Erzählungen von der Alhambra - Washington Irving - E-Book

Erzählungen von der Alhambra E-Book

Washington Irving

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Beschreibung

In 'Erzählungen von der Alhambra' entführt uns Washington Irving in die magische Welt des maurischen Palastes in Granada. Mit seinem anschaulichen Schreibstil erweckt er die Geschichte zum Leben und fasziniert den Leser mit exotischen Erzählungen aus dem alten Spanien. Irving verwebt Elemente von Märchen, Historie und Folklore zu einer fesselnden Erzählung, die den Leser in eine vergangene Ära eintauchen lässt. Seine detaillierten Beschreibungen der Alhambra und ihrer Bewohner vermitteln ein lebhaftes Bild dieser faszinierenden Kultur. Als einer der ersten amerikanischen Schriftsteller, der internationalen Ruhm erlangte, prägte Irving mit diesem Werk den literarischen Stil des romantischen Realismus. Seine gründliche Recherche und sein Gespür für Atmosphäre machen 'Erzählungen von der Alhambra' zu einem Meisterwerk der historischen Erzählung. Washington Irving's tiefes Interesse an spanischer Geschichte und Kultur spiegelt sich in diesem Buch wider, das zahlreiche Einblicke in das Leben im Al-Andalus des 15. Jahrhunderts bietet. Mit einer Mischung aus Fakten und Fiktion nimmt uns der Autor mit auf eine Reise in die Vergangenheit, die sowohl unterhaltsam als auch lehrreich ist. Dieses Buch ist ein Muss für alle, die sich für die spanische Geschichte und für fantastische Erzählungen begeistern und bietet einen einzigartigen Einblick in die goldenen Zeiten der Alhambra. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Seitenzahl: 452

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Washington Irving

Erzählungen von der Alhambra

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Isabell Hofmann

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-1088-6

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Erzählungen von der Alhambra
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Werksammlung versammelt Washington Irvings Erzählungen von der Alhambra in ihrer ganzen Spannweite: nicht als Roman, nicht als Drama, sondern als bewegliches Mosaik aus Reisebildern, historischen Betrachtungen, Charakterminiaturen und legendenhaften Geschichten. Der Zweck der Zusammenstellung ist, die Vielfalt der Texte so zu ordnen, dass sich ein Gesamtbild der Alhambra und ihrer Vorstellungen ergibt: ein Ort, zugleich real und imaginiert, an dem Geschichte, Architektur und Sage ineinandergreifen. Leserinnen und Leser erhalten damit keinen fortlaufenden Plot, sondern eine Folge miteinander korrespondierender Stücke, die gemeinsam die poetische Topographie Granadas erschließen.

Irving, amerikanischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, besuchte Spanien in den späten 1820er Jahren und hielt sich 1829 in der Alhambra auf. Aus diesem Aufenthalt ging jene Sammlung hervor, die 1832 zuerst erschien und seitdem in vielen Sprachen kursiert. Die vorliegende deutsche Zusammenstellung führt zentrale Texte dieser Entstehungszeit zusammen, ohne sie in ein romanhaftes Kontinuum zu zwingen. Ihr Anliegen ist es, die historischen und poetischen Stimmen hörbar zu machen, die Irving in der Alhambra wahrnahm, und zugleich die Lektüre so zu strukturieren, dass Wege, Räume und Sagen sich gegenseitig beleuchten, statt sich zu überlagern.

Die vertretenen Textsorten reichen von Reise- und Aufenthaltsberichten über kulturhistorische Essays bis zu Märchen und Sagen in literarischer Ausgestaltung. Irving kombiniert Beobachtungen vor Ort mit Erinnerungen, mündlich überlieferten Geschichten und gelehrten Notizen. So entstehen Stücke, die teils dokumentarisch wirken, teils die Logik des Wunderbaren annehmen. Skizzenhaften Porträts von Bewohnern und Besuchern stehen architektonische Beschreibungen gegenüber; ernste Reflexionen wechseln mit humorvollen Episoden. Diese Gattungsmischung ist Programm: Sie erlaubt, die Alhambra sowohl als konkreten Baukomplex wie als kulturellen Erinnerungsraum zu lesen.

Der Band eröffnet mit Texten, die das Ankommen, die Befehlshaberschaft und das Innere der Alhambra schildern. Irving erschließt die Anlage über Wege, Höfe und Türme: der Thurm des Comares, der Löwenhof, Balkone und Galerien werden zu Stationen einer literarischen Begehung. Die Stücke über das Mondlicht und die Hügel um die Festung zeigen, wie sich Tageszeiten, Geräusche und Schatten in Stimmungen verwandeln. Diese räumliche Dramaturgie verankert die Sammlung sinnlich: Man betritt den Palast, durchmisst seine Topographie, lernt seine Bewohner kennen und erfährt, wie alltägliche Geräusche Geschichten anstoßen.

Einen zweiten Pol bilden die historischen Betrachtungen. Texte über die maurische Herrschaft in Spanien, über Boabdil, den letzten Nasriden-Herrscher Granadas, sowie über Muhamed Abu Alahmar, den Gründer, und Yusef Abul Hagig, einen Vollender der Alhambra, bieten den Rahmen, in dem die Legenden ihren Ort finden. Irving zeichnet dabei keine systematische Geschichtsschreibung; vielmehr gibt er kondensierte Hintergründe, die Architektur, Rituale und dynastische Wendepunkte verständlich machen. So wird die festungsartige Residenz als Schauplatz einer untergegangenen höfischen Welt begreifbar, deren Spuren sich in Namen, Inschriften und Raumfolgen ablesen lassen.

Die Sagen sind das Herzstück der poetischen Imagination. Erzählungen vom Prinzen Ahmed al Kamel, von einem Vermächtnis des Mauren, von der Rosa der Alhambra, vom arabischen Astrologen, von den zwei verschwiegenen Statuen und von den drei schönen Prinzessinnen spinnen Motive von Liebe, Prüfung, Treue, List und verborgenem Schatz. Sie lassen das maurische und das spanische Erbe als ein Netz von Motiven erscheinen, das die Mauern der Alhambra gleichsam bewohnt. Dabei bleibt der Ausgang der Geschichten verborgen; entscheidend ist die Atmosphäre des Möglichen, die den Palast in einen Resonanzraum des Wunderbaren verwandelt.

Neben den historischen Figuren treten Menschen aus dem Alltag auf: Bewohnerinnen und Bewohner, Handwerker, Veteranen, Statthalter und Notare. Episoden über Haushaltung, Besucher und Verwaltung entwerfen das soziale Gewebe, das Irving in der Festung vorfindet. Er porträtiert Eigenheiten und Gewohnheiten mit warmem, manchmal schelmischem Blick, ohne die Würde der Personen preiszugeben. In diesen Stücken werden Räume bewohnt, Regeln verhandelt, Autorität ausgeübt und unterlaufen. Sie geben der Alhambra Stimme und Gesicht und verbinden das Monument mit einem gelebten Heute, das die Vergangenheit nicht aufhebt, sondern weiterträgt.

Thematisch kreuzen sich Erinnerung und Verwandlung. Die Alhambra erscheint als Palimpsest: auf älteren Schichten liegt jeweils Neues, ohne das Frühere völlig zu löschen. Die Texte erkunden Schwellen zwischen Kulturen, Religionen und Zeiten; sie beobachten, wie Grenzen durchlässig werden, etwa wenn ein Hof zum Schauplatz von Legende und Alltagsgeschäft zugleich wird. Die Spannung von Verlust und Bewahrung, von Niedergang und Nachruhm prägt die Sammlung ebenso wie die Frage, wie Geschichten Orte formen – und Orte ihrerseits Geschichten hervorbringen.

Stilistisch verbindet Irving anschauliche Beschreibung mit gelassener Ironie und einer kontrollierten musikalischen Prosa. Seine Sätze balancieren die Detailfreude der Reiseskizze mit der Ökonomie des Erzählens. Häufig rahmt ein Ich-Erzähler die Überlieferungen, verweist auf Gewährsleute, äußert Vorbehalte und macht so die Herkunft der Geschichten sichtbar. Diese Transparenz ist Teil des Reizes: Faktisches und Fabelhaftes treten in Dialog, ohne ineinander aufzugehen. Die Glaubwürdigkeit der Beobachtung stärkt das Wunderbare, und umgekehrt beleuchtet das Wunderbare die Emotionen, die an den Ort gebunden sind.

Die Wirkungsgeschichte der Erzählungen von der Alhambra ist anhaltend. Sie haben das Bild Granadas im 19. Jahrhundert weit über Spanien hinaus geprägt und das Interesse an Architektur, Gartenkunst und Epigraphik der Anlage befördert. Zugleich erinnern sie daran, wie Reisen und Schreiben die Wahrnehmung formen und romantische Erwartungen mittragen können. Für heutige Leserinnen und Leser eröffnet die Sammlung die Möglichkeit, einen kanonischen Text mit wachem Blick zu genießen: als stilistische Schule der Beobachtung und als Dokument dafür, wie Europa und die arabisch geprägte Vergangenheit der Iberischen Halbinsel literarisch ins Gespräch gebracht wurden.

Zur vorliegenden deutschen Fassung ist anzumerken, dass die Titel den etablierten Benennungen der Stoffe folgen und die Vielfalt der Formen sichtbar machen. Die Anordnung führt von der Annäherung an den Ort über Innenansichten und historische Rahmungen hin zu Sagen und Charakterbildern. Sie will nicht vereinheitlichen, sondern die Eigenfarben der einzelnen Stücke bewahren. Dadurch kann die Lektüre in Schleifen erfolgen: Man darf zurückkehren, vergleichen, wiederentdecken. Die Sammlung bietet also eine strukturiert offene Architektur, die den Gang durch die Alhambra in der Freiheit literarischer Erkundung spiegelt.

Die genannten Texte bilden zusammen ein Ensemble, dessen Stärke in der Balance liegt: zwischen Anschaulichkeit und Reflexion, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Topographie und Erzählung. Wer den Weg von der Reise über die Türme und Höfe bis zu den Sagen mitgeht, erfährt, wie sich ein historischer Ort in Literatur verwandelt. Es empfiehlt sich, in eigenem Tempo zu lesen, hier und da innezuhalten, Bilder mit Gedanken zu verbinden. Dann zeigt sich, dass die Erzählungen nicht nur berichten, sondern einladen: zur Begegnung mit einem Ort, dessen Geschichten noch immer weiterklingen.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Washington Irving (1783–1859) gilt als einer der ersten international anerkannten Schriftsteller der Vereinigten Staaten und als vermittelnde Stimme zwischen amerikanischer und europäischer Romantik. Sein Name verbindet sich in besonderer Weise mit Spanien und der maurischen Vergangenheit der Iberischen Halbinsel. Aus seinen Aufenthalten in Granada erwuchs eine vielgestaltige Sammlung von Reisebildern, Skizzen und Sagen rund um die Alhambra, die sein Ansehen als stilbewusster Erzähler festigte. Sie zeigt Irving als Beobachter von Landschaft, Architektur und Erinnerungskultur und als Gestalter literarischer Legenden, die historische Sensibilität mit poetischer Imagination verbinden, ohne die Eigenart lokaler Überlieferungen zu verwischen.

Irving wuchs in New York auf, erhielt eine solide, aber nicht streng akademische Ausbildung und studierte anschließend Rechtswissenschaft. Früh zog es ihn nach Europa, wo er die literarische Bewegung der Romantik aus unmittelbarer Nähe kennenlernte. Begegnungen mit britischen und kontinentaleuropäischen Autoren sowie die Auseinandersetzung mit Geschichtsschreibung und Volksüberlieferungen prägten seinen Stil. Besonders fruchtbar wurde sein Zugang zu spanischen Chroniken und Archiven, die sein Interesse an der Epoche der Nasriden vertieften. Freundschaften, unter anderem mit Sir Walter Scott, stärkten sein Bewusstsein für die kunstvolle Verbindung von Reisebeobachtung, historischer Skizze und erzählerisch zugespitzter Sage.

Ende der 1820er Jahre reiste Irving ausgedehnt durch Spanien und hielt sich längere Zeit in Madrid und Granada auf. Er arbeitete in Archiven, studierte Originalquellen und vertiefte sich in die wechselvolle Geschichte der maurischen Herrschaft. In Granada fand er in der Alhambra einen realen, zugleich symbolischen Schauplatz, der Architektur, Legende und Gegenwart verband. Die Aufenthalte in den Palastgemächern und Gärten, Gespräche mit Bewohnern und Wächtern sowie Erkundungen der Umgebung lieferten ihm Stoff und Perspektiven. Aus dieser Nähe entstand die Konzeption einer Sammlung, die Beobachtung und Sage zusammenführt und den Palast als Speicher von Geschichten begreift.

Die Sammlung entfaltet sich in thematisch vielfältigen Stücken, die Reiseeindruck, Milieuschilderung und kontemplative Betrachtung mischen. Programmatik und Ton setzt Die Reise; anschließend öffnen Das Innere der Alhambra, Des Verfassers Wohnung und Die Haushaltung intime Blicke auf Alltag und Rituale im Palast. Stimmungsbilder wie Die Alhambra im Mondlichte und Ein Spaziergang auf die Hügel verbinden topografische Genauigkeit mit poetischem Leuchten. Sozialer und narrativer Rahmen entstehen durch Besucher der Alhambra und Bewohner der Alhambra, die Perspektiven und Stimmen bündeln. So entsteht ein Mosaik, das Atmosphäre, Bewegung und Beobachtung miteinander verzahnt und Erzählräume für Sagen vorbereitet.

Einen zweiten Schwerpunkt bilden die Sagen, in denen Irving historische Reminiszenz und wunderbare Motive kunstvoll ausbalanciert. Oertliche Sagen, Das Haus des Wetterhahns und Das Abentheuer des Maurers leiten in das legendäre Gewebe; zentrale Akzente setzen die Sage von dem arabischen Astrologen, die Sage von den drei schönen Prinzessinnen sowie die Sage von dem Prinzen Ahmed al Kamel; oder der Liebespilger. Hinzu treten die Sage von des Mauren Vermächtniß, die Sage von der Rosa der Alhambra; oder der Page und der Geierfalk und die Sage von den zwei verschwiegenen Statüen. Ihre poetische Logik bleibt stets räumlich verankert.

Daneben gestaltet Irving historische Porträts und Architekturen als Erinnerungsräume. Muhamed Abu Alahmar, der Gründer der Alhambra, und Yusef Abul Hagig, der Vollender der Alhambra, rahmen den Bau politisch und kulturell; Boabdil el Chico und Erinnerungen an Boabdil erkunden den letzten Nasridenherrscher. Räumliche Knotenpunkte wie Der Löwenhof, Der Thurm des Comares, Der Thurm der Prinzessinnen und Der Balkon zeigen, wie Stein, Ornament und Blickführung Geschichten tragen. Figurennahe Skizzen wie Der Veteran, Der Statthalter und der Notar und Statthalter Manco und der Soldat, ergänzt durch Befehlshaberschaft der Alhambra und Der Flüchtling, fügen soziale Spannungen und Verwaltungstopoi hinzu.

Nach der Arbeit an der Alhambra kehrte Irving wiederholt in diplomatischer Funktion nach Spanien zurück und setzte seine Studien zur spanischen Geschichte fort. In den Vereinigten Staaten wurde er als stilprägender Prosaautor gelesen; in Europa schätzte man seine sensible Vermittlung fremder Stoffe. Die Alhambra-Sammlung, zu der auch Des Verfassers Wohnung, Besucher der Alhambra und Yusef Abul Hagig, der Vollender der Alhambra gehören, blieb ein Referenzwerk für romantische Reiseliteratur und literarische Geschichtsbilder. Sie prägte das internationale Bild Granadas über Generationen. Irving starb 1859; sein Vermächtnis wirkt weiter, wenn Architektur, Erinnerung und Erzählung neu miteinander verhandelt werden.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Washington Irving, 1783 in New York geboren und 1859 gestorben, schrieb Erzählungen von der Alhambra nach einem längeren Spanienaufenthalt. Die Texte greifen zwei Zeithorizonte auf: Irvings Gegenwart der 1820er Jahre und die mittelalterlich-frühneuzeitliche Geschichte Granadas unter der nasridischen Dynastie bis zur Eroberung 1492. Entstanden sind sie wesentlich während seines Aufenthalts in der Alhambra im Frühjahr und Sommer 1829; veröffentlicht wurden sie 1832. Die Sammlung vereint Reisebeobachtung, historische Skizze und Legende, wodurch sie eine Brücke schlägt zwischen der romantischen Wahrnehmung des 19. Jahrhunderts und den vielschichtigen Vergangenheiten des andalusischen Ortes.

Irving reiste in eine politisch umkämpfte Zeit Spaniens. Nach dem Ende der napoleonischen Besetzung hatte das Trienio Liberal (1820–1823) kurzzeitig Verfassungsreformen eingeleitet, bevor französische Truppen 1823 den Absolutismus Ferdinands VII. wiederherstellten. In den späten 1820er Jahren prägten Zensur, Misstrauen gegenüber Fremden und wirtschaftliche Erschöpfung das Land. Gleichzeitig öffneten diplomatische Kreise Archive und Bibliotheken für Gelehrte. Diese Widersprüche bilden den Hintergrund von Die Reise und Besucher der Alhambra: restriktive Politik und provinzieller Alltag neben einer wachsenden europäischen Neugier auf Spaniens Geschichte.

Die Alhambra hatte unter den Napoleonischen Kriegen schwer gelitten. Französische Truppen besetzten die Anlage 1808–1812 und beschädigten bei ihrem Rückzug Teile durch Sprengungen. Ein Erdbeben 1821 verschärfte den Verfall. Als Irving eintraf, war das Ensemble zugleich Garnison, Verwaltungsstandort und Zuflucht für arme Familien; ein Kommandant wachte über das Areal. Befehlshaberschaft der Alhambra, Haushaltung und Bewohner der Alhambra spiegeln diese Übergangslage zwischen militärischer Nutzung, Vernachlässigung und gelebtem Alltag, in der sich die romantische Ruinenästhetik mit konkreten sozialen Realitäten überlagerte.

Die Sammlung steht im Zeichen des europäischen Romantizismus, der das Mittelalter, Ruinen und das „Pittoreske“ neu entdeckte. Zugleich folgt sie einer Orientalisierung Spaniens, das vielen Reisenden als nächster Osten erschien. Texte wie Die Alhambra im Mondlichte, Der Balkon oder Der Thurm des Comares nutzen Licht, Landschaft und Architektur, um Stimmung zu erzeugen und Geschichte sinnlich erfahrbar zu machen. Dabei verbindet Irving die poetische Wahrnehmung mit topografischer Genauigkeit: Türme, Höfe und Wasserläufe werden als Schauplätze historischer Erinnerung inszeniert, ohne ihre vernakulären Funktionen gänzlich zu verdecken.

Historisch wurzelt die Alhambra im Emirat von Granada, das nach dem Zerfall der Almohaden im 13. Jahrhundert entstand. Dessen Gründer Muhammad I ibn al-Ahmar – in älteren europäischen Quellen oft als Muhamed Abu Alahmar bezeichnet – befestigte die Anhöhe über der Stadt und legte die Grundlagen der Burg- und Palastanlage. Von Beginn an verband das Ensemble Verteidigungslogik, Hofkultur und Wasserkunst. Diese Synthese, spürbar in Das Innere der Alhambra, prägte die Erinnerung an Granada als letzten großen muslimischen Herrschaftsraum auf der Iberischen Halbinsel, zugleich bedroht und kulturell äußerst produktiv.

Die Hochblüte der Alhambra fällt in das 14. Jahrhundert. Yusuf I (reg. 1333–1354), in älteren Texten als Yusef Abul Hagig benannt, förderte den Palast von Comares mit dem späteren Saal der Gesandten im Thurm des Comares. Unter Muhammad V (reg. 1354–1359, 1362–1391) entstand der Löwenhof mit seiner charakteristischen Arkadengliederung und dem Brunnen. Irving verweist auf diese Bauträger, ohne die kunsthistorische Zuschreibung zu überfrachten. Seine Skizzen nutzen die Räume, um historische Präsenz zu evozieren und die politischen wie diplomatischen Funktionen der Säle, Höfe und Aussichtspunkte anzudeuten.

Das Ende der nasridischen Herrschaft markiert 1492 die Kapitulation Granadas an Isabella I. und Ferdinand II. Boabdil el Chico, in europäischen Quellen so genannt, steht bei Irving für den tragischen Abschluss einer Epoche. Seine Erinnerungen an Boabdil greifen romantische Deutungen des letzten Sultans auf, die zwischen persönlichem Schicksal und Staatsräson schwanken. Zugleich veränderten die neuen Herrscher die Anlage: Teile wurden christlich überformt, liturgisch genutzt oder administrativ besetzt, während andere verfielen. Diese Schichtung bildet den historischen Resonanzraum vieler Beobachtungen Irvings.

In der frühen Neuzeit wurde die muslimische Bevölkerung Granadas zunächst zwangsgetauft und als Moriscos rechtlich marginalisiert. Auf Bekehrungsdruck folgten Aufstände, besonders der Aufruhr in den Alpujarras 1568–1571, und schließlich die Vertreibungen des 17. Jahrhunderts. Für die Alhambra bedeutete dies eine schrittweise Entleerung höfischer Funktionen zugunsten militärischer und repräsentativer Zwecke. Irvings Kapitel zu Boabdil und Gedankengänge über die maurische Herrschaft zeigen, wie das 19. Jahrhundert diese konfliktreiche Vergangenheit zwischen Toleranzmythos, Trauma und Nostalgie neu zu ordnen begann.

Irving schrieb im Umfeld intensiver Geschichtsstudien. In Madrid und Sevilla arbeitete er in Archiven und kannte zeitgenössische Forschung wie José Antonio Condes Darstellung der arabischen Herrschaft in Spanien. Zugleich sammelte er mündliche Überlieferungen in Granada. Oertliche Sagen, Sage von dem arabischen Astrologen oder Der Thurm der Prinzessinnen belegen, wie gedruckte Chronistik und lokales Erzählen miteinander verschränkt wurden. Parallel entstand seine Chronicles of the Conquest of Granada (1829), die – literarisch gerahmt – quellengestützte Ereignisgeschichte mit romantischer Dramaturgie kombinierte und den Resonanzboden für die Alhambra-Texte bereitete.

Formell knüpfen die Erzählungen an Irvings Skizzenbuchtradition an. The Alhambra; or, The New Sketch Book (1832) mischt Reisebild, Essay, Charakterstudie und Sage. Die Reise, Des Verfassers Wohnung oder Das Haus des Wetterhahns verorten den Autor in einem bewohnten Denkmal, dessen Geräusche, Gerüche und Routinen ebenso wichtig werden wie seine Ansichten. Diese Nähe erlaubt es, die Alhambra nicht nur als Monument, sondern als sozial genutzten Raum mit Gärtnern, Wachen, Handwerkern und Kindern zu zeigen – eine Perspektive, die zeitgenössische Antiquare oft vermieden.

Die Kapitel zum Statthalter, zum Notar oder Der Veteran skizzieren soziale Typen und Praktiken, die in der späten Bourbonenzeit verbreitet waren: kleinräumige Verwaltung, militärische Präsenz, geübte Rechtsförmigkeit und improvisierte Alltagsökonomien. Solche Miniaturen verknüpfen die Monumentgeschichte mit der Kultur des spanischen Südens. Sie zeigen, wie Normen des Königreichs in einer Peripherie umgesetzt wurden, deren Ressourcen begrenzt und deren Traditionen langlebig waren. Diese Alltagsgeschichte bildet den Hintergrund, vor dem Irvings Reflexionen über historische Größe, Verfall und die Arbeit der Erinnerung Gestalt annehmen.

Reisetechnik und Öffentlichkeit prägten die Rezeption. In den 1820er/30er Jahren verbanden Postkutschen, Maultierkarawanen und Küstenschiffe Spaniens Regionen; die Wege waren beschwerlich, aber frequentiert. Europaweit wuchs ein Lese- und Bildpublikum für Reiseprosa. Besuche von Künstlern und Gelehrten häuften sich, wie Besucher der Alhambra andeutet. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes ab der Mitte des 19. Jahrhunderts intensivierte sich der Andalusientourismus weiter. Irvings Texte standen am Beginn dieser Entwicklung, indem sie Granada als Ziel romantischer Erfahrung und historischer Bildung profilierten.

Die materiellen Beschreibungen der Erzählungen trafen auf eine Welle wissenschaftlicher Bestandsaufnahmen. In den 1830er und 1840er Jahren fertigten Jules Goury und Owen Jones Vermessungen und Farbaufnahmen der Dekore an; ihre großformatige Publikation Plans, Elevations, Sections and Details of the Alhambra (1842–1845) verbreitete ein präzises Bild des Komplexes in Europa. Diese Arbeiten stützten die Ausbildung eines „alhambrismo“ in Kunstgewerbe und Architektur. Irvings literarische Popularisierung und die zeichnerische Dokumentation verstärkten sich gegenseitig und machten die Anlage zu einem Leitmotiv des europäischen Historismus.

Restaurierungspolitik folgte. Ab den 1840er Jahren setzten systematischere Erhaltungsarbeiten ein; im späteren 19. Jahrhundert prägte Rafael Contreras mit farbigen Ergänzungen und Rekonstruktionen das Erscheinungsbild, was später teils kritisch gesehen wurde. Irving brachte 1851 eine erweiterte Ausgabe seiner Sammlung heraus, in der zusätzliche Skizzen und Rückblicke seine frühere Wahrnehmung kommentierten. Seine spätere Tätigkeit als US-Gesandter in Madrid (1842–1846) hielt den Spanienbezug wach und trug dazu bei, dass die Alhambra in transatlantischen Debatten über Denkmalschutz und historische Authentizität präsent blieb.

Intellektuell standen die Erzählungen im Spannungsfeld von Nationenbildung und Vergangenheitsdeutung. Spanische Liberale und Konservative rangen im 19. Jahrhundert um das Verhältnis der christlich-kastilischen Tradition zur islamischen Vergangenheit. Irving vermittelt diese Debatten, ohne sich eindeutig zu parteiischen Narrativen zu bekennen. Sagen wie die vom Prinzen Ahmed al Kamel oder von den drei schönen Prinzessinnen spiegeln ein Bedürfnis, Differenz erzählerisch vertraut zu machen und zugleich Distanz zu halten. Die Texte fördern so eine romantische Empathie, die historische Konflikte eher entschärft als politisch zuspitzt.

Spätere Monumentpolitik griff den symbolischen Rang der Alhambra auf. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierten spanische Dekrete neue Schutzkategorien; die Alhambra wurde zum nationalen Bezugspunkt. Im 20. Jahrhundert setzte Leopoldo Torres Balbás (ab 1923) Maßstäbe der wissenschaftlichen Restaurierung, entfernte spekulative Ergänzungen und dokumentierte Befunde systematisch. 1984 erhielt die Alhambra mit dem Generalife den UNESCO-Welterbestatus. Diese Professionalisierung der Denkmalpflege schuf den Rahmen, in dem Irvings literarische Bilder als historische Quellen, aber auch als Konstruktionen ihrer Zeit neu gelesen wurden.

Die Sammlung beeinflusste Wahrnehmungen weit über Spanien hinaus. Irvings Rang als früher amerikanischer Berufsschriftsteller machte die Alhambra im anglophonen Raum populär; Übersetzungen der 1830er Jahre erschlossen sie weiteren europäischen Leserkreisen. Maler, Architekten und Dekorateure griffen Motive der Anlage auf, während Reiseliteratur und Bildserien die Vorstellungen vom „maurischen“ Granada verfestigten. Gleichzeitig eröffneten die Skizzen über Statthalter, Notare oder Handwerker Fremdperspektiven auf spanischen Alltag, die zwischen ethnografischem Interesse und romantischer Typisierung changierten und damit den Diskurs über mediterrane Peripherien mitprägten.“,

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Ankunft, Alltag und Rahmen der Alhambra

Die Reise führt den Erzähler nach Granada und weckt die Idee, in der Alhambra selbst Quartier zu nehmen. In Befehlshaberschaft der Alhambra öffnet die militärische Verwaltung ihm den Zugang und setzt den pragmatischen Rahmen: ein halb verfallenes, halb belebtes Monument zwischen Behörde und Märchenkulisse.

Das Innere der Alhambra, Die Haushaltung und Des Verfassers Wohnung skizzieren das improvisierte Wohnen in leeren Sälen und verwinkelten Gängen. Es entstehen kleine Alltagsdramen um Dienerschaft, Geräusche, Tiere und Nachbarschaften, in einem leicht ironischen, beobachtenden Ton.

Bewohner der Alhambra und Besucher der Alhambra bündeln Porträts der Wächter, Handwerker, Kinder, fahrenden Händler und neugierigen Reisenden. Aberglaube, Geschäftssinn und Gastfreundschaft prallen aufeinander und lassen eine kleine Gesellschaft im Schatten großer Mauern entstehen.

Der Balkon und Die Alhambra im Mondlichte sind Stimmungsbilder, in denen Licht, Echo und Ferngeräusche den Palast verwandeln. In der Dämmerung verschränken sich Gegenwart und Vergangenheit, wodurch der Ort die eigenen Legenden zu flüstern scheint.

Orte und Architektur

Der Thurm des Comares und Der Löwenhof bieten detailreiche Beschreibungen von Wasserbecken, Inschriften und Ornamentik. Zwischen Glanz und Abblättern zeigt sich, wie höfische Pracht und Verfall denselben Raum prägen.

Der Thurm der Prinzessinnen und Ein Spaziergang auf die Hügel verbinden Aussichtspunkte mit dem Umland Granadas. Die Topographie wird zur Erzählfläche, auf der Landschaft, Stadt und Palastruinen Geschichten anstoßen.

Historische Reflexionen und Herrscherfiguren

Gedanken über die maurische Herrschaft in Spanien betrachtet die kulturellen Leistungen und politischen Spannungen der Epoche. Der Text zeichnet ein romantisch gefärbtes, zugleich ambivalentes Bild von Blüte, Konflikt und Nachwirkung.

Boabdil el Chico und Erinnerungen an Boabdil porträtieren den letzten Nasridenherrscher in Pathos und Zwiespalt. Orte und Namen tragen noch Spuren seiner Entscheidungen, die zwischen persönlicher Schwäche und übermächtigen Umständen changieren.

Muhamed Abu Alahmar, der Gründer der Alhambra und Yusef Abul Hagig, der Vollender der Alhambra skizzieren Vision und Baupolitik der maßgeblichen Herrscher. Die Texte betonen, wie ihre Entscheidungen Stil, Symbolik und Einheit des Palastes prägten und spätere Brüche mit der Vergangenheit vorbereiteten.

Sagen und Legenden der Alhambra

Oertliche Sagen rahmt den Reigen der Erzählungen, in dem sich Volksglaube und Ortstopographie durchdringen. Das Abentheuer des Maurers erzählt in märchenhaftem Ton von verborgenem Reichtum und Loyalität, ohne die Spannung der Auflösung vorwegzunehmen.

Das Haus des Wetterhahns und die Sage von dem arabischen Astrologen handeln von Wissen, Berechnung und vermeintlicher Zauberkraft. Gelehrsamkeit tritt als ambivalente Macht auf, die Schicksal lenkt und Neugierde mit Risiko verbindet.

Der Thurm der Prinzessinnen dient als Kulisse für die Sage von den drei schönen Prinzessinnen. Es entsteht eine tragisch-romantische Konstellation aus Bewachung, Sehnsucht und Grenzüberschreitung.

Die Sage von dem Prinzen Ahmed al Kamel; oder der Liebespilger folgt einem naiv-hoffnungsvollen Helden auf der Suche nach Liebe. Die Erzählung spielt mit orientalischen Motiven, listigen Fügungen und sanfter Komik.

Die Sage von des Mauren Vermächtniß dreht sich um ein nachwirkendes Erbe und die Probe von Treue und Habgier. Vergangenheit und Gegenwart verhandeln Gerechtigkeit, ohne einfache Antworten zu liefern.

Die Sage von der Rosa der Alhambra; oder der Page und der Geierfalk verbindet ritterliche Ehre, Zufall und junge Leidenschaft. Der Ton bleibt lyrisch und spannungsvoll, während Symbole den Weg der Figuren markieren.

Die Sage von den zwei verschwiegenen Statüen kreist um ein Rätsel aus Stille, Zeichen und verborgenen Mechanismen. Sie hält die Deutung zwischen Wunder und Weltlichkeit in der Schwebe.

Anekdoten über Amt, Militär und Recht

Der Statthalter und der Notar karikiert das Kräftespiel zwischen Autorität und Schriftgelehrsamkeit. Der Fall zeigt, wie formale Regeln und informelle Praxis miteinander ringen und doch zu einem pragmatischen Ausgleich finden.

Statthalter Manco und der Soldat erzählt von Strenge, List und dosierter Milde im Garnisonsalltag. Die Episode beleuchtet Disziplin als Bühne, auf der Menschenkenntnis oft mehr zählt als Paragrafen.

Der Veteran zeichnet das Bild eines altgedienten Soldaten, der zwischen Entbehrung und Stolz standhält. Die Skizze lebt von stiller Ironie und empathischer Nähe.

Der Flüchtling stellt das Spannungsfeld zwischen Gesetz, Ehre und Zuflucht im Schutzraum der Alhambra dar. Der Ton bleibt verständnisvoll, während Verfolgung und Gewissensfragen aufeinanderprallen.

Übergreifende Themen und Stil

Die Werksammlung verbindet Reisefeuilleton, historische Skizze und Märchen zu einem Ganzen. Ein vertraulicher Ich-Erzähler wechselt zwischen nüchterner Beobachtung und spielerischer Leichtgläubigkeit, wodurch Fakten und Fabeln ineinander übergehen.

Wiederkehrend sind Motive von Erinnerung, Verfall und kultureller Überlagerung, sichtbar in Architektur, Inschriften und nächtlichen Stimmungen. Humor, sanfte Ironie und malerische Beschreibungen halten die Balance zwischen Romantik und realistischer Anschauung.

Erzählungen von der Alhambra

Hauptinhaltsverzeichnis
Die Reise.
Befehlshaberschaft der Alhambra.
Das Innere der Alhambra.
Der Thurm des Comares.
Gedanken über die maurische Herrschaft in Spanien.
Die Haushaltung.
Der Flüchtling.
Des Verfassers Wohnung.
Die Alhambra im Mondlichte.
Bewohner der Alhambra.
Der Löwenhof.
Boabdil el Chico.
Erinnerungen an Boabdil.
Der Balkon.
Das Abentheuer des Maurers.
Ein Spaziergang auf die Hügel.
Oertliche Sagen.
Das Haus des Wetterhahns.
Sage von dem arabischen Astrologen.
Der Thurm der Prinzessinnen.
Sage von den drei schönen Prinzessinnen.
Besucher der Alhambra.
Sage von dem Prinzen Ahmed al Kamel; oder der Liebespilger.
Sage von des Mauren Vermächtniß.
Sage von der Rosa der Alhambra; oder der Page und der Geierfalk.
Der Veteran.
Der Statthalter und der Notar.
Statthalter Manco und der Soldat.
Sage von den zwei verschwiegenen Statüen.
Muhamed Abu Alahmar, der Gründer der Alhambra.
Yusef Abul Hagig, der Vollender der Alhambra.

Die Reise.

Inhaltsverzeichnis

Im Frühling 1829 machte der Verfasser dieses Werkes, den die Neugierde nach Spanien geführt hatte, in Gesellschaft eines Freundes, einem Mitgliede der russischen Gesandtschaft zu Madrid, eine Reise von Sevilla nach Granada. Der Zufall hatte uns aus verschiedenen Regionen des Erdballs zusammengeführt und eine Gleichartigkeit des Geschmacks veranlaßte uns gemeinschaftlich in Andalusiens romantischen Bergen umher zu wandern. Wenn ihm diese Blätter zu Gesicht kommen, wohin auch die Pflichten seines Berufes ihn geschleudert haben, ob er an dem Gepränge der Höfe Theil nehme, oder über den echteren Glanz der Natur nachsinne, mögen sie die Scenen unserer abentheuerlichen Genossenschaft und mit ihnen die Erinnerung an Jemand zurückrufen, bei dem weder Zeit noch Entfernung das Andenken an sein einnehmendes Wesen und seinen Werth verlöschen werden.

Und hier sey es mir, ehe wir die Reise beginnen, vergönnt, vorläufig einiges über spanische Landschaften und spanisches Reisen zu bemerken. Mancher mag sich wohl in seinem Geiste Spanien als ein mildes, südliches Land denken, mit all den üppigen Reizen des wollüstigen Italiens ausgeschmückt. Im Gegentheil ist es, obgleich in einigen der Küstenprovinzen Ausnahmen gefunden werden, zum größern Theil ein ernstes, melancholisches Land, mit rauhen Gebirgen, lang hinziehenden Ebenen, baumlos, unbeschreiblich stumm und einsam, dem wilden und abgeschlossenen Charakter Afrika’s sich nähernd. Was dieses Schweigen und diese Einsamkeit vermehrt, ist der Mangel an Singvögeln, eine natürliche Folge des Abgangs an Laubwerk und Hecken. Wohl sieht man den Geier und den Adler über den Bergen kreisen und über die Ebenen schweben, und Gruppen von scheuen Trappen auf den Heiden umherschreiten; allein die Myriaden kleinerer Vögel, welche den ganzen Charakter anderer Gegenden beleben, trifft man nur in wenigen Provinzen Spaniens und hier vorzüglich in den Obststücken und Gärten, welche die Wohnungen der Menschen umgeben.

In den innern Provinzen durchschneidet der Reisende zuweilen große Strecken, die so weit das Auge reichen kann, mit Frucht besäet sind, jetzt in grünen Wellen wogend, jetzt nackt und sonnenverbrannt; aber vergebens sucht er rund umher die Hand, welche den Boden gebaut hat. Endlich bemerkt er irgend ein Dorf an einer steilen Höhe oder an einem rauhen Fels, mit zerfallenden Zinnen und den Trümmern eines Wartthurms, in alten Zeiten ein fester Platz gegen Bürgerkrieg oder Maurischen Einfall; denn die Gewohnheit, sich zu wechselseitigem Schutz zu versammeln, wird zufolge der Räuberei umstreifender Freibeuter, in den meisten Theilen Spaniens noch unter den Landleuten beibehalten.

Obgleich es aber einem großen Theile von Spanien an dem Schmucke des Laubwerks und der Wälder und den sanfteren Reizen einer kunstreichen Anbauung fehlt, so hat seine Scenerie doch etwas von einem hohen und stolzen Charakter, wodurch jener Mangel ausgeglichen wird. Sie hat einige Aehnlichkeit mit den Eigenthümlichkeiten ihres Volkes, und ich glaube den stolzen, kühnen, mäßigen und enthaltsamen Spanier, seinen männlichen Trotz gegen Mühseligkeiten und seine Verachtung gegen Verweichlichung besser zu kennen, seit ich das Land gesehen habe, welches er bewohnt.

Auch in den streng einfachen Zügen der spanischen Landschaft ist etwas, das die Seele mit einem Gefühle der Erhabenheit erfüllt. Die unermeßlichen Ebenen der beiden Kastilien und der Mancha, die sich, soweit das Auge nur reichen kann, ausdehnen, erhalten selbst durch ihre Nacktheit und Unabsehbarkeit ein Interesse und haben etwas von der feierlichen Größe des Oceans. Wenn man diese grenzenlosen Wüsten durchwandert, fällt der Blick da und dort auf eine einzelne Rinderheerde von einem einsamen Hirten gehütet, der bewegungslos wie eine Statue steht und dessen langer, schlanker Stab wie eine Lanze in die Luft emporragt; oder man sieht einen langen Zug von Maulthieren, die sich langsam die Einöde entlang bewegen, wie ein Zug Kamele in der Wüste; oder einen einzelnen Hirten, der, mit Gewehr und Dolch bewaffnet, durch die Ebene eilt. So hat das Land, so haben die Sitten, selbst das Aussehen des Volkes etwas von dem arabischen Charakter. Der allgemeine Gebrauch der Waffen beweißt, daß es überall unsicher in dem Lande ist. Der Hirt auf dem Feld, der Schäfer in der Ebene hat seine Flinte und sein Messer. Der reiche Dorfbewohner wagt sich selten in den Marktflecken, ohne seinen Trabuco und vielleicht einen Diener zu Fuß mit einer Büchse auf der Schulter bei sich zu haben, und die unbedeutendste Reise wird mit den Vorbereitungen eines kriegerischen Unternehmens angetreten.

Die Gefahren auf der Heerstraße veranlassen auch eine Reiseart, die in einem kleinen Maßstab den Karawanen des Osten gleicht. Die Arrieros, oder Kärner, vereinigen sich zu Geleitschaften und gehen an bestimmten Tagen in großen und wohlbewaffneten Zügen ab, während hinzukommende Reisende ihre Zahl vermehren und ihre Stärke erhöhen. Auf diese alt einfache Weise wird der Handel des Landes betrieben. Der Maulthiertreiber ist der allgemeine Vermittler des Verkehrs und der gesetzmäßige Durchzieher des Landes, der die Halbinsel von den Pyrenäen und den asturischen Gebirgen bis zu den Alpujarras, der Serrania de Ronda und selbst zu den Pforten von Gibraltar durchstreift. Er lebt mäßig und mühevoll; sein Alfurjas von grobem Tuche enthält seinen knappen Vorrath von Lebensmitteln; eine Lederflasche, die an dem Sattelbogen hängt, ist mit Wein oder Wasser gefüllt, um auf dem öden Gebirg oder den dürren Ebenen den Durst zu stillen. Eine Maulthierdecke, auf den Boden gebreitet, ist des Nachts sein Bette und sein Packsattel ist sein Kissen. Seine kleine, aber schön gegliederte und kräftige Gestalt zeugt von Kraft; seine Gesichtsfarbe ist dunkel und sonneverbrannt; sein Auge entschlossenen aber ruhigen Ausdrucks, ausgenommen wenn eine plötzliche Erregung es entflammt; sein Benehmen ist frei, männlich, höflich und er geht nie an dir vorbei ohne einen ernsten Gruß:»Dios guarde à usted!« »Va usted con Dios, Caballero!«– »Gott schirme euch! Gott sey mit euch; Herr!«

Da diese Leute oft ihr ganzes Vermögen in dem Gepäck ihrer Maulthiere tragen, so haben sie ihre Waffen, die an den Sattel befestigt und augenblicklich zu verzweifeltem Widerstand bereit sind, stets zur Hand. Ihre vereinte Zahl aber sichert sie gegen kleine Banden von Schnapphähnen; und der einsame Bandolero, bis zu den Zähnen bewaffnet und auf seinem Andalusier sitzend, umschwebt sie, wie ein Seeräuber das Geleitschiff eines Kauffahrers, ohne einen Angriff zu wagen.

Der spanische Maulthiertreiber hat einen unerschöpflichen Vorrath von Liedern und Balladen, um sein unaufhörliches Wanderleben damit zu erheitern. Die Weisen sind rauh und einfach, indem sie nur aus wenigen Inflexionen bestehen. Diese singt er mit lauter Stimme und langem, gezogenem Tonfall heraus, während er quer auf seinem Maulthier sitzt, das mit unendlichem Ernste zu lauschen und mit seinem Schritte den Takt zu der Weiße zu halten scheint. Die so abgesungenen Strophen sind oft alte überlieferte Romanzen, die Mauren betreffend, oder irgend eine Heiligen-Legende, oder ein Liebesliedchen; oder, was noch häufiger der Fall ist, eine Ballade auf einen kecken Schleichhändler, oder einen kühnen Bandolero, denn der Schmuggler und der Räuber sind poetische Helden bei dem gemeinen Volke Spaniens. Oft ist der Gesang des Maulthiertreibers ein Erzeugniß des Augenblicks und bezieht sich auf eine örtliche Scene oder auf irgend einen Reisevorfall. Dieses Talent des Gesanges und der Improvisation ist sehr häufig in Spanien und soll ihnen von den Mauren vererbt worden seyn. Es hat etwas wild Ergötzliches, diesen Liedern in den rauhen und einsamen Gegenden, von denen sie Kunde geben, zu lauschen, wenn sie von dem Geklingel der Glocke des Maulthirs begleitet werden.

Es ist auch von einer sehr malerischen Wirkung, in einem Gebirgspaß auf einen Zug von Maulthiertreibern zu stoßen. Zuerst hört man die Glocken der vordern Maulthiere, die mit ihrem einfachen Tone die Stille der luftigen Höhe unterbrechen; oder vielleicht die Stimme des Maulthiertreibers, der ein träges oder vom Weg abgekommenes Thier ermahnt, oder mit der ganzen Kraft seiner Lunge eine alte Ballade singt. Endlich sieht man die Maulthiere sich langsam den engen Felsenpaß entlang winden, zuweilen steile Klippen niedersteigend, so daß sie sich scharf gegen den Himmel abzeichnen, zuweilen aus den tiefen öden Klüften unten sich empor arbeitend. Während sie sich nähern, unterscheidet man ihren bunten Schmuck von wollenen Büschen, Troddeln und Satteldecken, während, bei’m Vorüberziehen, der stets bereite Trabuco hinter den Päcken und Sätteln, die Unsicherheit der Straße andeutet.

Das alte Königreich Granada, in welches wir nun eintreten, ist eines der bergigsten Länder Spaniens. Weite Sierras, oder Gebirgsketten, ohne Strauch oder Baum, farbig von mannigfachen Marmorn und Graniten, erheben ihre sonnverbrannten Gipfel gegen einen tief blauen Himmel; allein in ihren schroffen Gründen liegen die grünsten und fruchtbarsten Thäler eingeklüftet, wo Wüste und Garten um den Vorrang streiten und selbst der Fels gezwungen scheint, Feigen, Orangen und Zitronen zu spenden und sich mit der Myrthe und der Rose zu schmücken.

Der Anblick ummauerter Städte und Dörfer, die wie Adlernester an den Klippen hängen und von maurischen Zinnen umgeben sind, oder von zerfallenden Wartthürmen, die auf luftigen Kuppen thronen, führen in den wilden Pässen dieser Berge den Geist in die ritterliche Zeit des christlichen und mahomedanischen Kriegslebens und zu dem romantischen Kampf um Granada’s Eroberung zurück. Der Reisende muß, wenn er diese hohe Gebirge durchzieht, absteigen und sein Pferd die steilen und eingekerbten Pfade, die bergan und thalab führen und den zerbrochenen Stufen einer Treppe gleichen, auf und nieder leiten. Zuweilen windet sich der Weg schwindlige Abgründe entlang, ohne ein Geländer, das ihn vor der Tiefe unten schützt, und stürzt dann tiefe, dunkle und gefährliche Abhänge nieder. Zuweilen geht er durch rauhe Barrancas, oder Schluchten, von Winterströmen ausgewaschen, der heimliche Pfad der Schmuggler; während da und dort das bedeutungsvolle Kreuz, das Denkzeichen einer Räuberei oder eines Mordes, auf einem Steinhaufen an irgend einem einsamen Theil des Weges errichtet, den Reisenden ermahnt, daß er im Bereich von Banditen, vielleicht in diesem Augenblick unter den Augen eines lauernden Bandolero ist. Zuweilen setzt ihn, wenn er sich durch die engen Thäler windet, ein rauhes Gebrüll in Erstaunen und er sieht über sich, auf einem grünen Einschnitt der Bergseite, eine Heerde wilder andalusischer Stiere, die zum Kampfe der Arena bestimmt sind. Es ist etwas Schauerliches in dem Anblick dieser furchtbaren Thiere, mit schreckenhafter Kraft begabt und, fast Fremdlinge dem Antlitze des Menschen, in ungezähmter Wildheit ihre heimathlichen Weiden durchstreifend; sie kennen niemand, als den einsamen Hirten, der sie hütet und er selbst wagt es zu Zeiten nicht, ihnen nahe zu kommen. Das tiefe Brüllen dieser Stiere und ihr drohendes Aussehn, wenn sie von der Felsenhöhe nieder blicken, erhöht die Wildheit der rauhen Scenerie umher.

Ich habe mich unwillkührlich verleiten lassen, bei den allgemeinen Zügen des Reisens in Spanien länger zu verweilen, als meine Absicht war. Es ist aber etwas Romantisches in jeder Erinnerung an die Halbinsel und die Einbildungskraft scheidet ungern davon[1q].

Am ersten Mai verließen mein Gefährte und ich Sevilla, um nach Granada zu gehen. Wir hatten alle Vorbereitungen getroffen, welche eine solche Reise durch gebirgige Gegenden, wo die Wege wenig mehr als bloße Pfade für Maulthiere und zu häufig von Räubern belagert sind, nothwendig machte. Der werthvollere Theil unseres Gepäcks war durch Arrieros vorausgeschickt worden; wir behielten nur Kleidung und das Nothwendigste für den Weg und Geld für die Ausgaben der Reise bei uns; doch steckten wir von letzterm einen kleinen Ueberschuß zu uns, um den Erwartungen der Räuber, wenn wir angegriffen würden, Genüge zu thun, und uns die rauhe Behandlung zu ersparen, die den zu sparsamen geldarmen Reisenden erwartet. Zwei starke Pferde wurden für uns, ein drittes für unser kleines Gepäck und einen stämmigen Biskaier gemiethet, einen Burschen von ungefähr zwanzig Jahren, der uns durch die Irrgewinde der Bergwege führen, für die Pferde sorgen, gelegentlich die Stelle unseres Bedienten und immer die unseres Wächters vertreten sollte; denn er hatte einen furchtbaren Trabuco oder Karabiner, um uns gegen Rateros, oder Straßenräuber zu Fuß, zu vertheidigen; er prahlte mit dieser Waffe ungemein viel, obgleich ich, zur Unehre seiner Anführerschaft, sagen muß, daß sie gewöhnlich ungeladen hinter seinem Sattel hing. Er war jedoch ein treues, munteres, gutherziges Wesen, voller Phrasen und Sprichwörter, wie jenes Wunder von Knappen, der berühmte Sancho selbst, dessen Namen wir ihm gaben; und als echter Spanier überschritt er, obgleich wir ihn mit genossenschaftlicher Vertraulichkeit behandelten, nicht einen Augenblick, selbst nicht in seiner besten Laune, die Grenzen des respectvollen Anstandes.

So ausgerüstet und begleitet begaben wir uns auf die Reise, in der echten Stimmung, uns zu vergnügen. Welch ein Land ist, mit einer solchen Stimmung, Spanien für einen Reisenden, wo das elendeste Wirthshaus voll Abentheuer wie ein bezaubertes Schloß, und jede Mahlzeit an sich schon eine Heldenthat ist! Laßt andere über den Mangel regelrechter Straßen und stattlicher Gasthäuser und all die künstlichen Behaglichkeiten eines zu Zahmheit und Alltäglichkeit ausgebildeten Landes klagen; aber mir gebt das rauhe Bergklettern, das umschweifende, aufs Gradewohl hingehende Wanderleben, die offenen, gastfreundlichen, obwohl halbwilden Sitten, welche dem romantischen Spanien einen so echten Hochgeschmack geben.

Unser erstes Nachtlager bot etwas der Art dar. Wir kamen nach einer ermüdenden Reise über eine weite, hauslose Ebene, wo Regenschauer uns wiederholt durchnäßt hatten, nach Sonnenuntergang zu einer kleinen Stadt in den Bergen. In dem Wirthshaus war eine Abtheilung von Miqueletes, welche die Gegend durchstreiften, um Räuber zu verfolgen. Die Erscheinung von Fremden, wie wir, war in dieser entlegenen Stadt etwas Ungewöhnliches; unser Wirth studirte mit zwei oder drei alten gesprächigen Kameraden in braunen Mänteln in einer Ecke der Posada unsere Pässe, während ein Alguazil bei dem trüben Licht einer Lampe mit Schreiben beschäftigt war. Die Pässe waren in fremden Sprachen und verwirrten sie, bis unser Knappe Sancho sie in ihren Studien unterstützte und unsere Wichtigkeit mit der Großsprecherei eines Spaniers erhob. Mittlerweile hatte die großmüthige Vertheilung einiger Cigarren die Herzen aller um uns gewonnen; nach kurzer Zeit schien die ganze Gemeinde in Aufruhr, um uns zu bewillkommnen. Der Corregidor selbst machte uns seinen Besuch, und die Wirthin machte mit Gepränge einen Armstuhl mit einem Strohsitz in unserer Stube für die Bequemlichkeit dieser wichtigen Person zurecht. Der Anführer der Misqueletes aß mit uns zu Nacht, ein lebendiger, gesprächiger, lachlustiger Andalusier, der einen Feldzug in Südamerika mitgemacht hatte, und uns seine Liebes-und Kriegsthaten mit vielem Wortgepräng, heftigem Mienenspiel und geheimnißvollem Rollen der Augen erzählte. Er sagte uns, er habe eine Liste aller Räuber der Umgegend, und gedenke, einen wie den andern an’s Tageslicht zu ziehen; zugleich bot er uns einige seiner Soldaten als Geleit an. »Einer reicht hin, Sie zu schützen, Sennores; die Räuber kennen mich und kennen meine Leute; der Anblick eines einzigen reicht hin, Schrecken in der ganzen Sierra zu verbreiten.« Wir dankten ihm für sein Anerbieten, versicherten ihn aber in seiner eignen Weise, unter dem Schutz unseres gefürchteten Knappen Sancho flößten uns alle Räuber Andalusiens keine Angst ein.

Während wir mit unserm eisenfresserischen Freunde zu Nacht aßen, hörten wir die Töne einer Guitarre und den Schall von Castagnetten, und dann einen Chor von Stimmen, die eine bekannte Melodie sangen. In der That hatte unser Wirth die Sänger und Musiker und die ländlichen Schönen der Nachbarschaft zusammen gerufen, und als wir hinaustraten, bot der Hof des Wirthshauses eine Scene echt spanischer Festlichkeit dar. Wir nahmen unsere Sitze bei dem Wirthe, der Wirthin und dem Anführer der Patrouille unter dem Bogenthor des Hofes; die Guitarre ging von Hand zu Hand, aber ein jovialer Schuhmacher war der Orpheus des Ortes. Er war ein freundlich aussehender Bursche mit großem schwarzem Backenbart; seine Aermel waren bis zu den Ellenbogen aufgerollt; er spielte die Guitarre meisterhaft, und sang kleine verliebte Lieder mit einem ausdrucksvollen Seitenblick auf die Frauen, bei denen er augenscheinlich sehr in Gunst stand. Er tanzte dann zur großen Freude der Zuschauer mit einer drallen andalusischen Maid den Fandango. Aber keine der anwesenden Mädchen konnte sich unsers Wirthes hübscher Tochter, Pepita, vergleichen, die sich weggeschlichen und ihre Toilette gemacht, und ihren Kopf mit Rosen geschmückt hatte, und sich in einem Bolero mit einem schönen jungen Dragoner auszeichnete. Wir hatten unserm Wirth aufgetragen, Wein und Erfrischungen unter den Leuten herumzugeben, und obgleich die Gesellschaft aus einem bunten Gemisch von Soldaten, Maulthiertreibern und Dörflern bestand, überschritt doch niemand die Grenzen nüchterner Belustigung. Die Scene konnte eine Studie für Mahler abgeben: die pittoreske Gruppe der Tänzer, die Miqueletes in ihrer halb militärischen Tracht, die Landleute in ihre braune Mäntel drappirt, auch darf ich des alten magern Alguazil in einem kurzen schwarzen Mantel nicht vergessen, der an nichts, was um ihm vorging, Theil nahm, sondern in einem Winkel saß, und emsig bei’m trüben Licht einer großen kupfernen Lampe schrieb, welche in den Tagen des Don Quixote eine Rolle gespielt haben mochte.

Ich schreibe keinen regelmäßigen Reisebericht, und beabsichtige keine Schilderung der mannigfaltigen Begegnisse unserer mehrtägigen Streifereien über Thäler und Höhen, Niederungen und Berge. Wir reiseten auf echte Schleichhändlerweise, indem wir alles das Rauhe wie das Freundliche hinnahmen, wie sich’s fand, und mit allen Klassen und Ständen in einer Art landstreicherischer Genossenschaft verkehrten. Dieß ist die rechte Weise, in Spanien zu reisen. Da wir die Spärlichkeit der Speisekammer der Wirthshäuser und die öden Landstriche kannten, welche der Reisende oft durchziehen muß, sorgten wir bei der Abreise, daß die Alforjas oder Sattelsäcke unseres Knappen mit kaltem Mundvorrath gut versehen, und sein Bota oder lederne Flasche, die einen stattlichen Umfang hatte, bis zum Hals mit ausgesuchtem Valdepenas-Wein gefüllt war. Da dieser Kriegsvorrath für unsern Feldzug sogar wichtiger war, als sein Trabuco, ermahnten wir ihn, ein wachsames Auge darauf zu haben, und ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, und sagen, daß sein Namensvetter, der 1eckere Sancho, selbst ihn als sorglichen Proviantmeister nicht übertreffen konnte. Obschon die Alforjas und die Bota auf der Reise wiederholt und kräftig angegriffen wurden, schienen sie doch die wunderbare Eigenschaft zu haben, daß sie nie leer wurden; denn unser wachsamer Knappe sorgte, daß alles, was von unserer Abendmahlzeit in den Wirthshäusern übrig blieb, eingepackt und für die Zwischenmahlzeit des nächsten Tags aufgehoben wurde.

Welche üppigen Nachmittagsmahle hielten wir auf dem grünen Rasen, zur Seite eines Bachs oder Brunnens, unter einem schattigen Baum! und dann welche köstliche Siesta’s auf unsern Mänteln, die wir auf das Grün breiteten!

Wir hielten eines Nachmittags, um ein Mahl dieser Art uns zu nehmen. Es war auf einer freundlichen, kleinen, grünen Wiese, von Hügeln umgeben, die mit Olivenbäumen bedeckt waren. Unter einer Ulme, am Rand eines sprudelnden Bächleins, waren unsere Mäntel ausgebreitet; auf einem grasigen Platz weideten die los angebundenen Pferde, und Sancho brachte seine Alforjas mit triumphirender Miene. Sie enthielt die Beisteuer von vier Reisetagen, hatte sich aber dadurch ungemein vermehrt, daß ein gut versehenes Wirthshaus zu Antequerra am vergangenen Abend neuen Vorrath lieferte. Unser Knappe zog den verschiedenartigen Inhalt allmählig hervor, und schien nicht zum Ende kommen zu können. Zuerst erschien ein gerösteter Bocksschlegel, der durch das Aufheben nicht viel schlechter geworden war; dann ein ganzes Rebhuhn; dann ein großes Stück gesalzenen Stockfisches, in Papier gewickelt; dann der Rest eines Schinkens, dann ein halbes Huhn mit verschiedenen Broden und einem bunten Haufen von Orangen, Feigen, Rosinen und Wallnüssen. Auch seiner Rota war mit trefflichem Malaga-Wein nachgeholfen worden. Bei jedem neuen Zug aus dem Sacke ergötzte er sich an unserm scherzhaften Staunen, warf sich zurück auf das Gras und lachte wie ein Kind. Dem einfach-gutmüthigen Burschen gefiel nichts mehr, als wegen seiner Leckerhaftigkeit mit dem berühmten Knappen des Don Quixote verglichen zu werden. Er war in der Geschichte des Don sehr belesen, und hielt sie, wie die meisten gemeinen Leute in Spanien, für eine wahre Historie.

»Alles das hat sich aber doch vor langer Zeit zugetragen, Sennor?« fragte er mich eines Tages mit forschendem Blick.

»Vor sehr langer Zeit,« war die Antwort.

»Ich glaube wohl, vor mehr als tausend Jahren?« immer noch zweifelhaft aussehend.

»Ich glaube wohl nicht weniger.«

Der Knappe war zufrieden gestellt.

Während wir, wie gesagt, unser Mahl hielten, und uns an dem einfach drolligen Wesen unsers Knappen belustigten, näherte sich uns ein Bettler, der fast das Aussehen eines Pilgers hatte. Er war augenscheinlich sehr alt, hatte einen grauen Bart und stützte sich auf einen Stab, doch hatte das Alter ihn noch nicht gebeugt; er war groß und grade, und zeigte die Trümmer einer schönen Gestalt. Er trug einen runden andalusischen Hut, eine Jacke von Schafspelz und lederne Hosen, Kamaschen und Sandalen. Seine Kleidung war alt und geflickt, aber anständig, sein Benehmen männlich; er redete uns mit jener ernsten Höflichkeit an, die man bei dem niedrigsten Spanier bemerkt. Wir waren in einer für solchen Besucher günstigen Stimmung, und gaben ihm in einem Anfall launenhafter Milde etwas Silber, ein schönes Waizenbrod und einen Becher von unserm trefflichen Malagawein. Er nahm dieß erkenntlich an, doch ohne den kriechenden Tribut der Dankbarkeit. Als er den Wein versucht hatte, hielt er ihn, mit einem leichten Strahl des Erstaunens in seinem Auge, gegen das Licht; dann leerte er den Becher auf einen Zug. »Es sind viele Jahre,« sagte er, »daß ich solchen Wein nicht gekostet habe. Er thut dem Herzen eines alten Mannes wohl.« Und dann auf das schöne Waizenbrod schauend:»Bendito sea tal pan«(gesegnet sey solches Brod). Bei diesen Worten steckte er es in seine Tasche. Wir drangen in ihn, es sogleich zu essen. »Nein, Sennores,« sagte er, »den Wein mußte ich trinken, oder hier lassen; aber das Brod muß ich für meine Familie mit nach Hause nehmen.«

Unser Freund Sancho suchte unser Auge, und da er darin die Erlaubniß las, gab er dem Alten etwas von den reichen Resten unsers Mahls, jedoch unter der Bedingung, daß er sich niedersetze und esse.

Er nahm also seinen Sitz in einiger Entfernung von uns, und begann langsam und mit einer Nüchternheit und einem Anstand zu essen, der einem Hidalgo Ehre gemacht hätte. Es war etwas Gemessenes, eine ruhige Selbstbeherrschung in dem alten Mann, die mich glauben ließ, er habe bessere Tage gesehen. Auch seine Sprache hatte, obschon sie einfach war, gelegentlich etwas malerisches und fast poetisches in der Ausdrucksweise. Ich hielt ihn für einen herabgekommenen Adligen. Ich irrte mich; es war nichts als die angeborne Sittenfeinheit des Spaniers, und die poetische Wendung der Gedanken und Worte, wie man sie oft in den niedrigsten Klassen dieses geistvollen Volkes findet. Fünfzig Jahre, sagte er uns, sey er ein Schäfer gewesen, doch jetzt sey er ohne Beschäftigung und verlassen. »Als ich jung war,« sagte er, »konnte mich nichts grämen oder beunruhigen; ich war stets gesund, stets heiter; aber jetzt bin ich 79 Jahre alt und ein Bettler, und mein Muth fängt an mich zu verlassen.«

Doch war er noch kein eigentlicher Bettler; erst neuerlich hatte ihn der Mangel zu dieser Erniedrigung getrieben; er gab uns ein rührendes Gemälde von dem Kampf zwischen Hunger und Stolz, als die äußerste Noth über ihn kam. Er kehrte von Malaga ohne Geld zurück; er hatte eine Zeit lang nichts gegessen, und mußte eine der größten Ebenen Spaniens, wo sich nur wenige Wohnungen finden, durchwandern. Als er vor Hunger fast verging, hielt er an der Thüre einer Venta (Wirthshaus auf dem Lande) an.»Perdon usted por Dios, hermano«(entschuldigt uns um Gottes willen, Bruder), war die Antwort – in Spanien die gewöhnliche Art, einen Bettler abzuweisen. »Ich wandte mich,« sagte er, »hinweg, meine Scham war größer als mein Hunger, denn mein Herz war noch zu stolz. Ich kam an einen Fluß mit hohen Ufern und tiefer, rascher Strömung, und fühlte mich versucht, hinein zu stürzen. Wozu soll, sagte ich mir, ein solcher alter, unnützer, unglücklicher Mann, wie ich bin, leben? Als ich aber an dem Rande des Ufers war, gedachte ich der gebenedeiten Jungfrau und wandte mich ab. Ich reiste weiter, bis ich in einiger Entfernung von der Straße einen Landsitz sah. Ich trat an das äußere Thor des Hofes. Die Thüre war verschlossen, aber an einem Fenster waren zwei junge Sennora’s. Ich näherte mich und bettelte:Perdon usted con Dios, hermano«(entschuldigt uns um Gottes willen, Bruder), und das Fenster schloß sich. Ich kroch aus dem Hofe, aber der Hunger übermannte mich und meine Kraft brach. Ich glaubte, meine letzte Stunde sey gekommen, legte mich drum an dem Thore nieder, empfahl mich der heiligen Jungfrau und verhüllte mein Haupt, um zu sterben. Nach einer Weile kehrte der Herr des Hauses zurück; da er mich an seinem Thore liegen sah, enthüllte er mein Haupt, fühlte Mitleid mit meinem grauen Haare, nahm mich in sein Haus und gab mir zu essen. So sehen Sie, Sennores, daß man stets Vertrauen in den Schutz der Jungfrau setzen sollte.«

Der alte Mann war auf dem Weg zu seinem Geburtsort, Archidona, das ganz nahe, auf dem Gipfel eines steilen und rauhen Berges lag. Er zeigte auf die Ruinen eines alten maurischen Schlosses. »Dieses Schloß,« sagte er, »wurde zur Zeit der Kriege von Granada von einem maurischen König bewohnt. Die Königin Isabelle umzingelte es mit einem großen Heere; aber der König blickte aus seinem Schlosse in den Wolken nieder, und lachte ihrer höhnisch. Darauf erschien die Jungfrau der Königin, und führte sie und ihr Heer einen geheimnißvollen Pfad in den Bergen empor, welchen vorher noch niemand gekannt hatte. Als der Maure sie kommen sah, war er erstaunt, sprang mit seinem Pferde von einer Klippe und wurde zerschmettert. Am Rande des Felsens,« sagte der alte Mann, »sieht man noch heute die Spuren von den Hufen seines Rosses. Und sehen Sie, Sennores, dort ist der Weg, auf welchem die Königin und ihr Heer emporstiegen; Sie sehen ihn wie ein Band die Seite des Berges hinanziehen; aber das Wunderbare ist, man sieht ihn wohl in einiger Entfernung, wenn man aber näher kömmt, verschwindet er.«

Der geglaubte Weg, auf den er zeigte, war ohne Zweifel ein sandiger Wasserriß des Berges, welcher in der Entfernung schmal und begrenzt aussah, aber breit und unbestimmt wurde, wenn man näher kam.

Der Wein erwärmte das Herz des alten Mannes, und er erzählte uns eine Geschichte von einem vergrabenen Schatze, der unter dem Schlosse des maurischen Königs liege. Sein Haus grenze an die Grundmauer des Schlosses. Der Pfarrer und der Notar hätten dreimal von dem Schatze geträumt, und begonnen, an dem durch die Träume bezeichneten Orte zu graben. Sein eigener Schwiegersohn habe den Klang ihrer Bicken und Spaten in der Nacht gehört. Niemand wisse, was sie gefunden; sie seyen plötzlich reich geworden, hätten aber ihr Geheimniß für sich behalten. So war der alte Mann einst vor der Thüre des Glückes gewesen, war aber verurtheilt, nie mit ihm unter dasselbe Dach zu kommen.

Ich habe bemerkt, daß die in ganz Spanien gäng’ und geben Geschichten von Schätzen, welche die Mauren vergraben, unter den ärmsten Leuten am gangbarsten sind. Die gütige Natur tröstet auf diese Art mit Schatten für die Entbehrung des Wesentlichen. Der Durstige träumt von Quelle und strömenden Bächen; der Hungrige von idealen Schmäußen; und der Arme von Haufen verborgenen Goldes; es gibt gewiß nichts prächtigeres als die Einbildungskraft eines Bettlers.

Die letzte Reise-Skizze, welche ich geben werde, ist eine Abendscene in dem Städtchen Loxa. Dieß war ein berühmter kriegerischer Grenzposten zu den Zeiten der Mauren, und Ferdinand wurde vor seinen Wällen zurückgeworfen. Es war die Schutzwehr des alten Aliatac, des Schwiegervaters von Boabdil, als der feurige alte Krieger mit seinem Schwiegersohn zu seinem unglücklichen Ueberfall auszog, welcher mit dem Tode des Anführers und mit der Gefangenschaft des Monarchen endigte. Loxa liegt wild in einem öden Gebirgspasse, an den Ufern des Xenil, unter Felsen und Laubwerk, Wiesen und Gärten. Das Volk scheint noch ganz den kühnen, feurigen Geist der alten Zeit zu besitzen. Unser Gasthaus war der Stelle angepaßt. Es war im Besitz einer jungen und schönen andalusischen Wittwe, deren niedliche Basquinna von schwarzer Seide, mit Glaskorallen besetzt, das Spiel einer anmuthigen Form und runder gelenker Glieder hervorhob. Ihr Gang war fest und elastisch, ihr schwarzes Auge voll Feuer, und die Koketterie ihres Wesens und der vielfache Schmuck an ihrem Körper zeigte, daß sie gewohnt war, bewundert zu werden.

Ein Bruder, fast mit ihr von gleichem Alter, paßte trefflich zu ihr; sie waren vollkommene Vorbilder der andalusischen Majo und Maja. Er war groß, kräftig, schön geformt, mit heller Oliven-Gesichtsfarbe, einem dunkeln, strahlenden Auge und lockigem, kastanienbraunen Backenbart, der unter dem Kinn zusammengewachsen war. Er war zierlich in eine kurze grüne sammtne Jacke gekleidet, die seiner Gestalt angepaßt, und verschwenderisch mit silbernen Knöpfen geschmückt war, und hatte in jeder Tasche ein weißes Taschentuch. Die Hosen waren von demselben Stoff, mit Reihen von Knöpfen von der Hüfte bis zu den Knieen; ein blaßrothes seidenes Halstuch, das durch einen Ring zusammen gehalten ward, und auf einem schön gefältelten Hemde ruhte, um den Hals; einen Gürtel um den Leib; Bottina’s oder Kamaschen vom schönsten braunen Leder, zierlich ausgenäht und an der Wade offen, um die Strümpfe sehen zu lassen, und braune Schuhe, die einen schön geformten Fuß hervorhoben.

Während er an der Thüre stand, kam ein Reiter die Straße herab, und begann eine leise und ernsthafte Unterhaltung mit ihm. Er war in ähnlicher Weise gekleidet und fast mit gleicher Zierlichkeit; ein Mann gegen dreißig, stark gebaut, mit kräftigen römischen Gesichtszügen, schön, obgleich leicht von den Blattern zerrissen, mit einem freien, kühnen und etwas anmaßenden Wesen. Sein kräftiges schwarzes Pferd war mit Trodeln und fantastischem Putz geschmückt, und ein Paar weitgemündete Büchsen hingen hinter dem Sattel. Er hatte das Ansehen eines jener Schleichhändler, welche ich in den Bergen von La Ronda gesehen hatte, und stand offenbar im Einverständniß mit dem Bruder der Wirthin; ja, wenn ich nicht irre, war er ein Liebling der Wittwe. Das ganze Wirthshaus und seine Bewohner hatte in der That etwas von schleichhändlerischem Ansehen, und die Büchse stand in einem Winkel neben der Guitarre. Der Reiter, dessen ich gedachte, brachte seinen Abend in der Posada zu, und sang mehrere kecke Gebirgslieder mit vieler Lebhaftigkeit. Während wir zu Nacht aßen, kamen zwei arme Asturier herein, und baten um Speise und Nachtherberge. Sie waren auf einem Markt im Gebirge gewesen, Räuber hatten sie auf dem Rückweg angefallen, ihnen ein Pferd genommen, das ihren ganzen Waaren-Vorrath trug, sie ihres Geldes und des größten Theils ihrer Kleidung beraubt, sie geschlagen, weil sie sich widersetzt, und sie fast nackt auf der Straße gelassen. Mein Gefährte befahl mit dem raschen Edelsinne, der ihm eigen, daß man ihnen Nachtessen und ein Bett geben solle, und schenkte ihnen eine Summe Geldes, damit sie ihre Heimath erreichen könnten.

Mit dem Vorschreiten des Abends vermehrten sich die Personen des Drama’s. Ein dicker Mann, ungefähr sechzig Jahre alt, von kräftiger Gestalt, kam herein, um mit der Wirthin zu schwatzen. Er war in der gewöhnlichen andalusischen Tracht, hatte aber einen großen Säbel unter dem Arme stecken; er trug einen großen Schnurrbart und hatte ein etwas großthuerisches, windiges Wesen. Alles schien ihn mit großer Ehrerbietung zu behandeln.