Exodus - T. M. FOXX - E-Book

Exodus E-Book

T. M. FOXX

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Beschreibung

Ohne Erinnerungen an Vergangenes erwacht Falcon Pryce in ihrem neuen Leben. Auf Exodus - einer Insel, die mehr birgt als launisches Wetter und kalte, kahle Betonbunker. Stimmen flüstern jahrelange Lügen. Regeln klingen wie Rettung, aber verschleiern nur Wahrheiten. Ein Name, der immer wieder fällt, obwohl sein Besitzer tot sein sollte: Devios Curtis. Ein Streuner. Ein Feind. Alles andere als tot. Während die Lügen anfangen zu bröckeln wird Vertrauen zu einer Falle. Erinnerungen zu einer Waffe. Und Falcon steht vor der Frage, was sie bereit ist zu opfern, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

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Seitenzahl: 590

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Content Warnung

Das Buch behandelt sensibleThemen, die bei Betroffenen zu Unwohlsein führen können. Falls dich die aufgeführten Inhalte belasten, überlege bitte, ob und wann du weiterlesen möchtest.

Explizite Gewaltdarstellungen (u.a. Mord, schwere Verletzungen)

Angststörungen/Panikattacken

Übergriffe und Manipulation

Explizite sexuelle Darstellungen

Nicht jugendfreie Sprache

Achte auf dich.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

1

24Stunden nach dem Tod beginnt der Körper Geschichten zu erzählen, die der Mensch selbst nie zu Ende erzählt hat. Es sind Geschichten von Schmerz und Zuneigung. Von Atemzügen, die längst verblasst sind. Von Erinnerungen, die in Fleisch und Knochen eingraviert sind. Die Haut verfärbt sich, als hätte sie Geheimnisse gehütet, die jetzt ans Licht kommen. Der Körper spricht weiter, lange nachdem die Stimme verstummt ist.

24 Stunden reichen aus, um zu sterben. Sie genügen, um vergessen zu werden. Und für einen Moment dachte ich, ich wäre tot.

Vergessen. Bis ich Luft holte und realisierte, dass 24 Stunden auch ausreichten, um neu geboren zu werden.

Das grelle Licht, das versuchte mir die Augen aus dem Kopf zu brennen, war nicht das berühmte helle Licht am Ende des Lebens.

Auch wenn ich wünschte es wäre so, damit ich das Piepen, das in meine Ohren stach, nicht mehr ertragen müsste. Aber anstatt abzudriften, kam ich immer mehr zu mir.

Meine Muskeln und Knochen zogen mich tiefer in die Matratze. Nur der Gedanke an Bewegung ließ mich schneller atmen und das Piepen nahm zu. Eine Atemmaske lastete auf meinem Gesicht, als wäre sie aus Blei.

Ich zwang mich trotz des Drucks auf meiner Brust zu atmen.

Tief.

Langsam.

Mit meinem Herzschlag beruhigte sich auch das unüberhörbare Piepen. Schwerfällig drehte ich den Kopf und verzog irritiert die Stirn.

Dieser Raum…

Wo war ich?

Nichts kam mir bekannt vor. Weder das Bett, auf dem ich lag, noch das offen gestaltete Badezimmer neben der Eingangstür, das nur durch eine schmale Rigipswand von Blicken abgeschirmt wurde.

Der Stuhl, der Tisch und der Schrank – alles wirkte alt und benutzt. Kratzspuren der Stuhlbeine zeichneten sich auf dem blanken Beton ab. Immerhin war nur der Boden zerkratzt und nicht die Wände, als hätte jemand versucht zu fliehen. Es gab keine Fenster, lediglich die Neonröhre an der Decke spendete Licht.

Wo zum Teufel war ich?

Erschöpft zog ich mir die Atemmaske vom Gesicht und richtete mich auf. Mein Kopf fing an zu pulsieren und der Raum drehte sich vor meinem inneren Auge. Im letzten Moment stützte ich mich auf meinen Unterarmen ab, bevor mein Körper zurück auf die Matratze sinken konnte. Das Piepen nahm wieder zu. Es stach in mein Trommelfell wie Nadeln. Genervt folgte ich mit meinem Blick den Kabeln, die von meiner Brust, bis zu einem Vitaldatenmonitor reichten.

Fuck, sei doch endlich still.

Der Maschine waren meine Wünsche egal. Ich griff nach den Messfühlern auf meiner Brust und riss sie entschlossen ab. Das Piepen wurde zu einem unerträglichen, durchgängigen Ton. Ich ignorierte die Schmerzen in meinen Gliedmaßen und das Pulsieren meines Kopfes, während ich mich über den Rand des Betts lehnte und nach dem Stromkabel des Vitaldatenmonitors fischte.

Sei endlich still!

Mit einem festen Ruck riss ich es aus der Steckdose.

Stille. Endlich.

Ein Seufzen entkam mir, bevor ich mich wieder aufrichtete und gegen die kühle Wand in meinem Rücken fallen ließ. Nachdenklich schweifte mein Blick erneut zu dem verstummten Gerät. Ausstattung wie in einem Krankenhaus, aber in diesem Raum wirkte es wie ein Fremdkörper. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass es sich um eine Gefängniszelle handelte. Die Einrichtung war funktional, nicht persönlich. Nicht sonderlich gepflegt. Benutzt. Alt.

Wie war ich in einem Gefängnis gelandet? Warum war ich an einen Vitaldatenmonitor angeschlossen? Und warum sprangen nicht mindestens drei Ärzte und fünf Wachen durch die Tür, obwohl ich das Ding gerade abgesteckt hatte?

Ich versuchte mich an die letzten Tage zu erinnern, aber mein Kopf war wie leergefegt. Egal wie viele Wochen, Monate, Jahre ich versuchte mich zurückzuerinnern, dort war nichts außer gähnender Leere.

Wieso erinnerte ich mich an nichts? Litt ich unter einer Amnesie? War ich auf den Kopf gefallen?

Mein Blick fiel auf die Tür, hinter der sich offenbar immer noch niemand Sorgen machte, dass ich im Schlaf gestorben war. Na gut.

Wenn sie nicht zu mir kamen, dann würde ich eben zu ihnen kommen. Irgendjemand musste mir Antworten auf meine Fragen geben.

Ich glitt an den Rand des Betts. Unweigerlich sah ich auf das Nachthemd, das meinen Körper einhüllte, hinunter und ein kalter Schauder kroch über meine Haut.

Jemand hatte mich angefasst.

Das war ein Krankenhaus – oder nicht? Es war normal, dass Ärzte einen anfassten, oder die Kleidung wechselten. Also: Keine. Panik.

Ich schluckte die aufkommende Unruhe herunter – versuchte es zumindest. Meine Beine zitterten unter der Belastung, als ich versuchte mich aufzurichten, und mein Herz schlug wieder schneller. Immerhin bekam ich dieses Mal keinen Soundtrack dazu. Mein Atem wurde flacher und ich krallte meine Finger in das Bettgestell, als könnten meine schmerzenden Arme mich halten. Vorsichtig versuchte ich einen Schritt zu machen und knickte dabei zusammen wie eine Marionette ohne Fäden. Panisch krallte ich mich in die Matratze und hielt mich gerade so auf den Füßen.

Ich bin doch keine achtzigjährige Lady! Wieso kann ich nicht gehen?

Was auch immer mit mir passiert war, ich war nicht gesund.

Ganz und gar nicht gesund.

Meine Finger klammerten sich an alles, was ich zu fassen bekam, während ich Schritt für Schritt an der Wand entlang in Richtung des Waschbeckens ging. Ich war mir verdammt sicher, dass ich augenblicklich zusammensackte, sobald ich die Wand losließ. Und gleichzeitig fühlte ich mich mit jedem wackeligen Meter besser. Stärker. Ich knickte nur noch jeden dritten Schritt ein. Dann nur noch jeden vierten.

Erleichtert griff ich nach der keramischen Schüssel und zog mich den letzten Meter zu dem Waschbecken. Schwer atmend versuchte ich meinen Puls runterzufahren und verschaffte meinen zuckenden Beinmuskeln eine Pause.

Vielleicht war ich doch eine achtzigjährige Lady.

Ich drehte den Hahn auf und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht. Seufzend legte ich meine nassen Finger in den Nacken und verharrte einen Moment. Ein paar Wassertropfen liefen meinen erhitzten Rücken hinunter. Kühl, klar, beruhigend.

Das Rauschen des Wassers erstarb und ich vergrub mein Gesicht für einen Moment in dem weißen Handtuch. Es roch etwas nach Lavendel. Ein Detail, das nicht zu diesem funktionalen Raum passte.

Ich ließ von dem Handtuch ab, sah auf und begegnete meinem Spiegelbild.

What the…

Erschrocken stolperte ich zurück, doch meine Beine trugen mich nicht und ich fiel unsanft zu Boden. Schmerz schoss durch mein Steißbein, aber ich ignorierte ihn.

…fuck.

Ich griff hektisch nach meinen Haaren und zog sie nach vorne. Braun. Waren meine Haare schon immer braun? Moment… mein Arm! Wieso hatte ich Tattoos?! Der Linke war vollkommen davon überzogen. Unzählige Muster und Formen, die bis auf meine Finger gingen. Der Rechte war zwar nicht von Tattoos gezeichnet, aber mit Narben und Brandwunden bedeckt.

Panik kam in mir auf. Ich erinnerte mich nicht! Wieso erinnerte ich mich nicht daran?!

Mein Blick fiel auf die Schranktür, die einseitig mit einem Spiegel verkleidet war. Mit angehaltenem Atem rutschte ich über den Boden und starrte unschlüssig auf die Frau, die sich spiegelte.

Braune, lange Haare. Helle Haut, abgesehen von den vielen Tattoos. Dunkelbraune Augen, die mich irritiert musterten. Ich kannte dieses Gesicht nicht. Es fühlte sich an, als würde ich einer Fremden in die Augen sehen, aber… das war eindeutig mein Spiegelbild.

Wieso… Wieso kannte ich mein eigenes Gesicht nicht?

Wie in Trance zog ich mir das hellblaue Nachthemd vom Kopf.

Ein weiblicher Körper. Muskulös. Tattoos überall. Auf meinem rechten Schulterblatt war ein schnörkelloses, etwa fünf Zentimeter hohes Dreieck. Die linke Seite war mit einem knöchrigen Flügel verziert.

Mandalas zeichneten meinen Bauch und verdeckten beinahe die wulstige Narbe schräg unterhalb meines Bauchnabels. Ein leichter Schmerz durchzuckte mich, als ich sie berührte. Sie war offenbar noch nicht alt und nicht vollständig verheilt. Untergehend in den ganzen Malereien war ein kleines »D«. Es war nichts Besonderes, und hätte die Narbe die oberste Ecke nicht durchtrennt, wäre es mir vermutlich nicht aufgefallen. Wie sollte es auch, wenn man eine riesige Schlange auf dem rechten Bein hatte, deren Körper aus… Zahlen bestand?

D… ich kannte niemanden mit dem Buchstaben D.

Fuck, ich erinnere mich ja nicht einmal an meinen eigenen Namen!

Ich zog mir das Nachthemd wieder über den Körper und rappelte mich auf. In zwei wackeligen Schritten war ich bei der Tür und drückte die Klinke hinunter. Ein leises Klicken ertönte und ich zog sie auf. Wohl doch kein Gefängnis…

Der Gang dahinter war verlassen, aber nicht einladender als das Zimmer in meinem Rücken. Grau, wohin das Auge reichte. Dazu die Neonröhren an der Decke. Eine von ihnen hing etwas schief.

Wenn sie anfingen zu flackern, wäre das die perfekte Szenerie für einen Horrorfilm. Eine Frau, die allein durch die verfluchten Gänge irrte und direkt in ihren Tod stolperte, weil sie nicht intelligent genug war, in ihrem fucking Zimmer zu bleiben!

Klasse Aussichten…

Unschlüssig wohin ich gehen sollte, stolperte ich zur Tür nebenan. Ich klopfte und versuchte sie zu öffnen, aber der Raum war abgeschlossen. Auch die nächste Tür ließ sich nicht öffnen.

Verdammt, wo war ich hier?!

Eine Hand an der Wand, folgte ich dem Gang, in der Hoffnung jemandem zu begegnen. Es war so still, dass mir ein eiskalter Schauder den Rücken hinunterlief. Die einzigen Geräusche waren das Tapsen meiner Fußsohlen auf dem Beton und mein eigener Herzschlag, der immer mehr zunahm.

Wenn hinter der nächsten Biegung ein Mann mit Maske und Kettensäge wartete, bekam ich vermutlich einen Herzinfarkt. Zögerlich trat ich näher an die T-Kreuzung und wagte vorsichtig einen Blick erst nach rechts, dann nach links. Nichts. Niemand.

Keine Menschenseele.

Unschlüssig sah ich zwischen den Gängen hin und her. Links folgten weitere Türen, rechts knickte der Flur direkt wieder ab.

Beide Möglichkeiten waren gleich gut, nachdem ich ohnehin nicht wusste, wohin ich eigentlich ging.

»Hallo?« Fuck!

Erschrocken drehte ich mich um und taumelte zurück. Meine Füße gaben zum zweiten Mal an diesem Tag nach, und wenn die junge Frau vor mir nicht nach meinem Arm gegriffen hätte, würde ich schon wieder auf dem Boden liegen.

Mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen sah sie mich an und ließ mich los, als ich mein Gleichgewicht wieder fand. Ihre roten Haare waren zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden. Sie trug ein einfaches beiges Shirt und eine dunkelblaue Leinenhose.

»Du bist neu hier?« Das war wohl offensichtlich. Ich nickte zögerlich.

»Wo ist hier?« Irritiert fuhr ich über meine Kehle. Klang ich schon immer so?! Es fühlte sich an, als hätte jemand anderes für mich gesprochen. Aber ich war mir sicher: Meine Lippen hatten sich bewegt. Mein Hals kratzte von den Worten.

»Hier ist die Anstalt.«, erklärte die Frau und hielt mir die Hand hin. »Und ich bin Largo. Largo Jenkins.« Zögerlich nahm ich die Hand vom Hals und griff nach ihrer.

»Ist das eine Irrenanstalt?« Diese Stimme konnte nicht zu mir gehören. Es ergab in meinem Kopf einfach keinen Sinn.

Largo fing an zu lachen und schüttelte den Kopf. »Nein, auch wenn ich unser Zuhause »die Anstalt« nenne, sind hier alle bei klarem Verstand. Keine Sorge.«

Unser… Zuhause? Ich lebte hier? Ich wusste zwar gerade nicht mehr, wie mein Traumhaus aussah, aber ich bezweifelte, dass es DAS HIER war.

»Wieso erinnere ich mich an nichts?«

»Das ist normal. Komm, ich bring dich zu Bridget. Sie kann dir alles erklären.« Sie nickte den Gang mit den vielen Türen hinunter und ging einfach los. Ich hatte keine andere Wahl, als ihr zu folgen, selbst wenn sie plante, mich in eine Folterkammer zu führen.

»Weißt du, wer ich bin?«

»Nein, Bridget wird es wissen.« Bridget. Das klang nach einem Namen, den ich mir merken sollte. »Ich kann verstehen, dass du sehr verwirrt bist. Das war ich an meinem ersten Tag auch, aber keine Sorge, es wird sich bald alles klären.«

Sie hatte dasselbe durchgemacht wie ich? Hatte sie auch ihre Erinnerungen verloren? Also… war das hier doch ein Krankenhaus?

Bevor ich fragen konnte, fuhr Largo fort:

»Das Schrecklichste war der erste Blick in den Spiegel. Ich kann mich noch heute an den Moment erinnern. Es fühlt sich an, als wäre man in einem fremden Körper. Man sieht die ganzen Eigenheiten – in deinem Fall vermutlich die Tattoos – und weiß nichts.«

Moment… bedeutete das… »Du hast deine Erinnerungen nicht zurückbekommen?«

Largo schüttelte seufzend den Kopf. »Niemand hier hat das. Es ist der Preis, den man zahlt, um zu leben.«

»Der Preis, den man zahlt…?« Das klang wie aus einem Horrorfilm.

Largo lächelte beruhigend. »Keine Sorge, Antworten sind nur noch ein paar Gänge entfernt.«

Wieder und wieder bogen wir ab und folgten anderen Fluren, die genauso aussahen wie die davor. Keine Fenster – nur Neonröhren an der Decke. Drei Gänge später war ich so außer Atem, dass Largo mich stützen musste.

»Sind wir die Einzigen hier?« Unsicher sah ich mich um. Wir waren noch niemandem begegnet.

Was mich in den fucking Wahnsinn trieb!

»Nein. Die anderen sind vermutlich alle im Speisesaal. Ich bin etwas spät dran, deswegen haben wir uns überhaupt getroffen.« Speisesaal… Okay, das erklärte zumindest die leeren Gänge, aber es beantwortete nur eine von meinen hundert Fragen.

»Du sagst, das hier wäre unser Zuhause, aber…das ist ein Bunker. Unter der Erde. Oder nicht?« Largo dachte einen Moment über meine Worte nach, dann wählte sie ihre sehr vorsichtig, als hätte sie Angst, etwas Falsches zu sagen.

»Es ist kein Zuhause, das wir uns ausgesucht haben.« Nicht überraschend. »Es ist eher… eine Auffangstation. Naja, eigentlich ist es eine Forschungseinrichtung. Zumindest war die Anstalt das vor einiger Zeit. Inzwischen ist sie wie eine kleine Stadt.«

»Und die Anstalt… warum liegt sie unter der Erde?« Largo spannte sich merklich an.

»Es ist sicherer hier… sicher ist es hier unten.« Ihre Stimme zitterte leicht, und die Angst in ihrem Blick, die sie versuchte zu überspielen, schickten einen kalten Schauder meinen Rücken hinunter.

Was zum Teufel ist an der Oberfläche?!

Wir hielten vor der Tür am Ende des Gangs an.

»Bridget wird dir gleich alles erklären.«, beruhigte mich Largo mit einem Lächeln, das aussah, als müsste sie sich dazu zwingen. Sie hob die Hand, um zu klopfen, doch einem inneren Impuls folgend, griff ich nach ihrem Handgelenk.

Ich hatte so unendlich viele Fragen. Angefangen damit, wer ich eigentlich war. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst war, hatte ich Angst vor der Wahrheit. Wollte ich wirklich wissen, was mich in diese Lage gebracht hatte? Warum ich mich an nichts erinnerte und ich nicht die einzige Person mit diesem Schicksal war? Warum ich in einem Bunker unter der Erde lebte und es an der Oberfläche offenbar etwas gab, vor dem man sich fürchten musste?

Und trotzdem hatte ich keine andere Möglichkeit, als mit dieser Bridget zu sprechen. Im Dunkeln zu bleiben war keine Option.

»Alles wird gut.«, versicherte Largo und wartete geduldig, bis ich leicht nickte und ihre Hand wieder freigab. Dann klopfte sie.

Von Innen war ein freundliches »Herein.« zu hören. Schon öffnete Largo die Tür. Wir fanden uns in einem Büro wieder. Der Betonboden war mit Teppich verkleidet. Helle Holzmöbel machten den Raum wohnlich und gemütlich. Es war kein Vergleich zu dem kahlen Zimmer, in dem ich aufgewacht war. Ein übergroßes Gemälde hing an der Wand gegenüber der Tür, davor stand mit etwas Abstand eine bequem wirkende Couch.

»Ah, du bist wach! Früher als erwartet.« Eine ältere Frau, die mich um mindestens 20 Zentimeter überragte, stand auf. Sie hatte kurze blonde Haare und trug einen mintgrünen Rollkragenpulli.

Obwohl sie mich breit anlächelte, verspannte ich mich. Mein Kopf schrie mich an aus dem Zimmer zu hechten und so viel Abstand wie möglich zwischen Bridget und mich zu bringen. Trotzdem blieb ich still.

Sie klappte den Laptop zu, während meine Augen über die unzähligen Blätter und Ordner auf der Tischplatte flogen. Was für ein Chaos! Als sie um den Tisch herumkam, pressten sich meine Nägel stärker in meine Handflächen.

Ruhig bleiben.

»Danke, Largo, du kannst uns jetzt allein lassen.«, sagte sie mit einem breiten Lächeln. Nein. Nein! Als Largo Anstalten machte sich abzuwenden, griff ich nach ihrem Handgelenk. Ich wollte sie bitten zu bleiben, doch ich brachte den Mund nicht auf. Ich wagte es nicht, den Blick von Bridget zu nehmen, als würde sie sich auf mich stürzen, sobald ich es tat.

»Schon gut. Bridget hat dasselbe durchgemacht wie wir. Sie wird dir Antworten geben.«, beruhigte mich Largo – erfolglos. Übelkeit drückte in mir nach oben und der Impuls zu kämpfen oder zu fliehen, verstärkte sich. Ich schloss meine Finger fester um Largo, unfähig etwas zu sagen. Unfähig, den Blick von Bridget zu nehmen. Ihr Blick schweifte über meine verkrampfte Hand, dann zurück in mein Gesicht

»Ist okay, Largo. Wenn sich Falcon besser fühlt, wenn du hier bist, kannst du bleiben.«. Falcon? Sie nickte, als sähe sie mir meine Verwirrung an. »Ja, dein Name ist Falcon. Falcon Pryce.« Sie deutete auf das schmale Sofa vor dem Gemälde. »Setzt euch.«

»Falcon Pryce. Klingt wie aus einem Actionfilm.«, sagte Largo grinsend und führte mich zu der Couch. Der Name war in jedem Fall gewöhnungsbedürftig. Unsicher ließ ich mich neben sie sinken. Bridget schloss die Tür, nahm in dem Sessel vor uns Platz und schenkte uns zwei Gläser Wasser ein.

»Mein Name ist Bridget Redvers. Ich weiß, dass du verwirrt bist. Du hast dich im Spiegel gesehen und nicht erkannt. Ich kann dir sagen: Das ist vollkommen normal, auch wenn das erstmal absurd klingt.« Noch jemand der mir weiß machen wollte, dass Amnesie offenbar jetzt im Trend war. Und ihr glaubte ich noch weniger als Largo.

»Du wurdest vor ein paar Tagen gegen eine Krankheit behandelt – Azrael. Leider ist eine der Nebenwirkungen der Behandlung, dass man alle Erinnerungen an die Vergangenheit und Einstellungen, die man jemals vertreten hat, verliert.« Ich musste so verwirrt aussehen, wie ich mich fühlte, denn Bridget fuhr fort:

»Das wird jetzt nicht leicht zu verkraften sein, aber: Die Menschen haben die Erde zu Grunde gerichtet. Das Klima ist kollabiert und die Kriege haben uns den Rest der Menschlichkeit genommen. Seuchen kamen und eine von ihnen war Azrael. Ein passender Name, wenn man bedenkt, dass er wie ein Todesengel über die Menschheit hinweggefegt ist und jeden, den er in die Finger bekam, getötet hat. Keine Seuche, die jemals auf der Erde gewütet hat, war und ist so tödlich wie Azrael.«

Der Grund für all das war also eine Seuche? Deswegen war ich hier? War ich deswegen so schwach?

Sie machte eine ausladende Handbewegung. »Du bist hier auf der Insel Exodus. Das, was du um dich herum siehst, ist eine ehemalige Forschungseinrichtung. Wir sind hier mitten im Nirgendwo und das mussten wir damals auch sein, um nach einem Heilmittel zu forschen, ohne uns selbst anzustecken. Aber…« Sie seufzte schwer und senkte den Blick. »…bis wir ein funktionsfähiges Mittel hatten, war es zu spät. Über 80% der Menschheit ist bereits tot. Die, denen wir helfen konnten, verloren ihre Erinnerungen. Jeder, der hier aufwacht, weiß nichts mehr von seinem alten Leben. Nicht einmal seinen Namen.«

Ich war am Leben, aber mein vergangenes Ich war trotzdem tot.

Das klang verrückter als jeder Fantasy-Roman! Nur war es mein Leben!

»Wir fliegen wöchentlich mit einem speziell ausgebildeten Team aufs Festland und suchen nach Menschen, die überlebt haben. Wir klappern die Bunker ab, wo sich Überlebende versteckt halten, aber zu sagen die Suche wäre ernüchternd, ist eine Untertreibung.« Ich erkannte Tränen in ihren Augen und ihre Stimme zitterte stark. Wie oft sie diese Geschichte wohl schon erzählt hatte?

»Wir haben viele gerettet, aber viele konnten wir nicht retten. Exodus ist eine von zwei Kolonien, die Überlebende beherbergt. Auf dieser Insel sind vor allem junge Menschen, die stark genug sind, um zu arbeiten und den Launen der Insel zu trotzen. Personen, die wir neu an das Leben heranführen und auf die Gefahren, die draußen warten, vorbereiten.«

Auf der anderen Insel waren dann sicher ältere Leute oder Familien mit Kindern. Bridgets Stimme wurde leise und sie sah zu Boden.

»Es sind so wenige die wir retten konnten. Ein Bruchteil. Ich wünschte wir hätten das Heilmittel schneller entwickelt. Es schneller unter die Leute gebracht.« Sie atmete tief durch und versuchte ihre Tränen wegzublinzeln.

Largo ergriff das Wort: »Ich bin erst seit ein paar Monaten hier. Bridget macht das schon seit Jahren mit. Einmal habe ich erlebt, wie jemand angekommen ist. Er war ausgehungert und verbrannt.

Es war… schrecklich.« Largo starrte in die Leere, als würden die Erinnerungen sie heimsuchen.

Ich fühlte mich leer bei dem Gedanken, dass der Großteil der Menschheit offenbar nicht mehr existierte. Meine Familie war vermutlich tot, und selbst wenn sie noch lebten, würde ich sie nicht erkennen. Ich hatte keine Erinnerungen an die Seuche. Nicht daran gelitten zu haben. Nicht an die Behandlung. An gar nichts.

»Wie habt ihr mich gefunden?«, fragte ich unsicher, ob ich es wirklich wissen wollte.

»Mein Team hat Bunker in einer der unbewohnten Zonen durchkämmt.«

»Unbewohnte Zonen?«, hakte ich sofort ein.

»Klimazonen, geplagt von unerträglicher Hitze oder Kälte. Manche Teile stehen vollständig unter Wasser. Du warst die Einzige, die wir an diesem Tag lebendig gefunden haben. Die anderen haben es nicht geschafft.« Bridgets Blick war so bedauernd, dass mir ganz flau im Magen wurde. »Es tut mir so unendlich leid, Falcon, aber ich befürchte deine Familie… ist tot.«

Es würde mich mehr treffen, wenn ich auch nur eine Erinnerung an sie hätte. Und trotzdem: Sie waren tot.

»Was… was weißt du noch über mich?« Ich durfte mich nicht auf das versteifen, was ich verloren hatte. Im Gegensatz zu meiner Familie, lag ein Leben vor mir.

Bridget seufzte. »Nicht viel. Du hast meinen Männern, kurz bevor du bewusstlos wurdest, nur gesagt, dass du Falcon Pryce heißt und 29 Jahre alt bist.«

Das war nicht einfach nur wenig – es war fucking NICHTS! Aber ich hatte kein Recht mich aufzuregen. Ich lebte. Das war das Wichtigste. Ich kannte meinen Namen. Falcon Pryce.

Ich würde mich zumindest an ihn gewöhnen… irgendwann…

Largo stieß mit ihrer Schulter an meine und brachte mich so dazu sie anzusehen.

»Du wirst dich schnell an das Leben hier gewöhnen. Bridget hat dir die Chance geschenkt herauszufinden, wer du bist. Hier in Exodus. Sicher vor Azrael und den Klimazonen. Wir sind alle durch den Prozess einer neuen Identität gegangen, aber bisher hat keiner einen Sch-sch-schad-d-den genommen.« Sie ließ ihr rechtes Auge zucken, als hätte sie einen Anfall und grinste dann breit. Ich konnte nicht anders und lächelte ebenfalls.

Hoffentlich kam ich auch irgendwann an den Punkt, an dem ich so entspannt mit dem Gedächtnisverlust umgehen konnte. Bridget atmete tief durch und lächelte, dann erhob sie sich.

»Largo, zeig Falcon doch den Weg zu ihrem Zimmer. Nummer 212. Keine Sorge, der Vitaldatenmonitor wird natürlich noch abgeholt. Und wenn du etwas passendere Kleidung anhast, ist es Zeit für eine Führung durch die Forschungsanstalt. Vorausgesetzt, du fühlst dich dazu bereit?«

Ich nickte sofort. Zwar fühlte sich mein Körper immer noch erschöpft an, aber ich wollte endlich mehr erfahren und mein neues ›Zuhause‹ kennenlernen.

Es war Zeit mich selbst kennenzulernen.

2

»Wie kann man keinen Schokopudding mögen?«, fragte Largo kopfschüttelnd, während sie sich fröhlich meine Portion Pudding schmecken ließ.

»Weil es aussieht wie brauner Gehirnglibber?« Angeekelt sah ich auf die Masse, die gerade in Largos Mund verschwand.

»Du sagst, er schmeckt lecker UND macht mich intelligenter?«

»Nein, ich sage er schmeckt scheiße und sieht auch so aus.«

»Du weißt einfach nicht was gut ist.«

»Dein Geschmack ist fragwürdiger als meiner. Aber wenn du mir so dankbar für die zusätzliche Gehirnmasse bist, solltest du mir das zeigen, indem du mich zukünftig mit ›Eure Hoheit‹ ansprichst. Schließlich füttere ich dich mit neuer Intelligenz.«

Largo lachte auf und hielt sich die Hand vor den Mund, dass niemand ihre mit Pudding verklebten Zähne sehen konnte.

»Eure Hoheit? Sicher nicht. Das passiert nur in deinem Traumkönigreich, wo Schokopudding eine gefährliche Allzweckwaffe ist.«

»Die Königin von Traumkönigreichien befielt: Ab mit ihrem Kopf!«, rief ich in befehlshaberischem Ton, und wir mussten beide lachen.

Vor sechs Monaten wurde ich wiedergeboren. Ich hatte gelernt, meinen Namen wie einen Teil von mir zu behandeln und ihn zu akzeptieren. Und trotzdem verbrachte ich jeden Tag damit, zu lernen, wer Falcon Pryce eigentlich war. Ich wusste es auch nach einem halben Jahr noch nicht.

Inzwischen verlief ich mich nur noch jedes dritte Mal, wenn ich durch die schier endlosen Gänge der Anstalt lief. Ich kam nur noch hin und wieder zu spät zu meinem Job in der Farmstation, weil ich wieder irgendwo falsch abgebogen war. Verpasste nur ein paar Minuten der morgendlichen Ankündigung im Speisesaal, wenn die Gänge mal wieder alle gleich aussahen.

Heute war ich pünktlich. Das war auch der Grund, warum ich Largo an der Essensausgabe einen zweiten Pudding sichern konnte. Normalerweise waren die längst vergriffen, wenn ich ankam.

Kein großer Verlust. Die Konsistenz des Zeugs ist widerlich!

Der Speisesaal war genauso wenig einladend wie der Rest der Anstalt. Grau in Grau. Das einzig Lebendige war das rege Stimmengewirr, das von allen Seiten an mein Ohr drang. Das Essen war nichts Besonders, vor allem vegetarische Kost, aber es reichte aus um satt zu werden und einen weiteren Tag zu leben.

Mit einem langen Seufzen ließ sich Olive Harper zu uns an den Tisch sinken.

»Es gibt heute Mittag schon wieder Kartoffelauflauf? Könnt ihr in der Farmstation nicht mal anderes Gemüse anbauen?«, fragte sie genervt.

»Wir leben in einer unterirdischen Anstalt, Olive. Unsere Ressourcen sind begrenzt.«, erwiderte Largo, während sie ihren Löffel hingebungsvoll ableckte.

»Keine Sorge, bald gibt es wieder jeden Tag Kürbis.«, warf ich augenzwinkernd ein, was Olive erneut seufzen ließ.

Olive Harper war die beliebteste Frau in der Anstalt. Die Männer sahen ihr nicht gerade unauffällig hinterher. Ihre Schönheit konnte ihr niemand absprechen. Mit ihren langen, pechschwarzen Haaren, die tatsächlich an geschwärzte Oliven erinnerten, und ihr perfektes Gesicht einrahmten, wickelte sie jeden um den kleinen Finger. Sie war mit allen gut befreundet. Und trotzdem aß sie immer mit uns.

Olive war stark, selbstbewusst und nicht mehr und nicht weniger als mein Vorbild in der Anstalt, denn im Gegensatz zu Largo und mir arbeitete sie nicht in der Farmstation, sondern war eine Wächterin.

Gerade als ich erneut sehnsüchtig auf ihre schwarze, enge Uniform sah, ließ sich niemand Geringeres als der Chef der Wächter gegenüber von mir an den Tisch fallen: Nikolai Evans. Der einzige Mann in dieser Anstalt, den ich nicht ausstehen konnte und der allein über mein Schicksal als Wächterin entschied.

Wie immer hatte er etwas Gel in seine blonden Haare eingearbeitet, damit sie ihm nicht in die Stirn fielen. Und wie immer folgte eine Strähne seinen Anweisungen nicht. Wie immer glänzten mich seine grünen Augen wütend an, als hätte ich seinen Pudding gegessen. Seine Abneigung war wie ein Schatten, der mich selbst dann erreichte, wenn er mich aus der Ferne beobachtete. Jetzt, da er mir gegenübersaß, musste ein kalter Nordwind durch den Speisesaal ziehen.

Nik hasste mich. Ich hasste ihn. Folglich würde ich also nie eine Wächterin werden.

Abweisend verschränkte ich die Arme vor der Brust und lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Er mochte über meine Zukunft entscheiden, aber in den Arsch kriechen würde ich ihm nicht.

»Willst du etwas, Nik?« Sein Blick sagte, dass er mich am liebsten in Stücke reißen würde. Er war nicht an den Tisch gekommen, um mit Olive zu flirten, wie er es hin und wieder tat. Er war hier, um ein Hühnchen mit mir zu rupfen.

Seine kantigen Kiefer mahlten unzufrieden. Eine kleine Narbe zierte seine Stirn und wenn er nicht so verdammt unausstehlich wäre, könnte ich verstehen, was Olive an ihm fand. Ich belog mich selbst, wenn ich behauptete er würde mir optisch nicht gefallen.

Leider war sein Inneres zum Kotzen!

Seit meinem zweiten Tag hier, als ich aus Versehen in sein Zimmer geplatzt war, als er es mit der Anstalts-Bitch – Largos Worte – Aurelia getrieben hatte, sah er mich mit diesem abweisenden Blick an. Jede Sekunde in meiner Gegenwart verschwendete er damit mir klarzumachen, dass er nichts von mir hielt. Ich erinnerte mich noch genau an seine abweisende Reaktion, als Bridget ihn dazu zwang, mich in das Training der Wächter aufzunehmen.

Er nannte mich einen Fehler, den er in seinem Team nicht gebrauchen konnte. Vermutlich würde ich noch in fünf Jahren in der Farmstation vergammeln und mich täglich von Nik im Training runtermachen lassen – und trotzdem nie eine Wächterin werden.

Willkommen in meinem Leben!

»Du kommst heute mit mir mit.«, presste er durch die zusammengebissenen Zähne heraus. Olive hielt überrascht inne beim Kauen, während Largo beinahe den Pudding über den Tisch spuckte. Ich brachte im ersten Moment keinen Ton heraus. Was klang wie ein plumper Versuch, mich in sein Zimmer zu locken – was niemals passieren würde – war eine ganz andere Einladung.

»Ich darf mit?«, hakte ich ungläubig nach.

»Spreche ich undeutlich?«

»Nein… ich bin nur überrascht.«

»Glaub mir, das war nicht meine Idee.« Dass es nicht seine Idee war, mit mir den Nachmittag zu verbringen, hatte ich mir gedacht.

Ich sah zu Bridget hinüber, die mir vielsagend zuzwinkerte. Sie wusste, wie gut ich mich im Training schlug, und offenbar hatte sie Nik befohlen, mich endlich mit nach draußen zu nehmen. Dumm für ihn, dass der fucking Fehler fucking talentiert war!

Die Insel Exodus lag in einem Tsunami-Gebiet. Heftige Stürme und Orkane waren keine Seltenheit, deswegen war es den Menschen in der Anstalt aus Sicherheitsgründen nicht gestattet, selbstständig die Insel zu erkunden. Niemand, der noch bei Sinnen war, würde das freiwillig tun.

Als Mitarbeiterin der Farmstation durfte ich zwar an die Oberfläche, aber nie weiter als bis zu dem massiven Drahtzaun, der den Bunkereingang zur unterirdischen Anstalt von der Außenwelt abtrennte. Nur Wächter durften den Zaun passieren. Sie waren ausgebildet, kannten die Protokolle für Notfallsituationen und vertrauten einander blind, wenn sie das gesicherte Gelände verließen.

Außerhalb erstrecke sich ein dichter, unberechenbarer Wald. Schon als ich ihn das erste Mal sah, wusste ich, dass ich dort hinauswollte. Bridget zu überreden mich trainieren zu lassen, war ein Kraftakt, aber schlussendlich hatte sie eingewilligt. Seit Monaten bereitete ich mich vor, endlich eine Wächterin zu werden, doch Nik weigerte sich strikt.

Er war der Chef.

Er traf die Entscheidungen.

Die Missionen hinter dem Zaun forderten Vertrauen zu seinem Partner. Nik vertraute mir so viel wie ich ihm – gar nicht. Deswegen wunderte es mich, dass er mich dennoch mitnahm. Der Wald war alles andere als sicher. Auch wenn es überall auf dem Gelände Bunker gab, um sich im Notfall zu schützen, waren die mutierten Tiere nicht das Schlimmste, dem man dort draußen begegnen konnte.

»Simon ist krank. Ich brauche Ersatz, um die Grenze zu überprüfen. Das Wetter ist stabil. Es sollte also eine schnelle, ungefährliche Mission werden. Und nur dass das klar ist:« Er lehnte sich mehr in meine Richtung. »Das ist eine einmalige Sache.«

Das war vermutlich meine einzige Chance, jemals in den Wald zu kommen. Die würde ich ergreifen. Sofort! Selbst wenn es das erste und letzte Mal war.

»Du erwartest jetzt nicht, dass ich vor dir auf den Boden falle und mich bedanke, oder?«

»Lass den sarkastischen Tonfall, Falcon. Es steht nicht nur dein Leben auf dem Spiel, wenn du dich mir dort draußen widersetzt.« Er sprach meinen Namen mit so viel Abneigung aus, dass ich nicht anders konnte, als es genauso zu erwidern:

»Das habe ich nicht vor, Nikolai.«

Wir zischten uns an wie Erzfeinde vor einem Kampf. Heute war er meine Fahrkarte nach draußen, also spielte ich nach seinen Regeln, aber er sollte nicht darauf warten, dass ich ihm den Arsch abwischte, damit sich diese Chance wiederholte. Er warf mir einen letzten, warnenden Blick zu, dann stand er auf und verließ den Speisesaal.

»Du… du willst wirklich mit raus?«, fragte Largo unsicher. Sie hasste die Idee, dass ich eine Wächterin werden wollte. Sie liebte die Sicherheit und Geborgenheit, die ihr die Anstalt bot. Ich wollte die Freiheit und die Aufregung außerhalb des Zauns. Genau wie Olive, die immer noch auf Niks Hinterteil starrte und mir vielsagend zuzwinkerte, woraufhin ich nur die Augen verdrehen konnte.

»Hör auf ihn anzustarren. Er hat dich nicht verdient.«

»Wenn du wüsstest, wie er im Bett ist, würdest du anders reden.« Ich tat so, als würde mir das Essen wieder hochkommen.

»Nur über meine Leiche.«

»Bleibt mehr für mich.«

»Es ist gefährlich.«, warf Largo ein. Sie könnte tausend schlüssige Argumente liefern. Nichts konnte mich umstimmen.

»Wächterin zu sein ist meine Bestimmung, Largo. Ich will raus in den Wald, etwas Freiheit spüren und-«

»Sieh dir Kiyan an! Du könntest verletzt werden!«, unterbrach sie mich und deutete hektisch in seine Richtung, bevor sie die Hand schnell zurückzog.

Mein Blick wanderte kurz zu dem Mann hinüber, der entspannt mit seinen Freunden am Tisch saß und Largos Geste offenbar nicht mitbekommen hatte. Auf einer routinemäßigen Grenzpatrouille waren er und seine Partnerin von Streunern angegriffen worden. Sie war tot. Er war mit einer langen Narbe über seinem Gesicht davongekommen. Einen Monat nach meiner Wiedergeburt war das passiert. Inzwischen war die Narbe gut verheilt, aber er würde sie bis an sein Lebensende mit sich herumtragen. Ganz zu schweigen von den seelischen Narben, die ihm die Streuner zugefügt hatten.

Streuner.

Das wirklich Gefährliche in diesem Wald. Menschen, die früher in der Anstalt lebten. Sie hatten sich gegen Bridget verschworen und nahmen es ihr übel, dass sie Gott gespielt und uns vor Azrael gerettet hatte. Die Streuner lebten im Wald wie Hunde. Wenn das Wetter zu unerträglich wurde, zogen sie sich in die dunklen, kalten Bunker, die überall auf der Insel verteilt waren, zurück.

Sie waren gefährlicher als jedes mutierte Tier dort draußen. Zumindest war es das, was Nik uns im Training immer erzählte.

Kiyans Gesicht war der beste Beweis.

»Falcon hat hart trainiert.«, stärkte Olive mir den Rücken.

»Training ist aber nicht die Realität.«, wandte Largo sofort ein.

»Ich habe keine Angst vor dem Wald.«

»Aber… wir brauchen dich auf der Farmstation!« Largo versuchte alles, um mich davon abzuhalten zu gehen, aber das würde sie nicht schaffen.

»Largo, die Farmstation ist dein Zuhause. Nicht meins. Meine Aufgabe hier ist es Wächterin zu sein. Ich spüre das einfach.« Wenn ich trainierte und dabei mit Pfeil und Bogen zielte, oder mit Waffen, geladen mit ungefährlichen Schaumstoffhülsen, auf Flaschen schoss, fühlte ich mich wie ich selbst. Jedes Survivaltraining war wie Nachhausekommen. Wenn mich Nik wieder und wieder im Nahkampf auf den Boden beförderte und seufzend den Kopf schüttelte, als wäre ich sein größter Fehler, wollte ich es nur noch mehr. Abgesehen davon hatte ich bisher gegen jeden im Training gewonnen – außer gegen ihn. Ich war besser als die meisten der voll ausgebildeten Wächter!

Ich würde eine Wächterin sein. Eines Tages. Heute kam ich meinem Wunsch ein Stückchen näher.

»Ich will nicht, dass dir etwas passiert.« Die Angst spiegelte sich in dem Zittern ihrer Stimme und ihren Augen, die langsam glasig wurden, als hätte ich mein Todesurteil bereits unterschrieben. Sie stellte den halb aufgegessenen Joghurt auf den Tisch zurück.

»Es ist eine einmalige Sache. Wie Nik sagt. Mir passiert nichts.

Du hast es selbst gehört. Es ist gutes Wetter und mitten am Tag.

Wir werden schon nicht in eine Gruppe Streuner hineinlaufen. Also keine Sorge.«

3

Ich fühlte mich wie ein Astronaut, der kurz davor war, das erste Mal in Schwerelosigkeit zu laufen, als ich am Zaun auf die anderen Wächter wartete. Mein Blick schweifte auf den Nummernblock, der das Tor öffnen und den Strom abschalten konnte. Nicht viele Wächter kannten den Code, der in unregelmäßigen Abständen geändert wurde. Alles Sicherheitsmaßnahmen, falls die Streuner darüber nachdachten, die Anstalt zu überfallen.

Die schwarzen Wächter-Klamotten, lagen eng um meinen Körper. Das feste Schuhwerk würde meine Füße vor Schlamm und Steinen schützen und mir Halt auf rutschigem Untergrund geben.

Ich zuckte immer noch irritiert zusammen, wenn ich in den Spiegel sah. So weit möglich versuchte ich weite Klamotten zu tragen, um mich nicht mit meinem Körper auseinandersetzen zu müssen, aber heute ging das nicht. Die Uniform war Pflicht.

Mein Blick wanderte über die Grünfläche vor dem Bunker und den Landeplatz für den Hubschrauber hinweg über die Klippen zum Horizont. Eine dunkle Wolkenwand bildete sich dort. Ob Nik mit seiner Wettervorhersage Recht behalten würde? Hier in Exodus wechselte das Wetter schnell und selbst harmlose Patrouillen konnten gefährlich werden. Die Stürme rissen Bäume aus dem Boden und trugen sie meterhoch in die Luft.

»Hast du das schlechte Wetter mitgebracht?« Überrascht drehte ich mich um und sah Joel neben Nik und Aurelia auf mich zukommen.

»Nicht, dass ich wüsste.«, erwiderte ich und umarmte Joel herzlich.

Er war Largos Freund. Immer zu einem Lächeln aufgelegt und unmöglich aus der Ruhe zu bringen. Wenn ich vor ihm stand, musste ich den Kopf in den Nacken lagen, um ihm in die Augen sehen zu können. Trotz seines einschüchternden Erscheinungsbildes war er der ruhigste, freundlichste und hilfsbereiteste Mensch, den ich kannte.

Ich ertappte Nik dabei, wie er mich musterte. Aurelia seufzte genervt, verdrehte wenig begeistert die Augen und warf ihren blonden Zopf hochnäsig über die Schulter.

»Willst du sie weiter anstarren, oder können wir los?«

Nik ging nicht auf ihren Kommentar ein, sondern kam weiter auf mich zu. Er war nicht so groß wie Joel, aber immer noch einen Kopf größer als ich, sodass ich das Kinn leicht anheben musste, um ihm ins Gesicht sehen zu können.

»Halt dich an mich, ist das klar? Keine Alleingänge. Du hörst auf meine Befehle, sonst schicke ich dich sofort zurück. Ein Sturm kommt. Wir müssen schnell sein.« Er fixierte mich, als wollte er mir die Nachricht ins Gehirn pflanzen.

Manchmal fragte ich mich, ob er mich für zurückgeblieben hielt…

»Worauf warten wir dann noch?« Seine Augen verengten sich einen Moment, als würde er mir nicht trauen, dann wandte er sich dem Tor zu und gab den Code ein. Ein lautes, rasselndes Geräusch ertönte und die Tür sprang einen Spalt breit auf. Ich hielt den Atem an, als ich durch den Durchgang hinaus in den Wald trat. Es fühlte sich an, als würde ich ein Gefängnis verlassen. Ich sog die Luft ein, als wäre sie anders als hinter dem Drahtzaun.

»Genug Sightseeing. Ab jetzt volle Aufmerksamkeit.«, wies Nik mich an und gab mir einen festen Klapps auf die Schulter, sodass ich nach vorne taumelte. Idiot.

Wachsam lief ich hinter Aurelia her, Joel in meinem Rücken. Bis zur Grenze konnten es höchstens Tiere sein, die uns begegneten. Mutierte und überaus tödliche Tiere.

Die Grenze.

Ein rotes, zehn Zentimeter breites Band, fixiert im Waldboden durch lange stabile Eisennägel, teilte die Insel in zwei Gebiete. In das unsere und das der Streuner. Die Vereinbarung war vor knapp zwei Jahren geschlossen worden, nachdem ein langer Kampf blutig mit vielen Opfern geendet war. Bridget einigte sich mit dem Anführer der Streuner – Blood Noir – auf einen Waffenstillstand, solange niemand die Grenze übertrat.

Der Grund, warum wir dauernd patrouillieren mussten, war, weil sich die Streuner nur jeden dritten Tag an diese Vereinbarung hielten. Es war die Aufgabe der Wächter sie daran zu erinnern was passierte, wenn sie die Linie überschritten.

Mein Herz schlug schneller als ich es zwischen den Bäumen erkannte. Man sah dem Band die Jahre an. Die Verschmutzungen von Wetter und Tieren, die sich nichts aus Grenzen machten. Keiner würde freiwillig einen Fuß darüber setzen, außer er hatte den Wunsch zu sterben.

»Du kommst mit mir. Ihr beide geht in die andere Richtung. In einer halben Stunde treffen wir uns wieder hier.« befahl Nik und gab mir mit einem Nicken zu verstehen, dass ich ihm folgen sollte. Während Aurelia noch protestierend schnaubte, war Nik längst losgelaufen. Ich hinterher.

»Behalte die Bäume auf der anderen Seite im Auge. Es besteht zwar ein Waffenstillstand, aber die Streuner sind nicht gerade dafür bekannt sich an Regeln zu halten.«

Nik war immer ernst, aber geradeeben war seine Anspannung greifbar. Ich musste an Kiyan denken und zog den Bogen vom Rücken. Die Verhältnisse zwischen den Streunern und uns hatten sich durch den Zwischenfall nicht verbessert. Im Gegenteil. Fast augenblicklich befiel mich das Gefühl, dass wir beobachtet wurden.

»Ich glaube, wir sind nicht allein.«, murmelte ich unruhig und lief ein paar Meter rückwärts, um hinter uns zu sehen. Niemand. Prompt stieß ich an Niks Rücken, der unvermittelt stehen geblieben war. »Was zum…?«

Ich drehte mich um und sah einen Moment erschrocken über die Grenze, dann verschwand die Angst und ich hob den Bogen.

Streuner.

Drei Personen, verhüllt in schwarze Kleidung, kam auf uns zu.

Ihre Aufmachung ähnelte unserer, nur dass ihre Gesichter von tiefsitzenden Kapuzen und Tüchern vor den Mündern verschleiert wurden.

»Bleib still. Nicht schießen. Sie sind auf ihrer Seite.«, murmelte Nik mir zu und stellte sich halb vor mich, um mich zu schützen. Oder mich davon abzuhalten etwas Dummes zu tun. Ich kannte die Regeln. Im Gegensatz zu dem Abschaum auf der anderen Seite, würde ich mich daran halten.

»Das ist nah genug!«, rief Nik zu den Personen hinüber. Natürlich hatten sie das Recht sich bis zur Grenze zu nähern und das taten sie auch. Zumindest einer von ihnen, die anderen blieben ein paar Meter zurück. Ich zielte auf den Mann, der vortrat, bereit loszulassen, wenn er auch nur daran dachte, uns anzugreifen.

»Nicht schießen.«, knurrte Nik.

»Ich bin nicht dämlich.«, erwiderte ich, ohne den Krieger mit der Kapuze aus den Augen zu lassen. Sein Gesicht war unter dem Schatten nicht zu erkennen. Ich konnte nicht einmal ausmachen, ob es sich um einen Mann, oder eine Frau handelte. Der Statur nach zu urteilen, tippte ich auf einen Mann.

»Wie ich sehe, lebst du noch, Evans.« Eine männliche, tiefe Stimme. Gänsehaut befiel meine Haut und ich war mir nicht sicher, woher sie kam. Seine Worte vibrierten in mir nach wie ein Echo. Wie eine Melodie, die ich viel zu lange nicht gehört hatte.

Reiß dich zusammen, Falcon!

Einer kurzen Stille folgte ein überraschtes »Devios?!« aus Niks Mund. Moment… Sie kannten sich?!

»Richtig geraten.« Irritiert bemerkte ich, wie Nik sich entspannte, als würden wir einem Freund gegenüberstehen. Ich hingegen ließ meinen Bogen keine Sekunde sinken.

»Ich dachte, du bist-«

»Tot? Nicht ganz. Ich war es einen Moment, aber die Hölle und ich waren uns einig, dass ich noch offene Rechnungen begleichen muss.« Nik wollte einen Schritt nach vorne machen, doch ich griff nach seiner Schulter.

»Nicht. Die Grenze.« Er verharrte in seiner Bewegung und trat vorsichtshalber noch etwas weiter zurück.

»Du bist jetzt ein Streuner.« Es klang mehr nach einer Feststellung als einer Frage aus Niks Mund. Der Fremde antwortete dennoch:

»Meine Auswahl war begrenzt. Man kommt ja nicht von diesem Drecksloch herunter.« Die Wut in seiner Stimme war nicht zu überhören. Er sollte dankbar sein, dass er auf Exodus bleiben konnte und nicht zurück in die Klimazonen musste!

Eine Bewegung in einem der Bäume erregte meine Aufmerksamkeit, und als ich nach oben sah, wurde mir klar, warum die Männer hinter diesem Devios ihre Waffen nicht gehoben hatten. In den Bäumen auf der anderen Seite der Grenze saßen unzählige Gestalten. Alle hatten die Bögen bis in den Anschlag gezogen. Die Pfeilspitzen direkt auf uns gerichtet. Angespannt schluckte ich und ließ langsam den Bogen sinken.

Fuck… wir waren so gut wie tot.

»Nik…«, murmelte ich seinen Namen und stieß ihn vorsichtig mit dem Arm an. Er reagierte nicht.

»Du hättest bleiben können.«, wandte er sich an den Mann.

»Nein, hätte ich nicht und das weißt du ganz genau. Du würdest neben mir stehen, wenn du nicht feige den Mund gehalten hättest.«

»Nik!«, zischte ich erneut.

»Was?!«, fuhr er mich an und folgte meinem Blick. Sein wütender Ausdruck wurde beinahe entsetzt, als er die ganzen Schützen sah. Als könnte er mich vor dem Feind aus der Luft beschützen, drückte er mich noch mehr hinter sich.

»Keiner von denen wird schießen, solange SIE nicht schießt.«, bemerkte Devios mit schneidender Stimme. Entschlossen hob ich den Bogen wieder in seine Richtung.

»Ich schieße nur, wenn ich muss.« Keine Antwort, stattdessen trat Devios näher an die Grenze heran. Er versuchte an Nik vorbeizusehen, um einen besseren Blick auf mich zu bekommen.

»Sir. Das Band.«, rief einer seiner Männer. So wie Nik vor ein paar Sekunden, hätte Devios es fast übertreten.

Ein Lächeln huschte über mein Gesicht.

»Hör nicht auf ihn. Komm rüber, dann habe ich jedes Recht diese Sehne loszulassen.« Einer von ihnen hatte Kiyan verletzt. Vielleicht sogar er. Ich würde besser schlafen mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass ich etwas Gerechtigkeit geschaffen hatte!

»Ganz ruhig, Falcon.«, murmelte Nik, dem Devios Interesse an mir überhaupt nicht zu gefallen schien. In diesem Moment trafen sich unsere Blicke. Blaue Augen, die mich an kristallklares Wasser erinnerten, bohrten sich in meine. Mein Atem stockte, als er meinen Namen aussprach, als wollte er ihn sich genauestens einprägen. »Falcon…«

Ein unbekanntes Gefühl befiel mich. Die Wärme in meiner Brust wurde von einem Engegefühl begleitet. Mein Herz schlug schneller und mein Mund wurde trocken. Ich realisierte, wie der Bogen in meiner Hand anfing zu zittern. Eilig nahm ich ihn herunter, um nicht aus Versehen einen Krieg auszulösen. Mein Atem zitterte stark und ich wandte eilig den Blick ab, zurück auf die Söldner in den Bäumen. Was passierte mit mir?

»Hör auf sie so anzustarren. Hast du nichts zu tun, oder warum beehrst du uns mit deiner Anwesenheit?!«, zischte Nik, um die unangenehme Stille zu durchbrechen.

»Eigentlich sichern wir nur die Grenze, aber jetzt… jetzt bin ich hier, um euch zu warnen.«

»Uns warnen? Unterstehst du nicht dem Blood Noir?«, hakte Nik ein.

»Die Situation hat sich gerade geändert.« Als er das sagte, sah ich ihn erneut an. Wieso sah er mich so an? Wieso brannte sich sein Blick derart in meinen und schnürte meine Kehle zu?

Einer der Männer in seinem Rücken trat vor, doch Devios hob die Hand, sodass er stoppte. Wieso widersetzte er sich dem Blood Noir? Seinem Chef. Und warum zum Teufel sah er mich immer noch so an?!

Nik folgte seinem Blick mit einem fragenden Ausdruck, doch ich konnte nur mit den Schultern zucken. Devios fuhr ungehindert fort: »Ein Bär. Wir hatten es die letzten Wochen mit ihm zu tun. Er ist aggressiv und wie ihr sicher wisst kennen Bären keine Grenzen. Bridgets neue Methode, um uns loszuwerden.«

Bridget? Was hatte sie mit dem Bären zu tun? Nik schüttelte seufzend den Kopf.

»Du hast sie nicht alle. So wie damals. Wenn hier ein Bär ist, dann wird er schon immer hier gewesen sein.«

Devios lachte auf. »Du bist so naiv. Du vertraust dieser Frau immer noch! Selbst nachdem sie mich umbringen wollte! Selbst nachdem sie schon getötet hat.«

Jeder Streuner verdiente den Tod. Er konnte seinen gefallenen Kollegen nachtrauern, aber das änderte nichts daran, dass SIE auf der falschen Seite standen. Bridget rannte nicht herum und brachte Menschen um, wie die Streuner es taten. Wenn jemand durch ihre Hand starb, hatte es einen fucking Grund. Ich würde meine neugewonnenen Erinnerungen darauf verwetten!

Nik schwieg mit einem Kopfschütteln, während ich genervt nachfragte: »Und woher glaubst du kommt der Bär? Ich muss dich enttäuschen, aber in der Anstalt gibt es keinen Abschnitt, in dem wir mutierte Bären züchten.«

Erneut richtete sich sein Blick auf mich: »Vorlaut und misstrauisch, die kleine Miss Falcon. Willst du dich uns nicht anschließen?«

Ich konnte nicht anders, als aufzulachen. »Nein, danke.«

»Ignorier ihn. Er war früher dafür bekannt, andere zu manipulieren.«

»Es ist eine Einladung. Keine Manipulation.«, warf Devios sofort ein und wirkte genervt von Niks Interventionsversuch.

»Verschwendeter Atem.«, erwiderte ich entschlossen.

Warum sollte ich mich ihnen anschließen, nach allem, was ich über die Streuner gehört hatte? Warum sollte ich ihnen vertrauen, nach dem, was sie Kiyan angetan hatten? Der Fremde konnte mich so lange anstarren wie er wollte, aber ich stand auf der richtigen Seite des roten Bandes. Die verwirrenden Gefühle in mir waren nicht mehr als das und würden verschwinden, sobald ich Abstand zwischen uns brachte.

Gerade als Nik den Mund öffnete, um noch etwas sagen, zerriss ein markerschütternder Schrei die Stille des Waldes. Zeitgleich blickten Nik und ich in die Richtung, aus der er kam. Die Streuner zuckten nicht einmal. Als hätten sie es kommen sehen.

»Das war Aurelia!«

»Offenbar hat der Bär sie gefunden.«, bemerkte Devios trocken. Ich machte einen Schritt in die Richtung, aber Nik hielt mich unsanft an der Schulter zurück.

»Nein! Lauf zurück zum Lager! Ich hole die anderen! Der Sturm kommt. Wir müssen sowieso zurück.«, wies er mich an und rannte los. Ungläubig sah ich ihm nach.

»Du kannst nicht allein gegen einen Bären kämpfen!«

»Mach was ich sage, Falcon!«

»Nik, das ist Irrsinn!« Doch er reagierte nicht, und im nächsten Moment war er zwischen den Bäumen verschwunden. Erst jetzt realisierte ich wie stark sie sich im Wind bogen. Der Sturm war nah. Aber das war gerade meine geringste Sorge: Wie sollte Nik allein gegen einen Bären ankommen?! Was, wenn Aurelia und Joel verletzt waren? Er konnte sie nicht beide tragen!

»Worauf wartest du? Bist du eine Wächterin, oder feige wie dein Boss?«, provozierte mich Devios. Jetzt manipulierte er mich. Er wollte, dass ich Nik nachlief und mich ebenfalls in Gefahr brachte.

Zwei weitere Anhänger von Bridget weniger, in seinen Augen. Und obwohl ich mir seiner Manipulation bewusst war, war ich versucht auf ihn zu hören. Ich wollte nicht zurücklaufen, wie ein eingeschüchtertes Junges. Ich wollte helfen!

Auf einmal spürte ich seinen Atem in meinem Hals. Mein Körper hielt Inne, obwohl ich um mein Leben rennen sollte. Eine Mischung aus Sandelholz, Schweiß und etwas Undefinierbarem drang in meine Nase. Mein Verstand sagte mir, dass ich Angst haben sollte. Dass ich rennen sollte! Nicht nur, um Nik zu helfen, sondern um Devios keine Chance zu geben, mich anzugreifen.

Doch mein Körper reagierte nicht, als wüsste er mehr. Mit jeder Sekunde wurde sein Atem tiefer und mit jeder Brise an meinem Hals entspannte ich mich mehr.

»Du siehst nicht aus wie eine Frau, die vor einem Kampf davonläuft.« Wie von selbst schloss ich die Augen, während sein Atem meinem Hals hinaufwanderte. Auf einmal war alles still. Kein Wind. Keine Kampfgeräusche. Nur sein Atem. Das leichte Zittern darin, als versuchte er ruhig zu bleiben. Er war auf meiner Seite der Grenze. Ich sollte mich umdrehen und ihm zeigen, wie ungern ich einem Kampf aus dem Weg ging, doch ich konnte mich nicht bewegen. Ich WOLLTE mich nicht bewegen.

Ich wollte mehr.

Mehr von diesem Gefühl…

»Willst du wirklich zulassen, dass deine Freunde von einem Bären zerfleischt werden?« Seine Lippen streiften die sensible Haut unter meinem Ohr.

Fuck…

Ich konnte die Gänsehaut, die seine federleichte Berührung auslöste, nicht ignorieren. Wie von selbst kippte ich den Kopf mehr zur Seite, was ihm ein leises Knurren entlockte.

»Falcon…« Er sagte meinen Namen wie einen Vorwurf, obwohl er uns in diese Situation gebracht hatte. Ich wusste nicht warum, aber mein Herz raste. Die Spannung zwischen uns war unerträglich. So unerträglich, dass ich im Begriff war, mich an seinen Körper zu lehnen.

Doch auf einmal wurde ich schlagartig zurück in die Realität gerissen. Es war seine Hand. Auf meine Hüfte. Zentimeter von meinem Dolch entfernt. Nein!

Ich riss mir den Dolch vom Gürtel, stach ihn in seinen Oberschenkel und sprang im nächsten Moment von ihm weg, um den Pfeilen zu entgehen, die auf mich hinunterregneten.

Devios stieß einen schmerzverzerrten Laut aus und sackte mit dem verletzten Bein zu Boden. »Nicht schießen!«, rief er energisch, während ich bereits rannte, als wäre der Teufel hinter mir her. Ich drehte mich nicht um, um zu überprüfen, ob die Streuner auf ihn hörten. Mein Fokus war auf den Wald und die Kampfgeräusche gerichtet, während ich verzweifelt versuchte Devios leises Keuchen aus meinem Kopf zu bekommen.

Die Schreie von Joel und das Fauchen des Bären erinnerten mich an den unübersehbaren Schatten des Todes, der über dem Wald lag. Ein Bär braucht keine Sekunde, um einen Menschen zu töten – nur Nähe und seinen Instinkt. Ein einziger Moment der Unachtsamkeit und das Tier würde zu meiner letzten Erinnerung in diesem Leben werden. Und trotzdem rannte ich durch den Wald, als würde ich einem Urlaub entgegen sprinten.

»Nein!«, rief Nik verzweifelt, als ich das Geschehen fast erreicht hatte. Entsetzt sah ich auf den riesigen, braunen Bären, der mit etwas im Maul auf die Grenze zusprang. Es war klein, leicht und blond. Aurelia.

Nein!

Ohne über die Konsequenzen nachzudenken, rannte ich dem Tier nach.

»Falcon, komm zurück!«, schrie Nik, doch ich dachte gar nicht daran. Ich ignorierte die Grenze, legt einen Pfeil in die Sehne und schoss. Der Pfeil traf den weichen Hinterkopf des Bären, und er ließ Aurelia mit einem lauten, wütenden Fauchen fallen.

Er drehte sich zu mir um und knurrte in meine Richtung. Die weißen, scharfen Zähne entblößend, sah er mich an. Blut vermischte sich mit Speichel und tropfte von seinem Gebiss auf den Boden. Seine Pranke schnellte in meine Richtung, aber ich war weit genug entfernt, dass er mich nicht traf.

Das war kein Angriff, es war eine Warnung, dass ich zurückbleiben sollte. Ich war noch nie gut darin Warnungen hinzunehmen. Entschlossen legte ich einen zweiten Pfeil in die Sehne und schoss zielsicher in sein linkes Auge. Er schrie auf vor Schmerzen, taumelte und sprang davon. Ich hörte ihn gegen die massiven Bäume fallen, während ich zu Aurelia rannte und neben ihr zu Boden ging. Der Bär war nicht tot, sondern wütend. Er würde wiederkommen. Ich musste mich beeilen!

Mit einem Ruck zog ich Aurelia auf den Rücken und sah entsetzt auf die vier tiefen Bisspuren auf ihrem Oberkörper. Überall war Blut. Ihr rechter Arm fehlte bis zum Ellenbogen. Ihr Atem war flach, und sie hatte kaum Puls, als ich an ihren Hals griff, aber sie war am Leben. Sie war in einer Art Delirium vor Schmerz. Nicht einmal zu einem Schmerzensschrei war sie fähig.

»Wir müssen hier weg. Du musst mitkommen.«, beschwor ich sie, in der Hoffnung, dass sie mich verstand. Ich griff unter ihre Arme, um sie auf die Beine zu hieven. Wir mussten hier weg, bevor der Bär zurückkam oder uns einer der Streuner auf der falschen Seite der Grenze-

Ich erstarrte. Devios stand mit seinen beiden Schützen vor uns und versperrte den Weg, während ich es gerade so schaffte, Aurelia auf den Beinen zu halten.

Fuck…

»Ihr seid auf der falschen Seite der Grenze.«, knurrte Devios gegen den lauter werdenden Wind an. Das Messer, mit dem ich auf ihn eingestochen hatte, lag in seiner Hand. Blut tropfte hinunter auf den moosigen Waldboden. Ich schluckte angespannt. Wieso lief ich von einer tödlichen Situation in die nächste?

»Sie ist verletzt. Bitte.«

»Das ändert nichts. Das ist unsere Seite der Insel.«

»Ich lasse niemanden zurück, nur weil er auf der falschen Seite eines beschissenen Bandes liegt! Tut mir leid, wenn du ein Feigling bist und das anders handhaben würdest, aber ich helfe, wenn ich die Möglichkeit dazu sehe!«, fuhr ich ihn genervt an. Die Bögen der anderen spannten sich bedrohlich, aber sie schossen nicht. Noch nicht.

Wieso hatte ich nur so eine große Klappe?

»Bitte… sie braucht einen Arzt. Ich bin nicht auf dieser Seite, um euch etwas anzutun, sondern um IHR zu helfen! Bitte, Devios.«, versuchte ich an das Menschliche in ihm zu appellieren, unsicher, ob er so eine Seite überhaupt hatte.

Schweigen. Ohrenbetäubendes Schweigen. Aurelia entkam ein schmerzverzerrter Laut und ihre Beine gaben nach. Sie zog mich mit zu Boden. Verdammt, sie verlor zu viel Blut!

»Bleib wach, Aurelia. Du musst wach bleiben.« Eilig riss ich mir den Gürtel von der Hose und band ihn um ihren Arm, um zumindest diese Blutung zu stoppen. Mit einem festen Ruck zog ich ihn stramm. Jetzt schrie sie auf. Laut und ohrenbetäubend. Sofort wanderte mein Blick in den Wald hinein. War das ein Geräusch? Kam der Bär zurück?! Wir mussten hier weg!

Das erkannten wohl auch die Streuner, denn als ich das nächste Mal aufsah, war ich allein.

Der Wind riss an mir, als ich versuchte Aurelia auf die Beine zu helfen. Sie konnte kaum noch stehen. Unerbittlich versuchte der Sturm mich zu Boden zu werfen, während ich Aurelia mit mir zog. Schritt für Schritt der Grenze entgegen. Ich würde sie nicht zurücklassen. Ihre Chancen waren gering, aber solange sie atmete, würde ich weitergehen. Ich hörte lautes Knacken im Gehölz, wandte den Blick aber nicht von meinem Ziel ab. Mit jedem Schritt wurde Aurelia schwerer, der Wind stärker, der Boden unebener.

Eine Böe riss mich von den Beinen und ich fiel unsanft zu Boden, direkt zwischen zwei Wurzeln. Aurelias schlaffer Körper auf meinen. Ich schnappte überrascht nach Luft, doch ihre Masse ließ nichts ankommen.

Verzweifelt versuchte ich sie von mir herunter zu hieven. Ich drückte und schob, aber ihr Körper schien sich an den Wurzeln verfangen zu haben. Sie war zu schwer, um sie von mir zu werfen. Und ich? Ich lag in einer fucking Kuhle!

»Okay, ich hab die Lektion verstanden! Ich werde nie wieder bitten mit in den Wald zu kommen!«, fluchte ich gegen den Sturm an. Vielleicht an Nik gerichtet, vielleicht an Gott. Es war mir egal, wer mich hörte, solange jemand Aurelias Körper von mir nahm.

Niemand hörte mich.

Der Wind war zu laut.

Die knackenden Geräusche zu durchdringend.

Ich grub meine Finger in ihre Schulter, schlug ihr mit der Hand auf ihren Körper ein. Sie musste aufwachen und von mir herunter. Doch Aurelia wachte nicht auf. Ich war mir nicht einmal sicher, ob sie noch Puls hatte. Mein Herz raste und mit jeder Sekunde schnürten sich meine Lungen mehr zu. Ihr Blut durchtränkte meine Kleidung. Es legte sich um meinen Hals wie fremde Finger. Verzweifelt hämmerte ich gegen Aurelia, während meine Hände immer glitschiger wurden.

»Aurelia, wach auf.«, schrie ich sie wütend an. Wieder und wieder versuchte ich ihren Körper von mir zu stoßen, aber es half nichts. Hoffnungslosigkeit machte sich in mir breit. Wenn ich sie nicht von mir herunterbekam, würden wir beide hier sterben! Wenn nicht durch einen herabstützenden Baum, dann durch den Bären, oder schlimmer: Die Streuner!

Ich schloss einen Moment die Augen, um mich zu sammeln, dann drückte ich erneut gegen ihre blutige Brust. Panik kam in mir auf, als ich erneut scheiterte. Mein Atem wurde flacher. Tränen drückten an den Rand meiner Augen. Meine Brust schnürte sich zusammen, als würde etwas Schwereres als Aurelia auf mir liegen.

Ich werde hier sterben. Unter einem fucking Baum!

Panik legte sich wie ein kalter Schleier über mich. Lähmend. Erstickend. Ich bekam keine Luft. Vielleicht war es besser so. Vielleicht einfach bewusstlos werden. Dann ging es schneller. Dann war es schneller vorbei…

Auf einmal verschwand das Gewicht von meinem Körper und ich riss die Augen auf. Überrascht erkannte ich, wer mich aus der ausweglosen Situation gerettet hatte. Es war nicht Nik. Und auch nicht Gott. Es war Devios. In seinen Augen spiegelte sich die Unruhe, auch wenn er versuchte sie zu verbergen, während er Aurelia auf seinen Armen balancierte, als wäre sie federleicht.

»Bist du verletzt?«, fragte er mit Blick auf das Blut auf meiner Kleidung. Obwohl der Wind an ihm riss, war er ganz ruhig. Als kümmerte ihn die Umgebung nicht. Sein voller Fokus lag auf mir.

»Nein.«

»Dann komm. Der Sturm hat bald einen kritischen Wert erreicht. Es ist nicht sicher.« Seine Stimme war abweisend und kühl, aber es änderte nichts an der Tatsache, dass er mir gerade half. Eilig rappelte ich mich auf und lief neben ihm her in Richtung Grenze. Er humpelte stark wegen der Verletzung. Das schlechte Gewissen machte sich in mir breit.

»Tut mir leid wegen deinem Bein.«

»Ist nur ein Kratzer.« Für einen ›Kratzer‹ humpelte er allerdings ziemlich stark. Wir erreichten die Grenze. Ich wollte ihm gerade sagen, dass er mir Aurelia jetzt überlassen konnte, als er bereits einen Schritt über das rote Band machte.

»Ich hoffe, ich bereue das nicht.«, murmelte er leise. Ich würde ihn nicht angreifen. Ich verdankte ihm mein Leben. Genauso wie Aurelias. Zwischen den Bäumen erkannte ich Nik.