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Nach diesem Sommer wird nichts mehr so sein, wie es war ...
Drei Jahre sind seit dem Sommer vergangen, in dem Jazz Fraser den größten Fehler ihres Lebens beging und sich in den Bruder ihrer besten Freundin verliebte. Drei Jahre seit Joey ihr das Herz brach. Drei Jahre bis sie erkennt, dass sie in Butler Cove niemals über ihn hinwegkommen wird. Sie will nach Kapstadt und alles hinter sich lassen. Doch ausgerechnet jetzt ist Joey zurück und mit einem Schlag schon wieder in ihrem Herzen ...
"Sexy, romantisch, herzzerreißend! Ich habe dieses Buch verschlungen!" J. Kenner
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Seitenzahl: 489
Veröffentlichungsjahr: 2017
Seitdem Jazz denken kann, ist sie heimlich in Joey Butler verliebt. Trotz seiner arroganten Art und obwohl er der Bruder ihrer besten Freundin Keri Ann ist. Doch seit dem Sommer, in dem Jazz den größten Fehler ihres Lebens beging und mit ihm die Grenze zwischen Freundschaft und Liebe überschritt, sind inzwischen drei Jahre vergangen. Drei Jahre seitdem Joey ihr das Herz gebrochen hat. Drei Jahre seitdem er sie allein gelassen hat. Und drei Jahre bis Jazz erkennt, dass sie in Butler Cove niemals über Joey hinwegkommen wird. Fest entschlossen die Vergangenheit hinter sich zu lassen, will sie aufbrechen, um in Kapstadt Fotografie zu studieren. Doch ausgerechnet jetzt ist Joey zurück. Zurück in Butler Cove, zurück vor ihrer Tür – und mit einem Schlag zurück in ihrem Herz!
NATASHA BOYD
Mit dir kam der Sommer
Roman
Ins Deutsche übertragen vonHenriette Zeltner
Pa,
es ist passiert. Endlich! Ich habe eine beste Freundin für mich gefunden. Sie weiß es zwar noch nicht, aber das kommt schon. Und ich kann es kaum erwarten, sie Dir vorzustellen. Wann kommst Du wieder? Sie ist gerade erst hergezogen. Danke, lieber Gott! Hatte schon fast gedacht, die fünfte Klasse wäre Mist. Ich vermisse Dich so so so so so so so so soooooo.
Ich vermisse Dich so, wie eine Krabbe ihre Schere. <~ Versuch das mal zu toppen.
Alles Liebe von Deinem Jazzy Bärchen
PS: Sie hat einen Bruder, aber der nervt.
Heute
Mai
»Autsch«, flüstere ich, als ich mich behutsam auf das kratzige Laken eines Motels in Florida lege, wo wir unsere Ferien nach Ende des Schuljahrs verbringen. Die Haut auf meinem Rücken brennt wie Feuer, und es wird immer schlimmer.
Der tief schlafende männliche Körper neben mir grunzt und wälzt sich auf die Seite, sodass ich sein zerzaustes braunes Haar und seine schlanke Figur sehen kann.
»Sorry«, knurre ich. »Störe ich etwa deinen Schönheitsschlaf?« Keine Antwort. Das ist also seine Reaktion auf meine Bitte, mir ein bisschen kühlende Lotion auf dem Rücken zu verteilen. Dann muss ich wohl auf dem Bauch schlafen.
Ich schnappe mir mein Handy, um nach der Uhrzeit zu sehen, da wird mir ganz flau und trotz des Sonnenbrands läuft es mir eiskalt über den Rücken. Sieben verpasste Anrufe und ein paar »Ruf mich zurück«-SMS von meiner besten Freundin Keri Ann.
Oh Shit.
Joey.
Ihr Bruder ist mein erster Gedanke.
Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mitten in der Nacht so einen panischen Anruf von Keri Ann kriege. Das erste Mal, als ihre Eltern gestorben waren. Dann nach dem Tod ihrer Nana.
Ich: Ruf dich morgen früh an. Hoffe, alles ok.
Mein Telefon reagiert sofort mit dem Ton für eine neue Nachricht.
KA: Nein. Nichts ist ok. Kannst du sprechen?
Meine Hände beginnen augenblicklich zu zittern und das Blut rauscht mir in den Ohren. Ich wähle. Mir ist kotzübel. Bitte, lass Joey okay sein. Warum sonst würde seine Schwester sich sonst so bei mir melden?
»Danke, dass du anrufst«, begrüßt Keri Ann mich knapp.
Mein Magen zieht sich zusammen. »Sag schon, was ist los? Bist du okay?« Ich schlucke. »Ist Joey …?«
»Gut. Es geht ihm gut«, beeilt sie sich, mir zu versichern.
Ich seufze keuchend und wundere mich anschließend sofort über meine Panik.
»Sorry, wenn ich dich erschreckt habe. Mir geht es auch gut, ich bin bloß … Oh Gott, Jazz. Jack ist zurück in Butler Cove.«
Ich bin total perplex. Jack Eversea (ja, der Filmstar, und ja, der ein Scheißkerl ist) zurück in Butler Cove?
»Ich habe ihn gesehen.«
»Oh mein Gott. Ernsthaft?« In den vergangenen sieben Monaten musste ich mit ansehen, wie meine beste Freundin mit gebrochenem Herz am Boden zerstört war, weil Jack sie auf total fiese Art verlassen hatte. Danach ist sie nur mit purer Willenskraft wieder auf die Beine gekommen. Aber die Neuigkeit, dass Jack Eversea nach der ganzen Zeit wieder aufgetaucht ist, bewahrt mich davor, mich mit meiner eigenen Reaktion darauf auseinanderzusetzen, dass ich dachte, ihrem Bruder wäre etwas passiert.
Keri Ann und ich sind seit der fünften Klasse beste Freundinnen. Ein Leben ohne sie kann ich mir nicht vorstellen. Das Problem ist nur, dass zum »sie« auch ein »er« gehört. In Gestalt ihres Bruders, in den ich ungefähr schon so lange verknallt bin, wie ich sie kenne, und der mir im zarten Altern von achtzehn das Herz gebrochen hat.
Endlich habe ich meine kindlichen Träumereien von Joey aufgegeben und Beziehungen wie eine Erwachsene. Deshalb auch der Männerkörper neben mir, mit dem ich das Motelzimmer teile.
Brandon.
Okay, also vielleicht ist das doch keine ganz erwachsene Beziehung. Er sieht sehr gut aus, aber es ist ein Wunder, dass er es durchs College schafft, denn sehr viel scheint er nicht zwischen den Ohren zu haben.
Am Telefon berichtet Keri Ann mir, wie Jack aus heiterem Himmel aufkreuzte, als sie gerade einen platten Reifen an ihrem Truck wechseln musste. Sie war mit Colt, dem besten Freund ihres Bruders, unterwegs, der Jack anscheinend einen schon längst überfälligen Faustschlag ins Gesicht verpasst hat.
Als sie mit ihrem Bericht übers Reifenwechseln, den Faustschlag und ihr regennasses T-Shirt, das beide Jungs auf dem Pannenstreifen des Highways sprachlos anstarrten, fertig ist, kichere ich wie verrückt.
Neben mir brummt Brandon wieder, aber diesmal schiebt er dazu auch noch eine Hand auf meinen Schoß und zwischen meine Beine. Ich schiebe sie weg. »Schscht«, mache ich und verdrehe die Augen. Er ist attraktiv und so notgeil. »Entschuldige, schlaf weiter.«
»Ist das Brandon?«, fragt Keri Ann. »Sorry, dass du mich mitten in der Nacht anrufen musst.«
»Schon okay. Das weißt du doch. Ich hätte dich früher angerufen, wenn ich mein Handy bei mir gehabt hätte.« Dann hätte ich mir auch diesen Beinah-Herzinfarkt erspart. »Ja, die großen Schoko-Augen haben hier seit heute Nachmittag am Pool ziemlich bei den Drinks zugeschlagen. Der ist durch und fertig.« Und deshalb hat er mich wohl auch in der Nachmittagssonne ohne Sonnencreme schlafen lassen.
Wir plaudern noch ein bisschen, aber ich bin müde. An ihrer Stimme kann ich hören, dass Jack Everseas Rückkehr Keri Ann ganz schön zu schaffen macht. Außerdem spüre ich das Bedürfnis, zu Hause zu sein, nur für den Fall, dass irgendwas passiert. Wahrscheinlich könnte es auch nicht schaden, wenn Joey Bescheid wüsste. Falls das zwischen Keri Ann und Jack wieder schlimm endet, wird sie jede Unterstützung brauchen, die sie kriegen kann.
Ich werfe einen Blick auf Brandons schlafende Gestalt. Seine langen dunklen Wimpern berühren die Wangen, doch ich fühle nur Verärgerung und Gereiztheit. Was tue ich eigentlich hier? Ich weiß zwar, dass ich gesagt habe, ich wünsche mir lässige, lustige Beziehungen, und genau so war es auch. In der Ferienwoche nach Schulschluss hier in Florida zusammen mit etwa zwanzig Freunden. Strand, Pool, Tanzen, Trinken. Und das auf Dauerschleife.
Spaß.
Und ein bisschen hohl.
Aber jetzt weiß ich, dass ich was ändern muss. Wir machen sowieso bald unseren College-Abschluss. Ich jedenfalls. Das habe ich dann innerhalb von drei Jahren geschafft. Eine finanzielle und mentale Herausforderung. Falls Brandon weiterhin so viele Kurse schwänzt wie bisher, wird er noch ein Jahr länger am College bleiben müssen.
Als Erstes morgen früh werde ich unsere … wie auch immer man es nennen mag, beenden. Ich hoffe, es trifft ihn nicht zu sehr. Über ein Jahr lang hat er sich bemüht, mich rumzukriegen. Und ganz ehrlich, ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich mich zu ihm hingezogen fühlte oder vielleicht doch eher einfach nachgegeben habe. Vier Wochen haben wir immerhin geschafft. Seine dunkelbraunen Augen, sein Sixpack und die Einstellung »Zum Teufel, was soll’s?« haben mich nicht sehr lange gefesselt.
Ich schnaube, drehe mich auf der Suche nach einer bequemen Lage herum und seufze, weil es ein bisschen weh tut. Jawohl. Es ist definitiv aus.
Nach dem Anruf von Keri Ann vor zwei Tagen fahre ich jetzt allein direkt ins Lowcountry. Nach Hause.
Der Wind heute Morgen ist kühl. Obwohl ich selten so früh auf bin, um zu wissen, ob es kühler ist als an den meisten anderen Tagen.
Ich wette, dass Keri Ann gerade Kajak fährt, und beschließe, direkt nach Broad Landing zu fahren und dort auf sie zu warten. Als ich ankomme, ist ihr Truck nirgends zu sehen. Trotzdem steige ich aus.
Die Oberflächen der Tümpel überall in Butler Cove sind gekräuselt, da die Alligatoren sich nach dem kalten Winter wieder rühren, der ihre Durchblutung und Beweglichkeit gehemmt hat. Vor mir liegt die Bucht allerdings fast totenstill. Das frühlingshaft frische Sumpfgras brennt mit seinem leuchtenden Grün fast in den Augen, und Broad Creek hinter der kleinen Marina sieht aus wie ein spiegelblanker See. Ich stehe da und genieße die Aussicht, wie sie es verdient. Das Lowcountry kann man sich wirklich nur schwer aus dem Herzen reißen. Einmal Lowcountry Girl, immer Lowcountry Girl.
Wenn Jack versucht, Keri Ann zurückzugewinnen, sollte ich Joey anrufen und ihm Bescheid sagen, damit wir alle auf der Hut sind, für den Fall, dass sie uns braucht.
Da Colt dabei war, als Jack aufkreuzte, weiß Joey mit ziemlicher Sicherheit schon Bescheid. Aber wie viel reden Jungs schon wirklich miteinander? Zwar bin ich mir relativ sicher, aber vielleicht eben doch nicht. Das sind die Gründe, warum ich a) nach Keri Ann Ausschau halte, damit ich ein Update kriege, und b) mit mir ringe, ob ich etwas tun soll, das meine Handflächen feucht werden lässt. Ihren Bruder anrufen.
Bevor ich Sinn und Unsinn meines Handelns gründlich abwägen kann, tippe ich auch schon seine Nummer in mein Handy.
Während ich das Telefon an mein Ohr presse, klingelt es irgendwo weit weg. Ich stelle mir vor, wie das Handy in Joeys Tasche vibriert, er es herausnimmt und die Stirn runzelt, als er meinen Namen liest. Vielleicht ist er auch noch im Bett. Ich beginne zu zweifeln und nehme es ein Stück von meinem Ohr weg, aber dann höre ich, wie er abnimmt.
»Hey.« Seine tiefe Stimme dringt in mein Ohr und lässt mich erschauern. Es läuft mir über den Rücken, erfasst dann meinen ganzen Körper. Da sind die Gefühle wieder, die ich jahrelang versucht habe, in Schach zu halten. Er klingt eine Spur atemlos. »Jazz? Ist alles in Ordnung?«
Immerhin erkennt er meine Nummer noch … oder ich bin in seinem Handy gespeichert. Wahrscheinlich Letzteres.
»Prima.« Ich zucke vor meiner eigenen Krächzstimme zusammen und räuspere mich. Dann verstecke ich mich hinter einem Scherz. »Klar, Doktor. Ich habe mich nur gefragt, ob du in letzter Zeit mit deiner Schwester gesprochen hast.« Ohne es zu wollen, stelle ich ihn mir im Bett vor, das Laken zerknittert über seinem Unterleib. »Hab ich dich geweckt?«
»Bin schon auf und mache mich gerade zum Joggen fertig.« Ich höre gedämpftes Rascheln von Kleidung. »Warum? Ist sie okay?«
»Ich denke schon. Es ist nur, äh … Jack ist wieder da.«
»Ich weiß.« Sein Ton klingt anders. Wahrscheinlich denkt er, dass ich Keri Ann als Ausrede benutzt habe, um ihn anzurufen. Leider hat er damit nicht ganz unrecht. »Hat sie sich wieder mit ihm getroffen?«
»Keine Ahnung«, muss ich zugeben. »Ich, äh …«
»Sonst noch was?«
Ich schlucke. Es ist mir peinlich. »Ich wusste nur nicht, ob du es weißt.« Dann ziehe ich die Lippen zwischen meine Zähne und schließe die Augen.
Sein Seufzer passiert genau in dem Moment, als ich das Gefühl habe, ein Stein lande in meinem Magen. Ich hatte mir selbst versprochen, cool zu bleiben und dass ich damit umgehen könne. Wie Suchtkranke, die sich einreden, eine allerletzte Dosis würde nicht schaden.
Uaah, gerade habe ich die Regeln für »Wir bleiben gute Freunde« verletzt. Irgendwie stolpere ich weiter. »Hör zu, wahrscheinlich ist nichts. Sie hat mich nicht mehr angerufen, seit sie ihn wiedergesehen hat, also habe ich mir Sorgen gemacht …« Ich verstumme, weil ich mir Gedanken über seine Reaktion auf meinen Anruf mache. Dass er mehr heraushört als die besorgte Freundin.
Das Schweigen dehnt sich. Dann höre ich ein Klicken im Hintergrund. Vielleicht tippt er irgendwas. Oder das Signal ist unterbrochen. »Jay?« Mein geheimer Spitzname für Joey kommt mir über die Lippen. Jay wie Jay Bird, also Blauhäher. Das Peinlichkeits-Level dieses Gesprächs hat gerade den roten Bereich erreicht, und ich verspüre eine Welle von Übelkeit.
»Jaa, ich werde sie heute Vormittag anrufen.« Auf meinen Ausrutscher geht er nicht ein. Zum Glück.
Ich hätte ihn verdammt noch mal nicht anrufen sollen. Keri Ann wäre zu Recht stinksauer, wenn sie davon wüsste. Warum habe ich mir das nicht gründlicher überlegt? »Bitte sag ihr nicht, dass ich –«
»Werde ich nicht. Ich wollte sie sowieso anrufen und fragen, wie es so läuft. Dann höre ich ja, wie es ihr geht.«
»Okay. Danke.«
»Kein Problem. Ich schick dir hinterher eine SMS.«
»Nein«, sage ich schroff. »Mach das nicht. Ich will sie nicht hintergehen. Sowieso hätte ich dich nicht anrufen sollen. Aber das habe ich nun schon gemacht, also … egal. Ich wünsch dir einen schönen Tag.«
Eigentlich will ich da schon auflegen.
»Jazz?«
»Ja?« Ich sage das so beiläufig wie nur möglich.
»Danke, dass du meiner Schwester eine gute Freundin bist.«
Meine Miene verfinstert sich, auch wenn er das ja, leider, nicht sehen kann. »Ich hab sie lieb. Das mache ich doch nicht für dich, Blödmann.«
Joey lacht leise. Ich stelle mir vor, wie er mal wieder den Kopf darüber schüttelt, dass ich meine Zunge einfach nicht im Zaum halten kann.
»Natürlich nicht«, sagt er. »Ich möchte nur, dass du weißt, ich schlafe immer ruhiger, weil ich weiß, du bist für sie da. Und weil du dich, so wie jetzt, bei mir meldest, wenn du dir über was Sorgen machst.«
Tja, jetzt fühle ich mich noch mieser. Als würde ich sie für ihn ausspionieren oder so. Mit zusammengebissenen Zähnen überlege ich fieberhaft, was ich darauf erwidern soll. Joseph Butler macht mich einfach schon durch seine bloße Existenz wütend. Wenn er dann auch noch solchen Mist verzapft, kann ich nicht mal mehr klar denken.
»Hör zu«, sagt er. »Ich weiß, du hast das nicht für mich gemacht, aber ich weiß es trotzdem zu schätzen. Und ich hoffe, wenn ich wieder nach Hause komme, können wir Freunde sein.«
»Ich dachte, du hast mal gesagt, wir wären schon Freunde. Mein Fehler.« Im Geiste spreche ich tausend Dankgebete dafür, dass er mein Gesicht jetzt nicht sieht.
Freunde, mehr hat er anscheinend nie in uns gesehen. Selbst als ich achtzehn war und nackt unter ihm lag.
»Jazz.«
»Was denn?«
»Es tut mir leid, okay? Ich weiß nicht, wie oft ich das noch sagen muss. Oder wie lange. Es tut mir leid.«
»Ist schon in Ordnung«, gifte ich und hasse mich mehr mit jeder Sekunde, die diese dumme, dumme Fehlentscheidung zurückliegt, die mich dazu gebracht hat, ihn anzurufen.
»Offensichtlich nicht. Mein Gott, ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und alles ungeschehen machen, was je zwischen uns passiert ist. Aber das kann ich nicht. Also kann ich nur sagen, wie leid es mir tut.«
»Tja, das ist eben der Unterschied zwischen uns«, erwidere ich und kann nicht anders als ehrlich sein. »Mir nicht. Ich wünsche mir nicht, es wäre nie passiert. Ich würde nichts daran ändern wollen. Ich wünschte nur, es hätte anders geendet.« Oder eigentlich überhaupt nicht geendet.
»Dann schätze ich mal, das tut mir leid.«
»Wie auch immer«, sage ich und taste nach dem Knopf, um das Gespräch zu beenden.
Gibt es auf der Welt etwas Schlimmeres, als so schrecklich verliebt in jemand zu sein, dem man einfach … gleichgültig ist?
Nach meiner langen Fahrt zurück aus Florida schlüpfe ich in der Erdgeschosswohnung, die ich mir mit Mom teile, durch die Schiebetür meines Zimmers. Das ist schon immer einfacher, als vorne herum durch die Haustür zu gehen. Kaum habe ich meine Sachen auf den Boden fallen lassen, krieche ich unter die Laken, zucke dabei wegen des Sonnenbrands und bemühe mich, dringend benötigten Schlaf nachzuholen.
Als ich gegen zwei am Nachmittag wieder wach werde, dusche ich kalt und fahre dann zum Snapper Grill, um Keri Ann zu suchen. Erst danach werde ich es beim Haus der Butlers versuchen. Denn Keri Ann würde – Jack hin oder her – niemals blaumachen. Sie hat mich immer noch nicht zurückgerufen.
Sobald sie mich erblickt, stößt sie einen Freudenschrei aus und wirft sich in meine Arme.
»Aua!« Als ihre Hände meinen brennenden Rücken berühren, zucke ich zusammen. »Verdammt, hab Mitleid mit einem Hummer.«
Sie muss die Hitze meiner Haut durchs T-Shirt spüren. »Oh, entschuldige.«
»Bin gestern am Pool eingeschlafen, und der dämliche Brandon hat mich einfach verbrennen lassen.« Ich drehe ihr kurz meinen Rücken zu und lasse sie unter mein Shirt schauen.
»Autsch«, macht Keri Ann und zieht die Augenbrauen hoch. »Dann ist er inzwischen also der dämliche Brandon? Und was machst du überhaupt hier?«
»Na ja, also, ich brauchte mal eine Pause. Außerdem will ich sehen, was meine Unibewerbungen machen. Florida ist noch heißer als South Carolina.« Ich folge ihr und setze mich an die Bar. Wie soll ich ihr bloß erklären, was mit Brandon nicht passt? »Brandon ist zwar meistens total süß, aber mal im Ernst, manchmal denkt er einfach nicht. Von seiner Entscheidungsunfähigkeit ganz zu schweigen. Ich bin ja eine total moderne Frau, aber im Moment verzehre ich mich nach einem Alphamännchen.« Ich rolle mit den Augen. »Mit ihm zusammen zu sein, das ist so, als hätte man ein Kind zu betreuen.«
Sie stellt mir einen Arnold Palmer, also Tee gemixt mit Limonade, hin und lacht. »Aber trotzdem bist du diejenige mit dem Sonnenbrand!«
Ich strecke ihr die Zunge raus und bemerke erst jetzt, wie voll das Lokal ist. Keri Ann berichtet mir noch rasch, dass Jack Eversea und sein Freund Devon gestern Abend hier im Grill auftauchten, obwohl sie ihn extra gebeten hatte, sie in Ruhe zu lassen. Außerdem erfuhr ich, dass meine Freundin Ashley vom College da gewesen war, sich bei ihm eingeschleimt und ihm einen Blowjob angeboten hatte. Ich habe wirklich nette Freunde.
Weil wir uns noch so viel zu erzählen haben, beschließe ich, bis zum Ende ihrer Schicht zu warten und dann mit ihr nach Hause zu fahren. Der Laden ist wirklich extrem voll.
Ich schätze, dass alle hoffen, die Promis würden noch mal aufkreuzen.
Später, in Keri Anns Küche, entdecke ich köstliche Reste eines doppelt gebackenen Pecan Pies, den ihre Nachbarin, Mrs Weaton, gemacht hat. Wir legen ihn in die Mikrowelle und plaudern weiter. In dieser Küche fühle ich mich wie zu Hause. Gut, dass ich früher aus Florida abgereist bin.
»Übrigens«, sagt Keri Ann, legt die Gabel hin und lässt sich Zeit, ihren verdammten Kuchen aufzuessen. Wenn das noch länger dauert, springe ich gleich mal über den Tisch.
»Übrigens was?«, frage ich.
»Übrigens«, sie verzieht das Gesicht, »hat Jack gesagt, er hätte seit unserer Trennung mit niemand mehr geschlafen.«
Ich höre auf zu kauen. Jack Eversea, der Star jüngster schmutziger Skandale in der Boulevardpresse, will mit niemand geschlafen haben? Seit letzten Oktober?
»Aber er könnte ja auch tausend andere Sachen gemacht haben, ohne … ohne dass es passiert ist«, fügt sie hinzu und durchbohrt mich mit einem Blick, der mich anfleht, ihr zu widersprechen.
»Stimmt«, sage ich zaghaft, weil ich ihr nichts vormachen will. Für Keri Ann war es mit Jack das erste Mal, und das hat ihre Welt total auf den Kopf gestellt. Bitch. Warum können wir nicht alle solche ersten Male erleben? Ich bin mir nicht sicher, ob Jungs genauso auf Sex reagieren. Mir kommt es so vor, als wäre er für sie eher beliebig. Sodass sogar schlechter Sex guter Sex ist.
Dann fällt mir etwas ein. »Mein Gott«, sage ich und reiße dramatisch die Augen auf. »Vielleicht besitzt du ja eine magische Vajayjay, mit der du ihn … ruiniert hast.« Ich lege eine effektvolle Pause ein und flüstere die letzten Worte nur noch.
Keri Ann verschluckt sich fast an ihrem Kuchen.
»Vielleicht für immer«, lege ich nach. »Du meine Güte, muss der arme Kerl verzweifelt sein. Kannst du dir das vorstellen?«
Oder es war für Jack Eversea wahre Liebe. Die, die einem nur einmal im Leben passiert, die man nie wieder erlebt. Das gute alte Einhorn eben. Ich verdränge diesen Gedanken und pruste vor Lachen los, als ich Keri Anns Gesicht sehe.
»Oder«, überlegt sie, »vielleicht hat er eine Potenzstörung entwickelt. Geschähe ihm recht. Und deshalb konnte er einfach nicht.«
»In dem Fall«, führe ich in übertrieben ernstem Ton aus, obwohl ich eigentlich lachen muss, »willst du ihn wahrscheinlich sowieso nicht zurück. Ich meine, was nützen uns schon die hübschen Jacks und Brandons dieser Welt, wenn sie einem keinen guten, harten –«
Die Fliegengittertür schlägt zu, und Joey kommt rein. Wir zucken beide erschrocken zusammen.
Joey ist hier?
»Darüber gibt es gar nichts zu lachen, Mädels.« Er trägt eine ausgewaschene Jeans und dazu ein blaues Button-down-Hemd, das seine Augen in etwas verwandelt, wofür sich ein Kreuzzug lohnen würde.
»Das ist ein echtes medizinisches Problem«, sagt er, zerrt sich den Seesack von seiner breiten Schulter und lässt ihn laut auf den Boden plumpsen. »Und außerdem ist es gut zu wissen, dass ihr beiden in meiner Abwesenheit nicht sehr erwachsen geworden seid.« Sein Blick gleitet, während er redet, nur flüchtig über mich und bleibt dann forschend an seiner Schwester hängen.
»Joey! Was machst du zu Hause?« Sie springt auf, um ihn zu umarmen.
Ich schätze, mein Anruf heute Morgen hat ihn auf die Idee gebracht, lieber früher als später heimzukommen.
»Dachte, ich überrasche mein liebstes Mädchen«, sagt er zu Keri Ann.
»Und passt auf, dass ich mich nicht Jack in die Arme werfe?«, fragt sie.
»Das auch«, meint er. Sein Blick streift mich noch mal kurz, während er ihre Umarmung erwidert. »Jazz«, nickt er mir zu.
Er trägt ramponierte braune Cowboystiefel, und sein dunkelblondes Haar ist länger und zerzauster, als ich es je gesehen habe. Ich hasse mein dummes Herz dafür, dass es seine Größe gerade vervierfacht und droht, meine Lungen zu quetschen.
Ich setze ein unbekümmertes Lächeln auf. »Hey, Joey«, zwitschere ich. »Also, wir haben gerade über Jack gesprochen, aber da er dieses ›medizinische Problem‹ hat, kann Keri Ann wahrscheinlich nichts passieren.«
»Und woher wisst ihr überhaupt, dass er dieses Problem hat?«, fragt er ironisch.
»Wir vermuten es.« Ich seufze tief. »Allem Anschein zum Trotz war er offensichtlich enthaltsam, seit er deine Schwester zuletzt gesehen hat.« Dazu reiße ich die Augen auf, damit ihm klar wird, wie wenig ich das glaube. Nämlich gar nicht. Dabei würde ich es ihr wünschen. Die Fotos in den Klatschblättern der letzten Monate waren ziemlich furchtbar.
Joey schnaubt. »Ja, klar.«
Ein gekränkter Ausdruck huscht über Keri Anns Gesicht, und sofort kriege ich ein schlechtes Gewissen, weil ich mich mit meiner Skepsis auf Joeys Seite geschlagen habe. Außerdem ärgere ich mich über Joey, weil er es laut ausgesprochen hat. Es ist das eine, so etwas zu denken, aber hat das arme Mädchen nicht weiß Gott schon genug Kränkungen erlitten? »Entweder ist es das«, wütend starre ich Joey an, »oder du musst dich damit abfinden, dass Jack es mit Keri Ann ernst meint. Manchmal«, ich kann mir das einfach nicht verkneifen, auch wenn ich eigentlich meinen dummen Stolz dafür verfluche, »wissen Leute einfach, was sie wollen.«
Ich sehe Joey unverwandt an, der sich weigert, selbst den Blick abzuwenden. Diese verdammt blauen Augen. Neben uns rutscht Keri Ann schon unruhig herum.
»Oder er lügt«, sagt Joey und hält meinem Blick eisern stand. »Ihr Mädchen seid Männern gegenüber einfach zu leichtgläubig. Jungs wollten doch oft bloß das Eine und sagen alles, um es zu kriegen.«
Ein Dolch. Genau so fühlt sich das an. Wie ein Dolch mitten in die Brust. Mit reiner Willenskraft schaffe ich es, weder nach Luft zu schnappen noch in mich zusammenzusacken.
»Wir Mädchen sind zu leichtgläubig?«, frage ich mit gefährlich ruhiger Stimme und lasse mir die dunkle Welle des Leids, das sich dahinter verbirgt, nicht anmerken. »Oder meinst du Mädchen im Allgemeinen? Und Jungs sagen im Allgemeinen alles, um es zu kriegen, oder gilt das nur für Jungs wie dich?«
Das entsetzte Schweigen von Keri Ann und Joey trifft mich wie ein Keulenschlag und reißt mich aus der düsteren Stimmung, in die ich gerade verfallen bin. Das ist heute schon das zweite Mal, dass ich Joey herausfordere. Wegen etwas, das vor Jahren passiert ist. Mist. Er muss mich für unzurechnungsfähig halten. Und warum zum Teufel bin ich über diesen Dreckskerl immer noch nicht hinweg?
Ich sinke auf meinem Stuhl zusammen und schnappe vor Schmerz nach Luft, als mein Rücken die Stuhllehne berührt. »Autsch«, jaule ich.
»Was ist denn los?« Joey macht mit sorgenvoll gerunzelter Stirn sofort einen Schritt auf mich zu.
»Ich hab einen Sonnenbrand, weiter nichts.« Dabei zucke ich noch mal zusammen. Es tut echt verdammt weh.
Joey tritt hinter mich, bevor ich ihn davon abhalten kann. »Shit. Das sieht aber nicht gut aus«, sagt er. Ich schaue hoch und in Keri Anns Gesicht, das mich angrinst. Verräterin. »Wann ist das passiert?«, fragt Joey und zieht behutsam einen Träger meines Kleids über die Schulter nach unten. Seine Fingerspitzen fühlen sich an wie Lötkolben.
»Bin in der Sonne eingeschlafen. Aber es geht schon. Das Lidocain, das ich mir heute vor der Fahrt draufgesprüht habe, muss schon abgegangen sein.«
»Ja, zum Teufel! War denn dein … dein Bradford oder wie er heißt nicht dabei?« Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass er Brandons Namen absichtlich verdreht.
»Brandon!«, rufe ich gleichzeitig mit Keri Ann und fange dabei ihren Blick auf. Wir müssen über die Gleichzeitigkeit lachen, und ich klammere mich an den Humor wie an einen Rettungsring. »Der mit den Schoko-Augen!«, sagen wir im Chor. So nennen wir ihn nämlich schon das ganze Jahr über, seit er versucht hat, mich zu einer Verabredung zu überreden.
»Habt ihr beide was getrunken?«, fragt Joey, der von unserer Ausgelassenheit sichtlich irritiert ist.
Ich kichere weiter, doch gleichzeitig nehme ich in Keri Anns Gesicht etwas wahr, das wie Schalk aussieht. Sie steht auf, geht zum Küchenschrank und holt die Erste-Hilfe-Box heraus. Der entnimmt sie zwei Dinger, die sie Joey zuwirft, der gerade einen Schritt von mir weg macht. »Fang«, sagt sie überflüssigerweise, denn er hat bereits beides gefangen.
Da wird mir klar, was sie vorhat. »Ich bin nicht –«
»Er ist nicht –«, sagt Joey gleichzeitig.
»Doch, bist du«, schneidet sie uns mit einem triumphierenden Grinsen die Worte ab. »Ich werde mir den Grillgeruch abduschen. Danach lasst uns Pizza bestellen und einen Film anschauen.«
Ich sehe ihr nach, wie sie die Küche verlässt, und schleudere unsichtbare Dolche auf ihren Rücken. Kommt nicht infrage. Schwer schluckend drehe ich mich zu Joey um. Ich sehe ihm an, wie er mit sich ringt. Aber er hat so einen Wirbel um meinen Sonnenbrand gemacht, dass es praktisch eine Verletzung seines hippokratischen Eids wäre, wenn er sich weigern würde, mich zu verarzten.
Eigentlich verschafft es mir sogar ein perverses Vergnügen, zu sehen, wie unbehaglich er sich fühlt. Warum soll ich mir keinen Spaß daraus machen? »Na schön.« Ich hole tief Luft, suche seinen Blick und ziehe einen Träger meines Kleids herunter. Seine Augen folgen der Bewegung. Dann greife ich nach dem zweiten Träger und bemerke eine Bewegung seines Kiefers.
Seufzend zwinkere ich ihm zu. »Lassen Sie mich mal sehen, was Sie draufhaben, Doktor Butler.«
Er sucht meine Augen, zieht eine Braue hoch und verzieht den Mund. »Sie haben bei mir schon immer den Wunsch geweckt, Doktor zu spielen, Miss Fraser.«
Es dauert einen Sekundenbruchteil, bis ich seine Worte begreife und ein glühender Schock mich erfasst, und dann noch Äonen, bis die Überraschung verebbt und meine Zunge wieder löst. Inzwischen hat Joey sich geräuspert und seine Ärmel aufgekrempelt. Er drückt aus der Tube Lidocain in die Fläche einer seiner kräftigen Hände und zieht sich mit der anderen einen Stuhl heran, auf den er sich setzt.
Ich schlucke eine Menge Spucke runter. Irgendwie war ich nicht darauf gefasst gewesen, dass er zurückflirten würde.
»Dreh dich rum«, sagt er sanft. »Mit dem Rücken zu mir.«
Ich tue, was er sagt. Das Geräusch, als er den Reißverschluss meines Sommerkleids aufzieht, scheint so laut zu dröhnen wie ein Flugzeugtriebwerk.
»Ich glaube, das habe ich noch nie erlebt, dass es dir die Sprache verschlägt.« Er lacht leise, warmherzig und ein bisschen rau. Genau in dem Moment, als die kalte Salbe meine Haut berührt. »Tut es sonst noch irgendwo weh?«, sagt er in mein Ohr.
Ist das etwa sein Ernst?
Das eiskalte Gefühl der Salbe dämpft meine Entrüstung, und ich hole erschrocken tief Luft. Dann seufze ich vor Erleichterung.
Doch schließlich wächst die Verärgerung über seine mehrdeutigen Bemerkungen. Was zum Teufel soll das? Hat er das ernsthaft gerade gesagt? Fast möchte ich ihn auffordern, das noch mal zu wiederholen. Warum eigentlich nicht? »Hast du gerade gesagt, dass ich dich zu Doktorspielen bringen will? Also auf diese anzügliche Art? So im Sinne von ›lassen Sie mich Sie mal untersuchen‹?«
»Lass es gut sein.«
»Nein, das werde ich nicht tun.«
»Sprachlos warst du mir lieber.« Er verteilt noch mehr von der kühlenden Salbe auf meinem Rücken.
»Lass mich das noch mal klar und deutlich formulieren. Du willst mich zwar nicht, aber sobald du hörst, dass ich mit jemand anderem zusammen bin, baggerst du mich an?« Ich drehe ihm weiterhin den Rücken zu, obwohl ich weiß, dass er fertig ist. Und ich spüre es mehr, als ich höre, wie er von mir abrückt. Mein Reißverschluss wird langsam hochgezogen. Er schweigt.
Da wirble ich auf meinem Stuhl herum, sodass meine nackten Knie seine Jeans streifen und ich ihm ins Gesicht sehen kann. »Denn genau das hast du doch gerade getan, oder?« Sein Blick ist finster, brütend und auf meinen Mund gerichtet. Seine Haut ist leicht gerötet. Warum muss er aber auch so verdammt sexy aussehen?
»Ich habe nie gesagt, dass ich dich nicht will.«
Du meine –
Ich schlucke und bin zum zweiten Mal innerhalb von fünf Minuten sprachlos.
»Aber«, fügt er hinzu, »dieses ›Wir‹ war einfach nicht ratsam.«
Ich verarbeite seine Worte.
Was für ein absoluter Mistkerl.
Abrupt stehe ich auf. Meine Träger sind immer noch runtergezogen, sodass ich mich halb ausgezogen fühle. Außerdem bin ich ihm so nahe, dass ich quasi zwischen seinen Beinen stehe.
Meine Augen werden schmal, und ich starre auf ihn runter. »Ehrlich gesagt, Doctor, tut es doch noch woanders weh.«
Er zuckt kaum merklich zusammen. Sein Blick geht zu meiner Brust.
Mein Herz? Glaubt er das?
Oh nein, verdammt noch mal.
»Ehrlich gesagt …« Ich bücke mich, schnappe mir seine Hand und schiebe sie unter mein Kleid zwischen meine Beine.
Joey keucht erschrocken.
»Es tut genau hier weh.«
Seine blauen Augen verdunkeln sich vor Staunen und Erregung.
Ich presse seine Hand gegen meinen Slip. »Ist Ihnen danach, diesen Schmerz zu lindern?«, zische ich.
Ich halte Joeys Hand zwischen meinen Beinen fest. Holy Shit. Er hat geflirtet, und ich habe ihn so was von beim Wort genommen. Eigentlich mehr als das. Deutlich mehr.
Das Schweigen, in dem ich nur den Puls in meinen Ohren höre, hält nicht lange an. Der Schreck darüber, was ich gerade getan habe, ist eine körperliche, pulsierende Sache.
Da steht Joey abrupt auf. Sein Körper stößt gegen meinen und presst die Rückseite meiner Oberschenkel gegen den Küchentisch. Seine Hand, die sich immer noch unter meinem Kleid befindet, ist zwischen uns eingeklemmt. »Erledigt das nicht Brandon für dich?«, knurrt Joey mit bohrendem Blick. »Oder kümmert er sich um diese Bedürfnisse genauso wenig wie um deinen Rücken?« Ich spüre seinen warmen Atem, der nach Pfefferminzkaugummi riecht, auf meiner Wange.
»Brandon kümmert sich ganz gut um mich«, lüge ich, aber die Worte kommen mir nur schwer über die Lippen. Mein Herz hämmert heftig vor lauter Adrenalin.
Er zieht eine Augenbraue hoch. »Ach wirklich?«
Ich spüre, wie seine Finger am Saum meines Slips zupfen, und es wird ganz warm dort unten. Oder nein. Nicht bloß warm. Es schmerzt richtig. Und pocht. Ich möchte mich ein Stückchen zur Seite bewegen, damit seine Finger mich an der richtigen Stelle erreichen. So ist es nicht gut. Gar nicht gut. Was zum Teufel mache ich da? Mein Gott, und wie er riecht. Schwach nach Waschpulver und Sommerhitze. Ich sterbe. Verbrenne. Schmelze.
»Ja. Wirklich.« Ich muss mir schon größte Mühe geben, um noch deutlich zu sprechen.
Er grinst. »Genau.«
Seine Finger zucken noch mal. Da merke ich, dass er das mit Absicht tut. Er gibt mir bewusst das Gefühl, mich beinah zu berühren.
Er spielt.
»Lass die Finger von mir, Joseph.«
»Warum denn, Jazz? Ich dachte, du wolltest, dass ich diesen Schmerz lindere.«
»Anscheinend kann ich diesen Schmerz doch durch weitaus fähigere Kandidaten lindern lassen. Danke, dass du mich daran erinnert hast. Und jetzt Finger weg.«
Er mustert mich aus schmalen Augen. Offenbar glaubt er mir nicht. Sein Blick wandert zu meinem Mund. Die Pupillen sind jetzt so groß, dass sie das Blau fast ganz überlagern.
Wir atmen dieselbe Luft. Mein Atem geht schwer.
Sein Mund nur Zentimeter von meinem entfernt. Ich wünsche ihn mir so sehr. Möchte mich daran erinnern, wie er schmeckt. Wie perfekt seine Lippen sich an meine schmiegten, seine Zähne an meiner Haut knabberten und wie heiß seine Zunge war, als sie in meinen Mund glitt.
Dann bewegen sich seine Finger und liegen genau auf meinem pochenden Zentrum. »Meine Güte«, sagt er, als seine Finger auf dem Stoff liegen und wir beide spüren, wie nass ich bin.
Ich erschauere vor Staunen und Erleichterung. Mein Körper zittert. Ich will ihn bremsen, weil es mir peinlich ist, dass meine Erregung derart offensichtlich ist.
Doch er schiebt sich mühelos am Stoff vorbei, findet meine empfindlichste Stelle, und es fühlt sich an, als würde ich von einer Welle der Lust überspült. Ihr nachzugeben ist ein süßer Rausch. Ich gebe ein leises Wimmern von mir.
Joey atmet rau und schwer, fast wie ein Stöhnen, während er zwischen uns Platz schafft und seine Finger zu bewegen beginnt, die ganz leicht über meine nasse Haut gleiten.
Ich habe damit angefangen. Dabei will ich es nicht. Oder doch. Ich keuche im Rhythmus seiner Finger, presse mich gedankenlos gegen seine Hand und spreize die Beine. Ich will mehr. Als wäre ich am Verhungern.
Sein Mund kommt näher, ohne mich zu berühren. Seine Finger bewegen sich schneller.
Ich schiebe wimmernd die Hüften nach vorn.
»Shit«, raunt er und schiebt einen Finger in mich hinein.
Aus meiner Kehle kommt ein Schrei, der in der Küche richtig widerhallt. Das wirkt wie eine Alarmglocke. Was zum Teufel treibe ich da? Meine Hände legen sich auf seine Brust, und ich drücke mit ganzer Kraft.
Joey taumelt zurück.
Nach der Hitze seiner Berührung fühle ich mich kalt. Eisig und zittrig. Verzweifelt suche ich nach einem Anflug von mentaler Stärke, bevor er noch sieht, dass er mich fast bloßgestellt hätte.
Unsere Blicke treffen sich. Wir atmen beide schwer.
Unter dem blauen Button-down-Hemd, das ihm wie angegossen passt, hebt und senkt sich seine Brust.
Ich kann nicht erkennen, was ihm jetzt durch den Kopf geht.
Er sieht wütend aus. Geschockt, aber vor allem wütend. Dabei sollte ich wütend sein. Ja, ich habe ihn zum Flirt herausgefordert. Mehr als herausgefordert. Aber er ist darauf eingegangen. Warum?
Man hört irgendeinen Krach, dann Keri Ann die Treppe herunterkommen.
Joseph fährt sich mit einer Hand durch die Haare, und wir starren einander weiter an.
»Was zum Teufel sollte das?«, flüstere ich aufgebracht.
»Anscheinend das, was du wolltest.«
»Was ich – ?« Hektisch schaue ich zu der noch leeren Türöffnung und dann zu ihm zurück. Mir bleiben nur noch Sekunden. »Das ist absurd. Du hast mich angefasst.«
»Du hast damit angefangen«, sagt er und zuckt dabei zusammen.
»Womit angefangen?«, fragt Keri Ann, die nach Duschgel und Erdbeershampoo duftend die Küche betritt. »Ach, egal«, fügt sie nach einem Blick zwischen uns beiden rasch hinzu.
Ich bin zusätzlich zu meinem Sonnenbrand bestimmt noch rot geworden. Und in der Atmosphäre hängt sicherlich reichlich sexuelle Spannung. Jedenfalls kommt es mir so vor. Und dazu noch jede Menge Frust.
Sie marschiert zum Schrank, holt drei Teller und Papierservietten heraus. »Pizza ist unterwegs. Außerdem habe ich drei Neuerscheinungen reserviert.«
Ich streiche mein Strandkleid glatt und zwirbele mir die Haare zu einem Bun hoch, den ich mit dem Gummiband von meinem Handgelenk befestige. »Super.« Mit einem strahlenden Lächeln nehme ich mir vor, Joey für den Rest des Abends keines Blickes mehr zu würdigen. »Dann lass mal sehen, was du ausgesucht hast.«
Ich kann einfach nicht glauben, was da gerade passiert ist. Wir haben uns ja noch nicht mal geküsst.
Joey schnappt sich seinen Seesack, der immer noch mitten in der Küche lag. »Springe oben auch mal eben unter die Dusche«, verkündet er mit leicht schriller Stimme und verlässt den Raum.
Dann sind seine schweren Schritte auf der Treppe zu hören.
Ich stakse zur Spüle, nehme mir ein Glas und fülle es mit kaltem Leitungswasser. Abwesend nehme ich einen Schluck davon, den ich aber gleich wieder ausspucke.
Keri Ann beobachtet mich, in der Hand den Krug mit gefiltertem Wasser, den sie gerade aus dem Kühlschrank genommen hat. »Alles in Ordnung, Jazz?«, fragt sie. Sie weiß, dass ich das Leitungswasser auf der Insel hasse. Es schmeckt nach Schlamm, Schwefel, und ich ekele mich vor den uralten Rohren aus Gusseisen. Rasch nehme ich ihr den Krug ab, fülle mein Glas und trinke gierig. »Also, welche Filme hast du reserviert?«, frage ich.
Sie starrt mich kurz an, begreift, dass ich ihr jetzt sofort nichts erklären werde, und seufzt. »Komm mit.« Sie schnaubt und deutet mit dem Kopf Richtung Wohnzimmer. »Lass uns einen Film aussuchen, bevor Joey wieder runterkommt.«
Ich starre ausdruckslos auf den Bildschirm.
Wir haben einen Film mit Scott Speedman ausgesucht, der ja wirklich attraktiv ist, aber irgendwie spricht er mich überhaupt nicht an. Keri Ann hat sich am anderen Ende des Sofas eingekuschelt. Auf der anderen Seite neben mir sitzt Joey und strahlt Anspannung aus.
Er ist frisch geduscht, trägt eine weite Jogginghose und ein weißes T-Shirt. Sein Haar ist vom Duschen noch feucht und er hat es sich nur mit den Fingern aus dem Gesicht gestrichen.
Mehr Details kann ich an ihm nicht erkennen, weil ich bewusst vermeide, ihn direkt anzusehen.
Ich kann die Nachwirkungen des Adrenalinschubs vorhin in der Küche immer noch spüren. Außerdem stecken mir die späten Abende der letzten Woche in den Knochen. Da ich so müde bin, passe ich irgendwann nicht mehr auf und ertappe mich dabei, wie ich zu ihm hin spähe. Joey achtet auch nicht auf den Film.
Er beobachtet mich.
Unsere Blicke begegnen sich im Dunkeln. Die einzige Beleuchtung ist der flackernde Bildschirm. Es fühlt sich wieder an wie ein Schock. Instinktiv will ich eigentlich wegsehen. Stattdessen werden meine Augen nur schmal, und ich frage lautlos: »Was?«
Er schüttelt nur kaum merklich den Kopf und richtet seine Aufmerksamkeit wieder auf den Film. Aber ich sehe das Grinsen trotzdem.
Was zum Teufel?
»Ich bin für heute durch«, erkläre ich an Keri Ann gerichtet und stehe auf. »In Underworld hat mir Scott Speedman besser gefallen. Aber ich bin auch müde von der Fahrt, und ehrlich gesagt hat Brandon mich letzte Woche jede Nacht wach gehalten«, füge ich für Joey noch hinzu. »Deshalb brauche ich jetzt echt ein bisschen Schlaf.«
Sie greift nach der Fernbedienung. »Nein, du musst ihn nicht anhalten«, sage ich und beuge mich zu ihr, um sie auf die Wange zu küssen. »Wir sprechen uns morgen.«
»Okay, pass auf dich auf«, sagt sie. »Und vergiss nicht, dass ich deine Hilfe brauche, um ein Kleid für die Kunstauktion zu finden.«
»Lass uns das morgen besprechen.«
»Okay. Hab dich lieb.«
»Süße Träume, Jazz«, sagt Joey, als ich an seinem Sessel vorbeigehe. Ohne hinzuschauen, hebe ich die Hand und zeige ihm den Stinkefinger und gehe einfach weiter. Ich bin mir todsicher, dass er ihn gesehen hat.
In meinem Auto vor ihrem Haus bleibe ich ein paar Minuten einfach so sitzen. Ich starre nur die ehrwürdige Plantagen-villa an. Die breite Veranda und die mächtigen Säulen. Ich liebe dieses Haus. Und ich habe jeden seiner Bewohner, den ich kannte, geliebt.
Aber was zum Teufel ist vorhin dort drin passiert?
Der Boden unter meinen Füßen ist in Bewegung geraten. Ich begreife das nicht. Ist das Neuland oder Treibsand?
Am nächsten Morgen schaue ich kurz bei Faith in der Boutique vorbei und tausche ein paar Nachrichten mit Brandon aus. Der scheint endlich aus seinem Alkoholnebel erwacht zu sein und realisiert zu haben, dass es mir ernst war, als ich sagte, ich würde gehen. Anscheinend muss ich mich mit dem armen Kerl noch mal treffen und ihm in seine Welpenaugen sagen, dass es aus ist.
Vorher packe ich aber noch meine Kamera aus und nehme die Linsen heraus, um sie zu reinigen. Die Feierei unten in Florida hat meiner Ausrüstung brutal zugesetzt. Gott sei Dank hatte ich nichts von meinem Vater mitgenommen. Ich fürchte sowieso, dass ich seine Kamera künftig immer weniger nutzen werde, weil ich jetzt ja keinen Zugang mehr zur Dunkelkammer der Fachschaft Kunst habe. Ich habe mich zunehmend auf die digitale Spiegelreflexkamera verlassen, die ich letztes Jahr bekommen habe. Aber immer wenn ich damit irgendwas Cooles mache oder einen meiner Filter benutze, schmerzt mich der Wunsch, mit meinem Dad darüber zu sprechen, fast unerträglich. Ich frage mich auch oft, ob er mit den frühen Digitalkameras experimentiert hat. Nachdem ich die Bilder auf meinen Computer geladen habe, um sie mir später anzusehen, springe ich ins Auto und fahre Richtung Beaufort.
Ich muss zurück auf den Campus, um Unterlagen abzuholen und das Schwarze Brett mit unseren Aushängen für Praktika zu überprüfen. Als Teil unserer Ausbildung im Bereich Gastgewerbe an der University of South Carolina Beaufort unterstützt man uns bei der Suche nach Einstiegsjobs irgendwo auf der Welt. Wie man sich denken kann, entscheiden sich alle Ausländer, in den USA zu bleiben. So können sie ihre Visa vom Studentenstatus zur ersten Stufe der Berufstätigkeit ändern und kommen damit der Einbürgerung einen entscheidenden Schritt näher. Unter uns Amerikanern gibt es die Einheimischen, die vor Ort geblieben sind, studiert haben und ihren Bundesstaat niemals verlassen wollen, und die anderen, die Erfahrungen an fernen, exotischen Orten sammeln möchten. Ich gehöre zu Letzteren. Vielleicht liegt das an den Genen meines Vaters.
Ich trete aufs Gas und fahre Richtung Norden zum Bluffton Campus. Es ist ein herrlicher Maitag. Einer von der Sorte, an dem man erleichtert seufzt, weil wieder Sommer ist, auch wenn man die Gluthitze des heißen Südens schon erahnt. Unter den Brücken, die ich überquere, glitzern die Flüsse. An solchen Tagen möchte ich immer weiter fahren. Vorbei an Bluffton, an Beaufort. Vielleicht in Edisto anhalten, um mir die wilden, wunderschönen alten Eichen anzusehen. Vielleicht aber auch einfach weiterfahren und alles hinter mir lassen. Einfach wild und ungebunden sein. Mir in jeder neuen Stadt, die ich ansteuere, eine neue Identität ausdenken.
Joey hat mich gestern Abend echt geschockt. Wäre ich nicht so erschöpft gewesen, hätte ich wahrscheinlich die halbe Nacht darüber gegrübelt. Hat er mich tatsächlich angemacht?
Die letzten drei Jahre habe ich mir wirklich Mühe gegeben, nicht die erbärmliche Ex zu geben, aber nachdem ich ihn wegen Jack und Keri Ann angerufen habe, kommt es mir vor, als sei alles schlagartig wieder präsent. Während und nach dem Telefonat habe ich mir so viele Ausrutscher geleistet. Ausrutscher, die bei den meisten Typen bewirken würden, dass sie Reißaus nehmen. Aber er ist daraufhin nicht bloß schnellstens nach Hause gekommen, sondern hat sich noch am selben Tag auf einen Annäherungsversuch … eingelassen.
Es ergibt keinen Sinn und nervt mich ehrlich gesagt auch, dass ich mir darauf einen Reim machen muss. Denn wenn ich eins schon früh über Jungs gelernt habe, dann, dass bei ihnen meistens nicht viel dahintersteckt. Also warum sollte Joey anders sein? Was hat er sich gestern Abend überhaupt erwartet? Dass wir einfach da weitermachen würden, wo er vor Jahren aufgehört hat?
Wusste er etwa nicht mehr, was für ein Arschloch er vor drei Jahren mir gegenüber gewesen ist? Und dabei war ich verdammt noch mal die beste Freundin seiner Schwester. Warum sollte er riskieren, diese Wunde erneut aufzureißen?
Ich schüttele den Kopf. Die alternative Begründung vermag ich mir nicht mal vorzustellen. Selbst wenn ich auch nur in Erwägung ziehe, dass Joey am Ende vielleicht doch etwas mit mir anfangen will, fürchte ich, mein Herz könnte dabei entzweibrechen.
Außerdem habe ich für das kommende Jahr schon andere Pläne.
Bei diesem Gedanken finde ich einen Parkplatz direkt vor dem Gateway-Gebäude. Ich schalte den Motor aus, hole tief Luft und mache mich daran, herauszufinden, ob ich überhaupt in Butler Cove bleiben werde.
Der Frühling, bevor ich achtzehn wurde, verging schnell und unbeschwert.
Bevor ich wusste, wie mir geschah, schmolzen meine beste Freundin und ich auch schon in der klebrigen Hitze des Lowcountry. Alles war einfach, weil ich damals noch keinen Verlust kannte. Furcht, ja. Unbeständigkeit, natürlich. Aber Verlust nicht, noch nicht. Damals sah das Leben aus wie ein Kaleidoskop strahlenden Vergnügens. Pulsierend vor lauter Träumen, Plänen, Hoffnungen und unendlicher Möglichkeiten.
Außerdem waren da noch die Jungs.
Wir standen kurz vor dem Highschool-Abschluss und am Beginn des Rests unseres Lebens.
Dann kam der Sommer.
Und in diesem Sommer verlor ich eine Menge.
Er veränderte mich für immer.
Ich schob das Paddel meines Kajaks in die Glasfaserhülle und sicherte es. Dann griff ich nach dem von glitschigen grünen Algen überzogenen Tau, mit dem die Catalina Segeljacht heckseitig mit dem Anker auf dem Meeresgrund festgemacht war.
An der der Küste zugewandten Seite zog ich mich an dem großen Boot entlang und vertäute dann mein Kajak. Nur knapp das Gleichgewicht haltend, schaffte ich das knifflige Manöver, von meinem Boot auf die Jacht zu klettern, ohne in das dunkle und salzige Wasser an der Meerenge von Broad Creek zu fallen. Fest in meine Hand gekrallt hielt ich unsere Post. Solange ich denken konnte, wurde sie statt im Briefkasten unserer Wohnung in Captain Woodys Bar deponiert.
Der morgendliche Wind wehte mir den Pferdeschwanz ins Gesicht, und einige Strähnen blieben an dem Cotton Candy Gloss auf meinen Lippen kleben. Hier draußen roch es deutlich besser als in den übel modrigen Sümpfen bei Ebbe, durch die ich vorhin gepaddelt war. Die schimmeligen Segel verströmten allerdings auch einen ziemlich speziellen Geruch. So viel zum Thema Vernachlässigung. Die ehemals weißen Segel waren zu breiten Bündeln aus schmutzigem Stoff zusammengeschnürt, eher schwarz oder eventuell dunkelgrün, und in den Falten stand Regenwasser. Über dem Boot waberte schwüle, salzige Meeresluft, hüllte die einst hochglänzenden Metallteile ein und vernebelte die Fenster der Kabine.
Das Boot meines Dads, er nannte es »sein Mädchen«, auch wenn der wahre Name All That Jazz war, galt als eine der verlassenen Jachten in Broad Creek. Es gab einige davon. Sie ankerten weit genug vom Hafen entfernt, um nicht mehr der Aufsicht des Hafenmeisters zu unterstehen, und doch nah genug vor der Küste, sodass es den Anschein hatte, sie dürften dort liegen. Manche waren bewohnt, manche nicht. Wer wusste schon die wahren Gründe, warum die Bootsbesitzer irgendwann dort den Anker geworfen hatten und am nächsten Tag auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren? Mein Daddy würde auf die Frage irgendwelche Geschichten zurechtspinnen von Männern, die sich dort vor der Polizei versteckten, von Liebesaffären, Drogenschmugglern und von Leuten, die geankert hatten, um in der Bucht mit den Baby-Delfinen zu schwimmen und sich so in sie verliebt hätten, dass sie nie wieder zu ihren Jachten zurückgekehrt waren.
Ich wusste, wie All That Jazz hierhin geraten war. Mein Vater hatte den Anker geworfen und daraufhin Butler Cove, mich und meine Mom für immer verlassen.
Ich langte nach der kalten Metallklinke der Kabinentür und stemmte mich mit ganzem Gewicht gegen die Spuren, die Zeit und Elemente hinterlassen hatten. Dann klettere ich hinunter ins Cockpit. Als ich den Geruch der muffigen Holzlasur und der Metallteile, die vom Meersalz oxidiert waren, wahrnahm, fühlte es sich an, als käme ich nach Hause. Dieses Gefühl wäre perfekt, wenn nur auch mein Vater da gewesen wäre. Ich schob die kurzen Vorhänge an den winzigen Bullaugen beiseite, um etwas vom trüben Morgenlicht hineinzulassen. Daraufhin hockte ich mich auf die orangefarbenen Polster der Kabinenbank und griff nach unten. Mühelos erwischten meine Finger sofort den Messingring, mit dem man die Holzklappe im Boden des Boots öffnen konnte, wo sich eine Art Aufbewahrungsraum befand. Ich zog eine alte Schuhschachtel hervor. Rosa Cowgirl Glitter Boots. Größe 31. Ich dachte an den Tag zurück, als ich die Stiefel bekommen hatte. Natürlich befanden sie sich nicht mehr in diesem Karton. Denn ich habe sie damals jeden Tag getragen, so lange, bis sie mir buchstäblich von den Füßen fielen. Als Momma sie dann fortwarf, weinte ich den ganzen Tag. Nein, heute enthält die Schachtel keine Schuhe mehr, sondern meine Hoffnungen und Erinnerungen. In der Schachtel steckte – so fassbar wie nur möglich – die Beziehung zu meinem Vater.
Wirklich bescheuert. Eine Rolle Wertmarken für Karussells, von der wir immer sagten, dass wir sie das nächste Mal verbrauchen würden, wenn wieder einmal der Jahrmarkt in unsere Gegend käme. Der Jahrmarkt kam. Aber wir nicht. Eine indianische Münze an einem Lederband, die ausgezeichnet zu meinen Cowgirl Boots gepasst hatte, und die mir Daddy von einer Reise nach Utah mitgebracht hatte, wo er Indianerstämme fotografiert hatte. Aber Momma erlaubte nie, dass ich irgendetwas um meinen Hals trug. Ein paar alberne Zettel und Postkarten, die genauso verblasst waren wie die Erlebnisse, an die sie mich erinnern sollten. Jede Menge Postkarten. Davon hatte ich so viele, dass sie kaum in die Schachtel passten. Kairo, Kuala Lumpur, Sydney, Bombay, Bagdad, London … Der Stapel war riesig. Und ich habe jede einzelne aufgehoben.
Das war eine Art Ritual von mir. Wenn ich erst so spät wie möglich nach der Post schaute, konnte ich Zeit schinden, bis mich die Enttäuschung traf, wieder einmal nichts von meinem Dad gehört zu haben. Ich benahm mich wie ein Junkie. Die meisten Leute würden einfach damit aufhören, aufhören nach der Post zu sehen, aufhören zu warten, aufhören zu hoffen. Aber nicht ich. Jedes Mal war die Hoffnung frisch. Und jedes Mal, wenn keine Nachricht von ihm da war, traf mich der Schmerz tief. Wenn meine Mom wüsste, dass ich immer noch so empfand, hätte sie das Ganze schon vor langer Zeit im Keim erstickt. Sie hätte jedem im Woodys verboten, mir die Post auszuhändigen. Sie hätte irgendetwas dagegen unternommen.
Bedächtig legte ich einen Umschlag nach dem anderen zur Seite. Ein Angebot für ein neues Festnetz. Eine Gutscheinkarte für einen Waschsalon. Eine Kreditkartenabrechnung für Einkäufe in einem Kaufhaus in Bluffton, die meine Mom niemals im Leben bezahlen konnte. Noch mehr Werbung. Aber keine Post für mich. Enttäuscht schluckte ich, räumte den Stapel Post fort und holte eine unbeschriebene Postkarte hervor, die ich in einem Laden am Hafen gekauft hatte. Das Bild auf der Vorderseite zeigte einen kämpfenden Alligator mit offenem Maul und verdrehtem Hals, sodass er direkt in die Kamera schaute. Darunter stand in grellgelben Buchstaben: »Man sieht sich!«. Ich drehte die Karte um und klickte auf meinen Kugelschreiber.
David Fraser
c/o The Colony Apartments
42 1/2 West Congress Avenue
New York, NY 10 021
Pops/Dad/Daddy/Papa/David,
was meinst du, wie sollte dich deine beinahe 18-jährige Tochter mittlerweile nennen? Seit vergangenem Jahr habe ich nichts von dir gehört (ja, ich zähle die Monate) und so langsam bringst du mich zum Ausflippen. Ich will gar nicht erst davon anfangen, wie lange es her ist, dass wir uns gesehen haben. Ich finde, ich bin alt genug, um dich David zu nennen, was sagst du dazu? Kannst du überhaupt ein Dad sein, wenn du dich nie blicken lässt? Moment! Ich meine das nicht wirklich so. Aber ich werde den Satz auch nicht durchstreichen, weil du zumindest mal ein wenig darüber nachdenken solltest. Ich habe ohne dich mein College ausgesucht. Erinnerst du dich daran, wie wir darüber sprachen, das gemeinsam machen zu wollen? Na ja, die Zeit macht vor niemandem halt, was? Ich verrate dir, wofür ich mich entschieden habe, wenn du mir zurückschreibst. Dann könnte ich dir auch verraten, dass ich plane, meine Jungfräulichkeit zu verlieren …
Auf der Postkarte war kein Platz mehr, um weiterzuschreiben. Also suchte ich in der Schuhschachtel nach dem Briefpapier, das mir Keri Anns Nana mal geschenkt hatte. Dann schrieb ich die Adresse meines Vaters erneut, diesmal auf einen Briefumschlag, und faltete einen der Briefbogen auf.
… Fortsetzung der Postkarte: Wie gesagt, ich könnte dir auch schreiben, dass ich plane, diesen Sommer meine Jungfräulichkeit zu verlieren. Entsetzt, dass ich dir das mitteile? Gut. Also, falls du auch dazu irgendetwas sagen willst, schlage ich vor, dass du mir bald antwortest. Ich halte mich immer noch an der Hoffnung fest, dass du, wie du es versprochen hast, zu meinem Geburtstag kommst. Davon habe ich Momma nichts erzählt, sonst würde sie mir gewaltig die Laune verderben. Sie hasst es, wenn ich mir zu viel von dir erhoffe. Schnelles Update: Keri Ann ist immer noch meine beste Freundin. Dirty Harry schmeißt immer noch die Bar im Woodys. Woody ist immer noch Woody. Ich schleiche mich immer noch lieber zur Terrassentür meines Zimmers hinaus als durch die Haustür. Momma hat immer noch zwei Jobs. Bald wird sie einen neuen im Krankenhaus annehmen. In ein paar Wochen werde ich für immer (für immer, für immer!) die Highschool beenden. Ich schreibe dir von deinem Boot aus, denn es ist immer noch da. Allerdings habe ich gehört, wie die Leute bei Woodys darüber sprachen, dass die Behörden überlegen, die verlassenen Boote von hier wegzuschleppen. Wenn das wirklich passiert, werde ich eine Demonstration dagegen organisieren. Mach dir keine Sorgen. Ich werde nicht zulassen, dass sie dein Boot fortbringen. Deins ist übrigens nicht das einzige. Was für ein Problem haben die Behörden eigentlich damit?
Okay – ich glaube, ich habe meinen zusätzlichen Platz gut genutzt. Ich hab dich lieb, Dad. Ich vermisse dich. Doch das weißt du ja. Es reicht wahrscheinlich nicht als Grund, aber kannst du nicht einfach trotzdem zurückkommen?
In Liebe, Jazzy Bärchen
Ich hielt kurz inne und fügte dann hinzu:
Jessica.
Ich war schon zu alt für Kosenamen.
Verdammt. Deprimierend. Schnell faltete ich den Briefbogen und stopfte ihn zusammen mit der Postkarte in den Umschlag. Dann leckte ich die Klebefläche an, schloss das Kuvert und suchte nach einer Briefmarke. Als ich sie aufklebte, dachte ich an all die Briefe, die ich nicht abgeschickt hatte. Die, die ein bisschen zu sehr … nicht ich waren. Ich war ein optimistischer, fröhlicher Mensch. Und ich hasste es, mich niedergeschlagen zu fühlen. Ich weigerte mich, deprimiert zu sein. Wenn ich mich im Schmerz suhlte, langweilte mich das meist ziemlich bald. Es gelang mir, die Briefe und Postkarten, die ich in solch einer Stimmung geschrieben hatte, nicht abzusenden. Ich meine, würde wohl ein berühmter, preisgekrönter Fotojournalist die Abenteuer des großen Lebens aufgeben, um zurück in eine Kleinstadt an der Küste von Carolina zu kommen? Zurück zu einer Frau, die er nicht liebte, und zu einem traurigen, weinerlichen Kind, das er unabsichtlich mit dieser Frau gezeugt hat?
Konnte ich mir nicht vorstellen.
»Jazz?«, rief plötzlich eine männliche Stimme.
Rasch stopfte ich alles wieder in die Schuhschachtel und räumte sie unter die Sitzbank. Ich runzelte die Stirn. War das Joeys Stimme?
Meinen gerade geschriebenen Brief schob ich unter die Post, die ich heute mit an Bord gebracht hatte. Ich räusperte mich, als ich die unverkennbaren Geräusche wahrnahm, mit denen jemand ein Kajak neben meinem festmachte. Das hohle und dumpfe Anstoßen der Schiffsrumpfe, gefolgt vom heftigen Laut aneinanderschleifender Bootswände.
Ich biss die Zähne zusammen, als ich merkte, wie mein Herz raste. Eigentlich hatte ich vorgehabt, hier eine Weile zu bleiben und vielleicht ein paar von den alten Duke-Ellington-Schallplatten zu hören. Im Aufstehen strich ich mein Shirt glatt und blickte in den kleinen, fleckigen Spiegel gegenüber. Egal. Ich fuhr mir mit den Händen über mein blondes Haar, das ich mir aus dem Gesicht gebunden hatte, wie immer, wenn ich mit dem Kajak unterwegs war.
»Jazz«, rief er wieder und grunzte, während er sich mutmaßlich an Bord hievte.
Ich bemühte mich um einen freundlichen Ton. »Ja? Ich komme schon.« Ich nahm den Stapel Post. Dann reckte ich den Kopf zur Tür heraus, griff nach der Reling, und mit einem schnellen Satz stand ich im hellen Morgenlicht und betrachtete blinzelnd Joseph Butler in seinen dunklen Badeshorts und einem weißen, eng anliegenden Under-Armor-Shirt. Die Morgensonne schien genau über seine linke Schulter. Die dunkelblonden Haare waren ungekämmt und vom Wind völlig zerzaust.
»Hi«, sagte er belustigt grinsend. »Wie geht’s?«
»Du trägst einen Heiligenschein«, murmelte ich stirnrunzelnd. »Und ich für meinen Teil weiß, dass das nicht richtig ist. Geh also aus der Sonne, Kelly Slater.«
»Hmmm. Du nennst mich also einen Surf-Gott. Damit kann ich leben. Danke.«
»Au Mann.« Ich rollte zwar die Augen, war aber doch amüsiert. »Das bezog sich nur auf deinen miesen Surfer-Look. Das wuschelige Haar. Nicht auf –«
»Aber er ist jetzt kahl.«
»Er rasiert sich den Kopf.«
»Weil er kahl wird.«
»Du weißt genau, dass es darum nicht geht.«
»Ja. Du hast mir noch nie freiwillig ein Kompliment gemacht und du wirst wohl kaum jetzt damit anfangen.«
Ich verzog das Gesicht. »Habe ich nicht?« Auf der obersten Stufe des Niedergangs stehend lehnte ich mich auf eine Seite und hob den Kopf. »Und mir ist nicht aufgefallen, dass du da mitzählst.«
Joey schnaubte lächelnd und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, das dunkler war, seit er aufs College ging und nicht mehr den ganzen Tag hier draußen an der Küste rumhing, wo er aufgewachsen war. »Nicht gerade eine Herausforderung für das Gedächtnis, mitzuzählen, wenn die Zahl immer Null ist.«
»Na, was kannst du denn besonders gut?«, fragte ich und verschränkte zickig die Arme vor der Brust. »Ich werde dann ganz besonders darauf achten und dir entsprechende Komplimente machen.«
»Die beste Freundin meiner Schwester finden. Ihre Gewohnheiten kennen.«
Ich hob eine Augenbraue.
»Und sie zu Tode nerven«, fügte er hinzu und hielt sich mit einer Hand am Mast fest, als das Boot leicht schaukelte.
»Da hast du absolut recht«, erwiderte ich schmallippig.
»Übrigens, warum ist das eigentlich so?«
»Warum ist was so?« Der Wind wehte den Duft von Speck und frischem Gebäck über das Wasser. In einem der Restaurants am Hafen wurde wohl das Frühstück serviert. Mein Magen knurrte.
»Warum ist es so, dass ich dich derart nerve?«
Unschlüssig zuckte ich die Schultern. »Du –« Ich hielt inne. Warum ließ ich mich in diese Diskussion verwickeln?
»Du weißt noch nicht einmal warum, stimmt’s?«, wagte sich Joey weiter vor.
Ich dachte zurück an die Zeit, als ich Keri Ann und ihren Bruder Joey gerade erst kennengelernt hatte, und rollte mit den Augen. »Doch, weiß ich. Aber ich bezweifele, dass du dich erinnerst.« Mein Magen rumorte erneut laut, und ich erntete dafür ein amüsiertes Lachen von Joey.
»Wetten wir um ein Frühstück, dass ich mich sehr wohl erinnere.«
»Wusste gar nicht, dass du schon Sommerferien hast.«