Frieden finden - Jürgen Wagner - E-Book

Frieden finden E-Book

Jürgen Wagner

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Beschreibung

Wenn Friedenszeiten sich dem Ende neigen und Herrscher wieder Kriege führen wollen, dann ist guter Rat teuer. Die Menschheit hat ihre lange Erfahrung mit Konflikten und Kriegen und was damit einhergeht. Märchen und Fabeln haben die Menschheitserfahrung aufbewahrt und in einprägsame Geschichten gefasst, die uns in solchen Zeiten helfen können. Die Geschichte verkleidet sich in Geschichten und wenn wir sie auf uns wirken lassen, können wir daraus lernen, können für uns und andere Wege zum Frieden finden. Dieses Buch ist eine kleine Fundgrube von Fabeln und Märchen, die uns zu einem Zusammenleben in Friede, Freude und Freundschaft ermutigen.

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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Frieden finden

Märchen und Fabeln

Jürgen Wagner

Impressum

© 2025 Jürgen Wagner

Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin

Titelbild: Allerleihrauh, Felicitas Kuhn © Wikimedia Commons

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort: Vom Frieden in den Volksmärchen

I Wortbedeutung ‚Frieden‘

II Märchen von Friede, Freude und Freundschaft

Was ist Frieden? - Das beste Gemälde (England)

Erlösung - Die sechs Schwäne (Deutschland)

Still, still - Die Harfe, die über sieben Königreiche tönte

Göttliche Hilfe - Varenka (Russland)

Gute Gründe für den Frieden - Warum es keinen Krieg geben kann (China)

Liebe lässt die Waffen schweigen - Die Königstochter von Frankreich (Italien)

Wege der Versöhnung - Der Kaiser als Schweinehalter (Rumänien)

Das Ende eines Gewaltherrschers - Vom weißen und vom roten Kaiser (Rumänien)

Frieden und Freundschaft - Die goldene Büchse (China)

Die riesige Übermacht - Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet (Deutschland)

Bewahren, was einem gegeben wird - Der Rabenkönig (Rumänien)

Der Willkür ein Ende setzen - Der grausame Schah (Usbekistan)

Gewaltverzicht - Drei Jäger (Weißrussland)

Von Krieg und Frieden - Wie das Siebengestirn entstand (Jugoslawien)

Friede zwischen den Religionen - Die Bunt Gescheckten (Jugoslawien)

Das kostbare Gut der Freiheit - Der Papagei (Usbekistan)

Was zum Unfrieden führt - Die Wundermühle (Lettland)

Was Frieden verhindert, was Frieden schafft - Löwe, Storch und Ameise (Deutschland)

Häuslicher Friede - Das Zeichen der Quaste (Libanon)

In Frieden leben können - Der Kadi und die Greisin (Dagestan)

Wie Friede wird - Wie die Streitaxt begraben wurde (Nordamerika)

III Fabeln und Tiermärchen

Falscher Frieden - Der Fuchs und der Hahn (Frankreich)

Wenn Gerechtigkeit und Friede sich küssen‘ - Der Hase als Richter (Burma)

Freundschaft suchen - Die Schwalbe und andere Vögel (Griechenland)

Lieber bescheiden und in Frieden - Die Stadt- und die Landmaus (Griechenland)

In Freiheit leben - Der tapfere Esel (Kasachstan)

Friede zwischen Mensch und Tier - Tiere und Menschen (Ostafrika)

Wenn zwei sich streiten - Der Löwe, der Bär und der Fuchs (Griechenland)

Was die Güte vermag - Sonne und Wind (Griechenland)

Nachgeben ist nicht immer Schwäche - Das Schilfrohr und der Ölbaum

Auch Kleine können etwas - Der Löwe und die Maus (Griechenland)

Vorbereitet sei - Der Eber und der Fuchs (Griechenland)

Wer ist der Stärkste? - Die Mücke und das Pferd (Estland) Eine kleine Unachtsamkeit - Die Geschichte vom Honigtropfen (Iran)

Feindschaft, die keiner wollte - Warum Hund und Katze einander feind sind (China)

Anhang

VORWORT

Wenn wir in unserer Zeit fragen, welchen Beitrag die Volksmärchen zum FRIEDEN leisten können, machen wir uns zuerst bewusst, dass ihre Bilder und Handlungen im kollektiven Erfahrungsschatz der Völker wurzeln. Die Märchen haben etwas zu sagen, weil sie in einer verschlüsselten Sprache altes Erfahrungswissen und Maßstäbe für unser Handeln weitergeben.

Das Wort selbst kommt nicht so häufig vor, auch ist der Friede selten ein Märchenthema. Wohl aber bestimmen Streit, Auseinandersetzung und Konflikte aller Art unser gemeinschaftliches und gesellschaftliches Leben – so auch in den Volksmärchen. Friede wird meist erst ganz am Ende, wenn die Heldenreise an ihr Ziel gekommen ist und das Drama seine Auflösung gefunden hat.

Sie herzten und küssten sich, und die Königin ging zu dem Könige, der ganz bestürzt war, und fing an zu reden und sagte: "Liebster Gemahl, nun darf ich sprechen und dir offenbaren, dass ich unschuldig bin und fälschlich angeklagt … .“ Und die böse Schwiegermutter wurde zur Strafe auf den Scheiterhaufen gebunden und zu Asche verbrannt. Der König aber und die Königin mit ihren sechs Brüdern lebten lange Jahre in Glück und Frieden (KHM 49).

Wenn sich am Ende alles löst, dann ist „Glück und Frieden“. In solcher Harmonie enden viele Märchen und beschwören das, wonach wir Menschen uns zutiefst sehnen: dass unsere Verwicklungen und Tragödien sich eines Tages lösen, dass die Wahrheit ans Licht kommt und das Böse überwunden wird und die Menschen zufrieden und in Eintracht leben können.

Nehmen wir dieses Ende des Grimm’schen Märchens „Die sechs Schwäne“ einmal ernst, beinhaltet das, dass der ganze Weg gegangen werden muss, wenn wir dahin kommen wollen. Dazu kann gehören, dass man sich einmal gründlich verirrt, dass man jemanden heiratet, den man eigentlich gar nicht heiraten wollte, dass man seine Geschwister verliert, dass man lange schweigen muss, vielleicht sogar in Todesgefahr kommt. Aber wenn die Zeit kommt, kann das Drama möglicherweise gelöst werden.

Friede und Glück, die am Ende des Weges stehen können, werden in manchen Märchen - wie hier - mit friedfertigen Mitteln erreicht. Und dennoch steht daneben auch ein gewaltsamer Tod. Klar ist: es kann kein Friede sein, wenn das Böse nicht eindeutig beendet wird. Das bedeutet, dass die Schuldigen erkannt, bestraft und oft sogar getötet werden. Erst dann ist der Weg frei in ein neues Leben. Dann kann das königliche Paar glücklich sein und dann kann auch im Reich Frieden walten.

In einigen Fällen gibt es auch eine Versöhnung, die aber nie selbstverständlich ist. Wenn die rechte Braut wieder gefunden wurde, die Liebeshochzeit stattfinden kann und alle froh sind, darf sogar die falsche Braut sich noch ‚zufrieden‘ geben:

Das ist meine rechte Braut", sprach der Trommler, "wenn ich die andere heirate, so tue ich großes Unrecht." Die Eltern, als sie hörten, wie alles sich zugetragen hatte, willigten ein. Da wurden die Lichter im Saal wieder angezündet, Pauken und Trompeten herbeigeholt, die Freunde und Verwandten eingeladen wiederzukommen, und die wahre Hochzeit ward mit großer Freude gefeiert. Die erste Braut behielt die schönen Kleider zur Entschädigung und gab sich zufrieden (KHM 193).

Friede wird nur selten mit Worten thematisiert, aber wenn das Böse überwunden, ist auch er da, ob ausgesprochen oder unausgesprochen. Als der Wolf tot ist, ging

Rotkäppchen … fröhlich nach Haus, und von nun an tat ihm niemand mehr etwas zuleide (KHM 26).

Der Märchenfrieden ist außen wie innen. Er zeigt sich, wenn die wahre Gestalt und das eigene Wesen wiedergefunden, wenn Verwandlung und Erlösung möglich werden. Äußerlich wird die Tiergestalt erlöst - aus einem ‚Frosch‘ wird wieder ein Mann - , innerlich löst sich die Beklemmung des Herzens:

Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war (KHM 1).

Frieden ist auch mitten in der Gefahr und Not, wenn z.B. das Sterntalerkind zwar „von aller Welt verlassen“, aber doch im Gottvertrauen hinaus in die Welt geht (KHM 153). Friede liegt auch darin, wenn ein Mädchen in einem Trog mit ihrer Katze über das Meer fährt oder ein Pferd die Tochter durch eine günstige Meeresströmung sicher zu der Insel bringt, wo sie den „Zauberstein Revessada“ holt. Niemals breiten Märchen den Seelenzustand ihrer Helden aus, aber die Bilder und der Glaube der Handelnden legen dem Hörer nahe, dass sie beschützt und geborgen sind.

So ist es auch bei Allerleirauh auf der Flucht vor ihrem Vater, die Zuflucht in einem hohlen Baumstamm findet:

Und weil sie müde war, setzte sie sich in einen hohlen Baum und schlief ein(KHM 65, s. Titelbild).

So bestätigt das Märchen, was auch die Sprache weiß: dass Friede, Freude und Freundschaft miteinander verwandt sind und zusammengehören.

In christlicher und humanistischer Tradition hoffen wir immer auf eine gewaltfreie Lösung von Konflikten. Dazu wurde die GFK (Gewaltfrei Kommunikation) entwickelt, lange davor die Diplomatie und Verhandlungen. „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“ (Mt 26/52), wird im Evangelium gewarnt. Die Gewaltspirale und die Unterdrückung zu beenden waren denn auch das Ziel Martin Luther Kings und Mahatma Gandhis, vieler Christen und Pazifisten. Das setzt allerdings eine starke und reife Persönlichkeit voraus, die zum Leiden und selbst zum Tode bereit sein muss. So wird denn auch von christlicher Lehre nicht gefordert, dass man staatliche Gewalt abschaffen soll, man soll sie respektieren (R 13/1). Die europäischen Volksmärchen, die weitgehend die Welt des Mittelalters wiederspiegeln, gehen selbstverständlich davon aus, dass man Gewalt braucht, um das Unheil zu überwinden und das Böse zu beseitigen. Ebenso halten Märchen am karmischen Gesetz fest: der Mensch erntet, was er gesät hat (Gal 6/7):

Als sie nun gegessen und getrunken hatten und guten Muts waren, gab der alte König der Kammerfrau ein Rätsel auf, was eine solche wert wäre, die den Herrn so und so betrogen hätte, erzählte damit den ganzen Verlauf und fragte: "Welchen Urteils ist diese würdig?" Da sprach die falsche Braut: "Die ist nichts Besseres wert, als dass sie splitternackt ausgezogen und in ein Fass gesteckt wird, das inwendig mit spitzen Nägeln beschlagen ist; und zwei weiße Pferde müssen vorgespannt werden, die sie Gasse auf Gasse ab zu Tode schleifen." - "Das bist du", sprach der alte König, "und hast dein eigen Urteil gefunden, und danach soll dir widerfahren." Und als das Urteil vollzogen war, vermählte sich der junge König mit seiner rechten Gemahlin, und beide beherrschten ihr Reich in Frieden und Seligkeit( KHM 89, Die Gänsemagd).

Die MärchenheldInnen brauchen Leidensbereitschaft, Disziplin, Geduld und Entschlossenheit. Die Gänsemagd hat ihre Tugend, ihre Schönheit und einen Windzauber, der ihr ermöglicht, sich zu schützen und eigentliche Bestimmung wieder zu finden. Immer wieder braucht es aber auch den jungen Mann, der dem Drachen mit seinem Schwert mit aller Kraft die Häupter abschlägt (KHM 60), die kluge Gretel, die die Hexe in den Ofen schiebt, um sich und ihren Bruder zu retten (KHM 15), das listige Rotkäppchen, dass dem auf dem Dach lauernden Wolf vor seiner Nase Würste kocht, so dass der Hungrige hinabrutscht, in den heißen Trog fällt und umkommt (KHM 26). Eine gewaltfreie Welt kennen die Volksmärchen nicht, aber eine mit Brot und Schwert und vielerlei Mitteln erlöste Gemeinschaft und Gesellschaft.

Der Prinz aber war froh, dass er das Wasser des Lebens hatte und ging heimwärts und wieder an dem Zwerg vorbei. Als dieser das Schwert und das Brot sah, sprach er: „damit hast du großes Gut gewonnen, mit dem Schwert kannst du ganze Heere schlagen, das Brot aber wird niemals alle.“ … (Er und seine Brüder)gerieten in ein Land, wo Hunger und Krieg war und der König glaubte schon, er sollte verderben in der Not; da ging der Prinz zu ihm und gab ihm das Brot, damit speiste und sättigte er sein ganzes Reich, und dann gab ihm der Prinz auch das Schwert und damit schlug er die Heere seiner Feinde und konnte nun in Ruhe und Friede leben (KHM 97).

Um „in Ruhe und Frieden leben“ zu können, so weiß das Grimm’sche Märchen vom „Wasser des Lebens“, braucht es Brot und Schwert: die Menschen müssen haben, was sie zum Leben brauchen; wer hungert, kann schwerlich zur Ruhe kommen. Und wer Feinde hat, die einen bedrängen oder gar angreifen, kann ebenfalls nicht in Frieden sein.

Indessen kam es zu einem gewaltigen Krieg, wo der Kaiser hin musste und mit ihm viele Männer des Landes. Der junge Mann sagte, er wolle auch dort hin und verlangte nach einem Pferd aus dem Stall. Man sagte ihm, es gäbe noch eines, das auf drei Beinen gehe, das sollte schon gut genug für ihn sein. Er setzte sich auf das Pferd und das Pferd humpelte davon. Da kam ihm der wilde Mann entgegen und es tat sich ein gewaltiger Berg auf aus wohl 1000 Regimentern Soldaten und Offizieren. Und er bekam eine schöne Uniform und ein schönes Pferd. So zog er mit all seinem Gefolge in den Krieg. Der Kaiser empfing ihn sehr freundlich und bat ihn, er möge ihm doch beistehen. Er gewann die Schlacht und verscheuchte alle … . Nun ist der Krieg gewonnen und es herrscht ein wahrer Frieden (KHM 136a).

Die Motive und Hintergründe für Streit und Krieg werden besonders in den Tiermärchen und Fabeln sichtbar. Die Tiere dienen hier als Projektionsfläche für menschliche Eigenarten. So sind in diesem Buch auch eine Anzahl dieser Tiergeschichten vertreten. Mögen sie uns helfen, in unserer Zeit die Konflikte zu bewältigen, in denen wir stecken! Mögen sie uns auch helfen, selber zu dem Frieden zu kommen, den wir uns wünschen!

Meist werden die Märchen von religiösen Erzählungen und Mythen weit weggerückt - als ob sie nichts vom Seelenfrieden und innerer Glückseligkeit verstünden. Dass dem nicht so ist, belegt z.B. dieses rumänische Märchen:

Den Boten des Kaisers gelang es, „einen Schäfer zu finden, zu dessen Glück nichts zu fehlen schien. Derselbe hütete eben seine kleine Herde von Schafen ... . Bald spielte er auf der Flöte einige fröhliche Weisen, dann … tanzte und sprang (er), indem er dazu pfiff und schnalzte. … Ich bedarf und verlange nicht mehr, als ich habe“, antwortete der Hirte jetzt kurz gefasst auf die verführerischen Reden des Kaiserboten, „ich bin vollkommen zufrieden bei meinen Schafen.“ (Das einzige Mittel).

I WORTBEDEUTUNG ‚FRIEDEN‘

Das deutsche Wort ‚Friede“ kommt aus der altgermanischen Wurzel ‚frido‘. Darin steckt das Wort Freude. Verwandt ist es mit den Worten ‚frei‘ und ‚Freund‘. Es meint also Verhältnisse oder einen Zustand, wo man nicht bedrängt ist, sondern froh und frei leben kann.

Im räumlichen Sinne ist es ein eingehegter, ein-gefriedeter Bereich wie z.B. der ‚Friedhof‘. Im übertragenen Sinne meint es Verhältnisse, die ungestört und harmonisch sind, in denen eine gute Ordnung und gute Beziehung waltet: der Hausfriede, der Familienfriede, der Burgfriede, der Religionsfriede, der soziale Friede.

Im rechtlichen Sinne meint er ein Verhältnis der Völker, in denen man sich nicht bekriegt, sondern Handel miteinander treibt und gewaltlose Mittel der Konfliktlösung anwendet. Die Beziehungen sind vertraglich geregelt, z.B. auf Grund eines Waffenstillstandes, eine Friedensvertrages oder bi- und multilateraler Verträge.

Im religiösen Sinn ist ein geistiger Frieden gemeint, eine innere Ruhe - sei es, dass man mit Gott im Reinen ist oder einfach seine innere Unruhe überwunden hat. In englischer Sprache würde man sagen: one lives in a peaceful state of mind.

Die romanische Wortwurzel hat einen rechtlichen Hintergrund: das lateinische pax spielt auf die Pax Romana an, womit die (rechtlich) geordnete Gesellschaft angesprochen ist und die Abwesenheit von Krieg. Davon leiten sich z.B. das englische peace ab, das französische paix, das spanische paz, das italienische pace.

In den semitischen Sprachen (š-l-m) meint Friede einen heilvollen Zustand, der Gesundheit, Wohlfahrt, Sicherheit, Frieden und Ruhe einschließt. Schalom ist deshalb auch bis heute in Israel der gängige Gruß (1. Sam 25/5f).

III MÄRCHEN VON FRIEDE, FREUDE UND FREUNDSCHAFT

DAS BESTE GEMÄLDE

Es war einmal ein König, der demjenigen Künstler einen großen Preis versprach, der das beste Bild vom Frieden malen würde. Bedeutende Maler sandten ihm von ihren vorzüglichsten Werken ein. Am eindrücklichsten war ein Bild, das einen ruhigen See zeigte, der friedlich die Berge spiegelte, die über ihm aufragten und deren Gipfel von Schnee bedeckt waren. Darüber erstreckte sich nur blauer, klarer Himmel mit Schäfchenwolken. Das Bild war perfekt. Die meisten Leute, die sich die Friedensbilder der verschiedenen Künstler ansahen, meinten, dass es das Beste unter allen sei.

Aber als der König den Sieger verkündete, waren alle schockiert. Das Bild, das den Preis gewann, hatte zwar auch einen Berg, aber der war rau und kahl. Der Himmel wirkte bedrohlich und ein Blitz durchfuhr ihn. Das sah überhaupt nicht friedlich aus. Es sah so aus, als hätte der Künstler versehentlich sein bestes Sturmgemälde eingereicht statt des Friedensbildes. Aber wenn jemand das Gemälde genau betrachtete, konnte er einen winzigen Busch sehen, der in einer Felsnische wuchs. Im Busch hatte ein Muttervogel ihr Nest gebaut. Inmitten des rauschenden Wassers und des stürmischen Wetters saß der Vogel völlig ruhig auf seinem Nest.

Friede bedeutet nicht, an einem Ort zu sein, an dem es keinen Lärm oder Ärger oder Arbeit gibt. Frieden bedeutet, inmitten all des Chaos zu sein und trotzdem ruhig im Herzen zu sein. Der wahre Frieden ist der Zustand des Geistes, nicht der Zustand der Umgebung. Der Muttervogel in ihrer Ruhe trotz der stürmischen Umgebung, war in der Tat die beste Darstellung des Friedens (The real meaning of peace, Autor unbekannt).

DIE SECHS SCHWÄNE

Es jagte einmal ein König in einem großen Wald und jagte einem Wild so eifrig nach, dass ihm niemand von seinen Leuten folgen konnte. Als der Abend herankam, hielt er still und blickte um sich, da sah er, dass er sich verirrt hatte. Er suchte einen Ausgang, konnte aber keinen finden. Da sah er eine alte Frau mit wackelndem Kopfe, die auf ihn zukam; das war aber eine Hexe.

"Liebe Frau", sprach er zu ihr, "könnt Ihr mir nicht den Weg durch den Wald zeigen?" "O ja, Herr König", antwortete sie, "das kann ich wohl, aber es ist eine Bedingung dabei, wenn Ihr die nicht erfüllt, so kommt Ihr nimmermehr aus dem Wald und müsst darin Hungers sterben." "Was ist das für eine Bedingung?" fragte der König. "Ich habe eine Tochter," sagte die Alte, "die so schön ist, wie Ihr eine auf der Welt finden könnt, und wohl verdient, Eure Gemahlin zu werden, wollt Ihr die zur Frau Königin machen, so zeige ich Euch den Weg aus dem Walde."

Der König in der Angst seines Herzens willigte ein, und die Alte führte ihn zu ihrem Häuschen, wo ihre Tochter beim Feuer saß. Sie empfing den König, als wenn sie ihn erwartet hätte, und er sah wohl, dass sie sehr schön war, aber sie gefiel ihm doch nicht, und er konnte sie ohne heimliches Grausen nicht ansehen. Nachdem er das Mädchen zu sich aufs Pferd gehoben hatte, zeigte ihm die Alte den Weg, und der König gelangte wieder in sein königliches Schloss, wo die Hochzeit gefeiert wurde.

Der König war schon einmal verheiratet gewesen und hatte von seiner ersten Gemahlin sieben Kinder, sechs Knaben und ein Mädchen, die er über alles auf der Welt liebte. Weil er nun fürchtete, die Stiefmutter möchte sie nicht gut behandeln und ihnen gar ein Leid antun, so brachte er sie in ein einsames Schloss, das mitten in einem Walde stand. Es lag so verborgen und der Weg war so schwer zu finden, dass er ihn selbst nicht gefunden hätte, wenn ihm nicht eine weise Frau ein Knäuel Garn von wunderbarer Eigenschaft geschenkt hätte; wenn er das vor sich hinwarf, so wickelte es sich von selbst los und zeigte ihm den Weg.

Der König ging aber so oft hinaus zu seinen lieben Kindern, dass der Königin seine Abwesenheit auffiel; sie ward neugierig und wollte wissen, was er draußen ganz allein in dem Walde zu schaffen habe. Sie gab seinen Dienern viel Geld, und die verrieten ihr das Geheimnis und sagten ihr auch von dem Knäuel, das allein den Weg zeigen könnte. Nun hatte sie keine Ruhe, bis sie herausgebracht hatte, wo der König das Knäuel aufbewahrte, und dann machte sie kleine weißseidene Hemdchen, und da sie von ihrer Mutter die Hexenkünste gelernt hatte, so nähte sie einen Zauber hinein. Und als der König einmal auf die Jagd geritten war, nahm sie die Hemdchen und ging in den Wald, und das Knäuel zeigte ihr den Weg. Die Kinder, die aus der Ferne jemand kommen sahen, meinten, ihr lieber Vater käme zu ihnen, und sprangen ihm voll Freude entgegen. Da warf sie über ein jedes eins von den Hemdchen, und wie das ihren Leib berührt hatte, verwandelten sie sich in Schwäne und flogen über den Wald hinweg. Die Königin ging ganz vergnügt nach Haus und glaubte ihre Stiefkinder los zu sein, aber das Mädchen war ihr mit den Brüdern nicht entgegengelaufen, und sie wusste nichts von ihm. Anderntags kam der König und wollte seine Kinder besuchen, er fand aber niemand als das Mädchen.

"Wo sind deine Brüder?" fragte der König.

"Ach, lieber Vater," antwortete es, "die sind fort und haben mich allein zurückgelassen," und erzählte ihm, dass es aus seinem Fensterlein mit angesehen habe, wie seine Brüder als Schwäne über den Wald weggeflogen wären, und zeigte ihm die Federn, die sie in dem Hof hatten fallen lassen und die es aufgelesen hatte. Der König trauerte, aber er dachte nicht, dass die Königin die böse Tat vollbracht hätte, und weil er fürchtete, das Mädchen würde ihm auch geraubt, so wollte er es mit fortnehmen. Aber es hatte Angst vor der Stiefmutter und bat den König, dass es nur noch diese Nacht im Waldschloss bleiben dürfte.