Frühstück zu viert - Annemarie Schoenle - E-Book
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Frühstück zu viert E-Book

Annemarie Schoenle

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Beschreibung

"Ich werde Mutter, dachte sie ergriffen. Dreifache herrliche wunderbare vierzigjährige Mutter." Mit vierzig Jahren muss die Büroangestellte Judith Uhland über Nacht die Rolle der Tante mit der der Mutter tauschen: Sie übernimmt die Pflegschaft für die drei Kinder ihrer Schwester, die ein tragischer Unfall zu Waisen gemacht hat. Judiths Enthusiasmus wird sehr bald gedämpft: Die 17-jährige Claudia lässt sich absolut nichts mehr sagen; die Mittlere, Stephanie, begegnet der neuen Mutter mit Hass und Misstrauen, und der kleine Oliver ist zwar lieb und hilfsbereit, aber auch schüchtern und verschlossen. Zu allem Überfluss schlägt der widerspenstige Familienzuwachs auch noch Judiths gestrengen und prinzipientreuen Freund Hubert in die Flucht ... Eine spritzige Komödie von der bekannten Autorin Annemarie Schoenle! Jetzt als eBook: "Frühstück zu viert" von Annemarie Schoenle. dotbooks – der eBook-Verlag.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Über dieses Buch:

Mit vierzig Jahren muss die Büroangestellte Judith Uhland über Nacht die Rolle der Tante mit der der Mutter tauschen: Sie übernimmt die Pflegschaft für die drei Kinder ihrer Schwester, die ein tragischer Unfall zu Waisen gemacht hat. Judiths Enthusiasmus wird sehr bald gedämpft: Die 17-jährige Claudia lässt sich absolut nichts mehr sagen; die Mittlere, Stephanie, begegnet der neuen Mutter mit Hass und Misstrauen, und der kleine Oliver ist zwar lieb und hilfsbereit, aber auch schüchtern und verschlossen. Zu allem Überfluss schlägt der widerspenstige Familienzuwachs auch noch Judiths gestrengen und prinzipientreuen Freund Hubert in die Flucht ...

Eine spritzige Komödie von der bekannten Autorin Annemarie Schoenle!

Über die Autorin:

Die Romane Annemarie Schoenles werden millionenfach gelesen, zudem ist sie eine der begehrtesten Drehbuchautorinnen Deutschlands (u. a. Grimme-Preis). Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter und lebt mit ihrem Mann in der Nähe von München.

Bei dotbooks erschienen bereits Annemarie Schoenles Romane »Frauen lügen besser«, »Verdammt, er liebt mich«, »Nur eine kleine Affäre«, »Du gehörst mir«, »Eine ungehorsame Frau«, »Ringelblume sucht Löwenzahn«, »Ich habe nein gesagt«, »Familie ist was Wunderbares«, »Abends nur noch Mondschein« und die Sammelbände »Frauen lügen besser & Nur eine kleine Affäre«, »Ringelblume sucht Löwenzahn & Abends nur noch Mondschein« sowie die Erzählbände »Der Teufel steckt im Stöckelschuh«, »Die Rache kommt im Minirock«, »Die Luft ist wie Champagner«, »Das Leben ist ein Blumenstrauß«, »Dreitagebart trifft Minirock«, »Tanz im Regen« und »Zuckerherz und Liebesapfel«.

Die Website der Autorin: www.annemarieschoenle.de

***

eBook-Neuausgabe Mai 2013

Copyright © der Originalausgabe 1989 Droemersche Verlagsanstalt, Th. Knaur Nachf., München

Copyright © der Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nicola Bernhart Feines Grafikdesign, München, unter Verwendung von iStockphoto.com/Dori Oconnell

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95520-223-1

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Annemarie Schoenle

Frühstück zu viert

Roman

dotbooks.

1. KAPITEL

Bevor Judith Uhland den Brief des Jugendamtes Ulm öffnete, schob sie Huberts Bild, das in einem kleinen Silberrahmen auf ihrem Schreibtisch stand, zwischen ihre Unterwäsche. Natürlich war dies eine kindische Reaktion, aber jedem Menschen standen schließlich Reaktionen, welcher Art auch immer, zu, befand Judith. Und da sie genau zu wissen glaubte, was Hubert über sie und ihr neuestes Vorhaben dachte, und da sie, albern wie sie nun mal war, fast befürchten musste, sein strenger Gesichtsausdruck könne noch um eine Spur strenger und die hellen blauen Augen noch ein wenig heller werden, legte sie ihren silbergerahmten Freund und Verlobten in spe liebevoll auf ihren neuesten Spitzenunterrock und hoffte sehr, ihre etwas dezente Rücksichtnahme möge ihn milder stimmen.

Dann riss sie den Brief auf. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, während sie das Formular entfaltete und es eilig überflog. Mein Gott, ja. Ja, sie hatte es geschafft: Ihr, Judith Uhland, Schwester und Schwägerin der verstorbenen Eheleute Margareth und Philip Berger, wurde die Pflegschaft für die Kinder Claudia, Stephanie und Oliver Berger zuerkannt, und Lilli, die Großmutter der drei, sollte Vormund werden. Judith starrte aus dem Fenster, ohne etwas zu sehen, und bekam einen trockenen Mund. Die Flasche Sekt im Kühlschrank, von Hubert bereits seit einem halben Jahr für eine geheimnisvoll angekündigte Gelegenheit aufbewahrt, fiel ihr ein.

Ich werde Mutter, dachte sie ergriffen. Dreifache herrliche wunderbare vierzigjährige Mutter. Sie würde einen Mittagstisch decken und einen Abendbrottisch, würde Schokoladenpudding kochen und Strümpfe stopfen, mit dem kleinen Oliver in den Zoo gehen, Claudias junge Verehrer bewirten, Steffi bei den Schulaufgaben helfen und nie mehr alleine frühstücken. Ihr Mund war nun so trocken, dass er dringend des prickelnden Sektes bedurfte, so viel war klar, und während sie hastig die Flasche entkorkte und ein hohes Sektglas aus dem Schrank holte, sah sie ihre sonnige kleine Küche vor sich, mit dem runden Eichentisch und dem bunten Tischtuch, mit drei Kindern, die leuchtenden Blicks vor bauchigen Kakaotassen saßen, während sie einen Kuchen rührte, sich eine Locke aus der Stirn strich und dazwischen ermahnte, ordentlich zu essen.

»Lilli«, jubelte sie. »Stell dir vor … oh, stell dir doch bloß vor …« Sie riss sämtliche Türen auf, stürmte ins Freie und die Außentreppe empor.

Aber Lilli war nicht da. Judith spähte ungeduldig durch einen Vorhang und bemerkte lediglich Papagei Cäsar, der sie böse aus halbgeöffneten Augen musterte und zu kreischen begann.

»Mutter?« Judith beugte sich über das hohe Holzgeländer. Aber nein, Lilli war auch nicht im Garten.

Ich muss einen größeren Terrassentisch kaufen, dachte sie plötzlich. Und dort, neben den Erdbeerstauden, wollte sie eine Schaukel für Oliver aufstellen. Sie lächelte. Immer, wenn sie das kleine Stückchen Land betrachtete, das sie zwar laienhaft, aber dafür mit sehr viel Liebe und Hingabe pflegte, wurde sie so froh und glücklich, als sei sie eine texanische Großgrundbesitzerin, deren stolzer Blick von Scholle zu Scholle des riesigen Besitztums wanderte. Sie würde Vater ewig dankbar sein, dass er, in kluger Voraussicht, sie zur Erbin des alten efeubewachsenen Hexenhauses bestimmt hatte und seiner Frau Lilli lediglich das Wohnrecht in der separaten Wohnung zugesprochen wurde, dafür aber mit kräftigem Kapitalausgleich. Denn Lilli hielt nicht viel von dem Haus, das zwar Charakter und Charme besaß, aber keinerlei Komfort bot.

»Charakter und Charme … Ich kann es nicht sonderlich charmant finden, mir im Badezimmer an allen Ecken und Enden den Kopf anzustoßen. Und die knarrenden Holztreppen finde ich ausgesprochen charakterlos.«

»Aber Mutter. Dafür haben wir den schönen Garten.«

Doch zu Gartenarbeit ließ Lilli sich nur herab, wenn Nachbar Petersen, ein rüstiger Witwer Ende Fünfzig, sich auf seiner Sonnenliege räkelte und ihr begehrliche Blicke zuwarf. Dann allerdings zog sie das Großgeblümte an, setzte einen Strohhut mit breiter Krempe auf, kramte alte Ballhandschuhe hervor und beschnitt die Rosenhecken so kokettierend und anmutig, als sei sie die bezaubernde Joséphine Bonaparte auf Malmaison und Nachbar Petersen ein beträchtlich aufgeschossener Napoleon.

Judith setzte sich unschlüssig auf den Treppenabsatz. Es war ein heißer Augusttag. Margeriten und Phlox leuchteten in sommerlicher Pracht, eine blaue Clematis rankte sich um das Blumengitter, Astern und Dahlien nickten mit den Köpfen, und die Sonnenblumen standen schwer und träge da. Ein Erntetag, dachte Judith. Ein Tag, an dem man bereits den Herbst erahnte.

Sie sprang auf. Nun gut. Wenn Mutter nicht da war, so würde eben Hubert der Erste sein, dem sie die frohe Botschaft brachte. Sie lief, zwei, drei Stufen auf einmal nehmend, zurück in ihre Wohnung, schenkte sich abermals Sekt nach und leerte das Glas in einem Zug. »Prost, Mutter Judith«, sagte sie feierlich. Dann lachte sie übermütig. War wirklich gut, dieser Sekt. Für welche Gelegenheit er wohl gedacht war? Für Huberts Heiratsantrag, den die ganze Familie bereits seit fünf Jahren, mit angehaltenem Atem, sozusagen, erwartete und mit dem er sich zierte wie ein reicher Erbonkel mit seinem Hinscheiden? Tja. Sie war eben lange Zeit geprüft und immer noch nicht für gut befunden worden. Die Frage war nur: Wollte sie Hubert überhaupt heiraten? Eigentlich bezeichnend, dass dies nie zur Debatte gestanden hatte. Man war der Ansicht, es sei für sie, Judith Uhland, eine außerordentliche Ehre, Herrn Regierungsrat Ellert zu ehelichen, obwohl sie doch eine so mittelmäßige Person war. Eine mittelmäßige Person … War sie das wirklich?

Sie seufzte und griff zum Telefon.

»Hallo, Hubert. Die liebe Judith ist am Apparat. Wie geht’s?« Während sie sprach, betrachtete sie sich im Garderobenspiegel. Ihr schmales Gesicht war freudig gerötet, und ihre Augen, die wie graues Rauchglas wirkten und von einem Kranz dichter schwarzer Wimpern umgeben waren, strahlten. »Judith? Was ist los? Du klingst so aufgeregt.«

»Bin ich auch. Ich bin so kribbelig wie ein Haufen Ameisen. Ich habe nämlich Nachricht bekommen.«

»Nachricht von wem und Nachricht worüber?«

Judith blickte abermals in den Spiegel und schnitt eine Grimasse. Typisch, dachte sie. Typisch Hubert. Sprach immer, als diktiere er einen langweiligen Schriftsatz: »… und bitten wir Sie umgehend um Nachricht, von wem diesbezügliche Nachricht nachrichtlich zu benachrichtigen sei …«

»Hubert! Was interessiert mich zurzeit wohl am meisten? Und wofür habe ich am meisten gekämpft? Mit all meinen Anträgen und Briefen und den Besprechungen im Jugendamt Ulm und den Telefonaten? Na?«

»Du meinst deinen Antrag auf Pflegschaft?« Huberts Stimme rastete ein wie das kleine quietschende Gartentor vor Judiths Häuschen.

»Ja, meinen Antrag auf Pflegschaft. Er ist angenommen. Hubert, stell’ dir vor, er ist angenommen, angenommen, angenommen. Und ich sitze hier, habe deinen besonderen Gelegenheitssekt geköpft und kriege schon ganz glasige Augen. Du musst unbedingt im Amt Schluss machen und zu mir kommen. Wir wollen feiern. Bitte, Hubert!«

»Ob es für mich ein Grund zu feiern ist, wenn du plötzlich drei Kinder am Hals …«

»Hubert!«

»… wenn du plötzlich die Sorge für drei Kinder zu tragen hast; bleibt dahingestellt. Du weißt ja. Unsere Ansichten liegen in diesem Falle weit auseinander. Doch auf mich hast du leider, leider keine Rücksicht genommen bei deinem einsamen Entschluss.«

Die Gartentorstimme schnappte noch ein wenig fester ein. »Mein lieber Hubert. Wenn deine Schwester und ihr Mann bei einem Badeunfall ums Leben gekommen wären, und drei Kinder gehabt hätten, dann hättest du das Gleiche getan, da bin ich ganz sicher. Ich weiß, es wäre Margareths Wunsch gewesen, dass die Kinder zu mir und Lilli kommen. Schließlich sind wir die nächsten Verwandten. Und wir haben Platz. Ich wohne hier mietfrei, arbeite nur halbtags, wir haben einen Garten, ein Gymnasium ist in der Nähe … was will man mehr?«

»Ja, was will man mehr?«, wiederholte Hubert spöttisch.

»Außerdem war es von vornherein klar, dass die Drei nicht bei Onkel Konrad und Tante Anna in Ulm bleiben können. Die beiden haben bis zum Ende des Schuljahres ihre Gastfreundschaft angeboten, mehr nicht. Und sie sind zu alt. Ich bitte dich. Konrad ist sechzig und Anna fünfundfünfzig.«

»Und ich werde im Herbst achtundvierzig«, antwortete Hubert pikiert. »Ich hoffe, ich bin dir nicht auch zu alt.«

»Aber Hubert … du weißt doch, wie ich’s meine. Und … na ja. Anna und Konrad waren bestimmt schon als Säuglinge betagt, musst du doch zugeben. Die sind einfach kein Umgang für quicklebendige Kinder wie Steffi und Oliver. Von Claudia ganz zu schweigen. Eine Siebzehnjährige! Da werde ich sogar Schwierigkeiten haben, zurechtzukommen.«

»Du wirst in der Tat eine Menge Schwierigkeiten haben. Du vergisst, dass du genauso wenig Erfahrung hast wie Anna und Konrad. Ich weiß überhaupt nicht, woher du deine Selbstsicherheit nimmst.«

Judith schwieg verärgert. Es war immer das Gleiche! Nichts als grauer Pessimismus. Wieder starrte sie in den Spiegel. Ihr Haar sah verheerend aus, mittelbraun, langweilig, ohne jeden Schnitt. Schon möglich, dass ihr nie mehr ein anderer Mann Avancen machen würde. Aber egal. Sie war jetzt dreifache Mutter, und wenn diese Tatsache auch ihren Heiratschancen gewiss mehr als abträglich war – wer sagte eigentlich, dass sie unbedingt heiraten musste? Und dass es unbedingt ein absolut berauschendes Ereignis war, Hubert zu heiraten? Einen Mann, der in sakraler Feierlichkeit eine Flasche Sekt in ihrem Kühlschrank deponierte und sich dann beharrlich ausschwieg. Und dessen Antrag bestimmt schriftlich kam, mit fünffachem Durchschlag und der dringenden Bitte, ein Exemplar umgehend und gegengezeichnet an den Antragsteller zurückzusenden.

»Judith? Was ist los? Bist du noch dran oder schwebst du schon im siebten Mutterhimmel?«

»Kommst du jetzt feiern oder nicht?«

»Nein, ich komme nicht feiern. Aber ich lade dich zum Abendessen ein. Um sieben Uhr beim ›Alten Wirt‹.«

»Na gut«, meinte sie seufzend. »Um sieben Uhr beim ›Alten Wirt‹. Obwohl … ich meine, angesichts der Besonderheit des Tages, lieber Hubert, wäre es vielleicht ausnahmsweise angebracht, den Tagungsort in ein schickes italienisches Restaurant … nein? Okay. Nein.« Sie schnitt abermals eine Grimasse und legte auf.

Als Konrad und Anna Dehler die Kopie des Bescheides vom Jugendamt Ulm erhielten, atmeten sie erleichtert auf. Sie hatten damals, vor einem halben Jahr, getragen von dem edlen Gefühl, drei über Nacht zu Waisen gewordenen Kindern vorübergehend Heim und Schutz zu gewähren, geradezu kategorisch darauf bestanden, ihre Gastfreundschaft anzubieten, bis eine geeignete Lösung gefunden sei.

Doch bald schon und ohne es sich jemals einzugestehen, hatten sie es bitter bereut. Anna, die Schwester Lilli Uhlands, ein mütterlicher, molliger Typ mit roten Backen und flinken Augen, merkte sehr schnell, dass sie, die bis dahin kinderlos war, überhaupt nicht wusste, wie sie mit Claudia, Steffi und Oliver umgehen sollte.

Und auch Konrad benahm sich so hilflos wie ein Fisch auf dem Trockenen. Obwohl es ihn natürlich weniger betraf. Er stand den ganzen Tag im Laden, bediente die Kunden und sah diese Rasselbande nur abends. Und selbst da hatte er schon nach kürzester Zeit die Nase voll. Aber sie?

Sie hatte sich weder an den schnoddrigen Ton noch an die unmögliche Kleidung und die schlechten Manieren der drei gewöhnen können. Margareth hatte die Kinder einfach zu sehr verwöhnt … Immer öfter schüttelte Anna den Kopf, räumte Claudias nachlässig über einen Stuhl geworfene Kleider in den Schrank, ertrug Steffis freche Antworten und sah nach Oliver, der vorwiegend in düsteren Ecken hockte, in seinen Büchern schmökerte und so zugänglich war wie die Festung von Alcázar.

Doch nun war es vorbei. Es war August, und Ende des Monats würden Claudia, Steffi und Oliver nach München reisen. Koffer und Kisten standen zum Teil bereits gepackt, eingelagerte Möbelstücke würden noch diese Woche auf den Weg gebracht werden, und sie und Konrad konnten schon sehr bald wieder zu ihrem ruhigen, beschaulichen Leben früherer Tage zurückkehren. Obwohl … um den kleinen Oliver tat es Anna ein wenig leid. Denn abgesehen von seiner beständigen, traumverlorenen Schmökerei in Büchern war er ein lieber Junge, ernst, ordentlich, nie laut und wenn auch schwer zugänglich, so doch der höflichste. Er hatte bei Anna großmütterliche Gefühle geweckt, ihr kleine Botengänge abgenommen, den Abfall zur Tonne getragen und sogar die Nachbarn gegrüßt. Wenn er bei ihr bliebe … Doch auch darüber sprach sie nicht mit Konrad. Ein Esser mehr … Konrad war geizig, so geizig, dass er Anna sogar nötigte, mit bröseligen Fertigsuppen, Konserven und allerlei unverkäuflichen verstaubten Ladenhütern den Küchenzettel höchst fragwürdig zu bereichern.

»Drei Wochen Buchstabensuppe«, hatte Steffi erst gestern bemerkt. »Das macht aus jedem Analphabeten ein Genie.«

»Woanders hungern die Menschen.«

»Dann schick denen eine Ladung deiner Nudeln. Und wir machen uns an den frischen Schinken.«

Anna nahm den Brief des Jugendamtes, ging ins Wohnzimmer und sah, wie Claudia und Steffi am Boden vor dem Fernsehapparat saßen und kichernd einen Liebesfilm anschauten. Auf dem Bildschirm näherte sich der Held gerade männlich-charmant auf der Couch der Heldin und beabsichtigte ganz offensichtlich, weitere Maßnahmen zu ergreifen.

»Kinder. Das ist doch kein Film für euch.«

Claudia lachte. »Aber Tantchen. Ist doch nichts passiert. Wird auch nichts passieren. Sieh mal. Zuerst wird er sie küssen …«

»Macht er schon«, feixte Steffi.

»Und dann wird er, wenn überhaupt, mit leicht feuchten Augen seine Krawatte ablegen und die Kamera wird, schwenk-schwenk, den Rosenstrauß ins Visier nehmen und langsam ausblenden.«

»Der Film ist nämlich von neunzehnhundertsechzig«, bemerkte Steffi.

»Na und?«

»Neunzehnhundertsechzig blendete man nach der Küsserei und dem Rosenstrauß aus.«

»Aha. Und heute?«

»Auch nach der Küsserei und beim Rosenstrauß.«

»Was ist dann der Unterschied?«

»Damals war’s der Rosenstrauß mit furchtbar viel Gefiedel und Klavier im Hintergrund. Heute steht der Rosenstrauß vor einem Spiegel, und im Spiegel sieht man …«

»Ich habe Nachricht vom Jugendamt«, sagte Anna hastig. Sie wusste schließlich, was man alles in einem Spiegel sah. »Eine gute Nachricht. Tante Judiths Antrag wurde genehmigt. Ihr könnt Ende des Monats abreisen.«

Claudia und Steffi schwiegen.

»Ihr werdet euch mit Judith gut verstehen. Und München ist wirklich eine schöne Stadt. Judiths Häuschen ist zwar etwas beengt, dafür sehr gemütlich. Na ja, ihr kennt es ja. Und einen Garten habt ihr auch.«

»Ich mache mir nichts aus Garten. Terrassenwohnungen sind nobler«, sagte Claudia und blickte aus dem Fenster.

Anna lächelte nachsichtig. Sie wusste, wie sehr Claudia ihr sorgloses Leben vermisste, die Reitstunden, die Tennisturniere, die herrlichen Urlaube, zusammen mit den Eltern. Philip und Margareth hatten die Kinder vergöttert, hatten das Geld mit vollen Händen ausgegeben und sich über die Zukunft keinerlei Gedanken gemacht.

Und dann diese Katastrophe! Dieses Unglück. Philip befand sich auf einer Geschäftsreise in Neuseeland. Und Margareth begleitete ihn. »Unsere zweiten Flitterwochen«, hatte sie lachend am Telefon berichtet. Karten trafen ein. Kleine Päckchen für die Kinder. Fotos. Und dann das Telegramm der Botschaft: »Mit großem Bedauern … ein Unfall.«

Was weiter kam, war wie ein Alptraum. Die Beerdigung. Die vielen Menschen auf dem Friedhof. Die Behördengänge. Das Jugendamt. Die Kinder, wie erstarrt die erste Zeit. Oliver schreckte nachts weinend auf, erzählte, er träume von seinem Vater; wie er versucht habe, Mutter zu retten und wie beide ertranken.

Doch die Träume wurden seltener. Steffi, für ihre dreizehn Jahre noch ziemlich klein, ging wieder auf Sport- und Kinderfeste, Claudia besuchte einen Malkurs, und Oliver, gerade acht geworden, züchtete Goldhamster und las in seinen Abenteuerbüchern. Er erzählte nichts mehr von seinen Träumen, und er weinte auch nicht mehr.

»In einer halben Stunde gibt es Abendbrot«, sagte Anna.

»Buchstaben?«

»Nein. Sauerbraten.«

»Hoffentlich nicht so verstaubt wie die Buchstaben«, antwortete Steffi und biss in einen Apfel.

In München stand Judith unterdessen vor dem Kleiderschrank und musterte ihre Garderobe. Was trug eine fortschrittliche Mutter eigentlich? Ihr fiel auf, dass sie nur Faltenröcke besaß. Bürokleidung, wie Lilli des Öfteren ironisch bemerkte. »Blaues Röckchen, weißes Blüschen, flache Absätze«, pflegte sie zu spotten. »Man würde dich erst gar nicht grüßen, hättest du mal was anderes an.«

Judith duschte, zog sich an, bürstete ihr Haar und betrachtete sich. Sehr, sehr brav stand sie vor dem großen Flurspiegel, mit biederem Haarschnitt, feinem, etwas fadem Gesicht, in dem nur ihre Augen auffielen und in dem die dunklen Augenbrauen viel zu breit und unregelmäßig gewachsen waren. Ihre Figur war nicht schlecht, gut proportioniert, wenn auch zäh erkämpft, und ihre Beine waren lang, mit schmalen Fesseln und kräftigen Waden. Eigentlich wirkte sie genau so, wie Hubert sich eine nette Ehefrau vorstellte, etwas Wetterfestes, Dauerhaftes, ein praktischer Trenchcoat sozusagen. Ein pfiffiger Verkäufer würde glatt vierzig Jahre Garantie auf sie geben und dabei gar nicht falsch liegen. Sie begann sich zu ärgern. Wer wollte schon gerne ein Trenchcoat sein … Kurz entschlossen kramte sie Lippenstift und Schminke aus den tiefsten Tiefen ihres Badezimmerschränkchens und malte sich einen großen roten Mund und herrlich sündige Augen. Dann zog sie ihr Haar tiefer in die Stirn, bestäubte sich mit Parfüm und verwischte etwas Rouge auf den Wangen. Der Trenchcoat soll wenigstens ein farbiges Revers erhalten, dachte sie aufsässig und puderte sich noch die Nase.

Lilli hatte noch keine Ahnung, wie sehr sich durch jenen verhängnisvollen Brief auch ihr Leben verändern würde. Sie spazierte mit Freundin Beatrice durch den Hofgarten, verfütterte ein paar Kekse an die Tauben vor der Feldherrnhalle und errötete sanft, als ein gut aussehender, älterer Herr ihr einen aufmerksamen Blick schenkte und sanft lächelte. Lilli war klein, schmal; ihre rotblonden Locken, die sie, wie in jungen Jahren, schulterlang trug, verliehen ihr etwas Mädchenhaftes. Ihr Gesicht war zart gezeichnet und immer noch schön, trotz der kleinen Fältchen, die die Haut durchzogen und den eisblauen Augen, die nicht mehr so leuchteten wie früher.

»Wie geht es Judith?«, fragte Beatrice, mäßig interessiert.

Lilli lachte. »Wie soll es ihr schon gehen? Sie wandelt Tag für Tag in ihr verstaubtes Amt, kommt am frühen Nachmittag nach Hause, arbeitet im Garten, bereitet ein kleines Abendbrot für sich und Hubert, sieht fern und ist so langweilig wie eh und je.«

»Glaubst du, sie heiratet Hubert?«

Lilli hob die Augenbrauen. »Du stellst die Frage verkehrt herum. Doch egal. Ich würde ihn jedenfalls nicht heiraten, er ist eine alte Jungfer in Hosen. Doch was bleibt ihr übrig?«

»Du meinst, sie hat nicht allzu viele Chancen?«

»Allzu viele? Ich kenne keine außer Hubert. Sie hatte mal eine große Liebe, doch die ging nach Australien. Das war vor fünfzehn Jahren. Und dann gab es noch ein paar Interessenten aus der Nachbarschaft. Aber das waren Witwer oder Geschiedene, die wohl eher eine gute Haushälterin suchten. Und einmal hätte sie sich beinahe verlobt. Mit einem österreichischen Skilehrer. Torschlusspanik! Zugegeben, ein bildschönes Mannsbild und wohl gut geeignet für ein bisschen erotischen Nachholbedarf. Wir haben ihr diesen Mann ausgeredet, und sie brach ihren Urlaub ab und kam nach Hause.«

»Erotische Anwandlungen hätte ich ihr gar nicht zugetraut.«

»Na ja. Diese Geschichte scheint wohl auch ihr gesamtes Temperament erschöpft zu haben. Von da an lebte sie wie eine Nonne. Als sie Hubert kennenlernte, war sie bereits Mitte dreißig und ganz schrecklich anständig und brav.«

»Sonderbar, wie unterschiedlich Schwestern doch sein können. Wenn ich da an Margareth denke …«

Lilli schwieg. Sie dachte oft an Margareth, die ihre zierliche Figur, ihr rotes Haar und ihre charmante Fröhlichkeit besessen hatte und die, bevor sie Philip heiratete, umschwärmt worden war wie ein Starlet.

»Judith gleicht da mehr meinem verstorbenen Mann«, sagte sie nachdenklich. »Treu wie Gold und störrisch wie ein Maulesel. Denn sonderbarerweise – so unsicher und schüchtern sie im Alltag auch scheint – so eigensinnig und zielbewusst kann sie sein, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat.«

»Du denkst wohl an den Antrag auf Pflegschaft für Margareths Kinder?«

»Ja, genau. Sicher, ich liebe meine Enkel«, sagte Lilli hastig. »Aber weder Judith noch ich sind drei Kindern gewachsen. Ich eigne mich nun mal nicht zur Großmutter. Und Judith als Mutter …« Sie schüttelte den Kopf.

»Aber die Kinder in ein Heim zu stecken, wäre auch grausam.«

»Kein Mensch hätte sie in ein Heim gesteckt. Verschiedene Verwandte hätten geholfen. Nur alle drei Racker auf einmal, das wollte sich natürlich keiner antun. Ich kann nur hoffen, dass Judiths Antrag abgelehnt wird.« Lilli blickte sich um. Der nette Graumelierte stand vor einem Schaufenster mit Miederwaren und sah nicht so aus, als wüsste er genau, was er sich da so aufmerksam beguckte.

»Gehen wir ins ›Glockenspiel‹, einen Kaffee trinken?«, fragte sie so laut, dass Beatrice zusammenzuckte. Und als sie bemerkte, dass die grauen Schläfen sich wieder an ihre Fersen hefteten, hängte sie sich bei Beatrice ein und warf fröhlich ihren Kopf zurück.

»Du bist ja geschminkt«, stellte Hubert missbilligend fest, als Judith und er sich beim Essen gegenübersaßen.

»Na und?«

»Ich wusste gar nicht, dass dreifache Mutterfreuden zu einer Farborgie anregen.«

»Und ich wusste nicht, dass so ein bisschen Lippenstift und Rouge gleich eine Orgie sein sollen.«

»Ohne Farbe gefällst du mir jedenfalls besser«, meinte Hubert und griff nach der Speisekarte.

Judith ärgerte sich. Gott, ist der langweilig, dachte sie. Wie streng sein Gesicht aussah, wie aufrecht er dasaß; er hatte etwas Englisches an sich, etwas Distinguiertes; er sprach, als sei ihm manchmal die Zunge im Weg. Wie viele Männer kleiner Statur hielt er sich gerade und trug den Kopf leicht erhoben. Die Kellner flitzten, wenn er einen Wunsch äußerte, und in der Straßenbahn wagte keiner, ihn anzurempeln. Bei Judith flitzten die Kellner nicht, und angerempelt wurde sie oft.

»Prost«, sagte sie und lächelte mühsam. »Freu dich doch mit mir. Schließlich sind wir nicht auf einer Beerdigung.«

»Wann kommen die Kinder?«

»In zwei Wochen. Mein Gott, was ich noch alles erledigen muss … Glaubst du, es wird möglich sein, eine Woche vorher Urlaub zu bekommen?«

»Jetzt? Zur Hauptreisezeit?«

»Wenn du dich dafür verwenden würdest? Schließlich bist du mein Vorgesetzter?«

»Und wenn ich mich nicht verwende?«

»Dann werde ich krank«, antwortete Judith eisig. »Ich bekomme Bauchschmerzen, Wehen und eine dreifache Sturzgeburt. Wer kann schon arbeiten als Wöchnerin.«

»Judith. Sei doch nicht kindisch. Natürlich kannst du Urlaub bekommen. Aber sonst … Ich glaube, du bist dir immer noch nicht bewusst, was du dir alles aufhalst. Es hätte auch elegantere Lösungen gegeben. Ein Internat für Stephanie, eine Sprachenschule mit Wohnmöglichkeit für Claudia und später dann vielleicht ein Studium mit Unterbringung in einem Studentenheim. Und Oliver … nun ja. Auch hier wäre uns etwas eingefallen.«

»Die Geschwister auseinanderreißen? Nachdem sie vorher schon beide Eltern verloren haben? Wie grausam du bist.«

Hubert spielte mit seiner Serviette. »Ich bin nicht grausam«, sagte er nach einer Weile. »Nur enttäuscht. Ich liebe dein kleines Häuschen, und dann meine Pläne. Wie angenehm hätten wir beide zusammenleben können. Im Erdgeschoß das Wohnzimmer, das ich ein wenig umgebaut hätte, im ersten Stock die beiden kleinen Zimmer als Gästeraum und Bibliothek …«

»Vergiss das Schlafzimmer nicht.«

»Das Schlafzimmer kann bleiben, wie es ist.« Er räusperte sich.

»Ja. Wie gesagt. Schön hätten wir uns das Leben machen können. Ein nettes Heim, unsere Reisen nach Madeira und in die Toskana …«

»Ein bisschen arg ruhig, nicht? Das klingt so nach Rente und Parkbank in der Sonne und Sahnetorte am Sonntag, Punkt fünfzehn Uhr. Und dass du zuerst meine niedlichen Zimmerchen, dann die Reisen und mich schließlich nur am Rande erwähnst, stimmt mich recht nachdenklich. Ich weiß zwar, dass ich die Männer nicht gerade zu Leidenschaftsstürmen hinreiße. Auch bin ich kein Typ, dem sie, mit Schaum vor dem Mund, nachjagen und rote Rosen ins Haus schicken. Deshalb pflanze ich sie mir ja auch selber – die roten Rosen meine ich.« Sie lachte schroff. »Aber ein bisschen mehr Romantik wäre schon angebracht. Und eine Brise frischer Wind täte vielleicht auch dir ganz gut. Und die Kinder bringen frischen Wind, du wirst schon sehen.«

»Ich? Ich werde kaum etwas sehen. Ich wurde schließlich nicht Vater. Deine leichtfertige Entscheidung hast du schon selbst zu tragen.« Er trank einen Schluck Bier und starrte sie bitter an. Nun waren seine Augen tatsächlich so hell, wie sie schon nachmittags befürchtet hatte.

»Oh … also auch heute kein Heiratsantrag, mein lieber Hubert«, sagte sie in einem plötzlichen Anflug von Mut. »Trotz meines reizenden Häuschens mit den praktischen Umbaumöglichkeiten. Nun gut. Dann ist die nette Judith also ledige Mutter. Macht auch nichts. Ich wollte schon immer ein wenig anrüchig sein. Schließlich war ich noch nie in meinem Leben so richtig anrüchig, von meinem österreichischen Skilehrer mal abgesehen. Immer nur dusslig, brav und bieder. Und heiraten wollte ich sowieso nie. Schon gar nicht einen Mann, der mich vorzeitig zur alten Frau macht und obendrein kinderfeindlich ist.« Sie stand auf.

»Herzlichen Dank für das köstliche Abendessen. Und achte darauf, dass du nicht wieder alle Leute anpöbelst und unflätige Lieder singst nach diesem rauschenden Fest. Ein kleines Bier in nur eineinhalb Stunden …Ts, ts. Wirklich, Hubert, sehr exzessiv und höchst verwerflich. Du wirst doch nicht als Penner im Englischen Garten enden? Bei deinem Lebenswandel!«

Sie blickte ihn zornig an und verspürte einen kleinen, scharfen Stich in der Magengrube. Im Grunde hatte sie ja doch gehofft … Ach, was. Sollte Hubert doch zum Teufel gehen! Sollten alle Männer zum Teufel gehen! Sahen in ihr nur den praktischen Trenchcoat! Und bemerkten nicht das Sonntagsausgehkleid darunter. Typisch!

Als sie kurze Zeit später ihr kleines Auto parkte, sah sie, dass bei Lilli Licht brannte.

»Lilli?« Judith klopfte gegen eine Scheibe.

»Kannst du dir nicht angewöhnen zu klingeln?«, fragte Lilli missbilligend.

»Aber Lilli. Wenn du eh’ hinter der Gardine stehst und neugierig bist.«

»Ich stehe nicht und bin neugierig. Ich habe den Mond bewundert. Heute Nacht ist Vollmond.«

»Du hast plötzlich romantische Anwandlungen? Das glaubst du doch selbst nicht. Ich sah Nachbar Petersen gerade aus seiner Stammkneipe wanken. Könnte das vielleicht der Grund sein für deine Mondsüchtigkeit?«

»Ich mache mir gar nichts aus Herrn Petersen«, antwortete Lilli eisig. »Und wieso sollte ich nicht das Recht haben, romantisch zu sein.«

»Das Recht hast du ja.« Judith lachte. »Aber nicht die Gabe dazu. Du bist die realistischste Person, die ich kenne, und ich kenne eine Menge Leute. Der Mond ist dir ziemlich schnuppe. Es sei denn, du könntest damit irgendwelche Herzensbekenntnisse aus armen Junggesellen herauslocken. Dann muss er natürlich schnell mal herhalten, der gute Mond. Stimmt’s?«

»Komm endlich rein.«

Judith folgte ihrer Mutter, die genauso aufrecht ging wie Hubert.

»Lilli? Hast du auch Nachricht erhalten?«

»Als ich heute Abend nach Hause kam, fand ich den Brief.«

»Wir haben’s geschafft! Ist das nicht herrlich?«

»Du hast es geschafft«, meinte Lilli unbehaglich. »Du weißt, ich bin nicht oft mit Hubert einer Meinung. Aber dieses Mal, glaube ich, hat er recht.«

»Lilli! Du bist die Großmutter! Wie redest du denn?«

»Ich habe getan, was du wolltest. Ich habe die Vormundschaft beantragt, ich habe versucht, den Behörden zu beweisen, dass ich weder senil noch hinfällig und daher durchaus in der Lage bin, vernünftige Entscheidungen zu treffen, und betont, dass wir zusammen in einem Haus leben und es den Kindern an nichts fehlen wird, obwohl du unverheiratet bist. Und ich habe verschwiegen, dass ich eigentlich keinerlei großmütterliche Gefühle verspüre. Aber nun ist Schluss. Ich will mein Leben noch ein bisschen genießen. Und nicht drei Kinder erziehen.«

»Du erziehst sie nicht, sondern ich. Du wirst nur gefragt bei wichtigen Entscheidungen.«

»Aber ich lebe im Haus. Es wird jede Menge Unruhe geben. Und glaube ja nicht, ich spiele Babysitter, wenn du mal mit Hubert verreisen willst. Ich bin dem nicht gewachsen, ich habe eine zarte Gesundheit.«

»Du hast doch eine Gesundheit wie ein Pferd und wirst uns noch alle überleben. Und wegen der Reisen mit Hubert brauchst du dir keine Sorgen machen. Hubert hat zum Rückzug geblasen, so elegant und verlegen wie ein Tanzstundenjüngling, der bemerkt, dass seine Angebetete Schuhgröße 48 hat.«

»Du meinst, aus eurer Hochzeit wird nichts?«

»Von Heirat war sowieso nie die Rede. Aber jetzt, mit den Kindern … Nein, Hubert sucht eher etwas für Madeira und die Salzburger Festspiele. Keine Popmusik, Jeans und zerschundene Knie.« Judith lachte. »Egal, Mutter. Stell’ dir vor: Eine Menge junger Leute wird ins Haus kommen, Oliver wird im Kirschbaum sitzen, Stefanie mit ihren Freundinnen im Garten toben … Ach, ich freue mich schrecklich. Gleich morgen werde ich mit den Kindern telefonieren.«

»Ich nicht. Ich freue mich nicht, damit du es nur weißt.« Lilli zog eine Grimasse.