dieselbe Kombination durch. So lange, bis sie dem Ziel näherkamen.
Kurz bevor Marlis sich wegen des anstehenden Abendessens zu Wort meldete, schaffte der zehnjährige Quinn es endlich, die erste Abfolge im richtigen Takt und ohne Fehler zu absolvieren.
»Cal! Cal! Hast du das gesehen? Das war richtig, oder? Ich habe nichts falsch gemacht! Stimmt’s? Meine Füße haben alles so gemacht, wie ich es wollte!«
Lächelnd stimmte Cal dem Jungen zu und spürte im nächsten Moment bereits, wie der kleine Kerl auf ihn zustürmte und ihn umarmte. Gleich darauf riss er sich los und sauste zu Marlis, die sich gerade von einer Vierzehnjährigen Nachhilfe geben ließ. Sie wirkte ein wenig unbeholfen, aber schien ihr Scheitern eher mit einem Lachen zu quittieren als mit Frust. Jetzt jedoch schlang Quinn die Arme um ihre Taille und berichtete freudestrahlend von seinem Erfolgserlebnis.
Stolz strubbelte Marlis dem Jungen durch die hellbraunen Haare. »Super, Quinn! Dann bist du ja jetzt bestens für die nächste Stunde gerüstet.«
»Oh ja, ich tanze euch alle gegen die Wand!«, rief das Kerlchen, und Cal musste sich zurückhalten, seinem Enthusiasmus keinen Dämpfer zu verpassen. Cal tanzte schon seit mehr als zwanzig Jahren. Er hatte ein Auge für jene, die es schaffen würden, und jene, die sich abmühten und es doch nicht weit brachten. Ohne hart sein zu wollen, speicherte er Quinn eher in letzterer Kategorie ab.
In diesem Moment wandte sich der Zehnjährige an Cal und rief quer durch den Raum: »Wann machen wir morgen weiter?«
Nein, dachte Cal, er würde die Freude des Jungen lieber nicht zerstören. Also hob er fragend die Brauen in Marlis’ Richtung. Er hatte keinen Schimmer, wie sie sich den Stundenplan vorgestellt hatten. Etwas, worüber er vielleicht mit ihr oder Hope hätte sprechen sollen, als er auf Safe Haven angekommen war. Sich ins Tanzen zu stürzen, fiel ihm wesentlich leichter als die Aussicht, tatsächlich die nächsten drei Wochen hier sein zu müssen. Eine genaue Stundenplanung hätte ihm das nur noch deutlicher vor Augen geführt.
Marlis half ihm aus seiner Ahnungslosigkeit.
»Ihr könnt morgen nach dem Frühstück zwischen Tanzen und einer Runde Basteln wählen«, erklärte sie mit Blick auf Quinn.
Ein anderes Mädchen, Katie, meldete sich daraufhin zu Wort: »Machen wir das eigentlich einfach nur so, oder führen wir am Ende auch etwas auf?«
Sofort stellten sich die leisen Gespräche und letzten Hüpfer ein, und zwei Dutzend Augenpaare richteten sich auf Cal. Er hatte sich, um ehrlich zu sein, noch gar keine Gedanken gemacht. Weder über den Aufbau des Workshops, noch, wie zielführend das Ganze überhaupt sein würde. Wieder warf er deshalb einen Blick auf Marlis, die ihm diesmal allerdings kaum eine Hilfe sein würde. Ihrem Gesichtsausdruck zufolge erwartete sie die Antwort ganz klar von ihm.
Puh. Okay. Also, ja, warum eigentlich nicht? Cal rechnete seine Anwesenheit auf Safe Haven durch, überschlug den Aufwand und zuckte mit den Schultern.
»Ihr wollt eine richtige Aufführung?«, ging er sicher.
Allgemeines Nicken und vereinzelte »Jaa!«-Rufe.
Wieder überlegte Cal. Er würde sich eine Choreographie ausdenken müssen. Inklusive passender Musik und Geschichte. Ein Job, den er bisher nur selten übernommen hatte. Aber je mehr er darüber nachdachte, desto sinnvoller erschien ihm die Idee. Die Kids sollten schließlich etwas haben, worauf sie hinarbeiten konnten. Jeder brauchte ein Ziel im Leben. Und wenn es nur ein Zwischenstopp auf einer längeren Reise war. Eine Show am Ende des Workshops könnte deshalb genau das Richtige für die Kinder sein.
»In Ordnung. Ich denke mir etwas aus, okay?«
Er hatte noch gar nicht zu Ende gesprochen, da riss die Mehrheit der Kinder die Hände in die Höhe, sprang auf und ab und drehte sich im Kreis, während sie ihrer Freude freien Lauf ließen. Ein Lächeln schlich sich unwillkürlich auf Cals Lippen. Er würde eine Nachtschicht einlegen müssen, um morgen bereits mit der Choreographie anfangen zu können. Wenn, dann würden sie es richtig machen. Sie hatten nur drei Wochen, bis er wieder abreisen würde. Und keines der Kinder war ein Profi, also würde viel Arbeit auf ihn warten. Doch je länger er die Kids betrachtete, desto stärker fühlte er sich bereit für diese Herausforderung. Womöglich würde ihm das sogar helfen, die Zeit mit etwas Sinn zu füllen.
Marlis klatschte schließlich in die Hände und brachte die aufgeregte Meute wieder unter Kontrolle. Sie deutete mit dem Kopf hinaus in den Flur.
»Riecht ihr das? Das ist das Abendessen! Na, los! Alle einmal Hände waschen und dann ab ins Esszimmer.«
Einige der Zwerge versuchten sich in Irish-Dance-Schritten, während sie sich auf den Weg hinaus machten. Andere kamen hastig zu Cal, gaben ihm ein High-Five und verkrümelten sich dann ebenfalls eilig. Zwei Minuten später stand Cal allein im Raum, nur Marlis lehnte noch an der Sprossenwand direkt neben der Tür. Sie musterte ihn mit einem prüfenden Blick.
Cal ließ seine Schultern kreisen, so wie nach jedem Training, und murmelte betont beiläufig in Marlis’ Richtung: »Was ist?«
»Du willst also in drei Wochen eine Show mit den Kindern auf die Beine stellen?«
»Ja, warum nicht?«
Marlis stieß sich von der Wand ab und kam langsam auf Cal zu. Streng betrachtete sie ihn und zwang ihn damit, ihrem Blick standzuhalten.
»Übertreib es nicht.«
»Was meinst du?« Cals Ton glich einer Mischung aus Defensive und Trotz.
»Die Kids sind nicht hier, um gedrillt zu werden.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
»Das ist mir klar.«
»Sicher?«
»Was willst du mir sagen, Marlis?«, fragte Cal ungeduldig.
»Dass du aus den Kindern keine Profis machen kannst, nur weil du einer bist. Lass ihnen den Spaß an der Sache.«
»Tanzen ist Spaß«, hielt Cal ihr entgegen und wurde sich beinahe erleichtert seiner aufkeimenden Abneigung ihr gegenüber bewusst. Sie war attraktiv, aber am Ende doch nur wie eine nervige, kleine, besserwisserische Schwester, die einem mit Absicht das Leben schwer machen wollte. Einfach nur, weil sie es konnte.
»Schön, dann sind wir uns ja hoffentlich einig.« Marlis nickte, unterzog ihn einem weiteren prüfenden Blick und setzte endlich ein versöhnliches Lächeln auf. »Hunger?«
Cal hatte kein Interesse daran, länger als nötig mit dieser Frau zusammen zu sein, also erwiderte er: »Ich denke, ich nutze die Zeit, um mein Cottage zu beziehen.«
Dass er keinerlei Sehnsucht nach der Hütte am Rand der Klippen verspürte, ließ er lieber unerwähnt. Er würde sich bloß die nächste Standpauke von Marlis abholen müssen. So viel wusste er nach diesem Nachmittag über sie.
Besagte junge Frau lachte plötzlich auf. Sie schüttelte den Kopf, drehte sich um und rief beim Hinausgehen amüsiert: »Das war keine Frage, Cal. Es gibt Abendessen. Jetzt.«
Cal machte den Mund auf und wollte Marlis etwas entgegensetzen, doch in diesem Moment sah sie über die Schulter zu ihm und grinste.
»Na, komm schon. Oder ist dir das Dinner in einem Haus wie Safe Haven nicht gut genug?«
Seine Einzugspläne nach hinten schiebend, starrte Cal ihr nach. Herrje, sie musste ihn aber auch mit jeder einzelnen Bemerkung provozieren. Womit hatte er das verdient? War der Aufenthalt in Safe Haven nicht schon Strafe genug?
Ein Seufzen später war er mit wenigen langen Schritten widerstrebend neben Marlis.
»Nur, dass du es weißt. Ich nehme keine Beschwerden in Bezug auf das Essen an. Auf unsere Köchin lasse ich nichts kommen.« Sie warf Cal einen belehrenden Seitenblick zu. »Wenn dir das nicht passt, kannst du gerne jeden Abend nach Ardwellheart oder Galway fahren, um dich dort verköstigen zu lassen.« Sie machte eine kurze Pause. »So wie du mit deinem Porsche durch die Gegend rast, solltest du die Strecke ja in weniger als einer Stunde zurücklegen.« Ihr Ton klang ebenso neckend wie anklagend. Eine Mischung, aus der Cal nicht so recht schlau wurde.
Marlis bog in den Gang, der seitlich der Bibliothek entlangführte. Die beigen Wände und der gleichfarbige Teppich verliehen dem Flur etwas Urgemütliches. Die wohldurchdacht an der Wand platzierten Lichter unterstrichen den Eindruck eines gewöhnlichen Hauses, das jeden willkommen hieß. Je weiter Cal und Marlis gingen, desto deutlicher vernahm er das Klappern von Geschirr.
Um die Sache jedoch noch richtigzustellen, murmelte er: »Ich rase nicht. Ich komme nur gerne zügig voran.«
»Nein, du rast.«
»Tue ich nicht«, erwiderte Cal eine Spur zu ärgerlich und handelte sich sogleich einen belehrenden Blick von Marlis ein. Hatte er sie vorhin noch attraktiv gefunden, so war er jetzt nur umso mehr von ihrer Art genervt.
»Du –«, begann sie, doch er schnitt ihr rüde das Wort ab.
»Ich bin hier. So wie alle Welt es von mir erwartet. Wenn ich nicht gleich wieder abreisen soll, hör auf, an mir rumzumeckern.« Er blieb stehen und stierte sie aufgebracht an. »Ich meine es ernst. Ich bin nur hier, weil man mich dazu zwingt.«
Marlis, die sich von seiner harschen Polterei offensichtlich nicht einschüchtern ließ, stemmte die Hände in die Taille. Alle Sympathie, die sie während der Tanzstunde womöglich für ihn empfunden haben mochte, verpuffte in dieser Sekunde. Cal war sich ziemlich sicher, die entsprechenden kleinen Dampfwolken hinter ihren Ohren aufsteigen zu sehen. Ihre grünen Augen kompromisslos auf Cal gerichtet, bekundete sie in ebenso unausweichlichem Ton: »Es ist mir ziemlich egal, ob du freiwillig hier bist oder nicht. Für mich zählt, was du mit den Kids machst und welches Gefühl du ihnen vermittelst. Wir brauchen niemanden, auf den man sich nicht verlassen kann oder der Freude an der Sache in puren Druck verwandelt. Sie …«, sie deutete mit dem Finger auf die Kinder, die sich eifrig über das Dinner hermachten, »haben mehr verdient als einen egozentrischen Typen aus der Stadt, der sich in seinem Porsche über Regeln hinwegsetzt, wie es ihm gerade beliebt.«
Für einen Moment verstummend, suchte Cal nach einer Erwiderung. Doch ihm blieb nicht viel mehr als ein stählernes: »Woher willst du wissen, dass ich so einer bin?« Er schüttelte den Kopf. »Du weißt gar nichts über mich, Marlis. Gar nichts.«
Mit diesen Worten und einem mulmigen Gefühl wandte Cal sich ab und begab sich zu den anderen ins sogenannte Esszimmer.
Eine Gänsehaut überzog seinen Körper, und er wünschte, er hätte statt seines Shirts etwas Wärmeres an. Marlis mochte sich um die Kinder von Safe Haven sorgen, aber sie war zu weit gegangen. Sie hatte keine Ahnung von dem Menschen, der Cal war oder hatte werden müssen, um zu überleben. Und er würde sich von ihr gewiss nicht vorschreiben lassen, was er zu tun hatte. Fuhr er mit seinem Porsche gerne schnell? Ja. Und das war allein seine Sache. Außerdem sagte das rein gar nichts über ihn aus. Also sollte sie sich nicht anmaßen, ihn anhand dessen in eine Schublade zu stecken.
Cal atmete tief durch. Er kannte dieses Gefühl. Das Gefühl der Schubladen. Zu oft hatte er schon dagegen ankämpfen müssen. Er hätte seltsamerweise nicht vermutet, dass er ausgerechnet in einem Feriencamp für Waisenkinder damit weitermachen müsste. Sollte nicht gerade an einem Ort wie diesem eine offene Atmosphäre herrschen? Eine, die niemanden verurteilte, ohne die Hintergründe zu kennen? Cals Stimmung verdüsterte sich, und wieder einmal verfluchte er Aeryn dafür, dass sie ihn nötigte, dieser Hölle einen mehrwöchigen Besuch abzustatten.
Mit großen Schritten durchquerte Cal den Raum, der mit zwei rustikalen Holztafeln genug Platz für die anwesenden Kinder, Pädagogen und eine Handvoll junger Frauen bot, die allesamt in unterschiedlichen Stadien schwanger zu sein schienen. Cal spürte deren neugierige Blicke auf sich, nickte ihnen freundlich zu und konzentrierte sich wieder auf sich.
Die langgezogenen Tafeln wurden seitlich von diversen Holzbänken und -stühlen geziert, während auf dem Boden kleine bunte Flickenteppiche für einen gemütlichen Touch sorgten. Die Lampen, die über den Tischen hingen, waren Teil einer besonderen Holzkonstruktion, auf der sich wiederum zahlreiche Grünpflanzen tummelten. An kaum erkennbaren Nylonfäden schlangen sich deren Blätterstränge quer durch den Raum. Somit wirkte die Decke wie ein grüner Himmel. In den Ecken des Esszimmers befanden sich zudem große Stehleuchten mit cremefarbenen Schirmen, die ein angenehm warmes Licht abgaben.
In der Mitte der Tische standen in regelmäßigen Abständen Terracottatöpfe mit wucherndem Basilikum neben modernen Salz- und Pfeffermühlen. An den Wänden hingen bunte Bilder, die offensichtlich von Kinderhand gezeichnet und in schlichten Rahmen verewigt worden waren.
Geradeaus grenzte ein Wanddurchbruch das Esszimmer von einer geräumigen Küche ab. Doch statt kühler Metallarmaturen glänzte der Teil des Hauses mit hellen Holzoberflächen, weißen Schränken und zahlreichen Kräuterpflanzen. Es wirkte vielmehr wie eine große, gemütliche Landhausküche als ein Ort, an dem täglich Essen für rund fünfzig Personen zubereitet wurde. Überhaupt glich dieser Ort nicht der Vorstellung eines Heims für Waisenkinder. Stattdessen schien es ein Platz zu sein, der vergessen machen wollte, wie einsam das Leben ohne familiäre Wurzeln sein konnte. Cal schluckte schwer, als seine Vergangenheit ihn einzuholen drohte. Nein, er würde nicht daran denken. Er war verdammt weit gekommen. Aus eigener Kraft. Und dafür würde er sich nicht schämen. Im Gegenteil.
Cal beobachtete, wie sich die Kinder vor ihm anstellten, um von der Köchin ihr Abendbrot entgegenzunehmen. Zusätzlich bemerkte er volle Brotkörbe und diverse selbstgemachte Aufstriche auf den Tischen. In der Luft lag der Duft von Speck und frischen Kräutern. Es gab Kartoffelsuppe.
»Cal!« Die fröhliche Jungenstimme, die ihm inzwischen nur allzu bekannt war, riss ihn aus seinen Gedanken. Gleich darauf erschien Quinn an seiner Seite, in seiner Hand eine volle Schüssel cremiger Suppe. »Willst du dich zu uns setzen? Wir haben noch viel Platz!« Quinn deutete mit dem Kopf ans andere Ende der einen Tafel, wo sich diverse Kinder versammelt hatten und ihn aus der Ferne anstrahlten.
Unweit von ihnen saß Marlis und unterhielt sich mit einer anderen Frau, die vermutlich ebenfalls zum Personal von Safe Haven zählte. Eigentlich hatte er keine Lust, auch nur in die Nähe von Marlis zu gelangen. Doch Quinn und die anderen Kinder zu enttäuschen, kam ihm irgendwie auch nicht in den Sinn. Also überwand er sich und nickte.
»Sicher. Ich hole mir noch etwas zu essen, und dann setze ich mich zu euch, okay?«
Quinn strahlte. »Klaro!«
Unauffällig atmete Cal durch. Dieser Aufenthalt würde anstrengender werden als sowieso schon befürchtet.
Marlis fühlte sich mies. Und dass das überhaupt so war, ärgerte sie. Das versetzte sie in eine ungewohnt schlechte Stimmung, während sie versuchte, sich auf das Gespräch mit Charlie zu konzentrieren. Charlie, eigentlich Charlotte, war nur wenige Jahre älter als Marlis und kümmerte sich im Camp um die kreativen Workshops. Im Atelier, das gleich neben der Bibliothek lag, widmete sie sich gemeinsam mit den Kindern und jungen Frauen diversen Bastel- und Malstunden. Es war ihre Idee gewesen, einige der Werke hier im Esszimmer von Safe Haven aufzuhängen. Jetzt, beim Dinner, holte sie Marlis’ Meinung zu einem Ton-Workshop ein, den sie für die werdenden Mütter ins Leben rufen wollte. Doch alles, worauf Marlis achten konnte, war der Tänzer, der sich schräg gegenüber an Quinns Seite gesetzt hatte.
Sie war vorhin unnötig hart mit ihm ins Gericht gegangen. So viel zu dem Neustart, den sie sich und ihm hatte einräumen wollen. Er war gerade mal einen Nachmittag hier auf Safe Haven, und schon lag sie mit ihm ein weiteres Mal über Kreuz. Während er sie mit Absicht ignorierte und sich von Quinn und seinen Freunden in Beschlag nehmen ließ, bemühte sich Marlis, ihn ebenfalls aus ihrem Kopf zu kriegen.
»Ich dachte, das wäre mal etwas anderes, und es ist nicht so aufwändig, wenn wir fertige Tassen nehmen«, meinte Charlie neben ihr indes. »Was denkst du?«
»Ja, gute Idee.« Ertappt riss Marlis den Kopf hoch und rührte in ihrer Kartoffelsuppe herum, um Zeit zu schinden. Normalerweise aß sie nur auf Safe Haven zu Abend, wenn sie Nachtdienst hatte. Allerdings hatte sie seit zwei Tagen einen Wasserrohrbruch in ihrer Wohnung in Ardwellheart. Das Schlimmste war bereits behoben, aber wohnen konnte sie darin noch nicht wieder. Nach kurzem Hin und Her hatte Hope vorgeschlagen, Marlis solle bis zum Abschluss der Reparaturarbeiten einfach in eines der freien Zimmer im Haupthaus ziehen. Also saß sie nun hier und schubste kleine Kartoffelstückchen durch ihre pürierten Artgenossen.
Charlie schien ihre gedankliche Abwesenheit nicht bemerkt zu haben und fuhr fort, über verschiedene Tongefäße zu sinnieren, die sich für den geplanten Workshop zum Bemalen eignen würden. Marlis hingegen tauchte wieder ab und warf einen verstohlenen Blick auf Cal. Er war nicht freiwillig hier. Das hatte er ihr vorhin verraten. Aber wieso war er dann nach Safe Haven gekommen? Und wer konnte einen selbstbewussten Mann wie ihn überhaupt zu so etwas zwingen? Fragen über Fragen häuften sich in Marlis’ Gedanken, während sie unvorsichtig wurde und den Tänzer geradezu anstarrte.
Als dieser unvermittelt den Kopf drehte und damit ihren Blick erwiderte, spürte sie, wie sie rot wurde. Schnell schaute sie zurück in ihre Kartoffelsuppe und schloss die Augen kaum merklich. Es verwirrte sie, dass sie diesen Kerl nicht einschätzen konnte. Vielleicht war sie deshalb so hart mit ihm umgesprungen, als es um die Aufführung ging. Während der spontanen ersten Einheit an diesem Nachmittag hatte sie in Cals Gesicht einen Ehrgeiz aufflammen gesehen, der ihr unweigerlich Sorgen bereitete. Er mochte den Kindern vorhin Zeit und Geduld eingeräumt haben. Doch Marlis befürchtete, dass sich das Blatt schnell wenden und aus einer Spaßveranstaltung falscher Ernst werden würde. Die Kids waren nicht hier, um sich auf eine Weltmeisterschaft vorzubereiten. Sie sollten in Safe Haven auf andere Gedanken kommen und eine Weile abschalten. Ohne Sorgen. Ohne Druck. Ohne Erwartungen. Davon hatten sie in ihrem alltäglichen Leben bereits genug.
Deswegen hatte die Stiftung auch eine Sondergenehmigung in den Schulen der Kinder bewirkt. Normalerweise durfte man außerhalb der Ferien natürlich nicht dem Unterricht fernbleiben. Aber angesichts der Einzelfälle, um die es sich bei diesen Kids handelte, hatte man Ausnahmen gemacht. Denn sie alle hatten es dringend nötig runterzukommen. Abseits von Noten und Leistungsnachweisen. Safe Haven war ein Ort, der ihnen diese Zuflucht für kurze Zeit bot.
Marlis würde Cal und seinen Workshop strenger im Auge behalten müssen als ursprünglich geplant. Sie tat es nicht, weil sie Cal nicht traute – das spielte höchstens eine untergeordnete Rolle –, sondern weil sie aufpassen musste, dass er die Kinder nicht unter Druck setzte und sie mit Academy-Anwärtern verwechselte.
Marlis blinzelte hinüber zu Quinn. Der Junge hatte ein hartes Los gezogen, doch er kämpfte tapfer weiter. Er war ein Wirbelwind, jagte durch die Gänge, eroberte die Herzen der Pädagogen im Sturm und wusste sich mit einem ansteckenden Lachen zu behaupten. Gleichzeitig hatte Marlis in den wenigen Tagen, die er hier war, gesehen, wie zerbrechlich diese Fassade war. Auch wenn Quinn es nicht wahrhaben wollte, so schlummerte unter der Oberfläche ein verletztes Kind, dessen Seele mit Dingen belastet worden war, die ein Zehnjähriger nicht erdulden sollte.
Jetzt blitzte in seinen Augen ein unbändiges Strahlen auf, während er an Cals Lippen hing, die von irgendeinem Auftritt in Dublin erzählten. Ähnlich wie die anderen Kinder hatte Quinn sich tierisch auf Cals Ankunft gefreut. Er hatte den ganzen Tag von nichts anderem geredet und stets dieses Leuchten im Gesicht getragen. Es verdeckte die tiefe Trauer vom Vorabend, als man Quinn hatte ausrichten müssen, dass die geplante Adoption doch nicht zustande kommen würde.
Es war erst sein dritter Abend in Safe Haven gewesen, doch zeigte dieser Moment der Wahrheit, wie es tatsächlich um das Kind stand, das alle mit seinem Strahlen blenden wollte. Die Bezeichnung Wutanfall