Haschisch - Oscar A. H. Schmitz - E-Book

Haschisch E-Book

Oscar A. H. Schmitz

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Beschreibung

Oscar Adolf Hermann Schmitz war ein erfolgreicher, aber auch umstrittener deutscher Schriftsteller und Gesellschaftskritiker des frühen 20. Jahrhunderts. Als Mitglied der »Münchner Bohème« brach er so manches Tabu des wilhelminischen Standesdünkel auf und entlarvte nur zu gerne die Bigotterie der damaligen Zeit. Neben seinen kritischen Schriften veröffentlichte er ebenso zahlreiche Reise- und Ratgeberbücher. Zu den populärsten Werken ist die Geschichtensammlung »Haschisch« zu zählen. In dessen gleichnamiger Titelgeschichte berichtet er - offensichtlich im Drogenrausch - aus verschiedenen Perspektiven von verrückten Liebensabenteuern, ketzerischen Priestern und anderen bizarren Situationen, die sich nur zu leicht der Realität entziehen. Was ist echt, was nicht? Was passiert wirklich? Dabei wanderte Schmitz auf den im Deutschen noch wenig beschrittenen Pfaden der phantastischen Literatur. In »Haschisch« spielt er mit damals unerhörten und ungehörten Themen wie Erotik, Sadismus, Religion, Tod und Drogen. Obwohl Thomas Mann ihn für einen »hervorragenden gescheiten Schriftsteller« hielt, ist er heute in Vergessenheit geraten. Bringen wir ihn wieder zurück in den Lichtkegel der Literaturwahrnehmung. Null Papier Verlag

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Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Oscar A. H. Schmitz

Haschisch

Erzählungen

Oscar A. H. Schmitz

Haschisch

Erzählungen

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2024Klosterstr. 34 · D-40211 Düsseldorf · [email protected] EV: G. Müller, München, 1913 2. Auflage, ISBN 978-3-954184-81-1

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Das Buch

Ha­schisch

Der Ha­schisch­klub

Die Ge­lieb­te des Teu­fels

Eine Nacht des Acht­zehn­ten Jahr­hun­derts

Kar­ne­val

Die Sün­de wi­der den Hei­li­gen Geist

Die Bot­schaft

Der Schmugg­ler­steig

Dan­ke

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Ihr Jür­gen Schul­ze

99 Welt-Klas­si­ker

Der Tee der drei al­ten Da­men

Arme Leu­te und Der Dop­pel­gän­ger

Der Vam­pir

Der selt­sa­me Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Der Idi­ot

Jane Eyre

Effi Briest

Ma­da­me Bo­va­ry

Ili­as & Odys­see

Ge­schich­te des Gil Blas von San­til­la­na

und wei­te­re …

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Das Buch

Os­car Adolf Her­mann Schmitz war ein er­folg­rei­cher, aber auch um­strit­te­ner deut­scher Schrift­stel­ler und Ge­sell­schafts­kri­ti­ker des frü­hen 20. Jahr­hun­derts. Als Mit­glied der »Münch­ner Bohè­me« brach er so man­ches Tabu des wil­hel­mi­ni­schen Stan­des­dün­kel auf und ent­larv­te nur zu ger­ne die Bi­got­te­rie der da­ma­li­gen Zeit. Ne­ben sei­nen kri­ti­schen Schrif­ten ver­öf­fent­lich­te er eben­so zahl­rei­che Rei­se- und Rat­ge­ber­bü­cher.

Zu den po­pu­lärs­ten Wer­ken ist die Ge­schich­ten­samm­lung »Ha­schisch« zu zäh­len. In des­sen gleich­na­mi­ger Ti­tel­ge­schich­te be­rich­tet er - of­fen­sicht­lich im Dro­gen­rausch - aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven von ver­rück­ten Lie­bens­aben­teu­ern, ket­ze­ri­schen Pries­tern und an­de­ren bi­zar­ren Si­tua­tio­nen, die sich nur zu leicht der Rea­li­tät ent­zie­hen. Was ist echt, was nicht? Was pas­siert wirk­lich? Da­bei wan­der­te Schmitz auf den im Deut­schen noch we­nig be­schrit­te­nen Pfa­den der phan­tas­ti­schen Li­te­ra­tur.

In »Ha­schisch« spielt er mit da­mals un­er­hör­ten und un­ge­hör­ten The­men wie Ero­tik, Sa­dis­mus, Re­li­gi­on, Tod und Dro­gen. Ob­wohl Tho­mas Mann ihn für einen »her­vor­ra­gen­den ge­schei­ten Schrift­stel­ler« hielt, ist er heu­te in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Brin­gen wir ihn wie­der zu­rück in den Licht­ke­gel der Li­te­ra­tur­wahr­neh­mung.

Die Da­men sa­hen trau­rig ein, daß sie zu spät ge­kom­men wa­ren, und nun tra­ten gar Die­ner mit Schau­feln in den Saal. Die nack­ten Mar­qui­sen drück­ten sich ver­schämt in die Ecken und hiel­ten die Hän­de über Brust und Schoß. Die Die­ner öff­ne­ten die Fens­ter und schau­fel­ten die Über­res­te die­ser Fei­er­lich­keit hin­aus. Un­ten im Hofe sah man im ers­ten Mor­gen­licht blei­ches Men­schen­ge­bein, das von frü­he­ren aus­ge­las­se­nen Stun­den des Gra­fen Gil­les de La­val zeug­te. Die Mar­qui­sen aber schli­chen be­trübt und ver­schämt durch ein Sei­ten­p­fört­chen hin­aus. Sie be­reu­ten, sich un­ge­schickt be­nom­men zu ha­ben. Die ar­men Da­men hat­ten sich um­sonst ent­blö­ßt.

Oh! là là que d’a­mours splen­di­des j’ai rêvées! (Ar­thu­re Rim­baud)

Oh! là là. Ich habe von der glän­zen­den Lie­be ge­träumt!

Haschisch

Ich wür­de und könn­te die­ses 1897 und 1900 ent­stan­de­ne und 1902 zum ers­ten Mal er­schie­ne­ne Buch -- also lan­ge be­vor der Sa­ta­nis­mus und das »gro­tes­ke« Gen­re in Deutsch­land Mode wa­ren -- heu­te nicht mehr schrei­ben. Vi­el­leicht weil mei­ne Phan­ta­sie in we­ni­ger über­mü­ti­ger Fül­le blüht, viel­leicht weil eine uni­ver­sel­le­re Welt­be­trach­tung das rein äs­the­ti­sche Flat­tern von Reiz zu Reiz et­was hemmt. Den­noch freue ich mich, die­ses Buch als ein Vier­und­zwan­zig­jäh­ri­ger ge­schrie­ben zu ha­ben. Man hat mir die Not­wen­dig­keit na­he­ge­legt, sein Neu­er­schei­nen in Ein­klang zu brin­gen mit mei­nen in der letz­ten Zeit ge­le­gent­lich ge­äu­ßer­ten und hef­tig an­ge­grif­fe­nen An­sich­ten über die Gren­zen zwi­schen Kunst, Sitt­lich­keit und Re­li­gi­on. Nun, ein Kunst­werk kann, wie ja heu­te bis zum Über­druß ge­pre­digt wird, al­ler­dings in sich we­der un­sitt­lich noch ir­re­li­gi­ös sein. Viel­mehr hat es als Kunst­werk mit Sitt­lich­keit und Re­li­gi­on über­haupt nichts zu tun. Wohl aber kann ein un­sitt­li­cher Ge­brauch da­von ge­macht wer­den, und be­schränk­te Ge­mü­ter mö­gen in ih­rem Glau­ben dar­an An­stoß neh­men. In die­sem Bu­che nun un­ter­fan­ge ich mich nicht, an den Grund­la­gen der Fa­mi­lie und Ehe zu rüt­teln, wenn ich mir auch als Künst­ler her­aus­neh­me, mei­ne Stof­fe un­ter den Merk­wür­dig­kei­ten zu su­chen, die au­ßer­halb der Fa­mi­lie lie­gen. Eben­so­we­nig drücke ich eine Miß­ach­tung vor der Re­li­gi­on aus -- was ganz und gar mei­ner ei­ge­nen re­li­gi­ösen Ge­sin­nung wi­der­spre­chen wür­de --, wenn ich zei­ge, wie eine got­tes­läs­ter­li­che Schar ver­ruch­ter jun­ger Leu­te in dem Au­gen­blick, wo sie glaubt, die Sün­de wi­der den Hei­li­gen Geist zu be­ge­hen, vor der All­macht Got­tes an­be­tend in die Knie sinkt. Ein Mon­si­gno­re in Rom hat mir ein­mal ver­si­chert, daß mei­ne Dar­stel­lung, wenn sie auch den Teu­fel recht ein­ge­hend kon­ter­feit, in nichts ge­gen die ka­tho­li­schen Dog­men ver­stößt. Ein Gläu­bi­ger wird so­gar von dem Ge­dan­ken er­baut sein, daß Gott die größ­te der Sün­den, die wi­der den Hei­li­gen Geist, kaum zu­läßt. Im­mer­hin ist das Buch nur für ge­bil­de­te Er­wach­se­ne ge­schrie­ben. Sein Äu­ße­res wird es aus der Kin­der­stu­be fern­hal­ten, sein Preis muß es für die halb­wüch­si­ge Ju­gend un­zu­gäng­lich ma­chen, und sein Stil dürf­te kaum das In­ter­es­se der Halb­ge­bil­de­ten er­we­cken. Da­mit ist den be­rech­tig­ten For­de­run­gen der so­zia­len Sitt­lich­keit ge­nug ge­tan.

Ich wen­de mich zu­nächst an er­fah­re­ne Män­ner. Wenn ih­nen das Büch­lein sol­cher Ehre wür­dig scheint, mö­gen sie es ih­ren Ge­lieb­ten, die es doch in die­ser christ­lich-mo­ra­li­schen Welt nun ein­mal gibt, und de­ren Los ist, au­ßer­halb der Schran­ken der ge­sell­schaft­li­chen Moral in wil­der An­mut zu blü­hen, auf den Toi­let­ten­tisch le­gen. Es jun­gen Schwes­tern und Töch­tern zu ge­ben, die sich ihr Schick­sal in­ner­halb die­ser Schran­ken auf­bau­en sol­len, wäre ta­delns­wert. Es sei­ner Frau zu schen­ken, ist meist über­flüs­sig, oft ge­fähr­lich, doch kommt es na­tür­lich im­mer auf die Frau an.

Und dir, schö­ne Mü­ßig­gän­ge­rin, die du zu­fäl­lig durch die­se Vor­re­de ge­ra­de zur Lek­tü­re ge­lockt wirst, sage ich dies: Wenn du nicht an­ders kannst, lies es heim­lich, so wie du dich ein­mal ge­le­gent­lich auf einen nicht ganz ein­wand­frei­en Ball, wo­hin du nicht ge­hörst, steh­len magst. So­lan­ge du sel­ber weißt, daß du nur eine Es­ka­pa­de be­gehst, de­ren man sich nicht rüh­men soll, um kein schlech­tes Bei­spiel zu ge­ben, magst du es in des Teu­fels Na­men le­sen. Stellst du dich aber auf den Stand­punkt heuch­le­ri­scher Lie­der­lich­keit, de­ren drit­tes Wort lau­tet: »es ist ja nichts da­bei«, oder aber, ge­hörst du zu je­nen schwatz­haf­ten Gän­sen, die im­mer wie­der be­to­nen, die Frau sei in ers­ter Li­nie Mensch und von der­sel­ben sitt­li­chen Na­tur wie der Mann, dann ha­ben wir uns bei­de nichts zu sa­gen.

Nach der Auf­füh­rung ei­nes Stückes von mir, wel­ches das Don-Juan-Pro­blem be­han­delt, kam eine mo­der­ne Mut­ter auf mich zu und er­zähl­te mir, wie ent­zückt ihr acht­zehn­jäh­ri­ges Töch­ter­chen aus der Vor­stel­lung ge­kom­men sei und wie er­regt man am Fa­mi­li­en­tisch die von mir be­rühr­ten Fra­gen er­ör­tert habe. Ich war sehr er­schro­cken, zu­mal sich mir nun das Kind sel­ber nä­her­te, und warn­te die gute Dame auf­rich­tig da­vor, mei­ne Wer­ke jun­gen Mäd­chen zu ge­ben. »Oh, wir sind vor­ur­teils­los«, er­wi­der­te sie. »Aber ich nicht«, sag­te ich in pein­li­cher Ver­le­gen­heit, »bit­te, hin­dern Sie Ihr Töch­ter­chen, mit mir über mein Stück zu spre­chen. Ich wüß­te kein The­ma, das ich nicht mit ei­ner Frau be­han­deln könn­te, aber zu se­xu­el­ler Auf­klä­rung füh­le ich mich nicht be­ru­fen.«

Wa­rum wer­den die­se ein­fa­chen Fra­gen heu­te so ver­wirrt? Es ge­hen auch in ei­ner ge­sund funk­tio­nie­ren­den Ge­sell­schaft eine Men­ge von Ge­setz­ge­bern und Moral­phi­lo­so­phen un­vor­her­ge­se­he­ne Din­ge vor. Gera­de sie wer­den ih­rer bun­ten Aben­teu­er­lich­keit we­gen den Künst­ler be­son­ders rei­zen. Sie zu ver­bie­ten ist heuch­le­risch, phi­lis­ter­haft und au­ßer­dem zweck­los. Da­rum sol­len sie noch lan­ge nicht öf­fent­lich aus­ge­schri­en wer­den. Auch von dem Künst­ler ist da­her zu ver­lan­gen, daß die Form, in der er sol­che Stof­fe be­han­delt, und von dem Ver­le­ger, daß die Art, wie er sie auf den Markt bringt, die Di­stan­zen zu der herr­schen­den Sitt­lich­keit wahrt. Man er­zählt sich nicht am Fa­mi­li­en­tisch, daß man ges­tern mit ei­ner in­ter­essan­ten Dame sou­piert hat. So wird man ver­hin­dern müs­sen, daß Bü­cher, die hei­kle The­men be­han­deln, in falsche Hän­de ge­ra­ten. Ganz ver­kehrt, weil kunst­mor­dend, ist das eng­li­sche Sys­tem, das dem Künst­ler ein­fach die Dar­stel­lung sol­cher Din­ge ver­bie­tet und dem jun­gen Mäd­chen al­les zu le­sen und zu se­hen er­laubt, statt dem Künst­ler die Frei­heit der Dar­stel­lung zu las­sen, aber jun­gen Mäd­chen bis­wei­len den Zu­gang zu ver­bie­ten. Die fran­zö­si­sche Ge­sell­schaft war dar­um so frei und geist­reich, weil jun­ge Mäd­chen streng aus­ge­schlos­sen wur­den. Die eng­li­sche ist des­halb so lang­wei­lig und mo­no­ton, weil die spins­ter­s bei al­lem da­bei sein müs­sen.

Der Au­tor, der sich auf ge­wag­te Pfa­de be­gibt, muß sich ei­nes be­son­ders ge­pfleg­ten Stils be­flei­ßi­gen, und da­mit hat er die Pf­lich­ten der Sitt­lich­keit und des Tak­tes er­füllt. Al­les wei­te­re ist Sor­ge der Ver­le­ger, Buch­händ­ler, El­tern und Vor­mün­der.

Also, Ihr la­chen­den Kur­ti­sa­nen, Euch lege ich die­ses Büch­lein mei­ner Ju­gend of­fen ans Herz, und Ihr, selbst­si­che­re und klu­ge Da­men, Euch ste­cke ich es viel­leicht heim­lich un­ter das Kopf­kis­sen!

Frank­furt A. M., Ja­nu­ar 1913 O. A. H. S.

Der Haschischklub

An ei­nem Abend des Win­ters 189✳ be­fand ich mich in ei­nem we­nig be­such­ten Pa­ri­ser Spei­se­haus. Wäh­rend ich, ohne mei­ner Um­ge­bung zu ach­ten, aus­schließ­lich mit der Mahl­zeit be­schäf­tigt war, hör­te ich ne­ben mir eine halb­lau­te Stim­me, die sich an den Kell­ner wen­de­te. Die trotz des fremd­län­di­schen Ak­zents ge­wand­te Aus­drucks­wei­se, wel­che Ver­traut­heit mit den Bou­le­vards ver­riet, fes­sel­te mei­ne Auf­merk­sam­keit, und ich er­kann­te in dem schlan­ken, dis­kret blon­den, schon et­was al­tern­den Dan­dy den Gra­fen Vit­to­rio Alta-Car­ra­ra. Ich be­ob­ach­te­te, wäh­rend er, ohne mich zu se­hen, sein Menü zu­sam­men­stell­te, daß sich die ver­ti­ka­le Ten­denz sei­ner Li­ni­en seit un­se­rem letz­ten Zu­sam­men­tref­fen noch ver­stärkt hat­te und eine un­über­treff­li­che Kunst des An­zugs die­ser Ver­an­la­gung durch­aus ge­recht wur­de. Die schma­len lan­gen Bei­ne ließ er in die schlanks­ten Stie­fel aus­lau­fen, wäh­rend die fast ent­fleisch­ten Fin­ger in spitz­bo­gi­gen Nä­geln en­dig­ten. Sei­ne dün­nen Lip­pen, die kei­ne Sinn­lich­keit mer­ken lie­ßen, hat­ten ne­ben dem en­nui eine ge­wis­se Bit­ter­keit an­ge­nom­men, die sei­ne küh­le Per­sön­lich­keit fast mensch­li­cher und et­was nah­ba­rer er­schei­nen ließ.

»Ah, Sie sind in Pa­ris«, sag­te der Graf und zeig­te sich nur aus Lie­bens­wür­dig­keit er­staunt, ob­gleich zwi­schen un­se­rem letz­ten Zu­sam­men­tref­fen und die­sem Abend in Pa­ris meh­re­re Jah­re und Län­der la­gen.

Wir hat­ten uns ein­mal in ei­nem rö­mi­schen Sa­lon ken­nen­ge­lernt, wo wir ei­nes Abends nach dem Brauch des Lan­des, je­der mit ei­ner Tee­tas­se in der Hand, zwi­schen sel­te­nen Sta­tu­en eine Stun­de lang ne­ben­ein­an­der stan­den. Spä­ter er­fuhr ich, daß er einen ka­la­bri­schen Va­ter hat­te, der ihn in ei­ner ge­heim­nis­vol­len Schwär­me­rei für die großen, blond­haa­ri­gen Frau­en des Nor­dens mit ei­ner ziem­lich un­ter­ge­ord­ne­ten Nor­we­ge­rin ge­zeugt hat­te, die im­mer­hin blond und schlank ge­nug war, um dem phan­tas­ti­schen Süd­län­der den Duft der Frei­aäp­fel we­nigs­tens von wei­tem wit­tern zu las­sen.

Ein an­de­res Mal sah ich den Gra­fen in ei­nem ab­ge­le­ge­nen nie­der­län­di­schen Mu­se­um, wo er nach den Frag­men­ten ei­nes un­be­kann­ten Kup­fer­ste­chers, Al­laert van As­sen, such­te. Die­ser Meis­ter -- so ver­si­cher­te er -- hat­te in Höl­lens­ze­nen sehr sinn­rei­che Fol­tern dar­ge­stellt, die be­wei­sen soll­ten, daß der Schmerz eine ge­stei­ger­te Lust sei, daß nur tö­rich­te Men­schen nicht nach den Genüs­sen ei­ner ewi­gen Ver­damm­nis lech­zen könn­ten. Die In­qui­si­ti­on hat die­sen Sa­ta­nis­ten, der sich nach Spa­ni­en ver­irr­te, mit Schneeum­schlä­gen auf Herz und Hirn, wohl­weis­lich und lang­sam ver­brannt und sei­ne Wer­ke ver­nich­tet oder ent­stellt. Zum letz­ten Male hat­te ich den Gra­fen im Hand­schrif­ten­ka­bi­net ei­ner klei­nen deut­schen Stadt ge­se­hen, wo er einen ara­bi­schen Ko­dex aus­zog, der, wie er schwur, die gan­ze ero­ti­sche Li­te­ra­tur der Eu­ro­pä­er über­flüs­sig mach­te.

Heu­te abend war Alta-Car­ra­ra we­nig mit­teil­sam. Sei­ne Auf­merk­sam­keit schi­en von den Spei­sen ge­fes­selt zu sein, die ihn, nach sei­ner be­son­de­ren An­wei­sung zu­be­rei­tet, durch­aus zu be­frie­di­gen schie­nen. Plötz­lich un­ter­brach er sich bei ei­ner Kas­ta­ni­en­sup­pe, als ob sie in ihm eine Erin­ne­rung wach­ru­fe: »Ha­ben Sie nicht ein­mal einen Vers ge­macht -- so et­was wie...

... und eine Lust, ge­pflückt in tau­send Len­zen, der sich die See­le wie aus frü­he­rem Sein ent­sinnt, ver­klärt mit gel­bem Mor­gen­schein die Tie­fen, die das Le­ben schwarz um­gren­zen...?

Se­hen Sie, die­se Lust aus tau­send Len­zen, die­ses Ha­schisch­pa­ra­dies dar­stel­len, das wäre große Kunst, aber wir alle re­den nur da­von, wir schaf­fen es nicht. Die neue Kunst müß­te den Ha­schisch, das Opi­um ent­thro­nen!«

Ich war über­rascht. Nie­mals hat­te ich die­sen blas­sen Men­schen so ein­dring­lich mit dem Ton un­ver­kenn­ba­rer Auf­rich­tig­keit re­den hö­ren. Und das ge­sch­ah we­gen ei­ner Stro­phe, die ihn un­be­frie­digt ließ. Ich war bis­her ge­neigt ge­we­sen, ihn nur für einen ge­bil­de­ten äs­the­ti­schen Dan­dy zu hal­ten. Nun aber kam es mir fast vor, von ihm einen Schrei nach der Unend­lich­keit zu hö­ren aus je­nem selt­sa­men Schmerz her­aus, der heu­te man­che Geis­ter ver­wirrt, die frü­her in ge­wis­sen fei­ne­ren Rich­tun­gen des Chris­ten­tums Ge­nug­tu­ung fan­den, viel­leicht heu­te noch fin­den wür­den, wenn nicht be­stimm­te Ka­pel­len -- wer weiß auf wie lan­ge -- ver­schlos­sen wä­ren.

Ich hat­te an die­sem Abend noch kei­ne Ge­le­gen­heit ge­habt, den Au­gen Alta-Car­ra­ras zu be­geg­nen, und be­ob­ach­te­te erst jetzt je­nes bei­na­he an­ge­streng­te Star­ren, das au­ßer­mensch­li­che Ho­ri­zon­te zu be­rüh­ren sich ab­müht, Aus­bli­cke in künst­li­che Pa­ra­die­se sucht, zu de­nen nur die sa­ta­ni­schen Dro­gen, die der Graf be­reits ge­nannt, den Über­gang ge­stat­ten.

Wir hat­ten un­ge­fähr gleich­zei­tig die Mahl­zeit be­en­det, wäh­rend der Alta-Car­ra­ra wie­der in die be­wuß­te Zu­rück­hal­tung ei­nes ein­sa­men Men­schen ge­tre­ten war, der glaubt, sehr höf­lich ge­we­sen zu sein, weil er ein paar Wor­te ge­spro­chen hat.

»Ich wer­de die­sen Abend mit Freun­den ver­brin­gen«, sag­te er plötz­lich. »Vi­el­leicht ha­ben Sie Lust und Zeit, an un­se­rer Ge­sell­schaft teil­zu­neh­men?«

Ich war wie­der über­rascht. Alta-Car­ra­ra kann­te mich kaum. Er konn­te von mir nicht viel mehr mit Si­cher­heit be­ur­tei­len als die Qua­li­tä­ten mei­nes Schnei­ders. Eine un­über­leg­te Höf­lich­keit war die­sem stets be­wuß­ten Men­schen nicht zu­zu­trau­en. Ich muß­te also eine Be­zie­hung an­neh­men zwi­schen je­ner Stro­phe, die er viel­leicht für ein Pan­ta­kel mei­ner Per­sön­lich­keit hielt, und dem Cha­rak­ter der Ge­sell­schaft, in die er mich ein­füh­ren woll­te.

Wir fuh­ren nach dem Vier­tel Ba­ti­gnol­les. Un­ter­wegs hoff­te ich, ei­ni­ge vor­be­rei­ten­de Be­mer­kun­gen über den Freun­des­kreis Alta-Car­ra­ras zu hö­ren. Er sprach in­des­sen mit ober­fläch­li­cher, fast gra­zi­öser Leich­tig­keit über die ver­schie­dens­ten Din­ge, ohne ge­ra­de Dumm­hei­ten zu sa­gen. Ich fühl­te, daß es ihm nur dar­um zu tun war, ein neu­es Still­schwei­gen zu ver­mei­den.

Nach­dem wir die sechs Trep­pen ei­nes mo­der­nen Miets­hau­ses er­stie­gen hat­ten, wies man uns in einen wei­ten, ate­lier­ar­ti­gen Raum. In dem däm­me­ri­gen Licht rot­ver­schlei­er­ter Ker­zen ge­wahr­te ich meh­re­re Män­ner, die in be­que­men, ori­en­ta­li­schen Klei­dern auf nie­de­ren Pols­tern la­gen. Zwi­schen den Ru­he­bet­ten stan­den Ta­bu­retts mit Nar­gi­lehs und damp­fen­de Duft­scha­len. Ein sanf­ter Ge­ruch bren­nen­der Har­ze ver­meng­te sich mit dem Rauch leich­ter eng­li­scher Zi­ga­ret­ten. An den dun­kel­ro­ten Wän­den hin­gen tief­schwar­ze Ra­die­run­gen und Sti­che, de­ren kaum er­kenn­ba­re Dar­stel­lun­gen wie die Ge­sich­te ei­nes Alp­drucks auf uns nie­der­starr­ten. In den Ecken un­ter­schied ich zwi­schen fremd­ar­ti­gen Ge­wäch­sen alt­mo­di­sche mu­si­ka­li­sche In­stru­men­te wie selt­sa­me Rep­ti­li­en. Man be­weg­te sich kaum bei un­se­rem Ein­tre­ten. Leich­te Grü­ße wur­den ge­tauscht. Alta-Car­ra­ra mach­te schwei­gend eine Hand­be­we­gung, als stel­le er mich vor. Dann lie­ßen wir uns auf Kis­sen nie­der. Von ei­nem zwi­schen uns ste­hen­den Tisch­chen nahm der Graf ei­ni­ge Ha­schisch­pil­len und bot mir lä­chelnd die Scha­le.

»Die Um­her­lie­gen­den«, er­klär­te er halb­laut, »be­fin­den sich in ei­nem Zu­stand der An­ge­regt­heit, den man nicht Rausch nen­nen kann. Sie ha­ben nur sehr ge­rin­ge Do­sen Ha­schisch ge­schluckt. Sie wer­den sie in lo­gi­schen Wort­fol­gen re­den hö­ren, nur viel­fa­che­re, selt­sa­me­re Zu­sam­men­hän­ge fin­den se­hen, als sie sich sonst er­ken­nen las­sen. Wenn wir Glück ha­ben, kön­nen wir uns wie in ei­ner Ver­samm­lung plötz­lich er­leuch­te­ter Künst­ler be­fin­den, de­nen fa­bel­haf­te Wor­te von den Lip­pen flie­ßen, von de­ren Glanz sie mor­gen kaum selbst noch et­was ah­nen. An­de­re ver­zich­ten auf den Ge­nuß des Ha­schischs und be­wun­dern die Wir­kung, die er in den üb­ri­gen her­vor­bringt. Wer dazu im­stan­de ist, wird durch Mu­sik oder selt­sa­me Er­zäh­lun­gen den Vor­stel­lun­gen der üb­ri­gen be­son­de­re Rich­tun­gen zu ge­ben su­chen. Wer­fen Sie ein­mal einen Blick durch die­se of­fe­ne Tür in die Ne­ben­räu­me: Dort be­fin­den sich die, wel­che völ­lig in die Ab­grün­de der Un­be­wußt­heit ver­sin­ken wol­len.«

Ich sah in der Däm­me­rung schla­fen­de Men­schen vor ve­ne­zia­ni­schen Spie­geln aus­ge­streckt.

»Durch die bun­ten Glas­blu­men der Spie­gel glau­ben sie in fa­bel­haf­te Was­ser­tei­che un­ter­zut­au­chen«, sag­te der Graf. »Die bei­den auf Ze­hen her­um­ge­hen­den Män­ner sind ge­schick­te Die­ner, die sie ge­gen Käl­te und Durst schüt­zen, da sie in ih­rer Wil­lens­läh­mung vor­zie­hen wür­den, die Lip­pen ver­bren­nen zu las­sen, als das vor ih­nen ste­hen­de Ge­tränk selbst an den Mund zu füh­ren.«